Archiv für den Monat: März 2011

just setting up my twttr – 5 Jahre Twitter

Twitter ist eine Anwendung zum Mikroblogging. Es wird auch als soziales Netzwerk oder ein meist öffentlich einsehbares Tagebuch im Internet definiert. Privatpersonen, Organisationen, Unternehmen und Massenmedien nutzen Twitter als Plattform zur Verbreitung von kurzen Textnachrichten im Internet.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Und in diesen Tage wurde Twitter fünf Jahre alt. Am 21. März 2006 schrieb Jack Dorsey aka @jack, Entwickler von Twitter, seinen ersten Tweet: “just setting up my twttr”.

Und passend zum Fünfjährigen schreibt @jack:

Happy Birthday @Twitter! Proud of everything our users & the team have created. It’s been an inspiring & humbling #5yrs. Okay, back to work.

Nun denn: Happy birthday, Twitter!

Enter the Void

Enter the Void ist ein französischer Spielfilm aus dem Jahr 2009. Gaspar Noé schrieb das Drehbuch und führte Regie.

„Nach dem Unfalltod ihrer Eltern haben Oscar (Nathaniel Brown) und Linda (Paz de la Huerta) sich geschworen, immer und ewig zusammen zu bleiben. Jahre später schlägt Oscar sich in Tokio als Drogendealer durch und spart, um für die Nachreise seiner Schwester aus den Staaten aufkommen zu können. Dass diese – endlich in Tokio angekommen – in einem Striplokal jobbt und mit ihrem Boss schläft, lässt erste Risse durch das innige Verhältnis laufen. Einmal noch stehen die Geschwister auf dem Balkon von Oscars düster-chaotischem Apartement und blicken gemeinsam ins Neon-Zwielicht Tokios. Dann begibt sich der junge Mann auf einen Trip, der ihn jenseits aller leiblichen Grenzen führen wird und der in seinem Bett beginnt. Dort halluziniert er sich auf Dimethyltryptamin (kurz: DMT) durch die Nacht, bis sein Kumpel Alex (Cyril Roy) auftaucht und ihn zum Treffpunkt eines Deals navigiert. Gerade eben noch kann der zugedröhnte Oscar den hastigen Schritten seines Freundes und dessen Ausführungen zum tibetanischen Buch der Toten folgen – dann kommt es zur Katastrophe. Die Spelunke „The Void” erweist sich als Falle und kurz darauf sinkt Oscar von Polizeikugeln durchbohrt zu Boden. Während sein Körper zurückbleibt, erhebt sich seine Seele zur transzendentalen Odyssee…“

aus: filmstarts.de


Enter the Void – deutscher Trailer (siehe auch HD-Version)

Letzten Freitag traf sich meine Frau mit ‘ihren Damen’ zu einer Tupper-Party. Und meine beiden Söhnen waren bei einem Freund zur LAN-Party. Ich hatte also ‚sturmfreie’ Bude – und nutze den Abend, mir den Film Enter The Void (Limited Edition) (inkl. DVD) [Blu-ray] anzuschauen.

Regisseur Gaspar Noé sorgt mit diesem Film einmal nicht für einen Skandal, auch wenn dieser Film nicht gerade gewaltfrei zu nennen ist. Man könnte ihn unter das Motto „Sex and Drugs and … Tibetisches Totenbuch“ stellen. Das ist eine etwas merkwürdige Mischung, sicherlich, aber es trifft den Kern des Films. Und es ist ein Film aus drei ‚subjektiven Perspektiven’. Zunächst erleben wir den Film aus der Sicht von Oscar, den einen Protagonisten des Films. Die erste halbe Stunde des Films ist in Echtzeit, also ohne Schnitt gedreht – bis auf die Momente, in denen Oscar blinzelt und die durch so genannte Hypercuts imitiert werden und der minutenlangen DMT-Ekstase, einem pulsierenden Fraktalgebilde, das in diesem Zusammenhang an Mandala-ähnliche Gebilde erinnert.

Nachdem Oscar erschossen wurde, wechselt die Sicht. Oscar bzw. Oscars Geist (und damit der Zuschauer) sieht sich jetzt von hinten und steht so dem Zuschauer gewissermaßen im Weg. Zuletzt „löst sich die Kamera vom Kadaver und gleitet schwerelos in die Nacht, durchdringt Materie und folgt den Hinterbliebenen.“ Es beginnt eine körper- und schrankenlose Reise meist mit einer Sicht aus der Vogelperspektive, ob nun in Räumen oder über die neon-beleuchteten Stadt Tokio. Diese Reise ähnelt stark dem Zwischenzustand des Werdens aus dem Tibetisches Totenbuch: Das persönliche Karma und die Taten des Lebens Oscars werden durchlebt. Und es ist eine „bewusst ermüdende Irrfahrt zwischen Tod und Wiedergeburt, bis endlich ein Wiedereinstiegspunkt gefunden ist.“ Zuletzt erleben wir Oscars Wiedergeburt durch seine Schwester.

Also ein buddhistischer Film? Nach buddhistischer Lehre ist das Leben Leiden. Und die Protagonisten dieses Films leiden. Eine bedrückende Atmosphäre lastet auf dem Film. Ziel des Buddhismus ist es, den vermeintlichen Kreislauf der Wiedergeburten zu durchbrechen, um in das Nirwana einzutreten. Nirwana als das „Verlöschen“ oder als Eintritt in die „Leere“. Enter the Void?

Enter the Void ist nichts für müde Augen und müde Geister. Schon die eröffnenden Credits als nahezu unleserliche, hysterische Collage aus Farben und Schrifttypen gehen gewaltig auf die Augen. Dafür entschädigen die Kamerafahrten über ein bonbonfarbenes Tokio nur wenig. Sehr explizit ist manche Sexszene. Gaspar Noé entfaltet einen sehr eigenwilligen, atemberaubenden Stil, der manchem Zuschauer schon früh den Nerv rauben wird. Und doch fesselt der Film, wenn man sich auf ihn einlässt. Ein filmisches Halluzinogen mit spiritueller Verbrämung? Ohne Zweifel hat der Film eine Nachhaltigkeit, die jedem so genannten Blockbuster abgeht.

Neue Vahr Süd – im Theater

Kaum habe ich aus der Herr Lehmann Trilogie von Sven Regener „Der kleine Bruder“ gelesen, da sehe ich, dass in Hamburg am Altonaer Theater der zweite Teil, der Roman „Neue Vahr Süd“ als Theaterstück aufgeführt wird.

„Herrn Lehmann“ selbst wurde hier am September 2008 erfolgreich aufgeführt, sodass man sich entschlossen hat, jetzt auch diesen Roman auf die Bühne zu bringen. „Neue Vahr Süd“ wurde ja auch bereits verfilmt.

Die Premiere war am 20. März. Das Stück läuft erst einmal bis zum 30. April 2011. Verfasst wurde das Stück von Georg Münzel und Anja Del Caro. Und in einem Sonderprogramm kann man sich dann auch noch (einmal) die Theaterfassung von „Herrn Lehmann“ angucken.

Beharrlichkeit zahlt sich aus

In der Fußball-Bundesliga dreht sich das Trainerkarussell unaufhaltsam. Schalke feuert Magath und dieser findet schnell und erneut beim VfL Wolfsburg ‚Unterschlupf’. Die hatten schon vor längerer Zeit den ehemalige Nationaltrainer Englands Steve McClaren wegen Erfolglosigkeit in die Wüste geschickt. Nicht anders erging es vor kurzem Armin Veh beim HSV. Und für Louis van Gaal ist am Ende der Saison bei den Bayern Schluss. Die Zeit von Bruno Labbadia beim VfB Stuttgart dürfte auch bald gezählt sein (bei Bayer 04 Leverkusen und beim HSV wurde er zuvor vorzeitig entlassen), wenn er die Mannschaft nicht endlich aus dem Keller holt.

Bleibt eigentlich nur der SV Werder Bremen, der die bescheidenste Saison seit Jahren spielt und erst mal nach langem in den Abstiegssog geriet. Zwar gab es in den Medien einige Kritik am Double KATS (Initialen für Klaus Allofs, dem Manager, und Thomas Schaaf, dem Trainer), aber selbst bei den Fans war der Rückhalt in den schlimmsten Tagen weiterhin vorhanden – nicht wie in Schalke, wo Magaths Rücktritt schon lange von den Tribünen gefordert wurde.

Und diese Beharrlichkeit scheint sich wirklich auszuzahlen. Die Mannschaft findet plötzlich wieder zusammen. Spieler wir Tim Borowski und Sandro Wagner (letzterer wurde bereits als Fehleinkauf verschrieen) finden zurück in die Spur. Und auch das Glück ist der Elf aus Bremen wieder öfter hold. Ein neuer Trainer hätte es kaum besser machen können.

Bis auf die 0:4-Niederlage beim HSV kann man wieder Erfolge vorweisen. Okay, zu Hause läuft es noch nicht rund (drei Unentschieden, immerhin aber gegen eine in dieser Saison starke Mannschaft aus Hannover und auch gegen Leverkusen) stehen zwei Auswärtssiegen gegenüber (gegen Mannschaften wie Freiburg und Nürnberg, die sich noch Ambitionen machen, nächste Saison im ‚europäische Geschäft’ mitzumischen).

Das Abstiegsgespenst hat man damit sicherlich noch nicht endgültig abgeschüttelt (das Spiel am 2. April gegen Stuttgart ist ein Schlüsselspiel). Aber Besserung ist in Sicht – auch für weitere Pläne in der nächsten Saison.

Anaïs Nin: Die verborgenen Früchte

Anaïs Nin wurde 1903 in Neuilly bei Paris als Tochter des spanischen Musikers und Komponisten Joaquin Nin geboren. Später verließ der von ihr abgöttisch verehrte Vater die Familie, was sie nie ganz verwunden hat. Als Dreizehnjährige kam sie in die USA. Schon damals begann sie ein Tagebuch zu schreiben. Mit fünfzehn Jahren verließ sie die Schule und versuchte sich als Autodidakt in Bibliotheken weiterzubilden. In den zwanziger Jahren heiratete sie Hugh Guiler und ließ sich in Louveciennes bei Paris nieder. Seit 1931 war Anaïs Nin mit Henry Miller befreundet. Beide haben sich künstlerisch stark beeinflusst. Ihr ist es auch gelungen, einen Verleger für Miller Wendekreis des Krebses zu finden.

In ihrem Heim in Greenwich Village verkehrten bedeutende Künstler wie Dali, Max Ernst, Yves Tanguy, Tennessee Williams, William Sarovan und Miller. 1932 erschien D.H.Lawrence: An Unprofessional Study (dt. D. H. Lawrence – Lektüren der Leidenschaft. ( Die Frau in der Literatur), ihre erste größere Arbeit als Schriftstellerin. Im Frühjahr 1966 wurden die ersten Proben aus ihren Tagebüchern veröffentlicht, die aber schon lange vorher als die bedeutendste Confessio des Jahrhunderts galten. Inzwischen ist der größte Teil ihrer Tagebücher in deutscher Sprache erschienen. Anaïs Nin ist 1976 in Kalifornien gestorben.” (aus dem Kladdentext zum Buch).

Ebenfalls aus dem Kladdentext zum Buch:

„Poetisch pornographisch“, nannte Henry Miller die erotischen Schriften von Anaïs Nin. Diese Schriftstellerin scheute sich nicht, wirklich alles, was es an Sinnlichkeit, Sexualität, Trieb und Liebe gibt, offen und unverstellt zu beschreiben. Doch bei aller Direktheit und Offenheit was es auch ihr Ziel, zu zeigen, daß Sex erst durch Gefühle zu wirklicher Erotik wird. „Über Sexualität und Sensualität zu schreiben“, so die Nin, „hat nichts mit Pornographie zu tun. Erotika schreiben ist für mich wilde Poesie.“

Das neue Erotikon Die verborgenen Früchte geht auf diesem Weg noch weiter: Die Sprache ist noch poetischer; was sie beschreibt, ist nicht weniger offen, doch noch sensibler und sensitiver. Ohne Frage hat hier Anaïs Nin die erotische Poesie in ihrer „wildesten“ und reinsten Form erreicht.

„Anaïs Nin löst das wahre Erlebnis geheimnisvoller Erotik aus … ihre Sprache ist noch delikater, noch geschmeidiger.“ New York Times

„Poetisch pornographisch“, nannte Henry Miller also die erotischen Schriften der Anaïs Nin. Sie selbst sprach von „Prostitution“. Aber lesen wir, was sie in dem Vorwort zu diesem kleinen Büchlein von etwas mehr als 120 Seiten zur ‚erotischen Literatur’ zu sagen hatte:

Es ist eine interessante Tatsache, daß nur sehr wenige Schriftsteller aus eigenem Antrieb erotische Erzählungen oder Bekenntnisse niedergeschrieben haben. Sogar in Frankreich, wo die Erotik angeblich eine so wichtige Rolle spielt, sahen sich die Autoren, die so etwas doch taten, lediglich von der Not dazu gezwungen – der Geldnot.

Die Erotik im Rahmen eines Romans oder einer Erzählung zu Wort kommen zu lassen, ist eines; sich ausschließlich mit ihr zu beschäftigen jedoch etwas ganz anderes. Ersteres ist wie das Leben selbst. Es ist, möchte ich sagen, etwas Natürliches, Aufrichtiges, wie in den sinnlichen Passagen bei Zola oder Lawrence. Sich aber ausschließlich auf die Sexualität zu konzentrieren, ist unnatürlich. Das gleicht dann etwa dem Leben einer Prostituierten, einer anormalen Betätigung also, aufgrund derer sich die Prostituierte schließlich von der Sexualität abkehrt. Vielleicht ist den Schriftstellern das bekannt. Und vielleicht haben sie deshalb, wie auch Mark Twain, nur gerade ein Bekenntnis, höchstens ein paar Erzählungen geschrieben, um auf diese Weise ihre Aufrichtigkeit den Dingen des Lebens gegenüber, unter Beweis zu stellen.

Doch was geschieht mit einer Gruppe von Schriftstellern, die so dringend Geld benötigen, daß sie sich ausschließlich der Erotik widmen? Wir wirkt sich diese Tatsache auf ihr Leben, auf ihre Einstellung der Welt gegenüber, auf ihre Arbeit aus? Wie wirkt es sich auf ihr Sexualleben aus?

Bevor ich meinen Beruf ergriff, galt ich als Dichterin, als eine unabhängige Frau, die nur zu ihrem Vergnügen schrieb. Es kamen viel junge Schriftsteller und Dichter zu mir. So unterschiedlich sie in ihrem Wesen, ihren Neigungen, Gewohnheiten und Lastern auch waren, eines hatten sie alle gemeinsam: Sie waren arm. Verzweifelt arm. Nicht selten verwandelten sie meine maison in ein Kaffeehaus, das sie hungrig, schweigend aufsuchten, und dann aßen wir Haferflocken, weil das am billigsten war und man behauptete, es mache stark.

Die meisten Erotika wurden mit leerem Magen geschrieben. Nun wird durch den Hunger in hohem Maße die Phantasie angeregt; … Je größer der Hunger, desto größer das Verlangen – wie bei Gefangenen, wild und quälend. Daher lebten wir in einer für das Gedeihen der Blume Erotik absolut perfekten Welt.

… ich hatte meine richtige schriftstellerische Arbeit aufgegeben, als ich mich auf die Suche nach der Erotik machte. Dies sind nun meine Abenteuer in jener Welt der „Prostitution“. Sie aus mir herauszuholen, war anfangs nicht leicht, Denn das Geschlechtsleben liegt bei uns allen – den Dichtern, Schriftstellern, Malern – unter vielen Schichten verborgen. Es gleicht einer verschleierten Frau: halb erträumt.
(aus dem Vorwort zum Buch)

Zeichnung von Gustav   K l i m t
Zeichnung von Gustav K l i m t

Je größer der Hunger, desto größer das Verlangen … Das klingt für mich nostalgisch. Wie aus einer anderen, früheren Welt. Und so ist es wohl auch. Es hat einen ‚romantischen’ Anklang und ist lange nicht so abgeschmackt, wie die Produkte, die uns heute die Pornografie liefert. Sicherlich geht es bei Anaïs Nin auch ‚zur Sache’, im Vordergrund steht die trieb- und körpergesteuerte Beziehung, also Sex, und weniger das Emotional-Seelische. Das mischt sich zu einem erotischen Cocktail, steht beim Schreiben solcher Erotika als Intention der Autorin der Aspekt einer psychologisch-geistige Anziehung der Personen beiseite.

Zwei sich ungekannte Schöne treffen sich nachts am Strand bei Mondlicht. Es kommt zu einem Techtelmechtel. Und schon liegen sie am Strand, beide Körper ineinander verwoben – wie das Tier mit den zwei Rücken (Rabelais bzw. Shakespeares „Beast with the two backs“):

Sie eilte dem Meer zu. Er folgte ihr. Lange wanderten sie durch die schneeweißen Dünen. Am Wasser warf sie die Kleider ab und stand nackt in der Sommernacht. Sie lief in die Brandung. Louis machte es ihr nach, zog sich ebenfalls aus und warf sich ins Wasser. Da erst entdeckte sie ihn. Zunächst verhielt sie sich still. Doch als sie im Mondlicht deutlich den jungen Körper, den schönen Kopf und sein Lächeln sah, schwand ihre Angst. Er schwamm auf die zu. Sie lächelten einander an. Sein Lächeln war sogar bei nacht blendend; genau wie das ihre. Sie konnten kaum etwas anderes als das Lächeln und die Umrisse des vollkommen gestalteten Körpers des anderen.

Er näherte sich ihr. Sie duldete es. Plötzlich schwamm er geschickt und graziös über sie hinweg, berührte kurz ihren Körper und war vorbei.

Sie schwamm weiter, und er wiederholte das Manöver. Dann richtete sie sich auf, er tauchte und schwamm zwischen ihren Beinen hindurch. Sie lachten. Beide bewegten sich leicht und sicher im Wasser.

Bis hierhin ist es Spielerei. Vorspiel. Erregendes Vorspiel, von dem beide, Frau wie Mann, sich hinreißen lassen. Und so verwandelt sich das Spiel schnell in ‚Handgreiflichkeiten’, erst noch sanft, dann drängender.

Er war zutiefst erregt und schwamm mit steifem Glied. Sie näherten sich einander, geduckt wie im Kampf. Er drängte sich an sie, und sie spürte seien straffen, gespannten Penis. Er schob ihn zwischen ihre Beine. Sie berührte ihn. Seine Hände suchten sie, liebkosten sie überall. Dann zog sie sich abermals zurück, und er mußte sie schwimmend fangen.

(and so on) …

aus: Anaïs Nin: Die verborgenen Früchte (mit 15 Zeichnungen von Gustav Klimt – Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. München – Knaur Bestseller 806)

Die verstrahlten Helden von Fukushima

Erst waren es 50 Mitarbeiter, die alles Erdenkliche taten, um den Super-GAU am Atomkraftwerk Fukushima zu verhindert. Schon jetzt gelten sie als die großen Helden, die „Fukushima 50“, die ihr Leben riskierten, um den größten denkbaren Schaden von Land und Leuten abzuwenden. Inzwischen sollen sich nach einem Aufruf der Betreiberfirma Tepco weitere Mitarbeiter (auch von anderen AKWs) freiwillig für den Kamikazeeinsatz gemeldet haben. Auch Hubschrauber des Militärs kamen bis Donnerstag zum Einsatz, um Wasser über dem Krisen-AKW abzuwerfen. Und inzwischen sollen 140 Feuerwehrleute die Armee unterstützen.

Am Freitagmittag (Ortszeit) begann man erneut, Reaktor 3 mit Wasserwerfern zu kühlen. Diese Methode soll auch bei Block 4 und womöglich auch bei Block 1 helfen. Bei den Reaktoren 1 und 2 soll zudem eine neue Stromleitung das Kühlsystem wieder zum Laufen bringen. Der Ausgang des Dramas bleibt aber weiterhin ungewiss.

Experten gehen davon aus, das die meisten dieser Menschen dem Tod geweiht sind, weil die Strahlenbelastung vor Ort einfach zu hoch ist, um ungeschadet davon kommen zu können.

Was veranlasst einen Menschen, sich freiwillig für diesen Einsatz auf Leben und Tod zu melden? „Eine Rolle mag dabei spielen, dass in der Erziehung der Japaner das Opfer des Einzelnen für die Gemeinschaft eine große Rolle spielt. Dazu mag Zusammengehörigkeitsgefühl in solchen Kraftwerken kommen. ‚Es gibt einen Sinn für Loyalität und Kameradschaft, wenn man mit den Männern über Jahre trainiert und Schichtwechsel absolviert hat’, sagte ein langjähriger Anlageführer amerikanischer Akw der ‚New York Times’. Und der deutsche Arbeitspsychologe Michael Kastner ergänzte im Radiointerview: ‚Wer nahe dran ist an der Gefahr, der nimmt die nicht mehr so wahr.’“ (Quelle: zdf.de)

Atomkraft - nein danke!

Das sind, wie ich denke, nur zwei Aspekte, wenn auch sehr wichtige, die zu einem solchen Handeln führen. In jedem Menschen liegt ein selbstzerstörerisches Potential, ein Todestrieb. Da wir von Natur aus jedoch jeder dem Tode geweiht sind, strebt ein jeder – bewusst oder nicht – dahin, dieses unvermeidbare Übel positiv zu besetzen bzw. den Todestrieb zu sublimieren. Wenn ich also mit meinem Tod etwas Positives bewirken kann (auf Fukushima bezogen die Vermeidung eines Katastrophe), dann bin ich sogar bereit, frühzeitig zu sterben. Sterben muss ich ohnehin. Aber selbst dieser frühzeitige Tod ist ja noch nicht vorprogrammiert. Vielleicht, und das ist gewissermaßen die kleine Hintertür beim Abwägen meines Tuns, entkomme ich ungeschadet oder wenigstens lebendig.

Ohne die ‚Heldentaten’ schmälern zu wollen, spielen sicherlich auch geldliche Gründe eine Rolle. Wenn ich weiß, dass meine Familie finanziell abgesichert sein wird, wenn ich sterbe, dann bin ich eher bereit, den Tod auf mich zu nehmen.

Auch ohne hier von der eigentlichen Nuklearkatastrophe ablenken zu wollen, so finde ich diese auf die einzelnen Personen bezogenen Erwägungen, diese zu gewinnenden psychologischen Erkenntnisse, sehr interessant. Die Taten und hierzu die Motive der „Helden von Fukushima“ sind dabei nur ein ‚Gegenstand’, der später einmal näher beleuchtet werden sollte. Die Ängste und die daraus resultierenden Handlungen auch aller anderen direkt oder indirekt Betroffenen (bis hin zu uns hier in Deutschland, denen unmittelbar keine Gefahr droht) wird man sicherlich zunehmend thematisieren. Die Ängste bestehen nun einmal. Und wer sie ignoriert oder instrumentalisiert, wird hierfür die Rechnungen zahlen müssen.