Kategorie-Archiv: Zukunft Deutschland

Wohin steuert Deutschland?

Auf dem rechten Auge stark kurzsichtig

Die Zunahme rechtsgerichtete Ansichten bei den Jugendlichen in Deutschland ist leider eine nicht zu leugnende Tatsache. Fremdenfeindlichkeit breitet ich immer mehr aus bei den 14- bis 18-Jährigen. Das Problem ist also nicht auf einen kleinen Ort wie Tostedt begrenzt. Hier wird aber das Thema durch die Präsenz eines Neonazi-Szeneladens verschärft. Dessen Inhaber ist eine berüchtigte Größe in rechten Kreisen. Außerdem stand Tostedt bereits in früheren Jahren, besonders in den 90er Jahren (u.a. sind selbst auf der Website der BBC heute noch Informationen aufrufbar), immer wieder durch rechtsextreme Aufmärsche usw. im Brennpunkt der Öffentlichkeit. Tostedts Ruf ist bis heute in diesem Punkt nicht der beste.

Daher sollte die Politik besonders sensibel reagieren, wenn Jugendliche sich in einem Offenen Brief an diese wendet, um auf den erstarkenden Rechtsextremismus in Tostedt hinzuweisen, den die Jugendlichen vor Ort an den Schulen beobachtet haben.

So trafen sich am Montagmorgen gegen 11 Uhr in einem öffentlichen Gespräch die Vertreter der Jugend-Initiative mit dem Bürgermeister der Samtgemeinde Tostedt, Dirk Bostelmann. Das Ergebnis dieses Gesprächs war für die Jugendlichen ernüchternd.

Herr Bostelmann sieht zunächst das Ansehen Tostedts gefährdet und verweist dabei auf die Tatsache, dass viele Rechte aus ganz Norddeutschland nach Tostedt kämen, aber auch die Linken anreisten, um Krawall zu machen; u.a. warnte er die Jugendlichen davor, das Recht in die eigene Hand zu nehmen.

In seinem offensichtlichen Bemühen das Problem herunterzuspielen, bekam der Samtgemeindebürgermeister Unterstützung vom Polizeichef des Landkreises Harburg, Uwe Lehne, indem dieser erklärte, Tostedt hätte im Moment kein wirkliches Problem mit den Rechten, die Situation sei nicht besorgniserregend.

Spätestens am Montagabend mussten sich Bürgermeister und Polizeichef eines Besseren belehren lassen:

Zehn vermummte Personen warfen am Montag gegen 21 Uhr 45 Steine auf Fensterscheiben eines Hauses in Wistedt, in dem einer der Initiatoren des Offenen Briefes wohnt und skandierten rechte Parolen. Es wurde dabei wenigstens niemand verletzt.

Timo V., der Betroffene, sieht in dieser Attacke eine Chance: „Jetzt kann die Problematik nicht mehr heruntergeredet werden.“ Und: „Jetzt haben wir etwas gegen die Rechten in der Hand.“ Der Schüler erstattete Anzeige.

Siehe hierzu die Beiträge im Hamburger Abendblatt und in der HAN

Gestern am Abend gab es nun aufgrund der Attacke eine spontane Demonstration von Anhängern der linken Szene (Antifa) in Tostedt, die friedlich verlief und nach gut einer Stunde beendet war.

Eigentlich sollten unsere Politiker froh sein, junge engagierte Mitbürger zu haben. Zu viel Engagement scheint mir dann aber bei einigen nicht so sehr willkommen zu sein. Wenn Herr Bostelmann die Jugendlichen davor warnt, das Recht in die eigene Hand zu nehmen, so klingt das für mich so, als wolle er die Jugendlichen in die linke Ecke drängen (in Anspielung auf die Antifa, die „das Heft in die eigene Hand’ nimmt). Aber genau das wollen die Jugendlichen nicht, darum suchen sie das Gespräch mit Vertretern der öffentlichen Hand. Diese zeigt sich aber auf dem rechten Auge stark kurzsichtig.

Sicherlich gibt es in der letzten Zeit zunächst kein offensichtliches Problem mit den Rechten in Tostedt, keine Aufmärsche und keine bekannt gewordenen Gewalttaten (von der Attacke jetzt einmal abgesehen). Die Wählerstimmen für rechtsextremistische Parteien sind nicht höher als in anderen Gemeinden und Städte, eher niedriger. Die Rekrutierung junger Menschen geschieht im Verborgenen, der Zulauf von Mitläufern nimmt von der Öffentlichkeit unbeobachtet stetig zu. Ausgangspunkt ist dabei der Neonazi-Laden in Tostedt.

Dagegen ist etwas zu tun. Wenn der Polizeichef warnt, nicht einseitig zu polarisieren, die Rechten nicht auszugrenzen und ihnen gegenüber gesprächsbereit zu bleiben, dann kann das nur für die Mitläufer gelten. Der harte Kern wird unbelehrbar bleiben. Oder möchte Herr Lehne, der Polizeichef, es einmal mit Herrn Silar versuchen? Es wäre hoffnungslos.

In Tostedt hat sich Widerstand gegen rechts etabliert, der sich zu den demokratischen Grundlagen bekennt: Das Forum für Zivilcourage mit ihrer Tostedter Erklärung. Die drei Initiatoren des Offenen Briefes, die sich u.a. auch ehrenamtlich in der Kirchenjugend betätigen, arbeiten dort mit.

Forum für Zivilcourage

Erste kleinere Maßnahmen sind bereits geplant. Was fehlt ist die Unterstützung der Politik. Herr Bostelmann, wachen Sie auf! In der nächsten Sitzung des Samtgemeinderates wird das Nazi-Problem auf der Tagesordnung stehen – dank der Grünen, die einen entsprechenden Antrag eingebracht haben.

Siehe auch den Beitrag von Radio Bremen: Jugendprotest gegen Nazis in Tostedt

Nachtrag: Unter HAN online erschien vor kurzem folgender Beitrag: Tostedt: Empörung über Eskalation

Jugend-Initiative gegen Neo-Nazi-Laden in Tostedt

Es ist eine geradezu unendliche Geschichte: Tostedt und die Neo-Nazis. Im Ortsteil Todtglüsingen gibt es jetzt seit einiger Zeit einen Laden, der neben Klamotten aus der rechten Szene auch Musik auf CDs und DVDs aus dem rechten Umfeld verkauft. Der Laden ist zudem Treffpunkt von Neo-Nazis (nicht nur aus Tostedt, aber leider auch).

Inhaber des Ladens ist der einschlägig bekannte Stefan S.; u.a. verbüßte er eine mehrjährigen Haftstrafen wegen Todschlags:

Am 18.03.92 prügelten zwei Neonazis den Buxtehuder Gustav Schneeclaus zu Tode. Stefan Silar, einer der beiden Täter betreibt heute einen Laden für Nazi-Dreck in Tostedt.
aus: de.indymedia.org

Am 15.3.2007 bekam Stefan Silar, Inhaber des Tostedter Naziladens „Streetwear Tostedt“ in Niedersachsen, Besuch von der Polizei. Ziel des Überraschungsbesuchs waren CDs der Naziband „Deutsch, Stolz, Treue“ („DST“ bzw. mit der Tarnbezeichnung „XXX“) gegen die von der Berliner Staatsanwaltschaft wegen Volksverhetzung ermittelt wird.
aus: de.indymedia.org

Jetzt übergab eine Jugend-Initiative der Jugendausschuss-Vorsitzenden des Samtgemeinderates Tostedt einen offenen Brief mit der Forderung, „öffentlich Stellung gegen den Naziladen und die verstärkten rechtsextremen Strukturen in Tostedt“ zu beziehen. Unterstützt werden die Jugendlichen u.a. durch den Ehrenbürger und Alt-Bürgermeister Tostedts, Günter Weiß.

Jugend-Initiative gegen Nazi-Laden
aus: Kreiszeitung Nordheide-Elbe & Geest vom 09.05.2009

Ich finde es sehr wichtig, dass Jugendliche selbst das Heft in die Hand nehmen, um auf rechtsextreme Tendenzen in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen, und gleichzeitig aufzeigen, dass sie gewillt sind, gegen Neo-Nazis vorzugehen.

Die Politik in Tostedt hat sich dagegen eher ein Armutszeugnis ausgestellt. Den Laden gibt es bereits mehrere Jahre. Und es kam immer wieder zu Zwischenfällen, die aber unsere Politiker nicht wahrgenommen haben oder nicht wahrnehmen wollten. Es bedurfte einer Initiative von Jugendlichen, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Durch die Medien ist auch Hannover aufmerksam geworden und hat den Bürgermeister der Samtgemeinde Tostedt zum „Rapport“ bestellt. Dieser nun bestellte umgehend für Montag, den 11.05.2009, eine Pressekonferenz ein. Gut geschlafen, Herr Bostelmann?

siehe auch im Hamburger Abendblatt: Tostedt: Jugendliche gegen Rechts

Verwackelte Bilder

Der zunehmende Gebrauch von Handys mit Foto- und Filmfunktionalität, die handlichen Kameras, die in jede Hosentasche passen, machen es möglich, dass blitzschnell der Apparat gezückt und ein Foto oder eine Filmsequenz aufgenommen werden kann. So kann heute jeder auch zum Chronisten außergewöhnlicher Ereignisse werden.

Und flickr.com und youtube.com sei Dank, lassen sich Bilder und Videos kostenlos ins weltweite Netz stellen und werden von jedem anderen aufrufbar. Das führt natürlich zu einer Flut an ‚Bildern’, nicht nur auf dem heimischen Rechner.

Beispiel YouTube: Da braucht man nur den Namen seiner Lieblingsband eingeben und wird überhäuft von Videoschnipseln, die meist mit dem Handy beim letzten Konzert, vielleicht erst gestern, aufgenommen wurden. Der Ton ist oft grausam und das Bild verwackelt bis zur Unkenntlichkeit. Zum Großteil liegt das an der dann doch eher mangelhaften Technik des Aufnahmegeräts. Und natürlich ist nicht jeder, der eine Kamera (oder ein Handy mit Kamera) besitzt, auch gleichzeitig ein guter Fotograf resp. Kameramann. Dazu bedarf es der Übung und eines ‚guten Auges’.

Verwackeltes Bild

Sicherlich ist es ein ungeheurer Ansporn, seine Bilder im Internet präsentiert zu sehen. Ich kann mich davon nicht freisprechen. Aber jeder, der Bilder und/oder Videos ins Internet stellt, sollte dann doch wenigstens einen Mindestanspruch an die Qualität der Aufnahmen stellen.

Eigentlich schreibe ich das hier aus einem ganz anderen Grund: Angeblich sind bei YouTube Videoaufnahmen von den letzten Minuten (bzw. Sekunden) des Amokschützen von Winnenden zu sehen, die wohl mit einem Handy aufgenommen wurden – Amateuraufnahmen nennt man das wohl (wer sie sich ansehen will, sollte selbst bei YouTube suchen). Zunächst musste ich erst einmal begreifen, was da vor sich ging:

Es stehen mehrere Autos in einer Reihe, und es ist offensichtlich ein Mann, der scheinbar unentschlossen auf und ab geht. Es hat den Eindruck, als warte er auf etwas. Plötzlich fällt der Mann (habe ich einen Schuss gehört?) – Schnitt – der Mann liegt auf dem Boden.

Erst dachte ich, dass das Ganze wohl gestellt ist. Wieder einer dieser üblen Streiche im Internet. Dann aber wurde mir eines klar: Irgendwie hatte ich mehr ‚Action’ erwartet. Nicht unbedingt eine wilde Schießerei. Aber zumindest hektische Bewegungen des jungen Mannes, der dann plötzlich am Boden lag.

Ob die Bilder nun gestellt sind oder nicht, ist für mich nicht so interessant. Wahrscheinlich sind sie echt. Mir geht meine ‚Erwartungshaltung’ nicht aus dem Kopf. Bin ich schon so von diesen ganzen Action-Filmen amerikanischer Machart manipuliert, dass ich denke, auch in der Wirklichkeit muss es in solchen Szenen mit Hektik zugehen, ereignisreich und turbulent?! Die gezeigten Bilder entsprechen dem in keiner Weise. Der Tod kommt eher leise daher. Das Aufsehen erregende Ereignis bleibt aus. Im Grunde bin auch ich wieder einer Sensationsgier aufgesessen.

Gaspreis sinkt – Werder als Energiespender

Ich will nicht nur meckern: Zum 1. April werden bei uns nochmals die Gaspreise gesenkt. Nachdem die Preise für Gas in den letzten Jahren immer sehr stark angestiegen waren (zuletzt im August 2008 um über 10 %), hat unser Gaslieferant nach der Preissenkung zum 1. Februar 2009 (5,6 %) eine weitere Preisreduzierung von 13,7 % angekündigt. Die verzögerte Preissenkung für Gas (Heizöl ist bekanntlich schon länger billiger) wird durch die langjährigen Lieferverträge erklärt.

Weser-Stadion mit Photovoltaik-Anlage

Unser Gas- und Stromlieferant (die EWE AG) gibt sich umweltbewusst und visionär: Eine Photovoltaik-Anlage auf Teilen der Dachkonstruktion des Weser-Stadions in Bremen ist seit dem 30. Dezember 2008 am Netz. Solarzellen wandeln Sonnenenergie in elektrischen Strom um. Damit ist das Weser-Stadion jetzt Stromproduzent und somit Energiespender. Beteiligt an diesen Umbau war neben der swb AG auch die EWE AG.

Die „Zeit“-Attac(ke)

Die Yes Men haben es mit einem Plagiat der New York Times Ende des letzten Jahres vorgemacht: Seit gestern Morgen verteilen die Globalisierungsgegner von Attac in ganz Deutschland Fälschungen der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Download als PDF bei zdf.de). Ziel der Aktion: Die Vorstellungskraft der Menschen anregen. Erste Auflage: 150.000 Blätter.

'Die Zeit' - 01.05.2010 (Plagiat)

Die Ausgabe ist datiert auf den 1. Mai 2010. Das soll verdeutlichen, wie die Schlagzeilen in gut einem Jahr lauten können, wenn nicht allein die Kräften der „neoliberalen Globalisierung“ Ihren Einfluss auf die weitere Entwicklung in Politik und Wirtschaft in der Krise nehmen werden: „Banken verstaatlicht: Eine neue Ära beginnt“, „Mehr Demokratie!“ oder „Klagewelle gegen Klimasünder“

Die Debatte über die Wirtschaftskrise will Attac positiv wenden. Die Hauptvorschläge der Organisation: Die soziale Schere zwischen Arm und Reich schließen. Die Kosten der Krise nicht Steuerzahlern, sondern deren Verursachern aufbürden. Steueroasen schließen. Lobbyisten aus der Politik verbannen. Die Klimakatastrophe verhindern.

siehe auch meinen Beitrag: Respekt, Herr Geißler

Schießwut und Waffenwahn

Nach dem Amoklauf in Winnenden mag man wieder einmal über Verschärfungen des Waffenrechts plaudern. Für mich stellt sich einfach nur die Frage, wie es möglich ist, dass sich Millionen von Gewehren und Pistolen, also Handfeuerwaffen aller Art, in privaten deutschen Haushalten befinden. Da haben wir geradezu amerikanische Verhältnisse. So ist es für mich kein Wunder, wenn sich in Deutschland auch die Amokläufe häufen. Amok ist längst kein amerikanisches Phänomen mehr. Zwischen beiden, Häufigkeit der Amokläufe und Anzahl der Waffen, sehe ich durchaus einen Zusammenhang. Auch der Amokschütze aus Winnenden bediente sich aus einem reichhaltigen Arsenal.

Und ich frage mich daher, was eigentlich die Faszination von Schusswaffen ausmacht? Vielleicht kann mir da jemand helfen. Ich verstehe das nicht. Gewinnt man dadurch Macht oder bekommt Lustgefühle, wenn man ein solches kaltes Eisen in Händen hält?

Es ist schwer nachzuvollziehen, was einen jungen Menschen veranlasst, eine Tat wie den Amoklauf in Winnenden zu begehen. Es müssen mehrere Dinge zusammentreffen, die eine solche Handlung auslösen. Die Beschäftigung mit Computerspielen wie Counter Strike und ähnlicher Baller-Spiele und das Sehen von Horrorfilmen allein dürfte dazu kaum genügen. Dann wäre jeder zweite Jugendlichen ein potenzieller Amokschütze.

Ein wesentlicher Punkt ist wohl der völlige Verlust des Bezugs zu realen Umwelt. Solche Täter schotten sich vor der Tat meist mehr und mehr von ihrer Umgebung ab. Im stillen Kämmerlein steigern sie sich in unwirkliche Gewaltszenarien, die sie dann real werden lassen. Psychologen werden die Mechanismen, die eine solche Bluttat auslösen, genauer erklären können.

Für mich ist die Reaktion erschreckend, die Sportschützen und Waffenindustrie zeigen. Sportschützen fühlen sich angesichts der Diskussion ums Waffenrecht „zu Unrecht in die Ecke gedrängt“. Und auf der weltweit größten Fachmesse für Schusswaffen, der IWA in Nürnberg, die ausgerechnet in diesen Tagen stattfindet, herrscht Business as usual. „Das hier ist eine ganz normale Waffenmesse“, sagte der Besitzer eines Waffengeschäftes. Wenn diskutiert wird, dann nur über die Frage, wie eine möglichst risikofreie Unterbringung der Schusswaffen gewährleistet ist, um den gesetzlichen Vorschriften endlich gerecht zu werden. Warum aber überhaupt Waffen in dieser großen Anzahl vorhanden sein müssen, darüber macht sich keiner Gedanken. Und: Woher leitet sich eigentlich ein Recht auf Waffenbesitz ab?

Wenn man den millionenfachen Waffenbesitz nicht in Frage stellt, dann nützt auch die erneute Wertedebatte wenig. Sicherlich ist es wichtig, den Jugendlichen Werte wie Toleranz, Höflichkeit, Fleiß und Disziplin zu vermitteln. Auch sind die Eltern in die Pflicht zu nehmen. Manchen Eltern fehlt die ausreichende Kompetenz oder die Bereitschaft zur Erziehung ihrer Kinder. Wenn die Union nun den Ausbau der Familien-Beratung vom Kindergarten an fördern will, dann ist das aber viel zu wenig.

Zurück zu Schießwut und Waffenwahn vieler Deutscher: Sicherlich haben Schützenvereine in Deutschland eine lange Tradition. Ich lebe auf dem Lande und natürlich hat auch mein Wohnort einen Schützenverein. Wenn man nun bei diesen Schützenfesten sieht, wie die ‚Schützen’ in ihren Phantasieuniformen angetrunken dahertorkeln, diese oft genug im Suff in der Gegend herumballern, dann fragt man sich spätestens, was das Ganze soll. ‚Vorbilder’ sind solche Scharfschützen bestimmt nicht. Tradition hin, Tradition her – Schützenvereine sind für mich nicht mehr zeitgemäß. Oder sie sollten auch ohne Schusswaffen auskommen können.

Blättert man in der einzigsten regionalen Tageszeitung bei uns vor Ort, dann gewinnt man in manchen Zeiten den Eindruck, dass die Aktivitäten der hiesigen Schützenvereine von außergewöhnlicher Wichtigkeit sein müssen. Mich interessiert das aber nur einen feuchten Kehricht.

Es kann nicht nur um eine allgemeine Verschärfung des Waffenrechts und dabei z.B. um schärfere Kontrollen der Waffen in Privatbesitz gehen, es geht vielmehr darum, den Waffenbesitz insgesamt drastisch einzuschränken. Nicht jeder Hans und Franz sollte zu Hause ein ganze Waffenarsenal ansammeln dürfen.

Eigentlich wollte ich diesen Beitrag Schießen ist Scheiße betiteln. Ich weiß nicht, ob beide Wörter die gleiche Etymologie, also Wortherkunft, haben. Denkbar wäre es aber.

siehe auch meine Beiträge: AmokMassaker & Amoklauf

Bedrohte Sprachen in Deutschland

Wenn Sprachen sterben, dann verschwindet damit ein kulturelles Erbe – von Gedichten über Legenden bis zu Sprichwörtern und Scherzen. Die häufigsten Gründe für das Aussterben von Sprachen sind wohl Kriege und Vertreibungen. Aber auch Einwanderer, die mit ihren Kindern nur noch die Sprache der neuen Heimat sprechen, um ihnen die Integration zu erleichtern, tragen zu dem Verschwinden bei. Ein wichtiger Grund für das Sterben von Sprachen ist heute die Nivellierung zu einer Standardsprache. Das entspricht einer nationalen „Globalisierung“ (Vereinheitlichung) der Sprache. Dialekte und regionale Sprachen verschwinden zugunsten der Hochsprache (bei uns Hochdeutsch). Heute sind auf unserer Erde etwa 2500 von insgesamt schätzungsweise 6000 Sprachen vom Aussterben bedroht.

Vor einige Tagen nun legte die UNESCO einen „Atlas of the World’s Languages in Danger”, also einen Atlas der bedrohten Sprachen der Welt, vor, der auch interaktiv im Internet aufrufbar ist.

Allein im deutschen Sprachraum sind es 13 Sprachen, die als bedroht gelten. Nordfriesisch und Saterfriesisch zählen zu den am stärksten gefährdeten Sprachen. Aber auch Bairisch, Alemannisch, Ostfränkisch, Niedersächsisch (also, die Sprache, die wir hier Plattdeutsch nennen), Sorbisch und Jiddisch. Zum Helgoländer Friesisch (Eigenbezeichnung Halunder), den auf Helgoland gesprochenen Dialekt des Nordfriesischen, habe ich mich in einem eigenen Beitrag (Bedrohte Sprache: Halunder) etwas ausführlicher geäußert.

Die saterfriesische Sprache oder kurz Saterfriesisch (Eigenbezeichnung: Seeltersk) ist die letzte verbliebene Varietät der ostfriesischen Sprache. Das Saterfriesische wird in der Gemeinde Saterland im Landkreis Cloppenburg nach unterschiedlichen Schätzungen von 1.500 bis 2.500 Menschen gesprochen. Damit handelt es sich um eine der kleinsten Sprachinseln Europas. Während in Ostfriesland und den anderen friesischen Gebieten östlich der Lauwers die ursprüngliche ostfriesische Sprache durch niedersächsische Dialekte ersetzt wurde (Ostfriesisches Platt, Gronings u.a.), überlebte das Saterfriesische als friesische Sprache im Saterland.

Hier als kleines Beispiel eine Textprobe verschiedener Sprachen:

Hochdeutsch: Der Junge streichelte das Mädchen ums Kinn und küsste sie auf die Wangen.
Englisch: The boy caressed the girl round the chin and kissed her on the cheeks.
Saterfriesisch: Die Wänt strookede dät Wucht uum ju Keeuwe un oapede hier ap do Sooken.
Nordfriesisch (Mooring): Di dreng aide dåt foomen am dåt kan än mäket har aw da siike.
Westfriesisch: De jonge streake it famke om it kin en tute har op ‚e wangen.
Ostfriesisches Platt: De Jung straaktde dat Wicht um’t Kinn to un tuutjede hör up de Wangen.
Niederländisch: De jongen aaide het meisje over haar kin en kuste haar op haar wangen.
Niedersächsisch (Niederlande): De jonge strek ‚t dearntje um de kinne en gaf heur een smok.
Ostfälisch (Niedersachsen): De Jung strakele de Deern umt Kinn un gaww öhr een Säuten up de Wangen.

Im Artikel „Hob Ikh Mir A Mantl – Jiddisch für Anfänger“ habe ich auch schon etwas zur jiddischen Sprache ausgeführt.

Übrigens: Für Großbritannien sind z.B. bereits vier Sprachen gemeldet, die als ausgestorben gelten: Norn, das auf den Shetlands und Orkney gesprochen wurde – Gaelg, also das traditionelle Manx der Insel Man – Kernewek, das traditionelle Kornisch und das Alderney-Französisch. – Zur gälischen Sprache gibt in diesem Blog ebenfalls einen kleinen Beitrag.

Bedrohte Sprache: Halunder

Nichts währt ewig. Viele Tier- und Pflanzenarten sind im Laufe der Zeit ausgestorben. Und viele drohen, in nächster Zeit dahinzuschwinden. Gleiches gilt auch für Sprachen und Dialekte. Und so ist im „UNESCO Atlas of the World’s Languages in Danger” nachzuschlagen, dass auch in Deutschland bzw. im deutschen Sprachraum 13 Sprachen vom Aussterben bedroht sind.

Eine dieser Sprachen, die bedroht ist, ist das Nordfriesische, das sich in zwei Gruppen aufteilt, nämlich in Inselnordfriesisch und Festlandnordfriesisch. Ein Dialekt des Inselnordfriesischen ist das Helgoländer Friesisch (Eigenbezeichnung ist Halunder). Halunder wird heute nur noch von etwa einem Drittel der ca. 1500 Einwohner der Insel Helgoland gesprochen.

Bekanntlich wurde das Deutschlandlied, auch Lied der Deutschen genannt, von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben am 26. August 1841 auf der Insel Helgoland gedichtet. Ansonsten hat James Jacob Hinrich Krüss, der am 31. Mai 1926 auf Helgoland geboren wurde, als Kinderbuchautor der Insel zu literarischen Ruhm verholfen.

In seinem Gedicht „Mein Lebens-ABC“ schrieb James Krüss gleich am Anfang:

Auf der Insel Helgoland
Bei viel Wasser, Wind und Sand
Centimeterkurz (kein Held)
Drang ich ein ins Licht der Welt
Erste Verse reimte ich
Früh schon friesisch – meist für mich
Gern fuhr ich auch kreuz und quer,
Hummer fangend mit aufs Meer,
Insulaner war ich hier,
Jedenfalls mit viel Pläsier,

usw.

In jungen Jahren reimte James Krüss also friesisch. Wie ein Gedicht auf Halunder ‚klingt’, zeigen die folgenden wenigen Zeilen des Reimer Eilers:

Wind

Auf dem Wasser
weht ein anderer Wind.
Still liegt die Insel
in seinen Armen.
Es gibt viele Arten,
der Schwerkraft ein Schnippchen zu schlagen 

Win

Iip weeter
wait uurs en win.
Stel lait deät Lun
uun siin iaarem.
Deät djef fel oarten,
de swoorkraf tu beluurn.

Weiteres in Helgoländer Friesisch findet sich auf der Website eben dieses Reimer Eilers.

Helgoland - meine Insel

Halunder für Anfänger

Allein das kleine Gedicht zeigt, dass Besucher „iip Lunn“ (auf Helgoland) wenig verstehen werden, wenn sich zwei Helgoländer auf Halunder unterhalten. Um diese einmalige Sprache vor dem Aussterben zu bewahren, wird sie natürlich auch an der Schule auf Helgoland unterrichtet. Und man zieht auch gern Reisende mit ins Boot. Für Interessierte bietet die Volkshochschule Kurse an. Den von Helgoländer Schulkindern erstellten Faltprospekt „Koort fan‘t Lun“ (Inselkarte auf Helgoländisch) erhalten Besucher in der Helgoland Touristik im Rathaus. Fürs Selbststudium wird das Lehrbuch „Wi lear Halunder“ (wir lernen Helgoländisch) mit Tonkassette empfohlen (zz. leider vergriffen).

Zuletzt ein kleines Glossar mit Begriffen in Halunder: HELGOLÄNDISCH-DEUTSCH

Kann man nur hoffen, dass Halunder als lebendige Sprache weiterbesteht. Da reicht es natürlich nicht aus, wenn es an Schulen gelehrt wird, es muss auch in den Familien gesprochen werden.

Willkommen in der Zukunft

Die Technik von heute lässt bereits erahnen, was uns da in Zukunft erwarten wird. Eines der Stichworte lautet: Überwachung. Das natürlich nicht nur im negativen Sinne. Denkbar wäre z.B. ein Funk-Chip (ob nun implantiert oder nicht), der in Notfällen alle nötigen Patienteninformationen ans nächste Krankenhaus weitergibt und so Leben retten kann.

Angesichts der bereits heute bestehenden immensen Ausmaße von Datensammlungen und Datenhandel ist für die Zukunft nichts Gute zu erwarten.

Schon die Gegenwart macht es den Datenschützern also nicht leicht. Wie wird da erst die Zukunft? Wenn der Einkaufswagen grüßt, die Zigaretten petzen und das Funkimplantat unter der Haut ein Verstecken unmöglich macht: Einen Blick ins Jahr 2020 bietet die Website wissen.ard.de: Ein Tag im Jahr 2020

Mesut Özil – neue Integrationsfigur?!

Es bedurfte eigentlich keiner Studie, um zu wissen, dass Zuwanderer aus der Türkei schlechter in Deutschland integriert sind als andere Gruppen. Jetzt wissen wir: Jeder Dritte ist ohne Schulabschluss. Die Gründe sind vielfältig. Neben der allgegenwärtigen Ablehnung durch die deutsche Gesellschaft ist ein Grund sicherlich auch der, dass türkische Migranten viel zu lange geglaubt haben, Deutschland wäre nur ein Provisorium für sie.

Mesut Özil mit Diego

Nun nominiert der Fußballbundestrainer Joachim Löw den erst 20 Jahre alten Mesut Özil von Werder Bremen für die A-Nationalmannschaft, nachdem sich Özil, der bereits zehn Mal für die deutsche U-21-Nationalmannschaft gespielt hat, dafür entschieden hat, weiterhin für Deutschland spielen zu wollen. Mesut Özil ist Türke und in Gelsenkirchen geboren. Seine Familie lebt allerdings in der dritten Generation in Deutschland. „Zwei Herzen schlagen in meiner Brust“, sagt der junge Fußballer. Und er hat es sich nicht leicht gemacht mit seiner Entscheidung: Lange hat der türkische Nationaltrainer Fatih Terim um den 20-Jährigen geworben. Aber vergeblich.

Das freut natürlich auch besonders die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Maria Böhmer: „Seine Nominierung ist ein wichtiges Signal für die Integration der Migranten in Deutschland. Özil setzt ein Zeichen für Migranten, sich in Deutschland aktiv einzubringen und zu engagieren. Zudem zeigt sein großer Erfolg anderen Menschen aus Zuwandererfamilien: Der soziale Aufstieg ist möglich, Anstrengung lohnt sich.“

Mesut bedeutet „Freude“, aber auch „Glück“. Der Wechsel des jungen Spielers vor genau einem Jahr zum SV Werder Bremen war auch ein Glück für diesen Verein, denn Özil überzeugt nachhaltig mit guten Leistungen und hat es so zum Stammspieler gebracht. Trotzdem kommt die Nominierung durch Bundestrainer Löw für das Testspiel der A-Nationalmannschaft am Mittwoch gegen Norwegen ziemlich überraschend.

Man sollte die Erwartungen an Mesut Özil natürlich nicht zu hoch schrauben, weder sportlich noch in der Rolle als neue Integrationsfigur. Wenn er aber durch seine Entscheidung, für Deutschland zu spielen, dazu beiträgt, die Zuwanderer aus der Türkei in Deutschland zu mehr Integration zu motivieren, dann ist das nicht nur ein sportlicher Erfolg.

Natürlich hat jede Medaille auch ihre Kehrseite: Das Gästebuch von Mesut Özils Website musste geschlossen werden, da er dort von aufgebrachten Türken übel beschimpft wurde.

siehe hierzu Videos: Der Grenzgang des Mesut ÖzilNiersbach: Özil ohne türkischen Pass – DFB-Generalsekretär über Integration im Fußball

Zivilcourage zeigen

Wir leben in einer Gesellschaft, in der jeder sich um sich selbst kümmert und keine Zeit für andere hat. Geraten andere sichtbar in Not, schauen wir viel zu häufig weg und lassen das Opfer allein. Es fehlt uns an Zivilcourage, an dem Mut, auch für andere einzutreten, den Mund aufzumachen, wenn offensichtlich Unrecht geschieht.

Die Frage ist, wie verhalte ich mich, wenn z.B. in der U-Bahn eine Person tätlich angegriffen wird. Zu dieser Frage und überhaupt zum Thema „Eingreifen“ gibt es im Internet einige hilfreiche Seiten, z.B. eingreífen.de.

Zivilcourage zeigen

Auch die Polizei gibt in aller Kürze Tipps und Verhaltenshinweise:

1. Ich helfe, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen.
2. Ich fordere andere aktiv und direkt zur Mithilfe auf.
3. Ich beobachte genau und präge mir Täter-Merkmale ein.
4. Ich organisiere Hilfe unter Notruf 110.
5. Ich kümmere mich um Opfer.
6. Ich stelle mich als Zeuge zur Verfügung.

Gefordert ist nicht Heldentum. Vielmehr genügen oft schon Kleinigkeiten, um eine große Wirkung zu erzeugen. Manchmal reicht es bereits, das Handy zu benutzen und Hilfe zu holen oder weitere Passanten um Unterstützung zu bitten.

Zum Täter sollte eine räumliche und psychologische Distanz gehalten werden. Man sollte z.B. das Opfer deutlich und laut fragen, ob es Hilfe benötigt. Spricht man den Täter an, so sollte man diesen auf keinen Fall duzen, sondern möglichst ‚höflich’ ansprechen.

Leider ist es oft genug gefährlich, sich einzumischen oder man muss mit Ärger rechnen. Mancher Helfer wird in der Öffentlichkeit schnell zum Täter erklärt, speziell wenn es um politisch bedingte Übergriffe geht; siehe hierzu das Dossier: Wer eingreift, muss sich vorsehen. Zivilcourage hat so seine Tücken. Sicherlich ist das auch der Grund dafür, wegzuschauen, sich nicht einmischen zu wollen. Andererseits dekoriert man „Helden des Alltags“, die eigentlich keine sein wollen, mit Preisen und Bundesverdienstkreuzen, was natürlich durchaus angemessen ist. Im Grunde aber muss es jeder mit sich selbst ausmachen, ob er hilft oder nicht. Es ist eine Gewissensfrage. Und: Zivilcourage zu entwickeln ist eine Frage der Stärke und des Selbstbewusstseins.

siehe hierzu auch meine Beiträge: Absurdität des AlltagsTostedt ist bunt – 2008