Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Nadine Gordimer: Niemand, der mit mir geht

    … nicht aufgrund der weißen Schuld, von der die Leute redeten, sondern aus der Notwendigkeit heraus, sich der Zeit und dem Ort zu stellen, denen sie sich durch Geburt, wie sie es verstand, zugehörig fühlte. (S. 27)

Nadine Gordimer, 1923 geboren, ist eine der bekanntesten südafrikanischen Schriftstellerinnen. Ihre Romane, Erzählungen und Essays behandeln vor allem die südafrikanische Apartheidpolitik und deren zerstörerische Folgen sowohl für die schwarze als auch für die weiße Bevölkerung. 1991 wurde sie mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.

Das, was die Protagonistin Vera Stark in Nadine Gordimers Roman Niemand, der mit mir geht sagt, kann auch auf Gordimer selbst bezogen werden. Es geht nicht um ‚weiße Schuld’, es geht darum, sich der Lebenssituation, sich seinem Rechtsempfinden zu stellen, das das Unrecht der Apartheid, der Rassentrennung und Rassensegregation nicht länger dulden kann.

Nadine Gordimer: Niemand, der mit mir geht

Die Übergangsphase von der Apartheid in Südafrika zur rechtlichen Gleichstellung dauerte von 1990 bis 1994. Während dieser Zeit wurden die verbliebenen Gesetze der Rassentrennung beseitigt. Alle in Südafrika wohnhaften Menschen konnten sich frei und ohne Restriktionen bewegen. Viele Schwarze nutzten diese Chance und zogen in Städte. Diese Übergangszeit war aber auch geprägt durch blutige Unruhen, denn die Führer der so genannten Homelands sahen sich durch das neue Staatssystem in ihrer Macht bedroht. Die Unruhen forderten insgesamt etwa 7.000 Tote.

In dieser Zeit spielt der Roman von Nadine Gordimer (Niemand, der mit mir geht – Original: None to Accompany Me, 1994 – Aus dem Englischen von Friederike Kuhn – Bechtermünz Verlag – 1998), der in drei Kapitel mit den Titeln Gepäck, Transit und Ankunft gegliedert ist.

Zum Inhalt (Quelle: dieterwunderlich.de):

Die weiße Südafrikanerin Vera ist in zweiter Ehe mit Bennet („Ben“) Stark verheiratet. Ihren ersten Ehemann, dessen Frau sie mit siebzehn geworden war, hatte sie wegen Ben verlassen. Bei der zweiten Hochzeitsfeier war sie schwanger, und einige Monate später kam sie mit ihrem Sohn Ivan nieder. Vera wurde Anwaltsgehilfin und studierte Jura, doch nach der Geburt des zweiten Kindes – der Tochter Annick („Annie“) –, gab sie ihre vielversprechende Position in einer prosperierenden Anwaltssocietät auf. Jetzt – mehr als dreißig Jahre später – engagiert Vera sich in einer juristischen Stiftung, die in den letzten Jahren der Apartheid gegen Zwangsumsiedelungen von Schwarzen kämpfte und seit der gemeinsamen Erklärung des ANC und der Regierung von Frederik Willem de Klerk vom 6. August 1990 zwischen Buren-Farmern und mittellosen Schwarzen zu vermitteln versucht. Ben fühlt sich eigentlich als Künstler, doch um sich und Vera finanziell abzusichern, beteiligt er sich an dem Unternehmen „Promotional Luggage“, das teure Lederwaren herstellt und mit den Firmenlogos der Kunden versieht.

Heimlich hat Vera Stark ein Verhältnis mit dem fünfzehn Jahre jüngeren Österreicher Otto Abarbanel.

Bereits vor der Aufhebung des ANC-Verbots am 3. Februar 1990 kehrte mit Didymus („Didy“) Maqoma einer der Führer aus dem Exil nach Südafrika zurück. Einige Zeit später folgte ihm seine Ehefrau Sibongile („Sally“), und sie ließen auch ihre sechzehnjährige Tochter Mpho aus einem Internat in England kommen. Vera und Ben nahmen die Maqomas fünf Wochen lang bei sich auf, bis sie ein Haus gefunden hatten.

Während Didymus bei den Neuwahlen für die Parteileitung scheitert, rückt Sibongile in den engeren Führungszirkel auf. Bald vertritt sie den ANC auch auf zahlreichen Auslandsreisen.

Mit der Aufhebung der Apartheid ist Südafrika zwar freier geworden, aber nicht sicherer: Vera wird nach Phambili Park gerufen, wo sich eine Gruppe von aus ihren ursprünglichen Wohnorten vertriebenen Schwarzen illegal angesiedelt hatte. Nun wurden sie von Wanderarbeitern aus einem Arbeiterheim in Phambili Park angegriffen. Einige von ihnen kamen ums Leben.

Gemeinsam mit dem Squatterführer Zeph Rapulana sucht Vera den Buren Tertius Odendaal auf, der drei Farmen besitzt: eine vom Großvater über den Vater geerbte, eine von seiner Frau mit in die Ehe gebrachte und eine in den frühen Achtzigerjahren gekaufte. Er weigert sich, Hütten heimatloser Schwarzer auf seinem Land zu dulden, und mit einer Frau oder einem Schwarzen will er darüber auch gar nicht diskutieren: Er schlägt den beiden die Tür vor der Nase zu. Bald darauf kommt es im Odensville Squatter Camp zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen den Schwarzen und einer von Odendaal angeführten Gruppe. Neun Personen verlieren ihr Leben, vierzehn werden verletzt. Als Vera die Nachricht erhält, sorgt sie sich um Zeph Rapulana. Er ist unter den Verletzten. Odendaal, der behauptet, sich gegen einen bevorstehenden Angriff der Squatter verteidigt zu haben, kommt zwar ungeschoren davon, aber seine Klage gegen eine Gerichtsentscheidung zugunsten einer Schwarzensiedlung in Odensville wird vom obersten Gerichtshof abgewiesen.

Bens Vater zieht zu seinem Sohn und seiner Schwiegertochter. Einige Zeit später erleidet er einen Schlaganfall, von dem er sich nicht mehr erholt. Er stirbt.

Veras Sohn Ivan, der als erfolgreicher Banker in London lebt, teilt seiner Mutter in einem Brief mit, dass er sich von seiner Frau Alice scheiden lassen wird, weil er mit einer anderen Frau zusammenlebt. Die kinderlose Investment-Bankerin heißt Eva; es handelt sich um eine Halbjüdin aus Ungarn, deren Ehemann vor fünf Jahren einem Gehirntumor erlag. Von einer dauerhaften Beziehung mit Eva geht Ivan allerdings nicht aus.

Während Annie vorübergehend bei ihren Eltern wohnt, erhält sie Besuch von ihrer Freundin Lou. Vera kauft eigens eine Couch für Lou, stellt dann aber fest, dass die beiden Frauen weiterhin zusammen im Bett schlafen. Als sie es Ben erzählt, will dieser nicht wahrhaben, dass seine Tochter lesbisch ist. – Einige Zeit später adoptieren Annie und Lou ein schwarzes Mädchen.

Veras junger schwarzer Mitarbeiter Oupa Sejake hat zwar eine Ehefrau und Kinder, aber die leben bei Verwandten in einem Umsiedelungsgebiet. Eines Tages beschweren sich Didymus und Sibongile Maqoma bei Vera aufgebracht darüber, dass Oupa ihre Tochter Mpho geschwängert hat. Vera weiß, dass Mpho auch mit anderen jungen Männern herummachte, aber sie verspricht, der Sechzehnjährigen einen Termin für eine Abtreibung zu besorgen.

Bei einer Dienstreise kommen Vera und Oupa zufällig in die Nähe des Ortes, an dem Oupas Frau und seine Verwandten leben. Obwohl private Abstecher eigentlich verboten sind, fährt Vera mit ihm hin. Nach dem Besuch werden sie mit ihrem Auto angehalten, ausgeraubt und durch Schüsse verletzt. Veras Wunde am Bein verheilt, doch Oupa stirbt an einer Sepsis.

Nachdem Ivans Sohn Adam in London wegen Trunkenheit am Steuer zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und ihm wegen mehrmaliger Überschreitung der Höchstgeschwindigkeit der Führerschein abgenommen wurde, bittet Ivan seine Eltern, den Siebzehnjährigen für ein Jahr bei sich in Südafrika aufzunehmen.

Adam möchte ausgerechnet mit Mpho ausgehen. Seine Großmutter erzählt ihm, welche Schwierigkeiten sie mit Mphos Eltern hatte, weil das Mädchen von einem ihrer Mitarbeiter geschwängert worden war. Sie bittet ihren Enkel deshalb, sich von Mpho fernzuhalten.

Deren Mutter, die in einer neuen Regierung Ministerin werden könnte, steht inzwischen auf einer Todesliste. Obwohl Didymus keine Waffenerlaubnis hat, begleitet er Sibongile nach Möglichkeit mit einem Revolver unter dem Jackett.

Nachdem das Unternehmen „Promotional Luggage“ in bankrott gegangen ist, fliegt Ben zu seinem Sohn nach London. Vera weiß, dass er nicht mehr zurückkommt.

    Vielleicht macht das Verschwinden des alten Regimes auch die Aufgabe eines alten privaten Lebens möglich. (S. 296)

Da Adam mittlerweile zu einem Freund gezogen ist, braucht sie auch auf ihn keine Rücksicht zu nehmen und kann ihr Haus verkaufen. Vera zieht in einen Anbau des Hauses, das Zeph Rapulana in der Stadt bewohnt.

    Es war ein Verhältnis [gemeint ist das zwischen Vera und Zeph], in dem es Loyalitäten, aber keine Abhängigkeiten gab, Gefühle, die in keiner anerkannten Kategorie eingefangen waren, da sie nicht überprüft werden mußten. (S. 301)

Eines Nachts, als bei ihr ein Wasserrohr bricht und sie ins Haupthaus hinübergeht, um den Haupthahn abzudrehen, stößt sie im Bad auf eine unbekannte Frau, bei der es sich offenbar um eine Geliebte Zephs handelt.

Personen des Romans:

Vera Stark, Mitarbeiterin in einer juristischen Stiftung
Bennet Stark, ihr Mann
Ivan, ihr Sohn
Adam, Ivans Sohn
Annick, genannt Annie, ihre Tochter

Didymus („Didy“) Maqoma
Sibongile („Sally“), seine Frau
Mpho, ihre 16-jährige Tochter

Zeph Rapulana, Squatterführer (Besetzer)
Oupa Sejake, Mitarbeiter von Vera Stark in der juristischen Stiftung

Im Mittelpunkt von Nadine Gordimers Roman steht Vera Stark, eine starke Frau, die „inmitten ihrer politischen und privaten Kontakte ihre persönliche Einsamkeit akzeptiert, um ihre Unabhängigkeit nicht zu verlieren.“ Dass auch heute, rund 20 Jahre nach der Übergangsphase von der Apartheid zur rechtlichen Gleichstellung, weiterhin nicht von Normalität in Südafrika gesprochen werden, beweist der tödliche Polizeieinsatz gegen streikende Arbeiter der südafrikanischen Platinmine in Marikana.

„Wenn Sie glauben, daß der Nobelpreis eine Autorin ruhiger und weniger phantasievoll macht, wird Gordimers neues Werk Ihre These auf eine harte Probe stellen. Und wenn Sie glauben, daß Südafrika nach der Apartheid ein weniger interessanter Schauplatz für die Literatur sein muß, wird NIEMAND, DER MIT MIR GEHT Sie widerlegen.
Dieser erster Roman nach dem Nobelpreis, nach der Apartheid – Gordimers am wenigsten politischer und emotionalster – könnte das beste Werk sein, das sie je geschrieben hat.“

Marie Arana-Ward, The Washington Post

Literarische Werk von Nadine Gordimer

Heute Ruhetag (21): Hans Christian Anderson – Sämtliche Märchen

Neben den vielen Märchen, die uns in mündlicher Überlieferung vorliegen und z.B. von den Gebrüdern Grimm gesammelt wurden (Grimmsche Volksmärchensammlung „Kinder- und Hausmärchen“), gibt es die so genannten Kunstmärchen, also die von Schriftstellern verfassten. In Deutschland hat z.B. Wilhelm Hauff Märchen geschrieben, aber auch von Hermann Hesse gibt eine größere Anzahl. Die wohl bekanntesten Kunstmärchen sind die des Dänen Hans Christian Andersen, der weit über 100 solcher Märchen zu Papier gebracht hat. Wer kennt sie nicht: „Das hässliche Entlein“, „Die kleine Meerjungfrau“, „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ oder „Des Kaisers neue Kleider“. Andersens Märchen sind nicht nur zeitlos; sie gehören mittlerweile zur Weltliteratur und sind nicht nur für Kinder geeignet.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Des Kaisers neue Kleider

Vor vielen Jahren lebte ein Kaiser, der so ungeheuer viel auf neue Kleider hielt, daß er all sein Geld dafür ausgab, um recht geputzt zu sein. Er kümmerte sich nicht um seine Soldaten, kümmerte sich nicht um das Theater und liebte es nur, spazieren zu fahren, um seine neuen Kleider zu zeigen. Er hatte einen Rock für jede Stunde des Tages, und eben so, wie man von einem Könige sagt, er ist im Rathe, sagte man hier immer: »Der Kaiser ist in der Garderobe!«

[…]

»Aber er hat ja nichts an!« sagte endlich ein kleines Kind. »Herr Gott, hört des Unschuldigen Stimme!« sagte der Vater; und der Eine zischelte dem Andern zu, was das Kind gesagt hatte.

»Aber er hat ja nichts an!« rief zuletzt das ganze Volk. Das ergriff den Kaiser, denn es schien ihm, als hatten sie Recht; aber er dachte bei sich: »Nun muß ich die Procession aushalten.« Und die Kammerherren gingen noch straffer und trugen die Schleppe, die gar nicht da war.

Signatur: Hans Christian Andersen

Hans Christian Andersen: Sämmtliche Märchen. Einzige vollständige vom Verfasser besorgte Ausgabe

Italo Calvino: Der Nichtleser

    „Ich? Ich lese keine Bücher!“ erklärt Irnerio bündig.

    „Und was liest du dann?“

    „Gar nichts. Ich habe mich so ans Nichtlesen gewöhnt, daß ich nicht mal lese, was mir zufällig unter die Augen kommt. Das ist nicht leicht: Im zarten Kindesalter bringen sie einem das Lesen bei, und dann bleibt man das ganze Leben lang Sklave all des geschriebenen Zeugs, das sie einem ständig vor die Augen buttern. Na ja, auch ich mußte mich in der ersten Zeit schon ein bißchen anstrengen, bis ich nichtlesen konnte, aber inzwischen geht’s ganz von allein. Das Geheimnis ist, daß du nicht weggucken darfst, im Gegenteil, du mußt hinsehen auf die geschriebenen Wörter, du mußt so lange und intensiv hinschauen, bis sie verschwinden.“
    (Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht, S. 59)

Es ist eine interessante Sache, die vom Nichtlesen, wie sie Italo Calvino in seinem Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht niedergeschrieben hat. Sind wir nicht Sklaven des Gelesenen? Können wir nicht auch ‚ohne’?

    Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht

Zunächst drängt sich mir der Vergleich mit dem Schwimmen auf, einmal gelernt, kann man es nicht mehr verlernen. Ähnlich sollte es sich mit dem Lesen verhalten. Gut, man kann aus der Übung kommen. Aber selbst wer jahrelang im Kerker ohne Lektüre verbringt, dürfte beim Freikommen noch Lesen können.

Dann interessiert mich schon, warum wir eigentlich lesen. Ohne Lesen läuft ziemlich wenig. Das dürften Analphabeten am besten wissen. Statt des Lesens haben sie sich aber bestimmt andere Hilfen geschaffen, die ihnen das Lesen ersetzen (notfalls fragen sie nach). Lesen und Schreiben gehört zum täglichen Leben. Ich kann zwar darauf verzichten, die Zeitung zu lesen usw., aber spätestens beim Einkaufen möchte ich doch wissen, was etwas kostet (so dicke habe ich es nicht). Oder ich brauche nur das Umfeld meines Schreibtisches zu betrachten: Buchrücken mit Schrift, Notizen, der Bildschirm selbst …

Beim im Roman nur kurz auftretenden Irnerio, der eigentlich lesen kann, ist das Nichtlesen zunächst ein ganz bewusster Akt. Lässt man in seiner Konzentration, nicht zu lesen, nach, wird man unwillkürlich ‚lesen’. Irnerio schaut also ganz genau hin auf die geschriebenen Worte – und das immer mit dem Bewusstsein, nicht zu lesen. Kann man das überhaupt? Zunächst dürfte es einem schwer fallen, das Gelesene gewissermaßen zu ignorieren. Ähnlich dürfte es beim Denken sein. Ego cogito, ergo sum, meinte schon René Descartes: „Ich denke, also bin ich.“ Immerhin schaffe ich es, eine Zeitlang, wenn auch nicht zu lang, meinen Kopf abzuschalten und nicht zu denken. Aber auf Geschriebenes zu blicken und nicht zu lesen – irgendwie schaffe ich das nicht. Vielleicht kann ich meinen Kopf soweit ausschalten, dass ich nicht den Sinn des Geschriebenen verstehen. Aber es sind immer wieder einzelne Wörter, die sich in mein Bewusstsein einbrennen: Ego lego, ergo sum – „Ich lese, also bin ich“, hätte der gute René sagen sollen.

Calvions Irnerio muss also ein langes ‚Training’ hinter sich gebracht haben, um sein Nichtlesen zu perfektionieren. Ich kann zwar weggucken. Aber das ist es ja angeblich nicht. Also hinsehen und nichtlesen …. Hinsehen und nichtlesen … (Ins Wasser springen und nicht schwimmen …). Wer lässt sich so etwas einfallen: Italo Calvino in seinem Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht.

Übrigens es gibt einen Twitter-Account: Nichtlesen

Das Wort nichtlesen taucht natürlich nicht im Duden auf. Es gibt nur nicht lesen. Aber nicht lesen ist etwas anderes als nichtlesen … nur so am Rande!

Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht

Es ist wieder einige Tage her: Auf meiner Leseliege liegend bei Sonnenschein las ich erneut Italo Calvinos Wenn ein Reisender in einer Winternacht, einen ganz außergewöhnlichen Roman, den ich hier bereits einmal kurz vorgestellt habe (Romananfänge (5): Wenn ein Reisender …). Der Roman stammt aus dem Jahr 1979 und ist auf Deutsch in einer Übersetzung von Burkhart Kroeber 1983 erschienen (ich habe die Taschenbuchausgabe dtv 10516 – Deutscher Taschenbuch Verlag, München – Januar 1986).

„Wenn sich ein Lesender in dem Roman von Italo Calvino das Eigentumsrecht an dem neuen Roman von Italo Calvino erwirbt und nach Hause eilt, um in der bequemsten Lesehaltung – über die es allerdings unterschiedliche Ansichten gibt – darin zu lesen, muß er bald erleben, daß er auf den fälschlich eingebundenen Druckbogen eines polnischen Buches stößt. Damit nicht genug. Gerade als es spannend wird, denn die Ex-Frau des Doktors ist eine faszinierende Person, und der Kommissar behält den Reisenden in einer Winternacht im Auge, fängt die Handlung an, sich zu wiederholen. Bald findet sich eine (Mit-)Leserin Ludmilla, und ‚am Ende landen der Leser und Ludmilla in aller Welt und aller Welts-Geschichten verwickelt in den Schutzräumen (den Gummizellen?) einer Bibliothek, aus denen sie herauskatapultiert werden: ins Happy-End; die beiden heiraten. Und haben ihre schönste Katastrophe noch vor sich. Die Hochzeitsnacht. Anstatt das eine tun sie das andere: Sie lesen >Wenn ein Reisender in einer Winternacht< von Italo Calvino. Alles fängt von vorne an. In unaufhörlicher Lust. Lesen, ein Wahnsinn? Ein Witz.’ (Die Zeit)“
(aus dem Klappentext)

    Bin auf den Gedanken gekommen, einen Roman zu schreiben, der nur aus lauter Romananfängen besteht. Der Held könnte ein Leser sein, der ständig beim Lesen unterbrochen wird. (S. 237)

Diesen Gedanken, den Calvino einem seiner Protagonisten, einen Schriftsteller, unterschiebt, ist gewissermaßen das Motto dieses Buches.

    Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht
    und schon legt sich über den Roman, den du lesen möchtest, ein Roman, den du möglicherweise leben könntest, die Fortsetzung deiner Geschichte [mit ihr] … (S. 39)

Man beachtet nach ‚lesen möchtest’ das ‚leben könntest’ – leben statt lesen. Aus dem Roman erhebt sich plötzlich der Leser, wird lebendig und Teil eines Romans. Eine faszinierende Idee, die sich natürlich nur lesend (dann leider doch nicht lebend) realisieren lässt, aber immerhin. Oder?

Wollt ihr beweisen, daß auch die Lebenden eine wortlose Sprache haben, mit der man nicht Bücher schreiben, sondern die man nur leben kann, Sekunde um Sekunde lebendig erleben, nicht aufzeichnen noch im Gedächtnis bewahren? Zuerst kommt diese wortlose Sprache der lebenden Körper – ist das der Grundgedanke […] – und dann erst kommen die Worte, mit denen man Bücher schreibt … (S. 85)

„Nicht in der dritten oder ersten Person, sondern konsequent in der Du-Form wird geschildert, wie der Leser das Buch in einer großen Buchhandlung kauft, es nach Hause trägt, es erwartungsvoll auspackt, aufschlägt, den Klappentext überfliegt und schließlich, nachdem er die bequemste Lesestellung gefunden und sich die nötige Ruhe verschafft hat („Mach lieber die Tür zu, drüben läuft immer das Fernsehen“), zu lesen beginnt.“ (Quelle: de.wikipedia.org).

Aber es gibt ja nicht nur den (männlichen) Leser, sondern auch die (weibliche) (Mit-)Leserin. Das Buch wird ja nicht nur von Männern gelesen:

Es ist an der Zeit, daß sich dieses Buch in der zweiten Person nicht mehr nur an ein unbestimmtes männliches Du wendet, […] sondern nun auch direkt an dich, die du seit dem zweiten Kapitel als notwendige Dritte Person auftrittst, damit der Roman ein Roman werden kann … [S. 168)

Italo Calvino beehrt uns in diesem Roman gleich mit zehn Romananfängen, die leider an ihrer jeweiligen Peripetie abbrechen. Manchen Leser wird das sicherlich nerven. „Stilistisch stellt jeder der zehn Romananfänge […] eine Parodie auf oder eher Hommage an eine bestimmte Schreibweise oder Autorengruppe des 20. Jahrhunderts dar – vom Nouveau Roman à la Robbe-Grillet bis zum russischen Revolutionsroman, von Kafka und Borges bis zum Pariser Gangsterkrimi, vom amerikanischen Campusroman bis zum Psychothriller, vom japanischen Liebesroman bis zum lateinamerikanischen magischen Realismus und zum Symbolismus eines Andrej Bely. So gesehen, bilden die zehn Romananfänge eine Art Querschnitt durch die moderne Literatur, ohne sich in jedem Fall einem bestimmten Stil oder Genre sicher zuordnen zu lassen.“ (Quelle: de.wikipedia.org).

Insgesamt ist der Roman ein Metaroman: Ein Roman in einem Roman in einem Roman usw. – das elfmal. Wer Romane mag, wird diesen Roman lieben (müssen).

„Dein Zuhause als Ort, wo du liest, kann uns nun sagen, welchen Platz die Bücher in deinem Leben haben: ob sie eine Schutzmauer sind, die du vor dir errichtest, um die Außenwelt fernzuhalten, ein Traum, in den du eintauchst wie in eine Droge, oder ob sie womöglich Brücken sind, die du nach draußen schlägst, hinaus in die Welt, die dich so interessiert, daß du ihre Dimensionen mit Hilfe der Bücher erweitern und vervielfachen willst.“ (S. 169)

„Ein brillantes Verwirrspiel um einen Lesenden und eine (Mit-)Leserin, die von einer Geschichte in neun andere geraten. ‚Prall und deftig, mit beiden Händen ins Leben gegriffen, saftig, detailreich, dicht dazu, voller versteckter und offener Bezüge, dabei raffiniert und hinterlistig, immer so erzählt, daß sich die Balken biegen’, schrieb W. Martin Lüdke im >Spiegel<“

Heute Ruhetag (20): Hugo Ball – Hermann Hesse

Am 9. August 1962, also vor 50 Jahren, starb Hermann Hesse. Ein Todestag, der wie sein Geburtstag am 2. Juli 1877, also vor 135 Jahren, den Medien und Buchverlagen Anlass genug ist, sich über den Dichter und Schriftsteller und seinem Weg Gedanken zu machen, ihn in seinem Werk vielleicht neu zu entdecken. Auch ich war in meinen frühen Jahren bereits ein fleißiger Leser von Hesse und habe ihn aus den gegebenen Anlässen in den letzten Monaten erneut gelesen

Herausragende Persönlichkeiten sind immer Anlass auch, sich mit ihrem Leben, ihrer Herkunft und den Umständen ihres Lebens zu beschäftigen. Diese bündelt sich dann in Biografien über die Person. Im Falle Hesses gab es bereits zu seinem 50. Geburtstag eine ausführliche Biografie, die auch heute noch interessierte Leser findet. Hugo Ball, den seit seinem Umzug ins Tessin eine enge Freundschaft mit Hermann Hesse verband, schrieb diese Biografie von Anfang Oktober 1926 bis Anfang März 1927. Im Juni 1927 erschien diese bei S. Fischer kurz vor Hesses 50. Geburtstag und kurz vor dem Tode Hugo Balls.

Heute Ruhetag = Lesetag!

[…]

Wer hätte als Kind nicht an seinem Vornamen gelitten, ihn hundertmal sich vor- und eingesprochen, Forderungen an ihn gestellt, ihn mit berühmten Mustern verglichen, ihm zugejubelt oder ihn ungenügend befunden? Wer hätte als Knabe und Jüngling nicht hundertmal in sanftem, kühnem, steilem oder lässigem Bogen mit Schnörkel und seltsam verschlungenem Strich seinen Namen vor sich hingeschrieben, sich mit ihm gestritten und ausgesöhnt, sich ihn eingeprägt und mit ihm abgesondert von den Geschwistern, von der Familie, als Ich, als Ich selbst, als eigenster Besitzer und Mitgiftträger für Zeit und Ewigkeit?

Frühere Zeiten pflegten dem heranwachsenden Novizen den leiblichen Vornamen nebst seinem Ich abzunehmen und ihm dafür den Namen einer Maske, ein fremdes, höheres, kanonisiertes Ich als Vorbild einzuokulieren. Wir Heutigen aber: müssen wir uns mit dem natürlichen Ich nicht abfinden? Ist dieses uns verbleibende leibliche Ich nicht ein steter Quell der Verfänglichkeit und des Verfangenseins in den Zufall und in die eigene Natur? Und wenn übermächtige Gaben der Eltern uns aufsaugen und entselbsten wollen, wenn eine wohl- oder schlechtbeschaffene Erziehung unseren Eigenwillen brechen, uns kleinkriegen will –: ist dieser Vorname nicht eine Zuflucht? Enthält er nicht unser besonderes Recht auf eigenes, neues, von vorn beginnendes Leben und Wirken?

[…]

Hugo Ball: Hermann Hesse – Sein Leben und sein Werk (1927)

William Faulkner: Licht im August

Bei einem Blick auf eine Liste der besten englischsprachigen Romane (ab 1923) im Time-Magazin (TIME 100 Best English-language Novels from 1923) war ich doch erstaunt, wie viele der dort aufgeführten Autoren ich bereits gelesen habe. Dabei ist die US-amerikanische Literatur gar nicht mein unbedingter Favorit (es handelt sich ei der Liste allerdings nicht nur um US-amerikanische Autoren): George Orwell, Raymond Chandler, Margaret Atwood, J.D. Salinger, Anthony Burgess, Doris Lessing, John Steinbeck, William Golding, Salman Rushdie, William Burroughs, Kazuo Ishiguro, Jack Kerouac, E.L. Doctorow, Dashiell Hammett, Ernest Hemingway, Henry Miller u.a.. Außerdem fallen mir noch John Irving und T. Coraghessan Boyle ein, die auf dieser Time-Liste fehlen.

Einer der bedeutendsten amerikanischen Romancier des 20. Jahrhunderts (und gleich zweimal auf der Liste im Time Magazin aufgeführt) ist William Faulkner (1897 – 1962) aus dem Bundesstaat Mississippi. Seine Romane und Erzählungen sind dort in Mississippi angesiedelt.

    „Der Mensch weiß so wenig von seinen Mitmenschen und glaubt stets, die Handlungen aller Männer und aller Frauen seien von eben dem Beweggrund bestimmt, dem er sich seiner Meinung nach selbst überließe, wenn er verrückt genug wäre zu tun, was jeweils dieser andere Mann oder diese andere Frau tut.
    (William Faulkner: Licht im August – S. 36)

Während meines Sommerurlaub auf meiner Leseliege verweilend las ich bereits wiederholt William Faulkners Roman Licht im August (Light in August (1932) – Rororo 1508 – Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 43.-47. Tausend, September 1980) in der Erstübersetzung ins Deutsche aus dem Jahre 1935 von Franz Fein.

    William Faulker: Licht im August (amerikanische Erstausgabe)

„Zu Beginn des Romans macht sich ein junges Mädchen auf, ihren Geliebten zu suchen. Am Ende, zwei Monate später, hat sich ihr Schicksal in der Begegnung mit einem anderen Mann erfüllt, aber das Chaos sündhafter Verstrickungen, in das sie auf ihrem Weg gerissen wird, entläßt sie wieder fast unberührt. Aus losen Verknüpfungen, aus verhängnisvollem Zufall wächst unerbittliche Fügung. Der Verdacht des dunklen Blutes macht aus dem alltäglichen Schicksal des Findlings Christmas, des dämonischen Helden des Buches, eine abgründige Existenz, die sich in einem blinden, tollkühnen Amoklauf in die Vernichtung stürzt. Zwischen Schwarz und Weiß, für die es keine Versöhnung in seiner Umwelt gibt, bekennt sich der von Zweifeln Gepeinigte mit selbstzerstörerischer Konsequenz zur Schattenseite seines Wesens und macht sich zum Gefäß eines unbegreiflichen Schicksals, dem keine menschliche Kraft Einhalt gebieten kann. Das Dunkel, das Faulkner in diesem großen, dynamisch-tragischen Roman beschwört, ist in seinen Tiefen von der Prometheischen Fackel der Wahrhaftigkeit geheimnisvoll zuckend durchleuchtet. Faulkner bezeugt hier […] seinen genialen Blick für die letzten Gründe und Abgründe menschlichen Seins. Dieser große Dichter leitet seine Gestalten von so tief innen her, wie es nur bei Dostojewski und Conrad der Fall ist.“
(aus dem Klappentext)

Der Roman spielt zum größten Teil in einer fiktiven Kleinstadt namens Jefferson im US-Bundesstaat Mississippi. Hier kreuzen sich die Wege unterschiedlichster Menschen. Da ist jene schwangere Lena Grove aus Doane’s Mill/Alabama, die ihren Geliebten Lucas Burch sucht, der sich als Joe Brown in Jefferson niedergelassen hat uns sich dort mit einem Joe Christmas zusammengetan hat, um schwarzgebrannten Whisky zu verhökern. Beide haben Unterkunft in einem Schuppen bei einer Miss Burden gefunden. Christmas ist Liebhaber dieser Miss Burden.

In Rückblenden erfahren wir, das jener Christmas als Findelkind in ein Heim gekommen war, dort von den anderen Kindern als ‚Nigger’ gehänselt wurde. Obwohl vom Äußerlichen nicht erkennbar, brennt sich dieser ‚Verdacht des dunklen Blutes’ derart in das Bewusstsein des Kindes ein, sodass er auch als Erwachsener nicht davon loskommt und als Außenseiter sein Dasein fristet. Er kommt noch als kleiner Junge in die Obhut von Mr. und Mrs. McEachern. Dieser ist ein bigotter Frömmler, der das Kind entsprechend zu erziehen sucht, bis er eines Tages von Christmas niedergeschlagen wird. Christmas flüchtet und findet sich in Jefferson wieder. Später erfahren wir, dass seine Mutter, Milly mit Vornamen, eine Affäre mit einem Mann aus einem Wanderzirkus hatte und begegnen seinen Großeltern, Eupheus Hines, genannt Doc, und Frau.

In Jefferson wohnen u.a. Byron Bunch, der sich später Lena Grove, die hier in diesem kleinen Ort entbunden hat, und ihrem Kind annimmt, und der Reverend Gail Hightower, der nach dem Tod seiner Frau, dessen Ursachen nicht ganz geklärt sind, in Jefferson ebenfalls als Außenseiter lebt.

Miss Burden, die Joe Brown alias Lucas Bruch und Joe Christmas Unterkunft geboten hat, wird eines Tags ermordet. Es kann für diese unsinnige Tat nur Joe Christmas in Frage kommen, zumal er zunächst flüchtet und von Kennedy, dem Sheriff von Jefferson, verfolgt wird.

Am Ende wird Christmas in dem Haus des Reverenden Hightower von dem jungen Hauptmann der Staatsmiliz, Percy Grimm, der Christmas ohne Mandat des Sheriffs verfolgt hat, in Hightowers Haus mit fünf Schüssen niedergestreckt und kastriert.

„In seinem erfolgreichsten Roman greift der amerikanische Romancier und Nobelpreisträger das erregendste Problem der USA auf: die Rassenfrage. Mit einer Leidenschaft, wie wir sie in der europäischen Literatur kaum noch kennen, entrollt sich der Lebensweg eines Ausgestoßenen in der weiten Landschaft des Mississippi.“

„Seit Henry James hat kein Schriftsteller ein so großes und dauerndes Denkmal für die Kraft der amerikanischen Literatur hinterlassen.“ (John F. Kennedy).

Werke von William Faulkner

Romananfänge (5): Wenn ein Reisender in einer Winternacht

Du schickst dich an, den neuen Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino zu lesen. Entspanne dich. Sammle dich. Schieb jeden anderen Gedanken beiseite. Laß deine Umwelt im Ungewissen verschwimmen. Mach lieber die Tür zu, drüben läuft immer das Fernsehen. Sag es den anderen gleich: „Nein, ich will nicht fernsehen!“ Heb die Stimme, sonst hören sie’s nicht: „Ich lese! Ich will nicht gestört werden!“ Vielleicht haben sie’s nicht gehört bei all dem Krach; sag’s noch lauter, schrei: „Ich fang gerade an, den neuen Roman von Italo Calvino zu lesen!“ Oder sag’s auch nicht, wenn du nicht willst; hoffentlich lassen sie dich in Ruhe.

Das schreibt kein Kritiker, kein Freund, der mir viel Spaß beim Lesen wünscht. Nein, so beginnt eben dieser Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino aus dem Jahr 1979, auf Deutsch von Burkhart Kroeber 1983 erschienen (ich habe die Taschenbuchausgabe dtv 10516 – Deutscher Taschenbuch Verlag, München – Januar 1986). Ich habe kaum einen originelleren Roman gelesen wie diesen und habe ihn mir herausgeholt, um ihn auf der Leseliege liegend während meines jetzigen Urlaubs erneut zu lesen.

Willi und die Romananfänge

Der Roman beginnt auf einem Bahnhof, eine Lokomotive faucht, Kolbendampf zischt über den Anfang des Kapitels, Rauch verhüllt einen Teil des ersten Absatzes. In den Bahnhofsgeruch mischt sich ein Dunstschwaden aus dem Bahnhofscafé. Jemand schaut durch die beschlagenen Scheiben, öffnet die Glastür des Cafés, alles ist diesig, auch drinnen, wie mit kurzsichtigen oder von Kohlenstäubchen gereizten Augen gesehen. Die Buchseiten sind beschlagen wie die Fenster eines alten Zuges, der Rauch legt sich auf die Sätze. Es ist ein regnerischer Abend; der Mann betritt das Café, knöpft sich den feuchten Mantel auf, eine Wolke von Dampf umhüllt ihn, ein Pfiff ertönt über die Gleise, die vom Regen glänzen, so weit das Auge reicht.

So beginnt dann der ‚eigentliche’ Roman. Aber schon nach wenigen Seiten, als es spannend wird, bricht er ab – und bald schon erkennt der Leser, der vom Autoren mit „du“ abgesprochen wird, dass er die Hauptperson selbst zu sein scheint. Der Leser stolpert in eine Art literarische Spurensuche – und kreuzt die Wege einer (Mit-)Leserin namens Ludmilla. Am Ende meint es Calvino vielleicht doch etwas zu gut mit dem Leser, denn …

Leser und Leserin, nun seid ihr Mann und Frau. Ein großes Ehebett empfängt eure parallelen Lektüren. Ludmilla klappt ihr Buch zu, macht ihr Licht aus, legt ihren Kopf auf das Kissen, sagt: „Mach du auch aus. Bist du nicht lesemüde?“ Und du: „Einen Moment noch. Ich beende grad Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino.“

Heute Ruhetag (19): Franz Grillparzer – Der arme Spielmann

Franz Kafka war ein begieriger Leser des Wiener Autors, Franz Grillparzer. Ich weiß nicht genau, was es war, was Kafka an Grillparzer beeindruckte. Ich glaube aber, es war der klare, unprätentiöse Stil. Es ist vielleicht etwas zu hoch gegriffen, wenn ich behaupte, Kafka hätte sich stilistisch an Grillparzer orientiert. Ich behaupte es trotzdem …

Und es war sicherlich die ‚psychologische Neugierde’ und Einsicht, die der von Kafka entsprach, was sich in besonderer Weise in Grillparzers bekanntester Erzählung Der arme Spielmann zeigt.

Heute Ruhetag = Lesetag!

In Wien ist der Sonntag nach dem Vollmonde im Monat Juli jedes Jahres samt dem darauffolgenden Tage ein eigentliches Volksfest, wenn je ein Fest diesen Namen verdient hat. Das Volk besucht es und gibt es selbst; und wenn Vornehmere dabei erscheinen, so können sie es nur in ihrer Eigenschaft als Glieder des Volks. Da ist keine Möglichkeit der Absonderung; wenigstens vor einigen Jahren noch war keine.

[…]

Ein paar Tage darauf – es war ein Sonntag – ging ich, von meiner psychologischen Neugierde getrieben, in die Wohnung des Fleischers und nahm zum Vorwande, daß ich die Geige des Alten als Andenken zu besitzen wünschte. Ich fand die Familie beisammen ohne Spur eines zurückgebliebenen besondern Eindrucks. Doch hing die Geige mit einer Art Symmetrie geordnet neben dem Spiegel und einem Kruzifix gegenüber an der Wand. Als ich mein Anliegen erklärte und einen verhältnismäßig hohen Preis anbot, schien der Mann nicht abgeneigt, ein vorteilhaftes Geschäft zu machen. Die Frau aber fuhr vom Stuhle empor und sagte: »Warum nicht gar! Die Geige gehört unserem Jakob, und auf ein paar Gulden mehr oder weniger kommt es uns nicht an!« Dabei nahm sie das Instrument von der Wand, besah es von allen Seiten, blies den Staub herab und legte es in die Schublade, die sie, wie einen Raub befürchtend, heftig zustieß und abschloß. Ihr Gesicht war dabei von mir abgewandt, so daß ich nicht sehen konnte, was etwa darauf vorging. Da nun zu gleicher Zeit die Magd mit der Suppe eintrat und der Fleischer, ohne sich durch den Besuch stören zu lassen, mit lauter Stimme sein Tischgebet anhob, in das die Kinder gellend einstimmten, wünschte ich gesegnete Mahlzeit und ging zur Türe hinaus. Mein letzter Blick traf die Frau. Sie hatte sich umgewendet, und die Tränen liefen ihr stromweise über die Backen.

Signatur: Franz (Seraphicus) Grillparzer

Franz Grillparzer: Der arme Spielmann – Erzählung (1847)

Jorge Luis Borges: Phantastische Erzählungen

    Ich schreibe für mich selber, für die Freunde und um das Verringen der Zeit weniger schmerzhaft zu verspüren.
    Jorge Luis Borges

Betrachtet man die lateinamerikanische Literatur, so fällt der 1899 in Buenos Aires geborene und 1986 in Genf verstorbene Jorge Luis Borges doch ziemlich aus dem Muster. Er war ein Vertreter der kleinen Form und schrieb überwiegend Gedichte (siehe u.a. meinen Beitrag Jorge Luis Borges: Ein Traum) und Kurzgeschichten. Borges fiel aus der Muster, weil er sich weniger dem Leben und den Ereignissen in Südamerika widmete, das zwar auch, aber vornehmlich schrieb er Erzählungen, die rätselhaft, labyrinthisch, symbolisch und phantastisch sind. Literarisch maßgeblich beeinflusst war er durch die englische Literatur (Whitman, Chesterton, Shaw, De Quincey), Franz Kafka und dem Daoismus. Seine philosophischen Anschauungen, die dem erkenntnistheoretischen Idealismus verpflichtet sind und sich in seinen Erzählungen und Essays wiederfinden, bezog Borges vornehmlich von George Berkeley, David Hume und Arthur Schopenhauer. Borges war eher ein ‚europäischer’ Schriftsteller.

    Jorge Luis Borges

Borges verstand sich nicht als politischer Schriftsteller, galt aber als konservativ, teilweise sogar als antidemokratisch bis reaktionär, was im Zusammenhang mit seiner Kritik an den zweimaligen argentinischen Präsidenten Juan Perón zu sehen ist, der Demokratie nicht unbedingt nach westlichem Muster interpretierte. So unterstützte Borges zunächst den Militärputsch von 1976, der der Perón-Herrschaft ein Ende setzte, ging dann aber auf Distanz zu der Militärdiktatur.

Während einer Sommergrippe, die mich auch heute noch plagt, habe ich Zeit gefunden, mir Jorge Luis Borges’ Werk, speziell seine Erzählungen, noch einmal vorzunehmen.

„Die Vorstellungen Humes und die der Gnostiker haben Borges’ Weltbild geprägt. Eine Welt, die von einem unreifen, unüberlegt handelnden Gott geschaffen wurde, die dann halb vollendet liegenblieb, in der es keine Autorität, keinen Bezugspunkt gibt, kann nicht den Anspruch auf Ordnung und Harmonie erheben. […] Der Mensch ist verdammt, in einem Chaos, in einem chaotischen Dasein zu leben.

da es in der Wirklichkeit unmöglich ist, […] das Chaos zu durchdringen, kommt der Mensch zu dem Entschluß, diese Möglichkeit zumindest in einem imaginären, phantastischen Universum nach seiner Vorstellung zu realisieren.“ (Nachwort von José A. Friedl Zapata, Heidelberg, im Mai 1973 im Band: Die Bibliothek von Babel – Erzählungen – Philipp Reclam Jun., Stuttgart – Universal-Bibliothek Nr. 9497 – 1974)

Anhand von kurzen Textpassagen möchte ich an dieser Stelle einige wesentliche Aspekte der Gedanken Borges’ vorführen, die ich vor allem als Gedankenspiele ansehe, wenn auch äußerst interessanten. Borges beschäftigte sich mit dem Gedanken der Unendlichkeit und hat dabei einige bemerkenswerte ‚Bilder’ entworfen.

Zunächst behandelte Borges den Gegensatz von Abfolge und Simultanität. Letzteres lässt sich vielleicht in einem geometrischen Punkt darstellen, der ohne Ausdehnung ist. Die Abfolge wäre dann vielleicht die Gerade, die unendlich lang ist. Er beschreibt ein Problem der Sprache des Nacheinanders statt der Simultanität: „Was meine Augen schauten, war simultan; was ich beschreiben werde, ist sukzessiv, weil die Sprache es ist.“ (Das Aleph in: Die zwei Labyrinthe – dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, München – Originalausgabe – Juli 1986 – S. 124). Wenn Borges dann die Dichtung eines fiktiven Volkes in einem einzigen Wort reduziert sieht („… die Dichtung der Urnen [besteht] aus einem einzigen Wort.“ (Undr in: Das Sandbuch – Erzählungen – Carl Hanser Verlag München, Wien – Reihe Hanser 233 – 1977 – S. 76)), dann ist das der erzählende Versuch, der Sprache simultane Eigenschaft aneignen zu wollen.

Sprache, Wörter, Verständnis: Hierzu schreibt Borges u.a. „Die Wörter sind Symbole, die ein gemeinsames Gedächtnis voraussetzen.“ (Der Kongreß in: Die Bibliothek von Babel) oder „Um etwas zu sehen, muß man es verstehen.“ (There Are More Things in: Das Sandbuch S. 55). Beim Erinnern oder Vergessen bezieht sich Borges auf Bacon: “Bacon habe geschrieben, wenn Lernen Sich-Erinnern ist, dann ist Unkenntnis nichts anderes als Vergeßlichkeit.“ (Die Nacht der Gaben in: Das Sandbuch S. 61)

In der außergewöhnlichen Erzählung „Tlön, Uqbar, Orbis Tertius“ lässt Borges nicht nur ein fiktives Land erschaffen, sondern gleich einen ganzen fiktiven Planeten, der seine eigenen Gesetzmäßigkeiten hat: „Ich habe gesagt, daß die Menschen dieses Planeten die Welt als eine Folge geistiger Vorgänge auffassen, die sich nicht im Raum, sondern nacheinander in der Zeit abspielen.“ (Tlön, Uqbar, Orbis Tertius in: Die zwei Labyrinthe S. 25)

Die Unendlichkeit nun stellt er z.B. anhand eines Buches dar, das er Sandbuch (Text dt. – span.) nennt: „Sein Buch heiße Sandbuch, sagte er, weil weder das Buch noch der Sand Anfang oder Ende hätten.“ (S. 112 – Das Sandbuch). Weder ein Anfang noch ein Ende des Buchs lässt sich aufschlagen. Als Motto versieht Borges diese Erzählung mit einem Ausspruch von George Herbert (1593-1623): „…thy rope of sands …“ (ein Seil aus Sand).

Wohl die bekanntes Erzählung ist die von der unendlichen Bibliothek von Babel (dt. Text/span. Text), die auch Einzug in den bekannten Roman „Der Name der Rose“ vom Umberto Eco hielt. Jorge Luis Borges wird in dem mittelalterlichen Roman zu jenem Jorge von Burgos, dem Hüter der Klosterbibliothek.

„Das Universum (das andere die Bibliothek nennen) setzt sich aus einer unbegrenzten und vielleicht unendlichen Zahl sechseckiger Galerien zusammen […] Zwanzig Bücherregale, fünf breite Regale auf jeder Seite, verdecken alle Seiten außer zweien […] jedes Regal faßt zweiunddreißig Bücher gleichen Formats; jedes Buch besteht aus vierhundertzehn Seiten, jede Seite aus vierzig Zeilen, jede Zeile aus etwa achtzig Buchstaben von schwarzer Farbe.“ (Die Bibliothek von Babel in: Die zwei Labyrinthe, S. 54 ff.)

Etwas verquer liest sich die Erzählung von Pierre Menard, dem Autoren einer wortgetreuen Widergabe des Don Quijote, den ja eigentlich Miguel de Cervantes geschrieben hat:

„Auf irgendeine Art Cervantes zu sein und zum Quijote zu gelangen erschien ihm weniger schwierig […], als fernerhin Pierre Menard zu bleiben und durch die Erlebnisse Pierre Menards zum Quijote zu gelangen. […] ‚Ich brauchte nur unsterblich zu sein, um es zu vollenden.’“ (Pierre Menard, Autor des Quijote in : Die zwei Labyrinthe, S. 41)

Auch hier geht es um die Unendlichkeit. Wenn ein Schriftsteller unendlich lang lebte und schriebe, so würde er irgendwann auch den Don Quijote ‚erneut’ schreiben, dann natürlich auch jedes andere Buch dieser Welt.

Aber es gebt auch andersherum: „Es ist Odins Scheibe. Sie hat nur eine Seite.“ (Die Scheibe in: Das Sandbuch, S. 109). In einer Welt des Raums gibt es eigentlich mindestens drei Dimensionen und jede Münze und Scheibe hätte zwei Seiten.

Das Buch „Die zwei Labyrinthe“ (dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, München) enthält neben den Gedichten und Erzählungen auch eine kurzgefasste und lesenswerte „Geschichte des Tango“ (also doch auch etwas mit südamerikanischen Bezug), sowie zwei Vorträge zum Buch (siehe hierzu auch meinen Beitrag: Lesen und Wiederlesen) und zur Zeit:

„Plotin sagt: es gibt drei Zeiten, und alle drei sind die Gegenwart. Eine Zeit ist die augenblickliche Gegenwart, die Zeit, in der ich spreche. Das heißt, der Moment in dem ich sprach, denn dieser Moment gehört nun schon zur Vergangenheit. Die zweite Zeit ist die Gegenwart der Vergangenheit, Erinnerung genannt. Die dritte ist die Gegenwart der Zukunft: das, was unsere Hoffnungen oder Ängste sich vorstellen.
Plato sagte, die Zeit sei das bewegliche Abbild der Ewigkeit.“
(S. 265)

Dies ist der 2500. Beitrag in WilliZ Weblog

Lesen und Wiederlesen

Neben der Kategorie Literatur gibt es in meinem Weblog noch die Unterkategorie Wiedergelesen. Das kommt natürlich nicht von ungefähr. Wer viel liest, der wird irgendwann auch wiederlesen. So wie man sich einen guten Film gern ein zweites Mal anschaut, so liest man auch ein gutes Buch, vielleicht erst nach Jahren, gern ein weiteres Mal.

In der letzten Woche hatte ich mir eine Sommergrippe eingehandelt. So habe ich mir einige Zeit zum Lesen und Wiederlesen genommen. In einem Lesebuch mit Kurzgeschichten, Essays und mehreren Vorträgen von Jorge Luis Borges: Die zwei Labyrinthe (dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, München – Originalausgabe – Juli 1986) schrieb Borges in einem Vortrag über das Buch: „Ich habe mehr wiedergelesen denn zu lesen versucht, ich glaube, daß wiederlesen wichtiger ist als lesen – abgesehen davon, daß man gelesen haben muß, um wiederlesen zu können.“ (S. 260). Auf dieses und zwei weitere Bücher von Borges mit Kurzgeschichten usw., die ich jetzt erneut gelesen habe, komme ich noch einmal extra zu sprechen.

Inzwischen glaube auch ich, mehr wiederzulesen als neu zu lesen. Es sind einfach die kleinen literarischen Schätze, die einen das Leben lang begleiten und die nach einmaligem Lesen nicht so einfach im Bücherregal verschwinden können. Immer wieder, und wenn auch erst nach längerer Zeit, nimmt man sich so ein Buch wieder zur Hand. Ein Buch ist etwas Handfestes. Vielleicht ist das ein Grund, weshalb ich mir immer noch keinen eBook-Reader zugelegt habe.

Für Borges ist wiederlesen zudem wichtiger als lesen. Das Wiederlesen verstärkt die Wirkung eines Buches. Wie in einem Film, den wir ein zweites Mal sehen, entdecken wir auf einmal Details, die wir beim ersten Mal übersehen haben. Und gerade diese Details brennen sich jetzt verstärkt ins Gedächtnis.

Ich persönlich habe es nie so ganz verstanden, wie manche Menschen Bücher, eins nach dem anderen, geradezu verschlingen können. Ich lese auch viel. Aber ein gutes Buch muss bei mir auch nachwirken können. Und wenn es gut war, lese ich es mit Sicherheit erneut. Ein gutes Buch zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass es ein weiteres Mal gelesen wird. Ein Buch ist keine Zeitung, die heute aktuell ist, morgen dagegen bereits überholt. Selbst ein altes Buch wird auch heute noch sehr aktuell sein.

Heute Ruhetag (18): Theodor Strom – Der Schimmelreiter

Der Schimmelreiter zog vor allem an den norddeutschen Küsten durch die stürmischen Dezembernächte. Sein Ursprung dürfte in der germanischen Mythologie (Pferdekult) stammen. Bekannt geworden ist er durch die gleichnamige Erzählung von Theodor Storm (siehe meinen Beitrag: Weihnachten von A bis Z: S wie Schnee & Silvester)

„Die Novelle, in deren Zentrum der fiktive Deichgraf Hauke Haien steht, basiert auf einer Sage, mit der Storm sich über Jahrzehnte befasste. Mit der Niederschrift der Novelle begann er jedoch erst im Juli 1886 und beendete seine Arbeit daran im Februar 1888, wenige Monate vor seinem Tod.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Wer in Norddeutschland lebt, kommt um diese Novelle kaum herum, wenn er hier auch noch zur Schule gegangen ist. Im August 2000 war ich mit meiner Familie zwei Wochen auf Sizilien. Der älteste meiner beiden Söhne war damals noch nicht ganz 10 Jahre alt. Auf einem Buchbazar in Marina di Ragusa fanden wir eine Ausgabe in deutscher Sprache mit eben dieser Erzählung. Wie das Buch wohl nach Sizilien gekommen ist? Und mein Sohn stürzte sich förmlich auf das Buch und las den Schimmelreiter während der letzten Tage am Strand bis zum Ende. Sicherlich etwas außergewöhnlich für einen Neunjährigen. Aber er war fasziniert von der Geschichte.

Heute Ruhetag!

Was ich zu berichten beabsichtige, ist mir vor reichlich einem halben Jahrhundert im Hause meiner Urgroßmutter, der alten Frau Senator Feddersen, kundgeworden, während ich, an ihrem Lehnstuhl sitzend, mich mit dem Lesen eines in blaue Pappe eingebundenen Zeitschriftenheftes beschäftigte; ich vermag mich nicht mehr zu entsinnen, ob von den »Leipziger« oder von »Pappes Hamburger Lesefrüchten«. Noch fühl ich es gleich einem Schauer, wie dabei die linde Hand der über Achtzigjährigen mitunter liebkosend über das Haupthaar ihres Urenkels hinglitt. Sie selbst und jene Zeit sind längst begraben; vergebens auch habe ich seitdem jenen Blättern nachgeforscht, und ich kann daher um so weniger weder die Wahrheit der Tatsachen verbürgen, als, wenn jemand sie bestreiten wollte, dafür aufstehen; nur so viel kann ich versichern, daß ich sie seit jener Zeit, obgleich sie durch keinen äußeren Anlaß in mir aufs neue belebt wurden, niemals aus dem Gedächtnis verloren habe.

[…]

Franz Karl Basler-Kopp: Schimmelreiter I; Kreide auf Papier
Franz Karl Basler-Kopp: Schimmelreiter I; Kreide auf Papier

Ich blickte neben ihm hinaus; die Fenster hier oben lagen über dem Rand des Deiches; es war, wie er gesagt hatte. Ich nahm mein Glas und trank den Rest. »Haben Sie Dank für diesen Abend!« sagte ich; »ich denk, wir können ruhig schlafen!«

»Das können wir«, entgegnete der kleine Herr; »ich wünsche von Herzen eine wohlschlafende Nacht!«

– – Beim Hinabgehen traf ich unten auf dem Flur den Deichgrafen; er wollte noch eine Karte, die er in der Schenkstube gelassen hatte, mit nach Hause nehmen. »Alles vorüber!« sagte er. »Aber unser Schulmeister hat Ihnen wohl schön was weisgemacht; er gehört zu den Aufklärern!«

– »Er scheint ein verständiger Mann!«

»Ja, ja, gewiß; aber Sie können Ihren eigenen Augen doch nicht mißtrauen; und drüben an der andern Seite, ich sagte es ja voraus, ist der Deich gebrochen!«

Ich zuckte die Achseln: »Das muß beschlafen werden! Gute Nacht, Herr Deichgraf!«

Er lachte: »Gute Nacht!«

– – Am andern Morgen, beim goldensten Sonnenlichte, das über einer weiten Verwüstung aufgegangen war, ritt ich über den Hauke-Haien-Deich zur Stadt hinunter.

Theodor Storm: Der Schimmelreiter – Novelle (1888)