Kategorie-Archiv: Zukunft Deutschland

Wohin steuert Deutschland?

Sarrazin ist kein Deutscher

Lange Zeit hatte ich mich geweigert, zu Herrn Sarrazin in diesem Blog etwas zu schreiben. Dann habe ich zwar begonnen, einen Beitrag zu verfassen, bin aber schnell über viele Einzelheiten gestolpert, die ich für erwähnenswert hielt – so wurde der Beitrag länger und länger …

Ich begann wie folgt:

Jetzt ist er vom Vorstandsposten bei der Deutschen Bundesbank zurückgetreten – aus eigenen Stücken. Damit hat der neue Bundespräsident, Christian Wulff, ein großes Problem vom Hals, denn nur er hätte ihn abberufen können.

Und endet sollte er mit:

Herr Sarrazin hat sich zwar verabschiedet, aber nach Verhandlungen zwischen Bundespräsidialamt, Bundesbankvorstand und Sarrazin erhält dieser eine um 1000 € höhere monatliche Pension ab 2014, so dass drohende finanzielle Verluste aufgrund des freiwilligen Amtsverzichts ausgeglichen werden. Gleichzeitig hält die Bundesbank die negativen Bewertungen seines Verhaltens nicht mehr aufrecht. Ein wahrhaft widerliches Geschacher.

Eigentlich ist mir dieser Herr Sarrazin völlig egal. Er hatte es schon immer verstanden, mit zugespitzt formulierten Schlagworten zu provozieren: Ich erinnere mich noch an ein Beispiel, als er ich glaube Harz IV-Empfängern vorrechnete, wie diese auch mit weniger als vier Euro pro Tag ausreichend und gesund leben könnten (Pellkartoffeln mit Quark?).

Sein Buch, das jetzt dermaßen in der Diskussion steht und zuletzt zu seinem Rücktritt vom Bundesbankposten geführt hat, habe ich nicht gelesen (und es findet hier auch keinen Link). Dieser ganze Rassenwahn geht mir wirklich mehr als nur auf die Nerven. Natürlich zeigt sich die Integration von Migranten, hier besonders von arabischen und türkischen Zuwanderern, als problematisch. Es ist richtig, dass sich viele von ihnen einer Integration entziehen. Das wird viele Gründe haben, auch religiöse. Und sicherlich ist nicht falsch, wenn man dem Islam vorwirft, nicht dem zu entsprechen, was unsere moderne Gesellschaft ausmacht. Aber diesen Vorwurf müsste man dann auch den christlichen Kirchen gegenüber äußern.

Was das Schlimme an dem Buch von Herrn Sarrazin ist, dass seine Thesen die Vorurteile vieler Deutsche pseudo-wissenschaftlich untermauern. Zwar mahnen Experten und verweisen darauf, dass vieles davon „aus dem Zusammenhang gerissen“ wurde. Aber wie auch immer: Das Problem bleibt bestehen – und den Menschen, Deutschen wie Zuwanderern, ist nicht gedient.

Nur am Rande: Der Name Sarrazin klingt nicht sehr deutsch. Ich habe irgendwo gelesen, dass er ein Nachfahre von französischen Hugenotten sei. Ich selbst bin sicherlich auch alles andere als ein ‚reiner’ Deutscher, auch wenn sich mein Nachname aus dem Althochdeutschen (oder als lateinische Form) herleiten lässt. Meine Frau hat einen polnischen Nachnamen – wie auch viele, die im Ruhrgebiet leben. Begriffe wie Volk oder Nation lassen sich also schon aus dieser Tatsache heraus nur wage definieren.

Ich habe einmal in diesem Blog (Mesut Özil – neue Integrationsfigur?!) geschrieben:

Es bedurfte eigentlich keiner Studie, um zu wissen, dass Zuwanderer aus der Türkei schlechter in Deutschland integriert sind als andere Gruppen. Jetzt wissen wir: Jeder Dritte ist ohne Schulabschluss. Die Gründe sind vielfältig. Neben der allgegenwärtigen Ablehnung durch die deutsche Gesellschaft ist ein Grund sicherlich auch der, dass türkische Migranten viel zu lange geglaubt haben, Deutschland wäre nur ein Provisorium für sie.

Wie gesagt: Die Gründe sind vielfältig. Vorurteile helfen auf jeden Fall nicht weiter. Denkanstöße sicherlich. Nur diese verquaste Vermischung von beidem finde ich fatal. Nicht umsonst wirft man Herrn Sarrazin rechtsgerichtete Gesinnung vor. Ich persönlich halte ihn für einen wirren Geist, dem eigentlich nur eigene (finanzielle) Interessen vorrangig sind.

Wind(s) of Change

Nein, ich meine nicht die große politische Veränderung, die Ende der 1980er-Jahre den politischen Wandel in Europa einläutete und von denen die Scorpions erfolgreich sangen. Ich will hier von den kleinen, uns betreffenden alltäglichen Veränderungen sprechen, die uns manchmal wie kalter Wind ins Gesicht blasen.

Wäre jeder Tag ein Feiertag, sich vergnügen wäre so ermüdend wie arbeiten, soll wohl Shakespeare gesagt resp. geschrieben haben. Selbst das Vergnügen wird, wenn es zur Routine verkommt, langweilig. So sind Abwechslung und Neues, so ist Bewegung Leben. Nun nicht jeder Mensch ist gegenüber Veränderungen aufgeschlossen. Und selbst wenn, dann besteht oft ein Zögern, eine Unsicherheit, ja bei manchem eine Angst dem Neuen gegenüber.

Bei mir auf der Arbeit tut sich einiges. Die Bereiche meines Jobs stehen neuerdings auf dem Prüfstand und ‚versprechen’ Veränderung. Vieles davon, das lässt sich zuvor schon ablesen, ist einfach Unsinn. Wenn Veränderungen am ‚grünen Tisch’ bestimmt werden, dann verheißt das nicht immer Gutes. So versucht man, den wenigen Einfluss, den man ausüben kann, zu nutzen, um auf Entscheidungen einzuwirken..

Auch mein jüngerer Sohn, der im Sommer seinen Schulabschluss in Tostedt erfolgreich an der Realschule absolviert hat, steht in diesem Tagen vor neuen Herausforderungen. Seit Donnerstag besucht er die Fachoberschule in Stade und muss sich in den nächsten Tagen und Wochen auch erst einmal in der neuen Umgebung wiederfinden. Dazu kommt, dass es erst einmal sehr chaotisch an der Schule zuging. Das liegt in der Natur der Sache selbst. Wenn auf einmal ca. 2000 Schüler ‚auf der Matte’ stehen, dann bricht auch gut gemeintes Management schnell zusammen. Nur für manchen ‚Neuen’ ist das zunächst einmal Stress. Wie soll er sich selbst in der neuen Umgebung finden, wenn diese sich selbst noch nicht gefunden hat. Spätestens in wenigen Wochen wird die Routine eingezogen sein – und die Belastungen dieser Tage werden vergessen sein. Noch wehen Winde der Veränderung.

Apropos: Wind of Change. Lange vor den Scorpions hat eine andere Gruppe von den Winden der Veränderung gesungen. 1971 erschient auf der LP (CDs gab es damals noch nicht) Mick Abrahams: A Musical Evening das Lied Winds of Change (also in Mehrzahl). Mick Abrahams, der zuvor bei Jethro Tull die Gitarre gespielt und gesungen hatte und 1969 u.a. mit Jack Lancaster Blodwyn Pig gründete, sang dann auch noch den Change Song (Blodwyn Pig: Ahead Rings Out 1969)


Mick Abrahams Band: Winds of Change (1971)

Die Mick Abrahams Band bestand aus:
Mick Abrahams plays guitar, seven string slide guitar, mandolin, pedal steel guitar and sings
Ritchie Dharma plays drums, congas and various percussion
Bob Sargeant plays organ, piano, second guitar and sings
Walt Monaghan plays bass guitars and sings

Und hier auch noch den Change Song von der Gruppe Blodwyn Pig – ebenfalls mit Mick Abrahams:


Blodwyn Pig: Change Song

Siehe auch meine Beiträge:
Blodwyn Pig: Sing Me a Song That I Know
Mick Abrahams Band: Why Do You Do Me This Way

Sodom und Gomorrha in Duisburg

Frau Eva Herman hat einen Traum:

Den Traum eines Landes mit glücklichen Menschen, ohne Drogen, ohne übermäßigen Alkohol, ohne eine sexualisierte Gesellschaft, sondern eines Landes, in dem Menschen leben, denen Verlässlichkeit und gegenseitiger Respekt wichtig sind. Wünschenswert wäre ein Land, in dem die Menschen sich füreinander verantwortlich fühlen, ein Land, in welchem Politiker nicht mehr die Unwahrheit sagen dürfen, ein Land mit Medien, die wahr berichten. Ein Land mit geistiger Freiheit und Hilfe sowie Liebe für den Nächsten.

Auch ich halte Verlässlichkeit und gegenseitigen Respekt, ein Land mit geistiger Freiheit für wünschenswert. Menschen sollten sich füreinander verantwortlich fühlen. Wahrheit und Gerechtigkeit sollten regieren. Vor fast 47 Jahren, am 28. August 1963, hatte ein anderer ebenfalls einen Traum (ich hoffe nur, Frau Herman bezieht sich nicht auf diesen Traum, das wäre eine unverschämte Anmaßung): Martin Luther King (siehe meinen Beitrag: 40. Todestag von Martin Luther King) hatte einen Traum, in dem die Menschen am Tisch der Brüderlichkeit sitzen und in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt.

Frau Eva Herman, die zuvor die Loveparade in Duisburg für ein Sodom und Gomorrha mit katastrophalen Folgen erklärt hatte, für eine riesige Drogen-, Alkohol- und Sexorgie, versucht in einem zweiten Artikel (Große Resonanz auf »Loveparade«-Artikel) u.a. mit ihrer Traumvorstellung ihre Aussagen zu relativieren. Aber was sie da zuvor behauptet hat, steht in keinem Verhältnis zum Unglück, das am Wochenende 20 (inzwischen 21) Menschen das Leben gekostet hat.

Ich selbst bin kein Fan des Techno. Es ist einfach miese Musik. Und schon allein das Wort Loveparade stört mich gewaltig, weil Parade für mich ein ursprünglich militärischer Begriff ist (Militärparade), der nicht im Einklang mit dem Wort Liebe stehen kann. Und inwieweit man bei einer solchen kommerzialisierten Großveranstaltung überhaupt von Liebe reden kann, bei der es nur um Spaß geht, ist mir auch schleierhaft. Aber die wirren Thesen der Frau Herman dürften selbst jeden wirklichen Christen aufschrecken. So schreibt sie: Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Steckt also Gott hinter dem Unglück? Diese Art eines christlichen Fundamentalismus ist ein verbaler Fußtritt nicht nur gegen die Opfer und ihre Angehörigen, es ist auch ein Fußtritt gegen jeden aufrichtigen Menschen, der für Aufrichtigkeit, Wahrheit, Freiheit, aber auch für Toleranz und Gerechtigkeit einsteht.

Denn Frau Hermans Traum könnte sich schnell als Alptraum erweisen, ihre Sichtweise von heiler Welt und Ordnung impliziert Elemente, die diese schnell zu einer totalitären Weltschau verengt. Beispiele hierfür (nicht nur literarische wie Orwells 1984 oder Margaret Atwoods Geschichte einer Dienerin) gibt es reichlich. Hermans Wunsch nach Friede, Freude, Eierkuchen ließe sich nur in einem totalitären Staat verwirklichen. Ich denke, dass selbst Frau Herman das nicht wünscht.

Noch ein Wort zur Loveparade als Massenveranstaltung: Die Bedenklichkeit solcher Events ist längst erkannt. Wenn Hunderttausende sich auf engstem Raum treffen, dann ist nie auszuschließen, dass es zu einer Massenpanik kommt. Beispiele dafür gibt es genügend. Wer sich also zu einer solchen Veranstaltung aufmacht, sollte sich dessen bewusst sein. In Duisburg hätte es auch noch viel schlimmer kommen können, denn eine Massenpanik fand dort eigentlich nicht statt. Es wurden nur zu viele Menschen durch das Nadelöhr Tunnel auf engsten Raum zusammengepfercht. So traurig es ist: Bei einer wirklichen Panik hätte es weit mehr Opfer gegeben. Wer nun wirklich Schuld an dem Unglück von Duisburg hat, wird zz. in einem miesen Schwarze-Peter-Spiel zwischen Veranstalter und Öffentlicher Hand ausgetragen. Eines steht aber fest: Die Loveparade hätte niemals stattfinden dürfen. Wer hierfür sein Okay gegeben hat, trägt auch Verantwortung.

Ehrung für Zivilcourage

Für ihren persönlichen Mut und ihr Verdienst um die Demokratie werden heute am Donnerstag (24.6.) in Hamburg Bürger mit der Herbert-Wehner-Medaille geehrt. Die mit insgesamt 4000 Euro dotierte, nach dem früheren SPD-Politiker benannte Auszeichnung wird zum siebten Mal von der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di verliehen, wie eine ver.di-Sprecherin am Dienstag mitteilte.

Mit dem Preis würdige die Gewerkschaft Institutionen oder Menschen, die engagiert gegen rechtsradikale Aktivitäten, Fremdenfeindlichkeit und Gleichgültigkeit kämpften und die durch ihr Engagement Vorbild seien. Den Festvortrag hält Hamburgs Ex-Bürgermeister Hans-Ulrich Klose (SPD), der heute Wehners Wahlkreis Harburg im Bundestag vertritt. Die Verleihung findet im „Polittbüro“ (Steindamm 45) statt.

Ausgezeichnet werden Timo Versemann und Jan Hendrik Saxe für ihre Zivilcourage in der Auseinandersetzung mit der rechtsradikalen Szene in der niedersächsischen Gemeinde Tostedt in der Nordheide. Versemann und Saxe werden für ihren Widerstand gegen Neonaziaktivitäten um den rechtsextremen Szeneladen «streetwear» in Tostedt geehrt. Sie hatten unter anderem im Mai 2009 einen Brief mit über 400 Unterschriften junger Leute initiierten, der Lokalpolitiker zum Vorgehen gegen die rechte Szene aufforderte.

Quelle: hamburg.verdi.de u..a.

Tamara Boos-Wagner mit Jan Hendrik Saxe, Timo Versemann und meinem Sohn Jan
Tamara Boos-Wagner mit Jan Hendrik Saxe, Timo Versemann und meinem Sohn Jan

Siehe hierzu meine Beiträge:
Jugend-Initiative gegen Neo-Nazi-Laden in Tostedt
Auf dem rechten Auge stark kurzsichtig
Die Kirche zeigt Flagge gegen Rechts
Resolution gegen Extremismus und Gewalt in Tostedt

Bad Case Management

Die Banken haben es vorgemacht: Nach der Finanzkrise übernahmen so genannte Bad Banks (engl. für schlechte Bank) u.a. Zertifikate von in Zahlungsschwierigkeiten geratene Emittenten (Herausgeber von Wertpapieren) bzw. wickelten so genannte notleidende Kredite sanierungsbedürftiger Banken ab.

Was Banken können, kann ein Unternehmen, das für einen öffentlichen Auftraggeber wie eine Behörde arbeitet, natürlich auch. Diese ‚Dienststelle’ bekommt Anfragen, die durch die Mitarbeiter dieser Dienststelle beantwortet werden. Das können u.a. auch Rechtsauskünfte sein. Nun ist hier ein Rückstand von ca. 3000 Anfragen entstanden. Also 3000 Anfragen wurden bisher nicht beantwortet. Aber selbst die Frage, ob es sich dabei tatsächlich um Anfragen handelt und nicht evtl. um rücklaufende Post, ist noch nicht eindeutig geklärt.

Wie kann so etwas kommen? Diese Dienststelle bedient sich eines Workflow Managements. Die angesprochenen Anfragen (oder was auch immer) sind hierzu gescannt und auf Rechner abgelegt, sie sind also digitalisiert worden. Allerdings funktioniert diese Software für den Workflow nicht richtig, oder?

Was kann man also tun, um diese Rückstände aufzuarbeiten? Erst einmal, so denke ich, sollte man wirklich versuchen zu identifizieren, um was für eine Post es sich dabei handelt. Aber nein, so schnell schießen die Preußen nicht (ach nein, es sind ja Bayern, die Dienststelle befindet sich in München). Da die ganze Dienststelle sowieso organisatorisch auf den Kopf gestellt werden soll (Stichwort: Umstrukturierung) und dabei peu a peu mit der Schwester in Hamburg (da arbeite ich) zusammengeführt werden soll, und gerade die Finanzkrise mit dem Begriff Bad Bank das Stichwort lieferte, kommt man ‚am grünen Tisch’ auf die Idee, Ähnliches zu kreieren: Bad Case Management!

So lautet der am ‚grünen Tisch’ beschlossene, den der Weisheit letzten Schluss betreffende Beschluss:

Die Fall-Rückstände der bisherigen Organisationseinheit Abt. X werden nicht in die neue Struktur und Prozessorganisation übernommen. Durch diese (radikale) Maßnahme können die Mitarbeiter in der neuen Organisationseinheit XYZ unbelastet in die Umstrukturierung starten und zukünftig die zeitgemäße Abarbeitung der Fälle gemäß den neuen Zielvorgaben erledigen.
Die Rückstände werden entweder an 1-2 Mitarbeiter ausgelagert (Stichwort: „Bad Case Management“) oder es wird durch einen radikalen Schnitt die aktive Bearbeitung der Fälle endgültig beenden. Alternativ können die Fälle kategorisiert und gemäß einer noch zu definierenden Zeitspanne und Menge in die neue Bearbeitung miteinfließen. Einen endgültigen Vorschlag hierzu wird das Projektteam Anfang des 4. Quartals vorlegen.

Das klingt doch richtig toll – und so fachmännisch, oder? Insgesamt enthält dieser Beschluss (der nichts beschließt) drei Lösungsansätze:

1. Bad Case Management (Auslagerung und Bearbeitung durch 1-2 zusätzliche Mitarbeiter)
2. die 3000 Fälle einfach ignorieren
3. alles beim Alten lassen (den Rückstand zusätzlich kategorisieren lassen, um zu sehen, um was es sich dabei handelt – endlich)

Ich weiß nicht, wie andere Unternehmen in solchen Fällen reagieren. Ich musste nur herzhaft lachen, als ich diesen im Grunde nur aufgeblasenen Unfug gelesen habe. Ich bin gespannt, für welche Lösung man sich entscheiden wird – übrigens besteht der Rückstand schon seit einigen Jahren!

Die Labergesellschaft

Verkommen wir immer mehr zu einer Gesellschaft, in der nur noch gelabert und geschwafelt wird? Sicherlich ist es wichtig, miteinander zu sprechen, Informationen auch verbal auszutauschen. Das meine ich nicht. Ich meine dieses Gerede ohne Gehalt, diese Statements, die nichts aussagen – dieses ganze unnötige Bla-Bla.

Heute wird allerorts fast nur noch verbaler Müll produziert. Die wirklich wichtigen Informationen bleiben dabei auf der Strecke. Hier einige kleine Beispiele:

Wenn Herr Löw, seines Zeichen Bundestrainer der deutschen Fußballnationalmannschaft, ausdrücklich getont, dass er sich jetzt zu 100 % auf die kommende Weltmeisterschaft in Südafrika konzentriere, dann klingt das zunächst ganz nett. Klar, alle Fußballfans in Deutschland wollen, das die deutsche Mannschaft Weltmeister wird. Und um dieses Ziel zu erreichen, muss man sich voll und ganz darauf konzentrieren und auf dieses Ziel hinarbeiten. Auch der Bundestrainer. Es ist schließlich sein Job, das Beste aus der Mannschaft herauszuholen. Gäbe er nicht 100 %, dann würde man ihn in die Wüste schicken. Was ich meine: Früher musste sich ein Bundestrainer nicht vor die Presse stellen, um auch dem letzten Journalisten ins Ohr zu flüstern, was sein Job ist. Dieses Geschwafel ist nichts anderes als Selbstbeweihräucherung.

Beispiel Westerwelle: Seine verbalen Attacken in Sachen Hartz IV (Ein Esel als Außenminister) bezwecken nichts anderes, als in der Wählergunst wieder zu steigen, nachdem die FDP zuletzt stark abgesunken war.

Wer kennt das nicht, dieses höfliche Bla-Bla bei Hotlines oder Ansagen im Zug. Wenn man z.B. in den Zügen der metronom Eisenbahngesellschaft fährt, wird man freundlich gegrüßt und nach jeder Station ebenso freundlich darauf hingewiesen, dass der Alkoholkonsum in diesen Zügen nicht gestattet ist. Dem, der jeden Tag mit diesen Zügen fährt, geht dieses Gelabere mit der Zeit auf den Geist. „Wir würden uns freuen, Sie wieder in einem unserer Züge begrüßen zu dürfen!“, heißt es am Ende einer solchen Fahrt. Ich würde mich freuen, nicht ständig mit den gleichen Sprüchen belästigt zu werden. Viele dieser Durchsagen sind informationsfrei und daher nichts anderes als sinnfreies Geschwätz.

Wenn ich nicht mehr weiter weiß, bild’ ich einen Arbeitskreis, in dem meist nur um den heißen Brei herumgeredet wird. Selten kommt man zu konkreten Ergebnissen.

Unser Alltag wird mehr und mehr von leerem Gerede und Geseire überflutet. Das Wenige, was wirklich als Information darin enthalten ist, geht verloren, weil man zuvor die Ohren schließt. Würde man sich auf das Wesentliche konzentrieren und auf jegliches Gefasel verzichten, dann würden wir in vielen Dingen mit Sicherheit weiterkommen.

(Fast) unterschlagene Beiträge – Teil 22

EKD-Vorsitzende Käßmann tritt zurück

Auch eine evangelische Bischöfin und Ratsvorsitzende der EKD ist nur ein Mensch und begeht Fehler. Aber es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit: Es kann nicht Wasser gepredigt und Wein getrunken – und dann noch Auto gefahren werden. Als eine wesentliche moralische Instanz in Deutschland hat Frau Käßmann die Konsequenz gezogen und ist von ihren Ämtern zurückgetreten. Dafür mein voller Respekt.

Westerwelle wegen Vortrags-Honoraren in der Kritik

Ach, schon wieder der Westerwelle. Aber mich wundert nichts mehr: Mindestens 36 Vorträge unter anderem bei Firmen der Finanzindustrie sowie der Hotel- und Versicherungsbranche hat sich diese pockennarbige Fratze in der letzten Legislaturperiode üppig honorieren lassen. Jetzt fordert die SPD, er soll die Einnahmen offen legen.

Wie heißt es so schön: Eine Hand wäscht die andere. Die Hotelbranche hat bereits profitiert.

Kür für Olympiasieger: Aus Gold Geld machen

Nach Gold kommt Geld. Dank lukrativer Sponsorenverträge wird für viele Olympiasieger der Weg frei zum Sport-Millionär. Schließlich erhöht sich mit jedem Sieg und jeder Medaille der Marktwert.

Immer mehr Deutsche rutschen in die Privatinsolvenz

Vor allem junge Menschen sind von Pleite und Armut bedroht – das geht aus dem Schuldenbarometer der Hamburger Wirtschaftsauskunftei Bürgel hervor. Insgesamt ist die Zahl der Privatinsolvenzen im vergangenen Jahr um knapp neun Prozent gestiegen und dürfte auch in diesem Jahr weiter steigen.

Bitte nicht stören!

Heute und die nächsten zwei Tage werde ich voll im Stress sein. Das hat man davon, wenn man sich überreden lässt, den stellvertretenden Abteilungsleiter zu spielen. Dann hat man den ganzen Kram an den Hacken, wenn der Abteilungsleiter dauerhaft fehlt.

Es geht in diesen Tagen um Neuprogrammierung und Umstrukturierung im Betrieb. Da kommen aus allen Himmelsrichtungen Deutschlands Leute bei uns zusammen, um in einer Art Arbeitkreis die bisher gesammelten Punkte zu diskutieren, zu vertiefen, ich weiß nicht, was sonst noch. Aus der Ferne sehe ich Murphy winken.

Bitte nicht stören: Arbeitskreis!

Es hilft nichts: Ich kann nur versuchen, locker zu bleiben. An einem der Abende gibt es dann noch ein ‚zwangloses Beisammensein’ („auf ein Bier oder zwei“), da graut es mir fast noch am meisten vor. Nun hinein und durch …

Günther kann alles, außer …

In Baden-Württemberg kann man bekanntlich alles, außer Hochdeutsch … Nachdem sich bereits unser noch ziemlich neue Außenminister, der Guido Westerwelle, als wenig glänzende Englischsprechkoryphäe präsentiert hat, beweist auch Günther Oettinger, seines Zeichen Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg und nominiertes Mitglied der Europäischen Kommission (Kommission Barroso II) – dank Frau Merkel aus Stuttgart nach Brüssel weggelobt -, das Englisch nicht jedermanns Sache ist. Peinlich dabei ist, dass er zuvor immer wieder gefordert hat, Englisch müsse die Arbeitssprache werden („Deutsch bleibt die Sprache der Familie und der Freizeit, die Sprache, in der man Privates liest“). Oettinger ist jetzt also die Sprache Deutschlands in Europa? Danke, Frau Merkel: Schlimmer geht’s nimmer (oder doch?)!“


Oettinger talking English

Deutsche Kleinstaaterei

Mein jüngster Sohn beendet im Sommer die Realschule. Was seine weitere Zukunft betrifft, hat er ziemlich klare Vorstellungen. Er möchte zunächst die zweijährige Fachoberschule im Bereich Wirtschaft und Verwaltung besuchen, Schwerpunkt möglichst Verwaltung und Rechtspflege.

Am Montag gab es Zeugnisse, mit denen man sich bei den berufsbildenden Schulen anmelden kann. Bis zum 20. Februar haben wir Zeit, einen Platz an einer zweijährige Fachoberschule (FOS) zu finden. Hier beginnt das Problem, denn einige der so genannten BBS (Berufsbildende Schule) bieten nur die 12. Klasse FOS an – eine abgeschlossene Berufsausbildung ist hierfür neben dem Realschulabschluss Voraussetzung. Und wenn man in der Provinz wie ich und meine Lieben wohnen, dann kommt das Problem der Entfernung hinzu. Der Personennachverkehr ist auf dem Lande nicht sehr ausgeprägt und das Erreichen einer Schule außerhalb des eigenen Wohnortes kommt einer Weltreise gleich.

Was die allgemeinbildenden Schulen (Primär- und Sekundarstufe I) betrifft (von Grundschule über Realschule und Gymnasium), so ist unser Wohnort Tostedt noch ganz gut bestückt. Schulen der Sekundarstufe II (außer gymnasiale Oberstufe) befinden sich aber nicht mehr vor Ort. Die nächste BBS ist in Buchholz/Nordheide. Dort wird aber nichts Entsprechendes angeboten. So käme Rotenburg/Wümme in Frage. Und laut Informationsveranstaltung, die an der Realschule, die mein Sohn besucht, abgehalten wurde, vor allem aber laut den Infos auf der Website der BBS Rotenburg sollte genau das (im Antragsverfahren) angeboten werden, was mein Sohn wollte. Sollte, denn wie sich nach telefonischer Rücksprache herausstellte, gibt es dort nur eine einjährige FOS (12. Klasse). Es wird Zeit, dass dieses irreführende Angebot endlich von der Schulwebsite verschwindet.

Deutsche Kleinstaaterei

Nun inzwischen haben wir einige Schulen ausgeguckt, die allerdings vom Fahrweg her nicht so günstig liegen. Am besten wäre die höhere Handelsschule in Harburg, genauer Hamburg-Harburg. Obwohl unser Landkreis den Namen Harburg trägt, leben wir in Niedersachsen, also in einem anderen Bundesland. Zwar rücken Hamburg und die angrenzenden Landkreise (z.B. im Personennahverkehr – bis Tostedt fährt man inzwischen im Hamburger Verkehrsverbund HVV) näher zusammen – nur nicht in schulischen Dingen. Wer in Hamburg zur Schule will (gilt eben auch und insbesondere für berufsbildende Schulen), muss seinen Wohnsitz in Hamburg haben. Und ist der Schüler noch nicht volljährig, so muss auch ein Elternteil in Hamburg gemeldet sein. Klar, Schulwesen ist Ländersache. Aber kann es da nicht Regelungen (z.B. über den Finanzausgleich der Länder) geben, die solche ‚Abschreckungsmaßnahmen’ überflüssig machen (ein Wohnsitzwechsel hat steuerrechtliche Konsequenzen – bis hin zur Zweitwohnungsteuer). Deutschland hatte immer schon einen Hang zur Kleinstaaterei. Föderalismus hin, Föderalismus her: Im Zeitalter der Globalisierung mutet dieses Kompetenzgerangel geradezu mittelalterlich an.