Was ist bloß mit Ian los? Teil 82: Selbsterkenntnis & Selbstfindung

Liebe Kretakatze, lieber Wilfried,

ich hätte da den ein oder anderen Gedanken zum Thema Ian Anderson:

Ich frage mich bereits seit einiger Zeit, worauf die Ansprüche des Mr. Anderson , ein Intellektueller aus der Upperclass zu sein, basieren. Die Wikipedia-Aufzählung der von ihm besuchten Schulen ist in der Tat sehr übersichtlich. Eines wollen wir ihm aber zu Gute halten: Man kann sich auch jenseits der Schule noch Einiges an Bildung aneignen. Ich wage zu behaupten, dass ich (von den Grunddisziplinen Lesen, Schreiben, Rechnen abgesehen) abseits der Schulen mehr gelernt habe als in diversen Klassenzimmern. So sollte es auch sein, das geht wohl den meisten Menschen so. Den Intellektuellen können wir also so gerade noch gelten lassen. Daraus ergibt sich aber die Frage: Wie äußert sich sein Intellekt, wie nutzt er ihn, was stellt er damit an ?

Nun, die erste Antwort darauf liegt für mich auf der Hand: Die Songs, die Melodien der frühen Jahre, die ihn für mich zum „Meister“ machen, können nur schwerlich dem Hirn eines Dummkopfes entsprungen sein. Intelligenz und Genius bedingen einander zwar nicht, gehen aber oft Hand in Hand. Nur so als Beispiel: Vor vielen Jahren las ich (in einem MAD – Heft), dass W.A. Mozart im Alter von drei Jahren seine erste Symphonie schrieb und mit fünf Jahren zum ersten Mal auf dem Topf saß. Zum zweiten kann ihm niemand abstreiten, dass er in Interviews einen sehr souveränen Eindruck macht. Auch das spricht nicht unbedingt für einen Hohlkopf. Damit kommen wir zur dritten und kritischsten Antwort: Seine Texte. Nach seiner eigenen Aussage macht er keine Texte für Fußballfans. Was er damit ausdrücken will, ist klar: Er hält Fußballfans für intellektuell limitiert, sodass sie seine Texte nicht verstehen können. Nun, ich bin kein Fußballfan, verstehe seine Texte aber auch nicht immer. Natürlich, es gibt auch Dumme außerhalb der Fußballszene. Kretakatze hat in einer ihrer letzten mails die Frage aufgeworfen, ob ich zwangsläufig als klug zu gelten habe, wenn ich mich so ausdrücke, dass die Mehrheit mich nicht versteht. Ich denke, diese Frage trägt die Antwort bereits in sich. Natürlich braucht man ein gewisses Niveau, um seine Sprachintention in Metaphern, Allegorien oder sonstwie bildlich an den Mann zu bringen. Ebenso selbstverständlich muss der Leser oder Hörer sich auf einem vergleichbaren Level befinden, um begreifen zu können, welche Information gerade transportiert werden soll. Mr. Anderson könnte also in seinen Texten ein hohes sprachliches Niveau einnehmen, um die Schar seiner Anhänger zu polarisieren. Er will damit die Spreu vom Weizen trennen. Mögliche Gründe hierfür kann ich nicht benennen. Vielleicht liegt Kretakatze richtig mit ihrer Annahme, dass er sich dadurch einen intellektuellen Anstrich geben will.

In diesem Zusammenhang muss ich an meine Deutschlehrerin aus der Fachoberschule denken: Bei ihr mussten wir u.a. Texte von Hans Magnus Enzensberger lesen. Je weniger wir die Texte verstanden, desto lauter lobte sie das Genie des Künstlers. Dabei bin ich jeden Tag, der seitdem vergeht, mehr davon überzeugt, dass sie das Geschreibsel selbst nicht durchschaute. Aber sie dachte wohl, sie gelte deswegen als klug. Wenn die wüsste…

Wie dem auch sei, mir gefällt die Anderson’sche Musik der frühen Jahre auch trotz der oft kryptischen Texte.

Soviel zum Intellekt des Meisters. Hier hat er die Kurve so gerade noch bekommen. Wenden wir uns seiner Herkunft aus der Upperclass zu.

Irgendwo (vielleicht Wikipedia) stand zu lesen, sein Vater sei Hotelmanager gewesen. Hotelmanager. Klingt irgendwie nach Hilton oder Walldorf-Astoria. Aber, dank Wilfried wissen wir, dass das Hotel der Familie Anderson sen. ein eher bescheidenes Haus war. Mich erinnert es mehr an eine Pension. Ein Familienbetrieb, in dem der Hotelmanager noch selber mithilft, die Betten zu beziehen und Frühstück zuzubereiten. Das ist für mich ein klassisches Beispiel für den Mittelstand, nicht für die Oberklasse. Damit will ich nichts gegen den Mittelstand sagen: Meine Eltern führten seinerzeit ebenfalls ein kleines Familienunternehmen und ich selber sehe mich als Kind des Mittelstands. Also, Mr. Ian Scott Anderson, mit Upperclass ist wohl nichts.

Ich gebe aber eines zu bedenken: Unsere Annahme, dass er sich als Member of the Upperclass sieht, beruht einzig auf der Textzeile in „Thick as a Brick“: „I came down from the Upperclass…“. Nun ist die Frage zu klären, ob er das biographisch meint, also auf sich selber bezieht, oder ob er nur das vertonte Gedicht des kleinen Gerald Bostock interpretiert. Bevor diese Frage nicht ausreichend beantwortet ist, wäre jeder weitere Gedanke zur Upperclass-Herkunft des Meisters reine Spekulation.

Ein Wort zur Spontaneität auf der Bühne:
Wer sich die JT-Auftritte aus den 70er Jahren anschaut, wird feststellen, dass in der Bühnenshow überhaupt kein Platz für Spontaneität ist. Das ist reine Choreografie. Bei jeder Note eines Konzertes hat Mr. Anderson die gleiche Mimik und die gleiche Körperhaltung und steht an genau der gleichen Stelle auf der Bühne wie in einem Konzert, dass einige Jahre später auf einem anderen Kontinent stattfindet. Er funktioniert präzise wie ein schweizer Uhrwerk. Er ist viel zu sehr Perfektionist, um der Spontaneität willen irgendetwas dem Zufall zu überlassen.

Liebe Kretakatze, in Deiner letzten mail sprichst Du mir aus der Seele: Dem frühen Anderson konnten wir begeistert zujubeln, den aktuellen Anderson kennen wir nicht mehr. „Wer ist das ?“ schreibst Du. Genau so ist es. Wir haben ihn verloren. Zumindest Du und ich. Wilfried scheint noch etwas näher bei ihm zu sein. Er kennt ihn schon länger und hat ihn nie aus den Augen verloren. Aber für mich ist Mr. Anderson ein Fremder geworden. Er sieht anders aus, er singt anders und er spielt andere Musik als früher. Er ist einfach ein Anderer. Ich habe ihn verloren, und in Deinem letzten Schreiben sagst Du, dass er sich möglicherweise selber verloren hat. Nur ihm scheint das weniger auszumachen als uns.

Gnothi seauton
Lockwood

PS: Als Kind sah ich im Fernsehen „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren. Was mich damals am meisten daran faszinierte war der Soundtreck. Eine wunderschöne kleine Melodie, die ich zu meiner großen Freude vor kurzem bei youtube wiederfand und Euch hiermit zu Gehör bringen möchte. Vielleicht gefällt sie Euch auch. Nichts an ihr erinnert an einen startenden Jet.

31.07.2007

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Hallo Wilfried, Hallo Lockwood,

nun ist also der 60. Geburtstag des Meisters auch vorüber, und außer meiner „erfrischenden“ Kritik und ein paar daraus resultierenden dilettantischen guten Ratschlägen, die ich in letzter Zeit hier verbreitet habe, ist mir nichts eingefallen, was ich ihm auf seinen weiteren Lebensweg mitgeben könnte. Ich bin auch dieser Tage ein wenig schreibmüde geworden…

Dabei gibt es durchaus noch eine Reihe interessante offene Themen, die von Euch in letzter Zeit angesprochen wurden und die ich auch noch aufgreifen möchte. Lockwood hat sich einige Gedanken über Mr. Anderson gemacht, die wiederum mir zu denken gegeben haben. Es geht einmal mehr um seine unerklärliche Entwicklung vom bewunderten Meister der 70er Jahre zu dem, was er heute darstellt. Bevor ich darauf eingehe werde ich Euch aber, ganz wie es meine Art ist, mit meinem beliebten Gegenbeispiel quälen (ich kann einfach nicht anders…).

In meinem ersten kurzen Beitrag, den ich an dieser Stelle zu Mr. Fogerty verfasst hatte (das war übrigens zufällig genau an seinem 62. Geburtstag, wie mir später aufgefallen ist), hatte ich behauptet er habe sich in den letzten 40 Jahren nicht weiterentwickelt. Inzwischen habe ich feststellen müssen, dass das ein Irrtum war. Ich nehme diese Aussage daher hiermit zurück und behaupte das Gegenteil (ist ja nicht das erste Mal…). Tatsächlich hat sich Mr. Fogerty – zumindest was sein Auftreten auf der Bühne betrifft – seit 1970 geradezu dramatisch gewandelt.

Mr. Fogerty anno 1970 („Tombstone Shadow“ live in London) erscheint nicht nur in Arbeitskleidung auf der Bühne, er wirkt auch wie jemand, der zielgerichtet, ernst und konzentriert seiner Arbeit nachgeht. Er scheint voll und ganz mit sich, seiner Musik und seiner Gitarre beschäftigt zu sein, es sieht aus als spielt er vor allem für und mit sich selbst, eventuell noch mit seiner Band. Dass ein Publikum existiert, scheint er – zumindest während er spielt – nicht wahrzunehmen, er schaut es kaum an. Bestenfalls riskiert er noch einen kurzen Blick in die Kamera (die guckt auch nicht zurück). Während der Gitarrensolos zieht er sich vom Mikrophon weg nach hinten ans Schlagzeug zurück, dreht dem Publikum fast den Rücken zu. Zwischen den Songs verständigt er sich kurz mit dem Drummer, dreht an Amp und Gitarre, stimmt eine Saite nach – aber er spricht nicht ein Wort mit dem Publikum. Er wirkt auf mich ein bißchen wie ein Zootier, das man gegen entsprechenden Eintritt aus gebührender Entfernung beim mehr oder minder artgerechten Verhalten beobachten darf. Wenn die Band in ihrer Fabrikhalle probt, sieht das wahrscheinlich auch nicht viel anders aus.

Eigentlich ist es kaum zu fassen, aber das Bühnen-Verhalten des Mr. Fogerty hat sich im Laufe der Jahre ins exakte Gegenteil verkehrt. Fogerty 2007 („Bootleg“ live in Ontario) wirkt auf der Bühne als ob er eine Riesen-Party feiert. Da scheint alles mächtig viel Spass zu machen und mit keinerlei Mühe oder Anstrengung verbunden zu sein. Offensichtlich tut er das alles nur zum reinen Vergnügen, zu seinem eigenen wie zu dem des Publikums. Wenn er einmal 3 Sekunden lang nicht singen muss, rennt er sofort vom Mikrophon weg zum vorderen Bühnenrand um einen Meter vor den Nasen seiner Zuschauer seine Gitarrenkünste darzubieten. Zwischen den Songs unterhält er sein Publikum mit Stories darüber, wie er mit seiner Tochter Eis isst oder wie sich eine halbe Million matschverschmierte Menschen in Woodstock ausziehen. Und auch da läuft er wieder ständig zum Bühnenrand um auf jeden noch so dämlichen „Hey John“-Zuruf aus dem Publikum einzugehen. Es ist ein einziges Bad in der Begeisterung und Sympathie der Menge, und so ein Bad scheint ganz nach seinem Geschmack zu sein. Wie man sich so ein Bad einlässt und wie man sich das Badewasser angenehm temperiert, das hat er inzwischen gelernt. Die Lernfähigkeit des Mr. Fogerty ist wirklich bemerkenswert. Wenn man einmal davon ausgeht, dass das „Beliebtheitsbad“ auch schon 1970 sein Ziel gewesen sein müsste, dann konnte er seinen Zielerreichungsgrad inzwischen ganz ungemein steigern.

Die Bühnen-Präsenz des Mr. Anderson scheint sich mir dagegen im Laufe der Jahre in die genau entgegengesetzte Richtung entwickelt zu haben. In diesem Video („A New Day Yesterday“ 1969 live in New York) teilt er uns gleich zu Anfang mit, was er auf der Bühne tut – es ist sein „Ego-Trip“, das heißt er tobt sich aus, und zwar zu seinem Privatvergnügen. Was die Spontanität seiner Bühnenaktivitäten betrifft, sehe ich das etwas anders als Du, lieber Lockwood. Es ist einfach so, dass jedes Lied eine ganz bestimmte Geschichte erzählt, jede Melodie ein bestimmtes Gefühl ausdrückt, und wenn man das in Gestik, Mimik und Bewegung darzustellen versucht, dann wird naturgemäß auch immer etwas ähnliches dabei herauskommen. Durch ständige Wiederholung schleift sich schließlich im Laufe der Zeit eine Art „optimale“ Version ein, die dann wirklich praktisch immer identisch ist. Bei Songs wie „Aqualung“ oder „Thick As A Brick“, die Mr. Anderson in den 70ern 100 Mal im Jahr auf der Bühne gespielt hat, ist ihm mit Sicherheit jede einzelne Bewegung so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er er sie noch im Schlaf aufführen könnte. Vermutlich würde er noch im Koma liegend beim Klang bestimmter Musikpassagen seinen Kopf auf eine ganz bestimmte Art zurückwerfen oder den Arm nach oben reißen. Eine bewußt einstudierte Choreographie ist etwas anderes.

Sicher hat Mr. Anderson zumindest manche seiner akrobatischen Übungen geprobt, bevor er sie auf der Bühne vorgeführt hat. Manches sind eindeutig Figuren aus dem Ballett, und seit ich durch Wilfried weiß, dass sein älterer Bruder Ballettmeister ist, hat mich das auch nicht mehr gewundert. Dass er sich allerdings jemals eine Choreographie für eine Auftritt vorher zusammengestellt hat, wage ich zu bezweifeln. In so ein Korsett hätte er sich nicht zwängen wollen, das hätte ihm doch den ganzen Spaß verdorben. Schließlich wollte er sich austoben, das macht man nicht nach Plan. Ganz abgesehen davon ist der „spontane Ausdruck der Persönlichkeit, der Gedanken oder Gefühle“, von dem ich in meinem letzten Beitrag sprach, nicht so sehr eine Frage des Was und schon garnicht des Wo einer Darstellung, sondern vielmehr des Wie. Am Wie erkennt man, ob jemand wirklich mit Freude und Enthusiasmus bei der Sache ist oder nur etwas herunterspult.

Allmählich glaube ich auch, dass Mr. Anderson in die Jahre gekommen ist. Die Begeisterung hat nachgelassen. Wen wundert’s, dass nach mindestens 2000 Aufführungen „Thick As A Brick“ bei ihm heute nicht mehr so frisch rüberkommt wie 1972. Vermutlich ist auch das Bedürfnis sich auszutoben weitgehend erloschen. Im Vergleich zu Mr. Fogerty wirkt er inzwischen zahm und schaumgebremst. Seine Bühnenaktivitäten erscheinen nicht spontan sondern bewusst und kontrolliert. Was ihn heute auf die Bühne treibt ist wahrscheinlich vor allem sein Hang zur Selbstdarstellung und sein Hunger nach Anerkennung. Und da haben sich seine Chancen der Zielerreichung seit den 70ern dramatisch verschlechtert. Er sieht einfach nicht mehr aus wie 25, mit akrobatischen Übungen ist auch nichts mehr und die Stimme ist kaputt. Eigentlich wirklich erstaunlich, dass er in Anbetracht dieser katastrophalen Voraussetzungen nicht einfach aufgibt, aber er kann wohl nicht anders. Folgerichtig setzt er auf den einzigen Trumpf, den er noch hat – seine Flötenkünste. Er flötet extensiv und in den höchsten Schwierigkeitsgraden (das nehme ich jedenfalls mal an, beurteilen kann ich es nicht), aber das erfordert Konzentration. Vermutlich wirkt er auch deshalb beim Flöten teilweise fast finster, unbeschwerte gute Laune strahlt er jedenfalls für mein Gefühl dabei nicht aus. Mr. Anderson ist bei der Arbeit angekommen.

Um die Vergleichs-Landschaft weiter zu beleben werde ich jetzt noch einen anderen Musiker ins Feld führen, den vermutlich auch noch nie jemand mit Mr. Anderson verglichen hat – Neil Diamond („I Am…I Said“ live ca. 1971 – zur Einstimmung). Auf den ersten Blick gibt es da wirklich keine Ähnlichkeiten, Mr. Diamond ist eher eine Mischung aus Elvis Presley und Roy Black. Zwei Parallelen könnte man aber doch aufführen. Zum Einen ist auch Mr. Diamond dafür bekannt, dass er es liebt in mehr oder minder schrillen Kostümen aufzutreten – wobei es sich dabei eher um Glitzer-Anzüge a la Elvis Presley handelt, dessen Nachfolge er ja auch in Las Vegas übernommen hatte. Seine Auftritte sehen daher auch alle stark nach Las Vegas aus. Zum Anderen hatte Mr. Diamond, nachdem er die Filmmusik zu „Jonathan Livingston Seagull“ geschrieben hatte, angefangen sich selbst mit Beethoven zu vergleichen und seine erste Symphonie zu komponieren. Was daraus geworden ist weiß ich nicht so genau, ich meine er hat sie tatsächlich fertig geschrieben, die Wiener Philharmoniker haben sie aber wohl noch nicht im Programm.

Da auch Mr. Diamond zu den Musikern gehört, deren Scheiben Anfang der 70er auf meinem Plattenteller lagen, habe ich dieser Tage in YouTube geforscht, was denn im Laufe der Jahre aus ihm geworden ist, und ich war eher positiv überrascht. Diese Version von Cherry Cherry (2005 live) zeigt meiner Meinung nach: Es ist durchaus möglich 64 Jahre als zu sein, wie 64 Jahre auszusehen, in einem Kostüm auf einer Bühne zu stehen und eine ziemlich flotte Nummer zu spielen, und trotzdem nicht lächerlich zu wirken. Am Alter allein kann es also nicht liegen. Mr. Diamond hat allerdings gegenüber Mr. Anderson den Vorteil, dass seine Stimme noch genauso klingt wie vor 40 Jahren, sie hat wirklich nicht den kleinsten Kratzer abbekommen. Im Gegenteil, ich finde er singt den Titel heute besser und spielt ihn rockiger als in der Original-Version von 1966.

Wenn man Mr. Anderson also mit seinen Musiker-Kollegen in der Altersklasse ab 60 vergleicht, muss man sagen: Die Anderen sind auch nicht mehr so jung oder so schlank wie 1970 (Mr. Fogerty sollte vielleicht seiner Tochter mal nicht ständig das Eis wegessen – kleiner Scherz am Rande…), wie Mr. Fogerty über die Bühne stapft wirkt auch auf keinen Fall eleganter als das Gehüpfe von Mr. Anderson, und kommt es nun wirklich darauf an, ob der Typ oben auf der Bühne in Jeans und Karohemd, im Glitzerkostüm oder im Piraten-Outfit erscheint? Wichtiger ist doch, was der Kerl, der in den Klamotten steckt, für eine Ausstrahlung hat. Und da wirkt Mr. Anderson im Vergleich zu seinen Kollegen irgendwie verbissen und fast zynisch.

Lockwood hat einmal ganz richtig bemerkt, dass Fogerty-Fans vermutlich wesentlich glücklicher sind als Anderson-Fans. Ich würde soweit gehen zu behaupten, dass auch der Mr. Fogerty der heutigen Tage deutlich glücklicher sein dürfte als der Mr. Anderson. Dass sein Zielerreichungsgrad nicht mehr der ist, der er einmal in den 70ern war, kann auch Mr. Anderson nicht entgangen sein. Und ich glaube er ist selbst ziemlich ratlos, wie er die Situation wieder verbessern könnte.

Um noch einmal zum Thema „Intellektueller aus der Upper Class“ zurückzukommen – ich meine schon mehrere Photos von Mr. Anderson vom Ende der 60er Jahre gesehen zu haben, die die Unterschrift „… mit Laby X“ bzw. „… mit Lord Y“ trugen, leider kann ich sie nicht mehr finden. Ich glaube zumindest eines der Bilder stammte von der Hochzeit mit seiner ersten Frau. Woher kommen die Kontakte zum Hochadel, wenn er eigentlich aus der Mittelschicht stammt? Seine Behauptung „I come down from the upper class“ halte ich durchaus für glaubwürdig, auch wenn sie sicher ironisch gemeint war. „Thick As A Brick“ ist praktisch seine Autobiographie, und nach meiner Meinung sind Songtexte eine ziemlich zuverlässige Quelle über Vergangenheit und Hintergrund ihres Verfassers. Jeder Songtexter, den ich kenne, hat in seinen Liedern seine eigene Vergangenheit verarbeitet, und die eigenen Songs sind ein viel zu persönliches und zugleich öffentliches Medium, um darin zu wild zu phantasieren. Ein bißchen übertreiben tut man darin vielleicht schon, aber nicht lügen.

Auch den „Intellektuellen“ möchte ich Mr. Anderson garnicht absprechen. Ich halte ihn durchaus für intelligent und sicher hat er sich außerhalb der Schule ein umfangreiches Wissen über Geschichte, Kultur, Literatur etc. angelesen, das meines sehr wohl übersteigen könnte (das ist nicht sehr schwer). Zum Intellektuellen wird man wohl weniger über die klassische Bildung, es ist mehr der Typ des Dichters und Denkers, der Einen dazu qualifiziert. Ich selbst bin zum Beispiel höchst gebildet (nicht nur eingebildet) – mit Abitur, Studium, Lehre und Umschulung (übrigens alles mit besten Abschlüssen – ich schreibe das nur, weil diese Bildungskarriere so aussieht als hätte ich nichts auf die Reihe bekommen und deshalb ständig was Neues angefangen, und das kann ich natürlich nicht auf mir sitzen lassen) habe ich wirklich so ziemlich alles durch, was man an Bildung machen kann, mehr Bildung geht eigentlich kaum – trotzdem würde ich mich nicht als intellektuell bezeichnen. Dazu bin ich einfach nicht der Typ. Soweit die heutigen Selbstbekenntnisse der Frau Professor Dr.h.c. Kretakatze.

Seid herzlich gegrüßt bis demnächst
Kretakatze

PS.: Lieber Lockwood, was Herrn Mozart betrifft, scheinen MAD-Hefte doch keine sehr zuverlässige Quelle zu sein (wen wundert’s?). Mozart war 5, als er seine erste Komposition ablieferte, die im Übrigen keine Symphonie sondern ein Klavierstück war. Da wird er wohl 3 gewesen sein, als er auf dem Topf saß, was für einen Jungen auch ein ganz normales Alter ist. Das hat auch weniger mit Intelligenz oder Genie als vielmehr mit Körperbeherrschung zu tun – aber lassen wir dieses unappetitliche Thema…

Apropos unzuverlässige Quelle – inzwischen musste ich herausfinden, dass der Wikipedia-Eintrag über Creedence Clearwater Revival zahlreiche Fehlinformationen enhält. Das hat mein Vertrauen in die Zuverlässigkeit von Wikipedia doch stark erschüttert. Ich denke bevor man blind den Wikipedia-Daten glaubt, sollte man doch besser noch ein oder zwei andere Quellen gegenchecken…

14.08.2007

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Hallo, Ihr beiden Hübschen,

da bin ich also und der Alltag hat mich wieder. Oh, Graus!, kann ich nur sagen. Aber es hilft ja nichts, ich habe nicht das Bankkonto eines Herrn Anderson (selbst das von Herrn Fogerty wäre nicht zu verachten), also ’ran ans Werk bzw. an die Arbeit …

Ihr wart ja inzwischen wieder fleißig, besonders Kretakatze, die sich nicht zurückhalten konnte, auf mein früheres Geschreibsel ausführlich zu antworten.

Zunächst eines vorneweg: Das Bild mit Ian Anderson im Rollstuhl ist KEINE Fotomontage, so etwas würde ich erst gar nicht wagen. Es ist real und stammt aus dem Jahre 1988, wenn ich das richtig sehe. Nach einem Sturz (von der Bühne? Ich weiß es nicht genau) trat der Meister tatsächlich im Rollstuhl auf und nutzte sein Unglück zu diesem makabren Scherz. Also wieder einer dieser Unwägbarkeiten des Anderson’schen Charakters.

Ian Anderson im Rollstuhl 1988

Wenn ich auf alles, was Ihr da in der letzten Zeit verfasst habt, einginge, dann müsste ich auch ins Romanhafte ausschweifen. Daher doch möglichst in Kürze eine Antwort:

Der Vergleich Anderson-Fogerty hinkt für mich einfach deshalb, weil beide nicht zu vergleichen sind. Das spricht nicht unbedingt gegen Fogerty (oder gegen Anderson), aber für mich liegen zwischen den beiden Welten, sodass sich für mich (ich wiederhole: für mich) ein Vergleich nicht ziehen lässt. Trotzdem will ich kurz auf Deinen ‚Vergleich’, Kretakatze, zu sprechen kommen: Fogerty bzw. Anderson früher und heute. Wenn John Fogerty früher eher schüchtern wirkte, so wohl deshalb, weil er sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren musste. Sowohl Fogerty als auch Anderson waren in ihrer Anfangszeit keine Virtuosen, denen das Spiel ohne Anstrengung aus dem Instrument perlte. Ian Anderson kompensierte seine noch nicht ganz ausgereifte Spieltechnik durch seine Bühnenpräsenz, während Fogerty sich voll und ganz auf sein Instrument (und seinen Gesang) konzentrierte. Anderson hatte also das nötige Selbstbewusstsein, das sich Fogerty erst noch erwerben musste. Mit den Jahren war es dann soweit (Übung macht den Meister): Fogerty wurde selbstbewusster und spielsicherer. Und das kommt dann auch auf der Bühne ’rüber. Und wie ist das bei Herrn Anderson heute? Er konzentriert sich verstärkt auf sein Flötenspiel. Das ist sein verbliebenes Pfund, mit dem er noch wuchern kann.

Diese Oimel-Verlängerung (Ihr wisst schon, was ich meine) ist eine Art Automatismus. In jungen Jahren war das vielleicht noch ganz witzig anzusehen, jetzt wirkt es natürlich lächerlich. Aber alle Welt kennt nun mal den Flötenoimel, also muss er gezeigt werden. Neben diesem Automatismus denke ich mir noch, dass Herr Anderson etwas falsche Vorstellungen von den Erwartungen seiner Zuschauer hat. Er denkt wahrscheinlich wirklich: Die wollen meinen Flötenoimel sehen! Also zeige ich ihn ihnen! Und so ist es auch mit den anderen Elementen seines Auftritts, z.B. seinem Outfit. Eine vielleicht halbwegs plausible Erklärung habe ich für Andersons Schlabberleibchen. Als Flötist hat er eine andere Armhaltung als ein Gitarrist. Die Oberarme liegen nicht am Körper an, sondern sind fast horizontal zur Schulter, die Unterarme sogar noch höher gestreckt. Da würde ein zu enges Jäckchen eher zwacken und die Blutzirkulation behindern. In jungen Jahren mag das noch gehen, aber bei einem 60-Jährigen ist das ein Problem. Vielleicht erklärt sich auch damit die Angewohnheit des Meisters, in Spielpausen mit der rechten Hand Pumpbewegungen zu vollziehen (das Thema hatte ich schon früher einmal mit Lockwood erörtert). Also lassen wir ihm sein luftiges Hemdchen. Damit er uns nicht mit Kreislaufzusammenbruch von der Bühne fällt.

Wie auch immer: Anderson ist ein Schauspieler. Da gebe ich Kretakatze Recht. Er war es und ist es noch immer und unterscheidet sich da von John Fogerty. Er umgibt sich mit einer Aura (fast hätte ich Dickicht geschrieben) von Unnahbarkeit (mir fällt kein besseres Wort auf die Schnelle ein).

Aber genug! Dass sein Outfit, sein Herumgehüpfe und was auch immer nicht zeitgemäß sind (im Sinne von: zu seinen 60 Lebensjahren passend), darüber sind wir uns einig. Ich habe 2005 mein letztes Tull-Konzert miterlebt und muss aber sagen, dass mich diese Äußerlichkeiten eigentlich nicht gestört hat. Mir ist einfach klar gewesen, dass ich 2005 nicht die Jungens von z.B. 1972 zu Gesicht bekäme.

Noch etwas zu den Anderson’schen Texten: Sicherlich finden sich viele autobiographische Bezüge in den Texten. Um diese Bezüge nicht allzu schnell sichtbar werden zu lassen, greift der Dichter gern zu Mittelchen, die das Ganze mehr oder weniger verhüllen sollen (Metaphern, Allegorien usw.). Mögen die gewählten Bilder für den Autoren klar und verständlich sein – für den Leser sind sie es noch lange nicht, besonders dann, wenn eine Bildersprache benutzt wird, die sich nicht im gemeinsamen Fundus einer Sprache wiederfindet. Dann kann man als außenstehender Leser (oder Hörer) nur noch die Farbigkeit oder Wortgewalt der beschriebenen Bilder bewundern. Manche sehen das denn vielleicht auch als Fiebrigkeit des Dichters.

Apropos Andersons 60. Geburtstag – da hat sich der Meister doch wohl mit Recken der Stones (Keith Richards und Ron Wood) getroffen, um aus diesem Anlass (mit was auch immer) anzustoßen. Man kennt sich also. Nicht erst seit dem Rock ‚n’ Roll Circus von 1968 (lief übrigens dieser Tage im Fernsehen, es war auf Arte; 3Sat hatte wohl am 10. August in der Sendung Kulturzeit Herrn Anderson ein Ständchen gebracht – eigentlich gucke ich mir die Sendung öfter an, sogar im Urlaub, da sie gleich nach den Heute-Nachrichten folgt, aber an dem Tag war ich mit meinen Lieben in München zum Shoppen).

Ich hoffe, nicht allzu viel Blödsinn geschrieben zu haben. Mit Selbsterkenntnis ist das so etwas, Lockwood, bzw. mit Selbstfindung, Kretakatze.

Nun denn – bis bald
Wilfried

16.08.2007

English Translation for Ian Anderson

Rollstuhlbasketball

In der vorletzten Schulwoche vor den großen Ferien nahm mein Sohn Lukas innerhalb einer Projektwoche an der AG Rollstuhlbasketball teil. Initiiert wurde das von einer Rollstuhlfahrerin aus der Gemeinde Tostedt, um damit u.a. Berührungsängste der Schüler mit Behinderten zu verringern. Lukas hat das sehr viel Spaß gemacht.

Den Umgang mit Rollstühlen kennt mein Sohn durch seine Großmutter, die inzwischen 88-jährig außer Haus auf einen solchen angewiesen ist.

Vom 17.-19. August fand nun ein 4-Nationen-Turnier der Damen in der Sporthalle Hamburg-Wandsbek statt (Gastgeber: RSC/HSV Hamburg). Ich war mit meiner Familie (und natürlich mit Lukas) zum Endspiel am Sonntag als Zuschauer dabei. Die deutschen Damen gewannen das Spiel gegen Großbritannien ziemlich überlegen mit 60:24.

Zusammenhalt der Mannschaft Begrüßung der Mannschaften
Zusammenhalt der Mannschaft Begrüßung der Mannschaften
deutscher Angriff britischer Angriff
deutscher Angriff britischer Angriff
Anfeuerung durch die AlbinZ
Anfeuerung durch die AlbinZ

Wir alle fanden das Spiel sehr aufregend. Es ging voll zur Sache und es kam auch zu einigen Karambolagen, die einige Rollstühle samt Spielerin zum Umstürzen brachten. Alles ging aber glimpflich ab. Ich persönlich hätte mir gewünscht, dass noch mehr Zuschauer diesen engagierten Kampf um den Ball gesehen hätten.

Hier einiges zu den Regeln:

Jeweils fünf Spieler sind für jede Mannschaft auf dem Feld. Es wird 4 x 10 Minuten gespielt. Innerhalb von 24 Sekunden muss eine Mannschaft einen Korbwurf abgeschlossen haben, ansonsten bekommt die gegnerische Mannschaft den Ball. Die Spieler werden entsprechend ihrer Behinderung nach einem Punktesystem von 1 bis 4,5 klassifiziert (z.B. 1 bei Querschnittgelähmten, 4,5 bei leicht Behinderten). Zu keinem Zeitpunkt des Spiels darf eine Mannschaft Spieler auf dem Feld haben, deren Gesamtpunktzahl die 14-Punkte-Grenze übersteigt (mithin dürfen maximal 2 Spieler mit der Punktzahl 4,5 spielen; natürlich können Spieler gewechselt werden).

Werders Fehlstart (2. Spieltag BL 2007/08)

Ich muss es gleich gestehen: Meine „Fußball-Begeisterung“ hat in den letzten Monaten sehr gelitten (sie war schon lange nicht mehr sehr groß). Es geht beim Fußball fast nur noch ums Geld. Außerdem ist es der reinste Menschenhandel (Spielertransfers). Und das Umfeld (betrunkene, randalierende und/oder rassistische Fans) hat mich schon lange davon abgehalten, ein Fußballstadion zu besuchen.

Nun will ich aber mein Liebäugeln mit Werder Bremen nicht von heute auf morgen leugnen, nur weil der Mannschaft am Ende der letzten Saison die Luft ausgegangen ist und der Auftakt zur neuen Saison ein grandioser Fehlstart ist. So schnell lasse ich mich auch nicht abschrecken.

Natürlich kann ich meine Enttäuschung über die 0:4-Klatsche (so nennt man das in Fußballerkreisen) gegen Bayern München nicht bestreiten. Mögen sich die Bayern durch viel Geld mit guten Spielern tatsächlich verstärkt haben. Mögen einige Leistungsträger von Werder noch verletzt und andere noch nicht gänzlich fit sein (Naldo und Diego, die erst spät ins Trainung gekommen sind). Aber so darf man sich selbst (oder gerade) von den Bayern nicht abkanzeln lassen.

Werder - Bayern 0:4

Auch im weiteren Saisonauftakt (Ligapokal, DBF-Pokal, Champions League-Qualifikation) konnte die Mannschaft bisher spielerisch kaum überzeugen. Bekanntlich kann es jetzt nur noch besser werden. Aber ich fürchte: Es wird ein ganz schweres Jahr für Werder Bremen. Große Blumentöpfe werden nicht gewonnen werden. Und zunächst wird es sogar ein Kampf darum sein, aus dem unteren Drittel der Bundesliga zu enteilen (Der HSV des Vorjahres lässt grüßen. Und was war da am Ende die Konsequenz?).

Werner mit Janker und Dread Locks

Auf der Heimreise von unserem Urlaub in Grainau mit der Bahn von Garmisch-Partenkirchen nach München ergatterte ich mit meiner Frau im ansonsten vollbesetzten Zug einen Zweierplatz gegenüber einem jungen Typen im aus Wolle gestrickten Janker und mit blonden Dread Locks (eine etwas ungewöhnliche Kombination). Er nippte an einem Coffee-to-go, verzog verächtlich den Mund, um anschließend aus einem versteckten Winkel eine Flasche Flüssigbrot (Bier der Marke Hacker-Pschorr) hervorzuzaubern, aus der er weitaus genüsslicher mehrere Schlucke nahm. Bayerisches Frühstück, dachte ich mir so.

Janker

Nach kurzer Zeit sprach er uns an, woher wir kämen und wohin wir führen. Wir erzählten ihm, dass wir aus Hamburg kommen, besser: aus der Umgebung von Hamburg, und jetzt von Grainau zum Münchner Flughafen wollten, um mit dem Flieger nach Hause zu fliegen. Ja, in Grainau hätte er einen alten Onkel, ein grauer Kopf mit Lederhose, er kenne ihn nicht anders, als mit diesen Lederhosen. In Hamburg, nein, da wäre er noch nicht gewesen. Er wäre immer ohne Umwege nach Amsterdam gefahren usw.

Wir kamen auf Hamburg zu sprechen: Da käme doch der Hannes Wader her, der hat doch eine LP mit „plattdütschen“ Liedern gemacht. Der könne doch nur aus Hamburg kommen. Und der Franz Josef Degenhardt, der kommt doch auch aus Hamburg. Der Name klingt aber doch sehr bayerisch, war meine Antwort. Ne, ein Bayer sei der nicht (inzwischen weiß ich es: beide kommen aus Nordrhein-Westfalen). Also die „plattdütschen“ Lieder, die finde er wirklich geil. Eine schöne Sprache. Das sagte er mit bayerischen Tonfall und nahm einen weiteren Schluck aus der Flasche.

„Aber der Werner, der kommt aus Hamburg. Ich heiße nämlich Werner!“ Auch das war eher falsch, der kommt nämlich aus Schleswig-Holstein. Ich half etwas nach: Udo Lindenberg! „Ja, der Udo, der wohnt doch in einem Nobelhotel und raucht immer Kräuterzigaretten, sagt er.“ Volltreffer. Selbst das mit dem Hotel wusste er (Hotel Atlantic an der Alster). Und schon begann er Lieder von Lindenberg anzustimmen. „Ja, erst neulich war ich in einer Kneipe, da hat ein Typ den Lindenberg nachgemacht. Der kannte fast jedes Lied – und er sang wie Lindenberg und sah auch fast so aus wie der.“ Werner kramte sein Handy hervor und zeigte uns Fotos von seinem „Lindenberg“. Ein weiteres Foto zeigte Spongebob Schwammkopf. Ja, der wäre auch geil. Aber sein Fernseher wäre kaputt, und so könne er ihn jetzt nicht mehr sehen. Ein Wink des Schicksals: So käme er wieder dazu, mehr zu lesen. Wir unterhielten uns auch über Literatur.

Wir kamen nochmals auf Wader und Degenhardt zu sprechen. Von Wader kenne ich ja das Lied „Trotz alledem“, dessen Ursprung schottisch ist (Robert Burns). Und schon wieder sang er: „Trotz SPD und alledem …“

Werner, ein witziger Typ: typisch bayerisch – und links. In Tutzing verabschiedete er sich, er müsse noch mit der S-Bahn weiter, seinen Regenschirm (morgens hatte es geregnet) vergass er fast.

Auch wenn Du dies nicht lesen wirst, Werner („Fernsehen und so, der ganze Medienterror!“), die Stunde Fahrt mit Dir war sehr kurzweilig und das Gespräch sehr anregend.

Was ist bloß mit Ian los? Teil 81: Tull und Fogerty in Concert

Hallo Wilfried, Hallo Lockwood,

inzwischen fand nun auch das Jethro Tull Konzert in Calw statt, und wie ich über das Laufi-Forum erfahren habe war es wohl schon über eine Woche vorher ausverkauft. Wie schön für Mr.Anderson! Ich hatte mir ja die Option offen gelassen, dort vielleicht auch noch hinzugehen, das hatte sich dann natürlich erübrigt – ohne Ticket. Ich hatte aber auch sowieso nach dem Konzert auf Kreta schon beschlossen, dass Calw nicht mehr unbedingt notwendig ist. Käme dagegen Mr. Fogerty nächste Woche noch einmal vorbei, wäre ich sofort wieder mit von der Partie. Der ist allerdings inzwischen längst nach Canada weiter gejettet. Also vielleicht noch ein kurzes abschließendes Resumee der beiden Konzerte im Vergleich.

Wenn man einmal den Gesamteindruck der beiden Bands betrachtet, dann fällt Einem doch auf, dass Jethro Tull einen ziemlich angegrauten Eindruck machen. Der Jüngste der Truppe wird wohl noch Mr. O’Hara sein, ich schätze ihn auf Ende 40. Er macht neben Mr. Anderson auch noch den lebhaftesten Eindruck, wirkt auf mich aber eher albern und kasprig. Von Doane Perry hinter seinem Schlagzeug sieht man kaum etwas, und die beiden Anderen sind weißhaarige Herren. Mr. Goodier wird wohl auch so um die 60 sein, und Mr. Barre wirkt auf mich bereits wie 70 – irgendwie erinnert er mich an Walter Ulbricht. Jedenfalls habe ich mich bei seinem Anblick unwillkürlich gefragt, ob man ihm nicht einen Stuhl bringen sollte – kann man von einem Herrn in diesem Alter noch erwarten, dass er fast 2 Stunden lang steht? Da kann Mr. Anderson hüpfen und tänzeln wie er will, insgesamt bleibt der Eindruck es zumindest teilweise mit Rentnern zu tun zu haben.

Die Mitglieder der Mannschaft von Mr. Fogerty werden alle etwa 20 bis 30 Jahre jünger sein als er, der Älteste ist vielleicht noch der Drummer mit Mitte 40. Der sieht aber aus wie ein Preisboxer und scheint auch eine entsprechende Kondition zu haben. Wie er sein Instrument bearbeitet hat mir erstmals ins Bewußtsein gebracht, dass Drummer wohl ein Knochenjob für Hochleistungssportler sein muss. Fogerty selbst wirkt 30 bis 40 Jahre jünger als er ist, und wenn dann gar noch die Kinder auf die Bühne kommen… Insgesamt hat man jedenfalls den Eindruck es mit einer fitten und frischen Truppe zu tun zu haben und macht sich nicht ständig insgeheim Sorgen, ob für den Ernstfall auch ausreichend Bahren und Rollstühle bereitstehen.

Apropos Rollstühle – wirklich sehr gelungen, Deine kleine Photomontage mit dem Ausblick auf Mr. Anderson’s weitere Bühnen-Karriere, lieber Wilfried. Und einfach genial, den Mikrophon-Ständer auch gleich für den Tropf zu verwenden. Ob Anderson allerdings wirklich gleich zwei Krankenschwestern braucht – man sollte ihn vielleicht auch nicht zu sehr verwöhnen…

Zurück zu unseren beiden Protagonisten. Was erwarten denn Fans von ihren bewunderten Idolen? Sie sind unsere Stellvertreter, die für uns auf der Bühne das sind oder tun, was wir selbst gern sein oder tun würden, aus welchen Gründen auch immer aber nicht können. Das was Mr. Anderson in den 70ern auf der Bühne geboten hat – wow, das war’s, das hätte ich auch gern gemacht! Aber der Mr. Anderson der heutigen Tage repräsentiert nichts mehr, das ich gerne sein oder tun wollte. Ich sitze da und frage mich: „Wer ist das?“, und ich habe keine Antwort. Er erscheint mir fremd, was in seinem Kopf vorgeht kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Und so springt da auch kein Funke über.

Was Mr. Fogerty betrifft, hatte ich schon vor ein paar Wochen beim Betrachten dieses Videos („Midnight Special“ live 1970 in London) plötzlich das seltsame Deja-Vu-Erlebnis als sähe ich mich selbst in meinem Schäfer-Outfit auf der Bühne herumspringen. Das ist bei Fogerty 2007 live („Old Man Down The Road“ in Paris) auch nicht anders, ich habe immer irgendwie das Gefühl mir selbst zuzuschauen. Ja, wenn ich da oben auf der Bühne stehen würde, dann würde ich es wohl genauso machen. (Blödsinn, ich würde vermutlich zittern wie Espenlaub, stottern, ständig über meine eigenen Füße stolpern – aber lassen wir das…)

Außerdem ist mir dieser Tage bewußt geworden, dass die Flöte des Mr. Andersons in einer Hinsicht auch ein Handikap darstellen kann. Bislang ist mir die Wahl dieses Instruments immer als reiner Geniestreich erschienen. Nicht nur dass die Flöte den einzigartigen und unverwechselbaren Sound von Jethro Tull geprägt hat, sie war darüber hinaus noch dekorativ, vielseitig als Requisit einsetzbar und ließ ihm auf der Bühne vollen Bewegungsspielraum. Während des Spielens musste er zwar auch am Mikrophon stehen, in den reichlichen Pausen dazwischen konnte er damit aber über die ganze Bühne toben, sie schwingen wie ein Schwert oder einen Zauberstab, damit drohen wie mit einem Knüppel, das Publikum dirigieren oder sonstige akrobatische Übungen vollbringen.

Schaut man sich dagegen Mr. Fogerty anno 1970 an, dann fällt auf mit welch kurzer Leine er über seine Gitarre mit dem Amp verbunden ist. Eigentlich sieht er aus wie ein Kettenhund, der an der Hütte hängt (heute sind solche Haltungsbedingungen übrigens aus Tierschutzgründen nicht mehr zulässig). Sein Bewegungsspielraum erstreckt sich vom Amp bis zum Mikrophon und zwei Schritte nach rechts oder links. Dazu hat er ständig dieses sperrige Instrument umhängen, das er auch noch bedienen muss. Da sind die Möglichkeiten für akrobatische Übungen doch stark begrenzt.

Der Fortschritt der Technik hat dazu geführt, dass Mr. Anderson heute an keinem Mikrophon mehr stehen muss und Mr. Fogerty an keinem Amp mehr hängt. Beide können während sie spielen mit ihren Instrumenten frei über die Bühne turnen, und das tun sie denn auch. Und jetzt fällt der Nachteil der Flöte auf, zumal Mr. Anderson heutzutage wesentlich mehr flötet als in den 70ern: Sie schränkt die Mimik doch erheblich ein. Es dürfte schwer sein beim Flöten zu lächeln, lachen würde ich für völlig unmöglich halten. Mr. Anderson versucht dies auszugleichen, indem er die verschiedensten Grimassen schneidet und mit den Augen rollt, aber so richtig komisch kann ich das nicht finden. Er wirkt dabei eher skurril, in Kombination mit dem schwarzen Kopflappen und dem dunkel gefärbten Bart sogar teilweise regelrecht finster. Solche Probleme hat Mr. Fogerty nicht. Er kann beim Gitarre Spielen ungehindert gute Laune verstömen, und genau das tut er auch (und außerdem hat die Gitarre auch noch den Vorteil, da ss sie den Bauch verdeckt…).

Fazit: Ein Konzert wird vor allem durch die Atmosphäre und die Stimmung zu einem Erlebnis. Dazu ist nötig: Gute Musik, guter Sound und ein oder mehrere Menschen auf der Bühne, die das mit Begeisterung rüberbringen. Was die musikalische Qualität betrifft ist für meinen Geschmack Jethro Tull die bessere Truppe, das gleicht John Fogerty durch den wesentlich besseren Gesang aber mindestens wieder aus. Der Sound war in beiden Fällen gut und dem Musikstil angemessen, durch die gutgelaunte und sympathische Art von John Fogerty kam aber deutlich mehr Stimmung auf. Mr. Anderson hatte völlig recht, als er vor ein paar Jahren in einem Interview sagte, das Publikum wolle auf der Bühne echte, authentische Menschen sehen. Wie das aussieht kann er sich bei John Fogerty anschauen.

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Lieber Wilfried, Du hast einiges zu meinem Fogerty Konzertbericht und dem Vergleich mit Mr. Anderson geschrieben, und in den meisten Punkten kann ich nicht mit Dir übereinstimmen. Vielleicht habe ich ja manches missverständlich ausgedrückt bzw. wichtige Details nicht erwähnt, so dass nicht deutlich werden konnte, was ich meine. Deshalb möchte ich einzeln auf Deine Bemerkungen eingehen und sie dazu zitieren.

Bekanntlich hinken Vergleiche. Und so kann man Herrn Fogerty schlecht mit Herrn Anderson vergleichen…

Die Vergleiche, die hinken, sind Vergleiche nach dem Prinzip „A ist eigentlich das Gleiche wie B“, denn zwei verschiedene Dinge sind nie wirklich gleich. Ich stelle aber ständig Vergleiche an nach dem Prinzip „A ist ganz anders als B“, und solche Vergleiche können nicht hinken. Sicher wird es Dich nicht wundern wenn ich sage, dass ich der Meinung bin man kann Mr. Fogerty hervorragend mit Mr. Anderson vergleichen, ich tue das nun schon seit zwei Monaten exzessiv und nach meinem Dafürhalten mit großem Erfolg (wenn ich mich hier auch einmal selbst loben darf…). Mir ist durch diese Vergleiche schon einiges klar geworden, das ich vorher nicht so deutlich gesehen habe, und nur dazu sollen sie ja dienen. Mr. Fogerty ist dafür deshalb so perfekt geeignet, weil er in praktisch jeder Hinsicht das exakte Gegenteil von Mr. Anderson zu sein scheint, es ist einfach faszinierend. Und wie ich schon einmal bemerkt habe: Manche Dinge erkennt man besser, wenn man sie vor einem kontrastfarbigen Hintergrund betrachtet. Mir geht es jedenfalls so.

Vielleicht klingen meine Ausführungen zu Mr. Fogerty immer wieder so, als wollte ich Mr. Anderson nahelegen ein zweiter Fogerty zu werden. Das wäre natürlich Blödsinn. Ein Fogerty genügt, einen zweiten brauche ich auch nicht, und es ist ja gerade das Phanastische, dass es nicht nur Anderson und nicht nur Fogerty gibt, sondern beide, und außerdem auch noch Mark Knopfler, Al Stewart, Cat Stevens (ja, mit denen bin ich auch noch nicht fertig, aber dazu ein andermal…) und noch viele Andere mehr. Eben Vielfalt und damit für jede Lebenssituation, jede Stimmung, jedes Bedürfnis die passende Musik und den passenden Musiker. Daran möchte ich bestimmt nichts ändern.

Herrn Anderson wird man wohl kaum in den Klamotten auf der Straße antreffen, mit denen er aufgetreten ist… Wie ist das mit Herrn Fogerty? Trägt er auch im normalen Leben Jeans, karierte Hemden und dazu sein ‚Markenzeichen’, das rote Halstuch? Vielleicht bevorzugt er in Wirklichkeit Designer-Klamotten?!

Ich weiß nicht, was Mr. Fogerty zuhause in seinem Wohnzimmer trägt, aber ich habe noch kein Bild von ihm gesehen (ob jetzt Konzert, Fernsehstudio, Interview, Preisverleihung, Händeschütteln mit Politikern oder Treffen mit Fans auf der Strasse), auf dem er etwas anderes angehabt hätte als irgendeine durchschnittliche Hose (meist Jeans) und irgendein durchschnittliches Hemd (kariert, gestreift, einfarbig, Jeanshemd, was auch immer, auf jeden Fall ohne Rüschen und nicht von Armani), eine zeitlang erschien er auch im Cowboy-Stil. Ob er das Halstuch nur zu Auftritten trägt, weiß ich nicht, das ist aber auch schnuppe, oder? Auf jeden Fall finde ich ein Halstuch als „Markenzeichen“ bedeutend sympathischer als eine Penisverlängerung per Flöte (hoffentlich kommt Deine Seite jetzt nicht auf den Index…). Im Gegensatz zu Mr. Anderson, der auf der Bühne deutlich andere Kleidung trägt als zuhause (schwarze Schlabber-Klamotten) oder auf der Strasse (irgendwas Durchschnittliches, meist auch schwarz), scheint die Kleidung des Mr. Fogerty wesentlich weniger zu variieren. Grundsätzlich würde ich von niemandem erwarten, dass er auf der Bühne das Gleiche trägt oder sich genauso benimmt wie auf der Strasse. Schließlich ist er nicht auf der Strasse, sondern auf einer Bühne. Und damit, ob er als Mensch „echt“ wirkt, hat das auch nichts zu tun.

Gut, sein Auftreten wirkt authentisch. Aber IST das wirklich der reale John Fogerty oder doch nur ein Trugbild …?

Diese Frage mutet fast philosophisch an. Vielleicht kann dieses Video etwas Licht ins Dunkel bringen. Es ist eine Live-Aufnahme von 1998 aus einem Fernsehstudio, und Fogerty sagt ein paar Worte zu seinem Song „Lodi“, bevor er ihn spielt. Man merkt, er ist unsicher, er fühlt sich nicht wohl in seiner Haut und wirkt geradezu schüchtern. So etwas spielt niemand. Das ist kein „Image“, das man sich „zulegt“. Das ist es, was ich mit „echt“ meine. Mr. Anderson hätte diese Worte sicher ganz anders vorgetragen. Anderson ist Schauspieler, Fogerty nicht. Wenn Fogerty „locker-flockig“ wirkt oder quietschvergnügt mit seiner Gitarre auf- und abhüpft, dann weil er sich gerade wirklich so fühlt, spielen kann der so etwas nicht. Der kann überhaupt nichts spielen (außer Gitarre natürlich, und das ist wohl auch das Einzige, das er spielen will).

Dass Mr. Fogerty im Prinzip ein unsicherer Mensch ist, merkt man auch beim Auftritt auf der Bühne. Er wirkt in der Anfangsphase nervös, flüchtet sich nach ein paar wenigen Worten in den nächsten Song. Singen kann er besser als reden. Ein Auftritt im Fernsehstudio vor ein paar handverlesenen Zuschauern, die ihn andächtig und still auf den Stühlen sitzend anstarren (wie im oben verlinkten Video), kommt ihm überhaupt nicht entgegen. Er braucht die Bestätigung durch das Publikum. Wenn er die bekommt, kann man ihm geradezu zusehen, wie er aufblüht. Es ist mir noch nie zuvor so deutlich bewußt geworden, wie die Reaktion des Publikums auf denjenigen wirken kann, der oben auf der Bühne steht – es ist eine Wechselwirkung, bei der sich die Stimmung gegenseitig hochschaukelt, bis nach ein paar Songs die pure Party herrscht. Dann, wenn Fogerty spürt, dass er die Herzen seines Publikums gewonnen hat, ist er „locker-flockig“ und bewegt sich auf der Bühne als wär’s sein Wohnzimmer, vorher nicht. So habe ich es jedenfalls erlebt, und ich halte das für echt.

Ganz abgesehen davon glaube ich, dass man rein intuitiv ziemlich genau spürt, ob jemand auf der Bühne etwas spielt, was er eigentlich nicht ist. Erst recht springt es beim direkten Vergleich ins Auge. Deshalb hier einmal drei „Versionen“ von Mr. Fogerty im Vergleich – welchen würdet Ihr für den echten halten? Den geschniegelten Dressman-Verschnitt von 1997, in einem Filmstudio aufgenommen (Old Man Down The Road – das habe ich mit Absicht gewählt, damit man den Vergleich mit der Version aus Paris 2007 hat). Der wirkt auf mich so künstlich wie die bonbonfarbigen Kulissen, vor denen er aufgenommen wurde, und von dem will auch überhaupt keine Stimmung rüberkommen. Ich finde diese Live-Aufnahmen zu „Premonition“ einfach fürchterlich, das ist Hollywood pur.

Dann ist Mr. Fogerty also vielleicht doch eher der große Heroe der Rockgeschichte, ein bißchen auf Mick Jagger getrimmt, 2005 im Wiltern Theatre in LA gefilmt (Fortunate Son)? Der wirkt nicht ganz so steril, aber überzeugen kann er mich auch nicht. Was ich dabei bemerkenswert finde ist die Tatsache, dass die professionellen Live-Aufnahmen von Mr. Fogerty alle einen Eindruck von ihm vermitteln, den er im tatsächlichen Live-Auftritt so nicht macht. Die Filmemacher sind offensichtlich darauf getrimmt, ihr „Objekt“ in einem (nach ihrem Dafürhalten) möglichst positiven Licht erscheinen zu lassen – hollywood-mäßig eben – und da kommt unterm Strich immer irgendwie ein geschniegelter Held raus. Durch Perspektive, Kameraführung und Schnitt kann man da wohl doch einiges machen, vielleicht gab es auch Regieanweisungen (im Filmstudio bestimmt). Den „echten“ Mr. Fogerty scheint man dem Publikum nicht zumuten zu wollen. Trotzdem kommt hier (Looking Out My Backdoor, ebenfalls 2005 in LA) doch zumindest teilweise etwas Natürlichkeit durch.

Wenn man wissen will wie Fogerty 2007 live tatsächlich wirkt, dann muss man sich ein Amateur-Video anschauen. Deshalb hier jetzt eine Aufnahme von einem „Privat-Auftritt“ (wohl vor seiner Studenten-Verbindung – leider ist der Sound teilweise miserabel) vom Juni diesen Jahres (ja, wenn man als Studenten-Verbindung so ein Mitglied hat, dann kann man schon mal eine Party steigen lassen…). Und da wirkt Fogerty so, wie ich ihn in Abenberg erlebt habe – kein großer Held sondern eher ein großes Kind, das tolpatschig über die Bühne turnt. Und gerade weil er so tolpatschig wirkt bin ich mir ziemlich sicher, dass er das nicht vor dem Spiegel einstudiert hat.

Ich stelle immer wieder fest wie wichtig es ist einen Vergleich zu haben, um sich ein Urteil bilden zu können. Vor dem Konzert in Iraklio hatte ich keinen Vergleich, mein letzter Konzertbesuch lag ca. 20 Jahre zurück, mein letztes Rockkonzert fast 30 Jahre. Da fällt einem vieles einfach nicht auf, weil man es für selbstverständlich hält. Erst nach dem Fogerty-Konzert ist mir klar geworden, was ich in Irakio alles nicht gesehen habe, bzw. dass ich garnicht weiß, was ich in Iraklio gesehen habe. Was von dem, das Mr. Anderson auf der Bühne aufführt, ist echt? Und mit „echt“ meine ich – ich denke das ist inzwischen deutlich geworden – spontaner Ausdruck der Persönlichkeit, der Gedanken oder Gefühle im aktuellen Augenblick.

Dieses Video (Thick As A Brick live 1972), dieses Video (Aqualung live 1975) oder
dieses Video (Songs From The Wood live 1977) zeigen mir einen „echten“ Menschen: Den original Ian Anderson in seiner Bühnen-Version. Was er tut ist nicht einstudiert und heruntergespult, darin steckt echte Begeisterung für die eigene Musik, sie wird „vorgelebt“. Das kann man spüren und das wirkt ansteckend. Aber was ist das (Bouree live 2007)? Ist da noch Begeisterung, Freude an der Musik und ein echtes, spontanes Bedürfnis, dazu zu „tanzen“, oder ist das nur noch Routine und Choreographie? Steht er nicht immer bei der gleichen Musikpassage auf einem Bein, weil das halt dazu gehört und vom Publikum mindestens x-mal erwartet wird?

Nur stellt sich die Frage, ob Ian Anderson auf der Bühne wirklich das darstellen möchte, was er ansonsten im wirklichen Leben ist, oder besser: sein muss. Ich denke nein. Eher versucht er sich auf der Bühne so zu geben, wie er ist (oder glaubt zu SEIN) …

Das sehe ich alles ein bißchen anders. Ich würde nicht unterscheiden in „wirkliches Leben“ und „Bühne“, sondern in Privatleben, Geschäftsleben und Bühne, und alle drei sind Bestandteile des wirklichen Lebens des Mr. Anderson. Im Privatleben ist er nach eigenen Angaben ein eher ruhiger und in sich zurückgezogener Mensch. Im Geschäftsleben wird er sich noch am ehesten an Normen anpassen müssen, was ihm aber vermutlich nicht schwer fällt, und auf der Bühne „lässt er die Sau raus“. Im Privatleben würde er es nie wagen sich so zu benehmen, wie er sich auf der Bühne benimmt, das heißt aber nicht, dass er im Privatleben „echter“ wäre als auf der Bühne oder umgekehrt. Es sind einfach zwei verschiedene Seiten seiner Persönlichkeit, die er an zwei verschiedenen Orten auslebt, da ist eine so wirklich und echt wie die andere. So war es jedenfalls in den 60ern und 70ern. Was das darstellen soll, was er heute auf der Bühne aufführt, weiß ich nicht so recht – siehe oben.

Weil sich in den Jahren sein Aussehen so dramatisch verändert hat, führt das natürlich dazu, dass, was früher glaubhaft wirkte, heute für viele wie ein schlechter Witz erscheint…. Ich stelle mir Ian Anderson in den Klamotten früherer Jahre vor (das Tampa-Kostüm lassen wir einmal außen vor): Sähe der gealterte Ian Anderson nicht ähnlich lächerlich aus?

Das käme auf’s Kostüm an, ein paar seiner Bühnen-Outfits waren eigentlich ziemlich „zeitlos“. Wie wär’s mit dem schottischen Clan-Chef oder diesem recht neutralen Anzug – langer Mantel hat ihm immer gut gestanden und macht schlank.

Ich fürchte fast, wir kritisieren Herrn Anderson, weil er alt geworden ist – optisch alt. Sein Bühnen-Outfit passt nicht mehr zu dieser äußeren Erscheinung, die er heute darstellt. Oder anders gesprochen: Herr Anderson genügt nicht mehr unseren Ansprüchen, Erwartungen, was auch immer.

Ich kritisiere Mr. Anderson nicht, weil er alt geworden ist. Wenn er tatsächlich alt geworden ist, dann sollte er sich allerdings auch entsprechend benehmen. Wenn er sich wie ein 30-Jähriger benehmen will, dann sollte er sich auch wenigstens entsprechend kleiden, damit man weiß woran man ist. Sein jetziges Bühnen-Outfit passt zu überhaupt nichts – zu keinem Alter und zu keinem Aussehen.

Aber machen wir hier nicht zu viel Wirbel um Äußerlichkeiten?

Bühnen-Auftritte sind eine Äußerlichkeit, sie haben Äußerlichkeiten zum Inhalt und man bezahlt Eintritt für diese Äußerlichkeiten. Sonst kann ich auch zuhause eine Platte auflegen, und dann ist es mir egal, was Mr. Anderson während der Studioaufnahmen getragen hat oder wie er sich benommen hat. Inzwischen glaube ich, dass ich – was Jethro Tull und Mr. Anderson betrifft – damit auch am besten beraten bin.

Gehen wir vielleicht nicht sogar Herrn Anderson auf dem Leim – oft genug kam die Weisheit in Form des Narrentums einher. Und macht sich nicht der zum Narren, der andere für einen solchen hält?

Dazu müsste in der Narretei irgendein Sinn oder eine Weisheit erkennbar sein. Welche Weisheit steckt in Penisverlängerungen? (Ich weiß, ich sollte dieses Wort jetzt wirklich nicht nochmal schreiben, sonst wird Dir noch der Webspace gesperrt – was schreibe ich bloß stattdessen?)

Wir denken zu wissen, wer wir sind und sind enttäuscht, wenn andere uns anders sehen. Aber wissen wir das wirklich? Sind wir nicht zu oft mit uns selbst beschäftigt … und haben uns dabei selbst längst aus dem Blick verloren? Aber jetzt werde ich philosophisch …

Im Prinzip glaube ich, dass die meisten Menschen schon sich selbst am besten kennen. Dass Andere einen häufig anders sehen, wird meistens daran liegen, dass sie niemals alles sehen können. Und wie man sich selbst aus dem Blick verlieren kann, wenn man sich mit sich selbst beschäftigt, verstehe ich jetzt nicht ganz, ich fürchte das ist mir wirklich zu philosophisch… 😉

In einem ähneln sich die beiden Herren. Beide haben ein ganz bestimmtes Image aufgebaut, so unterschiedlich es auch sein mag. Fogerty ist der Naturbursche, der locker-flockig seine Lieder herunterspult. Anderson dagegen der eher unnahbare Intellektuelle, der sich gern in kurioser Kostümierung zeigt.

Also erst einmal: Fogerty spult garnichts herunter, ich glaube das habe ich bereits deutlich gemacht. Ihm merkt man die Freude an seiner Musik an und sie wirkt echt. Wenn jemand spult, dann ist es Anderson, der hat auch viel mehr Routine darin. Unnahbar kann ich ihn aber auch nicht finden, eher eigenwillig. Einigen wir uns vielleicht auf „Fogerty, der nette Junge von nebenan“ und „Anderson, das intellektuelle Genie“ (die Bilder stammen aus Interviews, wie Du siehst, lieber Wilfried, nutze ich inzwischen exzessiv die Standbild-Technik – vielen Dank noch für den Tipp!).

Und jetzt fängt es aber erst an interessant zu werden, denn ein Image legt sich niemand von ungefähr zu, und es ist ja nicht so, dass es nichts mit dem Träger dieses Images zu tun hätte. Ein Image ist eigentlich nichts anderes als eine Erweiterung des Aussehens um eine Art Aura, die sich aus dem gewöhnlich zu erwartenden Verhalten einer Person ergibt. Das kann so weit von der tatsächlichen Persönlichkeit nicht entfernt liegen, sonst ist es schwer es längere Zeit aufrecht zu erhalten, und die beiden Herren halten ihres jetzt schon seit 40 Jahren aufrecht. So ein Image sagt etwas darüber aus, welche Reaktionen seiner Umwelt der Träger des Images erzielen möchte, und es spiegelt seine Ansprüche und Erwartungen an sein Ansehen wider.

Die Ansprüche des Mr. Anderson an sein Ansehen sind offensichtlich hoch. Er erscheint uns als „Minstrel“, also als Musiker für die feinen Herrschaften, als Landbaron und als schottischer Clan-Chef, aber auch als Hexenmeister, Astronaut oder gar als Superman (oder was sonst soll dieses Tampas-Kostüm bedeuten, eine Ähnlichkeit mit einem Superman-Anzug ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen). Offensichtlich hat er ein Anerkennungs-Defizit. Und ich vermute, dass dies in seinem suboptimalen schulischen Erfolg begründet ist, der wohl den Ansprüchen und Erwartungen seiner Familie (und vielleicht auch seinen eigenen) nicht genügen konnte.

Was den Bildungsstand des Mr. Anderson angeht, bin ich nämlich anderer Meinung als Du, lieber Wilfried. Die spärlichen Informationen aus Wikipedia, die Du zitiert hast, waren mir auch bekannt, nur interpretiere ich sie anders. Wenn Mr. Anderson ab 1964 (ich nehme mal an, ab Herbst) ein College of Art besucht hat, dann wird er wohl vorher die Schule verlassen haben, also vermutlich vor den Sommerferien. Da war er 16 Jahre alt. Glaubst Du wirklich, dass Mr. Anderson im Alter von 16 Jahren Abitur gemacht hat? Ich kenne das britische Schulsystem nicht im Detail, aber ich nehme mal an man kommt auch dort mit 6 Jahren in die Schule und muss bis zum Abitur 12 Klassen absolvieren, macht 18. Sollte Mr. Anderson so hochbegabt gewesen sein, dass er ein oder zwei Schuljahre übersprungen und schon mit 16 ein Abitur abgelegt hätte, dann wäre das doch sicher irgendwo besonders erwähnt, oder? Kunst und Musik kann man auch mit mittlerem Bildungsabschluss studieren, dazu braucht man kein Abitur. Und einen unserer Mittleren Reife vergleichbaren Abschluss wird er nach 10 oder 11 Jahren Grammar School (da will ich mich nicht festlegen, da ich den britischen Stichtag für die Einschulung nicht kenne) wohl haben.

Anerkennung findet man in jungen Jahren vor allem durch gute schulische Leistungen, jedenfalls in einem Elternhaus, in dem die Kinder „auf Erfolg getrimmt“ werden (wie es Anderson ja selbst ausgedrückt hat). Seine wenig erfolgreiche Schulkarriere und das vermutlich damit verbundene geringe Ansehen in seiner Familie (womöglich ist er der Einzige ohne Abitur) scheint ihn bis heute zu belasten. Und so tut er alles um möglichst gebildet und intellektuell zu wirken, damit man ihm diesen Mangel nicht mehr anmerkt. Außerdem muss er ständig sich und seiner Umwelt beweisen, dass er dafür auf anderen Gebieten der Beste und Größte ist – das Thema hatten wir ja bereits.

Schauen wir uns im Gegensatz dazu Mr. Fogerty an, dann fällt auf, dass er sehr geringe Ansprüche an sein Ansehen zu stellen scheint, man könnte auch sagen er hat überhaupt keine. Wer sich in Stallklamotten mit Bubikopf der Öffentlichkeit präsentiert, erwartet weder Ehrfurcht noch Bewunderung. Er will wirklich nur als der einfache, nette Junge erscheinen, offensichtlich hat er ein Beliebtheits-Defizit. Das könnte verschiedene Gründe haben. Wie ich an anderer Stelle schon einmal erwähnt habe war er wohl in seinem eigenen familiären Umfeld nicht besonders beliebt, weil er seinem in Ungnade gefallenen Vater zu ähnlich sah (ich kenne so einen Fall aus der eigenen Verwandtschaft, das ist für den Betroffenen nicht besonders komisch). Da Fogerty sich so betont schlicht, harmlos und volksnah gibt, wäre es möglich, dass er bereits die Erfahrung gemacht hat, dass man sich bei seinen Zeitgenossen unbeliebt macht, wenn man mehr kann, mehr weiß oder erfolgreicher ist als sie. Auch Perfektionisten, die an Andere dieselben Anforderungen stellen wie an sich selbst, bzw. am besten gleich alles im Alleingang selbst machen, weil Andere es doch nie gut genug hinbekommen, sind nicht gerade beliebt. Ich spreche hier gewissermaßen aus eigener Erfahrung, aber nach allem, was ich über Mr. Fogerty inzwischen weiß, müsste sich das mit seinen Erfahrungen decken. In seiner CCR-Zeit war er wohl aus diesen Gründen bei seiner eigenen Truppe nicht besonders beliebt.

Um es noch einmal kurz zusammenzufassen: Mr. Anderson, der geniale Intellektuelle, möchte von einer geistigen Elite akzeptiert, geachtet und bewundert werden. Dass er sich gleichzeitig durch seinen elitären Anspruch bei Vielen unbeliebt macht, scheint ihn nicht zu stören. Durch sein Image kaschiert er seinen eher mäßigen Bildungsstand und erzielt das Ansehen und die Anerkennung, nach der er strebt. Mr. Fogerty, der einfache, nette Junge, möchte möglichst von der ganzen Welt geliebt werden. Dass er sich dazu vielleicht etwas schlichter geben muss, als er eigentlich ist, und Manche deswegen auf ihn herabschauen, scheint ihm nicht weh zu tun. Durch sein Image kaschiert er die Tatsache, dass er ein eher introvertierter, zielstrebiger Perfektionist ist und in seinem privaten Umfeld eher unbeliebt und isoliert.Wie man sieht, kann so ein Image auf den ersten Blick täuschen, bei genauerer Betrachtung aber doch einiges über seinen Träger verraten. Im Prinzip stellt es bei beiden Herren genau das als Stärke heraus, was eigentlich ihre Schwäche oder besser gesagt ihr „wunder Punkt“ ist. Und mit diesen Worten beschließt Frau Professor Dr.h.c. Kretakatze ihre heutige Psychologie-Vorlesung. Sie hofft, niemanden in seinem wohlverdienten Urlaub über Gebühr angestrengt zu haben.

Lieber Lockwood, bevor ich meinen heutigen Beitrag beende möchte ich mich bei Dir für die zahlreichen Komplimente bedanken, mit denen Du mich in letzter Zeit bedacht hast – ich weiß ja garnicht, wie mir geschieht. Meine Kritik an Mr. Anderson ist erfrischend – ob er das auch so sähe? Mein Konzertbericht ist plastisch – offensichtlich hat sein Inhalt doch zu Missverständnissen geführt, oder zumindest ist nicht wirklich deutlich geworden, was ich zum Ausdruck bringen wollte. Meine „kretischen Erzählungen“ könnten jeden Reiseberichterstatter vor Neid erblassen lassen – ooh – wegen ihrer Länge – ach so. Ja, ich hatte viel Zeit… Aber es war ein wirklich schöner, erholsamer Urlaub, so einen könnte ich gleich nochmal brauchen. Nach 4 Wochen Arbeit ist die Erholung inzwischen dahin.

Noch kurz ein paar Worte zu Deiner Verwunderung darüber, dass ich über mein eigenes Bild überrascht war. Vielleicht ist es eine Erklärung wenn ich sage, dass es von mir kaum Photos gibt, bis zu diesen Aufnahmen war mein neustes Bild ein Passphoto aus dem Jahr 2001. Natürlich sehe ich mich jeden Tag beim Zähneputzen im Spiegel, aber da sehe ich immer das Gesicht mit dazu, und dem sieht man schon an, dass ich keine 15 mehr bin. Eigentlich sieht man sich selbst doch kaum jemals mit Abstand, oder?

Liebe Grüße an Euch beide, ich hoffe Euer Urlaub ist so erholsam wie meiner war
Kretakatze

PS.: Vor einiger Zeit habe ich an dieser Stelle einmal die rhetorische Frage gestellt, was ich hier eigentlich tue und warum ich mir seit Wochen die Finger wund schreibe. Inzwischen ist es mir langsam klar geworden (Euch ist es wahrscheinlich schon viel länger klar): Lieber Wilfried, ich bin anscheinend gerade auf einem Selbstfindungs-Trip und mißbrauche dafür Dein Weblog.

Ich muss sagen, so ein Selbstfindungs-Trip ist garnicht so übel, und ich könnte mir vorstellen, dass Mr. Anderson auch mal einen brauchen könnte. Irgendwo zwischen 1980 und 1990 muss er sich verloren haben, es wäre Zeit, dass er sich mal wieder findet. Vielleicht sollte man ihm einen zum Geburtstag schenken? Leider kenne ich kein Reisebüro, das solche Trips im Angebot hätte. Da muss man sich schon als Individualreisender selbst auf die Socken machen, Schreibmaschinchen nicht vergessen. Es ist eine Abenteuer-Reise, man weiß morgens nie, wo man abends sein wird. Und das geht so: Man schreibt einfach unreflektiert allen Mist auf, der einem gerade durch den Kopf geht, und schickt das zur Veröffentlichung an Willi. Das macht richtig Spaß!

Gandhi und Hermann Kallenbach

Anlässlich des 60. Jahrestages der Unabhängigkeit Indiens am 14. August zeigte der Sender Arte den 1982 unter der Regie von Richard Attenborough entstandenen Spielfilm Gandhi mit Ben Kingsley in der Rolle des Mahatma Gandhi. Ich sah diesen Film mit meinem älteren Sohn und fragte ihn anderentags, wie er den Film fand, besonders was er von Gandhi hält. Für meinen Sohn ist Gandhi ‚genial‘ gewesen. Und ich denke, dass ist wirklich zutreffend. Für viele mag Gandhi wie ein Heiliger gewirkt haben mit seinem Eintreten für Frieden, Liebe und Gewaltlosigkeit. Aber es war mehr, was diesen kleinen Mann aus Indien auszeichnete. Er war sich seiner Sache immer ganz sicher und wusste auch sehr genau, was er zu tun hatte. Seine friedlichen Aktionen gegen die britische Kolonialmacht waren effektiver als jeder gewaltsame Akt gegen die Besatzer.

Gandhi mit Hermann Kallenbach und Sekretärin
Gandhi mit seiner Sekretärin Sonia Schlesin und Dr. Hermann Kallenbach kurz vor dem historischen Marsch von Natal nach Transvaal, 1913
Copyright: Vithalbhai Jhaveri/GandhiServe

Übrigens: In einer Nebenrolle im Film taucht der deutsche Schauspieler Günther Maria Halmer auf, der den in Deutschland geborenen Juden Hermann Kallenbach spielt, einem „Baugewerksmeister“, eine Verbindung von Maurer, Zimmermann und Architekt, der sich später dem Zionismus widmete. Gandhi und Kallenbach waren sich bereits in Südafrika begegnet. Erst 1937, nach 23 Jahren, trafen sich beide wieder in Indien.

Zu Gandhi gibt es im Internet eine große Sammlung an Materialien, einschl. Videos, Audios, Schriften (englisch, aber auch deutsch), u.a. ein sehenswertes Video:
Mahatma Gandhi – Pilger des Friedens

30. Todestag von Elvis Presley

Morgen am 16. August jährt sich der 30. Todestag von Elvis Presley. Anlass für einige TV-Sender (z.B. Kabel eins heute Abend ab 20 Uhr 15), Elvis in den Mittelpunkt ihres Programms zu stellen. So sind u.a. Spielfilme mit Elvis Presley zu sehen, die wohl längst in verstaubten Schubläden der Archive von Filmfirmen verschollen wären, wenn nicht Elvis darin einen Auftritt hätte.

Elvis Presley

Sicherlich ist der King of Rock ’n‘ Roll ein Meilenstein in der Geschichte der Rockmusik. Die Beatles berufen sich auf ihn. Aber insgesamt ist heute nach meiner Meinung ein Elvis-Einfluss kaum noch auszumachen. Und sein lasziver Hüftschwung wirkt heute eher belustigend. Nichtsdestotrotz will ich dem King meine Ehre erweisen …

100 größten Gitarrensolos der Rockmusik – Plätze 1 – 10

Endlich im Ziel: Hier die Plätze 1 bis 10 der 100 größten Gitarrensolos der Rockmusik (entsprechend dem Votum der Leser des Guitar World Magazine). Ganz vorn also Jimmy Page von den Altrockern Led Zeppelin. Viele Plätze gehen an Hardrocker wie Van Halen, Guns n‘ Roses, Metallica (das Solo finde ich scheußlich-schön) und Ozzy Osborne (Leadgitarre: Randy Rhoads – Ozzy singt ja nur). Und ’natürlich‘ finden sich auch Jimi Hendrix und Eric Clapton noch einmal in den Top 10 wieder.

Eines möchte ich nebenbei erwähnen: Bei den hier zu hörenden Gitarrensolos handelt es sich oft um kurze Extraktionen, also Auszüge aus den Solos (meist sind sie bis zu mehreren Minuten lang), die dadurch schon etwas aus dem Kontext der einzelnen Musikstücke gerissen sind. Das eine oder andere Solo würde sicherlich noch ‚besser‘ klingen, wenn man sich das ganze Lied anhören würde. Aber alle 100 Tracks hier zu hinterlegen, würde den von mir angedachten Rahmen sprengen.

Fender & Gibson

Und noch eines: Einige der hier vorgestellten Gitarrensolos gehören sicherlich auch zu meinen Favoriten. Aber daneben gibt es Gitarristen, die hier nicht erscheinen, auch Stücke (ich denke da z.B. an ‚Slowhand‘ Eric Clapton mit der Gruppe Cream und dem Stück „White Room“ – siehe auch das Video vom Reunion-Konzert 2005 in der Royal Albert Hall 2005), die für mich ganz oben rangieren. An Gitarristen fallen mir auf die Schnelle folgende Namen ein: Ry Cooder, Ricky Hirsch (mit Joan Armatrading: Cool Blue Stole My Heart), Peter Green und David Lindley, um nur einige zu nennen.

Hier die Laufzeiten, Platzierungen, Interpreten und Titel im Einzelnen:

– 0:39 – Platz 001 – Led Zeppelin – Stairway to Heaven
– 1:06 – Platz 002 – Van Halen – Eruption
– 1:38 – Platz 003 – Lynyrd Skynyrd – Freebird
– 2:14 – Platz 004 – Pink Floyd – Comfortably Numb
– 2:40 – Platz 005 – Jimi Hendrix – All Along the Watchtower
– 3:05 – Platz 006 – Guns N‘ Roses – November Rain
– 3:35 – Platz 007 – Metallica – One
– 4:05 – Platz 008 – Eagles – Hotel California
– 4:30 – Platz 009 – Ozzy Osbourne – Crazy Train
– 5:12 – Platz 010 – Cream – Crossroads

Und hier noch einmal die weiteren Platzierungen von 11 bis 100:

100 größten Gitarrensolos der Rockmusik – Plätze 11 – 20
100 größten Gitarrensolos der Rockmusik – Plätze 21 – 30
100 größten Gitarrensolos der Rockmusik – Plätze 31 – 40
100 größten Gitarrensolos der Rockmusik – Plätze 41 – 50
100 größten Gitarrensolos der Rockmusik – Plätze 51 – 60
100 größten Gitarrensolos der Rockmusik – Plätze 61 – 70
100 größten Gitarrensolos der Rockmusik – Plätze 71 – 80
100 größten Gitarrensolos der Rockmusik – Plätze 81 – 90
100 größten Gitarrensolos der Rockmusik – Plätze 91 – 100

Was ist bloß mit Ian los? Teil 80: Das „gefühlte“ Alter & John Fogerty live

Seid gegrüßt, meine lieben Freunde !

Tja, Wilfried, die Danksagung von Mrs. Bush an Dave Palmer ist ein weiteres Beispiel für meine selektive Wahrnehmung. Der durchschnittliche Homo Sapiens Sapiens hört und sieht das, was er kennt und / oder hören und sehen will. Ich freue mich natürlich für Mr. Del Palmer, dass er aus so berufenem Munde gewürdigt wird; eine Würdigung von Mrs. Bush in Richtung Dave Palmer wäre ja auch zu schön gewesen.

Der Vollrausch ist bei Shane McGowan seit vielen Jahren der Normalzustand. Jeden Tag besoffen ist auch ein geregeltes Leben. Kannst Du sagen, wie lange der Konzertbesuch Deines Schwagers zurückliegt ? Ich las irgendwo, dass Mr. McGowan eine neue Freundin habe und deshalb mit dem Alkohol etwas verantwortungsvoller umgehen wolle. Es waren sogar neue Zähne im Gespräch.

Ein betrunkener McGowan auf der Bühne ist eine Zumutung für Augen und Ohren. Wie so oft bei mir schätze ich bei ihm seine früheren Auftritte und seine Fähigkeiten als Songwriter. Durch den jahrzehntelangen Alkoholmissbrauch ist er ziemlich aufgequollen; er sieht aus, als wäre er vier Wochen im Wasser getrieben. Ähnlich wie bei Mr. Anderson ist es die ruhmreiche Vergangenheit, die mich als Fan an seine Werke bindet.

Ach ja, Mr. Anderson: Ein Foto von den Auftritten im diesjährigen Sommer ziert bereits seine Wikipedia-Seite.

Gestern schauten meine Söhne im TV „Die Simpsons“, als sie mich plötzlich aufgeregt zum Fernseher riefen: Im Abspann der Sendung lief „Thick As A Brick“ ! Mr. Anderson begegnet uns an den unerwartetsten Stellen; zuerst im „Tatort“, jetzt bei den „Simpsons“.

Nun zu Deinem letzten Beitrag, liebe Kretakatze:
Dass Frauen in der Rockmusik unterrepräsentiert sind, kann ich mir nur so erklären: Rockmusik als solche ist für das schöne zarte Geschlecht zu grob, zu rau, zu laut, zu primitiv. Wenn in diesem Metier doch mal eine Frau eine bedeutende Rolle spielt, dann ist es ein so herber Typ wie Patti Smith.

Kate Bush würde ich nicht als Rock-Musikerin bezeichnen. Allgemein wird ihre Musik als Popmusik bezeichnet; dieses Etikett gefällt mir aber auch nicht. Popmusik klingt irgendwie nach Michael Jackson. Für ihre Musik habe ich noch keine passende Bezeichnung gefunden. (P. Smith / K. Bush – meine Gedankensprünge werden immer gewagter)

Vorschläge für Andersons neue Garderobe: Ich habe kein Bild greifbar, das ich Euch präsentieren könnte. Ich muss es mit einer verbalen Beschreibung versuchen. Ein schickes unifarbiges, nicht zu enges Hemd vom Designer, eine passende Weste hierzu, dunkle Hose, von mir aus eine Reithose mit Schaftstiefeln (die hat er in seiner Vergangenheit so gerne getragen). Wenn es denn unbedingt sein muss, kann er seinen breiten Scheitel mit einer angemessenen (!) Kopfbedeckung kaschieren. Es gibt sehr schöne Hüte, Kappen oder Baretts. Der Kerl kann, wenn er will. Auf dem Cover von „Rupi’s Dance“ zeigt er uns, dass er auch edlen Zwirn tragen kann !

Liebe Kretakatze, an dieser Stelle möchte ich Dir ein Kompliment machen: Du verstehst es, auf erfrischende Weise Kritik an Mr. Anderson anzubringen. Hier ist keine Spur von unkritischer Anbetung zu finden. Deine Urteile sind in einer Art „respektlos“, die ich gern häufiger lesen würde. Genau dazu sind wir in diesem Forum angetreten. Also, weiter so !!

Ein Wort zu Cat Steven’s „Tuesday’s Dead“: Das Liedchen ist ganz nett. Auf dem gelinkten Video fällt mir seine Gitarre auf. Sie ist ziemlich groß, die Zargen sind aus dem gleichen hellen Holz wie der Rest des Korpus. Von der Seite aus betrachtet sieht das Instrument aus wie ein Fichtensarg. Möglicherweise hat er sie gewählt, damit sie zum Titel passt.

Meinen Urlaub verbringen wir traditionsgemäß zu Hause. Das schont Nerven und Kasse. Ende Mai haben meine drei Söhne neue Fahrräder bekommen, richtig „große“, mit 28″ – Bereifung. Sie sind jetzt in der Lage, längere Strecken zu fahren als auf ihren Kinderrädchen. Dadurch habe ich meine verloren geglaubte Leidenschaft fürs Radeln wiederentdeckt. Ich habe mein altes Bike beim Händler zur Kur geschickt und nun hoffe ich, im Urlaub einige schöne Touren machen zu können. Mein altes Rad ist acht Jahre alt und ich habe geplant, bevor ich an Alterschwäche sterbe, ein Neues anzuschaffen. Ich bin in letzter Zeit viel im Internet unterwegs, um mir ein wenig Marktransparenz anzueignen. Aber diese Überlegungen sind noch rein strategischer Natur; das alte treue Rad muss noch ca. zwei Jahre halten.

Lieber Wilfried, falls wir nichts mehr von einander lesen sollten, wünsche ich Dir und den Deinen einen wunderschönen entspannenden Urlaub !

Bis bald
Lockwood

13.07.2007

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Hallo Wilfried, Hallo Lockwood,

nun habe ich mir also doch noch das Kontrastprogramm zu „Jethro Tull auf Kreta“ gegönnt. Nicht Sonnenschein und 40°C im Schatten sondern wolkenverhangener Himmel bei 15°C. Nicht Samstag, Urlaub, Zeit en masse sondern Mittwoch, Arbeit, Hetze. Nicht bequemer Sitzplatz im Gartentheater an historischer kretischer Stadtmauer sondern ölsardinenmäßiger Stehplatz im Open Air zwischen deutschen Burgmauern. Und natürlich nicht zuletzt: Nicht Jethro Tull sondern – Ihr werdet’s schon ahnen – John Fogerty.

Ich hatte bis zuletzt geschwankt, ob ich mir dieses Konzert auch noch antun sollte, Gründe dagegen waren meine knappe Zeit, die nicht unbeträchtliche Entfernung und das miese Wetter. Von vornherein war für mich nur das letzte Konzert von Fogerty’s diesjähriger Deutschlandtour in Frage gekommen, der Open Air Auftritt am 11.07. auf der Burg Abenberg bei Nürnberg. Aber das sind von mir aus auch ungefähr 150 km Entfernung und knapp 2 Stunden Fahrzeit. Dazu herrschte bei uns am Montag und Dienstag praktisch Dauerregen. Das sah alles nicht besonders einladend aus.

Am Mittwoch erschien das Wetter aber etwas besser, es war zwar wolkig aber zumindest trocken, und so entschloss ich mich kurzfristig es doch zu wagen. Nachmittags um 16 Uhr verlies ich – für meine Kollegen unerwartet früh – meinen Arbeitsplatz und machte mich auf Richtung Nürnberg, natürlich mal wieder ohne Ticket. Die lange Autofahrt nutzte ich dazu bei voller Lautstärke Musik zu hören und mitzugrölen, und so war ich bereits leicht heiser, aber bester Stimmung, als ich exakt um 18 Uhr in Abenberg auf die als Parkplatz ausgeschilderte Wiese fuhr.

Abenberg ist wirklich ein romantisch gelegenes Dörfchen, in dessen Mitte malerisch die Burg tront – oder ist es eher eine romantische Burg, um die herum sich malerisch einige Häuser scharen? So genau kann ich das nicht sagen. Auf jeden Fall fiel mir beim Anblick der Burg sofort auf, dass ich meine Kamera vergessen hatte. Ihr werdet also keine selbstgemachten Bilder von mir zu sehen bekommen. Dabei hätte ich diesmal vielleicht wirklich brauchbare Bilder schießen können, denn Fogerty trat noch bei Tageslicht auf – das hätte vielleicht sogar meine Kamera geschafft. Stattdessen habe ich mir erlaubt einige Bilder von der Website www.creedence-choogle-rockers.de zu verlinken. Sie stammen alle vom Abenberg-Konzert und sind besser als ich es je hinbekommen hätte. Aber machen wir mal der Reihe nach.

Es hatte sich bereits eine nicht unerheblich lange Schlange vor der Burg gebildet, deren genaue Länge ich nicht abschätzen konnte, da der Eingang der Burg nicht zu sehen war. Die Suche nach einer Abendkasse blieb mir erspart (es gab wohl auch gar keine, jedenfalls habe ich nirgends eine gesehen – vermutlich war ausverkauft), da an der Schlange ein Mann entlang lief der fragte, wer noch Karten brauchen könnte. Ich meldete mich sofort. Er meinte die Karten hätte sein Freund, der demnächst vorbei käme. Ich solle mich schon mal in die Schlange stellen. Ich tat wie mir geheißen war.

30 Minuten später stand ich immernoch an gleicher Stelle in der Schlange und hatte immernoch kein Ticket. Was wäre doch so ein Konzert ohne den Nervenkitzel der Unsicherheit, ob man reinkommt oder nicht? Inzwischen hatte ich erfahren, dass eigentlich ab 18 Uhr Einlass sein sollte. Es war 18:40 Uhr und bis jetzt hatte sich die Schlange noch nicht einen Zentimeter bewegt. Andererseits war ich gottfroh darum. Hätte sie sich in Bewegung gesetzt, solange ich kein Ticket hatte, wäre ich vermutlich wirklich ein wenig nervös geworden.

Um 18:45 Uhr erschien schließlich tatsächlich der Kerl mit den Karten. Werden solche Eintrittskarten eigentlich manchmal auch gefälscht? Es war ein „Eventim“-Ticket, das er mir in die Hand drückte, und es stand 50 EUR darauf. Mehr wollte er auch nicht dafür. Ich hatte bei Eventim im Internet schon nach Karten geschaut, dort sollten sie 52,50 EUR zuzüglich Versand kosten. Das kam mir irgendwie komisch vor. Aber ich hatte weder Zeit noch Lust länger darüber nachzudenken, denn inzwischen war Leben in die Schlange gekommen. Meine dumpfe Befürchtung, mein Ticket könnte am Einlass als Fälschung erkannt werden, erwies sich als unbegründet, und so stand ich ca. 19 Uhr im Burghof und stellte fest, dass mir der Magen knurrte. Ich hatte nichts zu essen dabei.

Zum Glück hatte man auf diesem Open Air Event offensichtlich mit gedankenlosen Menschen wie mir gerechnet, der Burghof war mit Getränke- und Imbissbuden gesäumt. Ich entschied mich für eine labbrige Pizzaschnitte und versuchte dann mir einen günstigen Platz vor der Bühne zu sichern. Da ich auch in kleinere Lücken passe, konnte ich mich noch bis auf etwa 3 oder 4 Meter an die Bühne heranarbeiten. Im Prinzip war ich vermutlich näher an der Bühne als in Iraklio. Allerdings ist halt die Übersicht bei solchen Steh-Veranstaltungen deutlich schlechter. Ein bzw. zwei Reihen vor mir standen zwei Männer, denen ich gerade mal knapp über die Schulter schauen konnte. Meistens hatte ich allerdings einen ganz guten Blick zwischen beiden hindurch direkt aufs Mikrophon. Auch nach rechts hatte ich freien Blick auf die Bühne.

Im Publikum waren nahezu alle Altersklassen vertreten, allerdings mit einem deutlichen Schwerpunkt bei Männern über 40. Frauen waren in der Minderzahl und wenn dann nur in Begleitung von Männern anzutreffen. Jugendliche konnte ich nicht entdecken, was allerdings an der Location liegen könnte. Abenberg liegt 30 km von Nürnberg entfernt und ist nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Wer kein Auto hat ist aufgeschmissen. Das schließt Jugendliche unter 18 praktisch von der Teilnahme aus.

Die Vorband betrat um 19:29 Uhr die Bühne – das nenne ich deutsche Pünktlichkeit. Die sechs Jungs nennen sich Stanfour und kommen von der Insel Föhr. Der Ausdruck „Jungs“ war hier mehr als gerechtfertigt, mindestens 3 der 6 Bandmitglieder sind mit Sicherheit noch keine 20, der Jüngste könnte 16 sein. Nette Jungs, die mich an meinen eigenen in der Altersklasse erinnerten, der zu diesem Zeitpunkt gerade zuhause eine Mandelentzündung auskurierte. Da kam ein bißchen schlechtes Gewissen bei mir auf. Das hätte es früher auch nicht gegeben, dass Muttern sich auf Rock-Konzerten rumtreibt, während das Kind zuhause krank im Bett liegt – na ja, das Kind ist 20 und liegt wahrscheinlich eher auf dem Sofa vor dem Fernseher. Ich versuchte den Gedanken zu verdrängen.

Stanfour boten geradlinigen Rock, der für meine Begriffe durchaus anhörbar war – nichts Sensationelles, aber auch nicht schlecht. Beim Anblick des Sängers wurde mir wieder bewußt, wie unterschiedlich doch verschiedene Sänger mit ihrem Mikrophon umgehen. Mark Knopfler stellt es sich immer so hoch ein, dass er von unten nach oben singen muss, teilweise hat man den Eindruck er stellt sich auf die Zehenspitzen, damit er es noch erreicht. Im exakten Gegensatz dazu bevorzugt Mr. Anderson offensichtlich ein Mikrophon, das so niedrig eingestellt ist, dass er sich hinunterbücken und von oben hineinsingen muss. Gerne stürzt er sich auch von oben auf sein Mikrophon wie eine Raubkatze auf die Beute. Dieser Sänger dagegen klammerte sich ständig mit beiden Händen am Mikrophon fest, es sah aus als ob er in jeder Bedeutung des Wortes „an seinem Mikrophon hängt“. Mr. Fogerty geht mit dem Mikrophon eher achtlos um, es kommt schon mal vor dass er nicht ständig den richtigen Abstand einhält oder den Kopf zur Seite dreht und dadurch der eine oder andere Ton etwas leiser kommt. Es scheint für ihn nicht den Mittelpunkt des Universums darzustellen. Das könnte man sicher alles auch noch tiefenpsychologisch deuten. Aber ich denke damit verschone ich Euch jetzt besser.

Stanfour spielten bis 20 Uhr, dann wurde auf der Bühne umgebaut – und das zog sich hin. Nach einer halben Stunde wurde das Publikum langsam unruhig, es gab Pfiffe, Gegröle und „John, John“-Rufe. Dabei lag die Verzögerung vielleicht auch daran, dass zu diesem Zeitpunkt die Sonne tief unter den Wolken stand und direkt von vorne auf die Bühne schien. Die Roadies, die die 25 oder wieviel Gitarren des Mr. Fogerty nochmals durchcheckten waren offensichtlich von dem Licht geblendet. Ein Auftritt war so vermutlich garnicht möglich. Meiner Meinung nach ein Mangel der Organisation, denn dass im Sommer die Sonne scheint und wo sie um wieviel Uhr untergeht sollte eigentlich bekannt sein. Da muss man halt ggf. die Bühne an anderer Stelle aufbauen. Interessant auch, was zur Überbrückung der Wartezeit aus den Lautsprechern tönte. Nach „Sultans Of Swing“ war auch noch John Fogerty selbst mit „Almost Saturday Night“ zu hören, was vom Publikum mit Beifall und „Zugabe, Zugabe“-Rufen quittiert wurde.

Dann, um 21 Uhr endlich, betrat die Band die Bühne und nahm die Plätze ein. Fogerty erschien nicht lang danach in einem seiner besten blaukarierten Hemden – damit war der Abend für mich gebont! Nach kurzer Begrüssung legte er auch ohne Umschweife gleich richtig los mit „Travellin‘ Band“. Ich hatte sofort das Gefühl, dass die Anlage seit der Vorband noch einmal um einige Watt aufgedreht worden war. Das alte Burggemäuer erbebte und das Erdreich vibrierte. Das war deutlich lauter als Jethro Tull in Iraklio, aber doch nie so laut, dass ich befürchtet hätte bleibende Gehörschäden davonzutragen.

Bei Jethro Tull war mir seinerzeit der glasklare Sound aufgefallen, in dem jeder Ton einzeln aus der Anlage perlte und jede Nuance des Flötenspiels und der Stimme detailgenau wiedergegeben wurde (wobei das in Bezug auf die Stimme nicht unbedingt nur von Vorteil war). Von glasklarem Sound war bei Mr. Fogerty nichts zu hören, der ist für seine Musik aber auch nicht notwendig. Hier geht’s um’s Eingemachte, die Basics des Rock, auf das Wesentliche reduziert, ohne Schnörkel und Verzierungen, ohne facettenreiche Arrangements und ohne den Anspruch mit Bach oder Beethoven konkurrieren zu wollen. Es standen nicht weniger als 5 Gitarristen (einschließlich Bass) auf der Bühne, wobei der eine gelegentlich auch Keyboard spielte. Dazu noch Schlagzeug (auf das eingedroschen wurde, als ob man es ermorden wollte), das war’s mit der Instrumentierung. Solche Musik muss nicht filigran aus der Anlage rieseln sondern einem wuchtig und satt um die Ohren donnern. Und das tat sie auch.

Nach dem ersten Titel meinte Mr. Fogerty, das wäre das erste Mal, dass er auf einer Burg spiele, und er hoffe er wecke den König nicht auf. Falls es auf dieser Burg je einen König gegeben haben sollte, war der aber vermutlich bereits bei den ersten Takten von „Travellin‘ Band“ vor Schreck aus dem Grab gefallen und an Herzinfarkt gestorben. Das hat sich sicher auch Mr. Fogerty gedacht, denn er machte auch im weiteren Verlauf des Abends nicht den Eindruck als ob er sich bemühen würde leise zu sein.

Natürlich habe ich versucht bei YouTube ein paar passende Videos zu finden, die den einen oder anderen Eindruck des Konzerts vermitteln können, aber leider gibt es kaum ein brauchbares Bootleg von der Europa-Tour. Die Amateurkameras (oder waren es Handys?) scheinen alle von der Lautstärke des Fogerty’schen Sounds überfordert zu sein – es schäppert, knistert, knackt, drönt und jault zum Steinerweichen, das kann man sich wirklich nicht anhören. Zur Einstimmung daher erst einmal eine Aufnahme aus New York vom letzten Dezember: Good Golly Miss Molly. Sie zeigt wie es aussieht, wenn ein wildgewordener 62-Jähriger keine Lust hat sich mit dem Pfeifchen hinter den Ofen zurückzuziehen.

Kleiner Einschub zu diesem Video: Diesen Song konnte ich eigentlich noch nie leiden, aber was Fogerty hier aufführt hat mich glatt umgepustet. Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung habe worum es in dem Lied geht, und von dem was er singt verstehe ich kein Wort, aber er scheint ziemlich wütend zu sein. Wie er wild mit den Armen herumfuchtelt erinnert mich bereits stark an Mr. Andersons Auftritt in Witch’s Promise anno 1970. Leider hat Mr. Fogerty keine so schöne Flöte, die er drohend schwingen könnte, und das Gitarren-Plektrum ist ein etwas mickriger Ersatz, aber dafür haut er anschließend damit umso wilder in die Saiten. Bisher habe ich bei diesen Bildern noch jedesmal lachen müssen, und solche Videos stehen auf meiner Hitliste ganz oben.

Für einen der ersten Songs griff Mr. Fogerty zu einem türkisgrünen Instrument, und als er kurz über die Saiten strich um zu testen, ob es auch funktioniert, da fuhr es mir durch Mark und Bein. Ich musste sofort an Dich denken, lieber Lockwood, und an Brian May – das war der Düsenjet. Ich glaube ich schrieb schon nach dem Jethro Tull Konzert, dass live so ein Düsenjet nicht unbedingt zu verachten ist, und der von Mr. Fogerty geht noch ganz anders ab als der von Mr. Barre. Seither habe ich ein Auge auf dieses grüne Maschinchen geworfen, zumal es dieselbe Farbe hat wie mein Auto. Allerdings ist mein Auto bedeutend leiser. Ich habe auch nur einen kleinen Toyota. Dieses Modell schien mir eher ein Porsche zu sein. Der zugehörige Titel heißt – passend zum Düsenjet – It Came Out Of The Sky (hier auch eine Version aus New York).

Bei solcherlei Klängen kam im Publikum schnell Stimmung auf. Die sichtlich gute Laune, mit der Mr. Fogerty während der Instrumentalpassagen über die Bühne stapfte, hüpfte wie ein Gummiball und sich wie ein Kind über den selbsterzeugten Lärm freute, übertrug sich mühelos auf die Menge. Bei fast jedem Song schallte ihm aus dem Zuschauerraum zumindest der Refrain entgegen. Mehrfach dirigierte er auch vom Bühnenrand aus das Publikum und ließ es alleine singen. Er mußte sich nicht über mangelnde Mitwirkung beklagen. Nach kürzester Zeit war – zumindest vorne an der Bühne – Party angesagt.

Bei Fogerty gibt es praktisch nach jedem Titel Gitarrenwechsel (wobei die eine oder andere Gitarre im Laufe des Abends schon auch mehrfach zum Einsatz kam). Bei dieser Gelegenheit überreicht er seinen ausgebrauchten Gitarren-Pick jemandem aus dem Publikum. Einmal holte er auch eine ganze Hand voll neue Picks aus der Hosentasche um sie zu verteilen. Auch ausrangierte Drumsticks wurden in die Menge geworfen. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, die Veranstaltung nahm immer mehr den Charakter einer größeren Familienparty an. Einen kleinen Eindruck von der Atmosphäre vermittelt vielleicht dieses Video aus Paris, das mit einem Halstuch-Tausch beginnt. Fogerty’s Markenzeichen ist ein rotes Halstuch, er tritt nie ohne auf. Hier tauscht er es gegen das Halstuch eines Zuschauers ein.

Vor dem Titel „Down On The Corner“ schlich sich ein siebter Musiker auf die Bühne, und da ich schon Setlists von anderen Konzerten gelesen hatte, ahnte ich bereits wer das sein musste: Tyler Fogerty. Der Junge ist höchstens 14, das Hemd ist natürlich kariert und die Frisur erinnert stark an Papa anno 1970. Es gibt da auch noch einen Shane Fogerty, der vielleicht zwei Jahre älter ist und im Prinzip genauso aussieht, in Abenberg aber nicht mit von der Partie war. Tyler durfte gleich neben Daddy zu „Down On The Corner“ die Gitarre spielen (Bild), aber so richtig locker und gutgelaunt wie der Herr Papa wollte er auf mich nicht wirken. Er schien mir eher etwas angestrengt. Es muss auch ziemlich hart sein für einen 14-Jährigen, wenn er nach seinem Auftritt auf offener Bühne vor versammeltem Publikum von Old Daddy abgeknutscht wird. Der Kleine tat mir fast ein bißchen leid. Andererseits sagte ich mir, dass man nicht früh genug lernen kann, dass das Leben hart ist, und ich denke mal er wird keine bleibenden psychischen Schäden davontragen.

Um gleich bei den Kindern zu bleiben: Schräg vor mir trug jemand während des ganzen Konzerts ein etwa fünfjähriges, blondes Mädchen auf den Schultern, und dieses Kind stach auch Mr. Fogerty ins Auge. „Baby“ wurde eigens begrüßt, wobei die Reaktion eher schwach war – vermutlich hat sie sein Englisch nicht verstanden. Fogerty erklärte sie erinnere ihn stark an seine fünfjährige Tochter Chelsea, für die er das folgende Lied geschrieben habe, es war „I Will Walk With You“. Ich begann langsam die Übersicht über die zahlreiche Nachkommenschaft des Mr. Fogerty zu verlieren, wobei ich eine diesbezügliche Übersicht eigentlich noch nie besessen habe. Ich meine er habe schon Ende der 60er Jahre einen Sohn gehabt, und auch aus den 70ern oder 80ern müsste es noch mindestens eine Tocher geben. Jedenfalls scheint Mr. Fogerty nicht nur seit bald 50 Jahren in der Rockmusik aktiv zu sein, sondern sich außerdem seit 40 Jahren unermüdlich und erfolgreich in der Arterhaltung zu betätigen. Das sollte vielleicht auch einmal die gebührende Anerkennung finden.

Gegen Ende des Konzerts kam mir in den Sinn, dass man manche Menschen einfach für alle Zeiten so konservieren können sollte, wie sie gerade sind. Wenn ich wüsste wie, dann würde ich gleich mit John Fogerty anfangen. Nicht, dass ich jetzt missverstanden werde: Ich will damit nicht zum Ausdruck bringen, dass Mr. Fogerty so wirkt als ob er dringend konserviert werden müsste – das klingt so nach Mumie. Ich will damit nur sagen, dass ich ihn gerne noch ein paar Jahre in alter Frische wiedersehen würde, am besten nächstes Mal ein bißchen näher bei Stuttgart – da gibt es auch sehr schöne Burgen. Wenn er kommt bin ich bestimmt wieder dabei!

Mein einziger Kritikpunkt: Das Konzert war zu kurz, viel zu kurz! Nur 1:36 Std Spielzeit, das finde ich für einen Eintritt von 50 Mäusen doch ziemlich mickrig. Und es ist ja nicht so, dass Mr. Fogerty keine Songs mehr auf Lager gehabt hätte. Er hat nicht einmal alle seine Top Ten Hits gespielt, er hat nicht einmal alle seine No. 1 Hits gespielt. Mir persönlich haben jetzt „Hey Tonight“ und „Sweet Hitch-Hiker“ nicht gefehlt, aber „Up Around The Bend“, „I Put A Spell On You“ und „Deja Vu“ schon. In Hamburg standen die alle noch auf der Setlist. Oder wie wär’s noch mit „Lodi“, „Rock and Roll Girls“, „Walking In A Hurricane“, „Premonition“ und und und….

Überhaupt ist mir aufgefallen, dass Fogerty’s Konzerte offensichtlich unterschiedlich lang sind. In Abenberg standen 23 Titel auf der Setlist, in Berlin sogar nur 22, in Hamburg waren es 24, in Dänemark 25, in Paris 26 und in Mainz 27 (anscheinend 3 extra Zugaben!). Nach was entscheidet er das? Wenn er keine Lust mehr hat und früher ins Bett will, lässt er einfach ein paar Songs weg? So geht’s aber auch nicht! Ich würde ihm ja die Kürze seines Auftritts nachsehen, wenn man nach anderthalb Stunden Spielzeit befürchten müsste, dass er demnächst auf der Bahre rausgetragen wenn muss, wenn er nicht bald aufhört. Aber den Eindruck hatte ich wirklich nicht. Er ist so locker-flockig und frisch von der Bühne gegangen, wie er angefangen hat, ich glaube er war während des ganzen Abends nicht einen Moment außer Atem und hat nicht eine Schweißperle verloren (es war allerdings auch nicht besonders warm…). Der ganze Auftritt sah aus als wär’s für ihn ein Spaziergang. Also 2 Stunden könnte er gut durchstehen, und die fände ich für den Preis auch angemessen.

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Eines ist mir im Anschluss an dieses Konzert erst so richtig bewusst geworden, und um näher zu erläutern, was ich meine, werde ich jetzt gar noch mich selbst als krasses Extrembeispiel anführen. Ich muss zugeben ich war ziemlich überrascht, als ich zum ersten Mal dieses Photo gesehen habe. Wenn ich nicht wüsste, dass ich das selbst bin, dann würde ich sagen das ist ein 14- bis 15-jähriger Junge. Nun war mir schon länger klar, dass ich nicht gerade so aussehe, wie man sich üblicherweise eine 48-jährige Frau vorstellt. Dass der Eindruck aber so weit davon entfernt liegen könnte, hätte ich dann doch nicht erwartet. Nach kurzem Nachdenken bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass es vermutlich genau das ist, was ich im Grunde meines Wesens tatsächlich bin: Ein 14- bis 15-jähriger Junge. Das Bild passt, ich fühle mich auch in keinster Weise unwohl damit. Sonst hätte ich mich auch von vornherein garnicht in diese Klamotten geworfen.

Nicht jeder ist das, was er aufgrund von Alter, Geschlecht, sozialer Herkunft oder sonstigen Umständen nach herkömmlicher Meinung sein sollte. Darauf kommt es auch garnicht an. Das Einzige das zählt ist, dass das äußere Erscheinungsbild mit dem übereinstimmt, was man tatsächlich ist. Wenn das nicht zusammenpasst, hat man wirklich ein Problem. Das Aussehen ist wie eine Visitenkarte, die man ständig vor sich herträgt, und die 99,9% aller Menschen, denen man begegnet und die einen nicht näher kennen, Aufschluss darüber gibt, wie sie einen behandeln sollten und was sie von einem zu erwarten haben (mit den Erwartungen hatte ich es ja schon einmal…). Wenn man äußerlich etwas anderes darstellt, als man tatsächlich ist, wird das ständig zu falschen Reaktionen, enttäuschten Erwartungen und Missverständnissen führen. Jeder kennt von sich selbst, wie es einem geht, wenn man morgens aus Versehen den falschen Griff in den Kleiderschrank getan und etwas angezogen hat, das nicht zur Tagesform passt. Man fühlt sich unsicher und fehl am Platz, weil man unbewußt ständig mit den falschen Erwartungen und Reaktionen seiner Umwelt rechnet.

Wer also anders aussieht als er sich fühlt – z.B. auch durch einen fortschreitenden äußerlichen Alterungsprozess, dem kein entsprechender innerlicher folgt – wird üblicherweise bestrebt sein alles zu tun, um sein Aussehen mit seiner Persönlichkeit wieder in Einklang zu bringen. Das ist meiner Meinung nach auch völlig in Ordnung, solange man sein Aussehen anpasst an das, was man ist, und nicht an das, was man gerne wäre, in der Hoffnung durch das geänderte Aussehen zu dem zu werden, als was man erscheint. Damit macht man sich wirklich nur lächerlich.

Um jetzt langsam einmal auf den Punkt zu kommen: Was auch immer Mr. Fogerty getan haben sollte um so auszusehen, wie er das tut – die Haare gefärbt hat er allemal, die Zähne sind runderneuert (dabei wäre das meiner Meinung nach wirklich nicht notwendig gewesen, mit den originellen Originalzähnen sah er doch auch sehr nett aus), selbst wenn er sich fünfmal hätte liften lassen (was ich eigentlich nicht annehme) – das Ergebnis gibt ihm recht. Er sieht so aus, wie er ist. Und wenn er auf der Bühne steht, oder rennt, oder hüpft, oder was auch immer – man merkt, dass da einfach alles zusammenpasst. Auch wenn die Haare, die Zähne oder sonstige Details an Mr. Fogerty nicht mehr echt sein sollten, der Mensch ist es, und das ist das Einzige, das zählt.

Bei Mr. Anderson ist das leider anders. In den 70ern hat er auch noch glaubhaft gewirkt: Die Musik, das Aussehen, die Kostüme, die Bühnenshow – das war ein Gesamtkunstwerk, das seine Persönlichkeit stimmig repräsentiert hat. Im Laufe der 80er ist das mehr und mehr verloren gegangen, irgendwie hat er mit zunehmendem Alter das, was er ist und das, was er darstellen möchte, nicht mehr unter einen Hut gebracht. Da passt das Benehmen nicht zum Aussehen, die Kleidung passt schon in sich nicht (Was soll dieses Kostüm darstellen – Pirat? Torrero? Gondoliere?) und leider passt auch das was er sagt häufig nicht zu dem was er tut. Wie alt ist er eigentlich wirklich? Fogerty ist, so würde ich mal schätzen, in der Art deutlich unter 30, vielleicht sogar unter 20. Anderson ist bestimmt auch keine 60, aber er sieht so aus. Es mag absurd klingen zu sagen es passt nicht, wenn ein 60-Jähriger aussieht als wäre er 60, aber genau das scheint mir bei Mr. Anderson der Fall zu sein.

Die letzten Auftritte des Mr. Anderson, in denen er nach meiner Kenntnis ein stimmiges Gesamtbild abgegeben hat, stammen aus dem Jahr 1982, wie z.B. hier bei Pussy Willow – da war er 35. Ungefähr in dieser Gegend würde ich die Höchstgrenze für sein gefühltes Alter vermuten. Andererseits ist das natürlich auch nur die halbe Wahrheit. Ich bin ja auch nicht nur der 15-jährige Junge sondern gleichzeitig auch immer noch die 48-jährige Frau – wenigstens einige dazugehörige Eigenschaften und die entsprechende Lebenserfahrung habe ich jedenfalls. In der Gesamtheit ergibt das eine Kombination aus beidem (die ich mir in meinem Fall als ziemlich gewöhnungsbedürftig vorstellen könnte). Das wird bei Mr. Anderson nicht anders sein. Vielleicht kann er sich auch nur einfach nicht entscheiden, ob er nun 30 oder 60 ist, seriös oder Hofnarr, Pirat oder Entertainer oder…. Wer oder was auch immer er ist, er schafft es nicht mehr es
seiner Umwelt schlüssig zu vermitteln – ich werde jedenfalls nicht schlau aus ihm.

Meinetwegen soll er sich die Haare rot färben, ein Toupet aufkleben, sich Fett absaugen und sich liften lassen, Hauptsache er passt hinterher wieder zu sich selbst und man weiß mit wem man es zu tun hat. Nicht, dass ich das jetzt als Lösung vorschlagen wollte, ich habe keine Ahnung was die Lösung wäre. Prinzipiell wäre es sicher nach heutigem Stand der Technik möglich, Mr. Anderson wieder (fast) so aussehen zu lassen wie 1975. Andererseits könnte ich mir vorstellen, dass gerade diejenigen seiner Fans, die sich nichts sehnlicher herbeiwünschen als die Wiederkehr des Jahres 1975, vor Schreck vom Stuhl fallen oder entsetzt aufschreien würden, wenn er plötzlich tatsächlich wieder so daher käme. Ein Mr. Anderson mit dem Aussehen von 1975 und der Stimme von 2007 wäre allerdings vermutlich auch eine ernüchternde Erfahrung. Ach, es ist ein Jammer, was machen wir nur mit unserem Mr. Anderson!?! Und mit dieser rhetorischen Frage beende ich meinen heutigen Beitrag.

Liebe Grüße an Euch beide (Fast-)Urlauber
Kretakatze

PS.: Zum Thema Songtexte hier noch dieses Video von einem Rock-Festival in Belgien 2007, in dem ab 1:00 John Fogerty zuerst mit einem kurzen Ausschnitt aus „Travellin‘ Band“ zu hören ist und er dann ab ca. 1:25 erklärt nach welchem Prinzip er seine Lieder schreibt. Das klingt ganz ähnlich wie das, was ich bereits an anderer Stelle hier vermutet hatte. Was mich trotzdem überrascht hat war die Tatsache, dass er es offensichtlich für wichtig hält mit möglichst wenig Worten auszukommen. Das müsste doch der ideale Texter für Dich sein, lieber Wilfried, wo Dir doch auch jedes Wort zuviel zu sein scheint (zumindest von den Songtexten, die ich letztes Mal verlinkt hatte 😉 …).

19.07.2007

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Hallo Kretakatze, Hallo Wilfried,

Dein Bericht über das Fogerty-Konzert, liebe Kretakatze, war sehr plastisch. Ich hatte fast das Gefühl, dabei gewesen zu sein. Zwischen Deinen Zeilen konnte ich eine unverhohlene Euphorie lesen, die ich bei Deiner Beschreibung des JT – Konzerts auf Kreta nicht festgestellt habe. Ich denke, der Auftritt von Mr. Fogerty hat Dir besser gefallen als der Auftritt des Mr. Anderson.Den aktuellen Anderson würde ich mir nicht anschauen, wenn er auf unserer Burg (100 m Luftlinie von meiner Haustür) spielen würde. Ich möchte ihn so in Erinnerung behalten, wie ich ihn aus seinen besseren Zeiten kenne. Aber selbst wenn ich fernbliebe, würde ich seinen „Gesang“ bis in den Garten hören. Ich hoffe also, dass seine Tourneen ihn nicht in unser Städtchen führen.

In Deiner letzten Mail hast Du etwas geschrieben, mit dem ich mich sofort identifizieren konnte: Du wirst nicht schlau aus Mr. Anderson. So geht es vielen. Dieses Phänomen ist der Grund dafür, dass Wilfried die Rubrik „Was ist bloß mit Ian los ?“ ins Leben rief. Du stößt einen ähnlichen Seufzer aus; ich zitiere: „Ach, es ist ein Jammer, was machen wir nur mit unserem Mr. Anderson!?!“Er ist eine komplexe Persönlichkeit, unser Mr. Anderson. Mehrere Seelen wohnen ach, in seiner Brust. Die aktuelle Garderobe ist ein möglicher Ausdruck dessen.

Eine andere Erklärung seines Outfits der letzten Jahre ist ebenfalls denkbar, würde mir aber noch weniger gefallen: Es kommt mir so vor, als ob er sich klamottenmäßig einfach keine Mühe mehr gibt. Als ob es ihm egal sei, wie er daher kommt (soll schon mal vorkommen bei älteren Herren). Das Video zu „Pussy Willow“ zeigt uns, dass das bis 1982 noch anders war. Aber in der Zwischenzeit hat er es zum Fels in der Brandung des Musikgeschäfts gebracht. Vielleicht betrachtet er sich als Selbstläufer, zu dem die Fans strömen, unabhängig von dem, was er auf dem Leib trägt oder wie er die höheren Töne trifft. Demnach wäre seine aktuelle Physiognomie eine Nagelprobe auf die Treue der Anhängerschaft.

Ein gutes Beispiel für ein gelungenes (weil zum Typ und zur Musik passendes) Bühnenoutfit fand ich auf diesem Video. Nicht, dass ich Mr. Anderson in diesen Klamotten sehen möchte; sie würden eben so wenig zu ihm passen wie sein jetziges Kostüm als Raupenbahnaufspringer, Schiffschaukelbremser oder was auch immer. Nein, dieser Link sollte nur verdeutlichen, dass es durchaus möglich ist, ein angemessenes Outfit zu finden. Wenn man es denn will. Die rustikalen Lederklamotten aus den frühen 70ern oder der Broadsword-Zeit standen dem Meister gut zu Gesicht. Etwas in dieser Art hätte er bis heute tragen können. Aber nein….

Ich möchte keinen abgeschlossenen Fall wiederaufnehmen, aber auf dem Pussy Willow – Video wirkt der Meister tatsächlich dunkelblond. Woran liegt’s ? Friseur ? Beleuchtung ? Aber lassen wir das.

Ein Gedanke zu dem 15jährigen Jungen mit dem Banjo:
Ehrlich gesagt ist es mir fremd, wie man von einer Fotografie dermaßen überrascht sein kann. Was Du über Aussehen und innerem Gefühl gesagt hast, findet meine volle Zustimmung. (Dass die Kleidung zur momentanen Gefühlslage passen muss, ist bei Frauen wohl etwas stärker ausgeprägt als bei Männern). Bei mir ist der Fall einfacher. Ich empfinde mich als „untergroßen“ Mann und so komme ich auf Fotos auch rüber. Punkt aus. Alles sehr simpel.

Bis zum nächsten Mal grüßt Euch
Lockwood

21.07.2007

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Hallo Kretakatze, hallo Lockwood,

bevor ich mich in den Urlaub verabschiede, hier doch noch einige Anmerkungen von mir. Bekanntlich hinken Vergleiche. Und so kann man Herrn Fogerty schlecht mit Herrn Anderson vergleichen, wenn sich der Vergleich natürlich auch anbietet. Beide sind rund 60 Jahre alt, beide sind mehr oder weniger bekannte Größen der Rockmusik und Frontmann ‚ihrer’ Band. Und beide bringen ihren Nachwuchs auf die Bühne (wenigstens ab und zu). Aber damit hört es dann auch schon auf. Ian Anderson würde nie seinen Sohn als seinen Sohn vorstellen (so unterschlägt James Duncan selbst seinen Nachnamen), wenigstens wüsste ich nicht, dass er das je einmal getan hätte. Und die Knutscherei verbietet sich wohl schon aufgrund des Alters (wobei sich gerade auch 14-, 15-Jährige ungern öffentlich von einem Elternteil küssen lassen). Dass mit dem ‚gefühlten’ Alter ist natürlich so eine Sache. Grundsätzlich stimme ich Dir, Kretakatze, zu. Man sollte sich so geben (und kleiden), wie man IST. Aber wie ist ein Künstler, ein Rockmusiker, der allabendlich auf einer Bühne vor großem Publikum auftritt?

Herrn Anderson wird man wohl kaum in den Klamotten auf der Straße antreffen, mit denen er aufgetreten ist. Früher nicht, heute erst recht nicht. Wie ist das mit Herrn Fogerty? Trägt er auch im normalen Leben Jeans, karierte Hemden und dazu sein ‚Markenzeichen’, das rote Halstuch? Vielleicht bevorzugt er in Wirklichkeit Designer-Klamotten?! Gut, sein Auftreten wirkt authentisch. Aber IST das wirklich der reale John Fogerty oder doch nur ein Trugbild …?

In einem ähneln sich die beiden Herren. Beide haben ein ganz bestimmtes Image aufgebaut, so unterschiedlich es auch sein mag. Fogerty ist der Naturbursche, der locker-flockig seine Lieder herunterspult. Anderson dagegen der eher unnahbare Intellektuelle, der sich gern in kurioser Kostümierung zeigt. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Bei John Fogerty, wie geschrieben, wirkt das trotz falscher Zähne und gefärbter Haare immer noch sehr authentisch, also echt und glaubhaft. Bei Herrn Anderson dagegen nicht mehr. Aber warum nur? Weil er trotz Kostümierung wie ein 60-Jähriger aussieht?

Kretakatze schreibt: … irgendwie hat er mit zunehmendem Alter das, was er ist und das, was er darstellen möchte, nicht mehr unter einen Hut gebracht. Da passt das Benehmen nicht zum Aussehen, die Kleidung passt schon in sich nicht …

Das ist meiner Meinung nach durchaus richtig. Nur stellt sich die Frage, ob Ian Anderson auf der Bühne wirklich das darstellen möchte, was er ansonsten im wirklichen Leben ist, oder besser: sein muss. Ich denke nein. Eher versucht er sich auf der Bühne so zu geben, wie er ist (oder glaubt zu SEIN) … Und das wirkt natürlich grotesk. Wie kann sich ein 60-Jähriger so zum Kasper machen. Aber was IST Ian Anderson nun wirklich?

Sicherlich ist Herr Anderson ein geschäftstüchtiger Mensch. Dazu bedarf es einer gewissen Seriosität, die er bestimmt an den Tag legt, wenn es Not tut. Dann ist er Musiker, also Künstler, die bekanntlich etwas Exaltiertes an sich haben. Lockwood sagt es: Mehrere Seelen wohnen ach, in seiner Brust. Dass sich Anderson auf der Bühne geschäftsmäßig gibt, ist nicht zu erwarten. Also kaspert er herum … wie er es früher immer schon getan hat. Weil sich in den Jahren sein Aussehen so dramatisch verändert hat, führt das natürlich dazu, dass, was früher glaubhaft wirkte, heute für viele wie ein schlechter Witz erscheint.

Ich stelle mir Ian Anderson in den Klamotten früherer Jahre vor (das Tampa-Kostüm lassen wir einmal außen vor): Sähe der gealterte Ian Anderson nicht ähnlich lächerlich aus?

Ich fürchte fast, wir kritisieren Herrn Anderson, weil er alt geworden ist – optisch alt. Sein Bühnen-Outfit passt nicht mehr zu dieser äußeren Erscheinung, die er heute darstellt. Oder anders gesprochen: Herr Anderson genügt nicht mehr unseren Ansprüchen, Erwartungen, was auch immer.

Aber machen wir hier nicht zu viel Wirbel um Äußerlichkeiten? Gehen wir vielleicht nicht sogar Herrn Anderson auf dem Leim – oft genug kam die Weisheit in Form des Narrentums einher. Und macht sich nicht der zum Narren, der andere für einen solchen hält?

Und noch eines, ganz allgemein: Wir denken zu wissen, wer wir sind und sind enttäuscht, wenn andere uns anders sehen. Aber wissen wir das wirklich? Sind wir nicht zu oft mit uns selbst beschäftigt … und haben uns dabei selbst längst aus dem Blick verloren? Aber jetzt werde ich philosophisch … Genug für heute!

Nun, Lockwood, Du bist ja schon mittendrin im Urlaub. Letztes Jahr hatte ich mit meinen Lieben auf einen größeren Urlaub verzichtet, weil viel Geld für eine neue Heizung draufgegangen war; aber für eine Radtour (nach Fehmarn, Du weißt) hat es natürlich gelangt. Wenn das Wetter halbwegs mitspielt, macht so eine Tour mit den Fahrrädern wirklich Spaß. Allerdings merkte ich schon, dass meine Knochen nicht mehr die jüngsten sind. Ich hoffe, Du hast mit Deiner Familie schöne Urlaubstage, entspannst Dich und tankst neue Energie. Weiterhin schöne Urlaubstage.

Wir lesen beizeiten wieder voneinander.
Bis dahin
Wilfried

23.07.2007

English Translation for Ian Anderson

100 größten Gitarrensolos der Rockmusik – Plätze 11 – 20

Zweimal Hendrix, einmal Clapton, dazu Queen mit Brian May (Lockwood wird sich freuen): heute bin ich bei den Plätzen 11 bis 20 der 100 größten Gitarrensolos der Rockmusik (entsprechend dem Votum der Leser des Guitar World Magazine) angelangt, gewissermaßen in der Zielkurve. Die Altrocker beherrschen die weitere Szene (z.B. Deep Purple und Led Zeppelin, von denen wir noch etwas mehr hören werden).

Fender & Gibson

Hier die Laufzeiten, Platzierungen, Interpreten und Titel im Einzelnen:

– 0:41 – Platz 011 – Jimi Hendrix – Voodoo Child (Slight Return)
– 1:08 – Platz 012 – Chuck Berry – Johnny B. Goode
– 1:53 – Platz 013 – Stevie Ray Vaughan – Texas Flood
– 2:16 – Platz 014 – Derek and the Dominos – Layla
– 2:47 – Platz 015 – Deep Purple – Highway Star
– 3:17 – Platz 016 – Led Zeppelin – Heartbreaker
– 3:50 – Platz 017 – Eric Johnson – Cliffs of Dover
– 4:20 – Platz 018 – Jimi Hendrix – Little Wing
– 4:50 – Platz 019 – Pantera – Floods
– 5:16 – Platz 020 – Queen – Bohemian Rhapsody