„All das deutet auf die buddhistische Vorstellung der Welt als Traum und auch auf den halluzinatorischen Charakter des Universums im Sinne des Idealismus hin, zwei philosophische Systeme, die letztlich in Schopenhauer münden, der sich mit seiner Forderung nach der Abschaffung des Willens, um auf diesem Weg zum befreienden Nichts zu gelangen, sehr dem buddhistischen Nirwana nähert.“ (José A Friedl Zapata zu Borges)
Die drei wußten es.
Sie war Kafkas Gefährtin. Kafka hatte von ihr geträumt.
Die drei wußten es.
Er war Kafkas Freund.
Kafka hatte von ihm geträumt.
Die drei wußten es.
Die Frau sagte zu dem Freund:
Ich möchte, daß du mich heute nacht begehrst.
Die drei wußten es.
Der Mann antwortete: Wenn wir sündigen,
Wird Kafka aufhören, von uns zu träumen.
Einer hat es gewußt.
Es war niemand mehr auf der Erde.
Kafka sagte sich:
Da nun die beiden fort sind, bin ich allein zurückgeblieben.
Ich werde aufhören, von mir zu träumen.
Hierzu Borges: „Dieser Traum wurde mir eines Morgens in East Lansing diktiert, ohne daß ich ihn verstand, ohne daß er mich sonderlich beunruhigte; ich konnte ihn später nachschreiben. Wort für Wort. Natürlich handelt es sich um eine bloße psychologische Kuriosität oder, sofern der Leser großmütig genug ist, um ein harmloses Gleichnis des Solipsismus.“
Sommerzeit ist für mich nicht nur Lesezeit, sondern meist auch speziell Krimilesezeit. Für die warmen Tage eben leichte literarische Kost; zz. lese ich endlich den Riesenwälzer von Léo Malet: Paris des Verbrechens, die Kriminalromane um den Privatdetektiven Nestor Burma, zu Ende. Neben Kommissar Maigret von Georges Simenon ist Malets Nestor Burma die in Frankreich bekannteste Figur im Kriminalmilieu.
Denkt man an die Schweiz und Krimis, dann fällt den meisten zunächst Friedrich Dürrenmatt und sein Kriminalkommissär Bärlach ein. Nun neben diesem gibt es noch einen Kriminaler, den Wachtmeister Studer – eine Romanfigur von Friedrich Glauser, die zwischen 1936 und 1941 in insgesamt fünf Romanen auf den Spuren des Verbrechens in und um Bern unterwegs war. Auf Glausers Wachtmeister bin ich durchs Fernsehen aufmerksam geworden, denn dort gab es Anfang der 80-er Jahre drei Verfilmungen mit Hans Heinz Moser als Studer, die mir sehr gefallen haben. Aber erst jetzt habe ich begonnen, die Kriminalromane von Friedrich Glauser: Studer ermittelt – Sämtliche Kriminalromane in einem Band, Zweitausendeins, Frankfurt am Main 2009, zu lesen. Es handelt sich dabei wie bei Léo Malets Paris des Verbrechens um einen Riesenwälzer von rund 1100 Seiten – beide sind zz. leider vergriffen. Aber natürlich gibt es Friedrich Glauser auch noch in anderen Verlagen.
Begonnen (und zu Ende gelesen) habe ich den ersten Roman, kurz „Wachtmeister Studer“ genannt. Dieser spielt ca. Mai/Juni 1932 zwischen Thun und Bern in einem kleinen fiktiven Ort namens Gerzenstein, nach dem Roman 25 km von Bern entfernt, wo Studer wohnt und gewöhnlich arbeitet. Als reale Vorbilder Gerzensteins dienten mutmaßlich die beiden kleinen Gemeinden Gerzensee und Geristein in der Nähe des schweizerischen Münsingen, vgl. Obschläger: Nachwort zu SEM, S. 221
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Gerzensee (gut 20 km von Bern entfernt) – Vorbild für Gerzenstein
Wir erfahren zunächst, dass Wachtmeister Studer vor einiger Zeit in Ungnade gefallen ist – ähnlich wie sein Autor, der zeitlebens unangepasst war („1917 trat er [Friedrich Glauser] in Kontakt mit Künstlern, Dichtern und Musikern der Dada-Bewegung. 1918 wurde er entmündigt wegen «liederlichem und ausschweifendem Lebenswandel», sprich: Drogenkonsum, Geldschulden und Konkubinat. Er wurde in der Folge immer wieder in Kliniken und Anstalten interniert, brach aus, wurde erneut gefasst, machte Entziehungskuren, wurde wieder rückfällig, unternahm Suizidversuche. 1921 floh er zu seinem Vater nach Mannheim, der ihm die Aufnahme in die Fremdenlegion vermittelte.“ Quelle: de.wikipedia.org).
„Damals war ich Kommissär bei der Stadtpolizei… […] … Nach der Bankaffäre bin ich in Ungnade gefallen und hab‘ wieder von unten anfangen müssen… Das gibt es…“ (S. 25) Außerdem erinnert Studer „an Leute, die keiner Partei angehören, und es deswegen zu nichts gebracht haben…“ (S. 46)
Der „Fahnderwachtmeister von der Berner Kantonspolizei“ erscheint als ein älterer, eher unscheinbarer und zudem etwas rundlicher Mann mit Schnurrbart und einer Brissago im Mund, einer langen, dünnen Zigarre mit Mundstück. Er ist ein früher herausragender Vertreter jenes Typus des unkonventionellen Ermittlers, der sich oft auf sein Bauchgefühl verlässt und dessen Interesse insbesondere seinen Mitmenschen gilt. Glauser selbst gab an, dass Georges Simenon, der Schöpfer des Maigret, sein „Lehrmeister“ gewesen sei. (Quelle: de.wikipedia.org)
„ … es kommt ein Fahnderwachtmeister dazu, […] dann kann es geschehen, daß alle die kleinen Unregelmäßigkeiten, die im Leben jedes Menschen vorhanden sind, plötzlich wichtig werden; man arbeitet dann mit ihnen, wie ein Maurer mit Backsteinen – um ein Gebäude aufzurichten…“ (S. 53) – „Ich brauch‘ weniger die Tatsachen als die Luft, in der die Leute gelebt haben… Verstehst? So die kleinen Sächeli, auf die niemand achtgibt und die dann eigentlich den ganzen Fall erhellen…“ (S. 72)
Ein Händler in dem kleinen Ort wurde in einem Waldstück ermordet. Und den Täter hat man auch gleich parat. Ein Zuchthäusler, der Arbeit in einer Gärtnerei gefunden hat. Studer kann gerade noch verhindert, dass dieser sich in seiner Zelle erhängt. Als der Verdacht laut wird, dass der Händler eventuell Selbstmord begangen hat, um für seine Familie eine Lebensversicherungsprämie zu erschleichen, ist da wieder der Zuchthäusler, der nun die Tat gesteht. Alles ist also ziemlich verzwickt und spielt zudem in einem kleinen Ort, in dem die Menschen nach etwas anderen Regeln ticken als in der Stadt. Am Schluss ist alles dann natürlich ganz anders, ohne das die Logik verbogen wird. Im Gegenteil: Erst die Lösung lässt den Fall im rechten Licht leuchten.
Wachtmeister Studer ist ein durch und durch menschlicher Typ ohne jegliche Allüren. Die Fälle haben viel Lokalkolorit, lassen sich aber auch für Nichtschweizer ohne sprachliche Probleme lesen. Friedrich Glauser gilt als einer der ersten deutschsprachigen Krimiautoren. Mit dem Fahnderwachtmeister von der Berner Kantonspolizei ist ihm ein einmalig sympathischer Antiheld gelungen.
Interessant sind sicherlich auch die Mordsspaziergänge – Kriminalliterarische Wanderungen im Kanton Bern (u.a. als Buch Mordsspaziergänge – mit 1 Audio-CD), in der u.a. zwei Studer-Krimis abgehandelt werden.
Am 1. Januar 2009 verfiel die Regelschutzfrist der Werke Glausers. Daraufhin veröffentlichte das Projekt Gutenberg-DE mehrere seiner Kriminalfälle online, hier der von mir gelesene Kriminalroman:
Nein, es geht hier nicht darum, Erzählungen und Romane, wie Franz Kafka sie schrieb, schreiben zu können. Es geht um Kafkas Handschrift. Die Faszination Kafkas endet nämlich längst nicht allein mit seinen Werken. Franz Kafka schrieb all seine Erzählungen, Romane, Tagebücher und den Großteil seiner Briefe per Hand. So wie Kafkas Werke, so hat es auch seine Handschrift in sich.
Denken wir an Schreibschriften, die vor rund 100 Jahren im deutschsprachigen Raum üblich waren (z.B. deutsche Kurrentschrift oder Sütterlinschrift), so werden wir zugeben müssen, dass wir mit diesen Schriften beim Lesen unsere Schwierigkeiten haben werden. Umso mehr erstaunt es, Kafkas Schrift so ohne Weiteres lesen zu können.
Kafkas Handschrift ist sehr ausdrucksstark. Das Schriftbild erscheint dabei gleichermaßen elegant wie einwenig nervös und ist gekennzeichnet durch eine sehr eigenständige und vielfältige, aber – wie bereits gesagt – gleichzeitig gut lesbare Formensprache. Dabei muss man wissen, dass Kafka nicht immer in der uns bekannten Schrift geschrieben hat. Bis 1907 schrieb Kafka in Kurrentschrift, erst dann in lateinischer Schrift (Quelle: Klaus Wagenbach: Franz Kafka – Bilder aus seinem Leben)
Was wohl nicht nur mich fasziniert, ist die Vielfalt an Schriftarten (auch Fonts oder englisch Typeface genannt), also die grafische Gestaltung eines Zeichensatzes (Buchstaben, Ziffern usw.), mit denen wir z.B. am Rechner schreiben können, mit denen aber vor allem Bücher gestaltet werden. Die bekanntesten Schriftarten kennt fast jeder beim Namen: Helvetica, Garamond, Times – oder Arial, Courier und Comic Sans (siehe die 100 besten Schriftarten). Diese Fonts sind meist Druckschriften, bei denen die einzelnen Buchstaben bzw. Lettern separat stehen. Es gibt aber auch Schriftarten, die Schreibschriften nachempfunden und Laufschriften sind, deren Buchstaben sich durch Bogenlinien miteinander verbinden. Für einen Grafiker, Designer oder wie immer man einen Ersteller einer solchen Schriftart nennt, ist es eine Herausforderung, einen solchen Font zu kreieren.
Ich habe drei solcher Schriftarten gefunden, die als Ausgangspunkt die Handschrift Kafkas nutzen. Die erste nennt sich ‚Franz Kafka’ und ist von David Uebel (Website von David Uebel). Die Schrift ist allerdings ohne die genannten Bogenlinien, auch nicht ganz vollständig (es fehlen einige Umlaute, Sonderzeichen usw.) und etwas ‚löchrig’. Dafür ist sie allerdings auch kostenlos erhältlich.
1. ‚Frank Kafka’ von David Uebel
2. ‚Kafka’ von Julia Bausenhardt
3. ‚ FF Mister K’ von Julia Sysmäläinen
Die beiden anderen Schriftarten sind dagegen nicht ganz preiswert. Es steckt aber auch viel Arbeit darin. Da gibt es z.B. die Schriftart ‚Kafka’ aus dem Jahre 2010 der Designerin Julia Bausenhardt (bei myfonts.com für 45 € zu erwerben – bis zum 14.07.2012 zum Sonderpreis von 38,25 €). Hier werden die Eigenheiten der Schrift Kafkas sehr schön wiedergegeben. Ähnlich verhält es sich mit den Fonts der Finnin Julia Sysmäläinen, die 2008 gleich eine ganze Fontfamilie veröffentlicht hat: FF Mister K (diese kosten bei fontshop.com zwischen 35 und 169 €). Beide Designerinnen haben sich in erster Linie als Quellen an dem Manuskript des Romans „Der Prozess“ gehalten. Die Schriftart von Julia Sysmäläinen wurde u.a. für die Cover einer neuen Kafka-Edition des Schocken Verlags (siehe auch die facebook-Seite) verwendet.
So weit, so gut: Was mich eigentlich erstaunt ist die Tatsache, dass Kafka auf so vielen Gebieten immer noch und immer wieder Quelle der Inspiration ist. Besonders Frau Sysmäläinen hat sich ausgiebig mit Kafka und seiner Handschrift beschäftigt und auch noch eigens 600 Piktogramme entworfen, die auf den Schriftzeichen von Mister K Regular basieren. Und selbst die Werbung bedient sich inzwischen der Handschrift ‚Kafkas’ resp. dem Font von Julia Sysmäläinen.
Albert Camus war Schriftsteller und Philosoph des Existenzialismus und gilt als einer der bekanntesten und bedeutendsten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts. 1957 erhielt er für sein Gesamtwerk den Nobelpreis für Literatur. Wie bereits in meinem Beitrag Albert Camus – Dramen (Teil 1) geschrieben, so war Albert Camus nicht nur Philosoph und Verfasser von Romanen und Erzählungen. Er war auch ein begeisterter Theaterfreund und als solcher Schauspieler und Regisseur eines kleinen Theaters in Algier – und natürlich Dramatiker. Zwischen 1938 und 1950 verfasste er vier Schauspiele. 1959 dramatisierte er mit dem Stück „Die Besessenen“ den Roman Dämonen von Dostojewski. Und wie ebenfalls bereits erwähnt, so werden Camus’ Stücke auch heute immer noch aufgeführt.
Komme ich heute zu den beiden letzten Stücken von Camus’ Dramen, die ich in folgender Ausgabe vorliegen habe: Albert Camus: Dramen – ins Deutsche übertragen von Guido G. Meister – Rowohlt Verlag, Hamburg – 128. – 131. Tausend, April 1982 (14. Auflage) – Sonderausgabe. Man könnte die beiden Stücke „Die Gerechten“ und „Die Besessenen“ als russische Stücke bezeichnen.
Die Gerechten ist ein Schauspiel in fünf Akten und wurde am 15. Dezember 1949 im Théâtre Hébertot, Paris, uraufgeführt.
Experimentelle Kurzfilmadaption einer Szene aus „Die Gerechten“ von Albert Camus.
„Russland im Jahre 1905. Eine terroristische Kampftruppe, Mitglieder der Partei der Sozialrevolutionäre, plant ein Bombenattentat auf den Grossfürsten Sergej, den Onkel des Zaren, um das zaristische Regime zu erschüttern. Doch Kaljajew, der die Bombe werfen soll, bringt es nicht fertig, als er sieht, dass zwei Kinder mit in der Kutsche sitzen. Alle haben Verständnis für den Grundsatz: Unschuldige dürfen nicht leiden. Nur Stepan, der nach Haft, Folter und Flucht voller Hass ist, würde für die ‹Sache› sogar Kinder opfern. Zwei Tage später gelingt es Kaljajew, den Grossfürsten allein zu töten. Er wird verhaftet, gefoltert und soll seine Freunde verraten mit der Aussicht auf Begnadigung. Doch Kaljajew bleibt seiner Tat treu, auch als die Witwe des Grossfürsten ihn im Gefängnis besucht und ihn zur Reue bekehren möchte: «Nur wenn ich nicht stürbe, wäre ich ein Mörder». Er wird hingerichtet. Als die Kampftruppe davon erfährt, beschliesst Dora, die nächste Bombe zu werfen, um ihrem Geliebten ins Jenseits zu folgen. «O Liebe! Leben! Nein, nicht Leben: Liebe im Tod!»“ (Quelle: art-tv.ch)
Personen:
Dora Duljebow
Die Großfürstin
Iwan Kaliajew (Kaljajew) , genannt Janek, der “Dichter”
Stepan Fjodorow
Boris Annenkow, genannt Borja
Alexis Woinow
Skuratow
Foka
Der Wärter
Das Theaterstück basiert auf einer wahren Begebenheit: Im Jahre 1905 verübte die terroristische Gruppierung der Sozialrevolutionäre einen Anschlag auf den russischen Großfürsten Sergei. Das Stück ist natürlich insoweit aktuell, als es um einen terroristischen Anschlag geht. Allerdings suchen die Attentäter nach Gerechtigkeit in einem zaristischen Russland, während heutige Terroristen eher die Implementierung despotischer Systeme anstreben und dabei auch auf Unschuldige wenig Rücksicht nehmen. „Die Revolution frisst ihre Kinder“, heißt es. Camus’ Revolutionäre sind der Gerechtigkeit halber bereit zu sterben.
„In ‚Die Gerechten’ legt Camus an einem Fall aus der russischen Geschichte die Grenzen menschlichen Handels dar. Er zeigt, daß auch die radikale revolutionäre Tat nur in diesen Grenzen zu rechtfertigen ist, daß die Täter in ihren Tod einwilligen müssen, wenn sie sie überschreiten und um eines Ideals willen zu Mördern werden.“ (Klappentext zum Buch)
Albert Camus schreibt in seinem Vorwort zu seinen Dramen zum Stück: „Meine Helden Kaliajew und Dora besitzen meine ungeteilte Bewunderung. Ich wollte bloß darlegen, daß auch der Tat selbst Grenzen gesetzt sind. Nur die Tat ist gut und gerecht, die diese Grenzen anerkennt und, falls sie sie überschreiten muß, zumindest in den Tod willigt. Unsere Welt zeigt uns heute ein widerliches Gesicht, gerade weil sie von Menschen gezimmert wird, die sich das Recht anmaßen, diese Grenzen zu überschreiten und insbesondere Mitmenschen zu töten, ohne selbst mit dem Leben zu bezahlen. So kommt es, daß die Gerechtigkeit heute überall auf der Welt den Mördern jeglicher Gerechtigkeit als Alibi dient.“
Am 30. Januar 1959 wurde das Drama „Die Besessenen“, Albert Camus‘ Bearbeitung des Romans von Dostojewski für die Bühne, im Théâtre Antoine, Paris, uraufgeführt. Es ist gewissermaßen eine geraffte Fassung des über 800 Seiten starken Romans.
Die Dämonen ist ein 1873 veröffentlichter Roman von Fjodor Dostojewski. Das Buch beschreibt das politische und soziale Leben im vorrevolutionären Russland des späten 19. Jahrhunderts, als unter zunehmender Labilität der zaristischen Herrschaft und traditionellen Wertesysteme verschiedene Ideologien (Nihilismus, Sozialismus, Liberalismus, Konservatismus) aufeinanderprallten, die von Dostojewski jeweils in einem Protagonisten dargestellt werden. In geradezu seherischer Art und Weise hat Dostojewskij die politischen und menschlichen Entwicklungen des 20. und 21. Jahrhunderts präzise vorhergesagt.
Im Roman wie auch in dem Theaterstück stehen zwei Ereignisse im Mittelpunkt. Beim ersten geht es um einen Mord innerhalb einer revolutionären Gruppe. Bei dieser wahren Begebenheit wurde auf Veranlassung des skrupellosen Nihilisten Sergei Netschajew ein junges Mitglied seiner Gruppe von seinen Kameraden ermordet. Netschajews Absicht war, damit gleichzeitig einen Kritiker auszuschalten und die Gruppe durch den gemeinschaftlichen Mord zusammenzuschweißen. Die Figur Peter (Pjotr) Werchowenski und die Ereignisse um seine revolutionäre Gruppe in „Die Dämonen“ basieren auf Netschajew und dem Mordfall. Das andere Ereignis ist Stawrogins Beichte bei Bischof Tichon. Der von inneren Widersprüchen zerrissene Stawrogin offenbart darin seine Zweifel an Gott und jeder Moral.
Personen:
Grigorejew, der Erzähler
Stepan Trofimowitsch Werchowenski
Warwara Petrowna Stawrogina
Liputin
Schigalew
Iwan Schatow
Wirginski
Gaganow
Alexej Jegorowitsch, Diener
Nikolai Stawrogin
Praskowja Drosdowa
Dascha Schatowa, Schwester von Iwan. S.
Alexej Kirillow
Lisa Drosdowa
Mawriki Nikolajewitsch
Marja Timofejewna Lebjadkina
Hauptmann Lebjadkin
Peter Stepanowitsch Werchowenski
Fedka
Der Seminarist
Ljamschin
Tichon, der Bischof
Marja Schatowa, Frau von Iwan S.
Schauplätze:
1. Bei Warwara Stawrogina. Reich ausgestatteter, im Stil der Epoche gehaltener Salon
2. Das Filippowsche Haus. Doppeltes Bühnenbild: ein Salon und ein kleines Zimmer. Sehr ärmlich eingerichtete möblierte Wohnung
3. Die Straße
4. Das Lebjadkinsche Haus. Ein schäbiger Salon in der Vorstadt
5. Der Wald
6. Ein geräumiger Saal im Jefimjewski-Kloster
7. Der Salon im Stawroginschen Landhaus in Skworeschniki
Camus schreibt zu Dostojewski im Zusammenhang mit seinem Stück: „Lange Zeit hat man Marx für den Propheten des 20. Jahrhunderts gehalten. […] wir erkennen, daß Dostojewski der wahre Prophet war. Er hat die Herrschaft der Großinquisitoren und den Triumph der Macht über die Gerechtigkeit vorausgesehen. […] Ich stelle die ‚Dämonen’ neben die drei oder vier größten Werke, die die enorme Anhäufung der Schöpfungen menschlichen Geistes krönen: neben die ‚Odyssee’, ‚Krieg und Frieden’, ‚Don Quijote’ und die Dramen Shakespeares. […] Für mich ist in erster Linie Dostojewski der Schriftsteller, der lange vor Nietzsche den zeitgenössischen Nihilismus erkannt, definierte und seine ungeheuerlichen oder wahnwitzigen Folgen voraussah, und der versuchte, die Botschaft des Heils zu bestimmen.“
„Das letzte Bühnenstück des französischen Nobelpreisträgers ist eine eindrucksvolle Adaption des Romans ‚Die Dämonen’ von Dostojewski. Die Begegnung französischer clartè mit dem Dämonischen ist deshalb ein Ereignis, weil sie Extreme abendländischer Geistigkeit zusammenzuzwingen versucht. Das Ergebnis wirkt bei der Lektüre fast noch eindringlicher als bei einer Aufführung auf der Bühne.“ Der Tag, Berlin
Vor längerer Zeit habe ich diesen Roman einmal zu meinen liebsten Büchern gezählt: Der Gehülfe von Robert Walser. Dieser Roman wurde 1907 geschrieben und 1908, also vor über 100 Jahren, veröffentlicht. Er handelt von dem 24-jährigen Joseph Marti, Gehülfe des Ingenieurs Carl Tobler, und wie dieser während eines halben Jahres als Hausangestellter den Ruin einer erfolglosen Erfinder-Familie erlebt. Am Ende geht Joseph Marti wieder seiner Wege. Der Roman spielt in der Schweiz und hat autobiografische Bezüge.
Robert Walser war ein Sonderling. Und so sind seine Romane, Erzählungen und Gedichte von einem sonderbaren Charme geprägt. Hermann Hesse schreibt 1936, zwar sei der „Gehülfe voll von Stimmungen vom Anfang des 20. Jahrhunderts“, doch bezaubere die „Erzählung durch die zeitlose Anmut ihres Vortrags, durch die zart und absichtslos spielende Magie“. In einem Nachwort zum Roman schrieb Anne Gabrisch , „Herr und Diener [seien] gleichermaßen närrisch – ein Paar von fürchterlicher Komik. Und von weit her an Don Quijote und Sancho Pansa erinnernd.“ Dem ist von meiner Seite nicht hinzuzufügen.
Eines Morgens um acht Uhr stand ein junger Mann vor der Türe eines alleinstehenden, anscheinend schmucken Hauses. Es regnete. »Es wundert mich beinahe,« dachte der Dastehende, »daß ich einen Schirm bei mir habe.« Er besaß nämlich in seinen früheren Jahren nie einen Regenschirm. In der einen nach unten grad ausgestreckten Hand hielt er einen braunen Koffer, einen von den ganz billigen. Vor den Augen des scheinbar von einer Reise herkommenden Mannes war auf einem Emailleschild zu lesen: C. Tobler, technisches Bureau. Er wartete noch einen Moment, wie um über irgend etwas gewiß sehr Belangloses nachzudenken, dann drückte er auf den Knopf der elektrischen Klingel, worauf eine Person kam, allem Anschein nach eine Magd, um ihn eintreten zu lassen.
»Ich bin der neue Angestellte,« sagte Joseph, denn so hieß er. Er solle nur eintreten und hier, die Magd zeigte ihm die Richtung, nach unten ins Bureau gehen. Der Herr werde gleich erscheinen.
Joseph stieg eine Treppe, die eher für Hühner als für Menschen gemacht schien, hinunter und trat rechter Hand ohne weiteres in das technische Bureau ein. Nachdem er eine Weile gewartet hatte, ging die Türe auf. An den festen Schritten über die hölzerne Treppe und am Türaufmachen hatte der Wartende sogleich den Herrn erkannt. Die Erscheinung bestätigte nur die vorausgegangene Gewißheit, es war in der Tat niemand anderes als Tobler, der Chef des Hauses, der Herr Ingenieur Tobler. Er machte ziemlich große Augen, er schien ärgerlich zu sein und war es auch.
[…]
»Von Herzen!« sagte der Gehülfe. Sie ergriff zum letzten Mal das Wort:
»Ich werde es ihm ausrichten, es wird ihn freuen. Er hat es um Sie verdient, daß Sie ihm nicht grollen, er hat Sie gern gehabt, wie wir alle. Sie sind unser Angestellter gewesen – nein, gehen Sie jetzt. Viel Glück, Joseph.«
Sie bot ihm die Hand und wandte sich dann zu ihren Kindern, als sei gar nichts weiter geschehen. Er nahm seinen Handkoffer vom Boden auf und ging. Und dann verließen die beiden, Marti und Wirsich, den Abendstern.
Unten auf der Landstraße angekommen, machte Joseph halt, zog einen Toblerschen Stumpen aus der Tasche, zündete sich denselben an und drehte sich noch einmal nach dem Haus um. Er grüßte es in Gedanken, dann gingen sie weiter.
Albert Camus war Schriftsteller und Philosoph des Existenzialismus und gilt als einer der bekanntesten und bedeutendsten französischen Autoren des 20. Jahrhunderts. 1957 erhielt er für sein Gesamtwerk den Nobelpreis für Literatur.
Den Philosophen Camus habe ich hier schon in mehreren Beiträgen vorgestellt. In dem Beitrag Albert Camus: Der Fremde zu der Erzählung Der Fremde schrieb ich: „Leben heißt Miterleben […]. Ausgangspunkt der Philosophie Camus’ ist das Absurde des Lebens, die Sinnlosigkeit. Dem kann der Mensch nur durch die Revolte, durch ein tägliches sich Aufbäumen, entgehen. Morgens, wenn ich aufstehe, so lebe ich trotzdem (trotz der Sinnlosigkeit) und mühe mich um menschliche Solidarität.“
Neben Camus ist es Sartre, der gegen die „Sinnlosigkeit des Lebens“ revoltierte. Für den Marxisten Sartre endet die Revolte allerdings im Endziel Kommunismus, bei Camus ist die Revolte ‘endlos’. Außerdem spielt für den Mittelmeermensch Camus vor allem Licht und Schatten eine wichtige Rolle. In dem Schauspiel „Das Mißverständnis“ ist es die Sehnsucht der Schwester nach dem Meer und nach Sonne.
In meinem kleinen Philosophie-Modell berief ich mich übrigens auch auf Camus und schrieb zusammenfassend: „Es gibt keinen eigentlichen, allgemeingültigen Sinn des Lebens. Man muss sich und seinem Leben ‚selbst’ einen Sinn geben. Ähnlich dachte auch Buddha, der das Leben für leidvoll hielt. Man muss gegen diese allgemeine Sinnlosigkeit, gegen das Leid revoltieren. Diese Revolte ist ein tägliches sich Aufbäumen gegen die Absurdität des Lebens.“
Albert Camus war nun nicht nur Philosoph und Verfasser von Romanen und Erzählungen. Er war auch ein begeisterter Theaterfreund und als solcher Schauspieler und Regisseur eines kleinen Theaters in Algier – und natürlich Dramatiker. Zwischen 1938 und 1950 verfasste er vier Schauspiele. 1959 dramatisierte er mit dem Stück „Die Besessenen“ den Roman Dämonen von Dostojewski.
Die Dramen von Albert Camus sind in einem gut 340 Seiten umfassenden Buch erhältlich. Ich selbst zitiere hier aus der folgenden Ausgabe: Albert Camus: Dramen – ins Deutsche übertragen von Guido G. Meister – Rowohlt Verlag, Hamburg – 128. – 131. Tausend, April 1982 (14. Auflage) – Sonderausgabe
Vorweg: Natürlich werden Camus’ Stücke auch heute noch aufgeführt und sind nicht ‚vergessen’. Seine Themen haben nicht an Aktualität eingebüßt. Wie sollten sie auch. Was hat sich schon wesentlich auf unserer Erdenkugel geändert.
Scipio: … Leiden verursachen sei die einzige Art, sich zu irren. (S: 23)
Cherea: Man muß wohl zuschlagen, wenn man nicht widerlegen kann. (S. 32)
Caesonia: … gieße über unsere Gesichter deine unparteiliche Grausamkeit, deinen ganz und gar sachlichen Haß. (S. 48)
Caligula: Das Schicksal kann man nicht begreifen, und darum habe ich mich zum Schicksal gemacht … (S. 51)
Cherea: … die Unsicherheit veranlaßt einen, zu denken. (S. 60)
Caligula: Nun, ich trete gewissermaßen an die Stelle der Pest. (S. 64)
Caligula: Die anderen schaffen aus Machtlosigkeit. Ich jedoch habe kein Werk nötig. Ich lebe. (S. 66)
Calugula: Wenn ihr alle da seid, verspüre ich eine Leere ohne Maß, in die ich nicht blicken vermag. Nur unter meinen Toten ist mir wohl. (S. 69)
Calugula: Die Dummheit […] ist mörderisch. Sie wird zum Mörder, wenn sie sich beleidigt fühlt. (S. 69)
Caligula: Einen Menschen lieben, heißt einwilligen, mit ihm alt zu werden. Dieser Liebe bin ich nicht fähig. Eine alte Drusilla, das war viel schlimmer als eine tote Drusilla. (S. 71)
Caligula: Ich lebe, ich töte, ich übe die sinnverwirrende Macht des Zerstörers, mit der verglichen die Macht des Schöpfers als billiger Abklatsch erscheint. Das heißt glücklich sein! (S. 71)
Caligula: Aber wer wagte es, mich zu richten in dieser Welt ohne Richter, da niemand ohne Schuld ist! (S. 72)
Das Schauspiel Caligula, ein Schauspiel in vier Akten, entstand 1938, nachdem Camus, damals gerade 25 Jahre alt, SuetonsDe vita Caesarum gelesen hatte. Es ist die Tragödie maßlosen Machtwillens. Der vom Drang nach dem Absoluten besessene Caligula glaubt, die Treue zu sich durch die Untreue gegen die anderen gewinnen zu können. Caligula ist kein brutaler Despot, sondern ein raffinierter, intellektueller Verbrecher, der seine Untertanen immer weitertreibt, wie in einem Experiment, um zu prüfen, was sie alles erdulden. Als er endlich unter den Dolchen der Verschwörer zusammenbricht, sind seine letzten Worte: „Ich lebe immer noch.“ – Eine indirekte Aufforderung, dass die Verpflichtung zum Widerstand nie erlischt.
„Historisch setzt es nach dem Tod der Drusilla und der damit verbundenen Krise des Kaisers ein, der die Sinnlosigkeit des Lebens erkennt und damit Camus’ philosophische Konzeption des Existentialismus versinnbildlicht.“
Wuppertaler Bühnen: CALIGULA (Trailer) von Albert Camus
„Caligula, das ist der Spieler ums Absolute, der Tyrann, dessen uneingeschränkte Macht ihn verleitet, sich auf die Suche nach der vollkommenen Freiheit zu begeben, um sich neben die Götter einzureihen. Caligula ist der launische Despot, der zwischen Wahn und Willenskraft seine Untertanen wie Fliegen auslöscht, wenn ihm danach ist, und befiehlt, den Mond für ihn vom Himmel zu holen.
Der als Sohn französischer Eltern in Algerien geborene Albert Camus (1913–1960) popularisierte in seinem kurzen Leben, das mit einem Autounfall endete, die Philosophie gemeinsam mit Jean Paul Sartre, was bis heute nachwirkt. Die beiden waren weit über Frankreich hinaus und auch außerhalb der Intellektuellenszene moralische Instanzen in einem Europa, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg entsetzt die Frage stellte: Wie konnte das geschehen? Was ist die Essenz, was ist die Existenz des Menschen, worin besteht seine Freiheit, was macht die Macht mit ihm? Um all diese Dinge geht es in ‚Caligula’, der in der Nachkriegszeit oft aufgeführt wurde; Camus hatte das Stück unter dem Eindruck Hitlers umgeschrieben und verschärft.“ (Quelle: diepresse.com)
„Der Mensch, zumindest der herrschende, ist so grausam wie Gott.
Grotesk der Konflikt. Ausgerechnet einen Kaiser läßt Camus erkennen, daß die Welt schlecht eingerichtet ist! Derlei Erkenntnis gewinnen üblicherweise Unterdrückte. Oder weiß mir jemand einen Regenten zu nennen, dem die »Weltordnung« ungelegen gewesen wäre? Camus‘ Geschichte gipfelt in des Kaisers Entschluß, das Unmögliche möglich zu machen. Beispielsweise will dieser sich von Helicon, einem ehemaligen Sklaven, den Mond holen lassen. Im übrigen hofft er, eigene unumschränkte Freiheit dadurch zu erringen, daß er Untergebene foltert, vergewaltigt und mordet. Ein Irrer an den Hebeln der Macht also. Verheerend die Folgen.“ (Quelle: berliner-schauspielschule.de)
Camus selbst schrieb in einem Vorwort zu seinen Dramen: „Caligula, ein bis dahin eher liebenswerter Kaiser, entdeckt beim Tod seiner Schwester und Geliebten, Drusilla, daß die Welt schlecht eingerichtet ist. Von diesem Tag an versucht er, vom Verlangen nach dem Unmöglichen besessen, von Verachtung und Grauen vergiftet, durch Mord und systematische Umkehrung aller Werte eine Freiheit zu üben, die er letzten Endes als falsch erkennen wird. […] während seine Wahrheit darin besteht, die Götter zu leugnen, besteht sein Irrtum darin, die Menschen zu leugnen [so sagt Cherea: ‚Gewiß kommt es bei uns nicht zum erstenmal vor, daß ein Mensch unumschränkte Macht verfügt, aber es geschieht zum erstenmal, daß jemand sich ihrer unumschränkt bedient, daß er so weit geht, den Menschen und die Welt zu leugnen.’ (S. 31)]. Es ist nicht möglich, alles zu vernichten, ohne sich selbst mit zu zerstören.“
Personen:
Caligula
Caesonia
Helicon
Scipio
Cherea
Senectus, der alte Patrizier
Metellus, Patrizier
Lepidus, Patrizier
Octavius, Patrizier
Patricius, Oferhofmeister
Mucius
Die Frau des Mucius
Wachen
Sklaven
Dichter
Der erste, dritte und vierte Akt spielen in Calugulas Palast, der zweite in Chereas Haus. Zwischen dem ersten und den drei folgenden Akten liegen drei Jahre.
Caligula wurde 25.09.1945 im Théâtre Hébertot, Paris (Leitung Jacques Hébertot) uraufgeführt (R: Paul Oettly)
DSE: 29.1.1947 Staatstheater Stuttgart (R: Helmut Henrichs)
Martha: Was sollte aus der Welt werden, wenn die Verurteilten anfingen, dem Henker ihre Herzensnöte anzuvertrauen? (S. 92)
Maria: Von nun an muß ich in jener fürchterlichen Einsamkeit leben, da die Erinnerung eine Folter ist. (S. 113)
Das Mißverständnis (franz.: Le Malentendu), ein Schauspiel in drei Akten, wurde von Albert Camus 1941 im besetzten Paris geschrieben.
Ein Mann, der viele Jahre in Übersee war, kommt heim. Dort leben seine Schwester und seine verwitwete Mutter davon, Untermieter aufzunehmen und zu ermorden. Weil sie ihn nicht erkennen, wird er selber zum Untermieter, ohne seine Identität preiszugeben, und schlussendlich getötet.
Das Missverständnis im Cuvilliés Theater, München
Camus schriebt dazu in seinem Vorwort: „Ein Sohn, der erkannt werden will, ohne seinen Namen nennen zu müssen, und der infolge eines Mißverständnisses von Mutter und Schwester umgebracht wird – das ist das Thema des Stücks. Gewiß verrät es eine sehr pessimistische Auffassung des menschlichen Daseins, die aber sehr wohl mit einem gemäßigten Optimismus in bezug auf den Menschen vereinbar ist. Denn eigentlich will das besagen, daß alles anders gekommen wäre, wenn der Sohn gesagt hätte: ‚Ich bin’s, dies ist mein Name.’ Er will besagen, daß der Mensch in einer ungerechten oder gleichgültigen Welt sich selbst und seine Mitmenschen erretten kann, wenn er sich an die einfachste Aufrichtigkeit, das treffendste Wort hält.“
Personen:
Martha, Jans Schwester
Maria, Jans Ehefrau
Die Mutter
Jan
Der alte Knecht
Das Mißverständnis wurde 1944 im Théâtre des Mathurins uraufgeführt.
Die Pest: … in Tat und Wahrheit bin ich ein Idealist […] Ich bringe euch das Schweigen, die Ordnung und die unbedingte Gerechtigkeit. (S. 146)
Der Richter: Wenn das Verbrechen Gesetz wird, hört es auf, Verbrechen zu sein. (S. 158)
Der Belagerungszustand (französisch L’état de siège) ist ein Theaterstück in drei Teilen von Albert Camus. Es wurde 1948 in Paris uraufgeführt. Das Stück entstand unter dem Einfluss der deutschen Teilung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg. Er zeigt damit die Grausamkeiten, welche tyrannische menschenfeindliche Regimes nach sich ziehen und macht vor allem die Bürokratie als eines der wirkungsvollsten Instrumente der Despotie aus.
Der Belagerungszustand – Schauspielhaus
Zu diesem Stück äußert sich Camus selbst: „Es ist jedoch von Vorteil, zu wissen
1. daß Der Belagerungszustand in keiner Weise eine Bearbeitung meines Romans Die Pest darstellt. Allerdings habe ich einer meiner Personen diesen symbolischen Namen gegeben. Aber da es sich um einen Diktator handelt, ist die Bezeichnung zutreffend;
2. daß Der Belagerungszustand kein nach klassischem Muster verfaßtes Stück ist. […] Ich habe für mein Schauspiel das als Mittelpunkt gewählt, was mir in unserem Jahrhundert der Tyrannen und der Sklaven die einzige lebendige Religion zu sein scheint, nämlich die Freiheit. […] Es war eingestandenermaßen meine Absicht, das Theater den psychologischen Grübeleien zu entreißen und auf unseren von gedämpften Murmeln erfüllten Bühnen die lauten Schreie ertönen zu lassen, die heute ganze Menschenmassen ins Joch beugen oder befreien.“
Personen:
Die Pest
Die Sekretärin
Nada
Victoria
Der Richter (Viktorias Vater)
Die Frau des Richters
Diego
Der Gouverneur
Der Alkalde (Strafrichter, Bürgermeister in Spanien)
Die Frauen von Cádiz
Die Männer von Cádiz
Die Wachen
Der Belagerungszustand wurde am 27. Oktober 1948 im Théâtre Marigny uraufgeführt. Bühnenmusik von Arthur Honegger.
„Albert Camus’ ‚Théâtre’ umfaßt einen imponierenden Band, in dem der Kern seiner Dramatik deutlich wird : ‘In der heutigen Zeit lebende Gestalten die Sprache der Tragödie sprechen zu lassen’.“ Stuttgarter Zeitung
„Die hohe Moral seiner Kunst verbietet Camus das Zweideutige und das Allzubrillante, denn es soll und will den Leser, das Publikum zur Entscheidung zwingen. Sie appelliert an unsere Urteilsfreiheit, die von Camus als jene Freiheit erkannt wird, die dem sittlichen Individuum die Verantwortung für Gut und Böse in ihrem vollen Gewicht aufbürdet.“ Bayerischer Rundfunk, München
„Camus unterscheidet sich in wesentlichen Dingen von den Existentialisten Sartrescher Prägung, indem er der Hoffnungslosigkeit jener seinen starken, männlichen Humanismus entgegensetzt, wie er auch immer jene höchst kunstvolle Klarheit und Einfachheit erreicht, mit der er sofort den Zugang zum Hörer findet.“ Westdeutsche Allgemeine, Essen
Ohne Zweifel ist Dostojewski einer der grandiosesten Literaten des 19. Jahrhunderts, dessen Werke noch heute wirken. Kaum ein anderer Schriftsteller jener Zeit verstand sich dermaßen auf die menschliche Psyche. Sein Roman „Die Dämonen“ wurde 1959, also vor etwas mehr als 50 Jahren, von Albert Camus dramatisiert: Die Besessenen (Les possédés). Da ich zz. Camus’ Dramen lese, möchte ich, bevor ich auf diese zu sprechen komme, den Roman von Dostojewski zum Lesen anempfehlen. Diesmal findet sich die Quelle nicht im Projekt Gutenberg DE, sondern in Zeno.org, einer weiteren deutschsprachigen Volltextbibliothek.
Indem ich mich anschicke, die sehr merkwürdigen Ereignisse zu schildern, die sich kürzlich in unserer, bis dahin durch nichts ausgezeichneten Stadt zugetragen haben, sehe ich mich durch meine schriftstellerische Unerfahrenheit genötigt, etwas weiter auszuholen und mit einigen biographischen Angaben über den talentvollen, hochgeachteten Stepan Trofimowitsch Werchowenski zu beginnen. Diese Angaben sollen nur als Einleitung zu der in Aussicht genommenen Erzählung dienen; die Geschichte selbst, die ich zu schreiben beabsichtige, soll dann nachfolgen.
Ich will es geradeheraus sagen: Stepan Trofimowitsch hat unter uns beständig sozusagen eine bestimmte Charakterrolle, die Rolle eines politischen Charakters, gespielt und sie leidenschaftlich geliebt, dermaßen, daß er meines Erachtens ohne sie gar nicht leben konnte. Nicht, daß ich ihn mit einem wirklichen Schauspieler vergleichen möchte: Gott behüte; das kommt mir um so weniger in den Sinn, als ich selbst ihn sehr hoch achte. Es mochte bei ihm alles Sache der Gewohnheit sein oder, richtiger gesagt, Sache einer steten, schon aus dem Jugendalter herrührenden wohlanständigen Neigung, sich vergnüglichen Träumereien über seine schöne politische Haltung hinzugeben. Er gefiel sich zum Beispiel außerordentlich in seiner Lage als »Verfolgter« und sozusagen als »Verbannter«. Diese beiden Worte umgibt ein eigenartiger klassischer Glanz, der ihn seinerzeit verführt hatte, ihn dann allmählich im Laufe vieler Jahre in seiner eigenen Meinung gehoben und ihn schließlich auf ein sehr hohes und für seine Eigenliebe sehr angenehmes Piedestal gestellt hatte. In einem satirischen englischen Romane des vorigen Jahrhunderts kehrte ein gewisser Gulliver aus dem Lande der Liliputaner zurück, wo die Menschen nur vier Zoll groß waren, und hatte sich während seines Aufenthaltes unter ihnen so daran gewöhnt, sich für einen Riesen zu halten, daß er, auch wenn er in den Straßen Londons umherging, unwillkürlich den Fußgängern und Wagen zurief, sie sollten sich vorsehen und ihm ausweichen, damit sie nicht zertreten würden; denn er bildete sich ein, er sei immer noch ein Riese und sie Zwerge. Man lachte ihn deswegen aus und schimpfte auf ihn, und grobe Kutscher schlugen sogar mit der Peitsche nach dem Riesen; aber ob mit Recht? Was kann nicht die Gewohnheit bewirken? Die Gewohnheit brachte auch Stepan Trofimowitsch zu einem sehr ähnlichen Verhalten, das sich aber in einer noch unschuldigeren und harmloseren Weise zeigte, wenn man sich so ausdrücken kann; denn er war ein ganz prächtiger Mensch.
Ich Steppenwolf trabe und trabe,
Die Welt liegt voll Schnee,
Vom Birkenbaum flügelt der Rabe,
Aber nirgends ein Hase, nirgends ein Reh!
In die Rehe bin ich so verliebt,
Wenn ich doch eins fände!
Ich nähm’s in die Zähne, in die Hände,
Das ist das Schönste, was es gibt.
Ich wäre der Holden so von Herzen gut,
Fräße mich tief in ihre zärtlichen Keulen,
Tränke mich satt an ihrem hellroten Blut,
Um nachher die ganze Nacht einsam zu heulen.
Sogar mit einem Hasen wäre ich zufrieden,
Süß schmeckt sein warmes Fleisch in der Nacht –
Ach, ist denn alles von mir geschieden,
Was das Leben ein bißchen fröhlicher macht?
An meinem Schwanz ist das Haar schon grau,
Auch kann ich nicht mehr ganz deutlich sehen,
Schon vor Jahren starb meine liebe Frau.
Und nun trab ich und träume von Rehen,
Trabe und träume von Hasen,
Höre den Wind in der Winternacht blasen,
Tränke mit Schnee meine brennende Kehle,
Trage dem Teufel zu meine arme Seele.
Dieses Gedicht steht in Hesses Roman „Der Steppenwolf”. Wie Harry Haller, der Steppenwolf, so bin auch ich in die Jahre gekommen („An meinem Schwanz ist das Haar schon grau, auch kann ich nicht mehr ganz deutlich sehen …“). Inzwischen habe ich das, was man die Krise der Lebensmitte zu nennen pflegt, sachte überwunden und freue mich auf einen geruhsamen Lebensabend. Oder nicht? Manchmal möchte ich doch noch einmal ‚traben’ und mich ‚in die Rehe verlieben’ …
Ich habe nie so ganz verstanden, warum „Der Steppenwolf“ gerade soviel Anklang bei jungen Menschen findet. Der Roman war in der 60-er Jahren gewissermaßen das Manifest der Hippie-Bewegung. Denn eigentlich ist es nichts anderes als der Bericht über einen schöpferischen Menschen in der Lebensmitte, den Zweifel an seiner Existenz, an Leben und Tun überkommen – den oberflächlich betrachtet die Midlife Crisis plagt. Harry Haller, der Steppenwolf des Romans, steht vor einem Scherbenhaufen. Sein Leben ist zerrissen, ohne Sinn. Sein Ziel, die Selbstverwirklichung, hat er nicht erreicht. So sieht er nur noch die Selbstauflösung. Aber gerade, weil es die Möglichkeit gibt, sich selbst zu töten, erwächst aus dieser Möglichkeit so etwas wie Lebensstütze („‚… daß die Zeit und die Welt, das Geld und die Macht den Kleinen und Flachen gehört, und den andern, den eigentlichen Menschen, gehört nichts. Nichts als der Tod.’ ‚Sonst gar nichts?’ ‚Doch, die Ewigkeit.’“ S. 167). Und ist die Krise erst einmal überwunden, so kann das Bürgerliche durchaus als „Streben nach einer ausgeglichenen Mitte zwischen den Extremen menschlichen Verhaltens“ werden (Material zum Traktat).
Und es ist der Humor, das Lachen, was hilft, die Krise zu überwinden: „…dies Lachen, […] es war das, was übrigbleibt …“ (S. 169). – „… Schule des Humors, Sie sollen lachen lernen. Nun, aller höhere Humor fängt damit an, daß man die eigene Person nicht mehr ernst nimmt.“ (S. 193) – „Lernen Sie ernst nehmen, was des Ernstnehmens wert ist, und lachen über das andere!“ (S. 232)
Neben dem Lied Die Unsterblichen, einem weiteren Gedicht aus dem Roman, habe ich vor über 30 Jahren ein weiteres Lied, ausgehend von dem Steppenwolf-Gedicht, verfasst.
Steppenwolf
Der Steppenwolf, der zieht durch das Land
Sucht sich ein Reh, fängt es mit bloßer Hand
Süß schmeckt das Fleisch
In dunkler Nacht.
Auch mit Hasenblut er sehr zufrieden wär
Noch frisch und warm, das ist sein Begehr
Tränkt Blut ihn satt
Sein Herz ihm lacht.
So der Steppenwolf trabt mit dunkler Macht
Hört den Wind blasen in der Winternacht
Die Welt liegt voll von Schnee und ist bitterkalt
Der Steppenwolf, er heult, an Jahren ist er schon alt
Tränkt mit Schnee seine brennende Kehle
Trägt dem Teufel zu seine arme Seele
Oh, Steppenwolf
– Seelentier.
An seinem Schwanz ist das Haar schon grau
Schon vor Jahren starb seine liebe Frau
So ganz allein er
die Nacht durchwacht.
In die Rehe ist er dafür heut‘ verliebt
Das das Schönste ist, was es für ihn gibt
Zu ihrem Fleisch
Gier ist entfacht.
Der Steppenwolf, der einsam durchs Land trabt
Sich am Fleische und hellrotem Blute labt
Altgeworden
Trockene Kehle.
In der langen Zeit in Scherben zerbrochen
Zählt man schon des Steppenwolfs letzte Wochen
Trägt dem Teufel zu
seine Seele.
Willi singt: Steppenwolf
Musik, Text (nach dem Gedicht von Hermann Hesse), Gesang, Gitarre & Bass: Wilfried Albin – aufgenommen am 10.02.1979 bzw. 13.08.1980 in Bremen
„Haller kommen seine hymnischen Verse über die Unsterblichen in den Sinn, Mozart tritt in die Loge und bedient sich des Radios, um Händels Musik zu hören – für Haller fast ein Sakrileg, für Mozart nur ein Anlass zum Lachen über den Kampf zwischen göttlicher Idee und profaner Erscheinung: Haller müsse das Lachen lernen, den Humor, der immer nur Galgenhumor sein könne. Für sein Verbrechen der (angekündigten und doch nicht wirklich vollzogenen) Ermordung Hermines wird Haller zur Strafe des ewigen Lebens und des einmaligen Ausgelachtwerdens verurteilt, weil er mit Messern gestochen (und nicht über sich und seine Eifersucht gelacht) habe. Haller ist optimistisch, dieses Spiel beim nächsten Mal besser spielen zu können.“ (Quelle: de.wikipedia.org zur Inhaltsangabe von Hermann Hesses‘Der Steppenwolf’)
In Hermann Hesses Roman „Der Steppenwolf“ träumt Harry Haller, der Protagonist des Romans, von Goethe und Mozart, die ihm als Sendboten aus der Welt der Unsterblichen erscheinen. Das Ideal der Unsterblichkeit steht hierbei für die Realisierung des eigenen Selbst. (Nein, die rechtsextremistische Gruppe, die junge Leute für sich zu rekrutieren sucht, ist wahrlich nicht gemeint.)
1980, vor mehr als 30 Jahren, habe ich verschiedene literarische Texte (u.a. Albert Camus’ „Der Fremde“ und Kafkas Romane „Das Schloss“ und „Der Prozess“) musikalisch aufgearbeitet. Nichts Aufregendes, eigentlich nur für mich selbst gedacht. Eines der Lieder habe ich bereits vor längerer Zeit vorgestellt: Gegen Windmühlen kämpfen. Im Zusammenhang mit der Lektüre von Hesses Steppenwolf bin ich nochmals auf diese alten Lieder gestoßen. Und da gibt es ein sehr kurzes Lied mit nur wenigen Zeilen. Mein Neffe, damals gerade 14 Jahre alt, begleitete mich auf der Gitarre:
Die Unsterblichen sind unter uns
Sie sind Wissen, Zukunft und Kunst
Unser Geist
Wär schal und fad‘
Hätten kein Gewissen –
So skrupellos!
Die Unsterblichen sind unter uns.
Text, Musik, Gesang, Bassgitarre: Wilfried Albin
akustische Gitarre: Torsten Besch
Aufgenommen am 08./13.08.1980 in Bremen
Willi singt: Die Unsterblichen
Der Vollständigkeit halber hier das Gedicht aus Hesses Roman:
Immer wieder aus der Erde Tälern
Dampft zu uns empor des Lebens Drang:
Wilde Not, berauschter Überschwang,
Blutiger Rauch von tausend Henkersmählern,
Krampf der Lust, Begierde ohne Ende,
Mörderhände, Wuchererhände, Beterhände.
Angst- und lustgepeitschter Menschenschwarm
Dunstet schwül und faulig, roh und warm,
Atmet Seligkeit und wilde Brünste,
Frisst sich selbst und speit sich wieder aus,
Brütet Kriege aus und holde Künste,
Schmückt mit Wahn das brennende Freudenhaus,
Schlingt und zehrt und hurt sich durch die grellen
Jahrmarktsfreuden seiner Kinderwelt,
Hebt für jeden neu sich aus den Wellen,
Wie sie jedem einst zu Kot zerfällt.
Wir dagegen haben uns gefunden
In des Äthers sterndurchglänztem Eis,
Kennen keine Tage, keine Stunden,
Sind nicht Mann noch Weib, nicht jung noch Greis.
Eure Sünden sind und eure Ängste,
Euer Mord und eure geilen Wonnen
Schauspiel uns gleich wie die kreisenden Sonnen,
Jeder Tag ist uns der längste.
Still zu eurem zuckenden Leben nickend,
Still in die sich drehenden Sterne blickend,
Atmen wir des Weltraums Winter ein,
Sind befreundet mit dem Himmelsdrachen;
Kühl und wandellos ist unser ewiges Sein,
Kühl und sternhell unser ewiges Lachen.
Hermann Hesse
Hierzu gibt es natürlich auch eine englische Fassung – nur zum Vergleich:
Ever reeking from the vales of earth
Ascends to us life’s fevered surge,
Wealth’s excess, the rage of dearth,
Smoke of death-meals on the gallow’s verge;
Greed without end, spasmodic lust;
Murderers‘ hands, usurers‘ hands, hands of prayer;
Exhales in fœtid breath the human swarm
Whipped on by fear and lust, blood raw, blood warm,
Breathing blessedness and savage heats,
Eating itself and spewing what it eats,
Hatching war and lovely art,
Decking out with idiot craze
Bawdy houses while they blaze,
Through the childish fair-time mart
Weltering to its own decay
In the glare of pleasure’s way,
Rising for each newborn and then
Sinking for each to dust again.
But we above you evermore residing
In the ether’s star-translumined ice
Know not day nor night nor time’s dividing,
Wear nor age nor sex for our device.
All your sins and anguish self-affrighting,
Your murders and lascivious delighting
Are to us but as a show
Like the suns that circling go,
Changing not our day for night;
On your frenzied life we spy,
And refresh ourselves thereafter
With the stars in order fleeing;
Our breath is winter; in our sight
Fawns the dragon of the sky;
Cool and unchanging is our eternal being,
Cool and star-bright is our eternal laughter.
Rainer Maria Rilke (1875 in Prag; † 1926 bei Montreux, Schweiz) war einer der bedeutendsten Lyriker deutscher Sprache. Bekannt sind seine Duineser Elegien oder die Sonette an Orpheus. Allerdings verfasste er nur einen Roman: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge ist ein 1910 veröffentlichter Roman in Tagebuchform. Der Roman wurde 1904 in Rom begonnen und reflektiert unter anderem die ersten Eindrücke eines Paris-Aufenthaltes des Autors von 1902/03.
11. September, Rue Toullier.
So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest. Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu überzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahinter? Ich suchte auf meinem Plan: Maison d’Accouchement. Gut. Man wird sie entbinden – man kann das. Weiter, Rue Saint-Jacques, ein großes Gebäude mit einer Kuppel. Der Plan gab an Val-ge-grâce, Hôpital militaire. Das brauchte ich eigentlich nicht zu wissen, aber es schadet nicht. Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es roch, soviel sich unterscheiden ließ, nach Jodoform, nach dem Fett von Pommes frites, nach Angst. Alle Städte riechen im Sommer. Dann habe ich ein eigentümlich starblindes Haus gesehen, es war im Plan nicht zu finden, aber über der Tür stand noch ziemlich leserlich: Asyle de nuit. Neben dem Eingang waren die Preise. Ich habe sie gelesen. Es war nicht teuer.
How weary, stale, flat and unfrofitable
Seems to me all the uses of ths world!
Wie ekel, schal und flach und unersprießlich
Scheint mir das ganze Treiben dieser Welt!
William Shakespeare: Hamlet – Prinz von Dänemark
(Übersetzt von August Wilhelm von Schlegel)
1. Akt – 2. Szene
Unter diesem Motto von Shakespeare steht ein Kapitel in dem Roman Die Falschmünzer von André Gide (Originaltitel: Les Faux-Monnayeurs), das ich in folgender Ausgabe vorliegen habe: dtv Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 2. Auflage Mai 1982, 18. bis 27. Tausend. Die Übersetzung ins Deutsche erfolgte von Ferdinand Hardekopf. Es handelt sich dabei um die erste Übersetzung von 1928. Der Roman selbst wurde 1925 veröffentlicht.
Für zwei weitere Kapitel stellt Gide Zitate aus Shakespeares Romanze „Cymbeline“ als Motto voran; u.a. findet sich auf Seite 51 aus dem 2. Akt – 5. Szene die Aussage von Posthumus:
We are all bastards;
And that most venerable man which I
Did call my father, was I know not where
When I was stamp’d;
Zu Deutsch und etwas ausführlicher, da wir hier auch den Bezug zum Romantitel finden:
Kann denn kein Mensch entstehn, wenn nicht das Weib
Zur Hälfte wirkt? Bastarde sind wir alle,
Und der höchst würdge Mann, den ich stets Vater
Genannt, war, weiß der Himmel wo, als ich
Geformt ward, und Falschmünzerwerkzeug prägte
Als falsches Goldstück mich.
Ort der Romanhandlung ist Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
„Eine Gruppe junger Gymnasiasten will der großbürgerlichen Scheinwelt der Elternhäuser entfliehen, erwachsen werden auf dem Gebiet der Moral, der Kunst, der Erotik. Die zynische Eleganz der literarischen Welt erweist sich als verführerische Droge: Da ist Robert de Passavant, Erfolgsschriftsteller mit homosexuellen Neigungen; und da ist Edouard, Onkel eines der Jungen, aus dessen Tagebuchnotizen wir einen Großteil der Geschichte erfahren. Diese Notizen sind Vorarbeiten zu einem Roman mit dem Titel – ‚Die Falschmünzer’ …“
(aus dem Klappentext zu einer Neuübersetzung)
Jener Junge, Olivier, dessen Onkel Edouard ist, stellt fest, dass der Mann seiner Mutter nicht sein leiblicher Vater ist. Er ist also das, was man schlechthin einen Bastard zu nennen pflegte.
„So beginnt das Spiel mit dem Leser. Doch der ‚Roman im Roman’ ist nur ein Teil des erzählerischen Raffinements. Aus Briefen, Dialogprotokollen, Berichten entsteht ein spannendes Rätsel, das den Spürsinn herausfordert wie ein Detektivroman. Schließlich geht es nicht nur um intellektuelle Falschmünzerei, sondern um wirkliches Falschgeld und um einen mysteriösen Selbstmord.“
„‚Die Falschmünzer’ sind ein kühnes Experiment und eine der hervorragenden Leistungen des modernen Epik. Zum ersten Mal wird hier der Roman selbst zum Gegenstand des Romans.“
(aus dem Klappentext zur dtv-Ausgabe)
André Gide (1869-1951) wurde streng puritanisch erzogen und setzte sich später rückhaltlos für die Freiheit des Individuums gegenüber Kirche, Konvention und Moral ein. Seinen Zeitgenossen und vielen seiner konservativen Autorenkollegen galt Gide als gefährlich, als der große Seelenverderber. Der Nobelpreisträger von 1947 hat aufgrund seines außergewöhnlichen Werkes längst seinen Platz in der Weltliteratur gefunden. Gide zählt zu den wichtigsten französischen Schriftstellern seiner Generation. Er hat das geistige Gesicht des 20. Jahrhunderts entscheidend mitgeprägt.
„Gides von blendendem Kunst-Verstand diktierter Roman, in dem mehr ‚Können’ als ‚Müssen’ am Werke ist, gehört mit den Hauptwerken von Proust, Musil, Joyce und Faulkner zu den großen Initiativleistungen der modernen Epik.“
Also vorwärts, Bernard, aufs offene Meer hinaus! (S. 53)
Selten hat mich ein Roman so beschäftigt. Es geht eine eigentümliche Faszination vom ihm aus. Er ist spannend wie ein Kriminalroman. Und ich halte ihn für ausgesprochen aktuell. Sicherlich ist die großbürgerliche Welt des Paris von vor etwa 90 Jahren eine andere als die ‚normalbürgerliche’ unserer Tage. Die „Konventionen“, die äußerliche Umgangsweise der agierende Personen ist eine andere. Aber die Dämonen, die damals die Menschen zu ihrem Tun getrieben haben, nehmen auch heute noch von diesen Besitz.
Mit mir ist es so weit gekommen, daß ich mich frage, ob nicht vielleicht der Zweifel selbst den einzigsten Halt in unserem Dasein bieten könnte … (S. 168)
Wie schon zu erkennen ist, ist der Roman ein Entwicklungsroman, das aber in zweifacher Hinsicht. Zum einen betrifft es die Entwicklung junger Menschen (im Alter von ca. 17 oder 18 Jahren, aber auch jünger) und schildert deren Reifeprozess. Zum anderen beschreibt er die Entwicklung des Sujets hin zu einem Roman.
Allerdings mißtraue ich Gefühlen, die gar so rasch ihren Ausdruck finden. (S. 191)
Im Mittelpunkt stehen die Gymnasiasten Bernard und Olivier, beide 17 oder 18 Jahre alt, die kurz vor ihrer schulischen Abschlussprüfung stehen. Zu dieser Zeit kehrt Edouard, der Onkel von Bernard, nach Paris zurück. Er ist Schriftsteller wie der Graf Passavant, ein reicher, snobistischer Modeschriftsteller mit homosexuellen Neigungen, dessen geistreiche Eleganz die jungen Männer zum Vorbild nehmen. Dieser neigt allerdings zu Zynismus und Manipulation und weiß die Gefühlslage des Jungen für sich auszunutzen.
Ein lokaler Mittelpunkt ist die Pension der Familie Vedel-Azaïs, ein Knabenpensionat, das am Nachmittag u.a. Georges, der Bruder von Olivier, aufsucht. Hier kreuzen sich dann auch die Wege anderer Protagonisten des Romans.
„Fast alle Menschen, die ich kennengelernt habe, klingen falsch. Genausoviel wert sein, wie man scheint; nicht mehr scheinen wollen, als man wert ist … Man sucht sich und den andern alles mögliche vorzuspiegeln, und man denkt soviel daran, was man scheinen möchte, daß man schließlich selbst nicht mehr weiß, was man ist …“ (S. 174)
Bernard und Oliver schließen sich einem literarischen Zirkel an, um der großbürgerlichen Scheinwelt der Eltern zu entkommen.
„Als ich noch jünger war, da faßte ich Entschlüsse, die ich für tugendhaft hielt. Es lag mir weniger darn, der zu sein, der ich war, als vielmehr der zu werden, der ich zu sein beabsichtigte. Heute bin ich beinahe so weit, in der Entschlußlosigkeit das Geheimnis des Nicht-Altwerdens zu erkennen.“ (S. 293)
Im Übrigen nimmt der Roman letztlich auf sich selbst Bezug, schreibt doch Onkel Edouard als Schriftsteller an einem Werk, das ebenfalls den Titel „Die Falschmünzer“ trägt. Anhand von Tagebuchnotizen, Briefen, Skizzen usw. lernen wir die Entstehungsgeschichte eines Romans kennen, von dem wir als Leser aber nur wenig erfahren. Die Sammlung allein ist „der Roman“.
„Es bleibt dieses: daß die Realität mich als plastischer Grundstoff interessiert und daß ich mehr, unendlich viel mehr Sinn habe für das, was sein könnte, als für das, was in Wirklichkeit gewesen ist. Wie gebannt beuge ich mich über die latenten Möglichkeiten eines Wesens und bin traurig über jeden Keim, den die Stickluft der Konvention absterben läßt.“ (S. 101)
Anhand der Figur des Schriftstellers Edouard zeigt Gide die Grenzen der Erzählbarkeit eines Romans auf, die Schwierigkeiten beim Abbilden der realen Welt in den Formen eines fiktionalen Werks.
„Der Roman hat die Wechselfälle des Schicksals behandelt, die Irrwege von Glück und Unglück, die sozialen Beziehungen, den Konflikt der Leidenschaften und der Charaktere, aber keineswegs die Quintessenz des Wesens selbst. […] Die moralische Tragik – jene, die das Bibelwort so furchtbar macht: ‚Wenn aber das Salz dumm wird, womit soll man salzen?’ – das ist die Tragik, auf es ankommt.“ (S. 109)
oder:
„… mein Roman hat kein Thema. Oh, ich weiß wohl, es klingt töricht, was ich da sage. Also präzisieren wir: es handelt sich in ihm nicht um ein einziges, spezielles Thema … Einen ‚Ausschnitt aus dem Leben’ wollte der naturalistische Roman geben. Der große Fehler dieser Schule bestand darin, diese programmatische Schnitte vom Brote der Realität in einer stets gleichbleibenden Dimension, nämlich der Zeit nach der Länge nach, schneiden zu wollen. Warum nicht auch einmal der Breite nach? Oder der Tiefe nach? Was mich betrifft, ich möchte überhaupt nicht schneiden! Verstehen Sie mich: ich möchte eine Totalität von Erscheinungen in meinen Roman eintreten lassen; nichts all weggeschnitten, der andrängenden Fülle nirgends Einhalt geboten werden!“ (S. 161)
Manchmal ist es so, dass die Wirklichkeit Blüten schlägt, die sich selbst die blühendste Phantasie nicht ausdenken kann, so …
„Ich warte, daß die Wirklichkeit mir einen Plan diktiere.“ (S. 162)
Manche Beziehung zwischen den Männern wird den Leser vielleicht irritieren. André Gide war homosexuell, wenn ihm dies anfangs auch nur diffus bewusst war. Und so spielen auch homosexuelle, zumindest homoerotische Beziehungen in dem Roman eine wesentliche Rolle, wenn diese auch nicht direkt angesprochen werden. Ausgangspunkt sind dabei der Schriftsteller Robert de Passavant, aber auch der Onkel Edouard, der ein liebevolles Verhältnis zu seinem Neffen unterhält. Selbst der Mutter ist das klar, sie toleriert die Beziehung (Edouard: „Ich glaube, daß sie diese Beziehungen nicht geradezu missbilligt, ja, daß sie in gewisser Hinsicht sogar froh darüber ist, […] daß sie aber vielleicht […] im Grunde doch Eifersucht gegen mich empfindet.“ – S. 278).
Es gibt zwei reale Ereignisse, die in Zeitungsartikeln beschrieben waren und denen sich André Gide für seinen Roman bediente. Zum einen ein Artikel im Figaro vom 16.09.1906, der von Umlauf falscher Goldstücke handelt, die von Spanien nach Frankreich geschmuggelt und von jungen Leuten, meist Bohemiens, Studenten, Journalisten ohne Anstellung usw., in Umlauf gebracht wurden. Der andere Artikel im Journal de Rouen vom 05.06.1909 handelt von einem Selbstmord eines Gymnasiasten, bei dem sich ein kaum Fünfzehnjähriger mitten im Unterricht eine Kugel durch den Kopf jagte. Beides findet sich im „Journal des Faux-Monnayeurs“, dem Tagebuch der Falschmünzer, wider, das Gide 1926 veröffentlichte und in dem er die Entstehungsgeschichte des Romans dokumentierte.
Im Roman treten reichlich viele Personen auf, obwohl er mit 340 Seiten nicht allzu umfangreich ist. Einige betreten nur kurz die Bühne, um für immer zu verschwinden. Andere, die anfangs nur einen kleinen Auftritt haben, gewinnen erst viel später an Bedeutung (z.B. Georges, der Bruder von Olivier Molinier, einem Freund des bereits erwähnten Bernard Profitendieu – oder Victor Strouvilhou, der immer auftaucht, um sogleich wieder zu verschwinden, und der doch eine wesentliche Rolle zu spielen scheint). Um die Übersicht zu behalten, habe ich mir die Arbeit gemacht und eine Übersicht der Personen angefertigt – dem interessierten Leser als Hilfe (Download als PDF – 14 KB).