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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Kurz und spitz (06): THE SYSTEM IS GREAT!

    THE SYSTEM IS GREAT!
    So sagt eine Professorin der City University, eine Schwarze, die in Harlem geboren ist, aber sie hat es geschafft […] – meine Zwischenfrage, ob nicht das Verfahren der amerikanischen Präsidenten-Wahl, zur Zeit von Abraham Lincoln wohl richtig, im Lauf der Geschichte untauglich geworden ist, brauche ich gar nicht zu begründen; die Dame […] sehe ich nur noch von halb-unten, als ich ihre Antwort höre:
    THE SYSTEM IS GREAT.

Kurz und spitz:THE SYSTEM IS GREAT!
Kurz und spitz: THE SYSTEM IS GREAT!

In den Entwürfen zu einem dritten Tagebuch, die Max Frisch in den Jahren 1982/83 verfasste, eine Zeit, in der er öfter die USA besuchte, wo er eine Wohnung hatte, äußert es sich oft kritisch über die Vereinigten Staaten und ihre Menschen. Kein Wunder: Ronald Reagan regierte das Land. Diesem war es gelungen, eine Koalition aus Evangelikalen, Wirtschaftsliberalen (Neoliberalen) und wertkonservativen Wählern zu schmieden. – In diesen Tagen oft diskutiert: Gerade die diesjährige Wahl des US-Präsidenten hat aufgezeigt, wie überholt das Wahlsystem (Mehrheitswahl über Wahlleute) ist.

Max Frisch schreibt weiter:

Im Fernsehen sieht er von Vierteljahr zu Vierteljahr auch älter aus; nicht weiser, sondern stur und verschlissen. Trotz seines gefärbten und strammen Haares. Was hätte dieser so unerschrockene Mann uns zu sagen, wenn er nicht an der Macht wäre […] Ich kann ihn mir sehr nett vorstellen […], hemdsärmelig: A NICE GUY, primitiv, nicht vulgär, ein Mann mit Herz und voll fertiger Sprüche, die jede Dialektik ausschliessen.

Natürlich spricht Frisch von Ronald Reagan. Irgendwie könnte er auch Donald Trump gemeint haben, wenn dieser den meisten auch weniger ’nett‘ vorkommt und seine Sprache oft überaus vulgär ist.

Kurz und spitz (04): Dreck

Manche machen aus Dreck Geld. Okay, es heißt: Scheiße (aus Scheiße Geld)! Dann muss ‚das Material‘ wohl an der richtigen Stelle vorhanden sein. Aber ich will hier etwas anderes sagen: Ich möchte das Wörtchen Dreck einem anderen Wörtchen gegenüberstellen: z.B. Liebe!

Zunächst das: Liebe ist natürlich positiv besetzt. Dreck dagegen negativ. ‚Komischerweise‘ haben in der Bedeutung negativ belegte Wörter meist mehr gleich- bzw. ähnlich bedeutende Begriffe als positive. Mit der Liebe ist das so ein Ding: Eigentlich gibt es nur die Liebe und schon Zuneigung, Hingabe, besonderes Interesse kommen kaum an die Bedeutung des Wortes Liebe heran. Und Gefühl, Herzenswärme, Innigkeit oder Leidenschaft sind nur Interpretationen auf niedriger Stufe.

Kurz und spitz: Dreck
Kurz und spitz: Dreck

Für Dreck gibt es dagegen eine Fülle an Synonymen, vielleicht weil das Wort Dreck auch ziemlich allgemein genutzt wird. Da gibt es Schmutz, Unrat, Unflat, Gerümpel, Kram, Mist, Gelump, Schund, Bodensatz, Abfall, Müll, Fliegendreck, Schlamm, Matsch oder mundartlich Modder (norddeutsch) bzw. Glumpert bzw. Klumpatsch. Das ließe sich ohne Ende fortsetzen.

Vielleicht liegt es daran, dass die Liebe so einzigartig ist, der Dreck aber dafür allgegenwärtig.

November

Er ist zu kalt, er ist zu nass,
Und wird sekündlich nasser.
Die Liebe friert. Hoch lebt der Hass.
In Seelen steht das Wasser.

Der Morgen legt Ganztagesgrau
Auf Freude und Gelächter.
Am Abend sagt die Tagesschau:
„Das Wetter wird noch schlechter.“

Die Blicke leer, die Lage schlimm:
So höllisch ist November.
Jedoch wie himmlisch ist er im
Vergleich mit dem Dezember!

Thomas Gsella: November

Jans Kalenderblatt: November 2006
Jans Kalenderblatt: November 2006 © Jan E. Albin

Ja, der November. Dieser Monat ‚beglückt‘ uns meist mit regnerischem, nasskaltem Wetter, die Tage sind trostlos. Statt Sonne nur dicke Wolken, die kaum Licht durchlassen. Ich nenne dieses Wetter Totensonntagswetter (und am kommenden Sonntag ist ja dann auch soweit). Aber wir wollen nicht klagen: In diesem Jahr zeigt sich der November ab und wann auch von seiner etwas besseren Seite: Manche Tage waren nicht nur milde, sondern auch sonnig. Also eher ein Mischmaschwetter!

Der Mensch erscheint im Holozän – ein Visual Poem nach Max Frisch

Wie der Zufall es so will, sendet 3SAT im Rahmen des Berliner Theatertreffens 2020 das Visual Poem nach Max Frischs Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän in einer Aufführung des Schauspielhauses Zürich. Zufall deshalb, weil ich mich in den letzten Tagen mit Theaterstücken von Max Frisch beschäftigt und in diesem Jahr auch weitere Werke von ihm (erneut) gelesen habe (dazu später mehr).

Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän - 1. Auflage
Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän – 1. Auflage

Alexander Giesche legt mit „Der Mensch erscheint im Holozän“ (verfügbar auf 3SAT bis 12.03.2021) am Schauspielhaus Zürich die erste große Inszenierung zum Thema Klimawandel vor. Er erhielt dafür im Rahmen des Berliner Theatertreffens 2020 den 3sat-Preis.

Schauspielhaus Zürich 2020: Der Mensch erscheint im Holozän – nach Erzählung von Max Frisch
Schauspielhaus Zürich 2020: Der Mensch erscheint im Holozän – nach Erzählung von Max Frisch

„Der Mensch erscheint im Holozän“ von Max Frisch ist eine Erzählung über das Vergessen und Vergehen. Mit dem Verlust des Gedächtnisses verschwindet auch der Mensch, verliert sich und die Kontrolle über das eigene Leben.

Ein Gefühl der Heimat bleibt, die vertraute Umgebung, die Natur, die Berge, der Schnee, wie das Licht ins Tal fällt zu verschiedenen Jahreszeiten. In einem durch ein Unwetter von der Außenwelt abgeschlossenen Bergdorf kämpft Herr Geiser gegen den fortschreitenden Verlust seines Gedächtnisses. Mit Hilfe kleiner Zettel, die er in seinem Haus verteilt, baut er sich eine Wissensdatenbank auf. Die Isolation macht Herrn Geisers zurückgezogenes Leben noch einsamer. Hinzu kommt die Sorge, dass durch den andauernden Regen der ganze Berg ins Rutschen geraten könnte.
Die Erzählung des Schweizer Autors Max Frisch erscheint 1979. Ein lange verkanntes Spätwerk. Der Regisseur Alexander Giesche nimmt den Text als Ausgangspunkt für seine Inszenierung am Schauspielhaus Zürich, die ganz um die Trias Mensch, Natur, Technik kreist. Er folgt dabei nur lose der Erzählung, sie ist vielmehr Stichwortgeber für immer neue Bilder, die dem Verlust, dem Vergessen, dem Abschied eine Form geben.

Eine Schauspielerin und ein Schauspieler berichten fragmentarisch über Herrn Geisers Zustand und den des Tals, mal aus seiner Perspektive, mal als Beobachter. Alexander Giesche nennt seine Werke Visual Poems. Die Inszenierung besteht aus klar voneinander abgegrenzten Bildern. Er lässt Krankenhausbetten und elektrische Rollstühle tanzen, zaubert Hologramme auf die Bühne und lässt einen erstaunlich realistischen Dinosaurier auftreten. Die verschiedenen Elemente und theatralen Mittel stehen dabei gleichberechtigt nebeneinander, sind alle Teil seines Gedichts.

Ein Abend, der scheinbar die Schönheit des Untergangs besingt. Auch die Menschheit wird einmal Geschichte sein oder wie Max Frisch es formuliert hat, „Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen.“ Aber Alexander Giesche schafft es aus diesem Fatalismus einen Hoffnungsschimmer, ein Gefühl der Wärme herauszuschälen. Das Verhältnis Mensch – Natur bleibt ein angespanntes. Unser schädlicher Einfluss auf den Planeten zeigt sich jeden Tag deutlicher.

Im Anschluss an diese Inszenierung ist Max Frisch mit seiner Dankesrede Die Schweiz als Heimat zur Verleihung des Schillerpreises am 12.01.1974 zu sehen. Hier setzt sich Frisch ebenso eloquent wie kritisch mit der eigenen Herkunft auseinander. Die Rede ist heute so aktuell wie eh und je.

Willis Plaudereien (10): Der übliche Verrat der Hülle am Inhalt

    Seit ein paar Jahren, ungefähr seit Mitte vierzig, fiel mir das auf, na ja, der übliche Verrat der Hülle am Inhalt, graue Haare, Fett, das nicht mehr ablaufen kann, Ohrenhaare, die offenbar mit den Nasenhaaren zu korrespondieren beabsichtigen, aber die sind ja noch ganz lustig, trockene, schuppige Echsenhaut, dann gehen mir die Haupthaare aus, das heißt, ihre Produktionsstätten veröden, werden aufgegeben, jemand Zuständiger ist unentschuldigt weggegangen.

Willi mit Helm in grün (Edelsteinminen Idar-Oberstein Juli 2019)
Willi mit Helm in grün (Edelsteinminen Idar-Oberstein Juli 2019)

Bei Herrn Rubinowitz ist der Zeitpunkt die Mitte der vierziger Jahre, da er erkannt hat, dass es mit der Hülle nicht mehr ganz zum Besten bestellt ist. Ha, junger Mann, komm erst einmal in mein Alter, wenn die Zähne zu wackeln beginnen, die Knochen morsch werden oder die Augen stumpf. Das ist dann längst kein Verrat mehr, das ist Sabotage!

Mr. Trump, verpiss Dich!

Noch weigert sich Donald Trump, seine Niederlage bei der Präsidentschaftswahl anzuerkennen. Doch vor den Gerichten läuft es nicht gut für ihn, denn Beweise legten seine Anwälte für ihre Behauptungen und Vorwürfe der Wahlfälschung bislang nicht vor. Verlieren falle gerade ihm schwer, hat Donald Trump kürzlich eingeräumt. Kein Wunder, wenn er im Krieg gefallene US-Soldaten als ‚Loser‘ bezeichnet. Er selbst ist und war nie ein ‚Verlierer‘. Und wenn es geschäftlich nicht so lief, dann waren andere schuld daran.

Trump – allein im Regen
Trump – allein im Regen

Ein Witz? Trump hat seine Anhänger dazu aufgerufen, Geld zu spenden, damit er gegen den vermeintlichen Wahlbetrug gerichtlich vorgehen kann. Aber das ist KEIN Witz! Wie armselig muss der gute Mann sein.

Sicherlich ist der neue Präsident der USA, Joe Biden, nicht der, den seine Wähler wirklich haben wollten. Aber besser als Trump ist er allemal. Es wird dann aber Zeit, dass die Demokraten einen Kandidaten küren, der das Land endlich in das 21. Jahrhundert führen kann. Vier Jahre haben sie jetzt Zeit.

Vier Jahre hat uns Trump in Atem gehalten. Immerhin hat er keinen 3. Weltkrieg angezettelt – und es ist kaum zu glauben: Seit Eisenhower ist er sogar der erste Präsident, in dessen Amtszeit kein neuer Krieg ausgelöst wurde. Das ist weniger Trumps Verdienst, als vielmehr seinen Beratern und dem Militär zu verdanken, denn z.B. gegen Syrien wollte er Bomber einsetzen.

Trump will nach eigenen Worten bis vor das Oberste Gericht ziehen. Ob er dort Erfolg haben wird, ist trotz der dortigen Mehrheit konservativer Richter fraglich. Er wird das Weiße Haus räumen müssen. Wie das geschieht, wir dürfen gespannt sein.

Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, dass einer der oberen Republikaner Mr. Trump sagt, wie er noch halbwegs würdevoll aus seinem Amt ausscheiden kann. Dass es zum guten Ton dazu gehört, dem Gewinner zu gratulieren, wäre vielleicht ein solcher Ratschlag. Aber Trump ist nun einmal kein Verlierer und wird auf seine Würde scheißen. Da stehen den US-Amerikanern noch einige heiße Wochen bevor. Und neben dem Staatsanwalt, der Trumps diverse Vergehen (Sexueller Missbrauch, Betrug, Steuerhinterziehung) während seiner Amtszeit, in der er Immunität genoss, untersuchen wird, wartet vielleicht auch die Klapsmühle auf ihn.

Good bye, Emma Peel – Good bye, James Bond

Er galt als bester Bond aller Zeiten. Nun ist er letzte Woche – kurze Zeit nach seinem 90. Geburtstag – gestorben: Sean Connery. Erst vor kurzem habe ich einen älteren Film mit ihm (Ransom – die Uhr läuft ab aus 1974) gesehen. Und bereits am 10. September starb im Alter von 82 Jahren Diana Rigg, die ich natürlich aus der Serie der 1960-er Jahre: Mit Schirm, Charme und Melone kenne. Auch von ihr habe ich erst vor kurzer Zeit aus der Serie Doctor Who die Folge 11 der 7. Staffel: The Crimson Horror (Der feuerrote Schrecken) aus dem Jahr 2013 gesehen. Jüngeren Leuten ist Diana Rigg aus der Serie Game of Thrones von der dritten Staffel an als Lady Olenna Tyrell bekannt.

Diana Rigg als Emma Peel / Sean Connery als James Bond
Diana Rigg als Emma Peel / Sean Connery als James Bond

Beide, sowohl Diana Rigg als auch Sean Connery, sind bis zuletzt mit diesen Rollen, Emma Peel und James Bond, identifiziert worden. Aber sie waren natürlich mehr als die Verkörperung dieser Rollen. Diana Rigg war von 1959 bis 1964 Mitglied der Royal Shakespeare Company, seit 1967 arbeitete sie freiberuflich als assoziiertes Mitglied der Company. Von 1971 an war sie Mitglied des National Theatre of Great Britain. Und sie ist aus vielen Filmrollen bekannt. Für mich bleibt sie natürlich jene Emma Peel, die für ihre Zeit ungewöhnlich emanzipiert war. Ich habe mich in diesem Blog öfter schon dazu geäußert: Emma Peel!


Good bye, Emma Peel – Mit Schirm, Charme und Melone

Sean Connery ist durch die Rolle des James Bond weltgerühmt geworden. Aber er wollte mehr sein als jener Bond, James Bond. Und wir kennen ihn aus vielen anderen Rollen, in denen sich der als ärmlichen Verhältnissen stammene Connery zum schottischen Gentleman entwickelte. Schottland, sein Heimatland, war ihm, der wegen seines schottischen Akzents manche Schelte einstecken musste, Herzenssache.


Mein Name ist Connery, Sean Connery – Zum Tod einer Legende

Ein Jahr Rentnerdasein

Wie die Zeit vergeht: Heute vor einem Jahr hatte ich meinen letzten Arbeitstag. Und (offiziell) mit dem 1. November 2019 begab ich mich in Rente. Was war das für ein Jahr …

The Best of 'Willi auf Arbeit' (Die letzten Tage ...)
The Best of ‚Willi auf Arbeit‘ (Die letzten Tage …)

Natürlich bin ich froh, in Corona-Zeiten nicht mehr Tag für Tag stundenlang zur Arbeit und zurück fahren zu müssen. Der letzte Arbeitstag z.B. (noch ohne Corona) hatte sich sehr prickelnd entwickelt: Zugausfälle und Verspätung in beide Richtungen! Danke, Metronom! Danke, HVV!

Den ersten Monat ‚in Freiheit‘ nutzte ich dank des schönen Wetters für Radtouren rund um meinen Wohnort. Und im Dezember ging es dann ja auf Weihnachten zu – ein letzter Tag auf der Arbeit zur Weihnachtsfeier.

Dann kam das Corona-Virus und sollte von nun an unser weiteres Leben beeinflussen. Als Rentner habe ich davon natürlich nicht allzu viel gemerkt. Gut zum Einkaufen muss auch ich mir diesen Schnutenpulli vors Gesicht binden. Aber auch sonst … und jetzt geht es wieder von vorn los: Vorerst für November 2020 gilt: Restaurants, Bars usw. müssen schließen, und Zusammenkünfte mit Personen aus mehr als zwei Haushalten sind untersagt.

Willi mit Gesichtsmaske
Willi mit Schnutenpulli

Die Reise mit meiner Frau im Mai zu Bekannten auf Sizilien mussten wir canceln. Inzwischen haben wir wenigstens das Geld für Bahn und Flug erstattet bekommen (hat bis zu fünf Monaten gedauert). Dafür machte ich dann die Radtour nach Cuxhaven mit meinen beiden Söhnen. War ja auch nicht schlecht!

Aber dann, aber dann … geht’s so richtig los!

Nun so richtig los ging es eigentlich noch nicht. Vieles, das auf meinen ‚Zettel‘ steht, ist noch nicht abgehakt. Dafür habe ich aber endlich wieder viel gelesen und komme in den vergangenen zwölf Monaten auf über 12.000 Seiten (oder fast 50 Bücher), wenn es mit James Joyce‘ Ulysses auch noch nicht geklappt hat (oder nur teilweise – ich traue mich nicht …). Einige der Bücher habe ich hier ja in den letzten Wochen vorgestellt.

Und dann habe ich den Griff in meine hauseigene Videothek (die wie von Geisterhand Tag für Tag größer wird) gewagt und mir Filme unterschiedlichstem Genre allabendlich ‚reingezogen: Neben den sonntäglichen Tatortfolgen viele andere Krimis in Miniserie: Countdown Copenhagen II (8 Folgen aus 2019), Trapped – Gefangen in Island (5 Folgen aus 2019), Hindafing (2. Staffel – 6 Folgen aus 2019), Der Pass (8 Folgen aus 2019), Die Frau aus dem Meer (6 Folgen aus 2019), Arctic Circle – Der unsichtbare Tod (10 Folgen aus 2018), Mammon (6 Folgen aus 2014), The Bay (6 Folgen aus 2019), Mammon (2. Staffel – 8 Folgen aus 2015), Dunkelstadt (6 Folgen aus 2020), Professor T (4. Staffel – 4 Folgen aus 2020), Kommissar Van der Valk (3 Folgen aus 2019), New Blood I – III (insgesamt 7 Folgen aus 2017), The Killing [Kommissarin Lund – Das Verbrechen] (1. bis 3. Staffel – insgesamt 40 Folgen 2007 – 2012), Darkness – Schatten der Vergangenheit (8 Folgen aus 2019), Dan Sommerdahl – Tödliche Idylle (4 Folgen aus 2020), Mord im Böhmerwald (8 Folgen aus 2018) und viele einzelne Folgen weiterer Krimiserien.

Von weiteren Serie habe ich geguckt: Doctor Who (4. bis 9. Staffel), Neues aus Büttenwarder (14. Staffel aus 2019), Unterleuten – Das zerrissene Dorf (3 Folgen aus 2020), Warten auf’n Bus (8 Folgen aus 2020), Die Kanzlei (4. Staffel – bisher 12 Folgen aus 2020), Oktoberfest 1900 (8 Folgen aus 2020), Sløborn (8 Folgen aus 2020), Pan Tau (14 Folgen aus 2020), Da is‘ ja nix (6 Folgen aus 2020), Babylon Berlin (3. Staffel – 12 Folgen aus 2020); Moloch (1. Staffel – 6 Folgen aus 2019) – und viele Filme von Regisseuren wie François Truffaut, Claude Chabrol, Eric Rohmer, Jean-Luc Godard, Wim Wenders, Werner Herzog, Rainer Werner Fassbinder, Klaus Lemke, Christoph Schlingensief, Alfred Hitchcock, Richard Lester, Jim Jarmusch, Brian De Palma, Roman Polanski u.v.m.

Und ab und zu habe ich – wie ihr seht – auch die Zeit gefunden, hier den einen oder anderen Beitrag zu veröffentlichen. Und so komme ich ins Rentenjahr No. 2 …

Martin Walser: Das Alterswerk

Inzwischen ist Martin Walser 93 Jahre alt. Und wie es aussieht, so geht es ihm auch in Corona-Zeiten noch ganz gut (siehe unten). Bis vor zwei Jahren war er zu Lesungen in der Republik unterwegs. Und neben Sammlungen von Reden, Aufsätzen usw. gab er bis zum Ende des letzten Jahres auch immer mindestens ein Prosastück zum Besten. Als Letztes hatte ich hier Walsers Roman Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte vom April 2018 besprochen. Wohl mit keinem anderen Schriftsteller habe ich mich soviel beschäftigt wie mit Martin Walser (d.h. ich habe ihn gelesen).

Martin Walsers Alterswerk
Martin Walsers Alterswerk

Zuerst möchte ich aber ein Buch aus dem Jahr 2017 ansprechen, das ein Gespräch zwischen Walser und Jakob Augstein wiedergibt:

Martin Walser – Jakob Augstein: Das Leben wortwörtlich – ein Gespräch (2017)

    „Ich würde nie eine
    Autobiographie schreiben.
    Das zwingt zu einer
    mir unangenehmen Art
    von Lüge. Die Lüge im
    Roman ist wunderbar.
    Sie ist eine Variation
    der Wahrheit.“

    Martin Walser

Martin Walser ist Schriftsteller. Jakob Augstein ist Journalist. Und sie sind Vater und Sohn.
2009 gab Jakob Augstein bekannt, dass Martin Walser sein leiblicher Vater sei, was er 2002 nach dem Tod von Rudolf Augstein durch seine Mutter erfuhr. Walser und Augstein trafen sich seither häufig.

Dieses Buch Das Leben wortwörtlich: Ein Gespräch, das ich in 1, Auflage Dezember 2017 – Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg vorliegen habe, könnte als eine Art Ersatz-Autobiographie gelten, denn in diesem Buch sprechen sie über das Leben von Martin Walser, über dessen Jugend in Wasserburg am Bodensee, über den Vater, der Hölderlin gelesen hat, und die Mutter, die das Gasthaus geführt hat. Sie sprechen über den Krieg, über das Schreiben, über Geld und das Spielcasino in Bad Wiessee, über Uwe Johnson und Willy Brandt. Sex ist kein Sujet, sagt Walser, und so sprechen sie stattdessen über das Lieben. Und dann über das Beten.

Jakob Augstein fragt Walser nach der umstrittenen Rede in der Paulskirche und der öffentlichen Fehde mit Marcel Reich-Ranicki. Und natürlich spielen Auschwitz und die deutsche Vergangenheit eine Rolle, ohne die das Leben und die Romane von Walser nicht zu denken sind. Und sie sprechen auch über sich.

„Das Leben wortwörtlich“ ist der gemeinsame Blick auf eine deutsche Lebensgeschichte, bewegend und voller überraschender Einsichten.
(aus dem Klappentext)

Jakob Augstein, geboren 1967 in Hamburg, studierte Politikwissenschaften, Germanistik und Theaterwissenschaften in Berlin und Paris. Er arbeitete für die „Süddeutsche Zeitung“, unter anderem als Chef der Berlin-Seite, und für die „Zeit“. 2008 übernahm er die Wochenzeitung „der Freitag“, deren Verleger und Chefredakteur er heute ist. Er ist Kolumnist bei „Spiegel Online“.

Du bist mein Vater.
Ein Umstand, der mich mit Freude erfüllt.
Als ich ein Kind war, wusste ich das nicht. Und vielleicht auch nicht. Ich war beinahe vierzig, als wir uns das erste Mal begegnet sind, du beinahe achtzig Jahre alt.
Ja, Jakob, wir waren beide zu alt.

Martin Walser: Spätdienst – Bekenntnis und Stimmung (2018)

    Süß ist es, lächerlich und steil,
    von einem Arschloch verrissen zu werden.
    Alles hab ich schon mir zuliebe probiert,
    euch zum Possen mach ich jetzt Gedichte.

    Martin Walser: Spätdienst (S. 57)

Was Martin Walser ‚Bekenntnis und Stimmung‘ in diesem Buch Spätdienst (habe ich in 2. Auflage Dezember 2018 – Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg) nennt, sind hunderte kurzer und kürzester Texte. Naturlyrisches neben Politischem, Reflexionen über Leben und Tod, Friedliches und Provozierendes, Abrechnungen mit «Feinden» im Feuilleton (von Reich-Ranicki und Karasek über Raddatz und Schirrmacher bis Löffler und Höbel): Gedanken, Gedichte, Aphorismen, Notate, begleitet von zarten Arabesken seiner Tochter Alissa. In seiner «formlosen Form» ist «Spätdienst» am ehesten vergleichbar mit Walsers «Meßmer»-Trilogie.

Für Gegner:
ein gefundenes Fressen

Für meine Leser:
vielleicht ein Ausflug
ins Vertraute

„Wie klingt die Zeit im Gewölbe der Nacht?“ Wer fragt das? Ein lyrisches Ich zwischen raren Glücksmomenten und Schwärze, Leere, Sturz. Beim Durchkämmen des Hundefells, beim Aufschneiden eines Apfels oder immer dann, wenn die Berge im Blau stehen, der Wind in den Bäumen rauscht, die Blätterschönheit den Atem stocken lässt, kommt sie auf, die Frage, ob das das Glück sei, denn lange währt sie nie. Schon fährt etwas dazwischen, Wörter, die weh tun, ausgesprochen von anderen, gegen die nur eines hilft: „Sich in Verse hüllen, als wären es Schutzgewänder, schön, weltabweisend, die Einbildung heißt Aufenthalt.“

Hier haben wir sie – die Summe, ja das Resultat der Poetik Martin Walsers. Hier lässt sich sein Realismus fassen wie nirgends sonst. Mehr als schön ist nichts. Oder: etwas so schön sagen, wie es nicht ist.

Martin Walser hat den Schmerz das Singen gelehrt, und aus den Zumutungen der Wirklichkeit destilliert er glasklare Gedanken. (aus dem Klappentext)

Ich muss aber
die Wörter wie’s Vieh auf die Weide treiben,
dass die Wörter wuchern über meine Wunden.
(S. 104)

Martin Walser: Mädchenleben oder Die Heiligsprechung – Legende (2019)

    Die Welt entspricht mir nicht, aber ich soll ihr entsprechen.

    Ich will nicht mehr sprechen müssen. Was ich denke, kann ich nicht sagen. Und etwas sagen, was ich nicht denke, kann ich auch nicht.

    Ich bin die Wächterin am Grab meiner Wünsche.

    Martin Walser: Mädchenleben (Aus Sirtes Tagebuch)

Es ist lediglich ein kleines Büchlein geworden, dieses Mädchenleben: oder Die Heiligsprechung (Originalausgabe – Rowohlt Verlag, Hamburg, Dezember 2019 – Umschlagabbildung: Alissa Walser), ein Werk von gerade 90 Seiten. Eine ‚Legende‘, also eine neue Facette in Walsers Werk. Viele Walser-Kritiker werden wohl den Kopf geschüttelt haben, als sie das Buch lasen. Für mich ist es ein Werk, das den Walser’schen Kosmos, der nun einmal meist am Bodensee spielte, abrundet. Religiösität spielt dort eine große Rolle.Walser zeichnet diese Legende allerdings in seiner ganz eigenen, sehr kraftvollen Art auf. Und …Zürn – da war doch was! Da war sogar eine ganze Menge im literarischen Walser-Universum! Es gab bereits einen Chauffeur Xaver Zürn («Seelenarbeit», 1979), einen Dr. Gottlieb Zürn («Das Schwanenhaus», 1980; «Die Jagd», 1980; «Der Augenblick der Liebe», 2004) – nun also Ludwig Zürn.

Für alle Walser-Leser ein Fest des Wiedersehens: Schon in seinen Tagebüchern aus dem Jahr 1961 finden sich Eintragungen zu „Mädchenleben“, und nun, fast sechzig Jahre später, hat er das dort Notierte zusammengetragen und zu etwas verwoben, das er „Legende“ nennt: die Geschichte des Mädchens Sirte Zürn, das, weil es seine eigenen Wege geht – plötzlich verschwindet, erst nach Tagen wieder auftaucht, sich im Sand eingräbt, bei Sturm in den See rennt -, nach Wunsch seines Vaters heiliggesprochen werden soll. Der Untermieter der Familie, der Lehrer Anton Schweiger, ist von diesem Einfall so entzündet, dass er alles sammelt, was es über das Mädchen zu erzählen gibt. Darüber gerät er mehr und mehr in ihren Bann.

Martin Walsers neues Buch besticht durch seine lebhaften, ungewöhnlichen Figuren, die in einer gleichsam entrückten Welt zu leben scheinen. Was ist mit Anton Schweiger, warum wohnt er als Lehrer zur Untermiete bei den Zürns, was bringt ihn dazu, nach Sirte eine solche Sehnsucht zu haben? Wie kommt ihr Vater auf den Gedanken der Heiligsprechung seiner Tochter, und was ist das für eine seltsame Ehe der Zürns, in der die Frau, während sie im Garten Lupinen setzt, von ihrem Mann zu Boden geworfen wird und er sich ein andermal mit Kuhfladen beschmiert? Mit Staunen lesen wir die herrlichen Walser-Sätze und lassen uns gefangen nehmen von der Geschichte eines jungen Mädchens, das anders ist als andere – zerbrechlich und sonderbar und ausgestattet mit einem ins Himmlische und Unwirkliche reichenden Gespür.

Über ein Mädchen, das wie kein anderes ist – ein schwebendes, klangschönes Alterswerk, das seine Rätsel bewahrt. (aus dem Klappentext)

Martin Walser: Sprachlaub oder Wahr ist, was schön ist (2021)

Nach dem ‚Gesetz der Serie‘ sollte eigentlich zum Jahresende ein weiteres Prosastück von Martin Walser erscheinen. Die Walser-Leser müssen aber dann doch noch bis zum 23. März im nächsten Jahr warten. Dann erscheint ein Buch, das den Titel „Sprachlaub oder Wahr ist, was schön ist“ trägt und mit Aquarellen von Walsers Tochter Alissa versehen ist, einen Tag vor Walsers 94. Geburtstag. Dabei soll es sich ähnlich dem ‚Spätdienst‘ um Sentenzen, Eingebungen, Reime, Aphorismen, also um „Augenblickspoesien“ oder „Augenblickstexte“ handeln.

Wie anfangs erwähnt: Walser erfreut sich auch in Corona-Zeiten noch guter Gesundheit. Erst vor einigen Tagen feierte es mit seine Frau Käthe Gnadenhochzeit. Das Paar ist also seit 1950 verheiratet: Eine Ehe ohne Liebe, das ist wie ein Auto ohne Motor!

Kurz und spitz (03): Kunst und wirkliches Leben

    Kunst und wirkliches Leben
    verhalten sich zueinander
    wie Onanie und Geschlechtsliebe.

Kurz und spitz: Kunst und wirkliches Leben
Kurz und spitz: Kunst und wirkliches Leben

Gut ein Viertel Jahrhundert habe ich in Bremen gelebt. Die Hansestadt an der Weser ist umgeben von Niedersachsen in seiner rustikalen Form. Da kam es schon öfter vor, dass ich mich mit Freunden und Bekannten aufmachte, das ländliche Umfeld zu erkunden. So ergaben sich z.B. auch Dorffeste, die wir besuchten. Und da ich in einer Musikgruppe spielte, so traten wir mit der Band (siehe: Schweine-Dachboden-und-Keller-Mucke) z.B. auf Feierlichkeiten mit ‚Tanz in dem Mai‘ hin und wieder auf.

Ich will aber nicht von unseren Auftritten erzählen, sondern von diesen anderen, oft sehr merkwürdigen Dorffesten. Auch später im weiteren Familienkreis gab es solche Feste, z.B. die goldene Hochzeit meiner Schwiegereltern: Da sorgte ein einzelner Musiker für die Stimmung und für die Tanzbegleitung. Das war dann ein Organist, der mit einem umfangreichen Equipment die Bühne füllte. Die meisten Tonsequenzen hatte dieser eigentlich längst eingespielt und brauchte nur noch die ‚Konserve öffnen‘. Eigentlich war nur der Gesang live (und das auch nur teilweise).

Wie auch immer: Solche Organisten nannten wir in Musikerkreisen nur Onanisten (schon der klänglichen Ähnlichkeit wegen), denn wir hatten immer den Eindruck, als könne sich so ein Organist/Onanist bei seinem Auftritt ‚einen Affen von der Palme wedeln‘. In diesem Blog habe ich öfter schon über diese musikalische Selbstbefriedigung geschrieben. Hier nur zwei Zitate:

… in früheren Zeiten sprachen wir da nicht mehr von Organisten, sondern Onanisten, die sich gewissermaßen an ihrem Instrument selbst befriedigten …

Früher gab es ja das berühmte Schlagzeugsolo, ich erwähnte es bereits. Die richtige Zeit, um aufs Klo zu gehen. Ähnlich verhielt es sich mit schier endlosen Gitarrensoli. Die kamen manchmal einer in aller Öffentlichkeit vollzogenen Selbstbefriedigung gleich. Ein solcher Onanist war Hendrix.