Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Karwoche

Die Karwoche beginnt nach dem Palmsonntag, schließt Gründonnerstag und Karfreitag ein, und endet mit dem Karsamstag. Abendmahl, Kreuzestod und Auferstehung Jesu gehören eng zusammen.

Daher feierte man bis zum 4. Jahrhundert in der Osternacht alle drei Ereignisse; heute feiert man drei Tage von Leiden, Tod und Auferstehung des Herrn ab Gründonnerstag. Augustinus sprach im 5. Jahrhundert vom heiligen „Triduum des gekreuzigten, begrabenen und auferstandenen Christus“. In der evangelischen Kirche werden in der Karwoche traditionell tägliche Andachten – „Passionsandachten“ – abgehalten.

Der Karfreitag gedenkt des Kreuzestodes Jesu; „chara“, althochdeutsch, bedeutet „Trauer, Wehklage“. An diesem wie auch am folgenden Tag findet in katholischen Kirchen keine Messe statt, es wird nur ein einfacher Wortgottesdienst gehalten. In Österreich hat sich das Brauchtum des Heiligen Grabes etabliert. Dabei wird „der tote Jesus“ im Anschluss an die Karfreitagsliturgie in einer feierlichen Prozession in sein Grab gelegt.

KARWOCHE

O Woche, Zeugin heiliger Beschwerde!
Du stimmst so ernst zu dieser Frühlingswonne,
Du breitest im verjüngten Strahl der Sonne
Des Kreuzes Schatten auf die lichte Erde,

Und senkest schweigend deine Flöre nieder;
Der Frühling darf indessen immer keimen,
Das Veilchen duftet unter Blütenbäumen
Und alle Vöglein singen Jubellieder.

O schweigt, ihr Vöglein auf den grünen Auen!
Es hallen rings die dumpfen Glockenklänge,
Die Engel singen leise Grabgesänge;
O still, ihr Vöglein hoch im Himmelblauen!

Ihr Veilchen, kränzt heut keine Lockenhaare!
Euch pflückt mein frommes Kind zum dunkeln Strauße,
Ihr wandert mit zum Muttergotteshause,
Da sollt ihr welken auf des Herrn Altare.

Ach dort, von Trauermelodieen trunken,
Und süß betäubt von schweren Weihrauchdüften,
Sucht sie den Bräutigam in Todesgrüften,
Und Lieb‘ und Frühling, alles ist versunken!

Eduard Mörike

François Rabelais: Gargantua und Pantagruel

Als Sohn eines wohlhabenden Advokaten, der mehrere Güter und Weinberge besaß, ward François Rabelais in dem Städtchen Chinon (oder dem nahegelegenen Weiler La Devinière) um 1495 geboren. Er besuchte Klosterschulen, ward Franziskaner, empfing um 1520 die Priesterweihe und eignete sich ein reiches Wissen an. Aber seine Ordensbrüder sahen in seinem Studium des Griechischen eine Ketzerei, und mit einem abgründigen Hass gegen die Dummheit und Faulheit der Bettelmönche floh Rabelais vor ihren Belästigungen 1524 zu dem ihm befreundeten Bischof von Maillezais.

Mit Erlaubnis des Papstes trat er zu den dortigen Benediktinern über, studierte 1530 in Montpellier Medizin, war 1532 bis 1534 Hospitalarzt in Lyon, begleitete in den folgenden Jahren den Kardinal Du Bellay mehrmals nach Rom und praktizierte in den verschiedensten Städten Südfrankreichs. In der Furcht vor religiösen Verfolgungen entwich er 1546 nach Metz, wurde dort Stadtarzt, war 1547 wieder im Gefolge des Kardinals Du Bellay in Rom und kehrte 1550 nach Frankreich zurück, wo er die Pfarrei von Meudon erhielt. Auch sie gab er bald auf. Er starb am 9. April 1553 zu Paris. Seinem Gönner hätte er, wie man erzählt, durch einen Pagen bestellen lassen, er ginge ein großes Vielleicht aufsuchen („Je m’en vais chercher un grand Peut-Etre“). Der Dichter de Bais hat die nachfolgende Grabschrift auf ihn gedichtet:

O Pluto, Fürst der schwarzen Rachen,
Wo niemand lacht in deiner Näh‘,
Empfange heut‘ den Rabelais
Und all die Deinen werden lachen.

François Rabelais

Zuerst, 1532, erschien der Roman „Pantagruel“, zwei Jahre darauf ward „Das unschätzbare Leben des großen Gargantua, des Vaters des Pantagruel“ veröffentlicht. Es trat, wie schon der Titel verrät, als erster Teil, als Vorgeschichte vor den „Pantagruel“. Im Laufe der Zeit wurde das ganze Werk noch durch drei weitere Bücher vervollständigt, die Rabelais mit seinem Namen zeichnete, während er vorher mit anagrammatischer Spielerei einen Maitre Alcofrybas Rasier als Verfasser angegeben hatte. Aus der Andeutung des Inhalts wird hervorgehen, wie willkürlich und unmethodisch der Gargantua und Pantagruel angelegt und durchgeführt sind, aber auch, wie üppig sie im eigenen Fett schwimmen und welch eine unausschöpfbare Fülle an lachender Weisheit, launiger Phantasie, an Wissen und Weltklugheit sie enthalten.

Es ist die groteske Geschichte einer Riesendynastie, die Rabelais erzählt. Gargantua (vom altfranzösischen gargante, Gurgel), im keltischen Volksmärchen ein unersättlicher Fresser und Säufer, wird hier als Sohn des Grandgoschier während eines Zechgelages geboren, brüllt gleich bei seinem Eintritt in die Welt, dass er zu trinken haben wolle, und wird von 17913 Kühen gesäugt, sintemal keine Amme den Nahrungsbedarf des Helden stillen kann. Er hat auch schon von früh an „ein durchschlägig Gesäß“. Die natürlichen Verrichtungen, die Akte der Verdauungstätigkeit spielen bei Rabelais überhaupt eine hervorragende Rolle und werden ebenso häufig wie gründlich herangezogen. Der Humor der Zeit arbeitete eben mit solchen höchst drastischen Mitteln. Nur in dieser Beziehung ist auch Rabelais als echter Renaissancesohn von einer geradezu strotzenden Unanständigkeit, einer „Naturderbheit“, die kaum übertroffen werden kann. Dafür fehlt jede Lüsternheit bei ihm; Frauen spielen in seinem Werk so gut wie gar keine Rolle. Der heranwachsende Gargantua wird von einem „großen sophistischen Doktor, namens Meister Thubal Holofernes“ und einem „anderen alten Huster, namens Meister Hiob Zäumlein“ viele Jahre erzogen und unterrichtet, bis der Vater merkt, dass sein Sohn „davon ganz töricht, dämisch, faslich und blöd im Kopf“ wird, weil seiner alten Lehrmeister „Wissen eitel Viehzeugs und ihre Weisheit nichts als leeres Stroh wär‘, welches die guten edlen Geister verbastardisiert‘ und alle Blüt‘ der Jugend erstickt‘.“ Hier fühlt man den Hass der Erzählers gegen die alte scholastische Erziehungsweise, unter der er selber gelitten hat. Gargantua wird nun den Händen eines anderen „modernen“ Lehrers überantwortet, mit dem er nach Paris zieht. In schönen Kapiteln schildert Rabelais da die neuen pädagogischen Ideale.

Nicht nur der Geist, sondern auch der lange vernachlässigte Körper wird gestählt und geübt, alles wird darauf abgelegt, den Zögling für das Leben kräftig und tauglich zu machen. Die burlesken Späße fehlen zwischen dem Ernst nicht: so langt sich Gargantua die Glocken von Notre Dame als Schellen für seine ungeheure Mähre. Mittlerweile bricht in seiner Heimat ein Krieg aus; Vater Grandgoschier ruft den Sohn heim; der reißt sich einen gewaltigen Baum als Spieß aus der Erde und zerstört damit ein feindliches Schloss, wobei er die ihn treffenden und umsausenden Kanonen- und Büchsenkugeln für Traubenkerne und Fliegen hält.

Eine ungeheure Menge der Feinde ersäuft in der „Harnflut“ seiner Mähre; Gargantua selbst hat durch solche natürliche Verrichtung 260418 neugierige Pariser einmal elend ertrinken lassen „ohne die Weiber und Kinder“. Man erinnere sich an Swifts Gulliver, der einen Brand bei den Liliputanern auf eine ähnliche leichte und natürliche Weise löscht. Nach seinem Siege strählt sich der Held mit einem hundert Stab langen Kamm aus Elefantenzähnen das Haar, aus dem die darin stecken gebliebenen Geschützkugeln fallen. Dann isst er in einem Salat aus Versehen sechs Pilger, die sich während der Schlacht darin versteckt hatten, aber noch glücklich in hohlen Zähnen Asyl finden. Und schließlich traktiert er herrlich den Mönche Bruder Jean des Entommeures (Johann von Klopfleisch), der sich im Kampf gegen die Feinde ausgezeichnet hat. Der Mönch, sagt Rabelais, ist sonst in aller Welt verabscheut; er gleicht dem Affen, der nicht „das Haus hütet wie der Hund, nicht am Pflug zeucht wie der Ochs, nicht Woll‘ und Milch bringt wie das Schaf, nicht Lasten trägt wie das Pferd, sondern dessen ganzes Tun nur ist, alles zu beschmutzen und zu verderben.“ Aber der wackere Jean ist ein anderer Kerl und darf sich zur Belohnung im Land Thelem (= freier Wille) eine Abtei stiften, die das Widerspiel aller anderen ist, die „nur schöne, wohlgestalte Männer und Frauen“ aufnimmt, und zwar immer paarweise, die alle Ordensregeln aufhebt und nur eine einzige anerkennt: „Tu, was du willst!“ Denn jeder Zwang erweckt sklavische Begierden, das Gelüst nach dem Verbotenen; aber die freien, in guter Gemeinschaft lebenden Menschen haben „schon von Natur einen Sporn und Anreiz, der sie beständig zum Rechttun treibt“. Dem mönchisch-mittelalterlichen Gehorsamkeitsideal wird hier also in schärfster Weise das freie Selbstbestimmungsrecht des Menschen entgegengesetzt.

Im „Pantagruel“, dessen erstes Buch dem „Gargantua“ ja vorausging, wird uns ganz ähnliche Kost geboten. Wir erleben Geburt und Jugendtaten des Helden, sehen auch ihn, wie seinen Vater, nach Paris ziehen, hören in einem Brief Gargantuas von dem Unterschied der Zeit und der Erziehung und wundern uns nicht, wenn auch Pantagruel schließlich eines Krieges wegen in die Heimat zurückbeordert wird und wenn er allerlei Kämpfe und Abenteuer da besteht. Vorher entscheidet er einen schwierigen Rechtsstreit – hier fallen prächtige Hiebe gegen den üblichen Gerichtsbetrieb und seine Akten, Repliken, Dupliken, Appellationen und das damit verknüpfte ähnliche „Teufelszeug“ – und findet vor allem in dem 35jährien Panurg einen Begleiter, der eine ähnlich große Rolle spielt, wie der Mönch Jean im Gargantua. Panurg kennt an 63 verschiedene Mittel, sich Geld zu machen, „davon das gewöhnlichste und ehrlichste noch der Weg des heimlichen Mausens war.“ Er ist „ein Taugenichts, Gauner, Saufaus wie keiner mehr; im übrigen der bravste Knab‘ auf Gottes Erden.“ Im zweiten Buch des Pantagruel, im dritten des ganzen Werkes, hält er seine berühmte Lobrede auf die Schuldner und Gläubiger, und alles Folgende dreht sich darum, ob er heiraten soll oder nicht. Er fragt einen Theologen, einen Mediziner und einen Philosophen danach, aber da ihm bei seiner Furcht, Hahnrei zu werden, die Antworten nicht genügen, so tritt er die Seefahrt zum „Orakel der göttlichen Flasche“ an. Die abenteuerlichen Reisebeschreibungen werden dabei verspottet, die verschiedensten Länder und Inseln (Plattnasien, Schikanenland, Läut-Eiland) werden angefahren, die Heimat der Papsthasser wird ebenso berührt wie die der Papstsüchtigen, der Papimanen, und wenn die Satire hier etwas bitter und scharf wird, so wird sie bei den „Philosophen“, die Ziegenböcke melken und den Wind in Netze fangen, wieder lustig. Zuletzt kommt Panurg mit seiner Gesellschaft zum Bouteillentempel, zur göttlichen Flasche, hört aber nur das Wort „Trink!“, so dass die Frage, ob er heiraten soll oder nicht, unentschieden bleibt.

Aus: „Geschichte der Weltliteratur“ von Carl Busse

Riese Pantagruel samt Panurg & Freunden
Der Riese Pantagruel mit Panurg und seinen Freunde
Illustration von Gustave Doré

Hier ein Auszug aus dem Buch Gargantua und Pantagruel:

Drittes Buch – Des Pantagruel zweites – Achtes Kapitel:
Welchermaßen der Hosenlatz bei Kriegern das erste und hauptsächliche Waffenstück ist

„Was?“, sagte Pantagruel, „du behauptest, der Hosenlatz wäre das erste und hauptsächliche Waffenstück? Das ist ja etwas ganz Neues und Paradoxes. Bis jetzt hab’ ich immer geglaubt, die Bewaffnung finge mit den Sporen an.“ – „Ja, ich behaupte das“, sagte Panurg, „und nicht mit Unrecht. Seht nur, wie die Natur, die doch die Bäume, Sträucher, Kräuter und Zoophyten [Pflanzentiere], die sie erschaffen hat, auch erhalten will, so daß die Gattungen bleiben, wennschon die Individuen vergehen – seht nur, sage ich, wie die Natur die Keime und den Samen dieser Gewächse, auf denen ihre Erhaltung beruht, ganz besonders sorgfältig bewaffnet. Sehr zweckmäßig versieht und schützt sie sie mit Hülsen, Schoten, Schalen, Rinden, Kapseln, Wolle, Dornen oder Stacheln, die ihnen sozusagen als schöne, starke natürliche Hosenlätze dienen müssen. Am deutlichsten kann man dies an den Bohnen, Fasolen [Bohnengewächs], Erbsen, Nüssen und Pfirsichen, an der Baumwollpflanze, den Koloquinten [Kürbisgewächs], dem Getreide, dem Mohn, den Zitronen, Kastanien und an dergleichen Pflanzen mehr beobachten, wo der Same augenscheinlich weit sorgfältiger bedeckt, verwahrt und geschützt ist als irgendein anderer Teil.

Solche Vorsicht hat die Natur in betreff der Erhaltung des Menschengeschlechts nicht walten lassen; so schuf sie den Menschen im Stande der Unschuld und im Goldenen Zeitalter nackt, zart, gebrechlich, ohne Schutz- und Angriffswaffen, als ein belebtes Wesen, nicht als Pflanze, als ein Wesen, sozusagen für den Frieden, nicht für den Krieg bestimmt, wohlgeeignet, alle Früchte und Pflanzen zu genießen und friedliche Herrschaft über die Tiere auszuüben. Als aber später, im Ehernen [zu: Erz, Bronze] Zeitalter und unter der Herrschaft Jupiters, die Bösartigkeit der Menschen wuchs, fing auch die Erde an, Nesseln, Disteln, Dornen und andere sich gegen den Menschen auflehnende Gewächse hervorzubringen, während fast alle Tiere, einem beklagenswerten Trieb folgend, sich seiner Herrschaft entzogen und stillschweigend untereinander verschworen, ihm nicht länger zu dienen und gehorsam zu sein, sondern ihm nach Kräften zu widerstreben und ihm zu schaden. Der Mensch aber, der sein altes Genußrecht und sein Regiment aufrechterhalten wollte, auch der Dienstbarkeit vieler Tiere nicht entbehren konnte, war in die Notwenigkeit versetzt, sich nach neuen Waffen umzusehen.“ – „Bei der Gans vom heiligen Schnabel!“ rief Pantagruel aus, „du bist ja seit dem letzten Regen ein gewaltiger Vielsauf, will sagen Philosoph geworden.“ – „Nun seht“, fuhr Panurg fort, „wohin der natürliche Trieb ihn leitete und welchen Teil seines Körpers er zuerst bewaffnete: keinen andern, helf’ mir Gott, als das Gemächt.

Und Priapus [kleinasiat. Fruchtbarkeitsgott, dargestellt mit übergroßem Phallus], der Edle Mann,
hört auf, wenn er nicht länger kann.

Dies bezeugt der hebräische Heerführer und Philosoph Moses, wenn er uns erzählt, daß der Mensch sich mit einem zierlichen, soliden Latz versehen habe, den er auf äußerst sinnreiche Weise aus Feigenblättern anfertigte, die ihrer Dauerhaftigkeit, Faltung, Krausung, Glätte, Größe, Farbe, ihres Aromas und anderer tugendhafter Eigenschaften wegen besonders dazu geeignet schienen, das Gemächt zu schützen und zu bedecken. Eine Ausnahme bilden nur die schrecklichen lothringischen Schwänze, die nun einmal mit Verachtung jeden Hosenlatzes in ihrer Unförmigkeit dem Hosenboden zuzustürzen pflegen [„Ausgenommen natürlich sind die erschröcklichen Lothringer Säckel, die sich nicht aufzäumen lassen, tief ins Hosendach hinabhängen, in Alltägslätzen nicht zu verschlupfen vermögen und in keinem Schubfach unterzubringen sind“ usw. – aus Übersetzung von Engelbert Hegaur und Dr. Owlglass – München 1905], wie ich denn einst zu Nancy an einem ersten Maientag den edlen Viardière [wahrscheinlich Phantasiegestalt], diesen galanten Mann, darüber betraf, daß er, um sich recht schmuck zu machen, sein Gemächt auf einem Tisch putzte, wo es wie ein spanischer Mantel weit ausgebreitet lag.

Wer also sprechen will, wie sich’s schickt, muß zum Waffenknecht, der in den Krieg zieht, nicht sagen: ‚Nimm deinen Weinpott, das heißt deinen Gehirnkasten, in acht’, sondern: ‚Nimm deinen Milchpott in acht’; das aber, zum Henker, ist das Gemächt. Mit dem Kopf geht nur das Individuum zum Teufel, mit dem Gemächt dagegen das ganze Menschengeschlecht. Deshalb meint auch der brave Galen [129- um 200, griech. Arzt in Rom] lib. I de spermate [„Über den Samen“ 1, 15], es würde immer noch besser sein, kein Herz als keine Zeugungsglieder zu haben; denn in ihnen ruht wie in einem Heiligenschrein der verjüngende Keim der Menschheit. Und für weniger als hundert Franken bekenn ich mich, wenn man will, zu der Absicht, daß wir in ihnen die eigentlichen Steine zu suchen haben, aus denen Deukalion [sagenhafter Stammvater der Griechen, der sich als einziger mit seiner Frau Pyrrha in einem hölzernen Kasten aus der von Zeus aus Zorn über die unbotmäßigen Sterblichen entfesselten Sintflut retten konnte; aus Steinen, die er und Pyyrrha hinter sich warfen, entstand das neue Menschengeschlecht] und Pyrrha das Menschengeschlecht neu erstehen ließen, als es in der durch Dichtermund bezeugten Sündflut zugrunde gegangen war. Ja, sagt nicht auch der gelehrte Justinian [oström. Kaiser 527-565] lib. IV de mucceribus tollendis: Summum bonum in hosis et latsibus [„Über die Ausrottung der Mucker“: Das höchste Gut lieg in Hosen und Lätzen (makkaronisches Latein)]. Aus diesen und anderen Gründen ist es nur zu verständlich, daß die Frau des Herrn von Merville [(die) mehr will (von ihrem Mann)] bedenklich dreinschaute, als ihr Eheherr, der mit seinem König in den Krieg ziehen sollte, die neue Rüstung anprobierte – die alte, halb verrostete wollte nämlich seinen Bauch nicht mehr fassen -; sah sie doch, dass für Ehestab und Ränzlein, die auch ihr mit gehörten, gar zuwenig Sorge getragen war und daß nur ein Ringpanzerchen sie schützte. Also ermahnte sie den Gemahl, beides besser zu wappnen und lieber den großen Turnierhelm davorzuhängen, der gang unnütz in einem Zimmer läge. Darauf beziehen sich folgende Verse im dritten Buch der ‚Jungfernsperenzchen’:

Die ihren Gatten fertig und bereit
Zum Kampf gewaffnet sieht bis auf den Latz,
spricht so zu ihm: ‚Verwahr doch, lieber Schatz,
ein bißchen besser jene Kleinigkeit!’ –
War etwas schlecht der Rat? Du liebe Zeit!
Mich dünkt er gut; denn wie wär sie betrübt,
er käme zwar lebendig aus dem Streit,
doch ohne das, was sie am meisten liebt.

Wundert Euch also nicht über meine neue Art, mich zu kleiden.“

Aus dem Französischen und herausgegeben von Horst und Edith Heintze auf der Grundlage der deutschen Fassung von Ferdinand Adolf (Adolph) Gelbcke (19. Jh., bekannt auch als Übersetzer der Sonette von Shakespeare, 1867). Erläutert von Horst Heintze und Rolf Müller. Mit Illustrationen von Gustave Doré. Die bisher wohl älteste Übersetzung stammt von Johann Fischart aus dem Jahre 1575 und wurde 1785 von Dr. Eckstein umgearbeitet. Daneben gibt es die bereits erwähnte Übersetzung von Engelbert Hegaur und Dr. Owlglass – München 1905.

Der gesamte Text ist online beim Projekt Gutenberg nachzulesen (in einer weiteren Übersetzung von Johann Gottlob Regis: Meister Franz Rabelais … Gargantua und Pantagruel. Aus dem Französischen verdeutscht, mit Einleitung und Anmerkungen, den Varianten des 2. Buches von 1533, auch einem noch unbekannten Gargantua herausgegeben durch Gottlob Regis. Leipzig: Barth 1832)

siehe auch meine Beiträge:
Phantasie ohne Grenzen
Gentle Giant: The Advent of Panurge

60 Jahre Comics made in Germany

Es ist lange her. Es war wohl Anfang der 60-er Jahre, ich war keine 10 Jahre alt, da lebte ich mit Eltern und Geschwistern im Stadtteil Gröpelingen von Bremen. Ich ging im Halmerweg zur Grundschule, der damals ersten 5-Tage-Woche-Schule in Bremen. Überhaupt wurde an der Schule reichlich experimentiert. Die Ergebnisse waren wohl positiv, wenn es auch noch Jahre dauern sollte, bis sich die 5-Tage-Woche auch an den anderen Schulen durchsetzte. Immerhin musste ich in späteren Jahren auch noch am Samstag wieder die Schulbank drücken.

Dort in Gröpelingen in der Straße namens Schwarzer Weg, Ecke Gröpelinger Heerstraße, gab es einen Schreibwaren- und Zeitschriftenladen, den ich ab und zu besuchte. Denn hier kaufte ich mir vor etwa 45 Jahren meine Comics zum Lesen.


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Ich erinnere mich an Heftchen von Fix und Foxi, Lupo und für 20 Pfennige die Abenteuer von Falk, dem Ritter, Tibor, Sohn des Dschungels, und Nick, dem Weltraumfahrer. In dem Laden konnte man auch Hefte tauschen. Für zwei Hefte bekam man ein neues.

Die genannten Comicfiguren sind made in Germany. Nichts mit Micky Maus, Donald Duck und Goofy. Leider müssen all meine Hefte bei einen der weiteren zahlreichen Umzüge in meinem Leben abhanden gekommen sein (1965 zogen wir in die Neustadt von Bremen). Aus heutiger Sicht habe ich da sicherlich unbezahlbare Schätze weggeworfen. Wer weiß …

Fix und Foxi

Lupo

Fix und Foxi

Lupo

Falk, der Ritter

Falk, der Ritter

Nun in diesem Jahr jährt sich das Aufkommen der ersten Comics in Deutschland zum 60. Mal. Und das ist natürlich Anlass zu einer Ausstellung: Comics made in Germany – 60 Jahre Comics aus Deutschland, die in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt, Adickesallee 1 vom 24. Januar bis 24. Mai 2008 stattfindet (Eröffnung am 23. Januar um 18 Uhr).

Öffnungszeiten: Montag bis Donnerstag von 10 bis 20 Uhr, Freitag von 10 bis 18 Uhr, Samstag von 10 bis 17 Uhr, an Sonn- und Feiertagen geschlossen

Bücher und eBooks – kostenlos

Wer Texte alter (und auch neuerer) Klassiker auf die Schnelle braucht und sich den Weg zur nächsten Bibliothek ersparen möchte, dem tut sich hier eine riesige Quelle an reinen Texten (teilweise auch als Audio-Dateien, so genannte Hörbücher oder neudeutsch: eBooks) auf. Sei es etwas von Goethe, z.B. Faust (deutsch und englisch), oder Kants Kritik der reinen Vernunft (ebenfalls in Deutsch oder Englisch). Vielleicht wolltest Du längst einmal Dantes Göttliche Komödie lesen. Das Project Gutenberg macht es möglich. Hier allein die Texte in deutscher Sprache.

Project Gutenberg

Da kann man nur viel Spaß beim Lesen (und/oder Hören) wünschen!

Siehe auch meinen Beitrag: Hörbücher kostenlos
weiteres Material: Projekt Gutenberg bei spiegel.de

100. Todestag von Wilhelm Busch

Mein Vater hatte einen Projektor, mit dem ähnlich einem Dia-Vorführgerät transparente Bilder auf eine Leinwand geworfen werden konnten. Allerdings waren die Einzelbilder auf einer Filmrolle, die dann Bild für Bild vorgespult wurde.

Es war Ende der 50-er bzw. Anfang der 60-er Jahre, da führte mein Vater für die Kinder der Nachbarschaft, und natürlich auch für seine eigenen, die Werke von Wilhelm Busch mit diesem Projektor vor. Während die Bilder an die Leinwand geworfen wurden, verlas er dazu die entsprechenden Reime. Ich erinnere mich an die Geschichten von Fipps, dem Affen, und Hans Huckebein, dem Unglücksraben – natürlich auch an die Streiche von Max und Moritz.

Max und Moritz
Ach, was muß man oft von bösen
Kindern hören oder lesen!!
Wie zum Beispiel hier von diesen,
Welche Max und Moritz hießen …

Heute vor 100 Jahren starb Wilhelm Busch, dem mit seiner virtuosen Kombination von Wort und Bild gleichsam ein Vorgriff auf Comic und Zeichentrickfilm gelang. Auch mit sprachlicher Lautmalerei (z. B. „Rickeracke! Rickeracke! Geht die Mühle mit Geknacke“ – Max und Moritz -; „Da geht es klirr! und klipp! und klapp!! Und auch der Onkel kriegt was ab“ – Die fromme Helene -) erweist sich Buschs Werk als wegbereitend.

Wilhelm Busch

Wer nicht gerade ein Buch von Wilhelm Busch zur Hand hat, der darf sich auf dieser Website wilhelm-busch-seiten.de an den Werken erfreuen.

siehe auch zdf.de: Der Comic-Pate

Gilgamesch von Uruk

Das Zweistromland zwischen Tigris und Euphrat, uns als Mesopotamien bekannt, gilt als die Wiege der menschlichen Zivilisation. Bereits 4000 v. Chr., also vor 6000 Jahren, entstanden hier Stadtstaaten wie Kisch, Akkad, Lagasch, Ur (Geburtstadt von Abraham) und Uruk, später Babylon, die uns u.a. aus der Bibel überliefert ist.
Uruk ist Schauplatz eines der ältesten Erzählungen der Menschheit, das Epos von Gilgamesch, dem Herrscher der Stadt. Die Geschichte ist auf elf Tontafeln niedergeschrieben, die in Keilschrift verfasst und erst 1872 entziffert wurde.

1. Tontafel vom Gilgamesch-Epos

Bemerkenswert ist dabei die Geschichte von Uta-napischti, die bis ins kleinste Detail der Geschichte von Noah und der Sintflut entspricht. Uta-napischti ist der Weise, zu dem sich Gilgamesch aufmacht, um die Unsterblichkeit zu erlangen.

Das ZDF sendet heute ab 19 Uhr 45 innerhalb der Dokumentationsreihe „Terra X“ über Gilgamesch und seiner Zeit. Weitere ausführliche Information über das Gilgamesch-Epos findet sich auf der ZDF Expediton Site. Nachzulesen ist die Geschichte unter lyric.ch.

Mesopotamien entspricht dem heutigen Irak. Raubgräber sind dabei, das kulturelle Erbe der Menschheit für immer zu zerstören. Die archäologischen Stätten werden von diesen regelrecht umgepflügt, denn der illegale Antikenhandel ist ein Milliardengeschäft. Und Deutschland spielt dabei eine Schlüsselrolle. So tauchen geplünderte Stücke bei eBay auf oder werden über Auktionshäuser veräußert. Aber Straftaten dieser Art werden nicht (wie z.B. beim Urheberrecht) hinreichend verfolgt. Zudem sorgt eine finanzstarke Lobby auch mit juristischen Mitteln dafür, dass der illegale Antikenhandel nicht ins Stocken gerät.

Siehe zdf.de: Raubgräber im Irak zerstören kulturelles Erbe der Menschheit

siehe auch meinen Beitrag: Das älteste Lied der Welt

Phantasie ohne Grenzen

„Fantasy“ gibt es nicht erst in der neueren Literatur oder als kinematische Errungenschaft. Schon in früheren Jahrhunderten gab es Schriftsteller, die ihre eigenen Welten erschufen mit Monstren, Riesen oder Zwergen, also all den Zutaten, wie wir sie heute als „Fantasy“-Erzeugnisse finden.

Hier nur eine kleine, aber feine Auswahl und jeweils als Insel Taschenbuch in schmucker Ausführung (d.h. mit vielen sehr schönen Illustrationen) zu moderaten Preisen erhältlich. Ich erwähne diese Bücher, weil ich sie selbst mit Lust und viel Spaß und Freude gelesen habe:

François Rabelais (1493 oder doch schon 1483 bis 1553): Gargantua und Pantagruel

Gargantua und Pantagruel erstreckt sich über zwei Bände und weit über 800 Seiten.

Freund, der du dies Buch durchblätterst,
Laß dich nicht in Harnisch bringen,
Daß du mir nicht tobst und wetterst,
Denn du find’st von schlechten Dingen
Nichts drin. Ob arg viel Gutes?
Weiß ich nicht, ’s wär‘ denn das Lachen!
Und ich will euch lachen machen.
In der Dumpfheit eures Blutes
Kann euch ja kein Scherz gelingen!
Eure Tränen steh’n euch schlecht:
Lachen! das ist Menschenrecht!

Hermann Hesse schrieb über das Werk: „Mag sein Loblied auf das Leben noch so maßlos, sein Humor noch so derb, seine Freude am Saftigen und Quellenden noch so trunken sein, er ist dennoch heute noch wunderbar lebendig, und ein Kapitel aus dem Gargantua mag einem heutigen Leser recht wohl als Katerfrühstück nach der Lektüre problematischer Tagesliteratur dienen“.

Miguel de Cervantes (1547 – 1616): Don Quixote

Der scharfsinnige Ritter Don Quixote von der Mancha dürfte vielen bekannt sein. Als Insel Taschenbuch kommt das gesamte Werk auf drei Bände und über 1300 Seiten. Auch hierzu äußerte sich Hermann Hesse: „… eines der grandiosesten und zugleich entzückendsten Bücher aller Zeiten, die Geschichte des irrenden Ritters und seiner Kämpfe mit eingebildeten Bösewichtern und seinen fetten Knappen Sancho, zweier unsterblicher Figuren“.

Jonathan Swift (1667 – 1745): Gullivers Reisen

Gullivers Reisen finden wir meist in einer Jugend-Ausgabe vor, obwohl das gesamte Werk (diesmal nur in einem Band, aber auch mit immerhin knapp 500 Seiten) eine kritische Auseinandersetzung mit seinen Zeitgenossen darstellt und von daher schon nicht immer jugendfrei ist.

François Rabelais

Miguel de Cervantes

Jonathan Swift

François Rabelais

Miguel de Cervantes

Jonathan Swift

Alle drei Werke sind, wie bereits erwähnt, mit großartigen Illustrationen versehen. Bei Rabelais und Cervantes stammen diese von Gustave Doré. Für Swifts Gulliver zeichnete Grandville. Ich wünsche großes Lesevergnügen!

Gabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes

Die frühen Erzählungen von Gabriel García Márquez, zwischen 1947 und 1955 verfasst, jugendlich-schwermütige Texte, sind in einer phantastischen Wirklichkeit angesiedelt und führen thematisch zum Macondo-Mythos hin. Schlaflosigkeit, irrationale Ängste und Alpträume peinigen die Personen der Geschichten. Einsamkeit und Tod sind allgegenwärtig. Da wächst ein Kind 18 Jahre lang in seinem Sarg und führt das Dasein eines Toten, ein Junge legt Rosen auf sein eigenes Grab, eine Frau überlegt, in wessen Leib sie weiterleben könnte.

Die literarischen Anfänge von García Márquez sind beherrscht von fernliegenden Einflüssen, von intellektuellen Kunstgriffen, von schwieriger Selbstbetrachtung. Lesefrüchte (Faulkner, Virginia Woolf, Kafka) verdrängen Bezüge der Familien- und Landesgeschichte, fremde Kulturwerte ersetzen den Genius loci, die Erforschung persönlicher Erfahrungen. Offenbar glaubte der beginnende Schriftsteller, nur das Ausgefallene, die erstaunliche Erfindung sei originell, keinesfalls das erlebte, gesehene, gehörte Ereignis. Seine Personen sind Fremdlinge in der eigenen Umwelt. Die Titel seiner Stücke klingen rätselhaft, gesucht – vielleicht um zu verblüffen, zu befremden. Die Themen sind Tod, Tod im Leben, Leben im Tod, Traum im Leben, Leben im Traum, Traum im Traum. Sie spielen außerhalb von Raum und Zeit, eine konkrete Umwelt lässt sich schwerlich erkennen. Der Autor scheint Zeitlosigkeit anzustreben; und die erinnert an ein keimfreies Wortlaboratorium; an die dünne Luft des L’art pour l’art.

(Aus dem Nachwort von Carl Meyer-Clason, dem Übersetzer)

Gabriel Garcia Marquez

Wie gut, dass García Márquez zu den wunderbaren Geschichten der berühmten Großmutter, auf die der Autor sich später als Arsenal seiner Protagonisten berufen wird, gefunden hat. So wurden Meisterwerke wie „Hundert Jahre Einsamkeit“ erst möglich.

Er lag in seinem Sarg, bereit, beerdigt zu werden, und wusste trotzdem, dass er nicht tot war. Hätte ersich aufrichten wollen, er hätte es mit aller Leichtigkeit zu tun vermocht. Zumindest „geistig“. Doch es lohnte nicht der Mühe. Es war besser, sich hier sterben zu lassen; am „Tode“ zu sterben, der seine Krankheit war.

aus: Die dritte Entsagung (La tercera resignación – 1947)

Sein Körper, im Wasser der Träume untergetaucht, konnte sich regen, konnte leben, sich in andere Existenzformen entwickeln, in denen seine wirkliche Welt für seine innere Notwendigkeit eine gleichwertige, wenn nicht höhere Emotionsdichte besitzen würde, mit denen die Notwendigkeit zu leben ohne Schaden für seine körperliche Unversehrtheit vollauf zufriedengestellt sein würde. Dann würde die Aufgabe, mit den Wesen, den Dingen zusammenzuleben, viel leichter sein, nebenbei noch in der gleichen Form wie in der wirklichen Welt.

aus: Zwiesprache mit dem Spiegel (Diálogo del espejo – 1949)

siehe auch meine Beiträge
Die Memoiren von Gabriel García Márquez
Die Memoiren von Gabriel García Márquez – Teil 2
Alterssex in der Literatur

Meine liebsten Bücher

Weihnachten steht vor der Türe. Das Fest der Liebe und … der Geschenke wohl auch. Das sollten nach meiner Meinung nicht nur Musik-CDs und Video-DVDs sein, ein gutes Buch ist auch nicht schlecht.

Ich bin zwar kein Literaturkritiker, noch weniger ein Wissenschaftler, der sich mit Literatur beschäftigt. Wenn ich mich hingesetzt habe, um die mir liebsten Bücher aufzulisten, so ist die Auswahl eine rein subjektive. Schon allein eine solche Liste zu erstellen bereitete mir einige Kopfschmerzen. Solche Listen bereiten immer Kopfschmerzen. So habe ich mir auch eine Top Ten erspart und auch eine entsprechende Reihenfolge. Was ich hier ausgelistet habe, ist allein vom Alphabet bestimmt (und natürlich von einer gewissen literarischen Qualität).

So komme ich auf 15 Bücher, die in irgendeiner Weise auch mein Leben beeinflusst haben. Von fast allen den Autoren habe ich weit mehr als nur ein Buch gelesen, sodass bereits die Wahl, welches ist denn das jeweils beste, schwer gefallen ist. Und ich weiß es: Es sind alles Männer. Die Liste ist in vielerlei Hinsicht auch nur repräsentativ zu sehen. Und vollständig ist sie sowieso nicht. Okay, eine Frau will ich nun doch nennen, nicht nur als Alibi (wirklich nicht) und weil sie in diesem Jahr den Litaraturnobelpreis erhalten hat:

Doris Lessing und ihr Roman: Das goldene Notizbuch, das ich auch gelesen habe.

WilliZ liebste Literaten

Viele der Autoren sind jeder Kritik erhaben. Sie zählen schlicht und einfach zur Weltliteratur. Aber bei einigen werden manche mit den Ohren schlackern (besser: mit den Augen blinzeln). Da wäre z.B. Bruce Chatwin, dessen Australien-Buch heftige Kritik einstreichen musste. Sicherlich zu recht, denn wenn es in seinem Buch zum großen Teil um die Kultur der Ureinwohner, den Aborigines, geht, so muss er diese auch zu Wort kommen lassen. Trotzdem habe ich mich für dieses Buch entschieden, weil es mich von seiner Thematik her interessierte. Ich habe es aufgelistet, weil ich es als einen Vertreter einer ganz bestimmten Art von Buch ansehe, der Ethnographie (beschreibende Völkerkunde). Auch Umberto Eco, so sehr mir sein Roman gefällt, kam in erster Linie als ein Vertreter einer ganzen Gattung auf diese Liste, einer romanhaften, also fiktiven Historiographie (und als Kriminalroman der besseren Art). Dann hätte ich die Erzählung von Hermann Hesse streichen können, denn auch hier geht es um das Mittelalter. Aber sein Werk hat einen ganz anderen Hintergrund: Es geht hier um zwei gegensätzliche Charaktere, die ich mit den Begriffen Sinn, also Vernunft, und Sinnlichkeit (Künstlertum) beschreiben möchte. Erich Fromms Kunst des Liebens ist für mich ein grundsätzliches Buch.

Mir ist auch bewusst, dass die Literatur Südamerikas mit gleich drei Vertretern (Borges, García Márquez und Vargas Llosa) ziemlich überpräsentiert ist. Aber ich habe mich eine längere Zeit sehr stark mit dieser Literatur beschäftigt. Und Borges sehe ich hier nicht als einen Vertreter Südamerikas, sondern eher als einen der phantastischen Belletristik. Da ich mich u.a. mit Zen-Buddhismus beschäftigt habe, sind mir auch Werke aus Asien bekannt. Und Afrikas Literatur (schwarz wie weiß) kenne ich auch zum Teil. Den Schwerpunkt bildet natürlich die europäische, speziell deutschsprachige Literatur.

Jorge Luis Borges Die Biliothek von Babel
Albert Camus Die Pest
Bruce Chatwin Traumpfade
Umberto Eco Der Name der Rose
Max Frisch Stiller
Erich Fromm Die Kunst des Liebens
Gabriel García Márquez Hundert Jahre Einsamkeit
Günter Grass Die Blechtrommel
Hermann Hesse Narziß und Goldmund
John Irving Garp – und wie er die Welt sah
Franz Kafka Der Prozess
Thomas Mann Der Zauberberg
Mario Vargas Llosa Das grüne Haus
Martin Walser Die Verteidigung der Kindheit
Robert Walser Der Gehülfe

Kleine Zeitgeschichte für Fortgeschrittene

Gerade zur beginnenden Weihnachtszeit sollte man derer gedenken, die nicht von den Segnungen von Demokratie, Wohlstand oder Frieden bedacht sind. Ich möchte hier drei Bücher vorstellen und anempflehlen, die bei zweitausendeins zu kaufen sind, die den Gabentisch vielleicht etwas schwer belasten, die aber eine Zeitgeschichte vermitteln, die wir nicht in den Tagesnachrichten verfolgen können.

Ich habe nichts gegen Israel. Israelis haben das gleiche Recht darauf, innerhalb eines eigenen Staates zu leben. Aber die Gründung des Staates Israel ist mit großem Unrecht belastet, das nicht verschwiegen werden darf, so wie das völkermordende Unrecht der Nazi-Diktatur niemals unter den Teppich gekehrt werden darf. Und auch das Elend chinesicher Bauern sollte nicht hinter leuchtenden Reklamen verschwinden. Vom Elend in Afrika ganz zu schweigen (oder eben nicht zu schweigen):

Die ethnische Säuberung Palästinas. Die Vertreibung von 800.000 Menschen vor, während und nach der Gründung Israels. Dokumentation von Ilan Pappe.

Zwei Monate vor dem Ende der britischen Verwaltung Palästinas im Auftrag der UN, am 10. März 1948, trifft sich im Roten Haus in Tel Aviv, dem Hauptquartier der Untergrundmiliz Hagana, eine Runde hochrangiger zionistischer Politiker. Eingeladen hat David Ben Gurion, später Ministerpräsident Israels. Mit dabei sind Politiker und Militärführer wie unter anderem Yigal Allon (später Außenminister), Moshe Dayan (später Verteidigungs- und Außenminister), Yigael Yadin (später stellvertretender Ministerpräsident), Yitzchak Rabin (später Ministerpräsident und Friedensnobelpreisträger).

Sie verabreden die Endfassung eines Masterplans zur Vertreibung der arabischen Bevölkerung: „Plan Dalet“ (Plan D). Das Land – nur zu elf Prozent im Besitz der jüdischen Einwanderer, die nicht einmal ein Drittel der Einwohner stellen – soll systematisch freigemacht werden für eine endgültige jüdische Besiedelung, und hierzu ist jedes Mittel recht.

Der israelische Historiker und Politikwissenschaftler Ilan Pappe ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Haifa und Leiter des dortigen Instituts für Konfliktforschung. Anhand von Augenzeugenberichten, Tagebuchauszügen und Dokumenten aus Militärarchiven, die bis vor kurzem unter Verschluss gehalten wurden, zeichnet er ein Bild der Ereignisse zwischen 1947 und 1948, das der offiziellen Geschichtsdarstellung und dem Gründungsmythos Israels in entscheidenden Punkten widerspricht. (Wegen des Drucks, dem er seit der Veröffentlichung seines Buchs ausgesetzt ist, verlegt er in diesem Jahr seinen Wohnsitz zumindest vorübergehend nach Großbritannien.)

Ilan Pappe „Die ethnische Säuberung Palästinas“. Deutsche Erstausgabe. Deutsch von Ulrike Bischoff. 19 Fotos. 416 Seiten. Fester Einband.

Der verbotene Millionenseller. Ausgezeichnet mit dem Lettre Ulysses Award, dem „Nobelpreis für Journalismus“.

Die chinesische Wirtschaft boomt mit zweistelligen Zuwachsraten. Für die Europäer ist die Volksrepublik ein riesiger Zukunftsmarkt. Doch abseits der neuen Megastädte leben über 60 Prozent der chinesischen Bevölkerung in bitterer Armut: 900 Millionen Bauern, Land- und Wanderarbeiter. Auf dem Land herrschen Despotie und Willkür. Die Bauern werden mit unsäglichen Steuern und Abgaben belegt – zugunsten der stürmischen industriellen Entwicklung und der Prosperität der Ostküstenmetropolen. China ist ökonomisch und kulturell tief zerrissen – so tief, dass selbst die Bewohner von Peking und Schanghai so gut wie nichts über die Lebensbedingungen der Bauern wissen.

„Über Monate haben sich die Reporter Chen Guidi und Wu Chuntao in den Dörfern der chinesischen Bauern aufgehalten, Minute für Minute, Dokument für Dokument rekonstruiert, mit radikaler Rechtschaffenheit dargelegt, was Korruption, mafiose Verstrickungen, Mord im großen Reich angerichtet haben, für dessen Befreiung von Willkür in der großen Revolution Millionen starben“ (Die Zeit).

Chen und Wus Reportage „Zur Lage der chinesischen Bauern“ wurde in China sofort nach Erscheinen zum Bestseller. Doch bereits bei den Vorbereitungen für eine zweite Auflage schritt die Zensurbehörde ein. Inzwischen kursiert ihr Buch millionenfach als Raubkopie. Jetzt gibt es exklusiv bei uns erstmals die deutsche Übersetzung aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann.

Chen Guidi/Wu Chuntao. „Zur Lage der chinesichen Bauern“. Mit zwei Karten. 600 Seiten.

„Ich weiß, dass es Gott gibt, denn ich habe dem Teufel die Hand geschüttelt.“

„Die akribische Beschreibung des vielleicht schlimmsten Verrats der Menschheitsgeschichte, ein Buch, das man lesen muss“ (Guardian): UNO-General Roméo Dallaire, Leiter UN-Friedensmission in Ruanda, kämpfte erst verzweifelt gegen den drohenden Genoid Als der schnellste Völkermord unserer Zeitgeschichte beginnt, hält er gegen den Nicht-Eingreifen-Befehl der UN-Zentrale mit seiner kleinen Truppe von 250 Ghanaern aus. Ihre Selbstlosigkeit und Tapferkeit konnten die furchtbaren Ereignisse jedoch nicht aufhalten. Der Westen schaute zu … „Nach meiner Rückkehr aus Ruanda fragte mich ein Armeegeistlicher, wie ich weiterhin an Gott glauben könne. Ich weiß, dass es einen Gott gibt, antwortete ich ihm, weil ich in Ruanda dem Teufel die Hand geschüttelt habe“ (Dallaire). „Wer einen Einblick gewinnen will, welche Mechanismen hinter den Kulissen der Vereinten Nationen ablaufen, muss dieses Buch lesen – und wundert sich beim Blick auf Krisenregionen wie Darfur im Sudan über nichts mehr“, resümierte der General-Anzeiger bereits vor zwei Jahren. Das Thema Darfur ist immer noch auf der UN-Tagesordnung …

Dallaire, Roméo: Handschlag mit dem Teufel – Aus dem Englischen von Andreas Simon dos Santos. 651 Seiten. Broschur.

Günter Grass wird 80

Nach den Aufregungen vor gut einem Jahr wegen der verspäteten Offenlegung seiner Mitgliedschaft zur Waffen-SS am Ende des 2. Weltkrieges (siehe meinen Beitrag: Das späte Geständnis des Günter Grass) sollten diese Tage Anlass zum Feiern sein: Günter Grass feiert heute seinen 80. Geburtstag.

Und so werde ich mir dieser Tage den kleinsten Teil der Danziger Trilogie zu Gemüte führen, die Novelle „Katz und Maus“, die ich gezwungenermaßen ein zweites Mal kaufen musste, nachdem ich das ausgeliehene erste Exemplar bis heute nicht zurück bekommen habe. Der neue Eigner soll sich schämen (oder besser noch: das kleine Büchlein lesen). Und eine DVD mit der Schlöndorff’schen Verfilmung von Grass‘ „Blechtrommel“ steht auch noch im Schrank …

Auch wenn ich mich wiederhole, aber ich habe Günter Grass’ schriftstellerisches Werk genossen, sei es die Blechtrommel, der Butt oder sein kleines Geschichtenbuch ‘Mein Jahrhundert’. Sein politisches Engagement in Sachen Aussöhnung mit dem Osten, sein unermütliches Mahnen, die Gräuel der Nazizeit nicht zu vergessen, haben ihn zu einer moralischen Instanz in Deutschland werden lassen, die besonders im Ausland für Aufmerksamkeit sorgte. Der Lohn war u.a. der Nobelpreis für Literatur.

Dass Günter Grass bis heute nicht unumstritten ist, wundert angesichts dieser Biografie keinen. Auch ich kann und konnte mich nicht immer für ihn begeistern. Und zuletzt konnte er mich auch schriftstellerisch nicht mehr überzeugen. Sein ‚barocker‘ Stil hat sich ziemlich aufgebraucht. Aber allein die Danziger Trilogie und auch „Der Butt“ sind Werke, die weit über die Grenzen Deutschlands die verdiente Anerkennung fanden. Weltliteratur eben.

Also auch von meiner Seite her: Alles Gute zum 80. und weiterhin gutes Gelingen!

siehe auch meinen weiteren Beitrag: Günter Grass’ “Beim Häuten der Zwiebel”

siehe auch zdf.de: Grass wird 80

siehe zdf.de: [Bilderserie] [Video: Günter Grass – Der Unbequeme] [Video: Danzig feiert Günter Grass]