Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Der Steppenwolf (Film)

So langsam neigt sich das Jahr seinem Ende entgegen. Wie bereits erwähnt hat dieses Jahr gleich zwei Jahrestage im Zusammenhang mit Hermann Hesse zu begehen, seinen 50. Todestag und gleichzeitig den 135. Jahrestag seiner Geburt. Eines seiner bekanntesten Werke ist der Roman Der Steppenwolf, den ich in diesem Blog auch schon ausführlicher beschrieben habe (siehe auch: Romananfänge (4): Harry und Hermine).


„Steppenwolf“(Gedicht) von Hermann Hesse

Bei Youtube gibt es übrigens ein ‚Hörbuch’ von Hermann Hesses Steppenwolf als so genannte Playlist in 34 Teilen, die knapp sieben Stunden lang ist. Wer also nicht nur das Buch lesen, sondern es gern ‚vorgelesen’ bekommen möchte, hat dazu die Gelegenheit.

Hermann Hesse: der Steppenwolf - S. Fischer Verlag,  Erstausgabe Deckblatt 1927

Hermann Hesse: der Steppenwolf - Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage, 151. - 190. Tausend 1975

Hermann Hesse: der Steppenwolf – S. Fischer Verlag,  Erstausgabe Deckblatt 1927 Hermann Hesse: der Steppenwolf – Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 4. Auflage, 151. – 190. Tausend 1975

Vom Steppenwolf gab es im Zuge der Hermann-Hesse-Renaissance in den 70er Jahren eine Verfilmung mit Max von Sydow in der Hauptrolle. Der Film besticht durch seine Worttreue. Ende Juni ist der Film noch einmal als DVD Steppenwolf auf den Markt gekommen. Ich finde den Film durchaus gelungen, wenn auch die mittels elektronischer Farbmanipulationen erreichten Traumbilder des Magischen Theaters mit der hierfür verwendeten Technik schon damals eher entnervend waren. Max von Sydow reißt dieses Manko dank seiner schauspielerischen Leistung mehr als heraus. Durch ihn bekommt der Steppenwolf Gestalt. Er zeigt ihn als verletzlichen, im Grunde eher naiven und schüchternen Menschen, der sich von der Welt abwendet, dann aber durch eine bezaubernde Hermine (Dominique Sanda) auf den Weg der ‚Heilung’ geführt wird. Er gewinnt durch sie dem Leben den gehörigen Humor ab, um weiterleben zu können.


Filmausschnitte – The Same Wolf


Traktat vom Steppenwolf

Heute Ruhetag (26): Gustave Flaubert – Madame Bovary

Kaum ein Roman wurde so oft ins Deutsche übertragen. Und kaum eine Frauengestalt interessierte die Filmregisseure so sehr – wie Madame Bovary.

Madame Bovary, in älteren Übersetzungen auch Frau Bovary, ist ein Roman von Gustave Flaubert. Er gilt als eines der großen Werke der Weltliteratur aufgrund der seinerzeit neuartigen realitätsnahen Erzählweise. Ein Zeitungsbericht über den Selbstmord einer jungen Ehefrau veranlasste Flaubert zur Ausgestaltung dieses Gesellschaftsromanes, der den Untertitel Ein Sittenbild aus der Provinz trägt.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Zuweilen machte sie sich Gedanken, ob das wirklich die schönsten Tage ihres Lebens sein sollten: ihre Flitterwochen, wie man zu sagen pflegt. Um ihre Wonnen zu spüren, hätten sie wohl in jene Länder mit klangvollen Namen reisen müssen, wo der Morgen nach der Hochzeit in süßem Nichtstun verrinnt. Man fährt gemächlich in einer Postkutsche mit blauseidnen Vorhängen die Gebirgsstraßen hinauf und lauscht dem Lied des Postillions, das in den Bergen zusammen mit den Herdenglocken und dem dumpfen Rauschen des Gießbachs sein Echo findet. Wenn die Sonne sinkt, atmet man am Golf den Duft der Limonen, und dann nachts steht man auf der Terrasse einer Villa am Meere, einsam zu zweit, mit verschlungenen Händen, schaut zu den Gestirnen empor und baut Luftschlösser. Es kam ihr vor, als seien nur gewisse Erdenwinkel Heimstätten des Glücks, genau so wie bestimmte Pflanzen nur an sonnigen Orten gedeihen und nirgends anders. Warum war es ihr nicht beschieden, sich auf den Altan eines Schweizerhäuschens zu lehnen oder ihre Trübsal in einem schottischen Landhause zu vergessen, an der Seite eines Gatten, der einen langen schwarzen Gehrock, feine Schuhe, einen eleganten Hut und Manschettenhemden trüge?

Alle diese Grübeleien hätte sie wohl irgendwem anvertrauen mögen. Hätte sie aber ihr namenloses Unbehagen, das sich aller Augenblicke neu formte wie leichtes Gewölk und das wie der Wind wirbelte, in Worte zu fassen verstanden? Ach, es fehlten ihr die Worte, die Gelegenheit, der Mut! Ja, wenn Karl gewollt hätte, wenn er eine Ahnung davon gehabt hätte, wenn sein Blick nur ein einzigesmal ihren Gedanken begegnet wäre, dann hätte sich alles das, so meinte sie, sofort von ihrem Herzen losgelöst wie eine reife Frucht vom Spalier, wenn eine Hand daran rührt. So aber ward die innere Entfremdung, die sie gegen ihren Mann empfand, immer größer, je intimer ihr eheliches Leben wurde.

Karls Art zu sprechen war platt wie das Trottoir auf der Straße: Allerweltsgedanken und Alltäglichkeiten, die niemanden rührten, über die kein Mensch lachte, die nie einen Nachklang erweckten. Solange er in Rouen gelebt hatte, sagte er, hätte er niemals den Drang verspürt, ein Pariser Gastspiel im Theater zu sehen. Er konnte weder schwimmen noch fechten; er war auch kein Pistolenschütze, und gelegentlich kam es zutage, daß er Emma einen Ausdruck des Reitsports nicht erklären konnte, der ihr in einem Romane begegnet war. Muß ein Mann nicht vielmehr alles kennen, auf allen Gebieten bewandert sein und seine Frau in die großen Leidenschaften des Lebens, in seine erlesensten Genüsse und in alle Geheimnisse einweihen? Der ihre aber lehrte sie nichts, verstand von nichts und erstrebte nichts. Er glaubte, sie sei glücklich, indes sie sich über seine satte Trägheit empörte, seinen zufriedenen Stumpfsinn, ja selbst über die Wonnen, die sie ihm gewährte.

[…]

aus dem 7. Kapitel

    Signatur: Gustave Flaubert

Gustave Flaubert: Madame Bovary

Heute Ruhetag (25): Daniel Defoe – Robinson Crusoes Leben und seltsame Abenteuer

Es gibt bei uns in Deutschland eine Reihe von Romanen, die z.T. stark gekürzt als Jugend- oder gar Kinderbücher auf den Markt kommen, obwohl sie ursprünglich für Erwachsene geschrieben wurden. Es handelt sich dabei um so genannte Abenteuer- oder Phantasieromane, die sicherlich für junge Menschen von besonderem Interesse sind. Was vielleicht nicht so ganz jugendfrei darin ist, wurde getilgt; das Ganze dann auf ein übersichtliches Maß reduziert, da es sich meist um sehr umfangreiche Romane handelt. Gullivers Reisen von Jonathan Swift gehört ohne Zweifel dazu, oft gekürzt um die Teile 3. und 4. und natürlich ohne die sozialkritischen und satirischen Positionen, die Swift in diesem Buch einnimmt. Ein ähnliches Schicksal ereilt meist auch den Ritter von der traurigen Gestalt, Don Quixote, von Miguel de Cervantes. Und obwohl auch voll Abenteuer und Phantasie blieb François Rabelais’ Gargantua und Pantagruel davon verschont, weil es wohl zu viele anzügliche Stellen beinhaltet, die nun einmal nicht jugendfrei sind.

Wie von Gullivers Reisen so finden wir im Buchladen eher eine Jugendausgabe vom Robinson Crusoe als den nach dem Original ins Deutsche übersetzten Roman. Daniel Defoe hat mit diesem Robinson einen Archetypen von Abenteurer geschaffen, der auch heute noch die Phantasie der Menschen, ob jung oder alt, beflügelt. Als etwas abgeschmackte Variante kommt dann so etwas wie das Dschungelcamp heraus, in dem sich C- und D-Prominente als Robinson versuchen dürfen.

Die Vorstellung, allein ohne jegliche Hilfsmittel auf einer Insel überleben zu müssen, hat natürlich etwas Beängstigendes. In gewisser Hinsicht muss man dann die Zivilisation für sich neu erfinden, muss schöpferisch tätig werden, denn sonst ist man schnell am Ende. Und es ist natürlich etwas völlig anderes, ob man sein Robinson-Dasein als Spiel oder als bittere Realität erlebt.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Ich bin geboren zu York im Jahre 1632, als Kind angesehener Leute, die ursprünglich nicht aus jener Gegend stammten. Mein Vater, ein Ausländer, aus Bremen gebürtig, hatte sich zuerst in Hull niedergelassen, war dort als Kaufmann zu hübschem Vermögen gekommen und dann, nachdem er sein Geschäft aufgegeben hatte, nach York gezogen. Hier heirathete er meine Mutter, eine geborene Robinson. Nach der geachteten Familie, welcher sie angehörte, wurde ich Robinson Kreuznaer genannt. In England aber ist es Mode, die Worte zu verunstalten, und so heißen wir jetzt Crusoe, nennen und schreiben uns sogar selbst so, und diesen Namen habe auch ich von jeher unter meinen Bekannten geführt.

[…]

Nachdem ich nun meine Seele in solcher Weise an der tröstlichen Seite meiner Lage erhoben hatte, begann ich umherzublicken und auszuschauen, auf was für einem Lande ich mich eigentlich befinde und was zunächst zu thun sei. Da sank nun bald wieder mein Muth und ich erkannte, daß meine Errettung eine furchtbare Begünstigung sei. Ich war durchnäßt und konnte die Kleider nicht wechseln; hatte weder etwas zu essen, noch etwas zu meiner Stärkung zu trinken; keine andere Aussicht bot sich mir, als Hungers zu sterben oder von den wilden Thieren gefressen zu werden; und, was mich besonders bekümmerte, ich besaß keine Waffen, um irgend ein Thier zu meiner Nahrung zu tödten, oder mich gegen andere, die mich zu der ihrigen zu verwenden Lust hätten, zu wehren. Nichts trug ich bei mir als ein Messer, eine Tabakspfeife und ein wenig Tabak in einem Beutel. Dies war meine ganze Habe, und ich gerieth darob in solche Verzweiflung, daß ich wie wahnsinnig hin und her lief. Die Nacht kam, und ich begann schweren Herzens zu überlegen, was mein Loos sein würde, wenn es hier wilde Thiere gäbe, von denen ich wußte, daß sie stets des Nachts auf Beute auszugehen pflegen.

Die einzige Auskunft, die mir einfiel, war, einen dicken buschigen Baum, eine Art dorniger Fichte, die in meiner Nähe stand, zu erklettern. Ich beschloß, dort die ganze Nacht sitzen zu bleiben und am nächsten Tag die Art, wie ich meinen Tod finden wolle, zu wählen, denn auf das Leben selbst hoffte ich nicht mehr. Ich ging einige Schritte am Strande her, um nach frischem Wasser zu suchen: das fand ich denn auch zu meiner großen Freude. Nachdem ich getrunken und etwas Tabak in den Mund gesteckt hatte, um den Hunger abzuwehren, erstieg ich den Baum und versuchte mich in demselben so zu lagern, daß ich im Schlafe nicht herunter fallen könnte. Vorher hatte ich mir einen kurzen Stock, eine Art von Prügel zu meiner Vertheidigung abgeschnitten, und dann verfiel ich in Folge meiner großen Müdigkeit auf dem Baum in einen tiefen Schlaf und schlief so erquickend, wie es wohl Wenige in meiner Lage vermocht hätten. Nie im Leben hat mir, glaube ich, der Schlummer so wohl gethan wie damals.

Daniel Defoe: Robinson Crusoes Leben und seltsame Abenteuer

Martin Walser: Das dreizehnte Kapitel

    Ich bin Schriftsteller genug, dass ich auch dann noch schreibe, wenn ich weiß oder annehmen muss, dass kein Mensch mich noch liest. Im Gegenteil, nicht mehr gelesen zu werden befreit von jener nie ganz zu überwindenden Schwäche, verständlich sein zu müssen.
    Martin Walser: Das dreizehnte Kapitel (S. 181)

Zu Martin Walsers letztem Buch Muttersohn sah es die Süddeutsche so, dass Walser sich wohl „selbst genügt und ein landläufiges Gelingen gar nicht im Sinn“ habe. Und jetzt diese beiden Sätze in Walsers neuem Roman Das dreizehnte Kapitel. Will sich Walser wirklich von dieser Schwäche, verständlich sein zu müssen, befreien?

Wer sich im Walser-Kosmos halbwegs auskennt, wird sich von diesen Sätzen nicht erschrecken lassen. Walser bleibt ‚verständlich’, wenn sich mancher neue Leser von dieser Wortgewalt auch eher erschlagen fühlen dürfte, von dieser Schreib- und Empfindungskunst, die so wenig zeitgemäß erscheint. Walser versteht es auch heute noch mit 85 Jahren Sätze zu schmieden, die mehr Geist besitzen als all das Geschwätz, mit dem wir tagtäglich konfrontiert werden.

    Martin Walser: das dreizehnte Kapitel

Die meisten leiden ohne Gewinn – so steht es im Roman Das dreizehnte Kapitel, der ebendiesen Satz widerlegen will. Mit einem Festessen im Schloss Bellevue fängt es an: Ein Mann sitzt am Tisch einer ihm unbekannten Frau und kann den Blick nicht von ihr lösen. Wenig später schreibt er ihr, und zwar so, dass sie antworten muss. Es kommt zu einem Briefwechsel, der von Mal zu Mal dringlicher, intensiver wird. Beide, der Schriftsteller und die Theologin, beteuern immer wieder, dass sie glücklich verheiratet sind. Aber sie gestehen auch, dass sie in dem, was sie einander schreiben aus sich herausgehen können wie nirgends sonst und dass sie ihre Ehepartner verraten. Nur weil ihr Briefabenteuer so aussichtslos ist, darf es sein. An ein persönliches Treffen ist nicht zu denken. Die Buchstabenketten sind Hängebrücken über einem Abgrund namens Wirklichkeit.

    „Unsere Buchstabenketten sind Hängebrücken über einem Abgrund namens Wirklichkeit.“, nennt es der Schriftsteller (S. 111), was die Theologin konkretisiert: „… Unsere Brücke wird in die Luft gebaut. Sie hat drüben noch keinen festen Punkt erreicht. […] : das In-die-Luft-gestellt-Sein.“ (S. 119)

Eines Tages teilt die Theologin mit, ihr Mann sei schwer erkrankt. Während sie auf einer Fahrradtour durch Kanadas Wildnis mit ihm noch einmal das Leben feiert, wartet der Schriftsteller auf Nachrichten. Als wieder eine eintrifft, wirft sie alles um.

Martin Walsers Roman über eine Liebe, die als Unmöglichkeit so tiefgründig und lebendig ist wie kaum etwas, kreist auf schwindelerregende Weise um das Wesen der menschlichen Existenz. Und führt dabei vor Augen, dass ein Lieben ohne Hoffnung auf Hoffnung das eigene Leben erst empfindbar macht. Ein bewegender, lebenskluger, ja aufregender Roman über eine Frau und einen Mann, die gerade durch die Unmöglichkeit ihrer Liebe zu einer noch nie erfahrenen Gefühlsheftigkeit gesteigert werden.
(aus dem Klappentext zum Roman – 1. Auflage September 2012)

Oder mit eigenen Worten: Basil Schlupp, der Schriftsteller, und seine Frau Iris sind zu einem Empfang beim Bundespräsidenten eingeladen. Gefeiert werden soll der Molekularbiologe Korbinian Schneilin, der sich nicht mehr der Forschung widmet, sondern mit seiner Firma der Produktion von „Medikamenten nach Maß“ widmet. Aus der Ferne sieht Schlupp die Frau des zu Feiernden, eine Theologin, und ist fasziniert von ihr. Von Befallenheit ist später die Rede.

Schlupp wagt es, der Frau des Wissenschaftlers zu schreiben. Und, was vielleicht nicht zu erwarten ist, sie antwortet. So entwickelt sich ein Schriftwechsel, der beiden Gelegenheit zu kleinen Denkspaziergängen, Gefühlsanalysen und Reflexionen über Briefe an sich gibt. Dabei stürzt sich jener Basil Schlupp Hals über Kopf in ein irrwitziges Liebesabenteuer, das allein in seinem Kopf und auf dem Papier stattfindet. Bis auf wenige Einschübe handelt es sich bei diesem Buch also um einen Briefroman.

Die Kritiken sind überraschend wohlwollend. Selbst auf welt.de ist zu lesen: „Diesmal keine Dirty-Old-Man-Fantasie unseres Dichterfürsten, sondern ein sich von einem Brief- in einen E-Mail-Roman verwandelnder hochgeistiger Schlagabtausch zwischen Autor und Theologin. Gott sei Dank lebt die Sprache in Zeiten des Internets – noch.“

„Seit einem halben Jahrhundert ist Martin Walser unser Gewährsmann für Liebe, ehe, Glaube und deutsche Befindlichkeiten. Die Vermessung der Ausdruckswelt, des Daseins als Abfolge schwankender Empfindungen – das ist seine große Stärke.“ (Felicitas von Lovenberg – Frankfurter Allgemeine Zeitung)

„Martin Walser ist einer der wichtigsten Schriftsteller, die wir haben. Sein Gedächtnis, seine Genauigkeit in der Betrachtung von menschlichen Verhältnissen und Unverhältnissen ist unerreicht, seine sprachliche Risikobereitschaft ist beispielhaft. Er geht in jeder Hinsicht aufs Ganze. Kurz, Martin Walser ist ein Dichter.“ (Frank Hertweck, SWR)

Personen im Roman:

Basil Schlupp, Schriftsteller (Verfasser von „Strandhafer“ – arbeitet zz. an „Sternstaub“)
Iris, geborene Tobler, Ehefrau (ca. 55 Jahre alt) – Haldenberg-Projekt (TV-Jugendsendung)
Beatus Niederreither, Architekt (ehemaliger Geliebter von Iris)

Maja Schneilin, geborene Schneilin (ca. 44 Jahre alt), Theologin
Korbinian, ihr Ehemann
Roderich Wegelin, der Fahrer

Luitgard und Ludwig Froh, Freunde von Korbinian (und Maja)

Ein realer Ausgangspunkt ist die Beziehung des Theologen Karl Barth zu Charlotte von Kirschbaum, seiner Assistenten. Barth ist mit seiner existenzphilosophisch grundierten Theologie Vorbild für Maja Schneilin. Bei ihm, Karl Barth, findet sich gewissermaßen das Drehbuch für ihren Schriftwechsel mit dem Schriftsteller. „Mit ihm, dem «Lehrer aller Lehrer», wie sie sagt, imponiert sie erst dem Schriftsteller, später gesteht sie, wie sehr er sie aus allen Halterungen gerissen habe.

Es kommt noch besser: Sie lese nun, schreibt sie später, Barths Briefwechsel mit seiner Mitarbeiterin und Geliebten Charlotte von Kirschbaum. Das Buch ist ihr Offenbarung und Ansporn zugleich. Dieser neue Karl Barth mache sie «als Briefschreiber so schwach und so stark, wie ich noch nie war». Und sie empfiehlt die Lektüre auch Basil, auf dass die Briefe ihn ähnlich stimmen sollen. Und er – immerhin Katholik – noch gleichentags per Mail: Er lasse für Karl Barth eine Messe lesen. – Das sieht nach Ironie und Sarkasmus aus, doch dann folgt der entscheidende Satz, zum Zeichen, wie gelehrig er ist: «Mein Interesse für das Mögliche schrumpft.» Das Mögliche, erfüllte Liebe, physisches Zusammensein also: Es verblasst neben dem anderen, dem Imaginären, dem Unmöglichen.“ (Quelle: nzz.ch)

Walser wäre nicht Walser, wenn er nur scheinbar hochtrabend daherschriebe. Alles hat eine ironische Seite. Und manche ‚Erwähnungen’ in den Briefen, besonders die, die bezogen sind auf die Freundschaft von Majas Ehemann Korbinian zu Ludwig Froh, haben sarkastische Züge, die allein schon das Lesen des Romans lohnenswert machen.

Übrigens: das „13. Kapitel“ ist eigentlich ein Buch, ein loses Zettelwerk, an dem die Frau des Schriftstellers arbeitet. Einige dieser Zettel ‚verrät’ Basil Schlupp an die Theologin, u.a. steht dort:

„Wenn du mit niemanden offen sein kannst, bleibt nur noch das Schreiben.“ (S. 94) – oder auch der schon im Klappentext erwähnte Satz: „Die meisten leiden ohne Gewinn.“ (S. 95). Am Schluss des Romans, in dem alles umgeworfen ist, verbrennt Iris Schlupp, die Ehefrau, ihren Romanversuch, womit der Titel frei wird für den Ehemann, dem sie ihn großzügig überlässt. Frei auch als Titel für Walsers Roman.

Zuletzt noch etwas zu den Namen, die Walser immer wieder gern benutzt. Die stammen überwiegend aus dem alemannischen Sprachraum, also Walsers Heimat. Bei Basil Schlupp musste ich unwillkürlich an Nacke Dominik Bruut aus Walsers Roman Das Einhorn denken. Und Schlupp(en) gibt es auch im ‚Kinderprogramm‘.

Lesenswert ist auch die Rezension auf sueddeutsche.de/kultur: Walsers großes Werk der Liebe, in der eine Verbindung zu Franz Kafkas Korrespondenz mit seiner Verlobten Felice Bauer hergestellt wird. Dieser Briefwechsel begann am 20. September 1912. Fast auf den Tag genau einhundert Jahre später ist nun Walsers Roman erschienen.

Siehe auch meinen Beitrag: Martin Walser und die literarische Verlustanzeige
Übrigens: Walsers Tagebuch wurde bisher noch NICHT gefunden

Heute Ruhetag (24): Giacomo Casanova – Erinnerungen

Giacomo Girolamo Casanova (1725 – 1798) war ein venezianischer Schriftsteller und Abenteurer des 18. Jahrhunderts, bekannt durch die Schilderungen zahlreicher Liebschaften. So wurde die reale Person Casanova bereits im 19. Jahrhundert zur Figur Casanova in verschiedenen künstlerischen Werken. Heute steht Casanova ganz allgemein als Synonym für einen Frauenverführer.

Seine Memoiren mit dem Titel „Geschichte meines Lebens“ zählen dabei längst zur Weltliteratur, da sie allein schon kulturhistorisch interessant sind. Denn in dem Werk breitet sich das gesamteuropäische 18. Jahrhundert vor unseren Augen aus: Durch seine Reisen, bei denen er europäische Höfe und Metropolen besuchte, hatte er Kontakt zu bedeutenden Personen seiner Zeit. Er kannte die Päpste Benedikt XIV. und Clemens XIII., sprach mit Friedrich dem Großen und der Zarin Katharina II.. Neben den Herrschern war ihm auch die geistige Elite Europas vertraut: Da Ponte, Voltaire, Crébillon, von Haller, Winckelmann und Mengs zählten zu seinen Bekannten. Doch auch die soziale Unterschicht kommt in seinen Erinnerungen vor.

Hermann Kesten beschrieb dieses Pandämonium so: „Das ganze 18. Jahrhundert tummelt sich in seinen Memoiren und lacht, und räsoniert, und hurt, in keinem anderen Buch ist es so lebendig, so deutlich, so zum Riechen, Fühlen, Schmecken nah.“

Heute Ruhetag = Lesetag!

Vor allen Dingen erkläre ich meinem Leser, daß ich überzeugt bin, bei allem, was ich im Laufe meines Lebens Gutes oder Böses getan habe, für den guten oder bösen Ausgang selber verantwortlich zu sein. Es folgt daraus, daß ich an die Freiheit des Willens glaube.

[…]

Der Mensch ist frei; aber er ist nicht mehr frei, wenn er nicht an seine Freiheit glaubt. Je mehr Macht er dem Schicksal beimißt, desto mehr beraubt er sich selber jener Macht, die Gott ihm verlieh, indem er ihn mit Vernunft begabte. Die Vernunft ist ein Bruchteilchen der Göttlichkeit des Schöpfers. Wenn wir uns ihrer bedienen, um demütig und gerecht zu sein, so werden wir unfehlbar Ihm, der sie uns geschenkt hat, wohlgefällig sein. Gott hört nur für die auf, Gott zu sein, die sich sein Nichtvorhandensein als möglich denken können. Diese Vorstellung muß für sie die größte Strafe sein, die sie erleiden könnten.

Aber wenn nun auch der Mensch frei ist, so dürfen wir doch nicht glauben, daß er das Recht habe, zu tun, was er will. Denn er wird Sklave, so oft er sich von einer Leidenschaft zum Handeln fortreißen läßt. Nisi paret, imperat. – Wenn sie nicht gehorcht, befiehlt sie. Wer stark genug ist, seine Handlungen so lange aufzuschieben, bis er wieder ruhig geworden ist, der ist wahrhaft weise. Aber solche Menschen sind selten.

aus: Erinnerungen – Band 1 – Vorrede

Giacomo Casanova Manuskript - Kapitel 1 - Seite 1

Don Jacob Casanova, geboren zu Saragossa, der Hauptstadt von Aragonien, natürlicher Sohn Don Franciscos, entführte im Jahre 1428 Donna Anna Palafor aus dem Kloster; dies geschah einen Tag, nachdem sie ihr Gelübde abgelegt hatte. Er war Geheimschreiber des Königs Alfonso. Er floh mit ihr nach Rom, wo Anna ein Jahr im Gefängnis zubringen mußte; nach Verlauf dieser Zeit entband Papst Martin der Dritte sie von ihrem Gelübde und gab ihrer Ehe seinen Segen auf Empfehlung des Don Juan Casanova, Haushofmeisters des Allerheiligsten Palastes und Oheims des Don Jacob. Die aus dieser Ehe hervorgegangenen Kinder starben sämtlich in zartem Alter mit Ausnahme Don Juans, der im Jahre 1475 Donna Eleonora Albini heiratete und von ihr einen Sohn, Namens Marco Antonio, hatte.

aus: Erstes Kapitel – Nachrichten aus meiner Familie – Meine Kindheit

Giacomo Casanova: Erinnerungen – Band 1Band 2Band 3Band 4Band 5Band 6

Martin Walser und die literarische Verlustanzeige

Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen, heißt es. Oder wie der Angelsachse sagt: The laugh is always on the loser. Womit wir bereits beim Kern der Sache wären: Da lässt ein Schriftsteller sein Tagebuch mit Skizzen und Notizen im Zug liegen. Und schon stürzt sich eine Meute auf den armen Mann, um ihn, den Verlierer (Versager), noch mit Hohn zu verlachen (The laugh is always on the loser).

Wie geschrieben hat Martin Walser sein in rotes Leinen gebundenes Tagebuch im Zug von Innsbruck nach Friedrichshafen vergessen: „Drin kein Name, keine Adresse. Ich hatte ja nicht vor, es liegen zu lassen“. Und schon witzelt frau in welt.de: „Martin Walser sorgt wieder einmal für einen Skandal: Er hat sein Leben liegen lassen.“ – und zieht über Walsers bisher veröffentlichte Tagebücher her. Und weiter: „Dann bot Walser der Nachrichtenagentur dpa ein Interview an. Darin stehen nun so Sätze wie ‚Wenn etwas verloren ist, entsteht ein Gefühl. Nichts entwickelt sich in uns zu solcher Deutlichkeit wie Verlorenes. Aber nur das Verlustgefühl nimmt zu, das Verlorene selbst bleibt verloren.’ Walser hat damit eine neue Kunstgattung erfunden. Neben dem literarischen Tagebuch gibt es jetzt auch die literarische Vermisstenanzeige. Immerhin hat er ‚ein aufgeschriebenes Leben im Zug liegen’ lassen. Nie wieder wollen wir an Laternenpfählen ‚Schlüsselbund verloren’ lesen. Sondern vielleicht ‚Der Zugang zum Heim, zur eigentlichen Heimat ist uns verwehrt. Heimlicher Schmerz, Heimatschmerz’. Oder so ähnlich.“

Erst einmal sollte es Verlustmeldung oder Verlustanzeige heißen, nicht Vermisstenanzeige, denn Herr Walser hat nur sein Tagebuch im Zug vergessen und vermisst keinen lieben Menschen (das vielleicht in seinem Alter auch, aber davon ist hier ja keine Rede). Martin Walser neigt nun einmal zu ‚Wortgewalt’ und äußert sich vielleicht auch in so profanen Dingen wie den Verlust eine Sache als Dichter. Aber es ist ja nicht nur eine Sache, die er verloren hat, es sind handschriftliche Aufzeichnungen von rund 200 Seiten, deren idealen Wert man durchaus erahnen kann. Inzwischen hat Walser selbst den Finderlohn von 3000 €, die sein Verlag aussetzte, um eigene 2000 € erhöht.

    Martin Walser: Leben und Schreiben - Tagebücher

Aber irgendwie kommt es noch dicker. In gewissen unernsten Betrachtungen äußert man sich bei nw-news.de wie folgt: „Unbestätigten Branchengerüchten zufolge, hat Walsers Verlag die Beseitigung des Tagebuchs in Auftrag gegeben. Zum einen, weil der Autor mit Hinweis auf Thomas Manns Notate (‚Verdauungssorgen und Plagen’) auf einer Veröffentlichung bestanden haben soll. Zum andern, weil ihn der Eintrag ‚Eines Tages bringe ich Reich-Ranicki um’ in unnötige Schwierigkeiten bringen könnte. Walser hofft noch, dass das Tagebuch wieder auftaucht. ‚Für den Schriftsteller’, sagt er, ‚wäre es eine Erlösung.’ Wir armen Leser müssen ihn ja nicht kümmern.“

Ob sich sein Tagebuch nun endlich angefunden hat, ist zz. nicht zu erfahren. Wollen wir es für Martin Walser hoffen. Immerhin steht er nicht allein da. T.E. Lawrence, bekannt geworden als „Lawrence von Arabien“, vergaß 1919 in einem Bahnhofscafé das einzige Manuskript von „Die sieben Säulen der Weisheit“. Er fand es nie wieder und musste alles neu schreiben. Auch Heimito von Doderer oder Alfred Polgar verloren Manuskripte. Die meisten unwiderruflich verlorenen Manuskripte sind aber Erstlinge, die bei den Verlegern verlegt werden (und zwar wörtlich) oder sich schon vorher auf dem Postweg in Luft auflösen. Arthur Conan Doyle traf es ebenso wie Henry Miller (Quelle: diepresse.com).

Hier findet sich ein Hinweis auf den Roman „Lila, lila“ von Martin Suter, der auch verfilmt wurde, in dem ein Manuskript in der Schublade eines Nachtschränkchens verschollen geht und von einem jungen Mann auf dem Flohmarkt gefunden wird. Er veröffentlicht es unter seinem Namen und wird berühmt, irgendwann aber bittet der wahre Autor bei einer Lesung um ein Autogramm. Nun Martin Walser hat ja wenigstens kein vollständiges Manuskript verloren.

Heute Ruhetag (23): Goethe – Faust I + II

Heute Ruhetag = Lesetag!

Direktor zum Theatherdichter und der lustigen Person:

Ihr beiden, die ihr mir so oft,
In Not und Trübsal, beigestanden,
Sagt, was ihr wohl in deutschen Landen
Von unsrer Unternehmung hofft?
Ich wünschte sehr der Menge zu behagen,
Besonders weil sie lebt und leben läßt.
Die Pfosten sind, die Bretter aufgeschlagen,
Und jedermann erwartet sich ein Fest.
Sie sitzen schon mit hohen Augenbraunen
Gelassen da und möchten gern erstaunen.
Ich weiß, wie man den Geist des Volks versöhnt;
Doch so verlegen bin ich nie gewesen:
Zwar sind sie an das Beste nicht gewöhnt,
Allein sie haben schrecklich viel gelesen.
Wie machen wir’s, daß alles frisch und neu
Und mit Bedeutung auch gefällig sei?

[…]

Aus dem Vorspiel auf dem Theater

Johann Wolfgang von Goethe: Faust – eine Tragödie und als der Tragödie zweiter Teil

    Signatur: Johann Wolfgang von Goethe

Gefällig mag vieles sein dem deutschen Volk, aber auch von Bedeutung? Faust und sein Pakt mit Mephistopheles, dem Teufel, ist ein Stoff der europäischen Literatur. Aber speziell wir Deutschen zeigen die Neigung, Fiktives schnell als bare Münze anzusehen und sind zu manchem Teufelspakt bereit. Was wären wir ohne Goethe, der uns den Fauststoff als eine Tragödie und als der Tragödie zweiter Teil besonders aufbereitet hat, aus dem sich unsere Zungen auch heute noch reichlich bedienen, nicht nur den als des Pudels Kern.

Auch ich habe mich vorzeiten (1992 und Anfang 1993) aus dem Fundus Goethe’scher Verse bedient und es gemäß dem Vorspiel zum Faust „Des Fadens ew’ge Länge – Aufzeichnungen“ genannt. Hier noch einmal:

    Wenn die Natur des Fadens ew’ge Länge,
    Gleichgültig drehend, auf die Spindel zwingt,

    Wer sichert den Olymp? vereinet Götter?
    Des Menschen Kraft, im Dichter offenbart.

So spricht der Dichter im Vorspiel auf dem Theater in Goethes „Faust – Der Tragödie erster Teil“. Ich mag gleichgültig sein; so drehe und fädle ich und zwinge ich das Garn, welch Hirngespinst, von der Rolle, wie auch ich so von der Rolle bin. Was ewig ist, das hat weder Anfang noch Ende. Also ist der von Goethe beschriebene Faden ohne Anfang und ohne Ende. Gewissermaßen bin ich ein Glied, ein Fädelchen, davon. Und dieses Stück Garn wehrt sich, von der Natur auf die Spindel gezwungen zu werden. Also: Ab von der Rolle mit dem Fädchen, mein Mädchen!

Wenn ’s nur die Natur allein wäre, ich würde mich gern zwingen lassen (Trieb und Leidenschaft); was wirklich zwingt, sind die Umstände, ist die Umwelt, alles was uns um Konventionen willen bedrängt und in die Schranken weist. Gegen den Faden der Gesetze heißt es zu kämpfen, den roten Faden, mit dem das Leben durchwebt ist. Und zum Kampfe reiche mir die Feder angefüllet mit tiefschwarzer Tinte. Götter zu einen, ist nicht mein Trachten, und der Olymp soll verfaulen – von mir aus. Die Gegner sind auf Erden zu finden; finden wir sie aus und besudeln sie mit der Tinte gemischt aus unserm Blut und der Natur Erde. Quarksieder, Schönredner, Ignorantenpack und Egoistengeschmeiß, Speichellecker, Ausbeuter, Dummgesocks und Schweinetreiber – alle an der Wand! Und bloßgestellt! Schreibtischtäter und ihre Handlanger, Tattergreise von Ministern, Saumägen und Rebsgeläuse, Mistkäfer und Verbrecher mit weißen Krägen und Bankkonten in der Schweiz – an den Strick! Zeigt her eure vollgefressenen Schmerbäuche und eure Finger, an denen das Blut klebt von unschuldigen, naiven Menschen, die auf eure Bauernfängereien hereingefallen sind!

Mit der Feder in der Hand nehme ich den Kampf nun auf, um gegen Paragraphen und ihre Schöpfer, diese unersättlichen Papiertiger, anzugehen. Aber auch Du, dummdreister Ochs, bekommst Dein Fett weg! Und selbst am eignen Kleide leugne ich den Schmutzen nicht.

Aber auch von manch andrem Zeug sei hier berichtet.

Kapitel 1 – Natürliches

1 Faustus Müllemann

Am Wegesrand ein Blümlein wächst, dessen Duft mir in die Nase steigt. Ein sanftes Kribbeln. Pass auf, dass Du das zarte Pflänzlein nicht unter Deinen tapsigen Stiefeln begräbst. Mir könnte etwas fehlen («Tritt nicht aufs Fettkraut!»). Befreie Dich von den klobigen Tretern und wage es wie ich, barfüßig durch das Gras zu gehn. Spürest auch Du einen Hauch vom Morgentau? Von Frische, die die Zehen benetzt? Mach Deinen Kopf frei! Und fühle! Atme ein und atme aus.

Besinne Dich, Du Ochs! Gedankenlos kippst Du allen Dreck in die Natur aus. Überall stolpere ich über Müll, den Du wie die Schleimspur einer Schnecke gleich hinter Dir herziehst, und falle mit der Nase in schimmligen Quark («In jeden Quark begräbt er seine Nase.»). Ich mag wohl gern meinen Riecher in andrer Leute Sachen stecken, aber nicht in solch fauligem Schlamm.

«Hopfen und Malz, Du stinkst aus dem Hals!» Fettbäuchig begräbst du das Blümlein unter deinem auseinanderquellenden Arsch. Um dich herum stapeln sich Bierdosen und Schnapsflaschen. Aus deinem Maul quillt nicht nur der abgestandenen Pesthauch und Sabber, sondern mit den aufgequollenen Lippen formst du unförmige Wörter, die wie Kotzbrocken aus der Fresse fallen.

Greift nur hinein ins volle Menschenleben! Ich kann mich hüten davor, es zu tun. Staub soll er fressen, und mit Lust, wohl bekomm ’s! Es würde dir besser bekommen als der Fraß aus Tüten, die entleert die Straßen säumen.

Der Worte sind genug gewechselt, lasst mich auch endlich Taten sehn! Also packt deinen Kram, und dann pack‘ dich! Aber bald, denn was heute nicht geschieht, ist morgen nicht getan, und es wird dann nimmer mehr gescheh’n. Halbseidener Schlaumeier, erhebe dich … Oder bleib‘ ganz einfach sitzen, denn dann wirst du samt deines Unrats als menschlicher Sperrmüll zusammengekehrt und abtransportiert. Welch Schauspiel! Aber ach! ein Schauspiel nur! der Meister sprach ’s, aber ach, ein Müllwerker klaubt dich aus dem Dreck, hilft dir sogar auf die Beine und fegt überstehenden Abfall von deinen Kleidern. Oh, Gott, der Schrott steht auf beiden Füßen. Ja, kehre nur der holden Erdensonne entschlossen deinen Rücken zu! Schuld- und schuttbeladen wankt er davon. Die Träne quillt, die Erde hat ihn wieder! Aber irgendeiner Schuld ist er sich nicht bewusst. Vergeblich ist mein Reden. Da steht er nun, der arme Tor! Und ist so klug als wie zuvor; und wankt davon und wankt. Die Zeit ist kurz, die Kunst ist lang, des Toren taube Ohren zu predigen. Und er wankt. Das also war des Pudels Kern! Müllemanns fetter Hintern! Er wankt und wankt.

Auch für mich ist es Zeit, mich aus dem Staube zu machen, mich aus seinem Dunstkreis zu entfernen. Des Denkens Faden ist zerrissen, mir ekelt lange vor allem Wissen. Was Müllemann, der wankt, nicht weiß, wenn er auch denkt, zu wissen. Er nennt ’s Vernunft und braucht ’s allein, nur tierischer als jedes Tier zu sein. Aber bekanntlich: Es irrt der Mensch, solang er strebt.

Aber ja, aus den Augen, aus dem Sinn! So hoff‘ ich, meinen Seelenfrieden wieder zu finden. Und suche nach Entschuldigung und find‘ sorgenvolle Kindheit. Und suche nach Erklärung und finde schädigendes Milieu. Schon der Großvater hat …, und der Vater war … Und Müllemann wankt. Mir reißt der Faden. Ach! unsre Taten selbst, so gut als unsre Leiden, sie hemmen unsres Lebens Gang. Und Müllemann, ach Müllemann, du wankst.

Die Spiegelflut erglänzt zu meinen Füßen, zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag. So suche ich das Weite in der Ferne. Und ich gehe dahin, ein letzter Blick über die linke Schulter erspäht Müllemann, wie er wankt. Und ich laufe. Und ich hoffe, dass ein Blümlein am Wegesrand sich erholt und aufersteht und blüht und zu meiner Freude duftet und …

Freud muß Leid, Leid muß Freude haben. Und ich laufe, um einem Platz zu finden, an dem ich sagen kann: Hier bin ich Mensch, hier darf ich ’s sein! Während Müllemann wankt, nach Hause wankt, wankt, wankt …

Goethe mag mir verzeih’n!

Romananfänge (6): Garp

Heute möchte ich noch einmal auf den Roman Garp und wie er die Welt sah von John Irving zurückkommen, den ich gestern hoffentlich nicht zu sehr verrissen habe. Vielen Irving-Liebhabern muss es seltsam anmuten, den ‚Garp’ einerseits in einer Liste meiner liebsten Bücher zu finden, andererseits solch kritische Worte über das Buch zu vernehmen. Vielleicht sollte der werte ‚Liebhaber’ dann vielleicht doch etwas genauer lesen …

In einer Vorbetrachtung zum Thema Romananfänge läutete ich gewissermaßen einen Wettbewerb für gekonnt formulierte erste Romansätze ein. Dazu bin ich, wie geschrieben, durch John Irving angeregt worden. Was liegt da näher, als hier auch einmal einen Anfang eines Romans von John Irving in den Wettbewerb zu schicken – eben aus seinem besagten Roman: Garp und wie er die Welt.

Garps Mutter, Jenny Fields, wurde 1942 in Boston festgenommen, weil sie einen Mann in einem Kino verletzt hatte. Es war kurz nachdem die Japaner Pearl Harbor bombardiert hatten, und die Leute waren tolerant gegen Soldaten, weil plötzlich jeder Soldat war, aber Jenny Fields blieb fest in ihrer Intoleranz gegen das Benehmen von Männern im allgemeinen und Soldaten im besonderen.
(1. Kapitel – Das Bostoner Mercy Hospital)

Nun, der Soldat wurde gegenüber Jenny Fields sexuell aufdringlich, was Garps Mutter, die Krankenschwester, die immer ein Skalpell bei sich trug, entsprechend beantwortete.

Willi und die Romananfänge

Das Witzige ist, dass Irving zunächst einen anderen Romananfang im Sinne hatte. In einem Nachwort: Vor zwanzig Jahren (1998) – der Roman war 1978 erschienen – schreibt John Irving:

„Damals fiel mir ein, daß ich neben meinen übrigen Versuchen, einen Romananfang zu finden, vor langer Zeit auch einmal mit dem jetzigen Schlußsatz begonnen hatte („… in der Welt, so wie Garp sie sah, sind wir alle unheilbare Fälle.“), und ich erinnerte mich daran, wie dieser Satz durch das Buch gewandert war, wie ich ihn dauernd vor mir herschob. Anfangs war es der erste Satz des zweiten Kapitels, später war er der letzte Satz des zehnten Kapitels und so weiter, bis er zum Ende des Romans wurde – dem einzig möglichen Ende.“

Manchmal liegt Anfang und Ende so nah beieinander. Ein guter Anfang soll den Leser zum Weiterlesen animieren, ein gutes Ende wie das Feuerwerk zu Silvester, dem Jahresende, dem Ganzen des Romans die Krone aufsetzen.

John Irving: Garp und wie er die Welt sah

Nach längerer Zeit habe ich mir von John Irving wieder den Roman Garp und wie er die Welt sah zum Lesen vorgenommen, den Roman, mit dem er erfolgreich wurde. Es ist auch der erste Roman, den ich von John Irving gelesen habe.

„Mit seinem vierten Roman ‚Garp und wie er die Welt sah’ wurde John Irving über Nacht bekannt – in den USA brach die ‚Garpomanie’ aus. Stilistische Virtuosität, groteske Eskapaden und die für Irving typische Mischung aus Realismus und Absurdität machen den einzigartigen Charakter dieses Buches aus, das den Leser nicht mehr losläßt. Die Welt des Schriftstellers Garp ist bevölkert von Lehrern und Huren, Spießern und Randexistenzen, Verlagslektoren und Mördern, Transsexuellen und Sittenstrolchen, Männern, Frauen und Kindern – brutal, banal, perfide. Ein Pandämonium: unsere Welt.
Gegen Ende seiner Schulzeit entdeckt der Titelheld Garp seine Begabung, Geschichten zu erzählen. Fortan ist er hin- und hergerissen zwischen Literatur und Realität, zwischen den phantastischen Welten seiner Einbildungskraft und der Notwendigkeit, das wirkliche Leben in den Griff zu bekommen. Auf einer Reise nach Wien, die seine Mutter mit ihm unternimmt, um die Kunst und Dekadenz Europas ‚aufzusaugen’, macht Garp die Erfahrung, daß Leiden, Schmerz und Vergänglichkeit Grundtatsachen des Lebens sind – und daß der Glaube an einen festgelegten Sinn oder darin, das Leben lenken zu können, nichts als pure Illusion ist. Statt dessen gelangt er zu der zentralen Überzeugung, daß das Chaos des Lebens allein durch Sprache und Sexualität zusammengehalten wird. Garp wird Schriftsteller. Er schreibt eine Kurzgeschichte und zwei Romane, von denen der letzte ein voller Erfolg wird. Als sein Schwiegervater stirbt, übernimmt Garp von ihm, seinem ehemaligen Lehrer, die Aufgabe des Ringkampftrainers. Und als seine politisch aktiv gewordene Mutter ermordet wird, tritt er sogar für feministische Anliegen ein. Doch sein Ruf als Ultrachauvinist, den er sich im Kampf gegen eine Gruppe radikaler Feministinnen erworben hat, holt ihn am Ende doch noch ein.“

(aus dem Klappentext – meine Buchausgabe: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg – einmalige Sonderausgabe September 1998)

Kann man von einem Autor mit der Zeit genug bekommen? Von Irving, ich fürchte, ja. Wenn man John Irving, z.B. den Garp, zum ersten Mal liest, wird man schnell von den vielen skurrilen Typen und den makabren Begebenheiten gefangen genommen. Aber wie bei einem üppigen Mahl hat man es schnell satt.

    John Irving

John Irving beruft sich gern auf Günter Grass als literarische Vorbild. Beide sind wohl auch miteinander befreundet. Während Grass aber in seinem scheinbar dem Barock zu entstammenden Stil wortgewaltig kunstvolles Spiel mit der Sprache treibt, bleibt Irving sprachlich oft sehr blass, was nicht nur an der Übersetzung ins Deutsche liegen kann. Dafür treibt seine Phantasie reichlich Blüten, die sich aber, schaut man genauer hin, sehr schnell in immer wiederkehrenden Motiven und Themen erschöpft, z.B. „Charakteristika von Figuren (schüchterne Männer, starke Frauenfiguren, vaterlos aufwachsende Söhne, Prostituierte); Beziehungen (sexuelle Beziehungen zwischen älteren Frauen und jüngeren Männern, Inzest, häufig homoerotische Beziehungen) und Milieus (Rotlichtmilieus, Internatsschulen, Hotels/Pensionen, Zirkus) sowie die Schriftstellerei, Motorräder, Religion und immer wieder Bären.“ (vergleiche hierzu den Absatz bei de.wikipedia.org)

Manchmal ist es eben zuviel des Guten. Damit man mich nicht falsch versteht: Garp ist ein durchaus lohnenswerter Roman. Als ich ihn zum ersten Mal gelesen hatte, war ich angetan von all den seltsamen Gestalten, die ihn bevölkern. Aber man sollte den Roman wahrscheinlich kein zweites oder gar drittes Mal lesen, dann verliert er merklich an Farbe. Plötzlich erscheint jener Garp etwas blutleer geworden, in manchem kindisch oder gar banal. Garp entgleitet einem plötzlich, ist nicht mehr so sympathisch wie man ihn glaubte, sympathisch gefunden zu haben. Es treten Irritationen auf, die man nicht ganz wegstecken mag, z.B. sein Sicherheitswahn den eigenen Kindern gegenüber geht einem auf den Keks. Da musste ja kommen, was dann kam.

Vieles ist natürlich ‚Absicht’. Irving will uns locken. Und es gelingt ihm auch. Trotzdem erscheint mir das Buch (und nicht nur dieses) als eine Offenbarung männlicher Sexual- und Gewaltphantasien, die Irving mit einem feministischen Häkeldeckchen zu bemänteln sucht. Oder ist auch das nur ‚Absicht’?!

Nun bei den Kritikern kam John Irving nicht immer gut weg. Dafür hat sich aber Hollywood seiner (bzw. seiner Romane) angenommen. So wurde nicht nur eben Garp verfilmt, sondern besonders erfolgreich u.a. auch sein Roman Gottes Werk und Teufels Beitrag, der Irving dann auch den Oscar 2000 für das beste Drehbuch einbrachte. Irvings Romane scheinen sich besonders für die Verfilmung zu eignen – und besonders für die Verfilmung durch Hollywood.

siehe auch meine Beiträge:
John Irving: Die vierte Hand
John Irving: Bis ich dich finde

Martin Walser und das verlorene Tagebuch

Was kann es für einen Schriftsteller Schlimmeres geben, als den Verlust von handschriftlichen Skizzen und Tagebüchern:

Eine Zugfahrt von Innsbruck nach Friedrichshafen wird für Literat Martin Walser zur schicksalhaften Reise. Er lässt nämlich sein Tagebuch samt einiger Romanentwürfe auf dem Sitz liegen. Walsers Verlag bietet dem ehrlichen Finder nun 3.000 Euro.

„In rotes Leinen gebunden. Drin kein Name, keine Adresse. Ich hatte ja nicht vor, es liegen zu lassen“, sagte der 85-jährige Walser (Das dreizehnte Kapitel). „Und dann lässt du so ein Reise-Tagebuch, lässt du ein aufgeschriebenes Leben im Zug liegen.“

Er habe der Deutschen Bahn den Vorfall vom 17. September gemeldet und sei in der „Verlust-Gruppe Bücher, Bilder, Kunstgegenstände“ registriert worden – das Tagesbuch sei aber nicht wieder aufgetaucht. Zwar habe er versucht, mit dem Verlust klarzukommen. „Du erlebst: Wenn etwas verloren ist, entsteht ein Gefühl. Nichts entwickelt sich in uns zu solcher Deutlichkeit wie Verlorenes“, sagte Walser. „Aber nur das Verlustgefühl nimmt zu, das Verlorene selbst bleibt verloren.“

Er sei in den letzten zwölf Monaten viel unterwegs gewesen, in Chicago, Paris, London, Kopenhagen, Helsinki, Brüssel, Luxemburg. „Die Stimmung im Hancock Building in Chicago, November, nachmittags um fünf. In London noch einmal zu Fuß quer durch die Stadt, in der die Welt zu Hause ist. In Helsinki, mein Gott, allein die finnischen Begegnungen.“

Hoffen wir für Herrn Walser, dass er sein Tagebuch wiederbekommt. Immerhin hat er auf diese Weise vielleicht auch ein neues Thema für einen Roman: Der Verlust.

Heute Ruhetag (22): Charles Baudelaire – Die Blumen des Bösen

Mit leisen Schritten nähern wir uns dem Herbst. Der Herbst ist für viele eine Zeit der Melancholie. Die Tage werden kürzer, die Temperaturen sinken merklich. Die Bäume trennen sich von ihren Blättern. Die Natur hält Rückzug.

Der Herbst ist auch eine Zeit des Lesens. Und – ich weiß nicht warum – eine Zeit der Gedichte mit desillusionistischen, pessimistischen Unterton. Charles Baudelaire, der heute als einer der größten französischen Lyriker überhaupt und als einer der wichtigsten Wegbereiter der europäischen literarischen Moderne gilt, schrieb solche Gedichte. Wesentliche Anregungen gewann er bei Edgar Alle Poe, dessen Werk er als erster ins Französische übersetzte. „1857 erschien Baudelaires Hauptwerk, der Gedichtzyklus ‚Les Fleurs du Mal‘ (Die Blumen des Bösen). Wegen sechs angeblich obszöner und gotteslästerlicher Gedichte in dieser Sammlung wurden Autor, Verleger und Drucker angeklagt und der ‚Beleidigung der öffentlichen Moral und der guten Sitten‘ für schuldig befunden, erst nach dem 2. Weltkrieg wurde dieses Urteil aufgehoben“. (Quelle: gutenberg.spiegel.de)

Heute Ruhetag = Lesetag!

[…]

Wie schön ist das Erglühn aus Nebelschwaden
Des Sterns im späten Blau, des Lichts in den Fassaden
Der Kohlenströme Flößen übers Firmament
Und wie das Land im Mondlicht fahl entbrennt.
Mir wird der Lenz der Sommer und das Spätjahr hier sich zeigen
Doch vor dem weißen winterlichen Reigen
Zieh ich den Vorhang zu und schließe den Verschlag
Und baue in der Nacht an meinem Feenhag.

Dann werden blaue Horizonte sich erschließen
Und weinend im Boskett Fontänen überfließen
Dann wird in Küssen und im Vogellied
Der Geist der Kindheit sein der durch Idyllen zieht.

Mag gegen’s Fensterglas sich ein Orkan verschwenden
Ich werde nicht die Stirn von meinem Pulte wenden;
Denn höchst gebannt in meine Leidenschaft
Ruf ich den Lenz herauf aus eigner Kraft
Und kann mein Herz zu Strahlen werden sehen
Und meines Denkens Glut zu lindem Wehen.

aus: Landschaft (Original: Paysage)

Signatur: Charles Baudelaire

Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen/Les fleurs du mal (Übertragungen von Walter Benjamin)