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WilliZ Welt der Literatur

Harry Mulisch: Die Entdeckung des Himmels

Der gute Francis Bacon ist schuld, das der Himmel den Bund kündigt, der über Moses mit den Menschen geschlossen war. Dazu müssen die Tafeln mit den 10 Geboten aber zerstört werden. Diese befinden sich, wer hätte das gedacht, im Vatikan, ohne dass einer es weiß. Aber da kommt nun unser junger Romanheld, entwendet die Tafeln und … Aber es soll nicht zu viel verraten werden. Bis es soweit ist, muss unser junger Held erst einmal gezeugt und geboren werden. Und das ist schon mehr als ein halber Roman für sich.

Michelangelos 'Moses'

Mit seinem Roman „Die Entdeckung des Himmels“ gibt der niederländische Autor Harry Mulisch ein sehr magisches Weltbild wieder. Freier Wille gerät darin zur Illusion. Der Mensch denkt, Gott lenkt – und besser gesagt, dessen himmlische Beamtenschaft, denn die Erde ist schon längst gottverlassen im engsten Sinne des Wortes. Alle Protagonisten des Buches sind lediglich Spielball metaphysischer Mächte, Marionetten an Schicksalsfäden, gesponnen von bürokratisch-kalten Engeln.

Doch der Reihe nach: Im ausgehenden 16. Jahrhundert beschloss Luzifer, der gefallene Erzengel, einen Pakt mit Adam und Evas Nachkommenschaft zu schließen; einen Pakt, als Gegenstück zu den 10 Geboten. So wie Gott Moses als Vertragspartner erkor, wählte der Teufel den jungen Francis Bacon, einen naturwissenschaftlich interessierten, machtbesessenen Höfling Königin Elisabeths II. Bacon setzte seine Seele als Preis für „Wissen ist Macht“ ein. Ein Einsatz symbolhaft für den der ganzen Menschheit. Denn ab nun sollte eine Wissenschaft ohne Ethik den Platz des Glaubens einnehmen. Ausgehend von Francis Bacons Vision des „Nova Atlantis“ wurde das alte Versprechen der Schlange zu Eva im Paradies langsam wahr: „Ihr werdet sein wie Gott“. Erkenntnisse nahmen rapide zu; Erfindung folgte auf Erfindung. Doch zu welchem Preis? Der technische Fortschritt brachte nicht primär die erhoffte bessere Welt, sondern vor allem immer neue Mittel der Zerstörung, vom Zyklon B der Gaskammern, über die Bombe von Hiroshima bis zu Umweltgiften der Gegenwart – das Kleingedruckte im Teufelspakt eben …. !

Zeitsprung, Niederlande 1967: Onno Quist, seines Zeichens sarkastisches Sprachgenie, dessen Leidenschaft der Entzifferung eines antiken etruskischen Diskus gilt, sowie Max Delius, Lebemann und angehender Astronom, wissen von alldem nichts. Natürlich bleibt ihnen auch verborgen, dass ihr scheinbar zufälliges Zusammentreffen und die daraus resultierende tiefe Freundschaft Bestimmung war. Obwohl nicht am selben Tag geboren, sind sie so genannte „kosmische Zwillinge“, das heißt: gezeugt in derselben Nacht. Schon bald erweitern sich die Zwillinge zum Dreieck; als Ada Brons, eine Cellistin, in ihr Leben tritt. Zuerst mit Max liiert, wird sie späterhin Onnos Frau. Doch während einer Liebesnacht auf Kuba schläft Ada, durch wenige Stunden getrennt, mit beiden Männern und wird wider alle Verhütung schwanger. Erneut war höhere Fügung im Spiel, denn Quinten Quist, dessen Initialen Q.Q. – das optische Symbol für das Eindringen des Spermiums in die Eizelle sind – und das gleich auf doppelte Weise, musste geboren werden. Ada sollte es nicht vergönnt sein, ihren Sohn zu sehen, denn noch vor der Entbindung stürzt ein Baum auf das Auto, in dem sie „zufällig“ sitzt. Ada liegt danach 17 Jahre im Koma, während Quinten von ihrer Mutter und Max herangezogen wird, und sich Onno, der rechtskräftige Vater, als Staatssekretär der Niederlande der Politik widmet.

Quintens Jugend verläuft auf einem Schloss, wo er früh von einem wiederkehrenden Traum heimgesucht wird. Dieser Somnium Quinti (Quintens Traum) handelt von einer Burg, die auf seltsame architektonische Weise errichtet ist; ähnlich den Zeichnungen der „Carceri“ des Malers Piranesi. Auch sonst ist der Junge untypisch für sein Alter: Obelisken, heilige Geometrie oder Musiktheorie interessieren ihn weit mehr als Sport und Spiel. Seine Jugend wird abrupt beendet als der Ziehvater, mittlerweile Leiter der Sternwarte von Westerbork, durch einen Meteoriten getötet wird. Max war tief im All, hinter dem Quasar MQ 3412, auf eine blasphemische Entdeckung gestoßen: nichts Geringeres als die Ursingularität, dort wo weder Raum noch Zeit existieren, verbarg sich dort. Max Delius hatte den Himmel entdeckt und dafür musste er sterben, denn wie alle Bürokraten mögen es auch die Engel á la Mulisch nicht, wenn ihre Ruhe gestört wird.

Onno war mittlerweile in Italien untergetaucht, hatte genug vom Politikerleben in Holland. Erst kurz vor seinem 17. Geburtstag sollte Quinten ihn in Rom wiederfinden – und damit den Showdown des Buches einleiten, der vom Sancta sanctorum der Ewigen Stadt bis zum Felsendom in Jerusalem führt, in die „Mitte der Mitte“, wo einst das Allerheiligste mit Bundeslade und Gesetzestafeln stand. Quinten ist DER Auserkorene, ein seit langem geplantes Wesen mit dem Auftrag, die Tafeln mit den 10 Geboten in den Himmel zurückzubringen, womit Gottes Bund mit der Menschheit für alle Male aufgehoben, und der Weg für Luzifer auf Erden endgültig frei wäre.

entnommen aus: sand am meer
weitere Informationen zu dem Roman einschl. vieler Bilder

In diesem Zusammenhang möchte ich auf zwei Bücher aufmerksam machen, die Ende der 90-er Jahre erschienen und jetzt für jeweils 10 € z.B. bei amazon.de als Taschenbuch zu beziehen sind:

Catherine Clément: Theos Reise – Roman über die Religionen der Welt
Jostein Gaarder: Sofies Welt – Roman über die Geschichte der Philosophie

Im eigentlichen Sinne sind es Jugendbücher, aber auch für Erwachsene sind die Bücher geeignet, um sich einen Überblick über die Philosophien dieser Welt und ihre Religionen zu machen. Ähnlich wie Mulischs „Entdeckung des Himmels“ handelt es sich dabei auch um ‚Kriminalromane‘ im weiteren Sinne.

Bestie Mensch

„das Unmoralische ist, daß solche Machtworte möglich sind. ‚Baue einen Tempel!‘ … Oder nehmen wir Hitler. Der hat Himmler einmal seinen grundsätzlichen Befehl erteilt. ‚Ermorde alle Juden!‘ – drei Wörter, natürlich nur mündlich. Aber er selbst hat nie einen Juden ermordet, sowenig wie Himmler oder Heydrich oder Eichmann, das wurde dann vom niederen Fußvolk besorgt. Und in Auschwitz war es noch idiotischer. Dort mußten die jüdischen Gefangenen selbst das Zyklon-B in die Gaskammern werfen. Da hatte man dann die Situation, daß der eigentliche Mord nicht von den Mördern, sondern von den Opfern begangen wurde. Wer es getan hat, hat es nicht getan, und wer es nicht getan hat, hat es getan.“

aus: Harry Mulisch: Die Entdeckung des Himmels (Kapitel 40 – S. 494)

Es ist sicherlich leichtsinnig, in nur wenigen Sätzen die Gedanken zusammenzufassen, die mir zu dem oben Geschriebenen eingefallen sind. Es solches Thema lässt sich nicht auf wenige Begriffe verkürzen. Wenn ich es trotzdem wage, so nur, um einen Denkanstoß zu vermitteln zu einem Problem, das nicht Geschichte geworden ist, sondern uns alle tagtäglich, wenn auch meist im Kleinen, berührt.

1. Manager des Todes

Von den Osterfeiertagen haben wir noch die frohen Botschaften im Ohr, die uns helfen sollen, an das Gute im Menschen zu glauben. Aber angesichts der Kriege und des Elends in dieser Welt, alles von Menschenhand verursacht, zerrinnt dieser Glaube zwischen den Händen und es bleibt wieder nur das Bild des Menschen als Bestie, z.B. als kultivierte Bestie …

Erstaunlich ist, wie Menschen, die Macht ausüben, zu Mördern werden, ohne selbst einem Menschen je ein Haar zu krümmen. Wie ein Top-Manager der Industrie geben sie die Direktiven heraus, kurzgefasst und unmissverständlich, um die Richtung ‚des Unternehmens‘ zu bestimmen. Und schon setzt sich ein Team zusammen, um die Ausführungsrichtlinien zu verfassen. In diesen Etagen ist alles noch sehr abstrakt, ohne Berührungspunkte zur eigentlichen Tat. Die lässt man auf der untersten Ebene dieser perfiden Hierarchie ausführen. Handlungsgehilfen findet man überall.

Adolf Hitler und Eva Braun

Nach außen unterscheiden sich die Manager des Todes wahrlich kaum von Wirtschaftsführern. Man gibt sich gesellig und aufgeschlossen. Eher ist man in diesen Kreisen erschrocken über die Bestie Mensch, über die Brutalität, zu der Menschen untereinander fähig sind.

2. Das existenzialistisches Drama

Wie gesagt: Handlungsgehilfen finden die Manager des Todes überall. Das Leben ist ein existenzialistisches Drama, in dem die moderne Zivilisation leider zu oft als dünner Überzug entlarvt wird. Werden allgemein gültige Regeln aufgehoben, so reißt diese Hülle und die Bestie Mensch zeigt ihr wahres Gesicht. Gerade unter extremen Bedingungen wie im Krieg verlieren zivilisatorische Errungenschaften jede Bedeutung.

3. Anatomie der menschlichen Destruktivität

Erich Fromm hatte sich in den 70-er Jahren aus psychoanalytische Sicht mit den Managern des Todes eingehend beschäftigt. Sein Werk hierzu: Anatomie der menschlichen Destruktivität. Sicherlich muss man fragen, ob sich ein Mensch wie Hitler auf einen Fall von Nekrophilie ‚reduzieren‘ lässt (gemeint ist hier im Wesentlichen die zunehmende Tendenz zur Zerstörung) oder Heinrich Himmler als klinischen Fall des anal-hortenden Sadismus (bürokratisch-ordnungsfanatischer Charakter). Fromms Anatomie der Aggressionen, sowohl der lebensnotwendigen defensiven als der bösartigen Aggression, der Destruktivität, ist ein wichtiger Denkansatz und im Ergebnis eine Verteidigung der menschlichen Würde, ein Appell an die Menschheit, ihr Leben und dessen gesellschaftlichen Bedingungen zu verändern.

Theodor Storm: Ostern

OsternEs war daheim auf unserm Meeresdeich;
ich ließ den Blick am Horizonte gleiten,
zu mir herüber scholl verheißungsreich
mit vollem Klang das Osterglockenläuten.

Wie brennend Silber funkelte das Meer;
die Inseln schwammen auf dem hohen Spiegel;
die Möwen schossen blendend hin und her,
eintauchend in die Flut die weißen Flügel.

Im tiefen Kooge bis zum Deichesrand
war sammetgrün die Wiese aufgegangen;
der Frühling zog prophetisch über Land,
die Lerchen jauchzten, und die Knospen sprangen. –

Entfesselt ist die urgewalt’ge Kraft,
die Erde quillt, die jungen Säfte tropfen;
und alles treibt, und alles webt und schafft,
des Lebens vollste Pulse hör‘ ich klopfen.

Der Flut entsteigt der frische Meeresduft;
vom Himmel strömt die goldne Sonnenfülle;
der Frühlingswind geht klingend durch die Luft
und sprengt im Flug des Schlummers letzte Hülle.

O wehe fort, bis jede Knospe bricht,
daß endlich uns ein ganzer Sommer werde;
entfalte dich, du gottgebornes Licht,
und wanke nicht, du feste Heimaterde! –

Hier stand ich oft, wenn in Novembernacht
aufgor das Meer zu gischtbestäubten Hügeln,
wenn in den Lüften war der Sturm erwacht,
die Deiche peitschend mit den Geierflügeln.

Und jauchzend ließ ich an der festen Wehr
den Wellenschlag die grimmen Zähne reiben,
denn machtlos, zischend schoß zurück das Meer –
das Land ist unser, unser soll es bleiben!

Theodor Storm

Ein Passionsspiel: Der Heliand

Der Hintergrund und die Bedeutung des Karfreitags (althochdeutsch „kara“ bzw. „chara“ = Wehklage, Kummer, Trauer) entschwindet immer mehr dem Bewusstsein der Menschen. Gerade durch den Blick in die Fernsehzeitschrift wird dem einem oder anderen klar, dass es sich dabei wohl um einen christlichen Feiertag handeln muss (ARD 14:35 König der Könige (USA 1960) – SAT1 13:45 Judas ((USA 2004) – Tele5 15:15 Pontius Pilatus -Pro7 22:20 Die Passion Christi (AUS/USA/IT 2004) bzw. die Dokumentationen: ZDF 18:00 Das Jesus-Photo (D 2007) – Pro7 17:25 Das Jesus-Grab (USA/KAN 2007) und dann zu Ostern Filme wie: The Body–das geheimnisvolle Grab – Die Zehn Gebote – Die größte Geschichte aller Zeiten – Quo Vadis; den Mehrteiler: Am Anfang – oder den Zeichentrickfilm: Joseph – König der Träume)

Dann mögen die grauen Zellen arbeiten: Ach, ja, da wurde vor fast 2000 Jahren ein Mann namens Jesus ans Kreuz geschlagen, weil es sich wohl als König der Juden (Iesus Nazarenus Rex Iudæorum) ausgab, was man heute wohl als Amtsanmaßung bezeichnen würde, wenn sein Königreich auch nicht von dieser Welt sein sollte.

Uuerod Iudeono
gripun thô an thene godes sunu, grimma thioda,
hantandiero hôp, huur?un ina umbi
môdag manno folc – mênes ni sâhun -,
heftun herubendium handi tesamne,
fa?mos mid fitereun. Im ni uuas sulicaro firinquâla
tharf te githolonne, thiodar?edies,
te uuinnanne sulic uuîti, ac he it thurh thit uuerod deda,
huand he liodiu barn lôsien uuelda,
halon fan helliu an himilrîki,
an thene uuîdon uuelon: bethiu he thes uuiht ne bisprac,
thes sie imu thurh inuuidnî? ôgean uueldun.

Die Schar der Juden
ergriff da den Gottessohn, das grimmige Volk,
der Haufe der Hasser. Ihn umdrängte
das feindliche Volk, des Frevels nicht achtend.
Sie hefteten mit Heerbanden ihm die Hände zusammen,
mit Fesseln die Fäuste. Solche furchtbare Pein
brauchte er nicht zu erdulden, solche bitteren Qualen,
solche Martern ertragen; sondern er tat es für die Menschen,
weil er der Leute Kinder erlösen wollte,
aus der Hölle sie holen in das Himmelreich,
in das weite Wonneland. Darum wehrte er dem nicht,
was sie in argem Ingrimm ihm antun wollten.

Auf Geheiß von Ludwig des Frommen, dritter Sohn von Karl dem Großen und späterer Kaiser, entstand um 830 herum eines der ersten größeren deutschsprachigen Werke (genauer: in Altniederdeutsch): Der Heliand (Der Heiland). Das Werk hängt zusammen mit einen Auftrag Ludwigs, das alte und neue Testament – lange vor Martin Luther – in die deutsche Sprache zu übertragen.

Handschrift aus: Der Heliand

Der Dichter des Heliand war offenbar ein Gelehrter, dem u.a. die angelsächsische Literatur bekannt gewesen sein musste, vor allem das christliche Schrifttum. Der Herkunftsort des Dichters ist bis heute nicht mit Sicherheit nachzuweisen, dürfte aber im niederdeutschen Sprachraum zu suchen sein. Als Entstehungsort ist Fulda sehr wahrscheinlich. Der Heliand ist eine Stabreimdichtung. Der obige Teil der Dichtung stammt aus dem Kapitel LVIII. Die Gefangennahme Christi – Verse 4913 – 4924.

Die neun Pforten – „Der Club Dumas“ von Arturo Pérez-Reverte

Dieser Tage lief im deutschen Fernsehen der Film „Die neun Pforten“ (Frankreich/Spanien 1999 – Originaltitel: The Ninth Gate – Regie: Roman Polanski – Darsteller: Johnny Depp, Frank Langella, Lena Olin, Emmanuelle Seigner) nach dem Roman „Der Club Dumas“ von Arturo Pérez-Reverte. Eigentlich bin ich kein unbedingter Freund von Romanen wie „Der DaVince Code“ und ähnlichem. Mich interessiert ‚handfeste‘ Psychologie. Und da ist mir ein Franz Kafka oder Martin Walser lieber. Das vorliegende Buch habe ich irgendwie, irgendwo in einer Grabbelkiste gefunden – und dann auch tatsächlich gelesen. Da ich mich nebenbei auch für Gott und die Welt interessiere, so schließt das den Teufel nicht aus. Von daher fand ich das Buch durchaus interessant.

Zunächst zum Buch:

Die Hauptfigur Lucas Corso ist ein sogenannter Bücherjäger, der im Auftrag reicher Büchersammler seltene und kostbare Exemplare aufspürt und dabei so manches Mal die Grenzen der Legalität überschreitet. Corso bezeichnet sich selbst als Söldner, der seine Dienste dem Meistzahlenden anbietet. Ein Freund von ihm bittet ihn die Echtheit eines handgeschriebenen Kapitels aus dem Roman „Die drei Musketiere“ von Alexandre Dumas zu überprüfen. Zur gleichen Zeit erhält er von einem zwielichtigen Antiquar den Auftrag, ein kostbares okkultes Buch mit den übrigen Exemplaren zu vergleichen. Auf der Reise zu Fachleuten und Privatbibliotheken wird er mit seltsamen Ereignissen konfrontiert und fühlt sich immer mehr in die Rolle einer hilflosen Romanfigur gedrängt. Bösewichte aus den Dumas-Romanen verfolgen ihn, Menschen werden umgebracht und ständig taucht ein mysteriöses grünäugiges Mädchen auf. Corso erkennt, dass er sich in einem Rätselspiel befindet und versucht es mit Hilfe seiner Kombinationsgabe zu lösen. Er erfährt, dass Boris Balkan, ein Spezialist für Dumas, der Drahtzieher dieses Spiel ist und Schauspieler auf Corso ansetzte, um an das Kapitel zu kommen. Die vielen Zusammenhänge, die Corso zwischen dem Dumas-Kapitel und dem Buch „Die neun Pforten“ zu entdecken glaubte, stellen sich als Hirngespinste heraus. In Wirklichkeit hat der Antiquar Varo Borja Corso dazu benützt, an eine Formel zur Teufelsbeschwörung zu kommen. Obwohl Corso Realität und Fiktion nicht mehr voneinander unterscheiden kann, siegt seine Vernunft und er löst das Rätsel um das teuflische Buch: Zwei leidenschaftliche Fälscher haben sich den Scherz erlaubt, das Buch zu verändern und so den Teufelsanhänger auf die falsche Fährte zu schicken.

Kurz zum Film:

In dem Film „Die neun Pforten“ geht es nur noch um das okkulte Buch. Aus Lucas wird Dean Corso und auch sonst ändert sich einiges. Hier eine ausführliche Filmbeschreibung zu „Die neun Pforten“.

Komme ich zum Buch zurück: Der Titel verrät es bereits („Der Club Dumas“ – Dumas ist der Verfasser der „Drei Musketiere“). Im ganzen Roman werden Parallelen zu den „Drei Musketieren“ gezogen und es werden ganze Szenen in der Jetztzeit dargestellt. Interessant ist auch der Name des mysteriöses grünäugiges Mädchen, das Lucas Corso immer wieder über den Weg läuft. Irene Adler ist eigentlich die Frau, die Sherlock Holmes besiegte. Überhaupt gibt es allerorts Verweise zur leichten Literatur des 19. Jahrhunderts, zu Dumas, zu Arthur Conan Doyle u.a.

Zum Buch „De Umbrarum regni novem Portis“, den neun Pforten ins Reich der Schatten: Es wurde von einem gewissen Aristide Torchia 1666 geschrieben und verlegt. Dieser wurde ein Jahr darauf von der Inquisition mit seinen Büchern verbrannt. Lediglich ein Buch blieb erhalten. Das Buch beschreibt einen Weg, den Teufel aufzurufen und in sein Reich einzuziehen, vorausgesetzt man ist in der Lage, die versteckte Botschaft des Buches richtig zu deuten. Es enthält neun Holzschnitte, welche als eine Art Bilderrätsel die Lösung beinhalten sollen. Die Inspiration zu diesem Buch holte sich der Autor aus dem Delomelanicon („Beschwörung der Dunkelheit“), einer Schrift, die von Luzifer persönlich verfasst sein soll.

De Umbrarum regni novem Portis

Zum Schluss – der Schluss des Filmes bzw. des Buches:

Die Teufelsbeschwörung musste misslingen, weil das Buch von den beiden Buchfälschern manipuliert war. Der neunte Holzschnitt war eine Fälschung. Damit endet das Buch. Corso zieht mit dem Mädchen weiter. Open End!

Auch der Film scheint ein offenes Ende zu haben, geht aber weiter: Corso reist nach Toledo und wie durch Zufall flattert ihm eine Doppelseite, die wohl jemand aus „Die neun Pforten ins Reich der Schatten“ herausgerissen hat, vor die Füße. Auf dem Holzschnitt ist eine nackte Frau abgebildet, die vor einer lichtüberfluteten Burg auf einem Fabelwesen sitzt. Zuletzt schreitet Corso auf eine Burg zu und wandert selbst ins Reich der Schatten. Wo Licht ist, da beginnt der Schatten.

Das mysteriöse Mädchen stellt sich als die Hure Babylons heraus, die auf dem letzten der neun Holzschnitte, den neun Pforten, abgebildet ist.

Porta nona: Die Hure Babylons

Martin Walser: Angstblüte

Irgendwie komme ich in den letzten Monaten kaum noch zum Lesen. Endlich habe ich es geschafft und Martin Walsers letzten Roman „Angstblüte“ (erschienen Mitte des letzten Jahres) zu Ende gelesen. Zunächst zum Inhalt:

Das Telefon klingelt. Karl von Kahn, Münchner Anlageberater, gut 70 Jahre alt, erfährt von Gundi, der Frau seines besten Freundes, dass der gelähmt im Krankenhaus liegt. Als er kurz darauf an dessen Bett steht, ist er erschüttert, ihn derart sterbensmatt zu sehen. Gundi lädt Karl zu sich nach Hause ein. Lange schon war er nicht mehr in diesem Schönheitsimperium zu Gast; Kunst und Künstlichkeit berauschen ihn. Als sie ihn bittet, einen Vertrag zu unterschreiben und so den letzten Wunsch des Freundes zu erfüllen, zögert er nicht, und eine Firma ist verkauft. Doch noch am Abend desselben Tages geht es dem Freund viel besser. Ist Karl von Kahn betrogen worden? Da klingelt sein Telefon schon wieder: Er soll helfen, eine Verfilmung des „Othello“ zu finanzieren. Den Verführungskünsten der jungen Hauptdarstellerin Joni kann er sich nicht entziehen, und ein zweiter Betrugsverdacht keimt auf.

Martin Walser: Angstblüte

Martin Walsers neuer Roman handelt von Täuschungen, vom Aufhören müssen und vom Geld – von Wahn, Scheinheiligkeit, Freundschaft, Liebe und von einem Leben, das sich von keiner Moral hemmen lassen will, nur von sich selbst.

Wie immer, wenn ein neuer Roman von Martin Walser erscheint, sorgt dieser für Aufregung in den Rezensentenbüros und damit für eine kontroverse Debatte in Deutschlands Literaturblättern. Allein das ist immer schon einen neuen Walser wert.

Mir hat Walser immer schon gefallen und mir gefällt auch „Angstblüte“, wenn ich diesen Roman auch nicht für seinen besten halte. Allein wie er die ‚hohe Gesellschaft‘ wieder aufs Korn nimmt, diese anhand des Protagonisten Karl von Kahn seziert, lohnt das Lesen. Walser zeigt uns auf, wie hier mancherlei dem Ende entgegen geht: der Held Karl von Kahn, ein Finanzjongleur ersten Ranges, der sich unsinnig in eine viel zu junge Schauspielerin verliebt, aber auch die Gesellschaft überhaupt, in der es wie erwähnt in erster Linie um Täuschen und Getäuschtwerden geht.

Durchaus mutig finde ich auch, wie Martin Walser davon schreibt, was einige für eine „schwitzige, sabbernde Altmännerfantasie“ halten, andere für „wunderbar schamlose Altherrenerotik“. Wenn man wie ich selbst in die Jahre kommt, hat man das Thema Sexualität längst noch nicht zu den Akten gelegt.

Hier eine eher unaufgeregte und daher für mich zutreffende Rezension aus Spiegel online

Zuletzt ein kurzer Ausschnitt, in dem sich der Bruder von Karl von Kahn zu Diego, Karls Freund, äußert:

.. als er dann reich geworden war, erstarrte seine Mundpartie zusehends, sie gefror. Das war, bitte, mein Eindruck. Der Mund war jetzt eine Wucht, eine pathetische Wucht. Immer begleitet und verstärkt von einem ebenso massiven Pathosblick. Insgesamt eine Dauerdrohgrimasse. Vorher war er doch öfter lustig, manchmal sogar herzlich gewesen. Sogar zu mir. Daraus schließe ich: Reich sein macht häßlich. Das ist keine moralische, sondern eine ästhetische Erfahrung. Und daß Reichsein unanständig ist, ist auch eine ästhetische Erfahrung. Unanständiges kann vielleicht schön sein. Reichsein gehört nicht zum schönen Unanständigen, sondern zum häßlichen. Reichsein platzt andauernd aus allen Nähten. Sein Zuvielhaben dringt dem Reichen andauernd aus allen Poren. Und aus jedem Wort. Als Diego reich geworden war, kam aus seinem erfrorenen Mund kein Wort so häufig wie das Wort Brüderlichkeit. Der ehedem sportlich Freche und manchmal herzlich Kühne hatte nichts dagegen, finster pastoral zu werden. Er drohte denen, die sich weigerten, in der Brüderlichkeit das globale Heil zu erkennen. Es war, es mußte sein, das ungeheuer angeschwollene Selbstgefühl, das ihn jetzt bedrängte. Er erlebte andauernd nur noch, daß er im Recht war. Mehr im Recht als jeder andere, den er kannte. Das war die Wirkung seines Reichseins. Sein Reichsein erlebte er dann nicht mehr als Reichsein, sondern als Erfolg. Und sein Erfolg kam nicht von seinem Reichsein, sondern von ihm selbst. Das heißt, sein Rechthaben war nicht mehr zurückzuführen auf seinen Erfolg oder auf sein Reichsein, sondern ganz allein auf ihn selbst. Er, er, er selbst war im Recht. Er war das ungeheure Selbst. Das Selbst aller Selbste. Er war das Selbst selbst. Und daß ihr alle um ihn herumsitzt und ihn feiert, gibt ihm recht. Das ist der Feudalismus von heute.
Seit mindestens zweitausend Jahren wird die Geisteskraft der Besten verbraucht zur Propagierung dessen, was wir nicht sind, aber sein sollen, dieses Lügengewebe soll uns uns selbst bis zur Unfühlbarkeit entfremden. Beispiel Calvin: … reich sind wir, sofern wir dienen können und andere uns brauchen … Das ist Dein Diego, der Propagandist der Brüderlichkeit.

Ahooga Nonsen – Frühlings Erwachen oder Dreck am Stecken – Teil 2

Hier nun die Fortsetzung und auch bereits das Ende eines Kriminalromans, über dessen Einleitung ich nicht hinaus gekommen bin. Dies Stück Weltliteratur stammt aus meiner ‚weißen Phase‘ etwa im März 1993, also vor inzwischen vielen Jahren, als ich auch noch in Hamburg hauste und mir diese Stadt als Kulisse dieses gerade zu kafkaesken Romanfrakments diente. Am Ende verliert sich dieser poetische Erguss in einigen Randnotizen, die ich gut ein Jahr später (welche Hoffnung war in mir, diesen Roman vielleicht doch noch zu Ende zu schreiben) verfasste und die vielleicht Ausfluss Aufschluss (welcher ‚Freud‘ reitet mich hier) bieten, wie alles hätte enden sollen. Genug – viel Spaß auch hier beim Lesen:

Ahooga Nonsen heißt eigentlich nicht Ahooga. Wie er zu diesem Namen kam, weiß er wohl selbst nicht mehr genau. Ahooga klingt wie ein Ausruf – von Tarzan, der von Liane zu Liane springt, könnte dieses Ahooga stammen. Aber Ahooga Nonsen weiß es besser: Tarzan schreit: Ahaha! Wie Ahooga wirklich heißt, verrät er nicht. In seinem ureigenem Personalausweis könnte man seinen tatsächlichen Vornamen finden oder in seinem Führerschein. Aber beides hat er vor einiger Zeit eingebüßt, als er als zweiter Sieger aus einer tatkräftigen Auseinandersetzung hervorging mit blutendem Maul, zerrissenen Hosen und fehlender Brieftasche, in der noch die drei Hunderter steckten, die ihn zuvor ein Klient für verauslagte Kosten gegeben hatte – und seine Papiere. Das gigantische Schlüsselbund war ihm aber erhalten geblieben. Und obwohl sich in diesen kalten Wintertagen kein neuer Auftrag auftat, saß er lieber in seinem warmen Büro, als von Behörde zu Behörde zu rennen, den Verlust seiner Papiere zu melden und neue zu beantragen. Ahooga Nonsen heißt Ahooga Nonsen, wenn er im Dienst ist, wie er es nennt, wenn er im Büro sitzt. Sobald er aber sein Büro verläßt, nimmt er andere Namen an. Als Privatdetektiv muß man Vorsorge treffen. So hat er ein Arsenal an Visitenkarten, hat sich auch beizeiten gefälschte Papiere besorgt, um bei entsprechenden Eventualitäten versorgt zu sein. Als er in die Schlägerei geriet, da war er außer Dienst, wollte sich lediglich seine Zutaten für sein Abendessen besorgen und hatte seine Originalpapiere bei sich. Manchmal ist es wie verhext. Da benimmt man sich wie ein Amateur, läßt sich die Nase polieren, strauchelt und am Ende verliert man gewissermaßen seine wahre Identität. (01.03.94)


Ahooga Nonsen für einen Privatdetektiven halten, darauf würden auf Anhieb nur die wenigsten kommen, wenn überhaupt einer. Nicht das er schmal und schmächtig, zart oder gar schwächlich gebaut ist. Eher das Gegenteil ist der Fall. Ahooga ist klein und breit. Fast quadratisch. Und wenn er durch die Straßen geht, die Kneipen der Stadt abklappert in seinem verschlissenen Mantel und der dazu ziemlich unpassenden Schottenmütze, dann wirkt sein Gang behäbig, geradezu schwerfällig. Man sollte sich aber nicht täuschen lassen. Schon mancheiner hat ihn unterschätzt und dafür Lehrgeld kassiert. Vielleicht weil er so klein ist – und in seinem Mantel mit Mütze noch kleiner wirkt -, sind seine starken Arme schneller um die Ecke dank der kürzeren Hebel. Wenn er so durch die Kneipen geht, ob auf der Suche nach einem untreu gewordenen Ehegatten oder einem lustsüchtigen Töchterlein, mit dem Foto in der Hand, dann könnte man ihn eher für einen Hamburg-Touristen halten, der irgendwo vom Lande kommt und in Hamburg nichts Eiligeres zu finden hat als die Reeperbahn, wenn auch nicht nachts um halb eins. In einigen Kneipen kennt man ihn natürlich schon, besonders in den einschlägigen, in denen sich schon einige der Gesuchten auch tatsächlich aufgabeln ließen. Aber selbst dort nimmt man es ihm immer noch nicht so recht ab, daß der ein Schnüffler ist. Und das ist ihm auch ganz genehm.


Das Büro ist nicht gerade ein Schmuckkästchen. Neben dem Fenster, das in Richtung Norden weist und kaum Licht in das ohnehin kleine Zimmer läßt, steht ein großer Aktenschrank, schon altersschwach wie man ihn heute noch höchstens in Finanzämtern, und dort auch nur noch in staubigen Kellern, findet. Dieser Schrank ist zweigeteilt und durch Rolläden, die aber an allen Ecken und Kanten haken, verschließbar. Der obere Teil enthält jede Menge Aktenordner; der untere enthält die Zutaten für sein Mittagessen, daneben eine Unmenge an leeren und vollen Bierflaschen. Neben dem Kochtopf mit dem Tauchsieder steht eine Dose mit Tee und eine Tasse, deren Inneres zu leben scheint. Und eine Flasche besten Jamaica-Rums, mit dem Ahooga seinen Tee an kalten Tagen wie diesen zu würzen trachtet. Ahooga ist ein ausgesprochener Teetrinker. Wenn er nicht gerade seine Bierchen zischt. Und mit einen Schuß Rum ist der Tee für ihn das Getränk, für das er jedes andere Getränk dieser Welt stehen läßt. Ebenfalls im unteren Teil des Aktenschranks befindet sich weiteres Geschirr, Messer, Gabel und Löffel, die ein oder andere geöffnete oder noch verschlossene Dose mit irgendeinem Fertiggericht. Um sich zu waschen oder das Geschirr zu spülen, befindet sich zur anderen, der linken Seite des Fensters ein Waschbecken. In diesem Waschbecken wäscht er oft seine Socken, denn er hat das, was man qualmende Füße nennt. Wäsche, also auch frische Socken, ein Hemd und auch eine von ihm persönlich gebügelte Hose, befinden sich im unteren Teil eines ebenfalls antiken Schreibtisches, der mitten im Raum steht. Zwischen Schreibtisch und Fenster steht der Ledersessel mit den Armlehnen, über denen er von Zeit zu Zeit seine Beine baumeln läßt, wenn er den Rücken zur Tür gekehrt aus dem Fenster blickt. Links neben der Tür dem Aktenschrank gegenüber steht der Garderobenständer mit den Spiddelfingern. Auf der anderen gibt es dann noch eine Sitzmöglichkeit für Klienten. Wie anders sollte man dieses Möbelstück nennen, daß selbst für den Sperrmüll zu schade ist. Es handelt sich dabei um eine Art von Gestell auf meist vier Beinen. Sollte es einer der Klienten einmal wagen, sich auf diesen Sitz zu setzen, so stellt es sich bestimmt als dreibeinig heraus – das vierte Bein liegt dann wie der Klient am Boden. Aber auch das hat Vorteile. Der Klient ist gezwungen zu stehen, während ihn Ahooga von unten aus seinem Sessel heraus, das Fenster im Rücken, betrachten kann. Klienten, die stehen, halten sich meist kurz und nerven nicht mit langen Vorreden.

Nonsens Büro

Eigentlich schmuddelig ist es nicht in Ahoogas Büro. Dafür ist Ahooga in seinem Sinne ordnungsliebend. Das muß allerdings näher erläutert werden. Ahooga hat nämlich seine ureigenste Auffassung von Ordnung. Diese entspricht nicht ganz dem Motto: „Wer Ordnung schafft, ist nur zu faul zum Suchen!“, kommt dieser aber sehr nahe. Sein Hirn hat Ähnlichkeit mit einem Computer. Er speichert vieles im Kopf, das dem normalen Menschen nicht einfiele zu speichern. So merkt er sich gewissermaßen seine Unordnung, was im Bezug auf seine Akten heißen kann: Die für den Normalmenschen chaotische Unordnung in seinen Aktenordnern ist für Ahooga Nonsen ein selbstgeschaffenes Ordnungssystem. Fragte man ihn, wo z.B. ein bestimmter Artikel aus einer bestimmten Zeitung eines bestimmten Datums zu finden ist, so wird er es auf Anhieb finden, während Otto Normalverbraucher, der den gesuchten Artikel mit Sicherheit nach einem allgemeingültigen System (je Zeitung ein Ordner und dort nach Datum abgeheftet oder nach Thema usw.) suchen wird, den Artikel wahrscheinlich nie finden wird. Und so ist Ahooga Nonsen in allen Dingen. Benötigen wir z.B. ein bestimmtes Paar Socken, so werden wir diese in einer Schublade suchen, in der alle Socken, die wir haben (bis auf die, die wir tragen bzw. die sich in der Wäsche befinden), befinden. Ahooga Nonsen wird die benötigten Socken allerdings – und das schneller als wir in der Sockenschublade – irgendwo in einem Haufen zwischen Hemden und Hosen finden. (02.03.94)

Antik wäre aber auch nicht das richtige Wort.

(01.03.94)

[Verhältnis zu Frauen eher gestört – er hatte eine Liebhaberin, ein eher ältliches Fräulein, das ihm aber die Liebhaberei aufgekündigt hat, weil es mit seinem Lebenswandel und seiner Arbeit „nicht klarkam“. Irgendwie schwebte ihr ein im deutschen Sinne „gemütliches“ Eheleben vor – der Mann als arbeitsamer Arbeitnehmer, der morgens sich, von der Ehefrau verköstigt, zu seinem Büro aufmacht, um abends zu gewohnter Stunde heimzukehren zu Herd und Frauchen … – Jetzt läßt er sich sein ohnehin eher sporadisch aufflammendes Liebesbedürfnis von den handgreiflichen Fesselungskünsten einer Prostituierten befriedigen.]

[Ahooga haßt Gewalt. So trägt er keine Waffe bei sich, weder Pistole, noch Messer, noch sonstiges Schlag-, Stich- oder Schießinstrumentarium. Ahooga leicht grün angehaucht …] (24.03.94) [… höchstens einen Zahnstocher, den er immer bei sich trägt, um eventuelle Reste der Imbißnahrung (Frikadellen, Currywurst u.ä.) zwischen den Zähnen hervorzuholen. Dieser diente ihm allerdings einmal als Waffe, als er – wie so oft – unversehends in eine Keilerei geriet. Viel hatte ihm der Zahnstocher aber nicht geholfen … Er brach unvermittelt ab …] 04.05.94)

[Was er haßt, Zeit zu verschwenden. Für was er sich liebensgern Zeit läßt, ist zu schlafen…] (24.03.94) [Der Schlaf als „kleiner Bruder des Todes“ … Dabei ist Ahooga nicht todessehnsüchtig – nur, so meint er wenigstens, macht ihm der Tod, d.h. der eigene Tod, nichts aus. Wie sollte er auch – wenn es tot ist, so ist er tot. Und im Leben Furcht vor dem Tode zu haben, hält er für absurd. Anders ist es mit Schmerzen! Sollte sein Tod mit großen Schmerzen verbunden sein, so wünscht er sich natürlich einen leichten Tod. Notfalls würde er auf Sterbehilfe zurückgreifen. – Solche Gedanken macht er sich, wenn er kurz vor dem Schlafen dahindöst. …] (4.5.94)

Der Hund als Widersacher -> Chiquisnaque (vergl. Cervantes – „Rinconete und Cortadillo“)

Der Typ, der Kafka liest und zitiert (aber in anderen Sprachen – z.B. Isländisch) (1.8.94)

Ahooga Nonsen – Frühlings Erwachen oder Dreck am Stecken – Teil 1

Es war im März 1993, da brach bei mir wieder einmal die poetische Ader auf und ergoss sich in Form einer Einleitung zu einem Kriminalroman aufs weiße Papier (eigentlich doch eher in kleinen Bits bzw. Bytes auf die Festplatte meines Rechners). Über diesen Anfang bin ich nie hinweg gekommen (in des Wortes doppelter Bedeutung), denn schon sehr bald versiegte die schöpferische Quelle und es blieb mir nur das folgende Roman-Fragment, dessen ersten Teil ich hiermit zum Besten gebe. Immerhin hat es geradezu Kafka’sche Qualität und sollte nicht in einer Schublade meines Schränke verstauben (respektive Festplatte). Und auch thematisch passt es in die jetzige Jahreszeit. Also viel Spaß beim Lesen:

1 Tauwetter

Tauwetter – Sauwetter! Es kommt tja schon selten vor, daß der Schnee in Hamburg liegen bleibt. Und wie der Schnee alles unter seiner weißen Decke verschwinden läßt, alles gewissermaßen verhüllt, so daß Schritte, der Autolärm und alle anderen Geräusche, die eine Stadt alltäglich hervorbringt, dämpft und sogar, wenigstens teilweise, zum Schweigen bringt … man könnte denken, daß Leben kommt zum Erliegen … so schwieg auch das Telefon von Ahooga Nonsen, der tagelang allein in der weißverhüllten Stille des Winters in seinem Büro hockte, sprungbereit, um beim nächsten Klingeln des Telefonapparats den Hörer aufzunehmen, z.B. die Zigarre lässig zwischen Daumen und Mittelfinger der linken Hand drehend – absolute Sendepause! Es gab für ihn nichts zu tun. Und irgendwie war er froh darum, nichts tun zu müssen und stattdessen seinen Blick aus dem Fenster auf die fallenden Schneeflocken richten zu können. Als dann die Dämmerung einsetzte und das Telefon immer noch nicht zu klingeln wagte, als wäre es eingeschneit, da drückte Ahooga seine längst schon erkaltete Zigarre im rettungslos überfüllten Aschenbecher aus; die Zigarettenkippen samt Asche quollen wie aufgeschäumter Kunststoff hervor und mehrere fielen dann auch über den Rand auf den mit ausgeschnittenen Zeitungsartikeln übersäten Schreibtisch. Tagsüber bevorzugte Ahooga Zigaretten, die er sich wie beiläufig selbst zu drehen pflegte. Stand der Abend vor der Tür, dann gönnte er sich eine Zigarre, nicht die billigste, beileibe aber auch nicht die teuerste. An einen Tag wie diesen rauchte er viel, während er in den Zeitungen blätterte und den einen oder anderen Artikel, der ihm interessant erschien, mit der angerosteten Schere ausschnitt, er rauchte zu viel, wie sein Arzt ihm sagen würde. Und der Kippen sammelten sich zusehends. Als interessiere ihn der übergequollene Aschenbecher nicht, ließ Ahooga alles liegen und stehen, stand aus seinem abgestoßenen Ledersessel auf, schlich langsam und bedächtig auf den Garderobenständer zu, der einen in den Ärmeln ausgebeulten hellen Mantel und seine schottengemusterte Schlägermütze wie auf gegen die Zimmerdecke ausgestreckte Spiddelfinger barg, um beides aufzunehmen, zuerst den Mantel mit der rechten Hand, um ihn über den linken Arm zu hängen, dann die Mütze ebenso mit der rechten, um sie sogleich über den Kopf zu stülpen, wobei die linke Hand, durch den in der Armbeuge eingeklemmten Mantel behindert, beim Richten der Mütze nachzuhelfen suchte, was aber nicht auf Anhieb gelang. Erst beim dritten Versuch schien es zu klappen, zumindest dachte Ahooga Nonsen das, aber die Mütze knüllte einen größeren Haarbüschel des Hinterkopfes, so daß die ansonsten vermeidlich geordnete Frisur durcheinander geriet und die Mütze am Hinterkopf unmäßig beulte. Den Mantel zog er erst im Hausflur an, nachdem er die Türe zu seinem Büro mit dem Schlüssel, den an einem mit unzählig vielen Schlüsseln unterschiedlichster Art übersäten Schlüsselbund, verschlossen hatte. Wie ein Magier fand er aus dem Metallknäuel in Sekundenschnelle den richtigen Schlüssel, schloß mit der linken Hand ab, um gleichzeitig mit der rechten den Mantel aufzunehmen, diesen gewissermaßen in die Luft warf, um mit dem rechten Arm in den durchaus richtigen rechten Ärmel hineinzuschlüpfen. Und kaum war die Tür verschlossen, war auch schon das Schlüsselknäuel in der linken Hosentasche verstaut. Im Hinuntergehen zog er sich dann den Mantel vollständig an. Unten an der Haustüre, zwei Stockwerke unterhalb seines Büros, nesselte er am Mantelkragen herum, noch bevor er die Tür zur Straße geöffnet hatte. Ein Kälteschauer fuhr ihn über den Rücken. Er knöpfte auch den obersten Knopf schnell zu, öffnete die Tür und mit einem kleinen Sprung, so als wäre er gestoßen worden, hüpfte er auf den Gehweg, der, obwohl vor kurzem gefegt, wieder fast vollständig beschneit war. Als er auf das Pflaster aufsetzte, mußte er mit den beiden Armen balancierend seinen Schwung ausgleichen, um nicht ins Staucheln zu geraten. Das Pflaster war glatt, zumal er nicht die für diese Witterung richtigen Schuhe anhatte. Er hatte keine anderen Schuhe außer diese schwarzen, deren rechter Schürsenkel schon vor längerer Zeit gerissen und dann von Ahooga notdürftig zusammengeknotet war, um weiterhin seinen Dienst zu verrichten. So kam Ahooga Nonsen bei fast jedem Schritt, den er tat, ins Rutschen, mußte einmal den einen, dann den anderen, meist aber beide Arme zu Hilfe nehmen, um seinen Gang auf dem glitschigen Grund aufrecht zu halten. Fast wie ein Seiltänzer balancierte er auf Eis und Schnee.

Tauwetter ist Sauwetter! dachte sich Ahooga Nonsen. Denn nach einer Woche der Eiseskälte hatte eine Westströmung plötzlich wärmere Luft über Frankreich aus dem Mittelmeerraum um Spanien herum auch nach Hamburg gebracht, die innerhalb kürzester Zeit den angehäuften Schnee zum Schmelzen brachte. Ahooga hatte sich extra für dieses unverhofft eingebrochene Winterwetter feste Stiefel mit Fellimitat und Profilsohle gekauft, weil seine schwarzen Schürschuhe förmlich im Schnee ersoffen waren und mit Zeitungspapier ausgefüttert zum Trocknen unter der Heizung seines Büros standen. Einen halben Tag lang war er mit nassen, eiskalten Füßen durch die Innenstadt Hamburgs gelaufen, die ersten Anzeichen eines Schnupfens hatte er halbwegs erfolgreich mit einem Tee, der verdächtig nach Rum roch, bekämpft, um sich dann endlich zu diesem Kauf zu entschließen. Wie zufällig kam er an einem Schuhgeschäft vorbei, das diese dunkelbraunen Stiefel mit dem Plastikfell in Massen zu einem herabgesetzten Preis: besonders preisgünstig – der Sommerschlußverkauf nahte – an den Käufer zu bringen suchte. Eigentlich war er am Schuhgeschäft schon vorbei, da schmerzten ihn plötzlich seine halberfrorenen Füße, so daß er kehrt machte, ein Paar seiner Größe am Eingang des Ladens aufnahm und unter die linke Achselhöhle stopfte, den Laden betrat, Ausschau noch nach dicken Socken hielt, keine passenden auf Anhieb finden konnte, so zur Kasse schritt, um den Preis zu entrichten. Das Anprobieren vergaß er dabei, bereute es sehr bald, denn die Schuhe waren zu groß. Zunächst erschien das kein Problem zu sein. In seinem Büro zurückgekehrt, suchte er im rechten unteren Schreibtischschubfach nach Socken, konnte keine finden und nahm so bereits getragene, die auf der Heizung zum Trocknen lagen. Sie waren noch etwas klamm, er zog die alten Schuhe samt nassen Strümpfe aus, stülpte sich die lauwarmen Socken über und schlüpfte in die neuen Stiefel. Da diese zu groß waren, ergänzte er sein Fußkleid um die kaltnassen Strümpfe, was aber auch nicht viel half, denn er rutschte mit den Füßen hin und her, wobei sich die Hacken am rauhen Stiefelleder rieben. Zunächst kein Problem, wie gesagt. Als er aber vom Büro nach Hause kam, unterwegs noch schnell Zutaten für sein Abendessen einkaufte, sich auch noch in seiner Eckkneipe mit einem Grog stärkte, da verspürte er bereits ein Stechen in beiden Hacken, das in ein Brennen überging, nachdem er sich von den Stiefel befreit hatte, und nicht wie der Schmerz eisiger Füße vorübergehen sollte. Nachdem er sich die Füße rundum wund gelaufen hatte, diese mit Salben behandelt und Pflästerchen unterschiedlichster Größe verbunden hatte, da setzte das Tauwetter ein. Seine schwarzen Schuhe standen im Büro und er saß auf seiner Couch mit einer Flasche Bier vor dem Fernseher, um sich ein Bundesligaspiel mit dem HSV anzugucken, obwohl er alles andere als ein HSV-Fan war.

Am nächsten Tag ging er dann zum letzten Mal mit diesen quälenden Stiefeln in sein Büro. Das lauige Lüftchen aus dem Mittelmeerraum hatte dem Schnee nun gänzlich den Garaus gemacht. Die bisher tiefgefrorene Hundescheiße lag häufchenweise quirlig-frisch und von besonders weicher Konsistenz an fast jedem Straßenrand und nicht nur gelegentlich, auch mitten auf dem Bürgersteig. Ahooga mußte es also passieren, daß er voll in einen solchen braunen Stinkhaufen hineintrat. Und wäre er nicht so gut bei Training und Balance, so hätte er sich bestimmt noch hingelegt, denn er rutschte auf dem Scheißmist aus, ruderte mit den Armen verzweifelt in der Luft, fand aber schnell das Gleichgewicht, um fluchend Ausschau zu halten nach einem Herrchen oder Frauchen mit Hundeseele, um dieser sein Leid zu klagen. Aber er war allein auf weiter Flur und kratzte den Hundedreck am nächsten Bordstein notdürftig ab. Im Büro angekommen zog er schnell die Stiefel aus, um sie in Richtung Papierkorb zu werfen. Da dieser aber mit zusammengeknüllten alten Zeitungen bereits übervoll war, einzelne Papierschnipsel lagen zerstreut daneben, so trumpften die Stiefel lediglich einzeln auf dem Korb auf, um sich in Richtung Garderobenständer zu verflüchtigen. Hier sollten sie noch einige Zeit liegen bleiben, obwohl von dem an ihnen haftenden Hundekot ein etwas übelverursachender Gestank ausging.

Fortsetzung folgt …

In Extremo: Der zweite Merseburger Zauberspruch

Literatur lebt von der Sprache. Und besonders die Sprache ist stetigem Wandel unterzogen. Damit auch die Literatur. Was wir heute als Hochdeutsch kennen, hat sich somit über viele Jahrhunderte entwickelt. Die schriftlich bezeugte Form der deutschen Sprache in der Zeit von etwa 750 bis 1050 wird als Althochdeutsch bezeichnet. Aus dieser Zeit stammen auch die Aufzeichnungen einige Verse, die uns als Merseburger Zaubersprüche überliefert sind.

Nach dem ersten Merseburger Zauberspruch hier nun der zweite. Die Verse stammen aus vorchristlicher Zeit, also vor 750 n. Chr., und sind die einzigen erhaltenen Zeugen germanisch-heidnischer Religiosität in althochdeutscher Sprache.

Balder (auch Phol) und Wodan reiten durch den Wald (holza), wobei sich Balders Pferd den Fuß verrenkt. Wodans Spruch daraufhin: „Bein zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Glied, als ob sie geleimt seien“. So zeigen Darstellungen aus dem 5./6. Jahrhundert Wodan beim Heilen eines Pferdes. Leider können die anderen (Götter-)Namen nicht eindeutig identifiziert werden. Klar ist nur „Uuôdan“ (Wodan, Wotan, Odin) und „Frîia“ (Frigg, die Frau von Odin). Bei den anderen Namen ist nicht einmal sicher, ob es wirklich Namen von Göttern sind, da verschiedene Interpretationen ihrer Übersetzung zu finden sind.

Phol ende uuodan
uuorun zi holza.
du uuart demo balderes uolon
sin uuoz birenkit.
thu biguol en sinthgunt,
sunna era suister;
thu biguol en friia,
uolla era suister;
thu biguol en uuodan,
so he uuola conda:

sose benrenki,
sose bluotrenki,
sose lidirenki:
ben zi bena,
bluot zi bluoda,
lid zi geliden,
sose gelimida sin.

Phol und Wodan
ritten in den Wald.
Da wurde dem Fohlen Balders
der Fuß verrenkt.
Da besprach
(vgl engl. to beguile) ihn Sinthgunt
und Sunna, ihre Schwester;
da besprach ihn Frija,
und Volla, ihre Schwester;
da besprach ihn Wodan,
wie nur er es verstand:

Sei es Knochenrenke,
sei es Blutrenke,
sei es Gliedrenke:
Knochen zu Knochen,
Blut zu Blut,
Glied zu Gliedern,
als ob geleimt sie seien.

Erklärungen:
walkürenartige Frauen: Walküren (altnordisch „diejenigen, die bestimmen, wer auf dem Kampfplatz fallen soll“ (wobei sie das Schicksal nur verwalten), in der germanischen Mythologie die Botinnen des obersten Gottes Wodan (Odin), die über die Schlachtfelder reiten, die gefallene Einherier durch ihren Kuss zu ewigem Leben erwecken und sie nach Asgard entrücken, um bei der Schlacht gegen Utgard zu kämpfen, bei der alles Leben erlöschen soll und Baldur die neue Welt einleiten soll. Eventuell identisch mit den Disen, weibliche Gottheiten aus der nordischen Mythologie. Eine Dise, altnordisch dís / dísir, altschwedisch dis, ist eine Art weibliche Fruchtbarkeitsgottheit, eventuell mit den angelsächsischen Idisi verwandt.
Balder: Aus der nordischen Mythologie der Gott des Lichtes.
Wodan: Der südgermanische Gott Wodan entspricht weitgehend dem nordischen Odin und war der Hauptgott.

Auch von diesem 2. Zauberspruch gibt es von der Gruppe „In Extremo“ eine musikalische Überarbeitung.


In Extremo: Merseburger Zaubersprüche 2

Beide Zaubersprüchen, von „In Extremo“ interpretiert, gibt es auch als Video zu sehen, aufgenommen live auf dem Kyffhäuser 2002:

In Extremo – Merseburger Zaubersprüche I (Live) Kyffhäuser 2002

In Extremo – Merseburger Zaubersprüche II (Live) Kyffhäuser 2002

Zur Gruppe “In Extremo” siehe auch meinen Beitrag: Bagpipes (Sackpfeife – Dudelsack – Quetschsack)

In Extremo: Der erste Merseburger Zauberspruch

Bis zur Zeit Karl des Großen wurden Sprüche, Heldenlieder und Geschichten noch mündlich überliefert. Karl der Große ordnete an, das alte Wissen zu dokumentieren, um es für die Nachwelt aufzubewahren.

So wurden im 10. Jahrhundert auch die so genannten zwei Merseburger Zaubersprüche wohl von einem schriftkundigen Kleriker, wahrscheinlich im Kloster Fulda, auf einer freigebliebenen Seite eines liturgischen Buches in karolingischen Minuskeln eingetragen. Die Verse selbst stammen aus vorchristlicher Zeit, also vor 750 n. Chr., und sind die einzigen erhaltenen Zeugen germanisch-heidnischer Religiosität in althochdeutscher Sprache.

Eiris sâzun idisi,
sâzun hera duoder.
suma hapt heptidun,
suma heri lezidun,
suma clûbôdun
umbi cuoniouuidi:
insprinc haptbandun,
inuar vîgandum.

Einmals setzten sich Idise (zauberstarke Schlachtjungfrauen, den Walküren verwandt),
setzten sich hierhin, dorthin und dahin,
manche Hafte hefteten (d.h. sie festigten die Fesseln der feindlichen Gefangenen),
manche lähmten das Herr (der Feinde),
manche klaubten um heilige Fesseln (es sind die Fesseln aus Eichenzweigen, mit denen der Priester oder König die Gefangenen umwindet, die als Opfer für die Götter bestimmt sind; diese Fesseln lockern die Idise):
Entspring den Haftbanden,
entfahr den Feinden!

Übertragung: von der Leyen
Aus: Aus deutschem Herzen – Verlag Moritz Diesterweg – 11. Auflage 1964

1. Merseburger Zauberspruch (vor 750 n.Chr.)

Von diesem ersten Merseburger Zauberspruch, der zur Befreiung von Gefangenen dienen Sollte, gibt es von der Gruppe „In Extremo“ eine sehr schöne musikalische Überarbeitung.


In Extremo: Merseburger Zaubersprüche

Zur Gruppe „In Extremo“ siehe auch meinen Beitrag: Bagpipes (Sackpfeife – Dudelsack – Quetschsack)