Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode

    „Wir beeilen uns sehr, einen magnetischen Telegraphen zwischen Maine und Texas zu konstruieren, aber Maine und Texas haben möglicherweise gar nichts Wichtiges miteinander zu besprechen. […] Wir beeilen uns, den Atlantischen Ozean zu durchkabeln, um die Alte Welt der Neuen ein paar Wochen näher zu rücken, vielleicht lautet aber die erste Nachricht, die in das große amerikanische Schlappohr hineinrinnt: Prinzessin Adelheid hat den Keuchhusten.“

Neil Postman (* 1931 in New York; † 2003 ebenda) war ein US-amerikanischer Medienwissenschaftler, insbesondere ein Kritiker des Mediums Fernsehen, und in den 1980er-Jahren ein bekannter Sachbuchautor. In Deutschland wurde besonders sein Buch Wir amüsieren uns zu Tode – Urteilsbildung im Zeitalter der Unterhaltungsindustrie (mir liegt vor: S. Fischer – 5. Auflage. 82. – 110. Tausend, 1986 – aus dem Amerikanischen übersetzt von Reinhard Kaiser – Original: Amusing Ourselves to Death. Public Discourse in the Age of Show Business, 1985) bekannt.

    Neil Postman: Wir amüsieren und zu Tode

Orwell fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley befürchtete, daß es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will.“ – „In 1984 […] werden die Menschen kontrolliert, indem man ihnen Schmerz zufügt. In Schöne neue Welt werden sie dadurch kontrolliert, daß man ihnen Vergnügen zufügt. Kurz, Orwell befürchtete, das, was uns verhaßt sei, werde uns zugrunde richten. Huxley befürchtete, das, was wir lieben, werde uns zugrunde richten.
Dieses Buch handelt von der Möglichkeit, daß Huxley und nicht Orwell recht hatte.“
(aus der Einleitung, S. 7f.)

„ […] kündigt [Postmans] Buch […] neuen, grundsätzlichen Meinungsstreit an. Denn diesmal kritisiert er die allmähliche Zerrüttung der Kulturtätigkeiten durch den gewerbsmäßigen Illusionismus, das totale Entertainment. Postmans These lautet, daß die Medien zunehmend nicht nur bestimmen, was wir kennenlernen und erleben, welche Erfahrungen wir sammeln, wie wir Wissen ausbilden, sondern auch, was und wie wir denken, was und wie wir empfinden, ja, was wir von uns selbst und voneinander halten sollen. Zum ersten Mal in der Geschichte gewöhnen die Menschen sich daran, statt der Welt ausschließlich Bilder von ihr ernst zu nehmen. An die Stelle der Erkenntnis- und Wahrnehmungsanstrengung tritt das Zerstreuungsgeschäft. Die Folge davon ist ein rapider Verfall der menschlichen Urteilskraft. In ihm steckt eine unmißverständliche Bedrohung: Er macht unmündig oder hält in der Unmündigkeit fest. Und er tastet das gesellschaftliche Fundament der Demokratie an. Wir amüsieren uns zu Tode.“
(aus dem Klappentext)

Neil Postmans Buch beleuchtete Mitte der 80er Jahre des letzten Jahrhunderts die Medienlandschaft der USA, besonders das Fernsehen. Was wir als ‚amerikanische Verhältnisse’ bezeichnen ist längst zu uns nach Europa herübergeschwappt. Von 50 TV-Sender und mehr werden wir in Deutschland 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche berieselt. Das Fernsehen ist lange schon zum Leitmedium bei uns geworden.

„Gegen das ‚dumme Zeug’, das im Fernsehen gesendet wird, habe ich nichts, es ist das beste am Fernsehen, und niemand und nichts wird dadurch ernstlich geschädigt. Schließlich messen wir eine Kultur nicht an den unverhüllten Trivialitäten, die sie hervorbringt, sondern an dem, was sie für bedeutsam erklärt. Hier liegt unser Problem, denn am trivialsten und daher am gefährlichsten ist das Fernsehen, wenn es sich anspruchsvoll gibt und sich als Vermittler bedeutsamer kultureller Botschaften präsentiert. Paradoxerweise verlangen Intellektuelle und Kritiker vom Fernsehen häufig genau dies.“ (S. 26 f.)

Postmans Kritik am Fernsehen gilt natürlich auch heute noch und lässt sich mit Einschränkungen auch auf das Internet ausweiten. Aber beginnen wir in einer Zeit, in der bereits Henry David Thoreau die anfangs erwähnte ‚Belanglosigkeit’ einer Mitte des 19. Jahrhundert aufkommenden neuen technischen Errungenschaft, die Telegrafie, erkannte.

„Der Angriff des Telegraphen auf die aus dem Buchdruck erwachsene Definition von Urteilsbildung hatte drei Stoßrichtungen: Er verschaffte der Belanglosigkeit, der Handlungsunfähigkeit und der Zusammenhanglosigkeit Eingang in den Diskurs. Entfesselt wurden diese bösen Geister des Diskurses dadurch, daß die Telegraphie der Idee der kontextlosen Information Legitimität verlieh, also der Vorstellung, daß sich der Wert einer Information nicht unbedingt an ihrer etwaigen Funktion für das soziale und politische Entscheiden und Handeln bemißt, sondern einfach daher rühren kann, daß sie neu, interessant und merkwürdig ist. Der Telegraph machte aus der Information eine Ware, ein ‚Ding’, das man ohne Rücksicht auf seinen Nutzen oder seine Bedeutung kaufen und verkaufen konnte.“ (S. 85)

Zuvor waren es die Druckpresse, der Buchdruck, die den Diskurs bestimmten: „Ich möchte die Zeit, in der der amerikanische Geist unter der Souveränität der Druckpresse stand, das Zeitalter der Erörterung nennen. Die Erörterung ist zugleich Denkweise, Lernmethode und Ausdrucksmittel. Fast alle Eigenschaften, die wir einem entfalteten Diskurs zuordnen, wurden durch den Buchdruck verstärkt, der die stärkste Tendenz zu einer erörternden Darstellungsweise aufweist: die hochentwickelte Fähigkeit zu begrifflichem, deduktivem, folgerichtigem Denken, die Wertschätzung von Vernunft und Ordnung; der Abscheu vor inneren Widersprüchen, die Fähigkeit zur Distanz und zur Objektivität; die Fähigkeit, auf endgültige Antworten zu warten.“ (S. 82)

Mit der Zeit bestimmten Bilder, weniger das geschriebene Wort die Medienlandschaft: Manches Bild sagte plötzlich mehr aus als viele Worte:

„Die neuen Bildformen mit der Photographie in vorderster Linie traten nicht als bloße Ergänzung von Sprache auf, sie waren vielmehr bestrebt, die Sprache als unser wichtigstes Instrument zur Deutung, zum Begreifen und Prüfen der Realität zu ersetzen. […] Dadurch, daß das Bild in den Mittelpunkt des Interesses trat, wurden die überkommenden Definitionen der Information, der Nachricht und in erheblichen Umfang der Realität selbst untergraben.“ (S. 95)

„‚Bilder’, so hat Gavriel Salomon geschrieben, ‚muß man erkennen, Wörter muß man verstehen’. Damit will er sagen, daß die Photographie die Welt als Gegenstand präsentiert, während die Sprache sie als Idee präsentiert.“ (S. 93)

Es geht dabei nicht um Falschinformationen, sondern um Desinformationen: „Desinformation ist nicht dasselbe wie Falschinformation. Desinformation bedeutet irreführende Information – unangebrachte, irrelevante, bruchstückhafte oder oberflächliche Information -, Information, die vortäuscht, man wisse etwas, während sie einen in Wirklichkeit vom Wissen weglockt. […] Unwissenheit läßt sich allemal beheben. Aber was sollen wir tun, wenn wir die Unwissenheit für Wissen halten?“ (S. 133 f.)

„Wenn ein Volk sich von Trivialitäten ablenken läßt; wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Unterhaltungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn der öffentliche Diskurs zum unterschiedslosen Geplapper wird, kurz, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zur Varieté-Nummer herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr – das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung.“ (S. 190)

Wie kann man dem aber entgegenwirken? „Das Problem besteht … nicht darin, was die Leute sehen. Es besteht darin, daß wir sehen. Und die Lösung müssen wir darin suchen, wie wir sehen.“ (S. 194)

Postman setzt dabei auf die Schulen und die Erziehung: „Schon immer galt die Schule in Amerika als Patentlösung für alle bedrohlichen sozialen Konflikte, und ein solcher Vorschlag beruht natürlich auf einen naiven Vertrauen in die Wirksamkeit von Erziehung.“ (S. 197)

… und weiter: „Die Lösung, die ich hier vorschlage, ist die gleiche, die Aldous Huxley vorgeschlagen hat. Und ich kann es nicht besser als er. Er meinte mit H. G. Wells, daß wir in ein Wettrennen zwischen der Bildung und der Katastrophe eingetreten sind, und immer wieder hat er in seinen Schriften betont, wie dringlich es sei, die Politik und die Epistemologie der Medien begreifen zu lernen. Letzten Endes wollte er uns zu verstehen geben: Die Menschen in Schöne neue Welt leiden nicht daran, daß sie lachen, statt nachzudenken, sondern daran, daß sie nicht wissen, worüber sie lachen und warum sie aufgehört haben, nachzudenken.“ (S. 198)

Computer spielten vor knapp dreißig Jahren noch nicht die Rolle, die sie heute spielen samt Internet und all den sozialen Medien. In vielem lässt sich Postmans Kritik am Fernsehen auch auf das Internet übertragen. Besonders die sozialen Medien strotzen geradezu von Belanglosigkeiten und unnötigem Wissen. Auf der anderen Seite bietet das Internet aber die Möglichkeit, schnell an Informationen zu kommen, die man z.B. für die Arbeit, aber auch privat benötigt. Hier gilt natürlich, was für Medien anderer Art (Bücher eingeschlossen) ebenso gilt: Informationen sind an anderer Stelle auf ihre Richtigkeit zu überprüfen.

Es ist wenig, was Postman zu Computern schreibt, u.a.: „ … daß die Speicherung gewaltiger Datenmengen und ihre lichtgeschwinde Abrufbarkeit zwar für große Organisationen von hohem Wert sind, daß sie den meisten Menschen aber bei wichtigen Entscheidungsfindungen wenig geholfen und mindestens ebenso viele Probleme hervorgebracht wie gelöst haben.“ (S. 196) – Der erste Halbsatz ließ mich aufhorchen, denn da kam mir natürlich sogleich der NSA-Skandal in den Sinn.

Neil Postmans Buch ist auch heute noch aktuell, wenn sich die ‚Akzente’ auch deutlich verschoben haben. Es regt auf jeden Fall zum Nachdenken an – und darin besteht ja der Lösungsansatz, den Postman vertritt: das Erkennen der Gefahr für Kultur und Demokratie, die durch ein Überangebot an belanglosen Informationen hervorgerufen wird. Ich habe es auf jeden Fall mit großem Interesse erneut gelesen.

Zu Huxleys ‚Schöne neue Welt’ und Orwells ‚1984’ sowie zu den Verfilmungen beider Romane komme ich demnächst zu sprechen.

Siehe auch meine Beiträge:
Jugendkriminalität und das geschriebene Wort
Die Philosophie der Uhr

Jugendkriminalität und das geschriebene Wort

In einer vor Kurzem vom Center for Crime and Justice am King’s College in London durchgeführten Studie wurden 120 verurteilte Straßenräuber gefragt, warum sie ihre Straftaten begangen hatten. Ihre Antworten sagten eine Menge über das moderne britische Straßenleben aus. Nervenkitzel. Spontaner Impuls. Status. Und finanzieller Gewinn – in ebendieser Reihenfolge. Genau das sorglose, gefühllose Verhalten, das man oft bei Psychopathen antrifft.
Erleben wir also die Entstehung einer sub-psychopathischen Minderheit, für die die Gesellschaft nicht existiert? Einer neuen Spezies von Individuen, für die es weitgehend keine sozialen Normen gibt, die keinen Respekt vor den Gefühlen anderer haben und gleichgültig gegenüber den Folgen ihres Handelns sind? […] Den Ergebnissen einer neueren, von Sara Konrath und ihrem Team am Institute for Social Research der University of Michigan durchgeführten Studie zufolge lautet die Antwort auf diese Fragen Ja.
(Kevin Dutton: Psychopathen, 2013)

Von Erasmus im 16. Jahrhundert bis hin zu Elizabeth Eisenstein im 20. Jahrhundert sind fast alle Gelehrten, die sich mit der Frage befaßt haben, wie sich das Lesen auf die geistige Verfassung eines Menschen auswirke, zu dem Schluß gelangt, daß es die Rationalität fördert; daß der sequentielle, aussagebestimmte Charakter des geschriebenen Wortes das unterstützt, was Walter Ong die „analytische Verarbeitung von Wissen“ nennt. Wer sich auf das geschriebene Wort einläßt, der macht sich eine Denkweise zu eigen, die hohe Ansprüche an die Fähigkeit, zu klassifizieren, Schlüsse zu ziehen und logisch zu denken, stellt. Dazu gehört, daß man imstande ist, Lügen, Irrtümer und übermäßige Verallgemeinerungen zu erkennen oder eine mißbräuchliche Verwendung der Logik und des gesunden Menschenverstandes aufzudecken. Dazu gehört auch, daß man Gedanken zu gewichten, Behauptungen zu vergleichen und gegeneinander abzuwägen und eine allgemeine Aussage mit einer anderen zu verbinden vermag. Um dies zu erreichen, muß man einen gewissen Abstand von den Wörtern selbst gewinnen, was durch den isolierten, unpersönlichen Text selbst unterstützt wird. Deshalb bricht ein guter Leser nicht in lauen Beifall aus, sobald er auf einen treffenden Satz oder auf eine geistreiche Wendung stößt. Hierzu ist das analytische Denken zu konzentriert und zu distanziert.
(Neil Postman: Wir amüsieren und zu Tode, 1985)

Es ist nichts Neues, dass die Alten über die junge Generation stöhnt. Junge Menschen neigen nun einmal dazu, sich von den Älteren zu unterscheiden, was diese oft mit Unverständnis quittieren. Trotzdem muss nicht ausdrücklich betont werden, dass die heutige junge Generation nicht schlechter oder besser ist als z.B. meine Generation. Aber es gibt Hinweise, dass sich bestimmte Trends entwickelt haben, die sich zumindest bei einer Minderheit der Jungen zunehmend negativ auswirken.

Zwischen den Texten von Kevin Dutton und Neil Postman liegen fast 30 Jahre. Auf den ersten Blick haben beide Texte nichts miteinander gemeinsam. Ich denke aber, doch …

Es ist erst wenige Wochen her, da vermeldeten die Medien einen Rückgang der Jugendkriminalität. Allerdings sei die Jugendgewalt deutlich brutaler geworden. Das deckt sich durchaus mit der Aussage von Kevin Dutton, der von einer möglichen „Entstehung einer sub-psychopathischen Minderheit“ spricht, die skrupel- und gewissenloser gegen ihre Mitmenschen vorgeht.

Ein Grund hierfür könnte die unzureichende Urteilsbildung in einer Zeit sein, die zunehmend von der Unterhaltungsindustrie geprägt ist (hierzu und zu dem Buch von Neil Postman komme ich später noch einmal ausführlicher zu sprechen). Dazu gehört auch, dass gerade ein Großteil der jungen Menschen weniger liest. Die positiven Auswirkungen des Lesens beschreibt Neil Postman sehr eingehend. Daraus lassen sich die negativen Folgen des Nichtlesens ableiten.

Natürlich gibt es jede Menge Schund zu lesen. Was in irgendwelchen Bestsellerlisten auftaucht, muss nicht unbedingt gut sein. Aber immer ist es nicht nur nach meiner Meinung besser zu lesen als gar nicht.

Neil Postman schreibt: „Problematisch am Fernsehen ist nicht, dass es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, dass es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.“ Und was fürs Fernsehen gilt, gilt u.a. auch für ein Medium wie das Internet. Es sind Bilder, die längst das Wort abgelöst haben. Selbst wenn Wörter ein Bild umrahmen (wer liest den Text denn noch), so ist es das Bild, das sich uns einprägt. Postman weiter: „Fernsehen wurde nicht für Idioten erschaffen – es erzeugt sie“.

Wen wundert’s da noch, wenn manch jugendlicher ‚Idiot’ des Nervenkitzels wegen zum brutalen Straftäter wird. Es sind nicht nur die so genannten Ballerspiele, es ist die kritiklose Spaßgesellschaft insgesamt, in der dank einer geldgierigen Unterhaltungsindustrie der einzelne zu verblöden droht.

Kevin Dutton: Psychopathen

Es ist schon wieder einige Tage her, da habe ich das Buch Psychopathen: Was man von Heiligen, Anwälten und Serienmördern lernen kann – aus dem Englischen von Ursula Pesch (Deutscher Taschenbuch Verlag – dtv premium 24975 – deutsche Erstausgabe 2013) von Kevin Dutton zu Ende gelesen (Originaltitel: The Wisdom of Psychopaths – Lessons in Life from Saints, Spies and Serial Killers).

    Kevin Dutton: Psychopathen

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es geht in dem Buch in erster Linie um Psychopathie und nicht um psychische Störungen, insbesondere Psychosen. Psychopathie bezeichnet eine schwere Persönlichkeitsstörung, die bei den Betroffenen mit dem weitgehenden oder völligen Fehlen von Empathie, sozialer Verantwortung und Gewissen einhergeht. Wer ein Psychopath ist, lässt sich an der Psychopathie-Checkliste (PCL) von Robert D. Hare ablesen.

Kevin Dutton ist promovierter Psychologe und Professor am Calleva Research Centre for Evolution and Human Science der Universität Oxford. Er ist Mitglied der Royal Society of Medicine und der Society for the Scientific Study of Psychopathy. Zahlreiche Veröffentlichungen, u.a. Autor des Bestsellers „Gehirnflüsterer. Die Fähigkeit, andere zu beeinflussen.“ (Klappentext)


Kevin Dutton: Psychopathen

Wer ist ein Psychopath?
Psychopathen gelten landläufig als schwer gestörte Menschen. Die Psychopathy Checklist , kurz PCL, ist heute ein gängiges Instrument zur Einschätzung von solchen Persönlichkeiten. Wer mehr als 75 Prozent der Merkmale auf dieser Liste besitzt, gilt als Psychopath. Es ist nicht überraschend, dass sich die größte Dichte an Psychopathen in den Hochsicherheitstrakten findet. Kevin Dutton hat einige von ihnen kennengelernt. Aber auch viele „normale“ Menschen haben das eine oder andere Merkmal von dieser Liste. Und dienen der Gesellschaft, indem sie besondere Aufgaben besonders gut erfüllen.

Das wundert nicht, wenn man erfährt, welche Eigenschaften dazugehören: Kaltblütigkeit, Durchsetzungsstärke, Konzentrationsfähigkeit, Furchtlosigkeit, rasche Auffassungsgabe, Energie, Charisma.

Natürlich sind Sie kein Psychopath. Vielleicht sind Sie eine Führungskraft oder ein sehr spiritueller Mensch. Sie haben Charme, Sie sind unerschrocken und risikofreudig, können harte Entscheidungen treffen. Sie sind sehr aufmerksam und können sich gut auf ein Ziel konzentrieren. Sie werden feststellen, dass das Eigenschaften sind, die Sie mit Psychopathen teilen. Selbstredend sind diese Eigenschaften nützlich, wenn man ein Serienmörder werden will. Aber auch im Gerichtssaal, in der Wirtschaft oder im OP. Oder im Leben eines Heiligen. Jede Medaille hat zwei Seiten. »Eine meisterhafte, sehr lesbare und unterhaltsame Darstellung der Psychopathie und ihrer Manifestationen im Alltag. Manche seiner Ideen werden kontrovers diskutiert werden, aber es ist ein höchst anregendes Buch für alle, die die ›psychopathische‹ Welt, in der sie leben, besser verstehen wollen.« Prof. Dr. Robert Hare, Erfinder der Psychopathy Checklist

Nach Ansicht von Kevin Dutton kann man sehr wohl fragen, was man von Menschen lernen kann, die solche Eigenschaften besitzen und sie nicht zerstörerisch, sondern konstruktiv einsetzen. Dazu muss man sich in eine psychologische Achterbahn begeben und eintauchen in eine eigene Welt, die bevölkert ist von Mördern, Helden, Bankern, Anwälten und Filmstars.
(aus dem Klappentext)

Ohne Zweifel ist dieses Buch von Kevin Dutton ein sehr aufschlussreiches, auch lehrreiches Buch, auch wenn ich es am Ende ziemlich ‚einseitig’ finde. Im Wesentlichen sollen Struktur- oder Funktionsdefizite in verschiedenen Hirnregionen Ursache für Psychopathie sein. Es „wurde eine Dysregulation der Amygdala-Funktion beschrieben. Man vermutet, dass dadurch wichtige soziale Lernfunktionen beeinträchtigt sind. Außerdem konnte auch eine Hippocampus-Dysfunktion belegt werden.“ (Quelle: de.wikipedia.org)

Das erklärt aber nur unzureichend den Unterschied zwischen Psychopathen wie Serienmördern und „normalen“ Menschen, die ebenfalls das eine oder andere Merkmal der Psychopathie-Checkliste und im positiven Sinne Kaltblütigkeit, Durchsetzungsstärke, Konzentrationsfähigkeit, Furchtlosigkeit usw. besitzen.

Führungsmerkmale: Psychopathische Merkmale:
Charisma Oberflächlicher Charme
Selbstsicherheit Größenwahn
Fähigkeit, zu beeinflussen Manipulation
Überzeugungskraft Hochstapelei
Visionäres Denken Erdichten komplizierter Geschichten
Fähigkeit, Risiken einzugehen Impulsivität
Handlungsorientierung Erlebnishunger
Fähigkeit, schwierige Entscheidungen zu treffen Gefühlsarmut

Die Weisheit des Psychopathen (S. 159): Führungsmerkmale und ihre psychopathischen Äquivalente

Letztere sind Psychopathen mit Methode, die fähig sind, in die entsprechende Rolle zu schlüpfen, wenn die Situation es verlangt, und sie anschließend wieder ablegen. Dutton spricht von der SOS-Mentalität: den „psychischen Fähigkeiten, sich ins Zeug zu legen (Strive), Hindernisse zu überwinden (Overcome) und erfolgreich zu sein (Succed).“

„Ich nenne dies Fähigkeiten die sieben Siegermerkmale – sieben Grundprinzipien der Psychopathie, die uns, wenn wir sie in Maßen und mit der gebotenen Sorgfalt und Aufmerksamkeit nutzen, dabei helfen können, genau das zu bekommen, war wir wollen; uns helfen können, den Herausforderungen des modernen Lebens zu begegnen, statt auf sie zu reagieren, uns vom Opfer zum Sieger werden lassen, ohne uns in einen Schurken zu verwandeln:

1. Skrupellosigkeit
2. Charme
3. Fokussierung
4. Mentale Härte
5. Furchtlosigkeit
6. Achtsamkeit
7. Handeln.“
(S. 230)

Nur wie werde ich ein Psychopath mit Methode, also ein Mensch, der sich lediglich der psychischen Fähigkeiten eines Psychopathen bedient? Darauf gibt Dutton keine klare Antwort. Er meint, dass man es durch eine Art Training erreichen könnte. Vielleicht sollte man seinen Gehirnskasten mit dem Hämmerchen an den entsprechenden Stellen leicht malträtieren?! Vielleicht hilft auch eine Erhöhung des Dopamin– und Serotonin-Spiegels? Beide Werte sind bei Psychopathen erhöht. Es wäre zu schön, wenn man sich von heute auf morgen vom eher unsicheren zum völlig coolen Typen entwickeln könnte. Kein Lampenfieber mehr bei Vorstellungsgesprächen, Vorträgen u.ä.

Wenn ich sage, Duttons Buch wäre ziemlich ‚einseitig’, so deshalb, weil er bestimmte andere Faktoren unterschlägt. Ich bin nicht unbedingt Freudianer, aber tiefenpsychologische Prozesse spielen auch bei der Psychopathie eine gewisse Rolle. Hinzu kommen mit Sicherheit Umwelteinflüsse, die die Psychopathie ‚begünstigen’. Im Grunde steht die Wissenschaft doch noch ziemlich am Anfang der Erforschung dieser schweren Persönlichkeitsstörung.

Auf jeden Fall kann ich das Buch jedem empfehlen, der sich mit der menschlichen Natur, besonders mit deren zwanghaften und kranken Seite, auseinandersetzen möchte. In meist auch dem Laien verständlichen Worten ist es ein Abriss des heutigen Wissens zum Thema Psychopathie.

„Der unwiderstehliche Kevin Dutton ist wieder da. Diesmal mit einem pietätlosen Aufriss der hellen und dunklen Seiten der geheimnisvollen Psychopathen. Er liefert eine mitreißende Mischung von Wissenschaftlichem und Persönlichen und informiert und unterhält die Leser gleichermaßen.“ (Prof. Dr. Scott Lilienfeld, Präsident der Society for the Study of Psychopathy)

„… ein überraschendes, fesselndes und scharfsinniges Buch. Kevin Dutton hat eine Fülle von Wissen über diese charmanten, kalten und furchtlosen Menschen zusammengeführt, die einerseits so anziehend sind und andererseits so abschreckend. Er tut das in einem extrem lesbaren Stil mit einer Fülle von spannenden Geschichten …“ (Philip Pullman)

siehe auch meinen Beitrag: Psychopathie: Die Geschichte von den zwei Beerdigungen

Weiteres zum Buch und zum Psychopathen-Test

außerdem: Raubtiere ohne Kette (spiegel.de) und Der ganz normale Wahnsinn (3sat.de)

sowie Interview mit Kevin Dutton: „Ein blöder Psychopath bringt es zu gar nichts“

Charles Bukowski: Such (ein Gedicht)

Es gilt als der „in den USA vielleicht nicht berühmteste, doch in den Buchläden meistgeklaute Autor“. Er war ein „eigenwilliges Unikum, das sich weder einordnen noch kategorisieren lässt.“ Mit seinem „Credo der absoluten, literarisch unverstellten Wahrhaftigkeit von Empfinden und Darstellung“ muss man ihn als modernen, ironischen Naturalisten sehen. Seine Helden sind Kleinkriminelle, Säufer, Obdachlose, Prostituierte und er selbst in Form seines literarischen Alter Egos Henry Chinaski (genannt Hank), einen „kompromisslos unangepassten, pessimistischen“ Protagonisten schlechthin. (Quelle: de.wikipedia.org). Die Tageszeitung Die Welt nannte ihn einen „göttlichen Gossenpoeten“. Ich spreche von Charles Bukowski, 1920 in Andernach als Heinrich Karl Bukowski geboren und 1994 in Los Angeles gestorben, einen US-amerikanischen Dichter und Schriftsteller deutscher Abstammung. Er veröffentlichte zwischen 1960 und den frühen 1990er-Jahren über vierzig Bücher mit Gedichten und Prosa.

Charles Bukowski schrieb Kurzgeschichten, Romane und Gedichte über das Leben in den Randzonen der bürgerlichen amerikanischen Gesellschaft und galt schon zu Lebzeiten als Kult-Autor. Bisher habe ich ihn hier fast völlig vernachlässigt, obwohl ich einige seiner Bücher gelesen habe, die ich wirklich witzig fand. Charles Bukowski „ist nicht fein und subtil, sondern deftig und deutlich, dabei stets originell“ (Westfälische Nachrichten). – Was noch nicht ist, kann ja noch werden. Veröffentlicht wird Bukowski heute wie früher bei Zweitausendeins. Dort ist nun auch ein Band mit 439 Gedichte aus seiner Feder erschienen. Hier eine kleine Kostprobe:

Such

Der Hund springt aufs Bett und robbt
über mich.
„Weißt du das Wort?“ frage ich ihn.
Er gibt keine Antwort.
„Weißt du das Wort? Ich such das
richtige Wort.“
Er sieht mich mit seinen ernsten
Braunen Augen an.
„Ich warte auf das richtige Wort“
erkläre ich ihm. „Ich komme mir vor
als würde ich durch eine große heiße
Bratpfanne schnalzen.“
Er wedelt und versucht, mein
Gesicht zu lecken.

    Charles Bukowski mit Hund

„Hör mal“, ruft sie aus dem Bade-
zimmer, „kommst du jetzt endlich
aus den Federn und hörst auf,
mit dem Hund zu reden?!“

Meine Eltern haben mich auch
nie verstanden.

weitere Gedichte von Charles Bukowski im Original bei poemhunter.com

Gunter Gerlach: Tod in Hamburg – Brahms ermittelt

    Vielleicht war das bereits Liebe? Drohte die Zweisamkeit als Vereinzelung und spezielle Form der Einsamkeit, der Rückzug aus dem urbanen Leben. Die Paarbildung führte zur Lösung aus der Gruppe, war gerade deshalb Pfeiler der Macht des Staates. Gruppen ließen sich nicht so gut lenken. In ihnen herrschte Solidarität. Paare verlangten untereinander Loyalität. Brahms schwankte …
    (Gunter Gerlach: Tod in Hamburg, S. 107)

Auf besondere Empfehlung hin habe ich den Kriminalroman Tod in Hamburg: Brahms ermittelt (Ein Ellert & Richter Krimi – Ellert & Richter Verlag, Hamburg 2008) von Gunter Gerlach gelesen. Er spielt in Hamburg und Hamburg spielt dabei eine durchaus wichtige Rolle. Ich mag Krimis mit Lokalkolorit.

    Gunter Gerlach: Tod in Hamburg - Brahms ermittelt

Lutz Brahms, Gitarrist und privater Ermittler, findet die Leiche seines Bandkollegen Robert Manley. Schnell wird klar: Robert Manley hatte viele Feinde. Doch wer war sein letzter Gast?
Brahms nimmt die Ermittlungen auf und lässt sich von seiner Spürnase kreuz und quer durch Hamburg führen – sehr zum Verdruss seines Vaters, eines bekannten Kaffee-Importeurs, der seinen Spross endlich im Familienunternehmen sehen will.
Von den grünen Vierlanden bis zum noblen Blankenese, von der szenigen Schanze bis zum schicken Eppendorf – Gunter Gerlach fängt die Atmosphäre und den Charme der Hansestadt ein und lässt seinen Helden und Hundekenner an allen Ecken schnüffeln.
(aus dem Umschlagtext)

Im Nachhinein hat dieser Kriminalroman seine eigenen Besonderheiten. Selten haben sich so viele Verdächtige selbst bezichtigt. Und am Ende stellt sich der Fall als ein Doppelmord heraus. Nicht das zwei Menschen ermordet werden, nein, ein Mensch wird – unabhängig voneinander – von zwei Menschen ermordet. Die Idee hat etwas. Aber die Umsetzung scheint mir nicht so ganz geglückt.

Ich kenne Hamburg nun einmal einwenig. Aber „die Atmosphäre und der Charme der Hansestadt“ kommen nicht wirklich herüber. Und auch die Protagonisten bleiben eher blass, allen voran Lutz Brahms, Gitarrist in einer Band, ehemaliger Kammerjäger, jetzt privater Ermittler und zudem Hundeflüsterer. Welch kuriose Mischung.

    Gunter Gerlach: Internationaler Krimitag 2012 zugunsten von Hinz&Kunzt

Natürlich kann und muss man wohl Gunter Gerlachs Kriminalroman aus einer etwas anderen Sicht betrachten. Ich habe bisschen auf Gerlachs Website gestöbert und bin dabei auf durchaus Interessantes gestoßen, z.B. seine visuelle Poesie und öffentlichen Performances. Gunter Gerlach besticht durch außergewöhnliche Ideen (die Idee vom „Doppelmord“ hat ja etwas – oder die Allergie-Krimis). Es ist wohl schon richtig, dass „seine Helden in kein Schema passen, seine Sprache anders ist.“ (Joachim Schneider, Badische Zeitung). So habe ich mich auch für ein Zitat (siehe oben) aus dem Buch entschieden, das so gar nicht zu einem Kriminalroman passen will und vielleicht doch ganz gut den „Tonfall“ des Buchs wiedergibt.

siehe auch Gunter Gerlachs Beiträge im CULTurMAG: Gerlachs Unmögliche Lektüren (u.a.)

Heute Ruhetag (48): Gustav Meyrink – Der Golem

Gustav Meyrink (eigentlich Gustav Meyer * 1868 in Wien; † 1932 in Starnberg), war ein österreichischer Schriftsteller.

Die Zentren seines literarischen Schaffens waren Prag und München. Zu beiden pflegte er zeitlebens eine innige Hassliebe.

Als einer der Ersten im deutschen Sprachraum (nach Paul Scheerbart und E. T. A. Hoffmann) verfasste Meyrink phantastische Romane. Während sein Frühwerk mit dem Spießbürgertum seiner Zeit abrechnet (Des deutschen Spießers Wunderhorn), befassen sich seine späteren, häufig im alten Prag spielenden Werke hauptsächlich mit übersinnlichen Phänomenen und dem metaphysischen Sinn der Existenz.

Der Golem ist wohl der bis heute bekannteste Roman von Gustav Meyrink. Er erschien erstmals in den Jahren 1913 und 1914 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Die Weißen Blätter; 1915 wurde er in Buchform veröffentlicht, also vor 99 Jahren.

Dieser Roman gilt als ein Klassiker der phantastischen Literatur. Es handelt sich bei dem Roman nicht um eine Adaption der jüdischen Golem-Sage im engeren Sinn, sondern um ein impressionistisches Traumbild vor dem Hintergrund der Sage. Der Golem soll eine alte sagenhafte Gestalt gewesen sein, von dem man sagt, er gehe alle dreiunddreißig Jahre in Prag um. Rabbi Löw soll ihn 1580 am Ufer der Moldau nach verlorengegangenen Vorschriften der Kabbala aus Lehm geschaffen haben, weil er sich einen Gehilfen wünschte, der die Juden beschützen sollte.

Der Roman spielt im frühen 20. Jahrhundert und beginnt mit dem anonymen Erzähler der Geschichte, der – zu Besuch in Prag – vor dem Zu-Bett-Gehen in einem Buch über das Leben Buddha Gotamas gelesen hat. Er fällt in einen unruhigen Halbschlaf und gleitet in eine Traumwelt, in der er Ereignisse erneut durchlebt, die sich vor mehr als dreißig Jahren im Prager Judenviertel zugetragen haben.

… siehe hierzu auch meinen alten Beitrag: Gustav Meyrink: Der Golem. Wenn auch nicht erst alle 33 Jahre, so taucht der Golem in diesem Blog öfter auf als gedacht …

Heute Ruhetag = Lesetag!

Schlaf

Das Mondlicht fällt auf das Fußende meines Bettes und liegt dort wie ein großer, heller, flacher Stein.

Wenn der Vollmond in seiner Gestalt zu schrumpfen beginnt und seine rechte Seite fängt an zu verfallen, – wie ein Gesicht, das dem Alter entgegengeht, zuerst an einer Wange Falten zeigt und abmagert, – dann bemächtigt sich meiner um solche Zeit des Nachts eine trübe, qualvolle Unruhe.

Ich schlafe nicht und wache nicht, und im Halbtraum vermischt sich in meiner Seele Erlebtes mit Gelesenem und Gehörtem, wie Ströme von verschiedener Farbe und Klarheit zusammenfließen.

Ich hatte über das Leben des Buddha Gotama gelesen, ehe ich mich niedergelegt, und in tausend Spielarten zog der Satz immer wieder von vorne beginnend durch meinen Sinn:
»Eine Krähe flog zu einem Stein hin, der wie ein Stück Fett aussah, und dachte: vielleicht ist hier etwas Wohlschmeckendes. Da nun die Krähe dort nichts Wohlschmeckendes fand, flog sie fort. Wie die Krähe, die sich dem Stein genähert, so verlassen wir – wir, die Versucher, – den Asketen Gotama, da wir den Gefallen an ihm verloren haben.«

Und das Bild von dem Stein, der aussah wie ein Stück Fett, wächst ins Ungeheuerliche in meinem Hirn:

Ich schreite durch ein ausgetrocknetes Flußbett und hebe glatte Kiesel auf.

Graublaue mit eingesprengtem glitzerndem Staub, über die ich nachgrüble und nachgrüble und doch mit ihnen nichts anzufangen weiß, – dann schwarze mit schwefelgelben Flecken wie die steingewordenen Versuche eines Kindes, plumpe, gesprenkelte Molche nachzubilden.

Und ich will sie weit von mir werfen, diese Kiesel, doch immer fallen sie mir aus der Hand, und ich kann sie aus dem Bereich meiner Augen nicht bannen.

Alle jene Steine, die je in meinem Leben eine Rolle gespielt, tauchen auf rings um mich her.
Manche quälen sich schwerfällig ab, sich aus dem Sande ans Licht emporzuarbeiten – wie große schieferfarbene Taschenkrebse, wenn die Flut zurückkommt, – und als wollten sie alles daransetzen, meine Blicke auf sich zu lenken, um mir Dinge von unendlicher Wichtigkeit zu sagen.

Andere – erschöpft – fallen kraftlos zurück in ihre Löcher und geben es auf, je zu Worte zu kommen.

Zuweilen fahre ich empor aus dem Dämmer dieser halben Träume und sehe für einen Augenblick wiederum den Mondschein auf dem gebauschten Fußende meiner Decke liegen wie einen großen, hellen, flachen Stein, um blind von neuem hinter meinem schwindenden Bewußtsein herzutappen, ruhelos nach jenem Stein suchend, der mich quält – der irgendwo verborgen im Schutte meiner Erinnerung liegen muß und aussieht wie ein Stück Fett.

[…]

Gustav Meyrink: Der Golem

Heute Ruhetag (47): Pierre Louys – Aphrodite

Pierre Louÿs wurde am 10. Dezember 1870 in Gent geboren und starb am 4. Juni 1925 in Paris. Er war ein französischer Lyriker und Romanschriftsteller. Neben de Sade, Verlaine und Mirabeau gilt er als Meister der erotischen Literatur Frankreichs.

Sein erster Roman Aphrodite (mœurs antiques) erschien 1896. Der Roman, mit seinem Atmosphäre von verfeinertem Naturempfinden, Lebensfreude und Sinnlichkeit, erreichte einen Achtungserfolg sowohl in der Literaturszene als auch beim Publikum.

Aphrodite ist in der griechischen Mythologie die Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde und eine der kanonischen zwölf olympischen Gottheiten. Ursprünglich zuständig für das Wachsen und Entstehen, wurde sie erst später zur Liebesgöttin. Das Pendant in der römischen Mythologie ist Venus.

Heute Ruhetag = Lesetag!

[…]

Als Ulysses eines Tages am Fuße des delphischen Gebirges jagte, traf er auf seinem Wege zwei Jungfrauen, die sich an der Hand hielten. Die Eine hatte Veilchenhaare, durchsichtige Augen und Lippen von einem ernsten Ausdruck; sie sagte ihm: »Ich bin Arètê«. Die Andere hatte schwache Augenlider, schmale Hände und zarte Brüstchen. Sie sagte: »Ich bin Triphê«. Und Beide fügten hinzu: »Wähle zwischen uns«. Doch der schlaue Ulysses antwortete klug und weise: »Wie könnte ich wählen? Ihr seid unzertrennlich. Die Augen, welche die Eine ohne die Andere von Euch gesehen, haben nur einen hohlen Schatten gesehen. Gleichwie die wahre Tugend sich der ewigen Freuden nicht beraubt, welche die Wollust ihr bietet, würde auch die Weichlichkeit ohne eine gewisse Seelengröße wenig taugen. Ich werde Euch beiden folgen. Zeiget mir den Weg«. Kaum hatte er geendet, als die beiden Erscheinungen ineinanderflossen. Ulysses erkannte, daß er mit der großen Göttin Aphrodite gesprochen. Die Frau, welche den ersten Platz in dem vorliegenden Roman einnimmt, ist eine Courtisane des Alterthums. Zur Beruhigung des Lesers will ich sogleich hinzufügen: sie wird sich nicht bekehren.

[…]

    Aphrodite, die Liebesgöttin

Pierre Louys: Aphrodite

David Zane Mairowitz/Robert Crumb: Kafka

Vor geraumer Zeit hatte ich in meinem Beitrag Faksimile-Mappe und Graphic Novels zu Franz Kafka einiges Interessante zum Prager Schriftsteller vorgestellt. Inzwischen habe ich mir mit Freuden und Schauern über den Rücken das Buch Kafka des Schriftstellers David Zane Mairowitz mit den Zeichnungen von Robert Crumb, dem Schöpfer von Fritz the Cat, angeschaut und innerhalb eines halben Tages durchgelesen.

    David Zane Mairowitz – Robert Crumb: Kafka

Wer trotz des Kafka-Films immer noch kein Interesse an Kafka gewonnen hat, dem wird das vielleicht durch dieses Buch geweckt. Ansonsten: Hoffnungsloser Fall …?!

    Selbstportrait Robert Crumb (re.) mit David Zane Mairowitz (im Buch auf Seite 165)

Kein Schriftsteller unserer Zeit und wahrscheinlich keiner seit Shakespeare ist dermaßen überinterpretiert und in Schubkästen gesteckt worden wie Franz Kafka. Jean-Paul Sartre nahm ihn für den Existenzialismus in Anspruch, Camus für das Absurde, sein lebenslanger Freund und Herausgeber Max Brod überzeugte mehrere Gelehrtengenerationen, dass sich in Kafkas Parabeln die komplizierte Suche nach einem unerreichbaren Gott ausdrückte.
In ‚Kafka’ haben David Zane Mairowitz und Robert Crumb das Wesentliche über Franz Kafka zusammengetragen: von seiner Kindheit bis zum posthumen Kafka-Kult; über die Konflikte, die der Schriftsteller mit sich selbst und anderen, allen voran mit seinem Vater, auszutragen hatte. Immer wieder geht es um Kafkas Zerrissenheit vor dem Hindergrund seiner deutsch-tschechischen Nationalität und der jüdischen Kultur. Die Stationen von Kafkas Leben werden ergänzt durch Briefe und Auszüge aus seinen Romanen und Kurzgeschichten.

(Umschlagtext)

„Kafkas Themen wie der Selbsthass, seine Beziehung zu Frauen, die Schuldfrage sind auch meine. Er ist mein Bruder im Geiste.“ – Robert Crumb

    Kafka: Immerfort die Vorstellung eines breiten Selchermessers, das ... von der Seite her in mich hineinfährt ...

„Was habe ich mit Juden gemein? Ich habe kaum etwas mit mir gemein!“

Niemand erklärt Kafka besser als Kafka selbst – der Mann, der seinen Freunden stets erschien, als führe er ein Leben hinter einer Glaswand. Seine Romane und Erzählungen sind tief in der Tradition des jiddischen Geschichtenerzählens verwurzelt und zeichnen sich durch ihre bizarren Fantasien, gepaart mit düsterer Melancholie und subtilen Witz, aus.

Innerlich zerrissen und entfremdet von seinen jüdischen Wurzeln, seiner Nationalität, seiner Familie, seiner Umgebung und insbesondere von seinem Körper, schuf Kafka eine einzigartige literarische Sprache, in der er sich selbst verbergen, sich in ein riesiges Ungeziefer, einen Affen, einen Hund, eine Maus oder einen Künstler verwandeln konnte, der sich vor den Augen des Publikums zu Tode hungert.

David Zane Mairowitz’ dichter und pointierter Text, kombiniert mit den Zeichnungen eines der größten Comiczeichner unserer Zeit, Robert Crumb, gewährt einen Einblick in das Wesen und das Werk des Schriftstellers Franz Kafka.

    Was heißt eigentlich: kafkaesk?!

Robert Crumb, geboren 1943 in Philadelphia, gehört zu den Pionieren des amerikanischen Underground-Comics. Der Schöpfer von Fritz the Cat und Mr. Natural ist zeitlebens ein kontroverser Künstler gewesen, der sowohl seine eigenen als auch die gesellschaftlichen Abgründe schonungslos offengelegt hat. Charakteristisch ist auch sein kräftiger Strich, durch den er zu einem der stilprägendsten Illustratoren und Comiczeichner schlechthin wurde, dessen Arbeiten sogar im New Yorker Museum of Modern Art ausgestellt wurden.
Für sein Lebenswerk erhielt Robert Crumb 1999 den Grand Prix des Internationalen Comic-Festivals in Angoulême. Er lebt mit seiner Frau und der gemeinsamen Tochter in Frankreich.

David Zane Mairowitz, ebenfalls Jahrgang 1943, wurde in New York geboren und lebt seit 1966 in Europa, heute in Avignon und Berlin.
Für seine Hörspiele, die in ganz Europa produziert werden, erhielt er zahlreiche Preise, unter anderem den Prix Italia und den Prix Europa. Sein Lebenswerk wurde 2006 in Frankreich mit dem Prix SACD de la Radio ausgezeichnet. Er ist der Autor mehrerer Comics, die er in Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Zeichnern unter anderem über Albert Camus und Wilhelm Reich veröffentlichte.

„Robert Crumb ist der Brueghel des 20. Jahrhunderts“ – Time
„Keiner hätte es besser machen können als Crumb“ – Libération
(Klappentexte)

... eine Zeile gegen mich ... wie man die Fernrohre … richtet!
… eine Zeile gegen mich … wie man die Fernrohre … richtet!

Was soll ich da noch sagen und ergänzen. Kafka ist für mich einer der ganz großen Schriftsteller. Wenn sich da nun ein Zeichner-Heroe wie Robert Crumb Kafkas annimmt, dann muss das Ergebnis schon außerordentlich sein. Und mit den kurzen, präzisen Texten eines David Zane Mairowitz ist ein Werk entstanden, das nicht nur sein Geld Wert ist, sondern so prägnant wie nur möglich in Kafkas Biografie und Werk einführt. Lange habe ich auf die Wiederveröffentlichung dieses Buchs gewartet, das bereits 1995 bei Zweitausendeins erschienen war. Dank also auch an den Verlag Reprodukt. Das Warten hat sich gelohnt.

    Franz Kafka: In der Strafkolonie

Martin Walser: Jagd (1988)

    Die vielbödige Hinterhältigkeit des höher gebildeten Normalmenschen. (S. 128)
    Gute Manieren sind ein Ausdruck schlechten Gewissens (S. 135)
    Ohne Selbstbeherrschung ist Anarchie nicht möglich. (S. 213)

    Martin Walser: Jagd (suhrkamp taschenbuch 1785, 3. Auflage 2002)

Frauen sind Männern ein Rätsel. Aber fast mehr noch verstehen sie sich selbst kaum. Was veranlasst ihr Handeln, was prägt ihr Verhalten? Menschen, speziell Männer, unterscheidet man gern in die Kategorien Jäger oder Sammler. So ganz habe ich den Unterschied nicht verstanden. Beide, Jäger wie Sammler, müssen doch ‚hinaus’, um ihrem Bedürfnis entsprechend handeln zu können. Vielleicht ist der Jäger eher der Abenteurer, dem die Jagd als solches Ziel ist, während der Sammler eher der Stubenhocker ist, dem die Trophäen das Wichtigste sind.

Nachdem ich zum ersten Mal Das Schwanenhaus (Erstveröffentlichung 1980) Anfang des Jahres gelesen habe, so nahm ich mir jetzt den Roman Jagd (Erstveröffentlichung 1988) zum 2. Mal vor – der erste und zweite der drei Gottlieb Zürn-Romane von Martin Walser.

    Martin Walser: Jagd (1988)

Da Gottlieb Zürn seine Unterlegenheit als Immobilienhändler erkennen mußte, überließ er seiner Frau Anna, die sich im Handel und Wandel mit den Kunden erfolgreich gezeigt hatte, den Part der größeren Einträglichkeit: Anna, das Zentrum der Familie, Ärztin, die Glaubensfähige, die Tonangebende. Es beginnt idyllisch, aber die Idylle hält nicht. Die Jagd beginnt. Als die Tochter Julia, achtzehn, verschwindet, erweist es sich, wie wenig der Familienfrieden einer war. Das Jagdmotiv, handle es sich um Lebenssituationen oder um gesellschaftliche Bereiche, wird aufs vielfältigste variiert. Sechs Frauen sind es, die diese Variationen bewirken.
(aus dem Klappentext)

Im zweiten Roman ist Gottlieb Zürn, der mit seiner Frau und den beiden jüngeren der vier Töchter in Überlingen (Ortsteil Nußdorf) am Bodensee lebt, hauptsächlich als Akquisiteur tätig und für die Zeitungsanzeigen zuständig. Dort am Bodensee haben die Zürns auch zwei Ferienwohnungen, die sie u.a. schon öfter an Helmut Halm und Frau in „Ein fliehendes Pferd“ (1978) vermietet haben. Diesmal ist es das Ehepaar Gisela und Stefan Ortlieb. Dieser Gisela („Gisi“) und ihrer paranoiden Freundin Annette Mittenzwei (sic! – der Name ist Programm) wird Gottlieb Zürn auf der Suche nach der Tochter bis nach München ‚nachjagen’. Und über das Heranschaffen von Immobilien lehrt Zürn Liliane Schönherr kennen, eine Frau, die ihren schwerkranken Mann zu pflegen hat und darüber sich vom Leben vernachlässigt fühlt. Zwar erjagt Gottlieb Zürn die Frau, aber nicht die Immobilie, deretwegen er sich in dieses amouröse Abenteuer begeben hat. Wieder ist es jener Jarl F. Kaltammer, der sich das Lebkuchenhäuschen unter den Nuß- und Kastanienbäumen in Nonnenhorn (oder wie Kaltammer selbst inseriert: „Traumhäuschen auf großem Grund unter Märchenbäumen“) unter den Nagel gerissen hat.

Übrigens: Entgegen meiner ersten Berechnung kommt das Wort Jagd und seine Variationen (Jäger, jagen) beim 2. Lesen statt achtmal sogar zwölfmal vor.

Personenliste zum Roman:

Dr. Gottlieb Zürn, Makler, Ende 50 Jahre
Anna, seine Frau

Rosa, die älteste Tochter
Magda(lena), Tochter
Julia, Tochter, 18 Jahre alt <-> Bert Diekmann
Regina, die jüngste Tochter, 15 Jahre alt

Gisela Ortlieb und
Ehemann Stefan Ortlieb (Diplom-Bibliothekar), Feriengäste aus München
Annette Mittenzwei, Freundin von Gisela Ortlieb

Liliane Schönherr, Kundin (als Verkäuferin) von Gottlieb Zürn in Frankfurt/Main

Elisabeth Stapf, genannt Lissi, Punkerin und Freundin von Julia
Dr. Kevelaer, Frauenarzt

Rudi W. Eitel, Kollege und Freund von Gottlieb Zürn
Helmut ‚Schaden’-Meier, früher Architekt, jetzt Schätzer, Freund von Gottlieb Zürn

Paul Schatz, Immobilienhändler und Konkurrent
Jarl F. Kaltammer, Immobilienhändler und Konkurrent

außerdem:

Armin, der Hund der Familie Zürn
u.a.

Und wie schon öfter an anderer Stelle erwähnt, hat Gottlieb Zürn zwei Cousins, die Walser ebenfalls literarisch bedacht hat (siehe Übersicht Hauptpersonen Romane Martin Walser als PDF) und die so mindestens in aller Kürze auch in „Jagd“ Erwähnung finden, dort heißt es:

… Was kann man mit Schmerz anfangen? Bitte, mit Lebensschmerz! Er kennt weder den ewigen Magenschmerz seines Vetters Xaver [Seelenarbeit] noch den Weltschmerz seines Vetters Franz [Franz Horn – Jenseits der Liebe und Brief an Lord Liszt], ihm tut das Leben selber weh. Nur das, sonst nichts. (S. 196)

Wie eingangs erwähnt: Männer verstehen sich selbst kaum. Diesmal gibt zwar Gottlieb Zürn kein unnötiges Geld für einen noch unnötigeren teuren Teppich aus. Dafür jagt er nach erotischen Abenteuern und ist manchmal der Jäger, aber meist doch eher der Gejagte. Seine Abenteuer enden geradezu kläglich. Was tut ‚Mann’ sich selbst nicht alles an, um auch noch im fortgeschrittenen Alter ‚männlich’ zu sein.

Der Roman stieß in den Feuilletons auf ein wenig positives Echo, weil Walser wieder einmal falsch verstanden wurde. Jörg Magenau, der Walser-Biograph, nannte „Jagd“ einen „Roman der Stagnation“ und meinte die Stagnation Walsers als Literat. Dabei hat Magenau gar nicht so Unrecht: Gottlieb Zürns Leben, trotz aller Turbulenzen in Beruf und Familie, ist mit über 50 Jahren ‚stagniert’. Da gibt es kaum noch Entwicklungsmöglichkeiten. Und selbst das, was noch geschieht, geschieht so, als wäre es ein Abschiednehmen.

Sicherlich ist das nicht Walsers bester Roman. Es ist eher wie ein Baustein, ein Teil eines Mosaiks, das aber für das Gesamtbild unerlässlich ist. Hier ist es vor allem die erotische Suche, die ‚Jagd’, der sich selbst der gesetzte Mann immer noch nicht verschließen kann.

„Die Suche nach erotischem Leben ist bei Walser eine erotische Suche nach Leben. Eros, Ehe und Erlebnishunger sind die äußeren Markierungspunkte dieses Romans, das Verhältnis von Leben, Literatur und Todeslust sein geheimes Motiv. Kaum einer vermag die Verwerfungen und Abgründe in den menschlichen Verhältnissen besser auszuloten als Walser.“
Volker Hage, Die Zeit

60 Jahre Willi – 9 Jahre Willizblog

Ich bin sprachlos, wenn auch nicht ohne Sprache. Nur verschlagen hat sie es mir. Seit neun Jahren (in Ziffern, wenn auch nur der einen: 9) hudele und sudele ich hier blogmäßig herum. Und neben mein Geblogge und Murmeltiertagen gibt’s auch noch mindestens einen weiteren Gedenktag HEUTE zu feiern. Jawohl: 5 Dutzend nennt man als Zählmaß auch Schock (so heißt es heute für mich: Oh, Schock, ein Schock …?!). Genau das … Und noch genauer: James Joyce wäre heute 132 Jahre alt geworden (Ablenkungsmanöver!).

    Willi in WilliZ Welt - schottlandmäßig

Apropos James Joyce: Neben dem Ulysses liegt bei mir zu Hause bisher nur angelesen (nicht angefressen) Finnegans Wake (Original mit deutscher Übersetzung von Dieter H. Stündel: Finnegans Wehg. Kainnäh ÜbelSätzZung des Wehrkess fun Schämes Scheuss – u.a. bei Zweitausendeins, Frankfurt a.M. 1993). Zu Finnegan und sein Erwachen fällt mir im Augenblick nur folgendes ein [man sollte allen Eventualitäten gegenüber gewappnet sein – auch ich kreuche und fleuche dem zu, von dem die Wurst bekanntlich zwei hat, dem Ende (aller Tage)]: Wenn’s denn soweit sein wird, wünsche ich mir ähnliches wie dem guten Tim Finnegan, dem aus dem irischen Trinklied: Tim Finnegan ist ein Maurer, der von der Leiter fällt und stirbt. Seine Freunde legen ihn in einen Sarg und halten Totenwache, die in ein wildes Trinkgelage ausartet. Als der Whiskey schließlich sogar über die Leiche fließt, erweckt dies Tim Finnegan wieder zum Leben. Das wär’ ’was!

Soweit ist es natürlich noch nicht (noch lange nicht, hoffe ich). Noch kann ich mir meine Ration Whisky (den ohne e, schottischen nämlich) selbst zu Gemüte führen, auch wenn die Hände vom Alter gezeichnet schon leicht tremolieren. Selbstredend in Maßen (Trinken WIE Zittern!)! Ihr müsst Euch vorerst schon selbst versorgen mit dem ‚Lebenswasser’. Zum Anstoßen bin ich aber gern bereit … Dann kann ich nur wie der Schotte oder Ire sagen: Sláinte! Gesundheit!

An dieser Stelle natürlich all den Lesern meines Blogs vielen Dank fürs Vorbeischauen! Ich hoffe, wir ‚begegnen’ uns auch zukünftig weiterhin hier. Ansonsten wünsche ich einen schönen Sonntag!

– zum 50. siehe meinen Beitrag: Willkommen im Club der ‚echten‘ Fuffziger
– siehe auch: Fünf Jahre WilliZ Blog

Heute Ruhetag (46): Sigmund Freud – Kleine Schriften II

„Ruhe vor dem Sturm“ – man muss nicht hier im Norden, möglichst nahe der Küste, leben, um diese besagte Ruhe kennen gelernt zu haben. Sturm gibt es so gut wie überall, und immer häufiger. Auch ist die viel zitierte Ruhe vor dem Sturm kein regelmäßiges physikalisches Phänomen. Aber klar: Vor dem Sturm herrscht immer Ruhe – oder höchstens ein laues Windchen, so wie vor der Nacht der Tag ist.

Nein, Ruhe vor dem Sturm – damit meine ich hier etwas anderes, etwas rein Sprichwörtliches, die Ruhe (eher schon Unruhe) vor einem Ereignis. Trara … Heute geht ein Jahrzehnt für mich zu Ende! Und ab morgen dürft Ihr mich einen uralten Sack nennen! (Schweigen, also Ruhe …?!).

Aber …und jetzt zu etwas völlig anderem („And now for something completely different”, wie John Cleese von der Monty Python-Truppe zu sagen pflegte). Nein, kein Vortrag über Kunst und Psychoanalyse an dieser Stelle. Aber der Hinweis auf so genannte kleine Schriften des Oberallerseelenklempnermeisters und Alptraumanalysten, Sigmund Freud, sei gestattet. Lasse ich ihn zu Wort kommen. Hier beschäftigt er sich mit dem Juliusgrabmal, hier speziell mit der Moses-Statue, des Michelangelo Buonarroti, kurz Michelangelo.

Heute Ruhetag = Lesetag!

Der Moses des Michelangelo (1914)

Ich schicke voraus, daß ich kein Kunstkenner bin, sondern Laie. Ich habe oft bemerkt, daß mich der Inhalt eines Kunstwerkes stärker anzieht als dessen formale und technische Eigenschaften, auf welche doch der Künstler in erster Linie Wert legt. Für viele Mittel und manche Wirkungen der Kunst fehlt mir eigentlich das richtige Verständnis. Ich muß dies sagen, um mir eine nachsichtige Beurteilung meines Versuches zu sichern.

Aber Kunstwerke üben eine starke Wirkung auf mich aus, insbesondere Dichtungen und Werke der Plastik, seltener Malereien. Ich bin so veranlaßt worden, bei den entsprechenden Gelegenheiten lange vor ihnen zu verweilen, und wollte sie auf meine Weise erfassen, d. h. mir begreiflich machen, wodurch sie wirken. Wo ich das nicht kann, z. B. in der Musik, bin ich fast genußunfähig. Eine rationalistische oder vielleicht analytische Anlage sträubt sich in mir dagegen, daß ich ergriffen sein und dabei nicht wissen solle, warum ich es bin und was mich ergreift.

[…]

Michelangelo hat den Moment der letzten Zögerung, der Ruhe vor dem Sturm, zur Darstellung gewählt; im nächsten wird Moses aufspringen – der linke Fuß ist schon vom Boden abgehoben – die Tafeln zu Boden schmettern und seinen Grimm über die Abtrünnigen entladen.

[…]

aus: Sigmund Freud: Kleine Schriften II – Kapitel 7

    Signatur: Sigmund Freud

Sigmund Freud: Kleine Schriften II