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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Altes „Neues“ von Jethro Tull (7)

Zwar gibt es von Herrn Anderson & Co. kein neues Album, keine DVD-Veröffentlichungen alter Konzertaufnahmen (die es weiterhin gibt, die aber angeblich ein Herr Jeffrey Hammond zu verhindern weiß), aber „Uraufführungen“ von zwei neuen Stücken. Beide Stücke wurden am 21. Oktober, also vor wenigen Tagen, aufgezeichnet, das erste ist vielleicht etwas „herrenlos und verdutzt“ uns einwenig, klingt es doch vertraut (Herr Anderson zitiert sich gern selbst), das andere ist … nun ja, hört selbst (wenn noch nicht getan):


Adrift and Dumbfounded


That F#cking Tune

An der Klampfe ist übrigens wieder einmal Florian Opahle zu hören/sehen. Sollte sich hier nun wirklich langsam ein neues Album entwickeln? Folgende neue Stücke gibt ja nun schon:

Tea with the Princess
Change of Horses
Hare in the Wine Cup
The Donkey and the Drum(mer)
That Fucking Tune
Adrift and Dumbfounded

Und laut John O’Hara gibt es noch mehr neue Stücke. Eines davon soll „Galliard“ heißen, außerdem noch eine akustische Nummer „Child In My Garden“ usw. – Warten wir es ab … (siehe hierzu auch meinen Beitrag: Altes „Neues“ von Jethro Tull (6))

Da wir gerade bei neuen Stücken und Konzertauftritten sind. Ebenfalls mit Florian Opahle kredenzt Ian Anderson (am 14. Oktober aufgezeichnet) 15 Minuten „Thick as a Brick“. Musikalisch durchaus ansprechend (eigentlich wie immer), und wenn’s mit der Stimme nicht mehr klappt, dann wird halt rezitiert … Und das Ganze ungefärbt (haaremäßig)?


Thick As A Brick – Ian Anderson Live In Montreal 2010

Als der älteste meiner beiden Söhne ungefähr vier Jahre alt war, habe ich mit ihm öfter das Video vom „Hasen, der seine Brille verloren hat“ betrachtet. Das damals schon aufgeweckte Bürschlein von Sohn hatte richtig großen Gefallen daran. Und obwohl er zu der Zeit eigentlich kein Englisch konnte, wusste er genau, um was es geht (etwas nachgeholfen habe ich wohl schon). Ich finde die kleine musikalisch untermalte Geschichte heute noch ganz witzig. Und Ian Anderson wohl auch, denn plötzlich spielt er den Märchenonkel und trägt die Geschichte auch bei Konzerten vor. Wie gut, dass Herr Anderson nicht seine Brille verloren hat.


The Hare Who Lost His Spectacles … mit Brille

Ach, übrigens. Da gibt es bei Amazon tatsächlich ein echtes „Schnäppchen“, die 25th Anniversary Box Set (4 CDs), für die ich vor langer Zeit einmal knapp 100 DM gezahlt habe (wenn ich mich richtig erinnere – das war damals auch schon viel Geld).

Hü und Hott beim EWE-Gaspreis

Aufgrund eines Urteils des Bundesgerichtshofes vom 14. Juli 2010 (Az: VIII ZR 6/08) wurde eine Preisanpassungsklausel für unwirksam erklärt, die EWE sei dem 1. April 2007 für Erdgasverträge verwendet. Leider ließ das Gericht die Frage offen, wie mit den beiden seitdem durchgeführten Preiserhöhungen im Jahre 2008 rückwirkend umzugehen ist.

Um eine möglichst schnelle Lösung zu finden, wurde Herrn Dr. Henning Scherf als neutrale Instanz um Einschätzung und Unterstützung gegeben. So wurde eine einmalige Sonderzahlung ausgehandelt, die EWE zu zahlen hat und die natürlich abhängig vom individuellen Erdgasverbrauch ist. Bei der Ermittlung werden die Preissteigerungen und -senkungen seit dem 1. April 2007 berücksichtigt. Für EWE ergibt sich so angeblich eine Auszahlungssumme von ca. 100 Mio. € brutto; für einen Beispielhaushalt mit einem Durchschnittsverbrauch eine Auszahlungshöhe von 125 €. Die Gutschrift erfolgt mit der nächsten Jahresabrechnung.

Nachdem EWE seit August 2008 dreimal in Folge die Preise senken konnte (immer schön zeitverzögert – wegen langjähriger Lieferverträge), gibt es zum 1. Dezember 2010 aufgrund gestiegener Bezugskosten wieder eine saftige Preiserhöhung. Der Grundpreis bleibt gleich; dafür erhöht sich der Arbeitspreis von 4,53 Cent/kWh brutto auf 5,25 Cent/kWh brutto – ein Plus von 15,89 %.

In einem drei Seiten langem Schreiben laviert EWE und beteuert, sich durch die alten Preiserhöhungen nicht bereichert zu haben. Wenn man jetzt aber bereit ist, 100 Millionen € auf den Tisch zu legen, dann macht mich das natürlich schon stutzig. Und die satte Preiserhöhung kommt dann auch zur rechten Zeit, um den Verlust zu kompensieren.

„Unser wichtigstes Guthaben ist das Vertrauen unserer Kunden.“ Heißt es u.a. in dem EWE-Schreiben. Das klingt doch ziemlich nach Hohn.

Die Schmidts und die A.s

Hier noch ein kleiner Nachtrag zum Tode von Loki Schmidt: Ich will mich nicht anmaßen, Vergleiche zwischen Helmut Schmidt und seiner – und meiner Frau und mich anzustellen. Aber ähnlich den Schmidts, die sich schon als Kinder kennen gelernt hatten, man spricht von einer Sandkastenliebe, so kenne ich meine Frau auch schon von Kindesbeinen an. Und ebenso ähnlich pflege ich mit meiner Frau eine Partnerschaft, in der wir uns als zwei Persönlichkeiten sehen, die über die Grenzen des Familiären hinaus ihre Eigenständigkeiten wahren. Liebe ist etwas Schönes. Aber der Alltag nagt daran … Und wenn man sich nicht vorsieht, dann verbraucht sich die Liebe schnell. Was helfen kann – es ist vielleicht kein Allheilmittel, es ist aber hilfreich – ist eine gewisse Selbständigkeit in einer Beziehung, um wenigstens ein Mindestmaß an Selbstverwirklichung zu erreichen. Man kann und sollte nicht ständig ‚aufeinanderhocken’. Keine zwei Menschen sind so gleich, dass sie immer nach dem Gleichen streben. Freiräume tun einer Beziehung gut. Natürlich muss alles unter ‚einen Hut’ gebracht werden. Wenn beide Partner in ihrem Tun völlig auseinanderstreben, dann ist mit der Partnerschaft bald das Ende erreicht.

Die Schmidts waren 68 Jahre verheiratet und kannten sich über 80 Jahre. Und wenn man dem glauben darf, so gab es nur einmal einen größeren Streit zwischen beiden (sicherlich viele kleine). Das ist nur möglich, wenn man sich gegenseitig respektiert und die Ecken und Kanten des anderen akzeptiert. Wer den anderen nach seinem Bilde formen will, wird mehr zerstören als aufbauen.

Aber ich will hier nicht Lebensberater spielen. Mir kommt noch etwas anderes in den Sinn – es geht um Helmut Schmidt. Er war von 1974 bis 1982 Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland. Von 1981 bis 1982, also in Schmidts letztem Regierungsjahr, besuchte ich die Fachoberschule im Bereich Wirtschaft und hatte u.a. das Unterrichtsfach Volkswirtschaftslehre. Ich erinnere mich daran, dass dieses Fach am Freitag in den letzten zwei Unterrichtsstunden in einem kleinen Hörsaal der Schule unterrichtet wurde. Eine Stunde bestand öfter darin, dass wir ‚große Politik’ spielten. Zum Beginn der Stunde wurden die Rollen verteilt. In der jeweiligen Rolle musste man sich von seinen eigenen politischen Vorstellungen lösen und versuchen, der Rolle zu entsprechen, was nicht immer ganz leicht war. Obwohl die Rollen zu jeder dieser Stunden tauschten, so musste ich fast immer die Rolle des Helmut Schmidt übernehmen. Es war zunächst der Fachlehrer, der insgeheim seinen Spaß daran hatte, mich als Helmut Schmidt auftreten zu sehen. Aber es war bald eine allgemeine Gaudi der Klasse, mich in dieser Rolle zu hören – und zu sehen. Ein gewisses schauspielerisches Talent muss mir schon zu eigen sein. Auf jeden Fall muss ich die Rolle überzeugend gespielt haben (und auch mit einem Hamburgischen Slang versehen haben).

Dezent und selbstbewusst: Loki Schmidt gestorben

Leider hat sie die Bekanntgabe der ‚Blume des Jahres 2011’ nicht mehr erlebt: In der Nacht zum Donnerstag starb Loki Schmidt im Alter von 91 Jahren im Beisein ihrer Tochter und ihres Mannes in Hamburg-Langenhorn. Damit verliert Hamburg in wenig als einem halben Jahr neben der Volksschauspielerin Heidi Kabel seine zweite Ehrenbürgerin.

Loki Schmidt war nicht nur Gattin des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt und nahm zwischen 1974 und 1982 protokollarische Aufgaben als dessen Ehefrau wahr, sondern sie engagierte sich vor allem für den Pflanzen- und Naturschutz. Von 1940 bis 1972 arbeitete sie als Volks-, Grund- und Realschullehrerin. Am 27. Juni 1942 heiratete sie den gleichaltrigen Offizier Helmut Schmidt und finanzierte ihm nach dem Zweiten Weltkrieg durch ihre Arbeit sein Studium in Hamburg.

Köln, SPD-Parteitag 10.12.1978, Helmut Schmidt mit Ehefrau Loki
Lizenz: Bundesarchiv, B 145 Bild-F055066-0024 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA

Zu ihrem 80. Geburtstag erhielt sie für ihre Verdienste um den Pflanzen- und Naturschutz von der Universität Hamburg den Professorentitel. Außerdem wurde sie Ehrendoktor der Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg und der Universität Hamburg. Nach ihr sind die Bromelien Puya lokischmidtiae R.Vásquez & Ibisch und Pitcairnia loki-schmidtii Barthlott & Rauh, das Balsaminengewächs Impatiens loki-schmidtiae Eb.Fisch. & Raheliv, das venezolanische Rosengewächs Lachemilla loki-schmidtiae J.Gaviria, sowie der Skorpion Tityus lokiae benannt. Ihre Lebensleistung wurde auch mit dem Ehrenpreis des Deutschen Umweltpreises gewürdigt.

1976 gründete Loki Schmidt die „Stiftung zum Schutze gefährdeter Pflanzen“. Diese Stiftung wurde mit der „Stiftung Naturschutz Hamburg“ zur Stiftung Naturschutz Hamburg und Stiftung Loki Schmidt fusioniert. Die Stiftung vergibt seit 1977 die Auszeichnung der „Loki-Schmidt-Silberpflanze“, einen Umweltpreis, der an Menschen vergeben wird, denen der Naturschutz am Herzen liegt. Seit 1980 stellte sie die Blume des Jahres vor.

Ihren späteren Ehemann Helmut Schmidt lernte Loki Schmidt bereits mit 10 Jahren kennen. Es ist also eine Art Sandkistenliebe und hat gewisse Parallelen zu meinem Leben. Auch ich kenne meine Frau schon von Kindesbeinen an, wenn sich auch unsere Wege über längere Zeit nicht mehr gekreuzt hatten. Vor nun gut 26 Jahren sahen wir uns dann in Hamburg wieder und leben seitdem zusammen.

Besonders meine Frau ist vom Tod von Loki Schmidt sehr berührt. Es ist wohl auch die Art und Weise ihrer fast lebenslangen, loyalen Partnerschaft bei Wahrung der beiden eigenständigen Persönlichkeiten von Loki und Helmut Schmidt, der meine Frau und ich viel Respekt zollten. Dieser besondere Respekt spiegelt sich auch in der Medienerstattung von gestern und heute wieder:

Video: Loki Schmidt: Mehr als nur Kanzlergattin
Bilderserie Loki Schmidt: Unabhängige Kanzler-Gattin
Mehr als nur eine Kanzlergattin
Im Februar 2007 war Loki Schmidt zu Gast in der Sendung „klug und mutig!“. In der Gesprächsreihe stand sie Maria von Welser Rede und Antwort
Video: „Ein vollgepacktes Leben“ – Ausführliches Interview mit Loki Schmidt

Online-Kondolenzbuch zum Tod von Loki Schmidt

Rachmaninow

Man müsste Klavier spielen könnendann klappt es auch mit der Nachbarin … So oder so ähnlich muss Billy Wilder gedacht haben, als er 1955 die Komödie Das verflixte 7. Jahr (im Original: The Seven Year Itch) mit Marilyn Monroe drehte.

Der Inhalt des Films ist schnell erzählt: Wie viele Ehemänner aus Manhattan schickt Richard Sherman seine Ehefrau und seinen Sohn den Sommer über aufs Land, während er bei den Hundstagen in der Stadt zurückbleibt. Er ist entschlossen, nicht wie andere Ehemänner seine Zeit mit Trinkgelagen und Liebeleien zu verschwenden. Aber seine Vorsätze sind vergessen, als eine sinnliche Blondine in die Wohnung über seiner einzieht.

Eigentlich ist der Film durch eine ganz spezielle Szene in die Filmgeschichte eingegangen: Marilyn Monroes Kleid lüftet sich über einen U-Bahnschacht. Für damalige Verhältnisse eine ziemlich frivole Szene. Ob der Luftzug tatsächlich „so schön … die Knöchel kühlt“, möchte ich bezweifeln – die Luft dürfte warm und abgestanden emporgeströmt sein.


Marilyn Monroe auf dem U-Bahnschacht

Aber zurück zum Klavierspielen. Die Phantasie mancher Herren ging schon damals wie wilde Pferde durch. Und so diente kein Geringerer als Sergei Rachmaninow und sein zweites Klavierkonzert dazu, Marilyn Monroe zu verführen – natürlich nur in der schlüpfrigen Phantasie jenes Richard Sherman:


Seven Year Itch (1955) Rachmaninoff scene (englisch)

Ich bin mir nicht ganz sicher, gab es eine weitere Rachmaninow-Szene oder war es nur in der deutschen Fassung – auf jeden Fall denke ich, mich daran erinnern zu können, wie die gute Monroe geradezu lasziv den Namen des Komponisten über die Lippen bringt, ja fast nur haucht: Rachmaninow – Raaach-maninoooowwwwww!

Hier ergänzend zwei weitere nette Videos bei YouTube zu ‚unserem’ Rachmaninow:

How are Rachmaninoff, Marilyn Monroe, and hypnosis linked?
Rachmaninov had big Hands

Friedrich Dürrenmatt: Der Verdacht

Mit Max Frisch ist Friedrich Dürrenmatt einer der größten Schriftsteller der Schweiz in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Während ich von Frisch fast alles gelesen habe, habe ich zu Dürrenmatts Bücher eher sporadisch gegriffen, vielleicht weil es mir in der Absurdität seiner Werke immer etwas zu übertrieben und fernab der feinen Psychologie der Romane und Stücke eines Max Frisch war.

Aus dem ausgesonderten Bücherbestand von Freunden und Bekannten, die für den Verkauf beim letzten Flohmarkt in Tostedt zusammen getragen wurden, habe ich den kleinen Roman „Der Verdacht“ von Friedrich Dürrenmatt ‚gerettet’ und gelesen.

Es handelt sich bei dem gerade einmal 120 Seiten langen Werk um einen Kriminalroman. Wenn große Schriftsteller Kriminalromane schreiben, bin ich meist skeptisch. Aber dieser kleine Roman hat es in sich, denn Kriminalkommissär Bärlach begibt sich als Patient in die Macht eines verbrecherischen Arztes, um unter Lebensgefahr dessen dunkle Vergangenheit aufzudecken. Dürrenmatt enthüllt die pathologische Physiognomie und Psyche einer Zeit, die den Menschen an den Unmenschen ausgeliefert hat. Dr. Emmenberger war Lagerarzt des KZ Stutthof bei Danzig. Das einzige Opfer, das Emmenbergers grausame Experimente überlebt hat, der geheimnisumwitterte Jude Gulliver, hilft Bärlauch bei der Überführung des Verbrechers. Nicht allein die erregende Entlarvung Emmenbergers, auch die Enthüllung der Hintergründe und Abgründe menschlichen Tuns in einer unmenschlichen Zeit machen dieses Buch zu einer eigenwillig aktuellen Dichtung.

Als sich Bärlach und Emmenberger gegenüberstehen, rechtfertigt der Arzt sein Tun mit einem Credo besonderer Art – seinem Glauben an die Materie:

Es ist unsinnig in einer Welt, die ihrer Struktur nach eine Lotterie ist, nach dem Wohl der Menschen zu trachten … Es ist Unsinn, an die Materie zu glauben und zugleich an einen Humanismus, man kann nur an die Materie glauben und an das Ich. Es gibt keine Gerechtigkeit – wie könnte die Materie gerecht sein -, es gibt nur die Freiheit, die nicht verdient werden kann – da müßte es eine Gerechtigkeit gebe -, die nicht gegeben werden kann – wer könnte sie geben -, sondern die man sich nehmen muß. Die Freiheit ist der Mut zum Verbrechen, weil sie selbst ein Verbrechen ist.

Ich wagte es, ich selbst zu sein und nichts außerdem, ich gab mich dem hin, was mich frei machte, dem Mord und der Folter; denn wenn ich einen anderen Menschen töte … werde ich frei, werde ich nichts als ein Augenblick, aber was für ein Augenblick! An Intensität gleich ungeheuer wie die Materie, gleich mächtig wie sie, gleich unberechtigt wie sie, und in den Schreien und in der Qual … spiegelt sich mein Triumph und meine Freiheit und nichts außerdem.

(S. 109 f. – rororo Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, Band 448 – März 1973)

siehe auch meinen Beitrag: Bestie Mensch

Multikulturelle Gesellschaft und Leitkultur

Ist es Dummheit oder Ignoranz – oder allein politisches Kalkül, die multikulturelle Gesellschaft für gescheitert zu erklären? Was da CSU-Chef Seehofer und CDU-Chefin Merkel von sich geben, ist an Ignoranz UND Dummheit nicht mehr zu überbieten.

Wir leben in einer multikulturellen Gesellschaft und haben das immer getan. Es sind immer Menschen nach Deutschland eingewandert, so wie Deutsche ins Ausland ausgewandert sind. Das ist ein Prozess, der nicht erst seit einigen Jahrzehnten besteht. Und zusammen mit diesen Menschen aus anderen Nationen entfaltete sich auch eine kulturell vielfältige Gesellschaft. Wohin eine ‚Monokultur’ führt, sehen wir in der Landwirtschaft – sie führt zur Verödung der ‚Landschaft’!

Wenn Menschen aus anderen Nationen und auch anderen Kulturkreisen zu uns kommen, so sollten wir das als Bereicherung sehen und die Angst vor ‚Überfremdung’ ablegen. Wohin diese Angst führt, belegt die deutsche Geschichte leider zur Genüge.

Das Gerede um eine europäische, gar deutsche Leitkultur ist genauso töricht. Kommt sie zur Sprache, so ist sie auf jeden Fall nicht so eng zu fassen, wie es konservative Politiker gern tun. Wie sollte diese auch definiert sein: christlich und abendländisch oder basierend auf westlichen Wertvorstellungen?

„Die Werte für die erwünschte Leitkultur müssen der kulturellen Moderne entspringen, und sie heißen: Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft.” (Bassam Tibi) und sind unabhängig von unterschiedlichen Muttersprachen, verschiedenen Traditionen und Religionen. Wenn von einer Leitkultur gesprochen wird, so sollte sie nicht mit der Forderung nach einer Integration von Einwanderern verknüpft sein. Beides hat nichts unmittelbar miteinander zu tun. Daher ist die aktuelle Debatte um Zuwanderung und der Verweis auf eine Leitkultur schädlich und verantwortungslos.

Überhaupt Integration?! Sicherlich macht es Sinn, die Sprache eines Landes zu beherrschen, wenn man in diesem auf Dauer verweilt. Wenn ich in ein bestimmtes Land auswandere, so tue ich das auch, weil ich die Lebensweise der Menschen dort akzeptiert habe. Je länger ich bleibe, um so mehr werde ich mich um Integration bemühen. Damit muss und werde ich aber nicht meine Herkunft zu leugnen trachten. Wenn ich Kinder habe, so werde ich sie möglichst zweisprachig aufwachsen lassen. Traditionen aus meinem Mutterland werde ich genauso pflegen wie ich vielleicht die eine oder andere Traditionen des neuen Landes übernehme. Ich werde also bis zu meinem Lebensende auch mit meiner Herkunft verbunden bleiben – und meine Kinder in einem sicherlich verkleinerten Rahmen auch. Umgekehrt ist es denkbar, dass ich meine alten Traditionen mit meinen neuen Freunden pflege, die so auch deutsche Gepflogenheiten kennen und vielleicht lieben lernen werden. Vielleicht wäre Assimilation das richtige Wort.

Integration ist ein Prozess, der auf Gegenseitigkeit beruht. Integration beschreibt einen dynamischen, lange andauernden und sehr differenzierten Prozess des Zusammenfügens und Zusammenwachsens.

Nun Europa ist in der Krise – es droht ein beispielloser Identitätsverlust, der es den europäischen Regierungen immer schwerer macht, ihre wahren Interessen zu erkennen. Da wird schnell nach Schuldigen gesucht – und gefunden. Sicherlich ist der islamische Fundamentalismus eine Gefahr, da er seinen universellen Anspruch auf Weltherrschaft nicht aufgegeben hat. Aber sind es nicht auch die europäischen Nationen samt den USA, die ihre Wertvorstellungen in jedes andere Land – ohne Rücksicht auf nationale Gegebenheiten – exportieren wollen?

Und: Gehört nicht auch der Kapitalismus zur europäischen Leitkultur? Ist nicht er mit seiner zügellosen Raffgier der Verursacher globaler Krisen und damit auch der weiterhin bestehenden Krisen bei uns?

Der jetzigen Regierungskoalition laufen scharenweise die Wähler weg. Da beruft man sich gern auf Grundwerte, die die anderen angeblich nicht vorweisen. Aber was ist das anderes als purer Populismus, als Wählerfang nach der Methode des Rattenfängers von Hameln. Noch drei Jahre will diese Regierung weiterwerkeln? Das kommt für mich einer Zumutung gleich.

Bruchreif

Roger Barlow (Christopher Walken) liebt „The Lonely Maiden“. Seit Jahren bewundert der Museums-Aufseher Tag für Tag dieses für ihn vollkommene Gemälde einer jungen Schönheit. Wird eine Touristen-Gruppe von einer Führerin auch nur im Detail falsch informiert, schreitet er sofort ein. Denn er weiß einfach alles über das Werk. Doch dann kommt der Schock: Sein Arbeitgeber hat eine Partnerschaft mit einem dänischen Museum beschlossen, die einen Exponaten-Tausch vorsieht. Das Kunstwerk soll tatsächlich skandinavischen Avantgarde-Stücken weichen. Dem Gästebetreuer Charles (Morgan Freeman) geht es ähnlich wie Roger: Seit Jahrzehnten verbringt er die Tage vor und mit seinem persönlichen Lieblingsgemälde, doch nun muss er sich bald verabschieden. Wenn die beiden Museumsbediensteten nicht nach Dänemark ziehen wollen, dann müssen sie einen Weg finden, die Kunstwerke bei sich zu behalten. In Nachtwächter George (William H. Macy), der das Zwangsexil einer bewunderten Statue eines nackten Mannes verhindern will, finden Roger und Charles einen weiteren Verbündeten für einen ausgeklügelten Plan: Sie wollen die Kunstwerke in einer waghalsigen Mission vor dem Transport in das so weit entfernte Dänemark bewahren. Doch dafür müssen die drei angehenden Gauner erst einmal an Rogers Frau Rose (Marcia Gay Harden) vorbei…

aus: filmstarts.de


Bruchreif – Trailer

Christopher Walken, Morgan Freeman und William H. Macy zählen zu den Altmeistern unter den Charakterdarstellern Hollywoods. Wenn dieses Trio als frustrierte Museums-Mitarbeiter chaotisch den Raub ihrer liebsten Exponate planen, dabei fast an einer etwas zu überdrehten Frau scheitern und dazu typische Kniffe des „Raub“-Films zur Anwendung kommen, sollte Unterhaltung auf gehobenem Niveau garantiert sein. Sicherlich gibt es auch viele köstliche Szenen und allein die Idee ist gut, aber insgesamt kommt der Film nicht über ein Mittelmaß hinaus. Aufgrund einer Pleite des Verleihers schaffte es der Film so nicht ins Kino – und ist jetzt auf DVD Bruchreif erhältlich.

Liegt es an meinem Alter, dass ich in letzter Zeit öfter Filme mit Rentnern oder Fast-Rentnern sehe? Es war übrigens auch Morgan Freeman, der in „Das Beste kommt zum Schluss“ (siehe meinen Beitrag Den Frieden finden), einen dem Tode geweihten alten Mann spielte. Freeman also als Rentner vom Dienst in Hollywood?

Wie gesagt: Die Idee zum Film ist eigentlich sehr gut. Und bei dieser Schauspielerriege hätte es auch ein geradezu aberwitziger Film werden können. Es mag wohl am Regisseur Peter Hewitt liegen, der nicht gerade zur Liga der guten Filmmacher zählt und bisher nur mit Werken wie den unterirdischen „Garfield“ glänzte, dass am Ende nur Hausmannskost herauskam. Auch die mag schmecken, reiß aber keinem vom Hocker.

Übrigens: Da ich ziemlich neugierig bin, so interessierte es mich, von wem das eine Bild stammt, die einsame Maid. „The Lonely Maiden“, das nicht unwesentlich eine wichtige Rolle in dem Film spielt. Das Bild hat ein noch ziemlich jungen Maler aus Los Angeles gemalt: Jeremy Lipking

Jeremy Lipking: The Lonely Maiden

Der Witzableiter (20): Die Angst vor der Lust

Fortsetzung von: (19): Von Claudias neuen Kleidern

In der Kolumne „Der Witzableiter“ von Eike Christian Hirsch, die 1984 im ZEITmagazin erschien, geht es heute nochmals um Sex-Witze. Dabei erfahren wir zusätzlich etwas über die Prüderie von vor 25 Jahren.

Das Buch zur Kolumne: Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter: Oder Schule des Lachens

Die allzu üppige Stewardeß steckt den Kopf durch die Tür zum Cockpit und fragt den Kapitän: „Would you like coffee or milk?“ Der Kapitän dreht sich herum, starrt auf den Busen der neuen Kollegin und fragt: „Which one is coffee and which one is milk?“

Der einzige Autor, der sich ausgiebig mit dem schmutzigen Humor beschäftigt hat, der Amerikaner Gershon Legman, ist der Meinung, Sex-Witze seinen für den, der sie macht, nicht das reine Vergnügen. Sie dienten vor allem dazu, latente Ängste zu lindern. Es sei eine Art Selbsttherapie mit dem Zweck, die „tiefe Angst“ vor der Sexualität „loszuwerden“. Das klingt dann so:

Ein Börsenmakler sagt leise unter der Bettdecke zu seiner Frau: „Die Aktien steigen, der Kurs ist fest.“ „Nein“, antwortet sie, „die Börse ist geschlossen.“ Brummend dreht sich der Makler auf die Seite. Nach einer Weile hat es sich die Frau überlegt und sagt: „Liebling, die Börse ist jetzt geöffnet, ich nehme die Aktien zum Höchstpreis“. „Zu spät“, brummt der Ehemann, „ich habe sie gerade unter der Hand verschleudert.“

Vielleicht ist Legmans These von der männlichen Angst auch nur Ausdruck von Selbstmitleid. Die streitbare Autorin Karin Huffzky hat ihn jedenfalls einen Frauenhasser genannt. Kein Wunder, denn viele dieser Witze machen nun wiederum Frauen angst. Also scheint Angst so oder so im Spiel zu sein.

Diese Behauptung, bei Witzen sei immer Angst dabei, mag Sie, liebe Leserin, lieber Leser, wundern oder gar ärgern. Ich habe mich darüber, als ich zuerst davon hörte, auch gewundert. Inzwischen glaube ich es. Bei diesem Beispiel geht es etwa um die Angst der Frauen vor zu großer (und um die Angst der Männer vor der eignen geringen) Potenz:

Im Zoo zeigt der kleine Junge auf einen Elefanten: „Was ist das, was da so runterhängt?“ Das junge Kinderfräulein sagt: „Das ist der Rüssel.“ „Nein, ich meine hinten.“ „Das ist der Schwanz.“ „Nein, da so unterm Bauch!“ „Ach“, sagt das Kindermädchen verlegen, „das ist gar nichts.“ „Oha“, brummt ein Herr, der dabeisteht, „mein Fräulein, Sie sind verwöhnt.“

Natürlich machen Witze auch Lust. Das ist sogar die Funktion, die wir an ihnen allein wahrnehmen. Gerade das Thema Sexualität ist an sich schon lustvoll. Freilich darf man auch nicht vergessen, daß uns allen diese Lust auch einmal ausgetrieben worden ist. Mehr oder weniger gilt sie im Alltag als verpönt. Das macht Sex-Witze zugleich begehrt und gefährlich. Strafangst kommt auf. Bei diesem Exemplar habe ich besondere Hemmungen, es Ihnen vorzuführen:

„Stell dir vor“, sagt die ältere Krankenschwester zu ihrer jungen Kollegin, „der Seemann auf Zimmer acht ist tätowiert, sogar auf dem Glied. Da steht ‚Rumbalotte’ oder so ähnlich.“ Die junge Schwester kommt nach einer halben Stunde zurück und sagt: „In Wirklichkeit steht da: ‚Ruhm und Ehre der Baltischen Flotte’.“

Witzableiter (20)

Alles, was Spaß macht, ist entweder verboten, macht dick oder ist unmoralisch. Dieser moderne Stoßseufzer läßt sich gut auf Witze abwandeln. Alles, wovon Witze handeln, macht Spaß und ist doch verboten. Wenn wir für einen Augenblick das heutige Thema Sex verlassen, können wir schnell mal aufzählen, wovon Witze sonst noch handeln: vom lustigen Unsinn, von Haß und Grausamkeiten, von Schadenfreude und unserem Wunsch nach Überlegenheit. Alles lustvoll und unerlaubt. Daher die Angst.

Die Straßenbahn ist überfüllt. Die junge Dame dreht sich um und sagt zu dem Mann hinter ihr: „Bitte, drängen Sie nicht so!“ „Entschuldigen Sie“, sagt er, „aber ich habe heute eine Zulage in Hartgeld ausgezahlt bekommen.“ „Nun sagen Sie bloß noch“, zischt die Frau, ohne sich umzudrehen, „Sie hätten seit der vorletzten Haltestelle auch noch eine Gehaltserhöhung bekommen.“

Vielleicht ist Ihnen die These, alle Witze handelten unbemerkt auch von der Angst, nun nicht mehr so fremd. Diese Ansicht wird jedenfalls seit Jahrzehnten von mehreren Forschern vertreten. Dabei wird immer vorausgesetzt, daß das Ferment Angst die Lust nur noch steigern kann. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, daß Angst-Lust das Gefühlspaar ist, das letztlich jeden Witz bestimmt. In diesem Fall scheint das besonders deutlich:

Ein älterer Herr, offenbar stark angetrunken, steht in der Toilette des vornehmen Hotels und wühlt in seiner Hose. Dabei murmelt er immer wieder etwas vor sich hin. Der Toilettenwärter geht näher ran und hört: „Komm raus, du Feigling, du brauchst nur zu pinkeln.“

Was verboten ist, das macht uns gerade scharf. Das gilt auch von der verdrängten Lust. Die verbotenen Früchte sind auch im Witz die süßesten. Selbst das Lachen wird erst recht unwiderstehlich, wenn man es unterdrücken muß. So paradox das klingt: ohne Erziehung und Tabus hätten wir kaum was zu lachen.

Knecht Ruprecht kommt nach alter Sitte durch den Schornstein und landet in einem Zimmer, wo eine wunderschöne Frau nackt auf dem Sofa liegt. Er legt die Geschenke ab und ist unschlüssig, ob er sich der Frau nähern soll. „Tu ich’s, dann komme ich nicht wieder in den Himmel“, sagt er sich, „tu ich’s nicht, komm ich nicht wieder durch den Kamin.“

Ich schließe mit einer Geschichte, die bei meinem kleinen Test besonders umstritten war. Der Fabrikant kommt nach Hause und muß seiner Frau erklären, woher er das blaue Auge hat. „Mir fehlte ein Hosenknopf. Da habe ich unsere Hausmeistersfrau gebeten, ihn mir anzunähen. Das tat sie auch, ich behielt natürlich die Hose an.“ „Das ist doch kein Grund für ein blaues Auge!“ „Nein, natürlich nicht, aber ihr Mann kam rein, als sie gerade den Faden abbiß.“

Eike Christian Hirsch – Der Witzableiter (Kolumne in 25 Teilen)
aus: ZEITmagazin – Nr. 47/1984

[Fortsetzung folgt]

Symbolische Aktion: Werder friert Gehälter der Spieler ein

So etwas hat es bisher nicht gegeben: Die Geschäftsführung des Bundesliga-Fußballvereins SV Werder Bremen soll Teile des Septembergehalts seiner Spieler nicht ausgezahlt, sondern vorläufig eingefroren haben. Grund: Die schlechte Leistung der Spieler. Klaus Allofs, Werders Sportdirektor: „Zu schlecht, um wahr zu sein“

Diese Aktion schlägt natürlich hohe Wellen. Sicherlich könnten Spieler versuchen, ihre vertraglich zugesichertes Gehälter vor Gericht einzuklagen. Außerdem droht ein Imageverlust für den Verein, der sich gerne als große grün-weiße Familie darstellt. Oder muss Werder womöglich Geld sparen?

Aber es gibt nicht nur Kritik. In vielen Online-Beiträgen kommen die Gehaltskürzungen gut weg; enttäuschte Anhänger befürworten die Maßnahme. Hier und da wird sogar – halb im Spaß, halb im Ernst – die Frage gestellt, ob der Trainer von dem Vorgehen ebenfalls betroffen sei.

Der Sportpsychologe Bernd Strauß hält die Maßnahme keinesfalls für abwegig. „Das ist sicher eine ungewöhnliche Aktion, aber gerade solche eignen sich, um wirklich aufzurütteln“, sagt der Professor der Uni Münster und ehemalige Präsident der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft. „Das kann eine gute Maßnahme sein.“

Er sagt weiter: „ich finde es positiv, dass hier nicht einzelne Spieler oder der Trainer als Sündenböcke herausgepickt werden. Hier geht es um die Symbolik. Es wurde ein ganz klares Zeichen an die Mannschaft gesetzt: Es ist ernst, und ihr als Spieler seid gefordert, Verantwortung zu übernehmen. Natürlich ist das nicht ohne Risiko, aber das kann positive Gruppenprozesse in Gang setzen.“

Ich schließe mich dem voll und ganz an. Diese außergewöhnliche Aktion hat Symbolcharakter. Die Gehälter werden mit Sicherheit nachgezahlt. Eine gerichtliche Auseinandersetzung ist nicht von Nöten. Schlimmer hätte es die Spieler getroffen, wenn sie zu einer Geldstrafe verdonnert worden wären. Weil die Aktion so neu ist, ist die Aussicht, dass sie fruchtet, ziemlich groß. Sportpsychologe Bernd Strauß: „Es wurde ein ganz klares Zeichen an die Mannschaft gesetzt: Es ist ernst, und ihr als Spieler seid gefordert, Verantwortung zu übernehmen. Natürlich ist das nicht ohne Risiko, aber das kann positive Gruppenprozesse in Gang setzen.“

Hoffen wir, dass die Aktion fruchtet …!