Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Kurz, kürzer – Kürzestgeschichten

Deutsche Literatur vor 50 Jahren. Die noch heute bedeutendste deutsche Literaturzeitschrift Akzente ging gerade in ihr zweites Jahr. Für mich Anlass, einen weiteren Blick auf das damals Geschriebene zu werfen. Hier zwei als Kürzestgeschichten deklarierte Werke:

Heimito von Doderer: Das Frühstück

Heute morgens frühstückte ich im Bade, etwas zerstreut. Ich goß den Tee in das zum Zähneputzen bestimmte Gefäß, und warf zwei Stücke Zucker in die Badewanne, welche aber nicht genügten, ein so großes Quantum Wassers merklich zu versüßen.

Gisela Elsner: Herausragen

Triboll ragte aus der Straße heraus, er ragte schon länger heraus, plötzlich jedoch hatte das Ragen ein Ende. Ein Baum kam, und als Triboll daneben stand, mußte er zugeben, daß der Baum ragte und er nicht mehr. Weil er sich so sehr wünschte, wieder ragen zu können, nahm er eine Axt und machte aus dem Baum eine Leiche. Triboll war zwar jetzt ein Mörder, aber er konnte wieder ragen.

Da kam ein Haus, das ganz nahe an der Straße stand. Es war ein neues Haus, ein Haus mit weißen Wänden, einem spärlichen Eingang und einem sehr spärlichen Fenster. Im Fenster hing die Phantasielosigkeit und schrie, und eine hohe Mauer, betont konservativ, umgab das Bauwerk. Aber das Haus ragte, und es war schwerer, ein Haus als einen Baum zu ermorden. Triboll ließ es einfach unter sich. Er stieg über die konservative Gartenmauer und setzte sich, es hatte ihm viel Anstrengung gekostet, auf den Giebel des Hauses. Nun ragte er wieder, hatte eine weitaus bessere Sicht als jemals zuvor, und er sah, daß andere ebenso ragten wie er, doch er ragte mit Freuden in dieser Gesellschaft und lächelte herablassend, als er einen Jugendragenden auf der Straße stolz einherstelzen sah. Triboll war ein erwachsener Ragender geworden.

Gegen den Ungeist der Zeit

Wie schon angeführt, lese ich in den Heften der Literaturzeitschrift ‚Akzente‘ des Jahrgangs 1955, also denen vor 50 Jahren. Hier nun fand ich u.a. einen Artikel über Karl Kraus, dem Herausgeber und maßgeblichen Autor der Zeitschrift „Die Fackel“, die im Österreich und darüber hinaus bis in die 30-er Jahre des letzten Jahrhunderts Politik, Kultur und Journalismus aufmischte.

Karl Kraus "Die Fackel"
Karl Kraus "Die Fackel" 1899 – 1936

So schreibt der Autor, Helmut Uhlig, u.a.:

In Karl Kraus war nicht mehr und nicht weniger als der Geist der Sprache am Werk, um den Geist der Zeit, den Kraus als Ungeist entlarvte, zu bekämpfen.

Wenn die Vernunft als natürlicher Widersacher der zeitbeherrschenden Mächte dieser Epoche aufgefaßt werden kann, dann hatte sie in den ersten drei Jahrzehnten unseres Jahrhunderts ihre klarste und enschiedenste Repräsentanz in Karl Kraus.

Kraus‘ Zeitgegnerschaft … richtete sich gegen das Intrigenspiel in der Politik, gegen die Verlogenheit der Presse, gegen das Schablonenhafte der sogenannten öffentlichen Meinung.

Wer sehr wird ein solcher Vernunftsgeist in der heutigen Zeit vermisst. Denn am Zeitgeist hat sich nichts Wesentliches geändert. Dieser ist in seiner Ausdrucksweise nur subtiler, nicht mehr so grobschlächtig wie in der Zeit während und zwischen der beiden Weltkriege. Und er hat sich flächenddeckend auch über Gebiete wie Wissenschaft und Wirtschaft ausgebreitet. Damals wie heute handeln die Mächtigen im Namen aller und meinen nur ihren eigenen Vorteil.

Wenn man heute in den Heften der „Fackel“ blättert, so fällt einem nicht selten das Unverhältnismäßige von Thema und Umfang seiner Polemik auf. Und selbst der aktuelle Anlaß von damals scheint noch zu gering, um solchen Aufwand im Verstand des heutigen Betrachters zu rechtfertigen.

Gewiss ist das wahr. Aber zeigt sich der Ungeist nicht gerade in den kleinen Dingen? Muss nicht hier der Hebel angesetzt werden, um die Decke zu lüften, unter der es modert und nach Korruptheit stinkt? Selbst der kleinste Skandal, der aufgedeckt wird, beweist doch nur, wie es auch ums Ganze bestellt sein muss.

zu: Karl Kraus und die Sprache
Helmut Uhlig – Vom Pathos der Syntax (aus Akzente – Jg. 1955 Heft 6)

Alfred Lichtenstein: Die Dämmerung

Der November ist ein Monat der Hochnebel; Landschaften und Städte liegen grau in grau, meist windstill, unter einer dichten Dunstglocke. Ein Monat des leisen Horrors und des Todes, nicht allein wegen solcher Feiertage wie Allerheiligen, Totensonntag und Volkstrauertag. Für viele ist es eine Zeit der Depressionen.

Vor einigen Jahren gab es bei Zweitausendeins, einem Bestellbuchladen (und für vieles mehr), eine siebenbändige Dünndruckausgabe der ersten zwanzig Jahrgänge (mit 1954 beginnend, meinem Geburtsjahr) von Akzente – Zeitschrift für Literatur (damals noch Zeitschrift für Dichtung) – über 11.000 Seiten umfassend für einen Spottpreis. Die Zeitschrift Akzente ist wohl die bedeutendste Literaturzusammenfassung in deutscher Sprache. Alles was Rang und Namen in der deutschen Literatur hat und hatte (oder auch nicht), hat hier irgendwann einmal einen Beitrag veröffentlicht.

Erst in letzter Zeit bin dazu gekommen, die Bände von Anfang an zu lesen. Bisher hatte ich nur von Zeit zu Zeit darin geblättert. Für dieses Jahr habe ich mir den Jahrgang 1955 vorgenommen. Es ist schon interessant zu lesen, was und wer vor genau 50 Jahren literarisch im Rampenlicht stand. Hier finden sich z.B. schon Beiträge von Günter Grass und Martin Walser aber auch noch von Thomas Mann und Hermann Hesse, die damals noch lebten. Thomas Mann schrieb über Friedrich Schiller, denn auch 1955 war Schiller-Jahr.

Ziemlich am Schluss des Jahresbandes fand ich dann einen Essay über Alfred Lichtenstein und darin das unten aufgeführte Gedicht. Es beschreibt Bewegungen, die in knappen Stößen sich unvermittelt aneinanderstellen. Die peinliche Genauigkeit des Bildes, ironische Pedanterie in einem Vergleich verstärkt den Eindruck monotoner Schilderei, wie Herbert Heckmann, der Autor des Essays, schreibt.

    Alfred Lichtenstein

Die Dämmerung

Ein dicker Junge spielt mit einem Teich.
Der Wind hat sich in einem Baum gefangen.
Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich,
Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.

Auf langen Krücken schief herabgebückt
Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme.
Ein blonder Dichter wird vieleicht verrückt.
Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.

An einem Fenster klebt ein fetter Mann.
Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen.
Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an.
Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.

Herbert Heckmann in Akzente 1955, Heft 5 schreibt u.a. erläuternd weiter:

Die Wirklichkeit zeigt sich in den Scherben eines Augenblickes. Das Eindeutige verwirrt sich im Netz seiner Beziehungen. … Lichtenstein hat nicht die Absicht, eine real denkbare Landschaft zu geben: naturalistische Schilderei liegt ihm genau so fern wie eine symbolische Vertiefung.

November – Monat tagelanger Dämmerung, der Monotonie. Irgendwie finde ich das Gedicht sehr passend zu diesem Monat.

weitere Gedichte von Alfred Lichtenstein

Jan Costin Wagner: Eismond

Sanna ist tot. Und obwohl Kimmo Joentaa, ein Polizist bei der Mordkommission im finnischen Turkku, weiß, dass seine junge Frau an Krebs gestorben ist, kann er ihren Tod einfach nicht begreifen. Zudem geschehen unerklärliche Morde. Drei Menschen werden im Schlaf mit Kissen erstickt. Auf eigentümliche Weise fühlt sich der Polizist mit dem Täter verbunden. Er ahnt, dass sie beide der Wunsch, den Tod zu verstehen, eint. Und beide suchen nach einer zweiten Chance für ihr Leben, die ihnen keiner geben kann.

Das Buch von Jan Costin Wagner, das vielleicht ein Kriminalroman sein will, ist ein meisterhaftes Lied von Liebe und Tod – spannend wie wehmütig und oft sehr bedrückend. Selten hat sich ein junger Autor (Jahrgang 1972) so intensiv mit dem Tod auseinandergesetzt. Erzählt wird in dem Roman ‚Eismond‘ von dem Unerhörten des Todes in einer ruhigen, kargen, introspektiven Sprache.

WilliZ ‚Gedankensplitter‘ (1)

Ich mag gern Alliterationen. Darunter versteht man den gleichen Anlaut der betonten Stammsilben zweier oder mehrerer aufeinander folgender Wörter, so der Duden. Solche Wortfolgen kennen wir in der Form des Stabreims. Beliebt sind Alliterationen auch in der deutschen Umgangssprache: mit Kind und Kegel, bei Nacht und Nebel. Oder in der Werbung: Katzen würden Whiskas kaufen!

Daneben stellt der Aphorismus eine besondere literarische Form dar. Es sind zugespitzte Formulierung eines Gedankens, auch Gedankensplitter genannt (Wahlspruch, Losung, Devise, Aperçu, Bonmot usw.).

Ich habe mich immer für Literatur intererssiert und auch selbst jahrelang eine Art Skizzenbuch geführt (daher wohl auch meine ‚Anwandlung’, dieses Weblog zu führen). In einem dieser Hefte habe ich (neben viel ‚krausem Zeug‘) nun folgende Gedankensplitter gefunden: WilliZ Gedankensplitter aus dem Jahre 1981 (schon etwas älter) …

    WilliZ Gedanken-Welt

Eine Sprache finden, die unserem Leben entspricht, so absurd und so durchtrieben – dabei mit einem Quanten Mißtrauen, Verfolgungswahn, aber auch Rechthaberei! usw. (28.03.81)

Ich kann mich entsagen, wie ein Zwerg sich dem Riesen entsagt – wie sich ein Meerestier dem Land entsagt. (17.04.81)

Wenn ich schon nicht dazu fähig bin, mich zu entscheiden, dann muß ich Entscheidungen provozieren, vielleicht entscheiden sich dann andere für mich – Schwachsinn, sie werden sich immer gegen mich entscheiden … (20.04.81)

Einfach so (ohne Grund) in den Hungerstreik treten, trotzdem nebenbei das tun, was [man] immer getan hat – bis man es [das Leben] nicht mehr schafft … Material für eine Geschichte (Kafkas Hungerkünstler, nur ohne Publikum …) (02.05.81)

Großstadtlegenden – Hoaxes

Hoaxes bedeutet eigentlich Zeitungsente. Im Zeitalter des Internets geht der Begriff aber schon viel weiter und beschreibt ein Sammelsurium an Falschmeldungen, die im weltweiten Netz verbreitet werden. Grundlage ist die scheinbare Informationskompetenz, die das Internet ausstrahlt, denn diese lässt Falsches und Skurriles glaubwürdig erscheinen.

Haben Sie auch schon davon gehört? Kinder sollen in einem Möbelhaus verschwunden sein. Spurlos. Mit einer aidsinfizierten Spritze soll in einer Disko ein Irrer Tanzende bedroht haben. Auf einer Led Zeppelin Platte sollen satanistische Botschaften versteckt sein, die hörbar werden, wenn man die Scheibe rückwärts spielt. Niemand weiß Genaueres, aber jeder behauptet, es ist wahr.

Und so entstehen Legenden der Großstadt, von denen jeder irgendwann schon einmal gehört hat, eben Hoaxes. In seinem „Lexikon der Großstadtmythen“ erzählt Bernd Harder die irrsten Wahn-Geschichten der Gegenwart und zeigt, wie sie entstanden sind. Es ist ein Nachschlagewerk für Zweifler und Skeptiker, die urbanen Legenden, Gerüchten oder Kettenbriefen aus dem Internet nicht recht trauen, ob sie von Verschwörungstheorien erzählen, Ufo-Erscheinungen oder sexuellen Phantasien.

weiter siehe: 3sat.de

Kamelliste

Zwei deutsche Forschungsreisende machen sich auf in jenes Wüstengebiet Südarabiens, das Rub‘ Al-Khali, Leeres Viertel, genannt wird. Beide führen ein Tagebuch. Nur reiste der eine am Ende des 18. Jahrhunderts und war auf der Suche nach den mosaischen Gesetzestafeln. Der andere folgt 200 Jahre später den Spuren seines Vorgängers, um eine Theorie über archaische Formen des Spielens zu entwickeln. Für beide wird es eine Reise ins Ich und in die Fremde …

Es handelt sich um das Buch Leeres Viertel Rub‘ Al-Khali von Michael Roes. Wie die Woche schreibt:

„Eine kühne Gratwanderung zwischen den Gattungen: Abenteuerroman, Ethnographie, phantastische Legende und autobiographisches Fragment“.

Wie die Inuit, also die Eskimos, viele Wörter für Schnee in ihrer Sprache kennen, denn Schnee spielt nun einmal eine viel größere Rolle bei Eskimos als bei uns (später einmal mehr hierzu), so kennen die Araber viele Wörter für ihr wichtigstes Tier, dem Kamel. In dem genannten Buch listet so der Autor eine längere Liste dieser Bezeichnungen auf:

bil
 
thilb
 
dschalli
 
dschaqma
 
hurr
 
chawar
 
fiha
 
qabb
 
harsus
 
haschi
 
huwar
 
fatr
 
hajil
 
mu’aschar
 
chalfa
 
‚awda
 
rahula
 
rikab
Kamel
 
altes Kamel
 
vernünftiges Kamel
 
unzähmbares Kamel
 
reinrassiges Kamel
 
nicht reinrassiges Kamel
 
kräftige Kamelstute
 
starkes Kamel
 
schwächliches Kamel
 
junges, entwöhntes Kamel
 
junges, noch nicht entwöhntes Kamel
 
reife Kamelstute
 
unfruchtbare Kamelstute
 
trächtige Kamelstute
 
Kamelstutenwöchnerin
 
altere Kamelstute
 
Packkamel
 
Reitkamel
zaml
 
schajiba
 
musanni
 
zaruba
 
mijasir
 
‚ajra
 
‚ajib
 
ghawdsch
 
filaq
 
midthab
 
nib
 
hidsch
 
wasiq
 
awd’a
 
dhud
 
ridf
 
mandschub
 
mischlaq
männliches Packkamel
 
altersgraue Kamelstute
 
eiterndes oder schleimendes Kamel
 
Zuchtkamel
 
läufige Kamelstute
 
erlesene Kamelstute
 
bissiges Kamel
 
großzügiges Kamel
 
überarbeitetes Kamel
 
Rennkamel
 
Eckzahnkamel (6-jährig)
 
gezähmtes Kamel
 
geplündertes Packkamel
 
weißes Kamel
 
kleine Kamelherde
 
Kamelritt
 
Rennkamelreiter
 
Kamelreiterreihe

Hörbücher kostenlos

Statt am Rechner zu daddeln, sollte man ab und zu schon einmal ein gutes Buch lesen. Und wer das nicht packt, der kann sich ein solches auch gern vorlesen lassen: Hörbücher nennt man das heute. Jetzt gibt es im Internet vorleser.net, eine Website, über die man sich sogar kostenlos literarisch interessante Texte in Schrift und Ton (als MP3 in bester CD-Qualität) herunterladen kann. Also nichts wie ran! Wer keine schnelle Internet-Verbindung hat, kann sich bis zu 12 Stunden Hörbuch für wenig Geld auf einer mp3-CD selbst zusammenstellen lassen.

Georg Heinzen – Uwe Koch: Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden

Meine Generation (in den 50-er Jahren geboren) ist eine Zwischengeneration, die förmlich zwischen den Stühlen existiert, zwischen 68-er und No-Future, auch Single-Generation bzw. deutsche ‚Generation X‘ genannt, oder wie es die Süddeutsche Zeitung beschreibt:

„Es sind diejenigen, die – voller Pläne und Bildung – es einmal besser haben sollten, aber am Ende feststellen müssen, dass die Gesellschaft gerade für Pläne und Bildung am wenigsten Verwendung zu haben scheint. [Eine] … Generation, die sich von der vorangehenden die Ideale vorkauen ließ und von der nachfolgenden an Illusionslosigkeit und Durchsetzungskraft weit übertroffen wird.“

Ich habe jetzt ein gemeinsames Buch von Georg Heinzen und Uwe Koch, beides Angehörige meiner Generation, erneut gelesen: ‚Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden‚. Das Buch ist 1985 veröffentlicht und wohl bis 1990 auch als Taschenbuch öfter neu aufgelegt worden, heute aber nur noch über Antiquariate erhältlicht. Es handelt von einem Typen, der 1955 geboren wurde.

Mein Lebenslauf unterscheidet sich zwar ziemlich stark von dem des Romanheldens, aber in vielem kann ich mich doch wiederfinden. Beim Lesen kamen bei mir vor allem Erinnerungen hoch, die ich so fast verdrängt hatte.

„Ich muß ohnmächtig und kopflastig zusehen, wie sich die billigsten Ideen durchsetzen und die Verantwortungslosesten die Verantwortung tragen. … Ich belaste das soziale Netz mit meinen Forderungen, für die ich kaum Leistungen erbringe.“
(S. 9 der Taschenbuchausgabe rororo 1989)

„Immer seltener wurde dabei gefordert, etwas Neues zu erreichen, immer häufiger ging es darum, etwas Neues abzuwehren. Aus der Hochschulreform, die die Studenten einmal gefordert hatten, war eine Hochsschulreform geworden, mit der die Regierung drohte.“
(S. 49)

„Als abschließendes Reformationsgeschenk beschloß der Statt meine vorgezogene Volljährigkeit. An einem ersten Januar gab er sie mir und Millionen anderen mit auf den Weg. … Nicht einmal in das juristische Erwachsenensein bin ich hineingewachsen, es wurde mir dekretiert, …“
(S. 51)

Mit dem 1. Januar 1975 wurde die Volljährigkeit von 21 auf 18 Jahre gesenkt. Ich selbst wurde, wie viele andere meiner Generation, also ‚mitten im Leben‘ volljährig (gut einem Monat vor Vollendung meines 21. Lebensjahres).

Die 70-er Jahre waren unsere Jahre; u.a. endete da der Vietnam-Krieg. Und zum ersten Mal in der Nachkriegszeit sprach man wieder von Wirtschaftskrise.

„.. als die letzten amerikanischen Kämpfer in überfüllten Helikoptern aus Saison flohen (1975), habe ich nicht daran gedacht, daß diese Ereignisse auf der anderen Seite der Welt auch mein Leben verändern würden.“
(S. 54)

„Unsere Kenntnisse seien verflacht, weil zu viele sie erworben hätten. Die Demokratisierung von Lebensmöglichkeiten sei eben zugleich ihre Entwertung. Das hätten wir nun von unserer Chancengleichheit.“
(S. 78)

Und es war die Zeit der RAF (Rote Armee Fraktion), damals Baader-Meinhof-Bande genannt, die Zeit, die später die bleiernde genannt wurde.

„Die ganzen sozialspießigen Motive gingen uns langsam auf die Nerven. … Alle, die einmal mitgemacht hatten, etwas zu verändern, das System oder ihre Beziehung, gerieten jetzt in das Taster der Fahndung.“
(S. 79)

„Die Nutzlosigkeit aller Ideen war zur vorherrschenden Idee geworden.“
(S. 80)

„Da wurde Freiheit für den Watzmann und die Verschonung der Gummibärchen gefordert.“
(S. 81)

Nach der Wirtschaftskrise gab es eine Zeit, die sie Wiederbelebung nannten.

„Die Krise war nur vertagt, der Krieg nur verschoben, die Verarmung hatte sich verlangsamt. Wenn das die besseren Zeiten waren, wie würden dann erst die schlechten sein, die noch kommen sollten?“
(S. 85)

„Den Konsumverzicht wollte ich durch Intellektualität ausgleichen, meine Schlichtheit durch Geschmack, meine Machtlosigkeit durch Geist.“
(S. 86)

„… irgendwie war es geil, nicht mehr ganz so kritisch zu sein.“
(S. 91)

In den 70-er Jahren hatte die Antiatombewegung (Stichwort: Brokdorf) ihren Höhepunkt. Außerdem formierte sich der Protest gegen die Stationierung der amerikanischen Mittelstreckenraketen in Deutschland.

„Und während ich mich fragte, wo dieses System überhaupt noch zu greifen sei, kamen auf VW-Bussen thronend die Entschlossenen an mir vorbeigefahren, die neue Generation des Widerstands, stolze Häuptling, vermummt und martialisch.“
(S. 97)

„Das machten mir die Beweglichen vor, die fröhlich jede Welle mitmachten … und mir höhnisch vorführten, wie unwichtig meine Bildung war. Was sie verkauften, war ganz beliebig, nur neu mußte es sein und erfolgreich. … sie hatten begriffen, daß nicht mehr die Arbeit in hohem Ansehen steht, sondern das Geld.“
(s. 136)

„Ich war wohl für diese Welt längst verloren. War zu anspruchsvoll, um auf das Träumen zu verzichten … War zu bedenkenlos genug, ein paar Sklaven für mich schuften zu lassen, und zu nachdenklich, um selbst groß herauszukommen.“
(S. 148)

Ich selbst habe die Kurve bekommen, wie man das wohl nennt, wenn man einen halbwegs erträglich-einträglichen Job hat, verheiratet und Vater von zwei Kindern ist, die mir langsam über den Kopf wachsen (und irgendwie auch einer Zwischengeneration angehören: teilweise noch No-future, dann aber schon zur digitalen Spaßgeneration gehören).

Thomas Mann: Felix Krull und die Homosexualität

Um es gleich zuzugeben: Auch wenn man Thomas Mann für einen der größten Schriftsteller deutscher Sprache hält, so bin ich mit ihm nie so richtig ‚warm‘ geworden. Sicherlich ist „der Zauberberg“ geistreich und „Felix Krull“ amüsant, aber die Sprache Thomas Manns ist für mich zu aufgeblasen, zu schwulstig-pompös und manieriert, als dass sie mir auf Dauer gefallen könnte. Die Sprache Kafkas, klar und einfach, ohne ein überflüssiges Wort, sagt mir da viel eher zu.

„Felix Krull“ lernte ich vor vielen Jahren in meiner Jugendzeit als Film mit Horst Buchholz in der Titelrolle kennen. Der Film wurde 1957, nur wenige Jahre nach der Veröffentlichung ‚der Memoiren erster Teil‘, fertiggestellt. Und im Kopf habe ich immer noch Horst Buchholz bei der Musterung, als er durch vorgespielte epileptische Anfälle ausgemustert wird. Wirklich köstlich!

Das Buch lese ich nun zum zweiten Mal. Es ist Fragment geblieben, da Thomas Mann 1955, ein Jahr nach der Veröffentlichung des 1. Teils, starb. Der oben beschriebene Eindruck des Manieriertheit hat sich eher verstärkt, obwohl es ein von Thomas Mann bewusst gewähltes Stilmittel ist.

    Thomas Mann übt Felix Krulls Handschrift

Interessant finde ich nun die immer wieder auftauchenden Hinweise auf die gleichgeschlechtiche Liebe. Wir wissen, dass Thomas Mann, obwohl verheiratet und Vater von einigen Kindern, als homosexuell galt. Felix Krull, der Titelheld, ist ein Adonis, ein Schönling, der den Frauen zugetan ist, den im Gegenzug die Frauen lieben, zu dem es aber auch gewisse Herren zieht.

>>Darum begegnete ich, etwa an den klebrichten Marmortischchen der kleinen Nachtlokale, … neugierigen Annäherungsversuchen und Zudringlichkeiten mit … Höflichkeit…

So war denn sie es auch, die ich zu Hilfe nahm bei unwillkommenen Vorschlägen, die meiner Jugend … je und je, mit mehr oder weniger Verblümtheit … von gewisser männlicher Seite unterbreitet wurden.< <

(S. 85 der Taschenbuchausgabe)

Und schon kurz darauf:

>>Ganz anders nun aber verhält es sich mit gewissen abseits wandelnden Herren, Schwärmern, welche nicht die Frau suchen, aber auch nicht den Mann, sondern etwas Wunderbares dazwischen. Und das Wunderbare war ich. …

Ich verschmähe es, die Moral gegen das Verlangen ins Feld zu führen, das mir in meinem Fall nicht unverständlich erschien.< <

(S. 86 der Taschenbuchausgabe)

Thomas Mann, Entschuldigung: Felix Krull ist nichts Menschliches fremd dabei. Und es ist eigentlich weniger die Suche nach dem Gleichgeschlechtlichen, als die Suche nach einem androgynen Doppelwesen, ein Wesen, das Mann und Frau in sich vereinigt. So fühlt sich Felix Krull einmal durch ein Geschwisterpaar, dann auch durch das Paar Mutter und Tochter angezogen.

Man kann dieses Werk in Teilen durchaus als ein humorvolles, vielleicht auch schon ironisches Betrachten der eigenen häretischen Geschlechtlichkeit ansehen.

Thomas Mann beim Fischerverlag
Thomas-Mann-Archiv der ETH Zürich

Zwischen Fels und Tod

Gestern sah ich auf 3SAT in der Sendung Kulturzeit einen Bericht über Aron Ralston, einem jungen Extrembergsteiger, der ein Buch veröffentlichte, das jetzt auch auf deutsch erschienen ist („Im Canyon – Fünf Tage und Nächte bis zur schwierigsten Entscheidung meines Lebens“ (Ullstein) – englischer Titel: Between a Rock and a Hard Place) und in dem er seine unglaubliche Geschichte erzählt, die im Frühjahr 2003 weltweit durch die Medien ging:

Im Jahr 2003 stand der damals 27-jährige Aron Ralston vor einer schier unmenschlichen Entscheidung: Überleben oder sich selbst den Arm amputieren. Bei einer Bergtour im Blue John Canyon im amerikanischen Utah klemmte ein herabstürzender, 400 Kilogramm schwerer Felsbrocken seine rechte Hand ein. Nachdem fünf Tage und Nächte vergangen sind und die Hoffnung auf eine glückliche Rettung schwindet, beginnt die Hand abzusterben. Den sicheren Tod vor Augen greift Aron Ralston zu einer extremen Maßnahme: Er amputiert sich selbst mit einem einfachen Camping-Taschenmesser den eigenen Unterarm. Nur einen kleinen Fehler hatte der erfahrene Bergsteiger bei seiner verhängnisvollen Klettertour gemacht: Er hinterließ entgegen aller sonstigen Gewohnheiten keine Nachricht, wohin sein 3-Tages-Ausflug führen sollte. Keiner wusste also, wo er war und wo nach ihm zu suchen war, als er nach einigen Tagen nicht zur Arbeit erschien. Das Messer, mit dem sich Aron Ralston schließlich den Arm abschnitt, war so stumpf, dass es zunächst nicht einmal seine Haut ritzte. Dennoch bezwang er seine Schmerzen, befreite sich aus der Falle, legte einen Druckverband an und seilte sich einhändig ab. Danach lief er 10 km, bis er endlich auf jemanden traf, der den Rettungshubschrauber rief. Aron Ralston hat 18 Kilogramm Gewicht und über die Hälfte seines Blutes verloren, zwei Jahre nach dem Unglück geht er mit einer Spezialprothese trotzdem wieder seiner größten Leidenschaft nach: dem Bergsteigen.

aus: ‚Kulturzeit‘ bei 3SAT

    Aron Ralstons eingeklemmter Arm

Was muss in einem vorgehen, wenn man sich in einer solch schier aussichtlos scheinenden Situation befindet? Zu welchem Lebenswillen ist man plötzlich fähig? Fragen, die man sich erst beantworten kann, wenn man eine solche Situation erlebt hat. Aron Ralston beschreibt es in der TV-Sendung als das größte Erlebnis, das er bisher hatte, und sein jetziges Leben als ein ganz neues. Um den Verlust des halben Armes ist es ihm nicht Leid. Dafür hat es etwas ‚erlebt‘, das in dieser Art keinem anderen so schnell widerfährt. Hoffen wir nur, dass nicht eines Tages viele Armamputierte durch die Gegend laufen. Ich brauche einen solchen ‚Kick‘ sicher nicht und wäre nur heilfroh, ähnlich ungeschoren davongekommen zu sein.

Allerdings bräuchte manch einer eine dieser Erfahrungen an der Grenze der eigenen Leistungsfähigkeit, um sich selbst, aber auch andere besser verstehen zu lernen. Nur so extrem muss diese Grenzsituation wirklich nicht sein.

weitere Infos siehe: zdf.de