Kategorie-Archiv: Wiedergelesen

Wiedergelesen – wiederentdeckte Literatur

Karwoche (Wh.)

Die Karwoche beginnt nach dem Palmsonntag, schließt Gründonnerstag und Karfreitag ein, und endet mit dem Karsamstag. Abendmahl, Kreuzestod und Auferstehung Jesu gehören eng zusammen.

Daher feierte man bis zum 4. Jahrhundert in der Osternacht alle drei Ereignisse; heute feiert man drei Tage von Leiden, Tod und Auferstehung des Herrn ab Gründonnerstag. Augustinus sprach im 5. Jahrhundert vom heiligen „Triduum des gekreuzigten, begrabenen und auferstandenen Christus“. In der evangelischen Kirche werden in der Karwoche traditionell tägliche Andachten – „Passionsandachten“ – abgehalten.

Der Karfreitag gedenkt des Kreuzestodes Jesu; „chara“, althochdeutsch, bedeutet „Trauer, Wehklage“. An diesem wie auch am folgenden Tag findet in katholischen Kirchen keine Messe statt, es wird nur ein einfacher Wortgottesdienst gehalten. In Österreich hat sich das Brauchtum des Heiligen Grabes etabliert. Dabei wird „der tote Jesus“ im Anschluss an die Karfreitagsliturgie in einer feierlichen Prozession in sein Grab gelegt.

KARWOCHE

O Woche, Zeugin heiliger Beschwerde!
Du stimmst so ernst zu dieser Frühlingswonne,
Du breitest im verjüngten Strahl der Sonne
Des Kreuzes Schatten auf die lichte Erde,

Und senkest schweigend deine Flöre nieder;
Der Frühling darf indessen immer keimen,
Das Veilchen duftet unter Blütenbäumen
Und alle Vöglein singen Jubellieder.

O schweigt, ihr Vöglein auf den grünen Auen!
Es hallen rings die dumpfen Glockenklänge,
Die Engel singen leise Grabgesänge;
O still, ihr Vöglein hoch im Himmelblauen!

Ihr Veilchen, kränzt heut keine Lockenhaare!
Euch pflückt mein frommes Kind zum dunkeln Strauße,
Ihr wandert mit zum Muttergotteshause,
Da sollt ihr welken auf des Herrn Altare.

Ach dort, von Trauermelodieen trunken,
Und süß betäubt von schweren Weihrauchdüften,
Sucht sie den Bräutigam in Todesgrüften,
Und Lieb‘ und Frühling, alles ist versunken!

Eduard Mörike

Kafka „kehrt zur Natur zurück!“

Ab Mitte 1979 erschien für 20 Jahre im Wagenbach-Verlag Freibeuter, eine Vierteljahreszeitschrift für Kultur und Politik – herausgegeben u.a. von Klaus Wagenbach. Die Nr. 16 aus 1983 hatte als Schwerpunktthema Franz Kafka nachgestellt:

Kafka geht ins Kino – Die Ostseereise – Kafka und Casanova – Erfolgreiche und weniger erfolgreiche Verwandte – Drei Sanatorien Kafkas.

Kafka war „schon viel in Sanatorien herumgekommen“, so schreibt er in einem Brief vom 1. November 1912 an seine spätere Braut Felice Bauer. Eine „allgemeine Schwäche“ oder „Neurasthenie“ nennt er als Grund. „Die Naturheilkunde – Wasser, Licht, Luft, gesundes Essen, körperliche Bewegung, ‚Reformkleidung’ – war damals nicht nur Mode, sondern eine verständliche Antwort auf die dumpfe Luft spätwilhelminischer Wohnzimmer, die riesigen, fetten Fleischmengen auf den bürgerlichen Mittagstischen, auf Wasserscheu und Sonnenangst, Fischbeinkorsett und Schnurrbartbinde, Vatermörder und Schnürstiefel. Und die ‚Neurasthenie’ war nicht nur eine Modekrankheit empfindsamer Kaufmannssöhne und -gattinnen, sondern die ‚Zeitkrankheit’ im besten Wortsinn.“ (so Klaus Wagenbach in Freibeuter 16, S. 77).

So kam es, dass Franz Kafka sich im Juli 1912 drei Wochen im Harz aufhielt und dort in Just’s Jungborn, zwischen Ilsenburg und Harzburg gelegen, Postanschrift: Just, Stapelburg (Bahnstation Eckerthal), „zur Natur zurückkehrte“.

Jungborn um 1900

Jungborn im Eckertal zwischen Bad Harzburg und Stapelburg

Jungborn im Eckertal zwischen Bad Harzburg und Stapelburg

Die Kuranstalt war am 21. Juni 1896 eröffnet worden, wurde zwischen 1943 und 1945 Kinderlandverschickungslager, 1944 auch Lazarett und wurde dann im Mai 1945 beschlagnahmt. 1964 erfolgte der Abriss im Zuge der innerdeutschen Grenzsicherung, da sich die Häuser der Kuranstalt auf dem Gebiet der DDR befanden – unmittelbar an der Grenze zur Bundesrepublik Deutschland; heute ist dies die Ländergrenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt.

Bevor Kafka nach Jungborn im Harz kam, hatte er gemeinsam mit seinem Freund Max Brod die ‚klassischen Stätten’ in Weimar besichtigt und dabei die beiden jungen Verleger Ernst Rowohlt und Kurt Wolff kennengelernt. Rowohlt zeigte ein ernsthafte Interesse, ein Buch von Kafka zu verlegen. Während seines Aufenthaltes in Jungborn überlegte er, was er dem Verleger anbieten könne. Zunächst dachte er an seinen ‚amerikanische Roman’, entschloss sich dann aber doch dazu, ältere Erzählungen zu einem Band zusammenzustellen. Daraus wurde dann „Betrachtung“, dass noch im gleichen Jahr erschien, das erste Buch Kafkas. Dafür dachte Kafka daran, den ‚Verschollenen’ (‚Amerika’) neu zu entwerfen. So schreibt Kafka in seinem ersten Brief an Max Brod: „Es gefällt mir hier ganz gut, gut, die Selbständigkeit ist so hübsch und eine Ahnung von Amerika wird diesen armen Leibern eingeblasen.“ Das Manuskript der ersten Fassung vernichtete Kafka und begann im September 1912 eine zweite, die uns überliefert ist.

„Für die Neukonzeption des Romans waren mit Sicherheit die Erlebnisse im Jungborn mitbestimmend, insbesondere die dort diskutierten panchristlichen Ideen und das dort täglich mit Nacktkultur, Lehmpackungen, Lichtlufthäuschen und vegetarischer Küche aufgeführte Naturtheater. Nicht von ungefähr heißt es in den ersten Zeilen des Romankapitels ‚Das Naturtheater von Oklahoma’: ‚Auf nach Clayton!’ Auf also nach Lehmstadt, wobei clay zugleich auch Erde heißt, Staub und irdische Hülle im religiösen Sinn – genauso wie es der Sanatoriumsinhaber Adolf Just sah (in seinem 1896 erschienenen und in zahlreichen Auflagen verbreiteten Buch ‚Kehrt zur Natur zurück!’): ‚Der Mensch ist aus Erde gemacht, alles, was er zu seinem Lebensunterhalt nötig hat, entsteht aus der Erde’, mit ausdrücklichem Verweis auf Moses 2,7 und 3,19. Deswegen empfahl Just auch Wickel mit ‚reinem, tiefgegrabenem Lehm’, Fußbäder, Gurgeln und ebenso die ‚innere Anwendung der Heilerde bei allen Krankheiten’.“ (Freibeuter 16: Jungborn, Heimstätte und Musteranstalt für reines Naturleben – Klaus Wagenbach, S. 82)

Diese biographische Konstellation widerspricht ziemlich den Worten in dem Artikel Wie Franz Kafka am Nordrand des Harzes seine Schreibkrise überwand, erschienen am 6. Dezember 2003 in der Volksstimme; u.a. heißt es dort: „Der schreibmüde Kafka fand in Justs Jungborn am Harzrand zu alter Schaffenskraft zurück.“ Sicherlich wurde Kafka während seines Aufenthalts inspiriert; Auftrieb gab vor allem die Gewissheit, bald ein eigenes Buch veröffentlicht zu sehen.

„‚Kehrt zurück zur Natur’ war das Motto des Sanatoriums, in dessen Therapie Bewegung an frischer Luft und Naturheilverfahren im Vordergrund standen. Die Kurgäste wohnten in Lufthäuschen, besuchten die Gesellschafts- und Badehäuser und nahmen ihr aus Rohkost, Obst und Nüssen bestehendes Essen in großen, lichtdurchfluteten Speisesälen ein. Gemäß der Erkenntnis ‚Gesundheit ist nicht alles – ohne Gesundheit ist alles nichts!’ absolvierte der Jungborn-Gast allmorgendlich in Luftparks, nach Geschlechtern getrennt, Freiübungen, die von Gesang und Spiel begleitet waren. Als weitere Anwendungen standen Luft- und Sonnenbäder, Heilerde-Kuren, Massagen, Gymnastik und Atemübungen auf dem Programm. Jeder Jungborn-Gast bekam seiner Veranlagung und seinem Zustand entsprechend eine besondere Kur verordnet, ausgerichtet auf die vier Urelemente Licht, Luft, Lehm und Wasser. Der Gast sollte damit zur Besinnung auf das Wesentliche geführt werden, zur Hinkehr auf die natürliche Einfachheit im Denken und Leben.“ (aus: Stapelburger Grenzgeschichten und das Eckertal)

„… Nackte liegen still vor meiner Tür. Alle bis auf mich ohne Schwimmhose“, schreibt Kafka in sein Tagebuch vom 8. Juli 1912. Der Anblick von so vielen Nackten wirkte auf ihn zunächst irritierend: „Hie und da bekomme ich leichte oberflächliche Übelkeiten, wenn ich, meistens allerdings in einiger Entfernung, diese gänzlich Nackten langsam zwischen den Bäumen sich vorbeibewegen sehe. Ihr Laufen macht es nicht besser. – Jetzt ist an meiner Tür ein ganz fremder Nackter stehen geblieben und hat mich langsam und freundlich gefragt, ob ich hier in meinem Hause wohne, woran doch kein Zweifel ist. – sie kommen auch unhörbar heran. Plötzlich steht einer da, man weiß nicht, woher er gekommen ist. – Auch alte Herren, die nackt über Heuhaufen springen, gefallen mir nicht. Abends Spaziergang nach Stapelburg. Mit zweien, die ich einander vorgestellt und empfohlen habe. Ruine. Rückkehr 10 Uhr. Zwischen den Heuhaufen auf der Wiese vor meiner Hütte einige schleichende Nackte, die in der Ferne vergehen. In der Nacht, als ich durch die Wiesen nach dem Kloset wandere, schlafen drei im Gras.“ (11. Juli 1912). Dann fand er zum gesundheitsfanatischen Treiben auf dem Gelände schnell den passenden ironischen Ton: „Wie ein wildes Tier jagt plötzlich ein Greis über die Wiese und nimmt ein Regenbad.“ (19. Juli 1912). Am 15. Juli 1912 notiert Kafka: „…Ohne Schwimmhosen. Exhibitionistisches Erlebnis… Die große Beteiligung des nackten Körpers am Gesamteindruck des Einzelnen…..“

Kafka wohnte in einer nach drei Seiten offenen Hütte: „Mein Haus heißt ‚Ruth’. Praktisch eingerichtet. 4 Luken, 4 Fenster, 1 Tür.“ (8. Juli 1912). Er half bei der Kirschenernte und auch beim Mähen des Grases (12. Juli: „Heu aufgeladen“– 13. Juli: „Kirschen gepflückt“ und 14. Juli: „Kirschen gepflückt auf Leiter mit Körbchen. Hoch im Baum oben gewesen.“). Über sein Begegnung mit dem Anstaltsleiter schreibt er am 12. Juli. „Der alte blauäugige Adolf Just, der alles mit Lehm heilt und mich vor dem Arzt warnt, der mir Obst verboten hat.“

Kafka betrachtet seine Mitpatienten, hält dieses in seinem Reisetagebuch ausführlich fest und führt auch interessante Gespräche (9. Juli 1912: „Das immerwährende grundlose Bedürfnis, sich anzuvertrauen.“). Viel anderes bleibt auch kaum zu tun, denn außer Natur ist wenig für Unterhaltung gesorgt im Jungborn. Kafka, der eigentlich ungesellige Mensch, taut hier geradezu auf. So schrieb er am 22. Juli 1912 an seinen Freund Max Brod: „Sag nichts gegen die Geselligkeit! Ich bin auch der Menschen wegen hergekommen und bin zufrieden, dass ich mich wenigstens darin nicht getäuscht habe. Wie lebe ich denn in Prag! Dieses Verlangen nach Menschen, das ich habe und das sich in Angst verwandelt, wenn es erfüllt wird, findet sich erst in den Ferien zurecht; ich bin gewiß ein wenig verwandelt.“

Am Abend des 16. Juli 1912 besucht Kafka das Schützenfest in Stapelburg. Die Erlebnisse hier fließen wie bereits erwähnt später in das Kapitel „Das Naturtheater von Oklahoma“ seines Amerika-Romans mit ein.

Übrigens gibt es das ‚neue“ vegetarische Kochbuch von Adolf Just, dem Gründer von Jungborn, im Internet: „Der Jungborn-Tisch“

Siehe auch meinen Beitrag: Rotraut Hackermüller: Das Leben, das mich stört

Klaus Wagenbach: Franz Kafka – Bilder aus seinem Leben

Er selbst nennt sich „dienstälteste Kafka-Witwe“ und beschäftigt sich seit 1950 mit Franz Kafka: Klaus Wagenbach, Gründer des Verlags seines Namens, ein kleiner, aber feiner Verlag, dessen literarischer Schwerpunkt Italien ist. Neben seiner Forschung weist Wagenbach die wohl weltweit größte Sammlung an Dokumenten zu Kafka auf. Und so ist es nicht verwunderlich, dass er einen Großteil der Fotosammlung zu Kafka in einem Buch veröffentlicht hat.

Klaus Wagenbach: Franz Kafka - Bilder aus seinem Leben

Klaus Wagenbach: Franz Kafka - Bilder aus seinem Leben

Klaus Wagenbach: Franz Kafka – Bilder aus seinem Leben

Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1983

Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2008
veränderte und erweiterte Ausgabe

Ich habe eine broschierte Ausgabe aus dem Jahre 1983 (ISBN 3 8031 3509 5) vorliegen, damals für 29,80 DM erstanden. Inzwischen gibt es eine gebundene, veränderte und sicherlich um viele Fotos erweiterte Ausgabe für 39 € (letzter Stand: 22. April 2008). Neben diesem Bilderbuch hat Klaus Wagenbach Kafka-Lesebücher und auch eine Biografie als Monografie über den Prager Dichter veröffentlicht: Wagenbach: Kafka

„Über fünfhundert, zum größten Teil bislang unbekannte Bilder aus dem Leben des Schriftstellers, der den stärksten Einfluß auf die heutige Literatur ausübte. Ein Lesebuch mit Bildern. Ein Bilderbuch zum Lesen.“ (aus dem Klappentext zur Ausgabe 1983)

Dieser Bildband ist ein absolutes Muss für jeden, der sich halbwegs ernsthaft für Franz Kafka interessiert und ist in seiner Art unerreicht, so sehr mir die beiden anderen Bildbände Jiří Gruša: Franz Kafka aus Prag und Rotraut Hackermüller: Das Leben, das mich stört auch gefallen. Es erstaunt mich immer wieder, was Klaus Wagenbach hier mit viel Liebe zum Detail zusammengetragen hat. Wie schön, dass es noch so viele Fotos mit Franz Kafka im Mittelpunkt gibt. Dazu gibt uns Wagenbach alle notwendigen Informationen. Ansonsten darf und kann man die Bilder als solches auf sich wirken lassen. Und immer wieder in dem Bildband stöbern.

Ich mag alte Fotografien, die uns ein Tor zu einer längst vergangenen Zeit aufstoßen, so wie z.B. das Foto meiner Mutter als Kind (Die Kinder von der Schnurgass‘), dass nun auch schon fast 90 Jahre alt sein dürfte. Und mit den Fotos aus Wagenbachs Kafka-Bilderband kommen wir durch das Eintauchen in eine andere, alte Zeit auch dem Menschen Kafka um einiges näher.

Um gewissermaßen auch meinen kleinen Beitrag zum Thema Kafka & Prag zu leisten, habe ich aus den drei genannten Bilderbänden Kafkas Prager Anschriften zusammengestellt. Hierzu gibt es in den Band von Klaus Wagenbach eine sehr schöne grafische Übersicht, anhand der ich die heutigen (tschechischen) Straßennamen ausfindig gemacht habe. Hier nun einen Auszug aus dem Prager Stadtplan (Teile der Altstadt – dank mapy.cz), der die dort bestandenen Wohnanschriften Kafkas aufführt (die Nummern entsprechen den Nummern in der Wagenbach-Übersicht):

Prag (heute) mit Kafkas Adressen in der Altstadt


Größere Kartenansicht
(3) Geburtshaus von Franz Kafka (Geburt am 3. Juli 1883) – Haus „Zum Turm“ (27/I) – Ecke Enge Gasse (später Maiselgasse)/Karpfengasse (heute: Maiselova/Kaprova) – das Haus wurde 1897/98 abgerissen, das Portal blieb erhalten – die Straße hieß zwischenzeitlich Rathausgasse (U Radnice), heute: Náměstí Franze Kafky (Franz Kafka Platz), Praha, Česká republika

1885-1888 ist Kafka dann mit den Eltern noch dreimal umgezogen: Wenzelsplatz 56, Geistgasse V/187 und Niklasstraße 6, alle Häuser sind abgerissen (lt. Wagenbach).

08/1888-05/1889 „Sixt“-Haus in der Zeltnergasse 2 (heute: Celetná)

06/1889-09/1896 (4) Haus „Minuta“ – Kleiner Altstädter Ring 2 (heute: Malé Náměstí)

09/1897-06/1907 (7) Haus „Zu den drei Königen“ – auch Geschäft des Vaters bis 1906 in der Zeltnergasse 3 (heute: Celetná)

— 1906-1912 (8) Geschäft des Vaters in der Zeltnergasse 12 (Celetná)

— ab 1912 (6) Geschäft des Vaters im Kinsky-Palais (Staroměstské Náměstí)

06/1907-11/1913 Haus „Zum Schiff“ in der Niklasstraße 36 (heute: Pařížská) – Haus ist nicht erhalten

11/1913-07/1914 (14) Oppelthaus am Altstädter Ring 6 (heute: Staroměstské Náměstí 5)

ab 03.08.1914 für vier Wochen (12) Bilekgasse 10 (heute: Bílkova) bei Schwester Valli

09/1914-09.02.1915 Nerudagasse 48 (Polská) bei der Schwester Elli im Stadtteil Vinohrady

10.02.-15.03.1915 nochmals (12) Bilekgasse 10 (heute: Bílkova) in eigener Wohnung

ab 15.03.1915-28.02.1917 (lt. Wagenbach) (13) Haus „Zum goldenen Hecht“ in der Langenstraße 18 (heute Dlouhá 16), hier hatte Kafka ein eigenes Zimmer


Größere Kartenansicht
Winter 1916/1917 Alchemistengasse (auch: (Goldmachergässchen)) Nr. 22 (heute: Zlatá ulička u Daliborky)

03-08/1917 Schönborn-Palais in der Marktgasse 15 (heute: Tržiště), heute Sitz der US-Botschaft


Größere Kartenansicht
zuletzt 05/1918-1924 (14) wieder Oppelthaus am Altstädter Ring 6 (heute: Staroměstské Náměstí 5), Franz Kafkas letzter Wohnsitz in Prag

Wer sich also einmal nach Prag aufmachen sollte, dem empfehle ich, auf den Spuren auch von Franz Kafka zu wandeln. In der Altstadt rund um den Altstädter Ring gibt es natürlich noch vieles mehr zu sehen. Und in der Maiselova 62/8 (unweit des Geburtshauses von Kafka) gibt es das Restaurant U Golema, um sich dort zu stärken.

Heute Ruhetag (5): Ritter von der traurigen Gestalt

Heute Ruhetag!

An einem Orte der Mancha, an dessen Namen ich mich nicht erinnern will, lebte vor nicht langer Zeit ein Junker, einer von jenen, die einen Speer im Lanzengestell, eine alte Tartsche, einen hagern Gaul und einen Windhund zum Jagen haben. Eine Schüssel Suppe mit etwas mehr Kuh- als Hammelfleisch darin, die meisten Abende Fleischkuchen aus den Überbleibseln vom Mittag, jämmerliche Knochenreste am Samstag, Linsen am Freitag, ein Täubchen als Zugabe am Sonntag – das verzehrte volle Dreiviertel seines Einkommens; der Rest ging drauf für ein Wams von Plüsch, Hosen von Samt für die Feiertage mit zugehörigen Pantoffeln vom selben Stoff, und die Wochentage schätzte er sich’s zur Ehre, sein einheimisches Bauerntuch zu tragen – aber vom feinsten! Er hatte bei sich eine Haushälterin, die über die Vierzig hinaus war, und eine Nichte, die noch nicht an die Zwanzig reichte; auch einen Diener für Feld und Haus, der ebensowohl den Gaul sattelte als die Gartenschere zur Hand nahm. Es streifte das Alter unsres Junkers an die fünfzig Jahre; er war von kräftiger Körperbeschaffenheit, hager am Leibe, dürr im Gesichte, ein eifriger Frühaufsteher und Freund der Jagd. Man behauptete, er habe den Zunamen Quijada oder Quesada geführt – denn hierin waltet einige Verschiedenheit in den Autoren, die über diesen Kasus schreiben –, wiewohl aus wahrscheinlichen Vermutungen sich annehmen läßt, daß er Quijano hieß. Aber dies ist von geringer Bedeutung für unsre Geschichte; genug, daß in deren Erzählung nicht um einen Punkt von der Wahrheit abgewichen wird. […]

Miguel de Cervantes Saavedra: Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha

siehe hierzu auch: Wilfredo A.: Gegen Windmühlen kämpfen

Karl May: Durch die Wüste

2012 ist ein Karl May-Jahr, denn es jährt sich Karl Mays Geburtstag zum 170. Male und sein Todestag zum 100. Mal. Es ist schon erstaunlich, was sich so alles im Internet zu dem Erfinder von Winnetou, Old Shatterhand oder auch Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar findet.

Bevor ich mich auf die ‚große Literatur’ stürzte, also in jungen Jahren, da war Karl May das für mich, was heute Harry Potter für Kinder und Jugendliche ist. Dabei muss ich gestehen, dass mir die Orient-Abenteuer mehr gefallen haben als der Wilde Westen. Der Orient-Zyklus mit Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, übrigens Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah mit vollem Namen (»So bist Du also der Sohn Abul Abbas‘, des Sohnes Dawud al Gossarah?«), beginnt mit dem Buch „Durch die Wüste“.

Als ich also mit jungen Jahren dieses Buch zum ersten Mal las, hatte ich nicht geahnt, dass ich viel später einmal, zudem mit den eigenen Söhnen, auf den Spuren der beiden Orient-Helden wandeln werde. So verbrachte ich mit meiner Familie zum Jahrtausendwechsel von 1999 auf 2000 zwei sehr interessante Wochen im Süden Tunesiens und durchquerte zum einen den Schott el Djerid, einem Sedimentbecken mit Salzsee, sowie einen nördlichen Teil der Sahara, den Östlichen Großer Erg (Grand Erg Oriental), eine Sandwüste. Ausgangspunkt war für uns die Oasenstadt Tozeur, die bei Karl May Toser genannt wird.

Sonnenaufgang über dem Schott el Djerid

Die Karawane zieht weiter

Sonnenaufgang über dem Schott el Djerid

Die Karawane zieht weiter

Kinder im Boot auf dem Schott el Djerid

Schott el Djerid - Salzsee

Kinder im Boot auf dem Schott el Djerid

Schott el Djerid – Salzsee

Durch die Wüste reiten Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar, sein treuer Gefährte. Der Fund einer Leiche bei den Salzseen Nordafrikas löst ein faszinierendes Abenteuer aus, dessen Folgen den Leser sechs Bände lang in Atem halten. Schon zu Beginn erschließt sich die ganze Buntheit der orientalischen Welt. Im ersten Band des Orient-Zyklus von Karl May beschreibt dieser sehr ausführlich den Schott el Djerid – wie folgt wiedergegeben:

„Zu unserer Linken glänzte die Fläche des Schott Dscherid zu uns herauf, ein Anblick, den ich vollständig auszukosten suchte. […]

Die Einsenkung des Schottgebietes ist heutzutage zum großen Theile mit Sandmassen angefüllt, und nur in der Mitte der einzelnen Bassins hat sich eine ziemlich beträchtliche Wassermasse erhalten, welche durch ihr Aussehen den arabischen Schriftstellern und Reisenden Veranlassung gab, sie bald mit einem Kampherteppich oder einer Kristalldecke, bald mit einer Silberplatte oder der Oberfläche geschmolzenen Metalls zu vergleichen. Dieses Aussehen erhalten die Schotts durch die Salzkruste, mit der sie bedeckt sind und deren Dicke sehr verschieden ist, so daß sie zwischen zehn und höchstens zwanzig Centimeter variirt. Nur an einzelnen Stellen ist es möglich, sich ohne die eminenteste Lebensgefahr auf sie zu wagen. Wehe dem, der auch nur eine Hand breit von dem schmalen Pfade abweicht! Die Kruste gibt nach, und der Abgrund verschlingt augenblicklich sein Opfer. Unmittelbar über dem Kopfe des Versinkenden schließt sich alsbald die Decke wieder. Die schmalen Furten, welche über die Salzdecke der Schotts führen, werden besonders in der Regenzeit höchst gefährlich, indem der Regen die vom Flugsande überdeckte Kruste bloßlegt und auswäscht.

Das Wasser dieser Schotts ist grün und dickflüssig und bei weitem salziger als das des Meeres. Ein Versuch, die Tiefe des Abgrundes unter sich zu messen, würde des Terrain halber zu keinem Resultate führen, doch darf wohl angenommen werden, daß keiner der Salzmoräste tiefer als fünfzig Meter ist. Die eigentliche Gefahr bei dem Einbrechen durch die Salzdecke ist bedingt durch die Massen eines flüssigen, beweglichen Sandes, welcher unter der fünfzig bis achtzig Centimeter tiefen, hellgrünen Wasserschicht schwimmt und ein Produkt der Jahrtausende langen Arbeit des Samums ist, der den Sand aus der Wüste in das Wasser trieb.

Schon die ältesten arabischen Geographen, wie Ebn Dschobeir, Ebn Batuta, Obeidah el Bekri, El Istakhri und Omar Ebn el Wardi, stimmen in der Gefährlichkeit dieser Schotts für die Reisenden überein. Der Dscherid verschlang schon Tausende von Kameelen und Menschen, welche in seiner Tiefe spurlos verschwanden. Im Jahre 1826 mußte eine Karawane, welche aus mehr als tausend Lastkameelen bestand, den Schott überschreiten. Ein unglücklicher Zufall brachte das Leitkameel, welches an der Spitze des Zuges schritt, vom schmalen Wege ab. Es verschwand im Abgrunde des Schott, und ihm folgten alle anderen Thiere, welche rettungslos in der zähen, seifigen Masse verschwanden. Kaum war die Karawane verschwunden, so nahm die Salzdecke wieder ihre frühere Gestalt an, und nicht die kleinste Veränderung, das mindeste Anzeichen verrieth den gräßlichen Unglücksfall. Ein solches Vorkommniß könnte unmöglich erscheinen, aber um es zu glauben, muß man sich nur vergegenwärtigen, daß jedes Kameel gewohnt ist, dem voranschreitenden, mit dem es ja meist auch durch Stricke verbunden ist, blind und unbedingt zu folgen, und daß der Pfad über die Schotts oft so schmal ist, daß es einem Thiere oder gar einer Karawane ganz unmöglich wird, wieder umzukehren.

Der Anblick dieser tückischen Flächen, unter denen der Tod lauert, erinnert an einzelnen Stellen an den bläulich schillernden Spiegel geschmolzenen Bleies. Die Kruste ist zuweilen hart und durchsichtig wie Flaschenglas und klingt bei jedem Schritte wie der Boden der Solfatara in Neapel; meist aber bildet sie eine weiche, breiige Masse, welche vollständig sicher zu sein scheint, aber doch nur so viel Festigkeit besitzt, um einen leichten Anflug von Sand zu tragen, bei jeder anderen Last aber unter derselben zu weichen, um sich über ihr wieder zu schließen.

Den Führern dienen kleine, auseinander liegende Steine als Wegzeichen. Früher gab es auf dem Schott El Kebir auch eingesteckte Palmenäste. Der Ast der Dattelbäume heißt Dscherid, und diesem Umstande hat der Schott seinen zweiten Namen zu verdanken. Diese Steinhäufchen heißen »Gmaïr«, und auch sie fehlen an solchen Punkten, wo auf mehrere Meter Länge der Boden von einer den Pferden bis an die Brust reichenden Wasserfläche bedeckt wird.

Die Kruste der Schotts bildet übrigens nicht etwa eine einheitliche, flache Ebene, sondern sie zeigt im Gegentheile Wellen, welche selbst dreißig Meter Höhe erreichen. Die Kämme dieser Bodenwellen bilden eben die Furten, welche von den Karawanen benützt werden, und zwischen ihnen, in den tiefer liegenden Stellen, lauert das Verderben. Doch geräth schon bei einem mäßigen Winde die Salzdecke in eine schwingende Bewegung und läßt das Wasser aus einzelnen Öffnungen und Löchern mit der Macht einer Quelle hervorbrechen.“

aus Karl May: Durch die Wüste

Während der französischen Kolonialzeit wurde eine dammartige Piste aufgeschüttet, die Tozeur mit Kebili verbindet. Diese war zwischenzeitlich unpassierbar geworden, 1979 wurde jedoch eine ganzjährig passierbare asphaltierte Dammstraße angelegt (siehe Foto oben: Sonnenaufgang über dem Schott el Djerid). Neben der Straße sieht man heute noch die ursprünglich in die Salzkruste gesteckten Palmwedel, an denen sich jahrhundertelang Wanderer, Kameltreiber und seit dem 20. Jahrhundert auch die Autofahrer orientierten.

Weitere Werke von Karl May finden sich unter zeno.org

Weitere Links:
Karl-May-Spiele Bad Segeberg
Karl May Wiki mit vielen Informationen zu Karl May und seinen Werken

Heute Ruhetag (4): Der Hungerkünstler

Heute Ruhetag!

»Immerfort wollte ich, daß ihr mein Hungern bewundert«, sagte der Hungerkünstler. »Wir bewundern es auch«, sagte der Aufseher entgegenkommend. »Ihr solltet es aber nicht bewundern«, sagte der Hungerkünstler. »Nun, dann bewundern wir es also nicht«, sagte der Aufseher, »warum sollen wir es denn nicht bewundern?« »Weil ich hungern muß, ich kann nicht anders«, sagte der Hungerkünstler. »Da sieh mal einer«, sagte der Aufseher, »warum kannst du denn nicht anders?« »Weil ich«, sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verlorenginge, »weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.«

Franz Kafka: aus Der Hungerkünstler

Jirí Gruša: Franz Kafka aus Prag

Während das Werk von Franz Kafka übersichtlich ist, lässt sich die Sekundärliteratur zu Kafka kaum noch fassen. Viele namhafte Autoren haben sich mit Kafka beschäftigt, von Albert Camus über Elias Canetti bis hin zu Martin Walsers Dissertation, mit der dieser 1951 in Tübingen promovierte: Martin Walser: Beschreibung einer Form – Versuch über Franz Kafka

Ein Grund dürfte die Bandbreite der Interpretationsmöglichkeiten des Kafkaschen Werkes sein, wie ich ansatzweise in Frank Kafka: Der Prozess angedeutet habe. Und wer es noch nicht weiß: Es gibt ein auf Kafka bezogenes Adjektiv im deutschen Wortschatz, das selbst der Duden zugelassen hat, und das soviel wie „in der Art der Schilderungen Kafkas, auf rätselhafte Weise unheimlich, bedrohlich“ bedeutet: kafkaesk!

Mir ist jetzt wieder ein Buch in die Hand gefallen, das aus der Sekundärliteratur für mich herausragt. Es ist zwar vom Format groß, von der Seitenzahl aber eher klein. Es enthält überwiegend Fotos und kleine Anmerkungen des Autors, sowie Texte von Kafka – und ist leider nur noch im Antiquariat erhältlich: Jiří Gruša: Franz Kafka aus Prag.

„Vielerlei Faktoren bestimmen Leben und Werk eines Künstlers – solche, die sich in der Biographie aufzeigen und im gesamten Schaffen analysieren lassen, und solche, die im Bild dokumentiert oder nachgewiesen werden können. Entscheidend ist die Umwelt, in die er hineinwächst, die Stadt. Sie hat er anzunehmen oder abzulehnen, ihr Altes und ihr Neues, ihr Selbstverständliches und ihr Außergewöhnliches. Er hat sich zu stellen oder sich zurückzuziehen, die Herausforderung der Enge zu akzeptieren und alle Wege zu beschreiten oder zu resignieren.

Jirí Gruša: Franz Kafka aus Prag

Franz Kafka - Unterschrift

Der 'Graben', die Fortsetzung der Ferdinandstraße, Photographie, um 1890
Der ‚Graben‘, die Fortsetzung der Ferdinandstraße, Photographie, um 1890

Prag hat, als Franz Kafka dort zur Welt kommt, noch immer fünf Viertel, obwohl das Tor zum fünften, zum Ghetto, schon lange freigegeben ist, doch niemand, der dort aufgewachsen ist, kann leugnen, daß es ein Stück von ihm bleibt. Und der Wunsch, von dort herkommend, das ‚Schloß’ zu erobern, dem Anderen zustreben zu können, weitet sich bis ins Schmerzliche. Wer aber an der Schwelle geboren ist wie Franz Kafka, wer um beide Seiten weiß, muß zum Mittler werden zwischen allen Zeiten.

Jiří Gruša hat Fotos der Stadt, wie Franz Kafka sie gesehen hat, und Aufnahmen von heute [Anfang der 80er Jahre] einander gegenübergestellt, hat ihnen Zitate und Beschreibungen zugeordnet und so ein Spannungsfeld geschaffen zwischen damals und jetzt. Kafkas Sicht seiner Welt wird in der Gegenwart abbildbar – seine Erfahrung wird unsere Erfahrung.“
(aus dem Klappentext – 1983 S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main – ISBN 3-10-028603-0)

Jiří Gruša, 1938 in Pardubice geboren, studierte Philosophie, Literaturgeschichte und Geschichte an der Karls-Universität in Prag. Als Literat trat Gruša in den 1960er Jahren in Erscheinung. Er publizierte gemeinsam mit weiteren jungen Schriftstellern, darunter Václav Havel, in der 1963 mitbegründeten Zeitschrift Gesicht (Tvář), der ersten nichtkommunistischen Zeitschrift im Lande. Als er eine kritische Abrechnung mit der stalinistischen Poesie der 50er Jahre veröffentlichte, wurde das ‚Gesicht’ zwangsweise eingestellt. Gruša übertrug Rilke, Celan und Kafka ins Tschechische; er schrieb Lyrik und Prosa. 1968 beteiligte sich Gruša gemeinsam mit anderen Intellektuellen am Prager Frühling, er unterzeichnete die Charta 77. 1981 wurden ihm die tschechoslowakischen Bürgerrechte aberkannt, im Frühjahr 1982 wurde Jiří Gruša aus Prag ausgebürgert; zwei Jahre später erhielt er die deutsche Staatsangehörigkeit. Nach der samtenen Revolution wurde Gruša zum tschechischen Botschafter in Deutschland ernannt. Von Juni bis November 1997 war er tschechischer Bildungsminister, von 1998 bis 2004 Botschafter in Österreich. Von 2004 bis 2009 bekleidete er die Funktion des Präsidenten des internationalen P.E.N.-Clubs. Bis zu seinem Tod Ende 2011 lebte er mit seiner deutschen Frau bei Bonn. Nur kurze Zeit nach Gruša starb übrigens Václav Havel.


Geburtshaus von Franz Kafka in Prag mit Gedenktafel (heute: Námestí Franze Kafky)

„Jetzt, am Sonntagmorgen, waren die meisten Fenster besetzt, Männer in Hemdärmeln lehnten dort und rauchten oder hielten kleine Kinder vorsichtig und zärtlich an den Fensterrand. Andere Fenster waren hoch mit Bettzeug angefüllt, über dem flüchtig der zerraufte Kopf einer Frau erschien. Man rief einander über die Gasse zu, ein solcher Zuruf bewirkte gerade über K. ein großes Gelächter. Regelmäßig verteilt befanden sich in der langen Straße kleine, unter dem Straßenniveau liegende, durch ein paar Treppen erreichbare Läden mit verschiedenen Lebensmitteln. Dort gingen Frauen aus und ein oder standen auf den Stufen und plauderten. Ein Obsthändler, der seine Waren zu den Fenstern hinauf empfahl, hätte, ebenso unaufmerksam wie K., mit seinem Karren diesen fast niedergeworfen. Eben begann ein in besseren Stadtvierteln ausgedientes Grammophon mörderisch zu spielen.“
Kafka: Der Prozess

Hier beschreibt Kafka eine Szene in Prag, wie sie am Anfang der 20. Jahrhunderts in jeder Großstadt hätte geschehen können. Die Leute schauen am Sonntagmorgen aus den Fenstern, unterhalten sich, und von irgendwo dröhnt ein Grammophon. Wie typisch für Kafka, so ist auch diese kleine Szene so bildhaft. Und wenn man dann vielleicht noch ein Foto aus jener Zeit sieht, so taucht man förmlich in diese Szene ein.

Franz Kafka hatte ein ganz besonderes Verhältnis zu Prag, seinem Geburts- und Wohnort. Die Stadt bildet oft genug den Rahmen für seine Erzählungen und Romane. Aber die Stadt war noch mehr. Kafka fühlte sich von Prag gefangen. Die Stadt lässt ihn nicht los. Sie ist wir ein Tier, das sich ihn zum Spielball auserkoren hat. Erst als Kafka schwer erkrankt, „läßt die ‚verdammte Stadt’ K. los. Er ist auf freiem Fuß, der Prozeß jedoch hat schon begonnen. K. aber glaubt, Gott habe ihm die Krankheit geschickt, weil er ohne sie von Prag nie losgekommen wäre.“ (S. 100)

Siehe auch radiobremen.de: Franz Kafka – Auf Spurensuche in Prag

Franz Kafka: Der Prozess

Franz Kafka: Der Prozeß - Roman - Fischer Richtiges Auffassen einer Sache und Mißverstehen der gleichen Sache schließen einander nicht vollständig aus.

Franz Kafka: Der Prozess

Franz Kafka hätte wohl nie gedacht, dass sein literarisches Werk eines Tages zum unbestrittenen Kanon der Weltliteratur zählen würde und bei Lesern wie Literaturwissenschaftler vielfältig und anhaltend wirken sollte. Dabei hatte er seinen Freund und Testamentvollstrecker, den Schriftsteller Max Brod, beauftragt, sein Werk im Falle seines Todes zu vernichten. Lediglich einige wenige, bereits zu Lebzeiten Kafkas erschienene kleinere Werke sollten erhalten blieben. Kafka zu Brod: „Von allem, was ich geschrieben habe, gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler“. Besonders die nachgelassenen Romane (Amerika, Der Prozess und Das Schloss) sollte Brod verbrennen. Er tat das nicht, sondern veröffentlichte diese postum – zum Leidwesen mancher Schüler, die sich immer wieder mit Kafka (ähnlich wie mit Kleist) ‚herumschlagen’ dürfen..

Zu Franz Kafka habe ich mich in diesem Blog öfter schon geäußert (Wie wäre es mit Kafka?Mythos Kafka-Mythos Camus125 Jahre Franz Kafka). Und zum Roman „Der Prozess“ (nachzulesen u.a. im Projekt Gutenberg Spiegel Online) habe ich hier erst vor einigen Tagen etwas unter einem besonderen Gesichtspunkt (Kafka, der Prozess und das Kino) verfasst. Hier möchte ich anschließen.

Wie bereits erwähnt, las ich Kafkas „Der Prozess“ (Franz Kafka – Gesammelte Werke Band 2 – herausgegeben von Max Brot – Taschenbuchausgabe in sieben Bänden – Fischer Taschenbuch Verlag – April 1976) in diesen Tagen zum 3. Mal. Die letzten beide Male liegen schon lange zurück (1977 und 1987).

Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (S. 7)

So beginnt der Roman. Josef K. wird verhaftet und erlebt einen Prozess vor einem Gericht, das nicht wie andere Gerichte ist, kein Zivil- oder Strafgericht, wenn dann eher letzteres. Dann allerdings ein Strafgericht besonderer Art. Dieses Gericht steht Josef K. nämlich als eine unbekannte, anonyme Macht mit weit verzweigten, undurchdringbaren Hierarchien gegenüber und bleibt die ganze Zeit rätselhaft und nicht eindeutig erklärbar.

Der Roman endet dramatisch mit der Hinrichtung von K.:

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. »Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. (S. 194)

Franz Kafka: Der Prozess - handschriftlicher Anfang
Quelle: franzkafka.de

So real die Bilder Kafkas in diesem Roman sind, so abstrakt ist der Hintergrund des Inhaltlichen, oder wie André Gide einmal sagte: „Der Realismus seiner Bilder übersteigt ständig die Vorstellungskraft“. Wer diesen Roman liest, findet sich in einer Alptraumwelt wieder und wird ständig vor Fragen gestellt, auf die es aus dem Buch heraus keine Antworten gibt. Was ist K.s Schuld? Was ist das für ein Gericht?

Wie die Fragen des Lesers vielfältig sind, so weitreichend sind die Interpretationen der Werke Kafkas. Die einen interpretieren den ‚Prozess’ aus religiöser Sicht als ein Werk, das von Schuld und Sühne handelt. Andere meinen, es zeige die Schwachheit des Menschen im Räderwerk anonymer Mächte auf. Politisch betrachtet wird das Werk als ein Protest gegen die Gesellschaft angesehen. Oder führt es in tiefe Gründe menschlichen Seelenlebens?

Wichtig bei der Betrachtung ist sicherlich der zeitliche Hintergrund. Während der Entstehung des Romans fand die Auflösung von Kafkas Verlobung mit Felice Bauer statt. Sowohl die Verlobung als auch die Entlobung waren für Kafka mit starken Schuldgefühlen verbunden. Außerdem brach der Erste Weltkrieg aus. Von hieraus gibt es sicherlich biografische Bezüge.

Im Grunde muss jeder seine eigene Interpretation erstellen, denn eigentlich kann man den Roman nur subjektiv betrachten, wirken lassen und entsprechend auslegen. Selbst für sich wird kaum einer zu einem eindeutigen Ergebnis kommen. Hier in Kürze meine Interpretationsansätze:

1. Das Gericht ist das Gewissen. In Alpträumen werden wir von nicht immer klar bestimmbaren Schuldgefühlen heimgesucht, die aus unserem Unterbewussten hervortreten.

2. Das Gericht verkörpert die das Leben einschneidenden, einengenden Verpflichtungen, gar Zwänge, die wir uns auferlegen, ein MUSS wie Arbeit. Auch Josef K. kommt nicht mehr seinem ‚eigentlichen’ Leben nach, weil er sich ständig nur noch um seinen Prozess kümmern muss. Kafka empfand seinen Brotberuf als Jurist im Unfall-Versicherungswesen als quälend.

3. Der Prozess im weiteren Sinne als ‚Tragikomödie des Lebens’. Dabei vermischen sich Gewissensfragen (1.) und Zwänge (2.) mit religiösen bzw. philosophischen Aspekten (Sinn des Lebens). Bis zu einem bestimmten Maße erscheint der einzelne Mensch als Opfer eines staatlichen Räderwerks. Die unterschiedlichen Gesichtspunkte werden gewissermaßen auf einer Linie zusammengefasst und anhand von Begrifflichkeiten wie Gericht und Anklage, die wie Sinnbilder dienen, dargestellt. Dabei gelingt es Kafka, der ‚Geschichte’ auch eine komische Seite abzugewinnen.

Gerade weil sich „Der Prozess“ nicht eindeutig interpretieren lässt, glaube ich, dass Kafka wie zu 3. beschrieben, ursprünglich unterschiedlichste Betrachtungsweisen auf einer Ebene kumuliert. So steht ein ‚Bild’ gleichzeitig für vieles, das Gericht für staatliche Stellen und zugleich für innere Instanzen, und bildet jeweils einen Mantel, der einerseits verhüllt, was unter ihm verborgen ist, andererseits aber auch zusammenführt, was sich eben unter einem Begriff zusammenfügen lässt.

Kafka war ein genauer Beobachter. Ihm entging keine Geste, keine Gebärde. Und er wusste Mimik und Gestik zu deuten und tat dies (daher der hohe Grad an Visualität in seinen Werken), leuchtete bis auf den Grund die menschliche Seele aus – und übersetzte das in einen ‚Code’, der nicht ohne weiteres zu knacken ist.

Das gesamte Werk von Franz Kafka

So nebenbei: Als großer Kafka-Bewunderer habe ich mir auf früheren Reisen ins Ausland, immer ein Buch Kafkas in der Übersetzung der jeweiligen Muttersprache des Landes besorgt. 1990, auf einer Rundreise in Island, fand ich eine Übersetzung des Romans „Der Prozess“ ins Isländische von Ástráður Eysteinsson und Eysteinn Þorvaldsson: Réttarhöldin – Skáldsaga (Bókaútgáfa Menningarsjóðs, 1983 – 293 Seiten). Der isländische Titel lässt sich eher mit dem deutschen Begriff ‚das Gerichtsverfahren’ bzw. ‚das Strafverfahren’ (der Artikel wird im Isländischen an das Substantiv angehängt: Réttarhöld-in) übersetzen. Und ‚ Skáldsaga’ ist der isländische Begriff für Roman (skáld = Dichter – saga zu segja, „sagen, erzählen“ – den Begriff Saga kennen wir ja auch im Deutschen). Hier Anfang und Ende des Romans spaßeshalber auf Isländisch:

Einhver hlaut að hafa rægt Jósef K. því að morgun einn var hann handtekinn án þess að hafa gert nokkuð af sér. (S. 7)

(Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne daß er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet. (S. 7))

En hendur annars mannsins lukust um barka K. á meðan hinn rak hnífinn djúpt í hjartað og sneri honum þar tvisvar. Brestandi augum sá K. hvernig mennirnir, kinn við kinn, þétt upp við andlit hans, fylgdust með úrslitunum. „Eins og hundur!“ sagði hann, það var sem smánin ætti að lifa hann. (S. 277)

(Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. »Wie ein Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben. (S. 194))

Kafka, der Prozess und das Kino

Franz Kafkas Prosa gilt vielen als unverdaulich, da sie zu schwer zu verstehen ist. Manche halten Kafka für krank. Wer solchen Kram geschrieben hat, konnte nur krank sein. Letzteres musste ich mir von einer Deutsch-Lehrerin einer Realschule anhören. Unfassbar!

Sicherlich ist Kafka starker Tobak. „So schwer der Gehalt des Werkes auch zu erfassen ist, so einfach, klar und schlicht ist andererseits die Sprache, in der es geschrieben ist.“ (Martin Pfeiffer: Erläuterungen zu Franz Kafka: Amerika / Der Prozeß / Das Schloß – Königs Erläuterungen und Materialien Band 209 – C. Bange Verlag, Hollfeld/Obfr. – 1981 – S. 57). Bei Kafka werden Alpträume gewissermaßen wahr, er ‚spielt’ mit seinen/unseren Ängsten und auch mit seinen/unseren Wünschen – und beschreibt diese dabei so real, wie es kein anderer Schriftsteller je geschafft hat. Nein, da fließt kein Blut. Der ‚Horror’, um dieses Wort einmal (und dann nie wieder) zu benutzen, ist viel subtiler bei Kafka. Nehmen wir Kafkas Roman „Der Prozess“ (nachzulesen u.a. im Projekt Gutenberg Spiegel Online). Hier wird eines morgens Josef K., ein aufstrebender Bankangestellter, mir nichts, dir nichts an seinem 30. Geburtstag zu Hause ‚verhaftet’. Eine richtige Verhaftung ist es eigentlich nicht, denn er wird nicht davon abgehalten, zur Arbeit zu gehen. Warum er verhaftet wird, weiß weder der ‚Aufseher’, noch wissen es die zwei ‚Wächter’, die K. daheim aufsuchen. Schon allein die Umstände dieser Verhaftung sind wie in einem Alptraum. Und das Ganze geht dann immer weiter.

Das gesamte Werk von Franz Kafka

Franz Kafka: Der Prozess - handschriftliche erste Seite
Quelle: franzkafka.de

Ich lese Kafkas „Der Prozess“ (Franz Kafka – Gesammelte Werke Band 2 – herausgegeben von Max Brot – Taschenbuchausgabe in sieben Bänden – Fischer Taschenbuch Verlag – April 1976) in diesen Tagen zum 3. Mal. Die letzten beide Male liegen schon lange zurück (1977 und 1987). Es wurde für mich als Kafka-Bewunderer also wieder ‚höchste Eisenbahn’. Hier in diesem Beitrag möchte ich mich lediglich mit dem ersten Kapital des leider unvollendeten Werkes beschäftigen und da auch nur mit den ersten 13 ¼ Seiten, der Verhaftung Josef K.s. Und das zudem aus einem ganz besonderem Blickwinkel.

Kafka interessierte sich sehr für ein neues Medium, den Cinémato- bzw. Kinematographen – also dem Kino (hierzu eine Seminararbeit zum Thema Franz Kafka und das Kino). Liest man die besagten gut 13 Seiten des Romananfangs, dann fällt einem sehr bald der „filmische Blick“ des Erzählers auf. Diese Seiten (und überhaupt das gesamte Werk) weisen einen hohen Grad an Visualität auf. Besonders die vielen Gesten der Handelnden werden – ähnlich wie in einem Drehbuch – sehr präzise beschrieben und erläutert, hier nur einige der vielen Textpassagen, die das belegen:

„.. machte eine Bewegung, als reiße er sich von den zwei Männern los …“ (S. 8 ) – „… und klopfte ihm öfters auf die Schulter.“ (S. 8 ) – „… hob aber schon einen Rock vom Stuhl und hielt ihn ein Weilchen mit beiden Händen, als unterbreite er ihn dem Urteil der Wächter.“ (S. 13) – „Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und einen Arm auf die Rückenlehne des Stuhles gelegt.“ (S 14) – „… schob seine Manschetten zurück, befühlte die Brust, strich sein Haar zurecht, …“ (S.16) – „Die drei jungen Leute hatten die Hände in die Hüften gelegt und sahen ziellos herum.“ (S. 17) – „Der Aufseher hob die Augen, nagte an den Lippen und sah auf K.s ausgestreckte Hand; …“ (S. 17)

Den Aufseher hat es dabei besonders ein Nachttisch angetan:

„… und verschob dabei mit beiden Händen die wenigen Gegenstände, die auf dem Nachttischchen lagen, die Kerze mit Zündhölzchen, ein Buch und ein Nadelkissen, als seinen es Gegenstände, die er zur Verhandlung benötige.“ (S. 14 f.) – „… fragte der Aufseher und stellte nun die Kerze in die Mitte des Tischchens, während er die anderen Sachen um sie gruppierte.“ (S. 15) – „… sagte der Aufseher und sah nach, wie viel Zündhölzchen in der Zündhölzchenschachtel waren.“ (S. 15) – „Der Aufseher schlug die Zündhölzchenschachtel auf den Tisch nieder.“ (S. 15)

Das ließe sich fortsetzen und zeigt das Bildhafte, ja geradezu Filmhafte des Romans auf. Und noch etwas habe ich gefunden, das die Nähe zum Film verdeutlicht. Gerade in diesen wenigen ersten Seiten gibt es so etwas wie einen Running Gag. Franz Kafka mag mir diese Bezeichnung verzeihen, aber Kafka benutzte hier ein Stilmittel, das dem ‚Dauerwitz’ sehr nahe kommt. Die Verhaftung von Josef K. wird nämlich während der gesamten Dauer aus dem Nachbarhaus beobachtet. Und in insgesamt acht Textpassagen (oder sind es vielleicht noch mehr) flocht Kafka diese Beobachtung in das Verhaftungsszenario mit ein:

(1) „… sah von seinem Kopfkissen aus die alte Frau, die ihm gegenüber wohnte und die ihn mit einer an ihr ganz ungewöhnlichen Neugierde beobachtete, …“ (S. 7)

(2) „Durch das offene Fenster erblickte man wieder die alte Frau, die mit wahrhaft greisenhafter Neugierde zu dem jetzt gegenüberliegendem Fenster getreten war, um auch weiterhin alles zu sehen.“ (S. 8 )

(3) „… drüben sah er die alte Frau, die einen noch viel älteren Greis zum Fenster gezerrt hatte, den sie umschlungen hielt.“ (S. 12)

(4) „… die beiden Alten von drüben, die wohl jetzt auf dem Marsch zum gegenüberliegendem Fenster waren.“ (S. 12 f.)

(5) „Im gegenüberliegendem Fenster lagen wieder die zwei Alten, doch hatte sich ihre Gesellschaft vergrößert, denn hinter ihnen, so weit überragend, stand ein Mann mit einem auf der Brust offenen Hemd, der seinen rötlichen Spitzbart mit den Fingern drückte und drehte.“ (S. 14)

(6) „Drüben war noch die Gesellschaft beim Fenster und schien nur jetzt dadurch, daß K. ans Fenster herangetreten war, in der Ruhe des Zuschauens ein wenig gestört. Die Alten wollten sich erheben, aber der Mann hinter ihnen beruhigte sie.“ (S. 16 f.)

(7) „‚Weg von dort’, rief er [K.] dann hinüber. Die drei wichen auch sofort ein paar Schritte zurück, die beiden Alten sogar noch hinter den Mann, der sie mit seinem breiten Körper deckte und, nach seinen Mundbewegungen zu schließen, irgend etwas auf die Entfernung hin Unverständliches sagte. Ganz aber verschwanden sie nicht, sondern schienen auf den Augenblick zu warten, in dem sie sich unbemerkt wieder dem Fenster nähern könnten.“ (S. 17)

Dann zuletzt als K. das Haus verlässt: (8) „…als plötzlich Kullich auf das gegenüberliegende Haustor zeigte, in dem eben der große Mann mit dem blonden Spitzbart erschien und im ersten Augenblick, ein wenig verlegen darüber, daß er sich jetzt in seiner ganzen Größe zeigte, zur Wand zurücktrat und sich anlehnte. Die Alten waren wohl noch auf der Treppe.“ (S. 19)

Max Brod, Freund und Herausgeber der Werke Kafkas schrieb in Franz Kafka. Eine Biographie (Neuausgabe 1974 mit dem Titel: Über Franz Kafka), dass Kafka beim Vorlesen aus diesem Werk vielfach laut lachen musste. Wenn man allein diese Passagen mit den Alten am Fenster liest, kann man das sehr gut nachvollziehen. So ernst und düster der Kern dieses Romans ist, so ist er doch nicht ohne Humor. Reiner Stach, Kafka-Biograf, bringt es in seinem Buch Kafka – Die Jahre der Entscheidungen auf den Punkt: „Denn furchtbar ist das Ganze, aber komisch sind die Details“. Und die Details sind wirklich aberwitzig. So studieren die Richter „Pornohefte statt Gesetzesbücher, sie lassen sich Frauen herbeitragen wie eine prächtige Speise auf einem Tablett. Die Henker sehen aus wie alternde Tenöre. Ein Gerichtsraum hat ein Loch im Boden, so dass ab und zu das Bein eines Verteidigers in den darunter liegenden Raum ragt.“ Besonders die sexuellen Aspekte weisen groteske Züge auf: „Die Frauen sind sirenenhaft, die Vertreter des Gerichts voller lüsterner Gier. Aber genauso ist auch K. voller unbeherrschter Gier Fräulein Bürstner gegenüber („… faßte sie, küßte sie auf den Mund und dann über das ganze Gesicht, wie ein durstiges Tier mit der Zunge über das endlich gefundene Quellwasser hinjagt. Schließlich küßte er sie auf den Hals, wo die Gurgel ist, und dort ließ er die Lippen lange liegen.“ – S. 30 f.) und erliegt ohne Gegenwehr den angebotenen Verlockungen.“ (Quelle: de.wikipedia.org) – Wenn das nicht filmreif ist?!

Ich kann mir nicht helfen: Würde Kafka heute leben, so könnte ich ihn mir sehr gut als Drehbuch-Autor für einen Film der Coen-Brüder vorstellen. Besonders ein Film wie A Serious Man könnte das Resultat einer Zusammenarbeit der drei sein. Oder vielleicht so: Die Coen-Brüder verfilmen in naher Zukunft Kafkas „Der Prozess“. Denkbar wäre das, ja, geradezu wünschenswert. Warum gerade die Gebrüder Ethan und Joel Coen? Beide sind Juden wie Kafka einer war. Und wellenlängenmäßig, so glaube ich schon, würden sie gut zueinander passen!

Vorweihnachtszeit (10): Weihnachten 1932 in Wasserburg/Bodensee

Die Bescherung fand, weil auf das Klavier nicht verzichtet werden konnte, im Nebenzimmer statt. Das heißt, Josef und Johann hatten erst Zutritt, als der Vater am Klavier Stille Nacht, heilige Nacht spielte. Der Einzug ins Nebenzimmer geschah durch zwei Türen: von der Wirtschaft her zogen, ihre Gläser in der Hand, die vier letzten Gäste hinter Elsa herein. Hanse Luis, der Schulze Max, Dulle und Herr Seehahn. Durch die Tür vom Hausgang her zogen Josef, Johann, Niklaus und der Großvater ein. Zuletzt Mina, die Prinzessin und die Mutter, sie kamen aus der Küche.

Immer an Weihnachten trug Herr Seehahn am grünen Revers seiner gelblichen Trachtenjacke den Päpstlichen Hausorden, den er bekommen hatte, weil er als Marinerevolutionär in München zum päpstlichen Nuntius, den er hätte gefangen nehmen sollen, gesagt hatte: Eminenz, wenn Sie mit mir kommen, sind Sie verhaftet, wenn Sie die Hintertür nehmen, sind Sie mir entkommen.

Dulle war wohl von allen am weitesten von seiner Heimat entfernt. Dulle war aus einem Ort, dessen Name in Johanns Ohren immer klang, als wolle man sich über Dulle lustig machen. Niemals hätte Johann in Dulles Gegenwart diesen Namen auszusprechen gewagt. Buxtehude. Dulle sprach anders als jeder andere im Dorf. Er hauste in einem Verschlag bei Frau Siegel, droben in Hochsträß, direkt an der frisch geteerten Landstraße. Dulle war Tag und Nacht unterwegs. Als Fischerknecht und als Durstiger. Oder hinter Fräulein Agnes’ Katzen her. Adolf behauptete, Dulles Verschlag, Wände und Decke, sei tapeziert mit Geldscheinen aus der Inflation. Hunderttausenderscheine, Scheine für Millionen, Milliarden, Billionen. Eine Zeitung habe, sagte Adolf, 1923 sechzehn Milliarden Mark gekostet. Immer wenn Johann von dieser Inflation etwas hörte, dachte er, das Land hat Fieber gehabt damals, 41 oder 42 Grad Fieber müssen das gewesen sein.

Der Schulte Max war nirgendwo her beziehungsweise überall her, eben vom Zirkus. Er nächtigte im Dachboden des von zugezogenen Fischerfamilien bewohnten Gemeindehauses, und zwar auf einem Lager aus alten Netzen.

Verglichen mit den Schlafstätten von Dulle und Schulze Max, war das, was Niklaus droben im Dachboden als Schlafstatt hatte, eine tolle Bleibe. Niklaus hatte ein richtiges Bett so mit alten Schränken umstellt, daß eine Art Zimmer entstand. Niklaus war für Johann interessant geworden, als Johann ihm einmal zugeschaut hatte, wie er seine Fußlappen über und um seine Füße schlug und dann in seine Schnürstiefel schlüpfte. Die Socken, die Mina ein Jahr zuvor für Niklaus gestrickt und unter den Tannenbaum gelegt hatte, hatte er einfach liegen lassen. Als Mina sie ihm in die Hand drückten wollte, hatte er den Kopf geschüttelt. Niklaus sprach selten. Mit Nicken, Kopfschütteln und Handbewegungen konnte er, was er sagen wollte, sagen. Wenn er meldete, daß Freifrau Ereolina von Molkenbuer drei Zentner Schwelkoks und Fräulein Hoppe-Seyler zwei Zentner Anthrazit bestellt hatten, merkte man, daß er keinerlei Sprachfehler hatte. Er sprach nicht gern. Sprechen war nicht seine Sache.

Unterm Christbaum lagen für Josef und Johann hellgraue Norwegerpullover, fast weiß und doch nicht weiß, silbergrau eigentlich. Mit graublauen, ein bißchen erhabenen Streifen. Aber auf der Brust zwei sehr verschiedene Muster, eine Verwechslung war zum Glück ausgeschlossen. Josef zog seinen sofort an. Johann hätte seinen lieber unterm Christbaum gesehen, aber weil alle sagten, er solle seinen doch auch probieren, zog er ihn an. Johann mußte, als er spürte, wie ihn dieser Pullover faßte, schnell hinaus, so tun, als müsse er auf den Abort, aber er mußte vor den Spiegel der Garderobe im Hausgang, er mußte sich sehen. Und er sah sich, silbergrau, fast bläulich erhabene Streifen, auf der Brust in einem Kreis ein Wappen. Königssohn, dachte er. Als er wieder hineinging, konnte er nicht ganz verbergen, wie er sich fühlte. Mina merkte es. Der steht dir aber, sagte sie.

Dieser Pullover waren aus dem Allgäu gekommen, von Anselm, dem Vetter genannten Großonkel.

Zu jedem Geschenk gehörte ein Suppenteller voller Plätzchen, Butter-S, Elisen, Lebkuchen, Springerle, Zimtsterne, Spitzbuben, Makronen.

Die Mutter sagte zu Mina hin und meinte die Plätzchen: Ich könnt ’s nicht. Johann nickte heftig, bis Mina bemerkte, daß er heftig nickte. Er hatte letztes Jahr von Adolfs Plätzchenteller probieren dürfen. Bruggers Plätzchen schmeckten alle gleich, von Minas Plätzchen hatte jede Sorte einen ganz eigenen Geschmack, und doch schmeckten alle zusammen so, wie nur Minas Plätzchen schmecken konnten. In diesem Jahr lag neben Johanns und Josefs Teller etwas in Silberpapier eingewickeltes Längliches, und aus dem Silberpapier ragte ein Fähnchen, darauf war ein rotes Herz gemalt und hinter dem Herz stand –lich. Über dem Herz stand: Die Prinzessin grüßt. Josef probierte schon, als Johann noch am Auspacken war. Nougat, sagte er. Richtig, sagte die Prinzessin. Toll, sagte Josef. Johann wickelte seine Nougatstange unangebissen wieder ein.

Für Mina und Elsa gab es Seidenstrümpfe. Beide sagten, daß das doch nicht nötig gewesen wäre. Für Mina lag noch ein Sparbuch dabei. Mit einem kleinen Samen, sagte die Mutter. Bei der Bezirkssparkasse. Die gehe nicht kaputt. Mina sagte kopfschüttelnd: O Frau, vergelt ’s Gott! Für die Prinzessin lagen mehrere Wollstränge in Blau unter dem Baum. Sie nahm sie an sich, salutierte wie ein nachlässiger Soldat mit dem Zeigefinger von der Schläfe weg und sagte: Richtig. Und zu Johann hin: Du weißt, was dir bevorsteht. Johann sagte auch: Richtig! Und grüßte zurück, wie sie gegrüßt hatte. Er mußte immer abends die Hände in die Wollstränge stecken, die die Prinzessin dann, damit sie nachher stricken konnte, zum Knäuel aufwickelte. In jeder feien Minute strickte sie für ihren Moritz, den sie einmal im Monat in Ravensburg besuchen durfte; aber allein sein durfte sie nicht mit dem Einjährigen. Die Mutter des Siebzehnjährigen, der der Kindsvater war, saß dabei, solange die Prinzessin da war. Nach jedem Besuch erzählte die Prinzessin, wie die Mutter des Kindsvaters, die selber noch keine vierzig sei, sie keine Sekunde aus den Augen lasse, wenn sie ihren kleinen Moritz an sich drückte. Die Prinzessin, hieß es, sei einunddreißig. Sie hatte jedem etwas neben den Teller gelegt, und jedesmal hatte sie ihr Herz-Fähnchen dazugesteckt. Für Elsa eine weiße Leinenserviette, in die die Prinzessin mit rotem Garn ein sich aufbäumendes Pferd gestickt hatte. Für Mina zwei Topflappen, in einem ein großes rotes A, im anderen ein ebenso großes M. Für Niklaus hatte sie an zwei Fußlappen schöne Ränder gehäkelt. Für Herrn Seehahn gab es ein winziges Fläschchen Eierlikör. Für die Mutter einen Steckkamm. Für den Vater ein Säckchen mit Lavendelblüten. Für den Großvater ein elfenbeinernes Schnupftabakdöschen. Johann, sagte sie, geh, bring ’s dem Großvater und sag ihm, Ludwig der Zweite, habe es dem Urgroßvater der Prinzessin geschenkt, weil der den König, als er sich bei der Jagd in den Kerschenbaumschen Wäldern den Fuß verstaucht hatte, selber auf dem Rücken bis ins Schloß getragen hat. Alle klatschten, die Prinzessin, die heute einen wild geschminkten Mund hatte, verneigte sich nach allen Seiten. Johann hätte am liebsten nur noch die Prinzessin angeschaut. Dieser riesige Mund paßte so gut unter das verrutschte Glasauge. Für Niklaus lagen wieder ein Paar Socken und ein Päckchen Stumpen unterm Baum. Die Socken, es waren die vom vorigen Jahr, ließ er auch diesmal liegen. Die Stumpen, den Teller voller Plätzchen und die umhäkelten Fußlappen trug er zu seinem Platz. Im Vorbeigehen sagte er zur Prinzessin hin: Du bist so eine. Sie salutierte und sagte: Richtig. Dann ging er noch einmal zurück, zum Vater hin, zur Mutter hin und bedankte sich mit einem Händedruck. Aber er schaute beim Händedruck weder den Vater noch die Mutter an. Schon als er seine Rechte, der der Daumen fehlte, hinreichte, sah er weg. Ja, er drehte sich fast weg, reichte die Hand zur Seite hin, fast schon nach hinten. Und das nicht aus Nachlässigkeit, das sah man. Er wollte denen, die ihn beschenkt hatten, nicht in die Augen sehen müssen. Niklaus setzte sich wieder zu seinem Glas Bier. Nur an Weihnachten, an Ostern und am Nikolaustag trank er das Bier aus dem Glas, sonst aus der Flasche. Johann sah und hörte gern zu, wenn Niklaus die Flasche steil auf der Unterlippe ansetzte und mit einem seufzenden Geräusch leertrank. Wie uninteressant war dagegen das Trinken aus dem Glas. Niklaus setzte auch jede Flasche, die angeblich leer aus dem Lokal zurückkam und hinter dem Haus im Bierständer auf das Brauereiauto wartete, noch einmal auf seinen Mund; er wollte nichts verkommen lassen.

Der Vater ging zum Tannenbaum und holte ein blaues Päckchen, golden verschnürt, gab es der Mutter. Sie schüttelte den Kopf, er sagte: Jetzt mach ’s doch zuerst einmal auf. Eine indische Seife kam heraus. Und Ohrringe, große, schwarz glänzende Tropfen. Sie schüttelte wieder den Kopf, wenn auch langsamer als vorher. Für den Großvater lag ein Nachthemd unter dem Baum. Er sagte zu Johann, der es ihm bringen wollte: Laß es nur liegen. Als letzter packte der Vater sein Geschenk aus. Lederne Fingerhandschuhe, Glacéhandschuhe, sagte der Vater. Damit könnte man fast Klavier spielen, sagte er zu Josef. Und zog sie an und ging ans Klavier und ließ schnell eine Musikmischung aus Weihnachtsliedern aufrauschen. Hanse Luis klatschte Beifall mit gebogenen Händen; das war, weil er seine verkrümmten Handflächen nicht gegen einander schlagen konnte, ein lautloser Beifall. Er sagte: Was ischt da dagege dia Musi vu wittr her. Er konnte sich darauf verlassen, daß jeder im Nebenzimmer wußte, Radio hieß bei Hanse Luis Musik von weiter her. Dann stand er auf und sagte, bevor er hier auch noch in eine Bescherung verwickelt werde, gehe er lieber. Es schneie immer noch, er solle bloß Obacht geben, daß er nicht noch falle, sagte die Mutter. Kui Sorg, Augusta, sagte er, an guate Stolperer fallt it glei. Er legte einen gebogenen Zeigefinger an sein grünes, randloses, nach oben eng zulaufendes Jägerhütchen, das er nie und nirgends abnahm, knickte sogar ein bißchen tänzerisch ein und ging. Unter der Tür drehte er sich noch einmal um, hob die Hand und sagte, er habe bloß Angst, er sei, wenn es jetzt Mode werde, statt Grüßgott zu sagen, die Hand hinauszustrecken, dumm dran, weil er so krumme Pratzen habe, daß es aussehe wie die Faust von denen, die Heil Moskau schrieen. Und dann in seiner Art Hochdeutsch: Ich sehe Kalamitäten voraus, Volksgenossen. Und wieder in seiner Sprache: Der sell hot g’seet: No it hudla, wenn ’s a ’s Sterbe goht. Und mit Gutnacht miteinand war er draußen, bevor ihm die Prinzessin, was er gesagt hatte, in Hochdeutsch zurückgeben konnte. Elsa rannte ihm nach, um ihm die Haustür aufzuschließen. Dann hörte man sie schrill schreien: Nicht, Luis … jetzt komm, Luis, laß doch, Luiiiis! Als sie zurückkam, lachte sie. Der hat sie einreiben wollen. Johann staunte. Daß Adolf, Paul, Ludwig, Guido, der eine Helmut und der andere und er selber die Mädchen mit Schnee einrieben, sobald Schnee gefallen war, war klar; nichts schöner, als Irmgard, Trudl oder Gretel in den Schnee zu legen und ihnen eine Hand voll Schnee im Gesicht zu zerreiben. Die Mädchen gaben dann Töne von sich wie sonst nie. Aber daß man so eine Riesige wie Elsa auch einreiben konnte! Hanse Luis war einen Kopf kleiner als Elsa. Kaum war Elsa da, erschien Hanse Luis noch einmal in der Tür und sagte: Dr sell hot g’sell, a Wieb schla, isch kui Kunscht, abe a Wieb it schla, desch a Kunscht. Und tänzelte auf seine Art und war fort. Die Prinzessin schrie ihm schrill, wie gequält nach: Ein Weib schlagen, ist keine Kunst, aber ein Weib nicht schlagen, das ist eine Kunst. Der Dulle hob sein Glas und sagte, Ohne dir, Prinzessin, tät ich mir hier im Ausland fühlen.

Die Bescherung war vorbei, jetzt also die Lieder. Schon nach dem ersten Lied, Oh du fröhliche, oh du selige, sagte der Schulze Max zur Mutter, die beiden Buben könnten auftreten. Der Vater hatte die Glacéhandschuhe wieder ausgezogen und spielte immer aufwendigere Begleitungen. Nach Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frau’n sagte der Schulte Max zu Dulle: Auf diese Musikanten trinken wir noch ein Glas. Wenn du einverstanden bist. Dulle nickte heftig. Dann gehen wir aber, sagte der Schulze Max. Dulle nickte wieder. Wieder heftig. Der Schulze Max: Wir wollen überhaupt nicht anwachsen hier. Dulle schüttelte den Kopf ganz heftig. Der Schulze Max: Heute schon gar nicht, stimmt ’s? Dulle nickte so heftig, daß er danach seine Brille wieder an ihren Platz hinaufschieben mußte. Der Schulze Max: Auch eine Wirtsfamilie will einmal unter sich sein, stimmt ’s? Dulle nickte wieder, hielt aber, damit er heftig genug nicken konnte, schon während des Nickens die Brille fest. Der Schulze Max: Und wann möchte, ja, wann muß eine Familie ganz unter sich sein, wenn nicht am Heiligen Abend, stimmt ’s? Dulle nahm, daß er noch heftiger als zuvor nicken konnte, seine Brille ab. Der Schulze Max: Und was haben wir heute? Dulle, mit einer unglaublich zarten, fast nur noch hauchenden Stimme: Heilichabend. Der Schulze Max, sehr ernst: Daraus ergibt sich, sehr, sehr verehrte Frau Wirtin, daß das nächste Glas wirklich das letzte ist, das letzte sein muß.

aus: Martin Walser: Ein springender Brunnen (suhrkamp taschenbuch 3100 – 1. Auflage 2000 – S. 92- 96, S. 98-101)

Kleist (nicht) für die Schule

Wie ich bereits berichtete, hatte ich das „Glück“, in der Schule von Heinrich von Kleist, dessen 200. Todestag wir in diesem Jahr feiern, verschont geblieben zu sein. Gibt es etwas Schlimmeres als Kleists ‚Michael Kohlhaas’, diese Bandwurmsätze, bei denen man am Ende nicht mehr weiß, was man am Anfang gelesen hat? Eine Sprache, die antiquierter nicht sein kann?

Meine heutige Frau, die 1983 die Abendschule besuchte, hatte da weniger ‚Glück’ und
musste eine Interpretation über diese Erzählung schreiben. Und dann auch noch einen dieser für Kleist typischen, scheinbar nie enden wollenden Schachtelsätze grammatikalisch auseinanderpflücken sollte.

    Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel

Ich habe mich freiwillig mit Kleist beschäftigt. Sicherlich ist Freiwilligkeit ein besserer Ansatz. Vor allem, wenn man sich nicht um grammatikalische Fragen zu sorgen hat. Was schwer wiegt, ist „die quasi-juristische Umständlichkeit der Sätze, deren eigentliches Wunder darin liegt, dass sie dennoch so kraftvoll, federnd und lesbar sind: jeder einzelne eine Illustration des Widerstreits von Gesetz und Freiheit.“ (nachzulesen in: Grammatik und Freiheit von Daniel Kehlmann).

Und es ist der Plot selbst, der den Leser in Spannung hält. Da mag manches altmodisch klingen oder vom Satzaufbau zu lang geraten sein. Beginnen wir mit der Zeichensetzung:

Kleist setzt oft Kommata dort, wo sie nach der Grammatik entbehrlich zu sein scheinen; umgekehrt fehlen sie nicht selten, wo man sie erwartet. Man spricht hier gern von einer akustischen bzw. Vortragsinterpunktion. Und liest man z.B. den Kohlhaas einmal laut vor, so versteht man plötzlich, warum dort ein Komma steht und an anderer Stelle vielleicht nicht. Kleist soll musikalisch gewesen sein. Und Lyriker war er sowieso, da geht’s nicht ohne Sprachrhythmus.

Kleist ist (fast) ohnegleichen. So auch seine Schachtelsätze, also Haupt- mit Nebensätze, die weitere Nebensätze enthalten können. Hier einmal ein Beispiel (und auch schon gleich mit einer ‚Lesehilfe’ versehen):

Kohlhaas, der inzwischen, wie schon gesagt, in Berlin angekommen, und, auf einen Spezialbefehl des Kurfürsten, in ein ritterliches Gefängnis gebracht worden war, das ihn mit seinen fünf Kindern, so bequem als es sich tun ließ, empfing, war gleich nach Erscheinung des kaiserlichen Anwalts aus Wien, auf den Grund wegen Verletzung des öffentlichen, kaiserlichen Landfriedens, vor den Schranken des Kammergerichts zur Rechenschaft gezogen worden; und ob er schon in seiner Verantwortung einwandte, daß er wegen seines bewaffneten Einfalls in Sachsen, und der dabei verübten Gewalttätigkeiten, kraft des mit dem Kurfürsten von Sachsen zu Lützen abgeschlossenen Vergleichs, nicht belangt werden könne: so erfuhr er doch, zu seiner Belehrung, daß des Kaisers Majestät, deren Anwalt hier die Beschwerde führte, darauf keine Rücksicht nehmen könne: ließ sich auch sehr bald, da man ihm die Sache auseinandersetzte und erklärte, wie ihm dagegen von Dresden her, in seiner Sache gegen den Junker Wenzel von Tronka, völlige Genugtuung widerfahren werden, die Sache gefallen.“

Nun macht Euch daran, und zerpflückt diesen einen Satz in Haupt- und Nebensätze?! Nein, bitte nicht! Wenn ich am Deutsch-Unterricht etwas gehasst habe, dann dieses theoretische Herumgewürge an solchen Sätzen. Man würgt solange, bis der Satz dem Schüler unter der Hand gestorben ist. Sicherlich sollte man schon wissen, was Attribut- und was Adverbialsätze sind und verkürzte Nebensätze wie Infinitiv- und Partizipialsätze (hier eine Webseite, die die Nebensatztypen anschaulich erklärt). Und wenn man die auch noch halbwegs voneinander unterscheiden kann, um so besser. Aber Kleist sollte dafür nicht herhalten müssen (das ist nur etwas für Grammatikfreaks bzw. –fetischisten).

Kleists Sprache ist sicherlich nicht mehr zeitgemäß. Aber seine Gedanken sind es auch 200 Jahre nach seinem Tode noch. Und irgendwie ist es ein doppeltes Abenteuer, sich auf Kleist einzulassen: Einmal der Gedanken wegen – und dann durchaus auch wegen dieser Sprache. Franz Kafka, ein Meister der klaren Prosa, hat Kleist für beides geliebt. Sie waren Blutsverwandte im Geiste.

Bühnenstücke, Erzählungen und weitere Werke im Projekt Gutenberg und als Bücher/Audio-CD Heinrich von Kleist