Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Hein Sager sagt (1): Also Hein Sager sagt …

    … wie kann ein Mensch trotz seiner Gedanken mit anderen Menschen zusammenleben, wie wird er mit dem Wildwuchs seiner Gedanken, die doch den Konventionen der Gesellschaft widersprechen, fertig …

    Martin Walser: Dichten und Trachten (Jahresschau des Suhrkamp Verlags), 1958, Folge 11, S. 91

Mein Name ist Sager. Der Vorname tut eigentlich nichts zur Sache, aber wer’s wissen will, er ist Hein. Jetzt aber keine blöden Witze von wegen ‚Hein vonne Werft‘, ihr wisst, ‚das nervt‘! Also Hein Sager heiß ich. Bitte, auch keine Scherze mit Nein-Sager. Ich bin kein Nein-Sager, obwohl ich schon manchmal sage: Schluss jetzt, es reicht!

    Hein Sager sagt …

Ich will hier nicht groß philosophieren. Ich bin kein Nietzsche oder ein Descartes, der dachte, wenn er denkt, dass er ist. Dass mit dem Sein verstehe ich schon: Man ist, man existiert also, wenn man denkt. Ein schöner Gedanke …

Ich will hier auch nicht auf die Kacke hauen – wie man so sagt. Ich will sagen, was mich stört, was ich einfach nicht gut finde. Dann kann ich sagen, was okay ist in der Welt, wenn das auch nicht viel ist.

So oder so ähnlich könnte Hein Sager beginnen, zu uns zu sprechen. Hein Sager: Wer ist das? Es könnte fast jede(r) sein. Okay, mit grauem Bart und Brille komme ich sicherlich in Frage. Und vielleicht zu 80 % (mal mehr, mal weniger) bin ich das dann wohl auch. Im Hintergrund (siehe unten) sieht man Franz Kafka, der hier nur stellvertretend sein Konterfei herhalten musste (zudem als Comic-Zeichnung), dem ich ein Bild von mir ‚über(ge)legt‘ habe. Ich fand die Kafka-Zeichnung interessant und fand zudem ein Bildchen von mir, das annähernd deckungsgleich ist.

Hein Sager sagt -  Von Kafka zu Willi …

    Er muß seine Launen mir gegenüber weniger beherrschen als ich meine Launen ihm gegenüber. Ich muß mich ununterbrochen zusammennehmen. Zum Beispiel politisch. Man möchte doch öfter einmal irgendwelchen politischen Quatsch daherreden dürfen. Der Chef tut das ungeniert und frei heraus.

    Martin Walser zur Abhängigkeit vom Chef: Wer oder was leistet Seelenarbeit? unveröffentlichtes Typoskript, o.D., Archivmaterial Martin Walser

Was will Hein Sager (oder ich mit ihm) sagen? Wer kennt nicht die Abhängigkeit von seinem Chef, wie Martin Walser es beschreibt. Und auch sonst wagt es kaum einer, dem ‚Wildwuchs seiner Gedanken‘ freien Lauf zu lassen. Die Konventionen halten diese in Schacht. Und selbst wenn man er wagt, sich einmal ‚so richtig auszukotzen‘ und dazu (wie hier) versucht, es einer Kunstfigur in den Mund zu schieben, gelingt das nur ungenügend. So glaube ich, es sei denn, man beginnt damit, darauf hinzuweisen, dass man sich ‚von dem Folgenden‘ (der Folgen wegen) von vornherein distanziert. Das wäre dann unaufrichtig.

Aber soweit will ich mit Hein Sager gar nicht gehen. Er ist eine Kunstfigur, die sagt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Das könnte mein Schnabel sein – es ist aber eher der Schnabel vieler. Eben derer, die sonst ihren Schnabel halten.

Noch eins: Hein Sager benutzt (wie ich) oft Anführungszeichen, auch ‚Gänsefüßchen‘ (sic!) genannt. Wir kennen das Zeichen: Zeige- und Mittelfinger beider Hände ausgestreckt und gegeneinander leicht versetzt in der Luft winkend. Es heißt, so meine ich es nicht wirklich, so meinen es andere. Wenn man schreibt, ist das klar. Da stehen die Häkchen unten und oben. Beim Sprechen hilft nur die genannte Geste. Das Gesagte oder Geschriebene ist ohne Anführungszeichen eine These, die dann durch die Anführungszeichen gewissermaßen zur Antithese wird. Was darauf folgt, sollte dann die Synthese sein. Man nennt das Dialektik.

Mark Twain: Die Tagebücher von Adam und Eva

Liebe auf den ersten Blick war es weiß Gott nicht – so lässt sich der Beginn der Romanze zwischen Adam und Eva beschreiben, wenn wir uns nicht auf die Genesis, sondern auf die Tagebücher berufen, die Mark Twain (1835-1910) seinen biblischen Protagonisten in die Federn diktierte. Mit ebenso humor- wie liebevoller Nachsicht verhandelt der weltberühmte amerikanische Autor hier die keineswegs paradiesischen Unzulänglichkeiten der Geschlechter am Beispiel des ersten Traumpaars der Geschichte. Dass die beiden schließlich doch noch zueinanderfinden, ist ein seltenes Glück für die Menschheit – und für den Leser!

Die Tagebücher von Adam und Eva von Mark Twain gibt es mit paradiesischen Bildern von Henri Rousseau als ‚handfestes‘ Büchlein, gegen das ein digitales Format (eBook) einfach nicht mithalten kann.

Mark Twain: Die Tagebücher von Adam und Eva

Mark Twain ist bekanntlich der ‚Vater‘ von Tom Sawyer und Huckleberry Finn, den wohl bekanntesten Jugendlichen der US-amerikanischen Literatur. Einst als Gegenkonzept zu den damals üblichen Kinderbüchern über Musterknaben und braven Mädchen entworfen, haben diese Klassiker der Jugendliteratur bis heute ihren Reiz nicht verloren.

Aber zurück zu Adam und Eva: Mark Twains kleiner Text hat Übersetzer förmlich wie Nektar die Bienen angezogen, dermaßen viele Übersetzung scheint es zu geben. Hier die ersten Sätze aus Adams Tagebuch:

Mark Twain: Die Tagebücher von Adam und Eva
ist ganz schön lästig. Ständig treibt es sich hier herum und folgt mit überall hin nach. Das behagt mir gar nicht, Gesellschaft bin ich nicht gewohnt. Wenn es doch bloß bei den anderen Tieren bliebe.

Und hier eine weitere Version (neu übersetzt vom Kim Landgraf):

Dieses neue Wesen mit den langen Haaren ist ziemlich im Weg. Es lungert immer irgendwo herum und rennt mir hinterher. Das gefällt mir nicht. Ich bin Gesellschaft nicht gewöhnt. Ich wünschte, es würde bei den anderen Tieren bleiben …

Im deutschen Projekt Gutenberg findet sich eine Übersetzung von Arno Niemer (© 2003):

Dieses neue Geschöpf mit den langen Haaren steht mir ganz schön im Weg. Es lungert nur rum und rennt hinter mir her. Ich mag das nicht, ich hatte vorher ja auch keinen Begleiter. Warum bleibt es nicht bei den anderen Tieren?

… und ebenda noch eine Übersetzung (ohne Namensnennung):

Dieses neue Geschöpf mit dem langen Haar fängt an, mir sehr im Wege zu sein. Es ist immer hinter mir her und lungert beständig um mich herum. Ich mag das nicht; ich bin nicht an Gesellschaft gewöhnt. Ich wünschte, es bliebe bei den übrigen Tieren …

siehe auch (im englischen Original):
Eve’s Diary, Complete by Mark Twain
The Entire Project Gutenberg Works of Mark Twain by Mark Twain

siehe außerdem: Heute Ruhetag (11): Mark Twain – Die Schrecken der deutschen Sprache

Andreas Hock: Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann?

    „Man sollte alle Tage wenigstens ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein treffliches Gemälde sehen und, wenn es möglich zu machen wäre, einige vernünftige Worte sprechen.“
    Johann Wolfgang von Goethe: Theaterdirektor Serlo zu seinem Freund Wilhelm Meister

Nun ja, der Titel des Buchs Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? – Über den Niedergang unserer Sprache von Andreas Hock hat mich ‚aufgeschreckt‘. Und dass es mit unserer deutschen Sprache nicht gerade zum Besten bestellt ist, war mir schon länger bekannt. Aber gleich vom Niedergang sprechen …? Ich selbst habe mich in diesem Blog bereits weitreichend mit dem ‚Niedergang‘ der deutschen Sprache beschäftigt (siehe unten, dort findet Ihr mehrere Handvoll Links auf meine Beiträge zu dem Thema).

    Andreas Hock: Bin ich denn der Einzigste hier, wo Deutsch kann? - Über den Niedergang unserer Sprache

Zum Titel des Buchs: Der Duden sagt, dass „einzig“ normalerweise nicht gesteigert wird, schließt es also nicht bedingungslos aus. Selbst ein Autor wie Martin Walser („Er habe seit längerem geglaubt, er sei schon alt. Das war, wie er jetzt wisse, ein naseweises Anempfinden. Das einzigste, was ein wenig in die richtige Richtung ging, war eine Art Mitleid mit Alten.“ in Der Augenblick der Liebe auf Seite 200) lässt das Wort in ‚gesteigerter Form‘ zu. Fündig wurde ich dann u.a. auch in Übersetzung zu Anthony Burgess‘ 1985, André Gides Die Falschmünzer bzw. Umberto Ecos Der Friedhof in Prag (auch Heinz Strunk in Fleisch ist mein Gemüse benutzt die Steigerung). Es ist mehr ein logisches, als ein sprachliches Problem. Und ein ‚wo‘ statt des Relativpronomens „der“ ist im Duden als landschaftlich salopp (dem Süddeutschen entlehnt) beschrieben.

Es war einmal eine Sprache, die vor lauter Poesie und Wohlklang die Menschen zu Tränen rührte. Die von Dichtern und Denkern immer weiter perfektioniert wurde. Die um ein Haar auf der ganzen Welt gesprochen worden wäre. Das aber ist lange her – und ein für alle Mal vorbei. Heute ist Deutsch ein linguistisches Auslaufmodell!

Wie konnte es nur so weit kommen, dass unsere Kids zwar wissen, wer der Babo ist – aber keine Ahnung haben, wer dieser Goethe war? Warum wundern wir uns nicht, wenn uns die Werbung von Care Companys, Createurs d’Automobiles oder Sense and Simplicity erzählt? Und wieso, verdammt noch mal, nennen wir unsere Kinder Justin, Cheyenne oder Jeremy?

Andreas Hock fand Antworten auf diese und viele anderen Fragen über den Niedergang unserer Sprache – der eigentlich vor Hunderten von Jahren schon begann und an dem nicht nur Friedrich der Große, Adolf Hitler oder Helmut Kohl Schuld sind. Sondern voll wir alle, ey!
(Umschlagtext des Buches)

Soviel sei gleich gesagt, Andreas Hock ist nicht unbedingt ein Sprachpurist, geschweige denn ein Bewahrer der deutschen Sprache. Dazu dilettiert er zu sehr im Gebiet der Linguistik. Sein Buch will in erster Linie provozieren, versteht sich als Polemik und ist dabei durchaus witzig zu lesen. So neigt der Autor neben all den Verallgemeinerungen zu gewollten Übertreibungen, z.B. die Verwendung des Apostrophes: Bertha’s Snack’s. Leider wird beim Genitiv ziemlich häufig dieses kleine Häkchen verwendet, auch wenn es nur bei Namen erlaubt ist, die auf S und ähnliche Zischlaute enden (z.B. Klaus‘ Snacks). Das Plural-S ist dagegen nicht nur schlechtes Deutsch, sondern Dummheit wie ‚hausgemachte’s Rind’sgulasch‘. Solche und ähnliche Beispiele sind ausgesprochene Einzelfälle und belegen in keiner Weise den Niedergang unserer Sprache, sondern nur die Dummheit einzelner Personen. Das hätte sich Herr Hock ersparen können.

Sicherlich ist ein großes Problem die große Flut von Anglizismen. Nur sollte man schon einen Unterschied zwischen normalen sprachlichen Entwicklungen, dem Gebrauch in Fachsprachen und wirklichen Missständen machen (z.B. das Denglische). Ein Übel, wenn vielleicht auch ein notwendiges, ist die Verwendung von Abkürzungen, besonders in Fachsprachen (z.B. in der IT, also Informationstechnik).

Apropos Informationstechnik: Andreas Hock hegt eine allumfassende Abneigung gegen alles, was mit moderner Kommunikationstechnik (z.B. Internet) zu tun hat und macht gerade hier den Verfall unserer Sprache aus. E-Mails und Kurznachrichtendienste (SMS) sind die Brutstätte verbaler Unzulänglichkeiten. In Wikipedia erkennt er „das Speicherplatz gewordene Nachschlagewerk der Oberflächlichen“ (S. 88) und bleibt selbst äußerst oberflächlich. Es ist ja nicht so, dass er völlig Unrecht hätte. Was ich z.B. täglich an E-Mails bekomme wimmelt nur so von Flüchtigkeitsfehlern. Aber – bezogen auf Jugendliche – um eine SMS zu schreiben, muss man immerhin lesen und schreiben können.

Der Autor ist kein Freund der neuen Rechtschreibung. Auch ich habe seinerzeit besonders die Konzeptlosigkeit des Rats für deutsche Rechtschreibung bemängelt. Vor rund 10 Jahren gab es ein einziges Tohuwabohu, z.B. weil Schriftsteller und Zeitungen anders schrieben, als es die offizielle Rechtschreibung verlangte. Inzwischen hat sich das längst geglättet und auch ein Schriftsteller wie Martin Walser schreibt nach den neuen Rechtschreibregeln. Eigentlich ist die Debatte um die Rechtschreibreform längst der Schnee von gestern. Nicht so bei Herrn Hock, der zudem noch Zusammenhänge herstellt, die bei den Haaren herbeigezogen sind. Er schreibt: Laut einer Studie der Universität Hamburg von 2011 können nun 7,5 Millionen Menschen in unserem Land nicht richtig lesen und schreiben. Das sind: drei Millionen mehr als vor der Reform! (S. 161)

Andreas Hocks Buch ist in erster Linie dem wohlfeilen Sinnen vieler selbsternannter Sprachhüter geschuldet und von daher eher ein Ärgernis als ein Appell, sich der Wurzeln der deutschen Sprache zu bedienen, dieser also wieder neues Leben einzuhauchen.

Der Autor begibt sich in die Niederungen der Deutschen Sprache und meint nun, alles und jedes dort Aufgewühlte verallgemeinern zu müssen. Er fürchtet den Verlust der deutschen Identität. Nur versteht er sicherlich etwas anderes darunter als z.B. ich. Unsere Sprache des Alltags ist nun einmal nicht voll ‚lauter Poesie und Wohlklang‘. Im Zusammenhang mit der neuen Rechtschreibung schrieb ich vor etwa anderthalb Jahren: Ich denke, dass man eindeutig unterscheiden muss, nämlich zwischen einer amtlichen Rechtschreibung, die z.B. für Behörden, Gerichte, natürlich auch für Schulen gültig ist, und einer ‚nichtamtlichen’, bei der dann allerdings „jeder nach eigenem Gutdünken schreiben darf“. Letztere sollte man positiv sehen: Es gab und gibt genügend Schriftsteller, die sich bewusst nicht an die amtliche Rechtschreibung halten und sei es nur, um ungewöhnliche Wortneuschöpfungen zu kreieren. Sprache hat auch etwas mit Phantasie zu tun – und der sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt, auch keine amtlich reglementierten.

Lächerlich, aber gekonnt im Buch platziert ist dabei der wiederholte Hinweis, dass deutsch „um ein Haar auf der ganzen Welt gesprochen worden wäre“: Erst fast Weltsprache, jetzt nur noch Auslaufmodell! So ein Buch verkauft sich ‚wie warme Semmeln‘.

siehe auch ein Interview mit Andreas Hock in der Süddeutschen Zeitung – Magazin

Bevor ich auf meine eigenen Beiträge ‚in dieser Sache‘ verweise, möchte ich einige Fehler in dem Buch aufdecken, die ich ärgerlich finde. Zunächst geht es um die Brüder Grimm (S. 34). Hier vermischt Herr Hock die Deutsche Grammatik, die allein Jacob Grimm verfasst hat, mit dem Mammutwerk des Deutschen Wörterbuchs. Ich habe den Eindruck, dass Herr Hock bisher noch nie einen Blick in dieses Wörterbuch geworfen hat.

Herr Hock spricht von der Beatgeneration (S. 47) der Sechzigerjahre und Beatniks (S. 93) und meint wohl die Generation der so genannten Beatmusik (Beatles, Rolling Stones usw.). Als Beat Generation wird eine Richtung der US-amerikanischen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg in den 1950er Jahren bezeichnet und ist als solches ein fester Begriff. Und R ‘n‘ B (Rhythm and Blues) war gewissermaßen der Vorläufer des Rock ’n’ Roll, gab es also nicht zeitgleich mit Techno, Hip-Hop usw. (S. 132).

    So wühlt man sich durch den deutschen Wortschatz

siehe auch meine Beiträge:
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm
Von Archaismen und Neologismen
technosexual lifestyle
Was ist ein Jackpot?
You need Zugzwang
Wenn der Amtsschimmel wiehert
Typisch deutsch: Gemütlichkeit
Wörterbuch der Szenesprache
Man spricht Deutsch
Bedrohte Sprachen in Deutschland
Daher der Name Bratkartoffel (1)
Daher der Name Bratkartoffel (2)
Kafkas Wortschatz und Kiezdeutsch
Wortschatz
Unworte
Deutsch 3.0
Jugendkriminalität und das geschriebene Wort

Günter Grass: Der Butt (1977)

Aus Anlass des Todes von Günter Grass im April diesen Jahres las ich erneut einen seiner wichtigsten Romane: Der Butt, der 1977 erschien. Mit Fokus auf das Gebiet der Weichselmündung behandelt er auf mehreren Erzählebenen die Geschichte der Menschheit von der Jungsteinzeit bis zur Gegenwart und hier insbesondere das Verhältnis zwischen Mann und Frau. Das Märchen Vom Fischer und seiner Frau ist dabei Ausgangspunkt und strukturgebendes Merkmal. Daraus entnommen der Butt, ein sprechender Fisch, den Grass als allzeitiger Berater der Männersache vorführt.

    Günter Grass: Der Butt (1977)

Mit der Zeugung eines Kindes beginnt der Icherzähler Günter Grass seinen Roman ‚Der Butt‘ und er beendet ihn mit der Geburt. Dazwischen, in den neun Monaten der Schwangerschaft, denen die neun Kapitel des Romans entsprechen, erzählt er seiner Frau, die er nach dem Märchen ‚Vom Fischer un syne Frau‘ Ilsebill nennt, von seinen Lebensläufen durch die Jahrhunderte.
Wie in jenem Märchen nahm seine lange Geschichte ihren Lauf an einem schönen Sommertag gegen Ende der Jungsteinzeit, als der Fischer Edek aus der Ostsee, dort wo Jahrtausende später die Stadt Danzig erstand, einen wundersamen Fisch fing, den uralten, sprechenden, allwissenden Butt. Zum Dank für die geschenkte Freiheit macht ihn der Butt unsterblich, begleitet er ihn als Mentor durch die Jahrhunderte. Vom Butt beraten, löst sich der Icherzähler aus der wärmenden Fürsorge der herrschenden Frauen, verläßt er Aua, das dreibrüstige Urweib in der Weichselmündung, vertritt er fortan die Herrschaft der Männer über die Frauen. Und doch verfällt er immer wieder dem Ewig-Weiblichen, vor allem den Kochkünsten der Frauen. Von neun Köchinnen weiß er Ilsebill zu berichten, von neun, vom Zeitgeist der jeweiligen weltgeschichtlichen Epoche bestimmten Frauen, liebenden und mörderischen, treusorgenden und herrschsüchtigen – immer neue Verwandlungen und Geschichten, Legenden, Sagen und Parabeln von Jahrhundert zu Jahrhundert. Indessen vollendet sich das Märchen vom Butt in der Gegenwart.
In den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, während Ilsebill vergangenen Mythen lauscht, haben drei Frauen an der Ostseeküste den Butt erneut an der Angel, muß er sich in Berlin in einer Zinkwanne vor einem feministischen Tribunal verantworten, angeklagt als Betreiber der Männersache, als Verantwortlicher für das bittere Los der Frauen von der Steinzeit bis heute.

Dieser prall und sinnlich, poetisch und frivol erzählte und von Küchendüften durchzogene Roman von der Herrschaft der Männer und der Freiheit der Frauen ist eine magisch beschworene Menschheitsgeschichte aus mythologischer Vergangenheit und realer Gegenwart, phantastische Erfindungen und wahren Geschichten ohne Ende, ein „Danziger ‚Zauberberg‘“.
(aus dem Klappentext)

    Ilsebill salzte nach. Bevor gezeugt wurde, gab es Hammelschulter zu Bohnen und Birnen, weil Anfang Oktober. Beim Essen noch, mit vollem Mund sagte sie: „Wolln wir nun gleich ins Bett oder willst du mir vorher erzählen, wie unsre Geschichte wann wo begann?“

So beginnt dieser gut 550 Seiten starke Roman, wobei der Romanbeginn 2007 zum schönsten ersten Satz eines deutschsprachigen Romans gewählt wurde. Es geht also um Bett- und Küchengeschichten. Oft deftig das eine wie das andere. Und es geht um Männer und Frauen. Am Anfang stand das Matriarchat, eine Zeit, in der die Frauen das Sagen hatten. Aber die Männer wollten ihr ‚eigenes Ding‘. Und dank des Butts, der sich den Männern als Mentor anbot, übernahmen die Männer nach und nach das Ruder: „Das war am 3. Mai 2211 vor unserer Zeitrechnung – es soll ein Freitag gewesen sein – an einem jungsteinzeitlichen Tag“ (S. 26), als Edek, der junge Fischer, den sprechenden Plattfisch aus der Ostsee angelte.

Die Frauenbewegung war wenig von dem Roman angetan. Die Frauenzeitschrift Emma kürte Grass für sein Werk sogar zum Pascha des Monats. Heute liefe der Roman Gefahr, des Sexismus bezichtigt zu werden

Ja, es geht kaschubisch-rustikal zur Sache. Was da auf den Teller kommt, ist deftig-kräftig und verlangt einen guten Magen. Und in den Betten und Kojen fließen reichlich Körpersäfte. Am Ende kommt dann so etwas wie eine Bestandsaufnahme heraus: die Geschichte der Menschen, die durch Männer bestimmt ist, hat meist nur Krieg und Verderben hervorgebracht.

So kann und muss man Grass‘ Roman als eine Suche nach einem Dritten Weg verstehen. Ende der 60-er, Anfang der 70-er Jahre gab es die Suche nach alternativen Konzepten zu Kommunismus und Kapitalismus (Stichwort: Prager Frühling 1968). Dem Inhalt und der Thematik des Romans zufolge, könnte die von Grass gesuchte Alternative ein Mittelweg zwischen den zwei Extremen Matriarchat und Patriarchat sein. Ich denke aber, dass für Günter Grass der Dritte Weg letztendlich doch nur Illusion, nie aber eine realisierbare Option war.

Ich habe den Roman als Fischertaschenbuch 2181 – Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 101. – 150. Tausend: November 1979 – vorliegen und zum ersten Mal im Herbst 1981 gelesen. Damals habe ich mir ein kleines Personenregister angelegt, das ich hier als PDF-Datei beilege. Denn über die Jahrhunderte des erzählenden Werkes treten recht viele Personen auf. So behält man die Übersicht. Ich habe den Roman wie anfangs erwähnt anlässlich des Todes von Günter Grass erneut gelesen. Dabei habe ich mir Zeit gelassen. Es ging mir dabei wohl ähnlich wie Rolf Michaelis, der damals in der Wochenzeitschrift Die Zeit schrieb:

„Schon lange nicht mehr so Schönes gelesen. Ein Buch, mit dem man lange leben kann. Mit diesem Roman, nach dem sprechenden Plattfisch des Märchens benannt, geht es einem wie mit Menschen: Man hört zu, hört auch mal weg, ist glücklich und mal ärgerlich.“

Bei dieterwunderlich.de habe ich eine sehr ausführliche Inhaltsangabe samt Zitaten gefunden, die ich dem interessierten Leser hiermit empfehlen möchte. Zuletzt noch einige weitere Auszüge aus Rezensionen:

„Es ist die kunstvollste Verzwirnung individuellen Geschehens mit Historie, die ein Roman seit Joyce‘ ‚Ulysses‘ geleistet hat.“
Fritz J. Raddatz in Merkur

„Groß, frisch, oft überraschend, vor allem dann, wenn Grass sinnliche Sagas oder menschliche Tragödien unserer Gegenwart beschreibt, sind Sprache und phantasmagorische Phantasie dieses genialischen Erzählers.“
Joachim Kaiser in Süddeutsche Zeitung

„Ein Roman, in jeder Zeile erfüllt von praller Sinnlichkeit, voller Gerüche und auch Gestank, kraftvoll zupackend und zart, weit ausholend, ausschweifend und gebändigt.“
Kurt Lothar Tank in Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt

The Franz Kafka Rock Opera

Franz Kafka hat auch heute noch eine ungewohnt starke Anziehungskraft, besonders im englischen Sprachraum. Nicht neu und erst jetzt von mir ‚entdeckt‘ ist die Adaption einer Kafka’schen Erzählung zu einer Folge einer animierten Sitcom-Serie. Dabei handelt es sich um die US-amerikanische Fernsehreihe Home Movies. Und aus der ersten Staffel stammt die Folge sechs mit dem Titel: Director’s Cut.

    Home Movies – Season One – Episode 6: Director's Cut @ en.wikipedia

Dwayne, einer der Hauptfiguren der Serie, schreibt eine Rockoper, die auf Kafkas Erzählung Die Verwandlung (englisch: The Metamorphosis) basiert. Natürlich gibt es dazu einen filmischen Ausschnitt – und (darunter) die Lieder (deren fünf) im englischen Original. Ich denke, Franz Kafka hätte seinen Spaß daran gehabt, den ich nun euch wünsche:

• Kafka Song #1: Introduction
He is Franz Kafka!
Franz Kafka!
Be careful if you get him pissed…
Franz! Franz Kafka!
He’ll smite you with metaphor fists!
Writing all he can, he’s just a man
A warrior of words taking a stand
He is Franz Kafka!
Spoken: Oh look, but there he is, what will he say?
I’m a lonely German…a lonely German from Prague!
Kafka! Kafka! Kafka!

• Kafka Song #2: Turning into a bug
I don’t know what’s wrong with me I think I’m turning into a bug
I see double what I see I think I’m turning into a bug
I ain’t got no self-esteem I think I’m turning into a bug
Bet you fifty dollars I’m a man, I’m a scholar and I’m turning into a bug
Momma like a daddy like a baby like a baby like I’ll turn into a bug
Yeah! Yeah!
He is Franz Kafka!

The Franz Kafka Rock Opera: Living like a bug ain’t easy

• Kafka Song #3: Living like a bug ain’t easy
Living like a bug ain’t easy
My old clothes don’t seem to fit me
I got little tiny bug feet
I don’t really know what bugs eat
Don’t want no one stepping on me
Now I’m sympathizing with fleas
Living like a bug ain’t easy…

• Kafka Song #4: Ending
Spoken: Welcome to heaven Franz! My name is God! I think you’re going to like it here!
He is Franz Kafka!

[• Louis, Louis End Rap
Well, I’m, curing disease
Helping blind people read
Don’t drink that milk without talking to me (Oh yeah!)
I’m saving those who can’t see with their eyes
Don’t mess with me you’ll get pasteurized!
Yeah! Come on! Come on! Louis Louis in the house! Break it down!

(Jason does a human beatbox)]

• Kafka End Song
Right now he can
He’s just a man
A warrior of words
Taking a stand
He grew up very poor
He’s steel, it’s to the core
Born in 1883 died in 1924
He is Franz Kafka!

Quelle u.a.: The Animated Franz Kafka Rock Opera (openculture.com)

Heute Ruhetag (54): Robert Musil – Der Mann ohne Eigenschaften

Robert Musil (* 6. November 1880 in Klagenfurt am Wörthersee; † 15. April 1942 in Genf) war ein österreichischer Schriftsteller und Theaterkritiker.

Musils Werk umfasst Novellen, Dramen, Essays, Kritiken und zwei Romane, den Bildungsroman Die Verwirrungen des Zöglings Törleß und sein unvollendetes Magnum Opus Der Mann ohne Eigenschaften von (je nach Ausgabe knapp unter bis über) 1000 Seiten. Zum ersten gibt es die Verfilmung Der junge Törleß von Volker Schlöndorff aus dem Jahre 1965 mit Mathieu Carrière in der Titelrolle.

Musils Der Mann ohne Eigenschaften zählt neben den Romanen Ulysses und Finnegans Wake von James Joyce, Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit und dem Roman Berlin Alexanderplatz von Alfred Döblin zu den literarischen Werken des letzten Jahrhunderts (Kafkas Romane lasse ich ganz einfach außen vor …). Allein die Seitenzahlen dieser Bücher mag manchen Leser zurückschrecken lassen. Aber vielleicht wagt es doch der oder die eine oder andere, dem Werk ‚auf den Leib‘ zu rücken. So ein Pfingsttag eignet sich bestimmt für den Anfang. Wohl bekommt’s 😉 !

    Heute Ruhetag = Lesetag!

Erster Teil – Eine Art Einleitung
1 Woraus bemerkenswerter Weise nichts hervorgeht

Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen. Die Isothermen und Isotheren taten ihre Schuldigkeit. Die Lufttemperatur stand in einem ordnungsgemäßen Verhältnis zur mittleren Jahrestemperatur, zur Temperatur des kältesten wie des wärmsten Monats und zur aperiodischen monatlichen Temperaturschwankung. Der Auf- und Untergang der Sonne, des Mondes, der Lichtwechsel des Mondes, der Venus, des Saturnringes und viele andere bedeutsame Erscheinungen entsprachen ihrer Voraussage in den astronomischen Jahrbüchern. Der Wasserdampf in der Luft hatte seine höchste Spannkraft, und die Feuchtigkeit der Luft war gering. Mit einem Wort, das das Tatsächliche recht gut bezeichnet, wenn es auch etwas altmodisch ist: Es war ein schöner Augusttag des Jahres 1913.

Autos schossen aus schmalen, tiefen Straßen in die Seichtigkeit heller Plätze. Fußgängerdunkelheit bildete wolkige Schnüre. Wo kräftigere Striche der Geschwindigkeit quer durch ihre lockere Eile fuhren, verdickten sie sich, rieselten nachher rascher und hatten nach wenigen Schwingungen wieder ihren gleichmäßigen Puls. Hunderte Töne waren zu einem drahtigen Geräusch ineinander verwunden, aus dem einzelne Spitzen vorstanden, längs dessen schneidige Kanten liefen und sich wieder einebneten, von dem klare Töne absplitterten und verflogen. An diesem Geräusch, ohne daß sich seine Besonderheit beschreiben ließe, würde ein Mensch nach jahrelanger Abwesenheit mit geschlossenen Augen erkannt haben, daß er sich in der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien befinde. Städte lassen sich an ihrem Gang erkennen wie Menschen. Die Augen öffnend, würde er das gleiche an der Art bemerken, wie die Bewegung in den Straßen schwingt, bei weitem früher als er es durch irgendeine bezeichnende Einzelheit herausfände. Und wenn er sich, das zu können, nur einbilden sollte, schadet es auch nichts. Die Überschätzung der Frage, wo man sich befinde, stammt aus der Hordenzeit, wo man sich die Futterplätze merken mußte. Es wäre wichtig, zu wissen, warum man sich bei einer roten Nase ganz ungenau damit begnügt, sie sei rot, und nie danach fragt, welches besondere Rot sie habe, obgleich sich das durch die Wellenlänge auf Mikromillimeter genau ausdrücken ließe; wogegen man bei etwas so viel Verwickelterem, wie es eine Stadt ist, in der man sich aufhält, immer durchaus genau wissen möchte, welche besondere Stadt das sei. Es lenkt von Wichtigerem ab.

[…]

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften

Ralf-Peter Märtin: Dracula – Das Leben des Fürsten Vlad Tepes

    „Der wutrich und tirann vollbracht
    Alle die pein die man erdacht.
    Dy tirannen alsander
    Kainer so vil nie hat getan,
    Herodes, Dieoclecian,
    Nero und auch all ander.“

Michel Beheim: Von ainem wutrich der hies Trakle waida von der Walachei

Bram Stoker (1847 – 1912) war ein irischer Schriftsteller der uns hauptsächlich durch seinen Roman Dracula bekannt wurde. 1890 traf Stoker den ungarischen Professor Arminius Vámbéry, der ihm von der Legende des rumänischen Fürsten Vlad III. Drăculea (Drakula) erzählte. Aus diesem Charakter entwickelte Stoker die Figur des Vampirs Dracula. Sieben Jahre arbeitete Stoker an diesem Vampirroman, bis er am 18. Mai 1897 veröffentlicht wurde.

Seitdem geistert der dem 15. Jahrhundert entstammende Balkan-Fürst Vlad III. Draculea durch Romane und Horrorfilme. Wenn der historische Vlad auch nicht das Blut seiner Opfer trank, soll er doch ein äußerst brutaler Zeitgenosse gewesen sein. Nach seiner angeblich bevorzugten Hinrichtungsart trug er den Beinamen Vlad Țepeș (sprich Tzepesch – deutsch „Pfähler“).

Heute dürfte den Roman kaum einer gelesen haben. Dafür kennen die meisten aber mindestens eine der zahlreichen Verfilmungen des Romans. Begonnen hat das schon früh in der Stummfilmzeit: „NosferatuEine Symphonie des Grauens“; 1922 von Friedrich Wilhelm Murnau (Pseudonym für F.W. Plumpe) gedreht, mit May Schreck in der Rolle des Grafen. Einer der bedeutendsten deutschen Stummfilme. Trotz abweichender Titelei eine Adaption des Stokerschen Romans. ‚Der‘ Klassiker des Genres.

Das war nur der Auftakt. Es folgten viele andere Filme, die den Namen Dracula im Titel hatten.

Das Jahr 1979 brachte eine Renaissance des Vampirfilms […]. John Badhams Hollywood „Dracula“ mit dem schönen Frank Langella in der Hauptrolle, versprach zunächst Neues, indem er den Grafen als melancholisch-romantischen Bösen à la Byron präsentierte. Die an sich reizvolle Konzeption wurde aber durch eine Überfülle von Stilbrüchen heillos torpetiert.

Bram Stokers Dracula (1992) – Bram Stoker’s Dracula ist ein Horror- und Liebesdrama aus dem Jahr 1992 unter der Regie von Francis Ford Coppola. Die Hauptrollen spielten Gary Oldman als Graf und Anthony Hopkins als sein Kontrahent Professor van Helsing. Coppolas Filmadaption gilt – trotz einiger dramaturgischer Abweichungen – als die werktreueste Umsetzung von Bram Stokers Vampirroman.

Alle drei Filme habe ich zu Hause in meiner Mediathek vorliegen und habe angesichts dieses Beitrag wenigstens schon einmal einen Blick in alle drei hineingeworfen: Schaurig-schön … Wie bereits erwähnt: Ausgangspunkt des Dracula-Stoffes ist der rumänische Fürst Vlad III. Drăculea aus dem 15. Jahrhundert. Vlad Țepeș mag zwar ‚blutrünstig‘ gewesen sein, aber ein Vampir war er sicherlich nicht. Trotzdem ist seine Geschichte höchst fesselnd, zudem dann, wenn man sich für die Geschichte seiner Zeit interessiert: Die Türken hatten weite Teile des Balkan besetzt. Mehmed II., der Eroberer, Sohn von Murad II., regierte als Sultan des Osmanischen Reiches von 1451 bis 1481 – hatte Konstantinopel erobert und machte diese unter dem Namen Istanbul 1457 zu seiner Hauptstadt.

Bei mir kam vor vielen Jahren noch ein weiteres Interesse hinzu, was den Herrscher der Walachei (eben jeden Vlad III. Drăculea) betrifft. Ich war mit meiner heutigen Frau Mitte der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zweimal in Rumänien und damit zwischen der Walachei und Transsilvanien (Siebenbürgen) unterwegs. Unter anderem besuchten wir auch Schloss Bran, das Touristen immer wieder gern als Draculaschloss präsentiert wird, obwohl Vlad III. Drăculea, dessen Herrschaft sich nicht auf dieses innerhalb des Karpatenbogens liegende Gebiet erstreckte, es nie betreten hat. Anderen Quellen zufolge hat er dort eine einzige Nacht in Gefangenschaft verbracht, als es noch Kronstadt gehörte. Es erinnert jedoch sehr an die Beschreibung von Draculas Burg aus Bram Stokers gleichnamigem Roman.

Kommen wir zum historischen Dracula (und seiner Familie) im Schnelldurchgang: Im Jahre 1431 befindet sich Vlad Besarab II., abgesetzter Wojwode der „Tara Româneasca“ (Walachei), der aufgrund seiner Mitgliedschaft im Drachenorden Kaiser Sigismunds den Beinamen Dracul trägt, in seinem Exil im siebenbürgischen Schäßburg, als sein zweiter Sohn geboren wird. Als Erwachsener wird der Drachensohn (Draculea) als Vlad III. „Ţepeș“ (der Pfähler), von den Osmanen „Scheitanoglu“ genannt, in die Geschichte eingehen … Und 466 Jahre später – wir wissen es längst – wird in London Bram Stokers Roman Dracula veröffentlicht, der den gefürchteten walachischen Fürsten zum dämonischen Vampirgrafen mutieren lässt…..

Zurück zu Vlad Dracul, dem Vater: Um der Treue Vlad Draculs sicher zu sein, bat sich Murad II., dem türkischen Sultan von 1431 bis 1451, zwei seiner Söhne als Geiseln aus. Der Fürst sandte ihm Vlad Draculea und seinen um fünf Jahre jüngeren dritten Sohn Radu. Den ältesten, Mircea, behielt er bei sich. (S. 34)

Später wurde Vlad Dracul [von den Ungarn] geschlagen, konnte aber fliehen. Sein Sohn Mircea, wurde gefangengenommen und in Tirgoviste hingerichtet. In der Nähe von Bukarest, kaum 60 Kilometer von der rettenden Donau entfernt, ereilte auch Vlad Dracul ein gewaltsamer Tod, er wurde erschlagen. Sein Grab, so man ihm eins gönnte, blieb unentdeckt bis auf den heutigen Tag. (S. 71)

Radu der Schöne [der Bruder] war im Lauf des Jahres 1475 den walachischen Wirren zum Opfer gefallen, ob in der Schlacht oder ermordet, ist strittig, sicher ist, daß es kein friedlicher Tod war. (S. 149)

Und wie endete Vlad III. Drăculea? … am 26. [November 1476] wurde Vlad Tepes zum dritten Mal als Woiwode ausgerufen. […] Der Moldaufürst [Stefan] überließ ihm eine Leibgarde von 200 ausgesuchten Kämpfern. So war er nicht ganz allein als um die Jahreswende 1476/77 ein Kontigent türkischer Akindschis mit Basarab Laiota im Gefolge in die Walachei einfiel. Starb Vlad Tepes im Kampf oder enthauptete ihn, dies die zweite schrecklichere Lesart, ein gedungener Mörder hinterrücks, so daß ihm der Kopf vor die Füße rollte? […]
Der Körper des Fürsten wurde in Snagov bestattet, einem Inselkloster unweit Bukarest. […] Sein Kopf hingegen, sorgfältigst in Honig konserviert, wurde als handgreifliches Beweisstück Mehmed II. übersandt, sodann auf einer Stange befestigt und zur Schau gestellt. (S. 155).

    Ralf-Peter Märtin: Dracula – Das Leben des Fürsten Vlad Tepes

Vlad III. Drăculea war zeitlebens ein grausamer Herrscher und machte auch vor seinem eigenen Volk keinen Halt. So abstoßend es heute wirken mag, wie der Herrscher über die Walachei mit Untertanen und Kriegsgegnern verfuhr – eine Ausnahme bildete er damit zu seiner Zeit keineswegs. Das Pfählen beispielsweise war als Strafe auch im damaligen Europa und im Osmanischen Reich verbreitet. In seinem Buch Dracula: Das Leben des Fürsten Vlad Tepes berichtet der Autor Ralf-Peter Märtin, dass andere zeitgenössische Machthaber dem Fürsten an Grausamkeit kaum nachstanden. So habe der französische König Ludwig XI., der als ein gerechter Herrscher galt, versucht, einen Verräter durch Begießen der Augen mit kochendem Wasser zu blenden. Der osmanische Sultan Mehmed II. wiederum habe die 300-köpfige Besatzung einer Burg, die ihm Widerstand geleistet hatte, niedermetzeln und ihren Hauptmann zersägen lassen.

    Vlad Tepes speist unter den Gepfählten

Die bevorzugte Hinrichtungsart trug dem walachischen Fürsten den Beinamen Vlad Țepeș, Vlad, der Pfähler ein. Grausamer geht es wohl kaum wie in dem Buch aus Roland Villeneuve: Grausamkeit und Sexualität, Stuttgart 1975, S. 24/25, zitiert wird:

„Um diese Strafe zu vollziehen, legt man den Verurteilten auf den Bauch, bindet seine Hände auf den Rücken fest und befestigt seine Beine so, daß sie weit gespreizt sind. […] Nachdem die Öffnung, durch die der Pfahl gehen soll, hinlänglich eingeölt ist, nimmt der Henker diesen in beide Hände und stößte ihn so tief er kann in den Anus des Verurteilten. Dann treibt er ihn mit Hilfe eines Hammers 50 bis 60 Zentimeter hinein. Hernach wird der Pfahl aufgerichtet und in die Erde gerammt. Der Delinquent bleibt nun sich selbst überlassen. Er hat nichts, an dem er sich anhalten könnte und wird von der Schwere seines Gewichts zu Boden gezogen, so daß der Pfahl immer tiefer in ihn eindringt, bis er schließlich entweder aus der Schulter, oder aus der Brust oder auch aus dem Magen wieder heraustritt.
Der Tod, der die schrecklichen Leiden dieses Unglücklichen beenden soll, läßt sich Zeit. Man hat Verurteilte gekannt, die bis zu drei Tagen in dieser schrecklichen Lage lebend zubrachten. Die Geschwindigkeit, mit der der Tod eintritt, ist verschieden und hängt von der Konstitution des Opfers wie von der Richtung des Pfahls ab. Tatsächlich hat man, in einem unglaublichen Raffinement von Grausamkeit, dafür gesorgt, daß die Spitze des Pfahls nicht ganz scharf, sondern ein wenig abgerundet ist. Dadurch wird vermieden, daß der Pfahl die Organe, die in seinem Weg liegen, durchbohrt und so einen raschen Tod herbeiführt. Die Organe werden nicht durchstoßen, sondern nur aus ihrer natürlichen Lage gedrängt. So wurden stark blutende Verletzungen vermieden und der Tod hinausgezögert, während die Schmerzen durch die Zusammenpressung der Nerven unbeschreiblich waren.“ (S.“137)

Dass gerade Vlad der Ruf besonderer Grausamkeit anhing, dürfte vor allem auf eine Flugschriften-Kampagne zurückgehen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sei diese am ungarischen Königshof zu lokalisieren.

Während der spätmittelalterliche Herrscher in Rumänien bis heute als Held verklärt wird, hat sich sein negatives Image im Westen verfestigt: Weithin gilt Vlad III. Draculea immer noch als pfählender, blutdürstiger Psychopath – eine Schreckensgestalt, die das Gruseln lehrt.

Hier noch einige Stichworte als Nebenbemerkungen (aus dem Buch zitiert):

1. Der Drache

Der Drache ist die Verkörperung des Bösen, des Teufels, der Versuchung. Die sieben Köpfe symbolisieren die sieben Hauptlaster: Hochmut, Neid, Zorn, Traurigkeit, Geiz, Gefräßigkeit und Unkeuschheit. Für sich genommen ist er das Zeichen des Chaos, der ungebändigten Kräfte, die erst Christus endgültig besiegt hat. Das Erscheinungsbild des Drachen legt Parallelen zu Vlad Tepes nahe: „ … ein landverheerendes, menschenvertilgendes Untier von entsetzlichem Aussehen, oft mit Fledermausflügeln ausgestattet …“ (S. 161)

2. Die Siebenbürger Sachsen

Siebenbürgen oder Transsylvanien (“hinter den Wäldern”) ist einer der buntesten ethnischen Flickenteppiche auf der europäischen Landkarte. Im 15. Jahrhundert wie auch heute noch bestand die Bevölkerung aus den vier Hauptgruppen der Rumänen, Ungarn, Szekler und Sachsen.

Die Deutschen waren in mehreren Einwanderungsschüben im 12. und 13. Jahrhundert ins Land gekommen. Zum größten Teil stammten sie von Rhein und Mosel, wurden aber von den ungarischen Beamten als „Sachsen“ deswegen bezeichnet, weil sie ihre Auswanderungsroute vom Rhein nach Mitteldeutschland geführt hatte und die Ungarn diese Zwischenstation ihres Weges fälschlich als ihre eigentliche Herkunft ansahen. Ein ihnen 1224 vom ungarischen König verliehener Freibrief, das „Andreanum“, sicherte ihnen freies Grundeigentum auf den ihnen verliehenen Gebieten, eigenes deutsches recht sowie volle Selbstverwaltung. Ihr Haupt siedlungsbereich war der Süden und Norden Siebenbürgens, wo sie die Städte Hermannstadt und Kronstadt, Schäßburg und Bistritz als Mittelpunkte eines florierenden Handels gründeten. Die Siedlungen lagen zudem in den fruchtbarsten Regionen Siebenbürgens, was hohe landwirtschaftliche Erträge garantierte. Da die Sachsen auch im Bergbau – die siebenbürgischen Goldminen galten als unerschöpflich, ebenso gab es große Salzlagerstätten – wegen ihrer Kenntnisse gefragt waren, reichte ihre gesellschaftliche Machtposition über ihren bevölkerungsmäßigen Anteil weit hinaus. Im Handel und in vielen handwerklichen Bereichen besaßen sie fast eine Monopolstellung. (S. 19)

3. Das Osmanische Reich (Vorläufer des IS?)

„… wir sehen den christlichen Glauben eingeschränkt und in einem Winkel zusammengedrängt. Denn nachdem er den gesamten Erdkreis gewonnen hatte, ist er jetzt schon aus Asien und Afrika vertrieben und wird in Europa nicht in Ruhe gelassen. Groß ist das Reich, das die Tartaren und Türken diesseits von Don und Hellespont, die Sarazenen bei den Spaniern besetzt halten; klein ist das Gebiet, das auf Erden den Namen Christi bewahrt …“ zitiert nach Arno Borst; Lebensformen im Mittealter, Frankfurt/M. u.a. 1973,, S. 632

Himmel und Hölle

Himmel und Hölle ist eine Variante des Hinkelkastenspiels, ein Hüpfspiel, das auf fast allen Schulhöfen überall auf der Welt in einer Vielzahl von Varianten gespielt wird. Die Menschen haben doch mehr miteinander gemein, als man denkt, den Kindern sei Dank.

    Himmel und Hölle – Hinkelkastenspiel (Rayuela)

Die spanische Variante nennt sich Rayuela. Diesen Namen trägt auch ein Roman von Julio Cortázar (1914–1984), der 1963 (deutsch: 1981 bei Suhrkamp als Rayuela: Himmel-und-Hölle) veröffentlicht wurde. Cortázars Meisterwerk ist ein literarisches Experiment in der Tradition des Nouveau Roman, das zu den wichtigsten spanischsprachigen Romanen des 20. Jahrhunderts zählt und das bei zeitgenössischen lateinamerikanischen Schriftstellern wie Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa oder José Lezama Lima Bewunderung fand. Es gibt zwei Lesarten des Buchs. Man kann es mehr oder weniger linear, also von Anfang bis zum Ende lesen, wie man normale Bücher eben so liest. Oder man liest die Kapitel in einer bestimmten Reihenfolge (73 – 1 – 2 – 116 – 3 usw.), wie ich es getan habe.

Der Vollständigkeit halber. Es gibt da auch noch ein Fingerspiel namens Himmel ODER Hölle, das bei Kindern sehr beliebt ist. Es wird aus einem quadratischen Blatt Papier gefaltet und anschließend in den Farben Blau (für Himmel) und Rot (für Hölle) so angemalt, dass man, wenn man es öffnet – was über zwei Achsen möglich ist – entweder in den „Himmel“ oder in die „Hölle“ blickt.

Nun in den nächsten Tagen verweile ich in Sizilien. Da ist mir in diesem Zusammenhang ein Witz eingefallen, ich weiß nicht, ob ich den wieder hinbekomme. Der Witz handelt auf jeden Fall von einem Italiener, einem Deutschen und einem Engländer (so einer darf ja nirgends fehlen). Neben der französischen gilt die italienische Küche als besonders gut. Es gibt übrigens mehr als nur Pizza und Spaghetti. Wir Deutschen sind ja bekannt für unsere technischen Produkte. Engländer kennt man für ihren schrägen, oftmals schwarzen Humor. Und so gestaltet sich der Himmel auf Erden, wenn sich ein Italiener ums Essen kümmert, ein Deutscher für die Technik – und ein Engländer mit seinem Humor unterhält. Die Hölle wird’s aber sein, wenn ein Engländer den Kochlöffel schwingt, ein Italiener sich der Technik annimmt und ein Deutscher sich des Humors bedient. Himmel und Hölle!

Leo Rosten: Jiddisch – eine kleine Enzyklopädie

Mit der jiddische Sprache habe ich mich hier in meinem Blog schon öfter befasst. Es ist nach allgemeiner Meinung eine aus dem Mittelhochdeutschen hervorgegangene westgermanische, mit hebräischen, aramäischen, romanischen, slawischen und weiteren Sprachelementen angereicherte Sprache, die von den aschkenasischen Juden (die Juden in Mittel-, Nord- und Osteuropa und ihre Nachfahren, z.B. die in die USA ausgewandert sind) gesprochen und geschrieben wurde und noch wird. Geschrieben wird diese Sprache mit hebräischen Buchstaben, für die es allerdings unterschiedliche Transliterationen in lateinische Buchstaben gibt.

Von dem älteren meiner beiden Söhne habe ich mir jetzt ein lexikarisches Werk ausgeliehen und gelesen, das von Leo Rosten verfasst, inzwischen ergänzt und kongenial ins Deutsche von Lutz-W. Wolff übersetzt und bearbeitet wurde: Jiddisch: Eine kleine Enzyklopädie.

    Leo Rosten: Jiddisch - eine kleine Enzyklopädie

Was chuzpe, koscher und meschugge heißt, wissen Sie sicher. Einen bagel, gefilte fisch oder lox haben Sie vielleicht auch schon gegessen. Aber wissen Sie, was das alles mit der Tora, dem Talmud und dem jüdischen Glauben zu tun hat? Jiddisch ist diejenige europäische Sprache, die dem Deutschen am nächsten steht. Wenn es heute im amerikanischen Slang hunderte von deutsch/jiddischen Lehnwörtern gibt, dann verdanken wir das nicht zuletzt den jüdischen Auswanderern, die ihre aus dem Mittelhochdeutschen stammende Sprache nach Amerika importiert haben.

Leo Rosten hat Ende der sechziger Jahre ein vergnügliches Hausbuch geschaffen, das jiddische Wörter, jüdische Geschichte, Folklore und Witze mit einer zwanglosen Einführung in die Grundelemente des Judaismus verbindet und uns so mit einer Welt vertraut macht, die uns fast verloren gegangen wäre. Für die vorliegende deutsche Ausgabe wurde das Buch mit vielen Stichworten angereichert, die uns aus der deutschen Alltagssprache vertraut sind.

Leo Rosten wurde 1908 in Lodz geboren. Aufgewachsen ist er in einem Arbeiterviertel Chicagos. Seine ›Hyman Kaplan‹-Romane beruhen auf Personen aus dieser Umgebung. Sein Humor, der mit Scholem Alejchem und Mark Twain verglichen wird, machte ihn bald populär, aber keines seiner Bücher hatte eine so nachhaltige Wirkung wie die ›Joys of Yiddish‹, die nicht weniger als 17 Auflagen und Neuausgaben erlebten. Leo Rosten starb am 19. Februar 1997.
(aus dem Klappentext)

Wer sich fürs Judentum, für die Religion des Judaismus und speziell für die jiddische Sprache interessiert, dem sei das vorliegende Buch wärmstens ans Herz gelegt. Es ist als Lexikon konzipiert. Aber wer einmal einen Blick hingeworfen hat, wird es bald von A bis Z durchlesen wollen, vielleicht nicht in einem Rutsch, eher nach und nach. Es ist nicht nur aufschlussreich, sondern äußerst amüsant verfasst; zu vielen Stichworten gibt es auch typisch jüdische Witze. Ich mag den jüdischen Humor.

Viele der jiddischen Wörter stammen aus dem Deutschen, genauer: aus dem Mittelhochdeutschen. Aber es gibt auch viele hebräische Begriffe, die über das Jiddische in den deutschen Wortschatz eingeflossen sind. Fast jeder benutzt diese Begriffe, ohne deren Herkunft zu kennen: Bammel haben oder Massel haben (bzw. etwas vermasseln), blau machen/sein, Schmiere stehen, Tacheles reden (nein, kommt nicht aus dem Griechischen), einen guten Rutsch wünschen – oder auch Wörter wie Pleitegeier, Reibach, Tinnef, Techtelmechtel oder Zoff.

Viele heutige Redensarten, Grundsätze und Sprichwörter entstammen in dieser oder jener Formulierung dem Talmud [eines der bedeutendsten Schriftwerke des Judentums, das aufzeigt, wie die Regeln der Tora in der Praxis und im Alltag von den Rabbinern verstanden und ausgelegt wurden – Tora, der erste Teil der Bibel: die fünf Bücher Moses]:

„Urteile im Zweifel für den Angeklagten.“
„Auch der Dumme kann fromm sein.“
„Achte auf den Inhalt, nicht auf die Verpackung.“
„Eine gute Tat führt zur nächsten.“
„Du sollst deinem Kind nicht drohen. Bestrafe es oder vergib ihm.“
„Beginne den Unterricht stets mit einer heiteren Erläuterung.“
„Böse Nachbarn zählen das Einkommen eines Mannes, nicht seine Unkosten.“
[…]
„Wenn man in Rom ist, soll man seinen Bräuchen folgen.“
„Ende gut, alles gut.“ (Das vor allen Dingen!)

(S. 599)

Anhand eines Begriffs (fefillin bzw. tfiln = Gebetsriemen) zeige ich auf, wie sich dieses Lexikon gestaltet. Apropos Gebetsriemen: Viele haben diese zwar auf Bildern schon einmal gesehen, was sie aber bedeuten, wissen die wenigsten. Hier (auch nur in Auszügen) der Text dazu:

tefillin siehe tfiln.

tfiln (f. Pl.)
Aus dem hebräischen tefilín „Phylakterien, Gebietsriemen“. Hebräisch tefilá „Gebet“.

In Amerika: tfiln, tefillin, t‘fillin

Gebietsriemen. Tefillin sind zwei lange, dünne Lederriemen mit denen sich fromme Juden zwei quadratische Lederkapseln (von etwa fünf Zentimeter Länge und Breite) am linken Arm und an der Stirn befestigen, wenn sie beten. Die Kapseln enthalten kleine Pergamentstreifen mit vier Schriftversen aus Exodus (13,1-10; 13,11-16) und dem Deuteronomium (6,4-9; 11,13-21) in hebräischer Sprache. Die Tefillin werden von erwachsenen orthodoxen Juden beim Morgengebet getragen.

Der Gebrauch der Tefillin geht auf Exodus 13,9 zurück, wo es heißt: „Darum soll dir’s ein Zeichen sein in deiner Hand und ein Denkmal vor deinen Augen, auf dass des Herrn Gesetz sei in deinem Munde.“ Widerholt wird dieses Gebot im Deuteronomium 6,8.

Die Art und Weise, wie Tefillin angelegt werden, ist genau vorgeschrieben. Sie werden, zum Zeichen der Ehrfurcht, im Stehen getragen. Die eine Kapsel wird auf der Innenseite des linken Arms unmittelbar über dem Ellenbogen getragen (auf diese Weise ist sie beim Beten in der Nähe des Herzens); der Riemen wird sieben Mal um den linken Unterarm geschlungen. Die andere Kapsel wird auf der Stirn getragen, meist oberhalb des Haaransatzes; der Riemen wird um den Kopf geschlungen und verknotet. Die losen Enden werden über die Schulter gelegt und hängen nach vorn. Schließlich wird das Armband dreimal um den Mittelfinger der linken Hand gewickelt (das steht für den hebräischen Buchstaben schin, mit dem der kabbalistische Gottesname Schaddai beginnt).

Das ganze Ritual hat die psychologische Wirkung, dass es dem Betenden hilft, weltliche Sorgen abzuschütteln und sich auf den Gottesdienst zu konzentrieren. […]

Am Sabbat wurden keine Gebietsriemen getragen. Der Sabbat war ein heiliger Tag und bedurfte zusätzlicher Heiligung durch die Gebetsriemen nicht. […]

All dies deutet daraufhin, dass es sich bei den „Phylakterien“ – das griechische Wort phylakterion bedeutet „Schutz“ oder „Festung“ – ursprünglich um eine Art Amulett handelte. Die Juden glaubten, dass jeder, der die Tefillin trägt, vor Schaden geschützt sei, weil „Gottes Glanz“ auf ihn falle. Deshalb war es auch verboten, die Gebetsriemen mit dem Gebetsschal zu verdecken. Es war sogar üblich, die Tefillin auf der Straße zu tragen, aber da dies die Aufmerksamkeit von Antisemiten erregte und Verfolgungen auslöste, setzt sich diese Sitte nie wirklich durch. […]
(S. 606 f.)

    Tefillin – Gebetsriemen der Juden

„Dieses Wörterbuch ist eine Freude.“ (Viola Roggenkamp in der ‚Zeit‘)

„Leo Rostens Standardwerk erklärt die jiddischen Begriffe äußerst amüsant mit Synonymen, Anekdoten und Witzen Es ist also auch ein Lexikon des jüdischen Lebens, der jüdischen Soziologie und Geschichte wie auch der Religion. Die deutsche Ausgabe wurde nicht nur kongenial übersetzt, sondern auch kommentiert und um viele wichtige Teile ergänzt. Rostens Buch zu lesen ist ein Vergnügen.“ (Arno Lustiger in der ‚Welt‘)

siehe auch: Jiddische Seiten – Yiddishe Saiten

Misha Amouk: Goodbye, Jehova – Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ

Wem sind die Zeugen Jehovas noch nicht ‚über dem Weg gelaufen‘. Es gibt wohl keinen, bei dem sie noch nicht an der Haustür geklingelt haben. Meist ist man peinlich berührt, weil man einerseits keine Lust hat, mit denen längere Gespräche zu führen, andererseits aber höflich sein möchte, auch wenn man sie abweist. Die Zeitschrift Wachtturm hat jeder schon einmal in Händen gehalten, die wenigstens haben hineingeschaut. Wenn man etwas von den Zeugen Jehovas weiß, dann eigentlich nur, dass sie keine Feier- oder Festtagen wie beispielsweise Weihnachten oder Geburtstagen begehen und dass sie Bluttransfusionen ablehnen. Und da war dann noch etwas vom bevorstehenden Weltuntergang.

Was passiert eigentlich auf der anderen Seite der Tür, wenn du sie den Zeugen Jehovas vor der Nase zuschlägst?

Zeugen Jehovas kennen die meisten von uns nur aus der Fußgängerzone oder als lästigen Besuch an der Tür – häufig etwas bieder, vor allem aber harmlos. Misha Anouk weiß, wie es auf der anderen Seite aussieht. Er wuchs in einer Zeugen-Jehovas-Familie auf und lief im Predigtdienst von Haustür zu Haustür – stets hoffend, keine Mitschüler zu treffen. Mit erfrischendem Humor erzählt er von einer Kindheit ohne Weihnachten, aber mit Geistern, von ersten Zweifeln und Weltuntergängen, die auf sich warten lassen. In seinem mitreißenden Insiderbericht analysiert Misha Anouk die emotionale Verführung der Zeugen Jehovas, beschreibt Organisation und Struktur der Wachtturm-Gesellschaft und erzählt, weshalb er schließlich eine Sünde beging, um die bekannteste Sekte der Welt zu verlassen.
(Umschlagtext)

Während meines Osterurlaubs habe ich das Buch Goodbye, Jehova!: Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ gelesen. Es ist wirklich sehr ausschlussreich und düfte alle die ansprechen, dies sich für die Verführbarkeit der Menschen, insbesondere durch Sekten, speziell durch die Zeugen Jehovas, interessieren. Es geht sehr in die Tiefe und wird ausreichend durch Zitate aus den Publikationen der Wachtturm-Gesellschaft, der organisatorischen Zentraleinrichtung der Zeugen Jehovas, belegt. Bei mir kann noch ein besonderes persönliches Interesse hinzu (s.u.).

    Buch und Autor Misha Anouk: Goodbye, Jehova!

Misha Anouk wurde in die Wahrheit hineingeboren. So bezeichnen Zeugen Jehovas ihren Glauben. Kein Wunder, das er fast 20 Jahre lang überzeugt war, Teil der wahren Religion zu sein. Doch dann kommen erste Zweifel. Er begreift, dass sein Platz woanders ist, jenseits der sich von der Außenwelt abschottenden Glaubensgemeinschaft. „Für mich ist und war die Frage nie, ob Zeugen Jehovas gute oder schlechte Menschen sind. Die Frage war immer nur, ob dieser Glaube für mich gut war.“ Goodbye, Jehova! Ist ein glänzend geschriebener Insiderbericht von einem, der jeden Aspekt der Glaubensgemeinschaft hautnah miterlebt hat. Mit Hilfe von wissenschaftlichen Erkenntnissen und anhand der Wachtturm-Literatur analysiert Misha Anouk unaufgeregt und mit viel Witz das „System Wachtturm“ und beschreibt, mit welchen psychologischen Tricks neue Mitglieder angeworben werden, wie sich die Organisation intern und extern gegen Kritik immunisiert und warum der Weltuntergang noch immer auf sich warten lässt.
(Klappentext)

Misha Anouk, geboren 1981 auf Gibraltar, ist freier Autor und widmet sich als Redner und in der täglichen Arbeit der Aufklärung über Bewusstseinskontrolle, Verschwörungstheorien, politische und gesellschaftliche Entwicklungen, Social-Media-Phänomene sowie der Medienkritik. Mit seiner Familie lebt er in Wien. Misha Anouk bloggt regelmäßig auf www.indub.io, twittert unter @mishaanouk und hat eine Facebook-Seite.

Was passiert eigentlich auf der anderen Seite der Tür, wenn du sie den Zeugen Jehovas vor der Nase zuschlägst?“ Misha Anouk ist jahrelang an jedem Samstag von Tür zu Tür gezogen, um andere Menschen von der „Wahrheit“ zu überzeugen, wie die Zeugen Jehovas den Kern ihres Glaubens nennen. In seinem Buch „Goodbye, Jehova! Wie ich die bekannteste Sekte der Welt verließ“ beschreibt er den Ablauf der Hausbesuche. „Nachdem du die Tür geschlossen hast, wird hinter deiner Hausnummer ein Code notiert: M oder W für dein Geschlecht, NH für ‚Nicht zu Hause‘, KI für ‚Kein Interesse‘.“

So ein „KI“ ist gar nicht so leicht zu bekommen, denn die Zeugen Jehovas nehmen den Predigtdienst, so heißt das Missionieren, sehr ernst. Sie glauben an Harmagedon, den Weltuntergang, an dem Jehova alles Böse vernichten wird und nur die Zeugen und Menschen, die in Jehovas Gunst stehen, überleben und in einer Art Paradies weiterleben werden. Wann genau der Weltuntergang eintritt, ist nicht klar. Die Wachturmgesellschaft, die Leitung der Zeugen Jehovas, hat mit ihren Prognosen schon mehrfach falsch gelegen und hält sich nun mit genauen Aussagen zurück.
Quelle: stern.de

Zunächst: Gleich am Anfang des Buchs bin ich über den Namen Gilead gestolpert, den die theologische Hochschule der Wachtturm-Gesellschaft in Brooklyn, New York (S. 29), trägt. Vielleicht nicht von ungefähr haben in dem Buch Der Report der Magd von Margaret Atwood ‚fanatische religiöse Sektierer im Norden der USA die sogenannte Republik Gilead installiert.‘ Daneben grüßt, wenn man das Buch liest, nicht nur Orwells ‚Big Brother‘ aus 1984, sondern es winkt auch Huxleys ‚Brave New World’. Wären die Zeugen Jehovas nicht so real, man könnte sie für eine Ausgeburt eines Science fiction-Schriftstellers halten.

Nun ich habe das Buch, wie oben erwähnt, auch aus sehr persönlichem Interesse gelesen. Misha Anouks Eltern waren Zeugen Jehovas (der Vater ein ‚Ältester‘) und so wuchs er von Geburt an in einer ‚Versammlung‘ auf. Meine Eltern waren jahrelang ‚Offiziere‘ der Heilsarmee.

So kam es, dass ich als Zeuge Jehovas aufwuchs. Ob ich dabei Mitspracherecht hatte, ist Ansichtssache. Ich war mir in meiner Kindheit keiner Alternative bewusst. Wohin hätte ich denn auch sollen als Kind? (S. 30)

Ich kann die Gefühle, die hinter diesen wenigen Worte stecken, sehr gut nachempfinden. Obwohl die Heilsarmee sicherlich kaum mit den Zeugen Jehovas zu vergleichen ist, die religiöse Ausrichtung ist die einer christlichen Kirche protestantisch-freikirchlicher Prägung (ihre Wurzeln liegen im Methodismus), so bildet sie doch ähnlich einen geschlossenen Kreis. Ist man erst einmal Glied dieser Gemeinschaft (ich wie Misha Anouk durch Geburt), dann ist ein ‚Ausbruch‘, eine ‚Flucht‘ so schnell nicht möglich (zumindest nicht in jungen Jahren).

Als Kind von Heilsarmeeoffizieren wurde ich noch als Baby (ähnlich wie in ‚normalen‘ Kirchengemeinden) in der Heilsarmee getauft, nur heißt es hier ‚dem Herrn geweiht‘. Und meine Konfirmation (‚Einsegnung‘) geschah auch in der Heilsarmee (manchmal frage ich mich, warum ich eigentlich Kirchensteuer bezahle, nur weil meine Eltern trotz der Mitgliedschaft zur Heilsarmee auch weiterhin Mitglied der evangelischen Kirche waren?). Und abends wurde ich als Heilssoldat ‚eingereiht‘.

Hatte ich eine Wahl? Natürlich war es meine Entscheidung, Mitglied der Heilsarmee zu werden. Aber so ‚freiwillig‘, wie man denken könnte, war es sicherlich nicht. Ich wollte meine Eltern nicht enttäuschen.

Je mehr man von mir beim Predigen erwartete, desto mehr hatte ich wiederholt mit Panikattacken zu kämpfen. Ich rede nicht gern mit fremden Menschen. Schon gar nicht wollte ich an deiner Für klingeln und mit dir über die Gute Botschaft sprechen. Ich habe es gehasst. (S. 137 )

Nun die Heilsarmee geht nicht von Haus zu Haus. Sie tritt höchstens durch ‚Freiversammlungen‘ an die Öffentlichkeit. Wer abends in der Stadt gern einmal ein Bierchen trinken geht, kennt sie vielleicht von ihren ‚Wirtschaftsmissionen‘ her, die dem ‚Predigtdienst‘ der Zeugen Jehovas durchaus ähnlich sind. Allerdings sind hier nur bestimmte Mitglieder der Heilsarmee unterwegs. Hierbei werden Spenden gesammelt und die Zeitschrift namens „Heilsarmee-Magazin“ (bis 31. Dezember 2007 hieß sie martialisch „Der Kriegsruf“) verteilt.

Wesentliches Merkmal der Heilsarmee sind die Uniformen der Mitglieder, Salutisten genannt. Wie schon der Name sagt, so ist die Heilsarmee militärisch organisiert. Der (oder durchaus auch die) Oberste ist der General/die Generälin, der/die Leiter/in der Gemeinschaft weltweit. Dieser (oder eben auch diese) residiert in London, wo sich auch das Internationale Hauptquartier (IHQ) befindet. Leiter der einzelnen Gemeinden (Korps genannt) sind überwiegend hauptamtliche Mitarbeiter (Offiziere, ich denke von Kadetten bis zum Oberst) und entsprechen einem Pastor oder Pfarrer einer Kirchengemeinde. Alle anderen Mitglieder sind Heilssoldaten. So wie man die Zeitschrift ‚Der Kriegsruf‘ inzwischen namentlich neutral als ‚Heilsarmee-Magazin‘ kennt, so spricht man wohl auch eher von Gottesdiensten statt Heils- (am Sonntagmorgen) oder Heiligungsversammlungen (am späten Sonntagnachmittag). Der Heimbund wurde inzwischen ebenso neutral in Frauenkreis oder Frauentreff umbenannt. Die Jugendliga nennt man wohl Kids- und Jugendclub.

Auch junge Heilssoldaten sind angehalten, Uniform zu tragen. Man kann sich vorstellen, wie ich mich mit 14 Jahren in einer solchen gefühlt habe. In dem Alter hat man schon pubertätsbedingt Schwierigkeiten genug mit sich selbst, da muss man sich nicht auch noch
dadurch outen, dass man einer Religionsgemeinschaft angehört, die durch ihr ‚kriegerisches‘ Aussehen in der Öffentlichkeit oft der Lächerlichkeit preisgegeben wird.

Die Wachtturm-Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft. Dabei: Es passiert nie etwas. Es droht bloß ständig etwas vorzufallen. Man ist gezwungen, immer auf Trab zu sein, die Spannung wird künstlich aufrechterhalten. Ein ständiger Stresstest. (S. 275)

Mein Stresstest war das Zeugnisablegen und die Bußbank. Ein Gottesdienst (zumindest zu meiner Zeit) sah in etwa so aus: Auf ein Lied folgte das Gebet, dann Zeugnisse. Mitglieder der Heilsarmee (aber durchaus auch Besucher) stehen auf und berichten, wie sie zu Jesus gefunden haben bzw. wie ihnen Jesus in der letzten Woche geholfen hat. Das hat einen durchaus spontanen Charakter. Begleitet wird das durch ‚Halleluja‘-Rufe. Ich kann mich zwar nicht mehr genau erinnern, aber ich denke, dass man auch von mir von Zeit zu Zeit erwartete, Zeugnis abzulegen. – Dem folgten erneut Lieder, die Kollekte, eine kurze Predigt und dann der Aufruf, „nach vorn“ zur Bußbank zu kommen (gewissermaßen als Ersatz für das Abendmahl bzw. für die Beichte). Ein Salutist kommt und betet mit dem „Suchenden“. Während des Aufrufs erfolgt das sogenannte „Fischen“ (Salutisten gehen durch die Reihen und sprechen Besucher des Gottesdienstes an, um sie zur Bußbank zu bitten). Nach dem Bußbankgebeten wird als Schluss ein weiteres Lied gesungen (siehe hierzu auch Uwe Heimowski: Die Heilsarmee in books.google.de)

    Bußbank der Heilsarmee

Wie bei den Zeugen Jehovas so gibt es (wie hier zu erkennen ist) auch bei der Heilsarmee viele Termini technici, also ‚Fachausdrücke‘, die markantes Merkmal für eine solch ‚geschlossene Gemeinschaft‘ sind. Diese sind zudem Ausdruck einer speziellen Lehre, die eben nur für die Gemeinschaft von Bedeutung ist. Sie sind vor allem aber auch Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen kirchlichen Gemeinschaften.

Was ich heute jedoch mit Sicherheit sagen kann: Ich habe es aus den falschen Gründen getan. Nicht, um Gott näherzukommen. Nicht aus Überzeugung. Sondern aus einer mir gegenüber an den Tag gelegten Erwartungshaltung, die zentnerschwer auf meinen Schultern lastete. (S. 320)

Theoretisch bin ich heute noch Mitglied der Heilsarmee. Ich weiß gar nicht, ob man von sich aus austreten oder ob man gewissermaßen wie bei den Zeugen Jehovas als Abtrünniger oder Abweichler ausgestoßen werden kann. Ist für mich auch egal. Ich habe nichts gegen die Heilsarmee. Sie tut viel Gutes, besonders im sozialen Bereich.. Aber sie ist nicht ‚mein Ding‘. Ich freue mich z.B. über meinen älteren Sohn, der sich von sich aus in der evangelischen Kirche engagiert. Von daher bin ich auch weiterhin bereit, Kirchensteuer zu zahlen.

Noch einmal kurz zurück zu den Zeugen Jehovas, zu denen sich weltweit sieben bis acht Millionen Menschen bekennen, die ihre spezielle Auslegung der Bibel haben:

Es gibt keine Hölle […]. Einen Himmel zwar auch nicht, zumindest für dich nicht; aber dafür ein Paradies [..…]. Die Toten werden wiederauferstehen, Gott wird alle Krankheiten abschaffen, wir werden ewig leben. (S. 325)

Als ich mit meinen jüngeren Sohn über das Buch sprach und die Vergleiche mit meiner Heilsarmee-‚Vergangenheit‘ zog, meinte er, ich könnte auch ein Buch schreiben. Sicherlich könnte ich, aber anders als bei Misha Anouk ist diese, meine Vergangenheit schon viel zu lange her. Außerdem ist die Heilsarmee mit Sicherheit keine Sekte wie die Zeugen Jehovas. Man muss z.B. nicht Mitglied sein, um sein ‚Heil‘ zu finden. Das hier Geschriebene soll genügen.

Stimmen zum Buch
Seine Geschichte zeigt, wie gut das System der Zeugen Menschen manipulieren kann. (Zeit online)

Misha Anouk hat etwas durchgemacht, an dem andere Menschen zerbrechen würden. (Morgenpost)

Das Buch erlaubt nicht nur tiefe Einblicke in den Alltag eines Zeugen zwischen Königreichssaal und Predigtdienst an fremden Haustüren, es blättert auch das ganze Spannungsfeld zwischen diametral gegenüber stehenden Denkrichtungen auf. (Lübecker Nachrichten)

Ein bemerkenswertes Buch, hervorragend geschrieben und akribisch recherchiert. (Hamburger Abendblatt)

Hervorragend recherchiert, wahnsinnig intim und sehr, sehr gut. (NDR Das!)

The Governing Body of Jehovah‘s Witnesses, 25 Columbia Heights, Brooklyn, New York 11 201 – 2483, USA (S. 304)

Der ‘Blechtrommler’ schweigt

Am Montag starb Günter Grass im Alter von 87 Jahren in einem Lübecker Krankenhaus an einer Lungenentzündung Mit dem Roman „Blechtrommel“, 1959 erschienen und 1980 verfilmt, schreib er einen der wichtigsten Romane der deutschen Nachkriegsliteratur und avancierte mit seinem Gesamtwerk zum international bekanntesten deutschen Gegenwartsautor. 1999 erhielt er den Literaturnobelpreis. Der unbequeme Nationaldichter hielt darüber hinaus politischen Einspruch für eine historische Pflicht – und erregte Anstoß.

Mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss“ äußerte sich Grass kritisch gegenüber dem Staat Israel. Ein Antisemit, wie ihm auch vorgeworfen wurde, war er nicht.

Am 16. Oktober 1927 kommt „Ginterchen“ in Danzig-Langfuhr zur Welt. Die Eltern, ein deutscher Protestant und eine kaschubische Katholikin, besitzen einen Kolonialwarenladen, viele Kunden lassen anschreiben. Die Wohnung ist klein, Günter und seine Schwester Waltraud haben unter dem Fensterbrett eine eigene Ecke. Kein Bad, das Klo auf dem Flur. Katholisch wächst Grass auf, ist Messdiener. „Eine Kindheit zwischen Heiligem Geist und Hitler“, schreibt Michael Jürgs in seiner Grass-Biografie. Verwundet überlebt Grass mit 17 den Krieg, nach grauenhaften Erlebnissen.

Dass er die letzten Monate bei der Waffen-SS war, berichtet Grass erstmals 2006 in dem autobiografischen Meisterwerk „Beim Häuten der Zwiebel“ – nach mehr als 60 Jahren. Scham, ein nie zu tilgender Makel, ein Kainsmal, so Grass. Kaum einer hält die NS-Verführung des Jugendlichen für ein Problem, wohl aber wird ihm das lange Schweigen darüber angekreidet. (Quelle: heute.de)