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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Krebs-Tagebuch eines Angehörigen (4)

Gestern wurde meine Frau im Krankenhaus Buchholz am Nachmittag operiert. Kurz nach 16 Uhr 30 kam sie auf die Station zurück – sie hat also die Operation überstanden und es geht ihr ‚den Umständen entsprechend’ gut. Eigentlich mag ich diese Phrase überhaupt nicht, weil sie so nichtssagend ist. Aber zusammen mit dem primären Adjektiv und der Tatsache, dass sie wieder auf der ‚normalen’ Station ist, so lässt sich auch aus dieser Floskel Positives ziehen.

Gestern haben wir meine Frau noch in Ruhe gelassen. Heute Abend werde ich sie zusammen mit unseren Söhnen und ihrer Mutter besuchen. Dann wissen auch wir Angehörige, wie es ihr wirklich geht. Und in etwa drei Tagen werden wir dann auch wissen, wie die weiteren Befunde sind, nachdem der Wächterlymphknoten näher untersucht sein wird. Dieser Befund gibt Aufschluss darüber, ob sich das Krebsgeschwür im Körper gestreut hat. Alle Anzeichen sprechen aber dagegen. Dann werden wir auch wissen, welcher weiteren Therapie sich meine Frau unterziehen muss (Chemotherapie oder Strahlentherapie)

In den ersten Tagen, nachdem wir die fatale Nachricht von der Erkrankung meiner Frau erfahren hatten, fiel es mir als ihr Mann schwer, andere Menschen in unserem Umfeld von ihrer Krankheit zu informieren. Mir standen Tränen in den Augen. Sicherlich saß der Schock nicht nur bei meiner Frau, sondern auch bei mir zunächst tief. Aber ich denke, dass es etwas anderes ist, ob man selbst betroffen ist oder ‚nur’ als naher Angehöriger oder Lebenspartner. Dem Leid gesellt sich gern Selbstmitleid zu. Im ersten Schock denkt man auch an das Schlimmste, was kommen könnte, den Tod! Und damit stellt sich die Frage nach dem Danach und dem, was man (ich) ohne seinen Lebenspartner macht.

Heute, mit dem Abstand von zehn Tagen, erkennt man den eigenen Egoismus, der sich hinter diesem Selbstmitleid verbirgt. Es kann nicht darum gehen, was aus mir wird, es kann nur darum gehen, wie es meiner Frau geht. Es kann nur um sie gehen, nicht einmal um die Krankheit, die zunächst alles verdunkelt.

Krebs lässt sich bekämpfen. Aber nicht allein mit Messer, Medikamenten oder ionisierenden Strahlen. Der Kampf muss auch von innen geführt werden – mit der eigenen positiven Einstellung. Jede Hilfe von außen, jeder Zuspruch verstärkt diese innere Energie. Diese Erkenntnis hilft auch den Angehörigen, dem Ehepartner oder den Kindern.

Der Weg ist noch lang. Aber die ersten Schritte sind getan. Gemeinsam werden wir als Familie den schweren Weg meistern.

Ben Harper feat. David Lindley: Better Way (2006)

Trübsal blasen hat wenig Sinn. Meine Frau wird heute operiert. Wir alle denken an sie. Was gibt es Tröstlicheres als Musik:

David Lindley, dem ich in den letzten Tagen bereits mehrere Beiträge (David Lindley, der Prince of Polyester) bewidmet habe, wirkte viel als Studiomusiker bei den unterschiedlichsten Produktionen mit; seine Diskographie dürfte länger sein als die eines Ry Cooder, der als Studiomusiker auf vielen CDs namhafter Künstler zu finden ist.

Im Jahr 2006 erwarb ich das Doppelalbum „Both Sides of the Gun“ von Ben Harper, der u.a. wie Lindley und Cooder die Slide-Gitarre spielt (und Lindley auch zu seinen großen Vorbildern zählt). Die Stücke heben zwar nicht die Musikwelt aus den Angeln, aber interessant anzuhören sind sie allemal.

Aber gehe ich zunächst einen Schritt zurück in die Vergangenheit. Da gab es 1999 das Album „Burn To Shine” von Ben Harper – und in der Gästeliste hatte sich kein Geringerer als David Lindley (the guest roster is rounded by David Lindley) eingetragen, und zwar für das Stück: In The Lord’s Arms.

Auf der 2006 erschienenen Doppel-CD „Both Sides of the Gun“ finden wir David Lindley wieder auf der Gästeliste. Hier ist es das Lied: „Better Way“.

Hierzu gibt es auf der Website von Ben Harper auch ein interessantes Video: Ben Harper: „Better Way“ (2006) – Video directed by Ben Harper & Laura Dern (die auch kurz zu sehen ist; sie ist seit Dezember 2005 mit Harper verheiratet); Lindley ist allerdings nicht zu sehen, spielt dafür ein Zupfinstrument namens Tambura, alle anderen Instrumente spielt Ben Harper höchst persönlich: Weissenborn (bei uns als Hawaii-Gitarre bekannt), Vocals, Bass, Drums, Percussion & Keyboards.

Auf der Gästeliste diese Doppelalbums ist auch ein David Palmer (Keyboards) vertreten; es dürfte sich dabei allerdings um den amerikanischen Dave Palmer und nicht um Dee Palmer (vormals David Palmer und uns allen von der Gruppe Jethro Tull her bekannt) handeln.

Hier in einem YouTube-Video noch einmal das Lied, wie es auf dem Album erschienen ist:


Ben Harper feat. David Lindley: Better Way (2006)

Krebs-Tagebuch eines Angehörigen (3)

Gestern war meine Frau zu weiteren Untersuchungen im Krankenhaus Buchholz, u.a. in der ‚Röhre’, wie man wohl sagt (Kernspintomographie bzw. MRT, also Magnetresonanztomographie). Die Ergebnisse sind positiv – im Sinne von gut. Der Tumor ist nicht größer geworden – und Metastasen, also Tochtergeschwulste (z.B. in den Lymphknoten) wurden nicht entdeckt. Bedenken bereitet nur die Tatsache, dass meine Frau Schmerzen in der Brust hat. Das lässt vermuten, dass Muskelgewebe oder Nerven vom Krebstumor befallen sind.

Am Montag wird meine Frau erneut ins Krankenhaus eingewiesen: Da sie wie ein Notfall behandelt wird, wurde ein OP-Termin noch nicht festgelegt. Es kann also sein, dass sie den ganzen Tag warten muss, bis sie ‚unters Messer’ kommt. Eine Operation ist aber vorgesehen. Dabei soll auch der Wächterknoten mit entfernt werden, der dann genau untersucht wird. Ist dieser nicht vom Krebs befallen, so stehen die Chancen noch um ein Weiteres besser, dass meine Frau schnell geheilt sein wird. Eine Chemotherapie ist daher erst einmal nicht vorgesehen. Dafür findet eine Strahlentherapie statt.

Ich denke, meine Frau sieht der folgenden Woche ruhig entgegen. Sie nützt das Wochenende, um Energie für die Strapazen zu sammeln, die auf sie zukommen werden. Sehr dankbar ist sie natürlich für die Anteilnahme, die sie in diesen Tagen erfahren durfte. Viele Menschen haben ihr Mut zugesprochen, sie aufgemuntert – jede freundliche Geste trägt dazu bei, mit Zuversicht den Weg zu bestreiten, der jetzt auf sie wartet.

Eine Kerze für Opa Hermann

Ein Unglück kommt selten allein, eine Hiobsbotschaft folgt der anderen: Gestern starb im gesegneten Alter von 92 Jahren mein Vater an den Folgen eines Herzinfarkts. Die letzten Jahre waren dabei weniger ein Segen, weder für den Verstorbenen, noch für uns Angehörige.

Opa Hermann

Der Tod kommt meist unverhofft. Obwohl im hohen Alter stehend gab es keine Anzeichen für den dann doch plötzlichen Tod.

Vor unserem Haus haben wir gestern Abend noch eine Kerze entzündet, die auch des Nachts leuchtet: Mein Vater hat nun endlich die Ruhe gefunden:

Hermann Albin – 24.05.1917 – 14.04.2010

Krebs-Tagebuch eines Angehörigen (2)

Gestern war meine Frau im Krankenhaus in Buchholz. Erst sollen noch weitere Untersuchungen gemacht werden, um zu entscheiden, wie weiter verfahren werden kann. Die Krebsart, die meine Frau hat, ist ziemlich aggressiv, spricht aber laut Onkologen wohl gut auf eine Chemotherapie an. Sollten keine Metastasen, also Absiedlungen des Krebstumors an anderer Stelle, entdeckt werden, dann könnte auf einen operativen Eingriff verzichtet werden.

Um das aber entscheiden zu können, muss meine Frau nun am Freitag zur Kernspintomographie, genauer Magnetresonanztomographie (MRT). Je nachdem wie der Befund dann ist, wird am Montag operiert – oder es finden weitergehende Untersuchungen statt.

Das ist natürlich alles nervenzerrend, auch für meine Söhne und mich. Aber nichts ist schlimmer als Ungewissheit. Am Freitag werden wir mehr wissen.

Jetzt ist bereits absehbar, dass der Heilungsprozess viel Zeit in Anspruch nehmen wird. Eine Chemotherapie ist wohl unumgänglich. So habe ich unsere geplante Urlaubsreise an Rhein und Mosel abgesagt. An dieser Stelle möchte ich Frau Zahn danken, bei der wir für acht Nächte eine Ferienwohnung am Münzturm in Bacharach gebucht hatten, und die anstandslos unsere Absage akzeptiert hat. Den kurzen Abstecher nach Düsseldorf werde ich mit meinen beiden Söhnen allerdings machen. Das haben sie sich nach den noch kommenden Abschlussprüfungen an ihren Schulen verdient.

Morgen werde ich meinen jüngeren Sohn nach Hamburg zu einem Vorstellungsgespräch begleiten (zur ‚moralischen Unterstützung’). Er wird nach den großen Ferien die Fachoberschule Wirtschaft und Verwaltung in Stade besuchen und benötigt für das erste Schuljahr dort noch einen schulbegleitenden Praktikumsplatz. Auch hier heißt es nun ‚Daumendrücken’!

Krebs-Tagebuch eines Angehörigen (1)

Keine Angst: Ich will hier in diesem Tagebuch einer Krebserkrankung nicht bis ins letzte Detail gehen und damit andere Leidtragende quälen. Wer selbst betroffen ist, ob als Erkrankter oder als Angehöriger oder Freund, braucht Mut und Zuspruch. Aber gerade dann, wenn man die verhängnisvolle Diagnose erfährt, stellen sich Fragen, die an allen Beteiligten nagen.

Ein Schock bleibt es erst einmal. Auch die Frage, warum meine Frau (und warum nicht ich?). Zunächst war ich wie vor den Kopf geschlagen, sprachlos. Ich weiß nicht genau, wie es meiner Frau ging, als sie es erfahren musste. Wir versuchen es mit Fassung zu tragen. Aber es bleibt eine Ungewissheit, wie sie nun einmal bei einer so heimtückischen Krankheit wie Krebs bleiben muss: wird alles am Ende wirklich gut? Wir können alle nur hoffen, dass es gut wird. Und die Ungewissheit nagt an einem, weil einem irgendwie das Heft aus den Hand zu gleiten droht, man nicht mehr Herr seines Schicksals ist.

Warum gebe ich einer Krankheit eine menschliche Eigenschaft: heimtückisch? Immerhin spricht man bei einem Krebsgeschwulst von einem malignen, also bösartigen Tumor. Heimtückisch deshalb, weil die Krankheit so ‚unberechenbar’ ist, bei der Körperzellen unkontrolliert wachsen, sich teilen und gesundes Gewebe verdrängen und zerstören können. Und glaubt man, die Krankheit besiegt zu haben, so können sich doch so genannte Metastasen, also Tochtertumore, an anderer Stelle gebildet haben. Und heimtückisch, weil vieles rund um die Krebserkrankung noch im Dunklen liegt und nicht bis ins Kleinste erforscht ist. Viele Annahmen beruhen auf Theorie.

Heute Nachmittag fährt meine Frau nach Buchholz ins Krankenhaus zum Gespräch und zur weiteren Untersuchung durch den Onkologen. Heute wird auch der Termin ausgemacht, wann der Brustkrebs meiner Frau operiert wird. Und alle weiteren Details zur anschließenden Chemotherapie. Der Kampf gegen den Krebs hat begonnen.

Diagnose: Brustkrebs

Jede Zeit hat ihre Pest. Wie im Mittelalter, als die Pest die Menschen ganzer Landstriche dahinraffte (interessant ist hier der Roman Narziß und Goldmund von Hermann Hesse; unbedingt empfehlen möchte ich auch Die Pest von Albert Camus), so gibt es auch heute Krankheiten, die vielleicht nicht unbedingt epidemisch oder gar pandemisch auftreten, an die aber viele Menschen erkranken und auch sterben. Neben Aids ist das Krebs.

Sicherlich kann Krebs bekämpft werden. Von einer sicheren Heilung kann im Vorhinein aber nicht gesprochen werden. Das ist es, was uns alle vor dieser Krankheit zurückschrecken lässt. Wir empfinden Krebs als Pest unserer Zeit.

Beängstigend ist es nun, wenn man überlegt, wer im eigenen näheren Umfeld vom Krebs befallen wurde und sogar starb. Da war die Frau von unserem Nachbarn Otto, die vor einiger Zeit an Krebs starb. Otto war Pastor in Marschacht, einer Gemeinde, die nicht unweit von dem Atomkraftwerk Kümmel gelegen ist. Ursache und Wirkung?

Vor einem Jahr starb die Mutter eines Freundes meines jüngeren Sohnes – an Krebs. Sie war auch Freundin meiner Frau. Bis zuletzt kämpfte sie gegen diese Krankheit an – vergeblich. Eine weitere Freundin meiner Frau, gerade 40 Jahre alt, erkrankte ebenfalls vor einem Jahr an Krebs, an Brustkrebs. Dieser wurde rechtzeitig erkannt und operativ entfernt. Und nach einer folgenden Chemotherapie stehen die Chancen gut, dass sich keine Metastasen gebildet haben.

Ebenfalls an Brustkrebs war die Mutter einer Freundin meines älteren Sohnes erkrankt. Nach der Entfernung bildeten sich dann aber Absiedlungen des Tumors in anderen Organen. Sie starb daran.

Krebs ist die Pest!

Meine Frau hatte Schmerzen im Brustbereich. Ein Orthopäde meinte, es wären Muskelbeschwerden, die sich aber nur mühevoll beheben ließen. Damit nicht zufrieden, ließ sie sich im Krankenhaus genauer untersuchen. Und jetzt die Diagnose: Brustkrebs.

Meine Frau ist nicht der Typ, der für eine solche Krankheit anfällig sein könnte, weder genetisch (uns ist kein Fall von Krebs in ihrer Familie bekannt), noch körperlich. Auch nicht seelisch, wenn das eine Rolle spielen sollte. Sie ist schlank, treibt Sport, ist viel an der frischen Luft, raucht nicht und trinkt nicht und sie ernährt sich durchaus bewusst. Unsere Söhne hat sie lange gestillt, was das Risiko verringern soll.

Und trotzdem jetzt dieser Schock. Jede andere Krankheit: ja – aber nicht Krebs. Auch die Ärzte waren irritiert und fragten nach, ob meine Frau in letzter Zeit enormen Stress hatte, z.B. einen Todesfall in der Familie. Vor weniger als einem Jahr starb ihr Vater, mit dem sie emotional sehr verbunden war. Sollte das die Ursache sein? Rechte Seite wäre Vaterseite (links Mutterseite). Der Krebs ist rechts.

Der Schock sitzt tief. Plötzlich denkt man selbst ans Schlimmste. Alternative Heilmethoden? Oder doch Operation und Chemotherapie? Es kann nur darum gehen, dass meine Frau schnell wieder gesund wird. Mut fassen! Nur nicht klein beigeben. Aber zunächst fällt man in ein tiefes Loch. Auch die Kinder sind betroffen, haben sie doch über Freunde schlimme Erfahrungen gemacht. Und jetzt stehen auch noch für beide Jungen die Abschlussprüfungen in der Schule an.

Unweigerlich rücken wir näher aneinander. Heute noch wird meine Frau ein Gespräch mit dem Onkologen führen und die weiteren Schritte besprechen. Möglichst bald wird die Operation sein. Alles wird gut werden. Der Haushalt wird zur Männerwirtschaft. Aber das wuppen ich und meine Söhne schon. Wie Geschirrspüler und Waschmaschine funktionieren, wissen wir nun auch endlich.

Aber das Wichtigste ist erst einmal meine Frau. Gemeinsam werden wir das durchstehen. Meine Frau ist robust und willensstark. Das ist wichtig. Gemeinsam werden wir diese schwere Zeit überstehen. Gemeinsam werden wir stark sein. Auch gegen diese heimtückische Krankheit.

David Lindley, der Prince of Polyester (3)

Nachdem David Lindley, der US-amerikanische Multiinstrumentalisten und Sänger, von 1966 bis 1970 in der Band Kaleidoscope gespielt hatte, treffen wir ihn von 1971 bis 1980 als Gitarrist der Band von Jackson Browne wieder. Lindleys Spiel auf der Steel-Gitarre war ein prägendes Stilelement dieser Band. Danach gründete er seine eigene Band El Rayo-X.

David Lindley

Jackson Browne ist auch bei uns in Deutschland bekannt geworden. Anfang der 1970er Jahre war er einer der bedeutendsten amerikanischen Liedermacher neben Joni Mitchell und James Taylor. Seine bislang größten Erfolge hatte er in den 1970er und den frühen 1980er Jahren, als jedes seiner Alben die amerikanischen Top Ten erreichte. In den 1990er-Jahren erschienen nur zwei neue Studioalben. Browne engagiert sich seit Ende der 70er Jahre für Umweltthemen. So ist er Mitbegründer der Vereinigung „Musicians United For Safe Energy“ und trat in sogenannten No Nukes-Konzerten auf, die unter anderem gegen die atomare Energiegewinnung eintraten.

Selbst wer die 70er und 80er Jahre musikalisch ‚verpasst’ hat, wird mindestens zwei Stücke von Jackson Browne – und damit auch David Lindley – kennen:

1. „Stay (Just a Little Bit Longer)“, der im Original kürzeste US-Nummer 1-Hit aller Zeiten, ist ein Lied, das Jackson Browne am Ende eines Konzertes für sein Publikum spielte und textlich abwandelte. Dieser Song erschien auf seiner LP „Running on Empty“ und ist heute in Deutschland bekannter als das Original der „Zodiacs“ von 1960, nicht zuletzt wegen der begleitenden Falsett-Stimme von David Lindley und einer seit Jahren bestehenden Produktwerbung der Bitburger Brauerei, die diesen Song verwendet:


Jackson Browne feat. David Lindley – Stay – Live

Seinen nachhaltigsten Single-Hit hatte Jackson Browne mit dem Song „Running on Empty“, der später auch im Soundtrack des Kinofilms „Forrest Gump“ gespielt wurde, als Tom Hanks alias Forrest Gump seinen Monate andauernden Lauf quer durch die USA unternahm.

Wie das Lied “Stay” so wurde auch “Running on Empty” 1978 im BBC Television Centre, Shepherds Bush Theatre in London live aufgenommen: Jackson Browne featuring David Lindley – Live Emptiness. Hier die Besetzung der Band: Jackson Browne: guitar, piano, lead vocals – David Lindley: fiddle, guitars, backing vocals – Craig Doerge: keyboards – Bob Glaub: bass – Jim Gordon: drums und Rosemary Butler & Doug Haywood: backing vocals.


Jackson Browne feat. David Lindley – Running On Empty – Live BBC 1978

In Wolfgangs Schatzkammer finden wir Audioaufnahmen eines Konzertes mit Jackson Browne zusammen mit David Lindley aus dem Battery Park (New York, NY) vom 23.09.1979 anlässlich einer No Nukes-Veranstaltung.

siehe auch: David Lindley, der Prince of Polyester (1)David Lindley, der Prince of Polyester (2)

Der Witzableiter (17): Das Mitleid beim Eigentor

Fortsetzung von: (16): Oh Schreck, lach’ nach

In der Kolumne „Der Witzableiter“ von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, geht es heute um die berühmten ‚Eigentore’, die meist Schadenfreude auslösen, aber durchaus auch eine Mischung aus Schadenfreude und Mitleid hervorrufen können.

Der Patient gesteht dem berühmten Professor, er sei vorher bei einem Heilpraktiker gewesen. Der Professor höhnisch: „Da bin ich aber mal gespannt, welchen Unsinn der ihnen empfohlen hat.“ Der Patient: „Er hat mich zu Ihnen geschickt.“ So was zählt man wohl zu den Eigentoren. Um die soll es diesmal gehen.

Und noch ein anderes Thema steht auf dem Programm: die Gefühle, die ein Witz in uns weckt. Schließlich bestimmen sie die Wirkung. Wenn das so ist, was haben Sie denn eben gefüllt, als der Professor reinfiel? Schadenfreude? Ja, geben wir es nur zu. Dieses Gefühl ist recht verpönt, aber heimlich genießt man es doch. Bleibt nur die Frage, wie der Witz das macht, daß ein verpöntes Gefühl genießbar wird.

Der Oberkellner beobachtet sei Tagen, wie ein Hotelgast das Besteck am Tischtuch putzt. „Ich möchte Sie höflich bitten, das zu unterlassen“, sagt er, „erstens ist das Besteck sowieso sauber und zweitens machen Sie damit nur das Tischtuch schmutzig.“ In jedem Witz wird ein verbotenes Gefühl annehmbar, wird ein verdrängter Wunsch plötzlich zur Lust. Wie macht der Witz das? Ich glaube, wenn wir diese Frage zu beantworten wüßten, hätten wir das Rätsel der komischen Wirkung aller Witze gelöst. Versuchen wir es. Mein Vorschlag wäre: Der Trick liegt darin, daß das verpönte Gefühl mit einem ehrenvollen kombiniert wird. Hier wäre das die Kombination von Schadenfreude und Mitleid. Ein paradoxes Miteinander.

Ein Gast winkt den Wirt herbei und zeigt auf seinen Teller: „Ich habe aber schon bessere Steaks gegessen.“ Darauf der Wirt: „Aber nicht bei mir!“ Wirklich, reine Schadenfreude empfinden wir gar nicht, schließlich hat der Wirt uns ja auch nichts getan. Darum haben wir für ihn auch Mitleid. Und genau diese Verbindung erzeugt in uns die komische „Ambivalenz der Gefühle“, die man dem Witz nachsagt. Diese Ambivalenz wäre also, meine ich, genauer gesagt, eine paradoxe Paarung gegensätzlicher Gefühle.

Richter zum Kläger: „Würden Sie einräumen, daß der Beklagte Sie nur im Augenblick höchster Erregung ein ‚blödes Hornvieh’ genannt hat?“ „Nein, Herr Richter, er hat mich vorher genau angesehen.“ Natürlich können Witze ganz verschiedene Gefühle hervorrufen. Ich behaupte nur, daß diese Gefühle immer in paradoxen Gegensatz-Paaren auftreten. Ein weiteres solches Paar, das wir bei der Wirkung der Eigentor ausmachen können, ist Achtung/Verachtung. Die Personen, die wir reinfallen sehen, treten zunächst respektheischend auf, sonst könnten wir auch gar nicht über ihren Reinfall lachen. Während die Stimmung umkippt, bekommt unsere Achtung den Beigeschmack von Verachtung. Das kann auch unfreiwillig geschehen. Eine Frau ließ auf den Grabstein ihres Mannes die Worte setzen: „Ruhe in Frieden – bis wir uns wiedersehen.“ Hier kippt die Andacht in Aggression um.

Ein Kunde im Ehe-Institut: „Reich braucht sie nicht zu sein, das bin ich selbser. Tüchtig braucht sie nicht zu sein, das bin ich selber. Gescheit braucht sie nicht zu sein, das bin ich selber. Aber anständig muß sie sein!“

Die Witze aus der Kategorie „Eigentore“, die heute unsere Beispiele bilden, sind ziemlich offen aggressiv. Aggression ist ein Element vieler Witze. Man kann den Witz sogar definieren als „erlaubte Aggression“. Wahrscheinlich schlummert ein unterdrückter Wunsch nach Aggression in jedem Menschen. Diesen Wunsch lebt man im Alltag nicht aus, weil das für einen selbst gefährlich wäre. Um sich zu bremsen, sagt man sich: Ich muß mitfühlend und gerecht sein! Der Witz, so scheint es, weiß dennoch einen Ausweg. Er ist so eingerichtet, daß er unsere Forderung an uns selbst, mitfühlend und gerecht zu sein, erhält, und gerade dadurch den Wunsch nach Aggression erfüllen kann. Damit leistet der Witz ein fast paradoxes Kunststück.

Witzableiter (17)

Ein alter Junggeselle, steinreich und schwerhörig, kommt spät nach Hause. Sein Diener, der lange auf ihn hat warten müssen, hilft ihm aus dem Mantel und murmelt: „Na, du stocktauber alter Schwerenöter, wieder bei den Weibern gewesen und das Geld verspielt?“ „Nein, Johann, in der Stadt gewesen, Hörapparat gekauft.“

Jetzt sind unsere Beispiele noch etwas komplizierter geworden, denn es gibt nun zwei Hauptpersonen. Da wechseln unsere Gefühle so schnell zwischen beiden, daß wir kaum mitkommen. Noch vielfältiger treten die Gegensatz-Paare hier auf: „Herr Stabsarzt“, sagt der Eingezogene bei der Musterung, „ich bin fast blind.“ „Lesen Sie laut vor, was auf der Tafel steht“, befiehlt der Stabsarzt. „Auf was für einer Tafel“, fragt der Eingezogene, „ich sehe keine.“ „Sehr gut“, donnert der Arzt, „ist auch keine da. Tauglich!“

Halten wir fest: Die Gefühle, die ein Witz hervorruft, treten als Gegensatz-Paare auf. Das eine Gefühl erfüllt einen latenten Wunsch, das andere legitimiert ihn. Wir aber genießen die Wunscherfüllung und sind von der Ambivalenz hin und hergerissen.

Eine junge Frau geht regelmäßig zum Arzt, der aber nichts finden kann. Dann kommt sie vier Wochen nicht mehr. Als sie wieder da ist, fragt der Arzt: „Warum waren Sie so lange nicht da?“ „Ich konnte nicht“, erklärte die Frau, „ich war krank.“

In unser Vergnügen an dieser armen Frau mischt sich jetzt sogar Hochmut. Auch ein gefühl, das wir uns meist nicht erlauben. Aber genug des Kommentars. Die Lektion ist schon kopflastig genug.

„Ein Patient fragt den Chirurgen: „Wird die Operation sehr teuer, Herr Doktor?“ „So beruhigen Sie sich doch! Überlassen Sie dies Sorge doch getrost Ihren Erben.“

Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)
aus: ZEITmagazin – Nr. 44/1984

[Fortsetzung folgt]

David Lindley, der Prince of Polyester (2)

David Lindley, der US-amerikanische Multiinstrumentalisten und Sänger, ist besonders durch seine Arbeit als Studiomusiker (so nahm er u.a. mit Ry Cooder die Alben „Bop till you drop“ und „The Long Riders“, mit Bob Dylan das Album „Under the Red Sky“, mit Iggy Pop das Album „Brick By Brick“ und zwischen 1975 und 1995 vier Alben mit Rod Stewart auf) bekannt geworden, spielte aber auch in verschiedenen Bands als festes Mitglied.

David Lindley

1966 gründete er zusammen mit Chris Darrow die Gruppe Kaleidoscope und machte die Popmusikwelt mit damals noch ungewöhnlichen Saiteninstrumenten wie Oud und Saz bekannt. Kaleidoscope entstand in Kalifornien aus David Lindleys Band „The Rodents“. Er nannte die neue Formation zunächst „The Baghdad Blues Band“. Dank der Umbenennung in Kaleidoscope und eines umtriebigen Produzenten bekam die Band 1966 einen Plattenvertrag bei Epic Records. Sie bestand zu der Zeit aus Lindley (Banjo, Gitarre, Geige), Solomon Feldthouse (Gesang, Gitarren, Kazoo), Chris Darrow (Mandoline, Bass), Charles Chester Crill (Harmonika, Keyboards, Geige) und John Vidican (Drums). In dieser Besetzung nahm die Band drei Singles und zwei LPs auf. Die Band trennte sich Ende 1970; Lindley arbeitete anschließend mit Terry Reid und als Sessionmusiker für Warren Zevon, Maria Muldaur, America, Linda Ronstadt und viele andere mehr. 1976 gab es eine kurze Reunion von Kaleidoscope; Lindley, Darrow, Feldthouse, Brotman und Crill nahmen das Album „When Scopes Collide“ auf. Nach der erneuten Trennung hat sich David Lindley auch als Solokünstler einen Namen gemacht. Besonders seine Zusammenarbeit mit Ry Cooder ist bekannt.

Kaleidoscope

Kaleidoscope war eine Psychedelic-Rock-Band, die in ihren Songs Elemente des Acid-Rock mit Cajun-Musik- und Blues-, aber auch arabisch-asiatischen Elementen mischte. Dafür verwendeten die Musiker neben den typischen Rockinstrumenten u.a. auch Geigen, Banjos und Mandolinen. Allerdings war lediglich ihrer LP „Incredible Kaleidoscope“ 1969 ein kleiner kommerzieller Erfolg beschieden.

aus: de.wikipedia.org


Kaleidoscope – Oh Death live at Newport Folk Festival 1968

Weitere Aufnahmen von diesem Auftritt beim Newport Folk Festival am 28. Juli 1968 und einem Konzert im Ash Grove (Los Angeles, CA) vom 06.06.1969 findet man in Wolfgangs Schatzkammer.


Kaleidoscope – The Coockoo 1970

In Deutschland dürfte die Band Kaleidoscope kaum bekannt geworden sein. Einzigste Ausnahme: Zwei der Tracks auf dem Original-Soundtrack zum Film Zabriskie Point (1969) stammen von dieser Band. Der Soundtrack sonst wurde im Wesentlichen durch die Musik von Pink Floyd bekannt.


Zabriskie Point – Trailer

Zabriskie Point ist ein Roadmovie des italienischen Regisseurs Michelangelo Antonioni. Es ist benannt nach dem Naturdenkmal Zabriskie Point im Death Valley, Kalifornien, USA. Der Film ist eine Hommage an die 68er-Bewegung. Mitten in der gewalttätigen Studentenrevolte brechen ein Student und eine Angestellte kurz aus ihrem alltäglichen Leben und der Konsumgesellschaft aus, und treffen sich in der Wüste; die Flucht misslingt jedoch ebenso wie die Revolte.

Wie gesagt: Zwei Stücke stammen von der Gruppe Kaleidoscope: Brother Mary und Mickey’s Tune. Hier der gesamte Soundtrack (es gibt noch eine zweite CD mit Outtakes):

1 Heart Beat, Pig Meat – Pink Floyd
2 Brother Mary – Kaleidoscope
3 Dark Star (Excerpt) – Grateful Dead
4 Crumbling Land – Pink Floyd
5 Tennessee Waltz – Patti Page
6 Sugar Babe – The Youngbloods
7 Love Scene – Jerry Garcia
8 I Wish I Was a Single Girl Again – Roscoe Holcomb
9 Mickey’s Tune – Kaleidoscope
10 Dance of Death – John Fahey
11 Come In Number 51, Your Time Is Up – Pink Floyd

Als ‘Hörprobe’ gewissermaßen das kleine Instrumentalstück Mickey’s Tune von Kaleidoscope – eben mit David Lindley:


Kaleidoscope: Mickey’s Tune (1970)

siehe auch: David Lindley, der Prince of Polyester (1)

David Lindley, der Prince of Polyester (1)

David Lindley, den US-amerikanischen Multiinstrumentalisten und Sänger, habe ich bereits öfter in diesem Weblog erwähnt (u.a. David Lindley & El Rayo-X 1988 live at Roxy, Washington D.C.), meist im Zusammenhang mit Ry Cooder (David Lindley and Ry Cooder – Sídh Beag agus Sídh MórRy Cooder: Long Riders (1980)Ry Cooder & David Lindley live in Japan 1979). Ich weiß gar nicht mehr, ob ich David Lindley über Ry Cooder oder umgekehrt kennen gelernt habe. Das spielt aber auch keine Rolle mehr. Beide sind hervorragende Gitarristen, vielleicht weniger gute Sänger – aber dank ihres breiten musikalischen Spektrums allein ‚interessante’ Musiker, die sich um Erfolg wenig scheren, dafür ihren unschätzbaren Beitrag zur Rockmusik, insgesamt überhaupt zur amerikanischen Musik geleistet haben (und weiterhin leisten).

Irgendwie gefällt mir auch das absolut scheußliche Outfit dieses Herrn Lindley. Neben langer Mähne und noch längeren Koteletten sind es diese Klamotten, die Lindley den Namen “Prince of Polyester” eingebracht haben.

David Lindley

Nun, in den letzten Tagen habe ich einwenig im Internet nach David Lindley recherchiert und bin dabei auf interessante Details gestoßen, die ich Euch nicht vorenthalten möchte, weil ich sie für einen Fan der Rockmusik schlicht und einfach interessant finde. Wie schon bei Ry Cooder erfahren wir so, dass Rock auch grenzüberschreitend (Stichwort Weltmusik) sein kann (allein die Kuriositäten aus Lindleys Zupfinstrumentensammlung sind Beweis genug).

Neben seiner Arbeit als Studiomusiker (so nahm er u.a. mit Ry Cooder die Alben „Bop till you Drop“ und „The Long Riders“, mit Bob Dylan das Album „Under the Red Sky“, mit Iggy Pop das Album „Brick By Brick“ und zwischen 1975 und 1995 vier Alben mit Rod Stewart auf), spielte er auch in verschiedenen Bands:

1966 gründete er zusammen mit Chris Darrow die Gruppe Kaleidoscope und machte die Popmusikwelt mit damals noch ungewöhnlichen Saiteninstrumenten wie Oud und Saz bekannt. Von 1971 bis 1980 war er Gitarrist der Band von Jackson Browne. Lindleys Spiel auf der Steel-Gitarre war ein prägendes Stilelement dieser Band. Danach gründete er seine eigene Band El Rayo-X. Hierzu aber im Einzelnen später mehr.

Aber eines nach dem anderen. Hier zunächst eine Aufnahme des 1. Open Air Festival Loreley vom 28.8.1982, dass live in der ARD als Rockpalast-Konzert ausgestrahlt wurde. Besetzung: David Lindley: Gitarre, Gesang – Bernie Larsen: Gitarre, Gesang – Ian Wallace: Schlagzeug, Gesang – Jorge Calderon: Bass, Gesang. Seit einigen Tagen bin ich ‚stolzer’ Besitzer einer DVD mit dem gesamten Mitschnitt dieses Konzertes (auch hierzu später sicherlich noch etwas mehr):


David Lindley & El Rayo X 1982: Brother John