Kategorie-Archiv: Geistesblitze

Vom Denken und Dichten – Von Philosophie, Wissenschaft bis Religion

WilliZ kleines Philosophie-Modell

Vor über vier Jahren habe ich versucht, meine Gedankenwelt zu ordnen und zu einem kleinen Philosophie-Modell zusammenzufügen. Hier noch einmal in leicht modifizierter Form das damals Verfasste:

Während es anscheinend schon beim wortwörtlichen Begriff keine klare Definition für Religion (lat. für Gottesfurcht, Frömmigkeit, aber auch Rücksicht, Skrupel, Aberglaube usw.) gibt, so ist Philosophie aus dem Altgriechischen immerhin mit Liebe zur Weisheit zu übersetzen. Beide beschäftigen sich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens. Philosophie und Religion schließen sich dabei bis heute nicht aus. Während in der Religion das Transzendente (Überstreiten von Grenzen, also z.B. vom irdischen ins himmlische Leben) eine wesentliche Rolle spielt, so ist die heutige Philosophie eher erdverbunden, also auf die menschliche Existenz auf Erden bezogen.

Ich habe mich im Laufe meines Lebens immer wieder mit Religion und Philosophie beschäftigt. Irgendwie tut das wohl jeder Mensch, der sich die Frage aller Fragen, eben die nach dem Sinn des Lebens, stellt (nicht nur Monty Python).

Mit Religion, hier der christlichen Religion, wurde ich von Kindesbeinen an durch meine Eltern konfrontiert (ich berichtete bereits ausführlicher darüber: Salvation à la mode). Ich wurde quasi zum Christentum zwangsrekrutiert. Später beschäftigte ich mich auch mit anderen Religionen, vor allem dem Buddhismus. Dieser interessiert mich auch heute noch, wenn ich in ihm auch eher ein philosophisches System erkenne. Dazu später mehr.

In religiöser Hinsicht bin ich im Wesentlichen ein Agnostiker. Wie man es auch sehen mag, Gott ist keine physikalische Größe, also nicht messbar oder wahrnehmbar. Ich bewundere Menschen, die anscheinend einen sechsten oder siebten Sinn haben, den ich die Fähigkeit zum Gotteserlebnis nennen möchte. Ich habe nie ein solches Gotteserlebnis gehabt und kann also nicht sagen, ‚Gott erlebt’ zu haben. Ich schließe die Existenz Gottes dabei nicht gänzlich aus. Dafür habe ich einen anderen Gedankenansatz gefunden. Für mich ist Gott bezogen auf das einzelne menschliche Individuum als etwas wie Atman (das Selbst, die unzerstörbare, ewige Essenz des Geistes, auch Seele übersetzt) zu verstehen. Womit ich auch schon fast beim Buddhismus bin. Buddha (eigentlich Siddhartha Gautama) selbst verneinte Atman, also die Seele als individuelle und konstante Einheit, weil sie in beständigem Werden, Wandel und Vergehen begriffen ist, was ich nur unterstützen kann. Ohne zu sehr auf fernöstliche Religionen einzugehen, so will ich wenigstens noch einen Begriff einführen: Brahman. Damit wird gewissermaßen eine kosmische Weltenseele bezeichnet, in die Atman, also die Einzelseele, zurückfließt, wenn der Mensch stirbt. Anders ausgedrückt: So wie die Summe der Energie konstant bleibt, so bleibt auch die Summe der geistigen Essenz (Gott oder wie immer man es benennen will) gleich.

    Willi 'Mahatma'

Vielleicht ist es etwas wie Anmaßung, wenn ich dem Menschen eine Seele zuspreche. Aber an so etwas wie an einen ‚göttlichen Funken’ vermag ich schon zu glauben, wenn auch nur wenige, wie es scheint, damit ‚gesegnet’ sind. An der Formel „Leben = Materie + Energie + Gott (sprich: geistige Essenz)“, bezogen auf den Menschen (bei Tieren, und noch weniger bei Pflanzen, bin ich mir nicht so sicher, das mag aber auch für mich dahingestellt sein), könnte ich also Gefallen finden.

Komme ich noch auf einen wesentlichen Aspekt fernöstlicher Religionen, auch des Buddhismus, zu sprechen: die Wiedergeburt. An eine Wiedergeburt, wie es sich wohl die meisten vorstellen, vermag ich nicht zu glauben. Trotzdem beziehe ich diese in mein bescheidenes Modell mit ein.

Somit sind wir jetzt auch schon mitten bei dem, was ich für mich als philosophisch-religiöses Gedankengebäude errichtet habe. Oft spricht man vom Schlaf als den kleinen Bruder des Todes. Und so wie ich aus dem Schlaf erwache, beginnt für mich, wenn man so will, mit jedem Tag ein neues Leben. Zumindest versuche ich es so zu ‚erleben’. Jeden Tag werde ich also (wenn auch nicht im religiösen Sinne) ‚wiedergeboren’.

Ansonsten habe ich mir einige philosophische Ideen bei Sartre, mehr wohl noch bei Camus geklaut. Dazu habe ich ja schon einiges in meinem Blog zum Besten gegeben. Im Grunde halte ich das Leben wie die beiden, (Sartre und Camus), für sinnlos. Es gibt keinen eigentlichen, allgemeingültigen Sinn des Lebens. Man muss sich und seinem Leben ‚selbst’ einen Sinn geben. Ähnlich dachte auch Buddha, der das Leben für leidvoll hielt. Man muss gegen diese allgemeine Sinnlosigkeit, gegen das Leid revoltieren. Diese Revolte ist ein tägliches sich Aufbäumen gegen die Absurdität des Lebens.

In Sofies Welt ist zu lesen:

Sartre weist gerade darauf hin, daß der Mensch niemals seine Verantwortung für das, was er tut, leugnen kann. Deshalb können wir unsere Verantwortung auch nicht vom Tisch fegen und behaupten, wir ‚müßten’ zur Arbeit oder ‚müßten’ uns nach gewissen bürgerlichen Erwartungen darüber, wie wir zu leben haben, richten …

aus: Jostein Gaarder: Sofies Welt – Roman über die Geschichte der Philosophie – S. 540 – Carl Hanser Verlag 1995

Sicherlich empfinden wir vieles als Zwang. Aber wir müssen uns klar werden, dass wir es sind, die sich diese Zwänge auferlegen. Wir sind verantwortlich für uns – und können eigentlich tun und lassen, was wir wollen. Natürlich gibt es kausale Zusammenhänge, die in Zwänge münden. Wenn ich z.B. behaupte, ich müsste zur Arbeit, dann ist das die Konsequenz, die ich ziehe, weil ich mich für eine Familie entschieden habe und für sie (und mich) zu sorgen habe.

Oft ist es auch so, dass scheinbare Zwänge nichts anderes sind, als der Weg des geringsten Widerstandes. Wenn ich mich nach „bürgerlichen Erwartungen richte“, dann doch nur, weil ich bestimmte Auseinandersetzung scheue. Es sei denn, ich akzeptiere die Rolle und erfülle die Erwartungen aus eigenem Willen.

Mein kleines Philosophie-Modell müht sich also um Praxis-Nähe. Gegen einen theoretischen Unterbau habe ich nichts einzuwenden, aber das ist dann eher wie Spiel, sich mit den verschiedensten philosophischen Modellen auseinander zu setzen. Wenn Sartre schreibt: „Die Existenz geht dem Wesen voraus“, so mag das die Quintessenz des Modells Existenzialismus sein. Was dahinter steckt, nämlich der Gedanke, dass dem Menschen einzig sein nacktes Dasein vorgegeben ist; er dann aber selbst erfinden muss, was ihn am Ende ausmacht – so ist das vielleicht nicht so prägnant, aber verständlicher (aber jeder ‚echte’ Philosoph sucht nach der ‚Formel’, der kürzesten Beschreibung seines Modells wie z.B. Descartes und sein „Cogito ergo sum“).

Zusammenfassend und erläuternd: Jeder Tag gilt mir wie ein neues Leben. Das heißt nicht, dass ich in den Tag hineinlebe. Es gibt immer Dinge, die einer Planung bedürfen. Nur müssen wir wachsam sein und sollten nicht zu viel ‚verplanen’. Schnell vergisst man über zuviel Planung das eigentliche Leben. Der eigentliche Grundsatz meine Philosophie ist: Bewusst zu leben! Sich bewusst werden, was man eigentlich will! Sich auch hinterfragen, ob man mit dem, was man hat, ist und will, zufrieden sein kann. Und ich muss immer bereit sein, mich zu ‚entscheiden’. Gerade die heutigen Menschen lassen sich oft nur noch treiben, und schaffen es nicht, sich in bestimmten (entscheidenden!) Momenten zu entscheiden. Und: Manchmal muss man auch einmal nein sagen können.

Nur als Trost: Natürlich gelingt mir das auch nicht immer. Oft genug tue auch ich mir Zwang an.

Nun, das klingt alles fast banal, was ich da als eigenes Lebensmodell mit philosophischer Grundlage vorgelegt habe. Aber ich neige nun einmal nicht dazu, nach dem Sternen zu greifen. Das Naheliegende hilft uns manchmal mehr. So versuche ich in kleinen Schritten voran zu kommen. Jeden Tag aufs Neue. Und jeden Tag versuche ich, aus dem „göttlichen Funken“ ein kleines Feuer in mir zu entfachen. Das Leben ist ein Weg – und der Weg ist das Ziel!

Natürlich gibt es viele noch offene Fragen, Fragen der Moral, die Frage nach gut und böse usw. Diese muss sich jeder nach eigenem besten Wissen und Gewissen selbst beantworten. Man muss sich dabei u.a. fragen, ob man mit den Antworten leben kann (Gewissen). Und es gibt sicherlich Fragen (z.B. Gen- und Stammzellenforschung), für deren Beantwortung man ohne größeres Wissen nicht auskommt. Es ist sicherlich schon wichtig, überhaupt Fragen zu stellen (wie heißt es schon im Sesamstraßen-Lied: „… wer nicht fragt, bleibt dumm!“).

Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität

    Man fühlt sich mitten unter lauter anderen, die an dem gleichen Defekt leiden, recht wohl; tatsächlich ist es der geistig völlig gesunde Mensch, der sich in einer geistesgestörten Gesellschaft isoliert fühlt – und er kann so sehr unter seiner Unfähigkeit, mit den anderen in Beziehung zu treten, leiden, daß er nun seinerseits psychotisch wird.
    Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität (S. 401)
    Erich Fromm

Krieg, Gewalttätigkeit, Verbrechen haben ein Ausmaß erreicht, das die Aufdeckung ihrer Ursachen zu einer Frage des Überlebens macht. Keine Lösung, allenfalls Entlastung für das schlechte Gewissen bietet die These, mit der Konrad Lorenz berühmt wurde. Er erklärte die menschliche Aggression zum Naturgesetz, zum angeborenen Trieb, der vielleicht zu kanalisieren, aber nicht zu unterbinden sei. Ihm erteilt Erich Fromm, einer der bedeutendsten Sozialpsychologen unserer Zeit, eine radikale Absage.

Fromm unterscheidet zwischen defensiver Aggression, die der Erhaltung des Lebens beim Menschen wie beim Tier dient, und einer destruktiven Lust am Quälen und Töten, die spezifisch menschlich ist. Gestützt auf die wichtigsten Daten der Neurophysiologie, Paläontologie, Anthropologie und Tierpsychologie klärt er die Grundvoraussetzungen der menschlichen Existenz. Er beschreibt detailliert – am eindringlichsten in den brillanten Studien zu Stalin, Himmler und Hitler -, aus welchen individuellen und sozialen Ursachen die Unfähigkeit, zu lieben und sich rational zu verhalten, erwächst und wie sie notwendig zu der Leidenschaft führt, Leben entweder absolut zu kontrollieren oder zu vernichten.

Die „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ ist ein epochemachendes Werk von größter empirischen Sorgfalt und höchster theoretischer Originalität. Es ist eine Verteidigung der menschlichen Würde, ein wohlbegründeter Appell an die Menschheit, ihr Leben und dessen gesellschaftspolitische Bedingungen zu verändern.

Erich Fromm, Psychoanalytiker, Sozialphilosoph und Autor […] wurde 1900 in Frankfurt geboren.

Neben Marcuse, Löwenthal, Adorno, Benjamin und Pollock gehörte Fromm, nach seinem Studium in Heidelberg, Frankfurt und München und seiner Promotion 1922, zum Kreis junger Gelehrter um Max Horkheimer, zur weltbekannten „Frankfurter Schule“.

1933 ging Fromm an das Psychoanalytische Institut in Chicago und zog 1934 nach New York, wo er an der Columbia University Vorlesungen hielt.

1946 gründete er mit anderen das William Alanson White Institute […]. 1949 nahm er eine Professur an der Nationaluniversität in Mexico City an und wurde dort 1950 Ordinarius für Psychoanalyse.
(aus dem Klappentext)

1980 verstarb Erich Fromm in der Schweiz.

Erich Fromm: Anatomie der menschlichen Destruktivität

Erich Fromm war einer der einflussreichen Denker des 20. Jahrhunderts, „auch wenn er in der akademischen Welt oft unterschätzt wurde. Viele seiner Bücher wurden zu Bestsellern; seine Gedanken wurden auch außerhalb der Fachwelt breit diskutiert.“ Eines seiner wichtigsten Werke ist Anatomie der menschlichen Destruktivität, das ich als Taschenbuch (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 29. – 35. Tsd. September 1977) vorliegen und bereits 1978 zum ersten Mal gelesen habe. In meinem Beitrag Bestie Mensch habe ich mich bereits einmal auf dieses Buch bezogen.

Wer sich als Mensch verstehen will, kommt eigentlich an diesem Buch nicht vorbei. Natürlich gibt es fast 40 Jahre nach seinem Erscheinen einige Kritik, die sich auf inzwischen neue natur- und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse beziehen. Im Ganzen bleibt aber viel auch heute noch Gültiges bestehen, das uns aufzeigt, wohin der Mensch in seiner Entwicklung ‚kommen’ kann. Fromm glaubt, das trotz der Destruktivität, trotz aller Grausamkeit auch unserer Tage, eine Änderung zum Besseren möglich ist. Was bleibt uns sonst übrig. Fromm schreibt am Schluss:

Die meisten Menschen sind schnell bereit, den Glauben an eine Vervollkommnung des Menschen als unrealistisch abzutun; aber sie erkennen nicht, daß die Verzweiflung oft genauso unrealistisch ist. Es ist einfach zu sagen: „Der Mensch war von jeher ein Mörder.“ Aber diese Behauptung ist nicht richtig, denn sie versäumt, die Kompliziertheit in der Geschichte der Destruktivität zu berücksichtigen. Ebenso leicht ist es, zu sagen: „Der Wunsch, die anderen auszubeuten, entspricht eben der menschlichen Natur“; aber auch diese Behauptung übersieht (oder verzerrt) die Tatsachen. Kurz gesagt, die Behauptung „Die menschliche Natur ist böse“ ist keine Spur realistischer als die Behauptung „Die menschliche Natur ist gut“. Aber es ist viel leichter, das erstere zu sagen; jeder, der die Schlechtigkeit des Menschen beweisen will, findet nämlich bereitwillig Zustimmung, weil er damit einem jeden ein Alibi für die eigenen Sünden bietet – und scheinbar damit nichts riskiert; und dennoch – irrationale Verzweiflung zu verbreiten ist destruktiv, wie es das Verbreiten jeder Unwahrheit ist; es entmutigt und verwirrt. Irrationalen Glauben zu predigen oder einen falschen Messias anzukündigen, ist kaum weniger destruktiv – es verführt und lähmt.

Die Haltung der Majorität ist weder die des Glaubens noch die der Verzweiflung, sondern leider die einer völligen Gleichgültigkeit gegenüber der Zukunft der Menschheit. Wer nicht völlig gleichgültig ist, nimmt die Haltung des „Optimismus“ oder des „Pessimismus“ ein. Die Optimisten sind die Gläubigen des Dogmas vom ständigen „Fortschritt“. Sie haben sich daran gewöhnt, die menschliche Leistung mit der technischen Leistung zu identifizieren, die menschliche Freiheit mit der Freiheit vom unmittelbaren Zwang und der Freiheit des Konsumenten zur Wahl zwischen vielen, angeblich unterschiedlichen Gebrauchsgütern. […] (S. 489)

Um die Vervollkommnung des Menschen zu erreichen, muss es allerdings Änderungen in unserer Gesellschaft geben. In seinem Buch Haben oder Sein hat Fromm eine Utopie entworfen, die er Stadt des Seins nannte. Hier beschrieb er die Wesensmerkmale der neuen Gesellschaft. Fromms Anatomie der menschlichen Destruktivität ist im Wesentlichen auch eine Kritik unserer, der vor allem auf Konsum ausgerichteten Gesellschaft. Wie wahr seine Gedanken auch heute noch sind, zeigt z.B. die Rücksichtslosigkeit der Bankenbranche, die u.a. mit Lebensmittel zockt, ohne einen Gedanken an die Mitmenschen zu verlieren. Ich brauche kaum zu erwähnen, dass ich das Buch von Erich Fromm, wie übrigens alle seine Bücher, empfehlen kann.

Siehe auch meine Beiträge:
Die Kunst des Liebens – zum 25. Todestag von Erich Fromm
Erik H. Erikson: Identität und Lebenszyklus

Alain Corbin: Pesthauch und Blütenduft

    „Es gibt einen stinkenden Geruch, ähnlich dem, der von Kleidungsstücken ausgeht, und einen fauligen Geruch, der weniger hervortritt, aber durch den allgemeinen Ekel, den er auslöst, unangenehmer ist als der erste. Ein dritter, den man Verwesungsgeruch nennen kann, läßt sich als eine Mischung aus Saurem, Fadem und Stinkendem beschreiben, die eher Übelkeit erregt als daß sie die Nase beleidigt; sie geht einher mit der Zersetzung und ist der widerwärtigste unter all den Gerüchen, die im Hospital anzutreffen sind. Ein weiterer Geruch, der in Nase und Augen sticht, kommt von der Unsauberkeit; man könnte meinen, die Luft enthielte etwas Pulverförmiges, und wenn man sich auf die Suche macht, findet man gewiß feuchte, verstockte Wäsche, einen Haufen Unrat oder von gärenden Miasmen verseuchte Kleider und Betten. Die verschiedenen Ansteckungsstoffe haben je eigene Ausdünstungen: die Ärzte kennen den besonderen Geruch des Brandes, den des Krebserregers und den Pesthauch, der sich bei Knochenfraß verbreitet. Doch was die Ärzte durch Erfahrung über diesen Gegenstand lernen, kann jeder erproben, wenn er nur die unterschiedlichen Gerüche in den Krankensälen vergleicht. Bei den Kindern riecht es sauer und stinkend; bei den Frauen süß und faulig; von den Schlafsälen der Männer dagegen geht ein starker, aber nur stinkender und daher längst nicht so abstoßender Geruch aus. Obwohl mehr auf Sauberkeit geachtet wird als früher, herrscht in den Krankensälen der guten Armen von Bicêtre ein fader Geruch, durch den zarte Personen schwach ums Herze wird.“
    (S. 12 – Alain Corbin: Pesthauch und Blütenduft – aus: Jean-Noël Hallé: Artikel „Air – Air des hôpitaux de terre et de mer“ in : Encyclopédie méthodique, Médecine, Paris 1787.)

Von diesem Buch geht ein ganz besonderer Geruch aus, pardon, eine ganz besondere Faszination: Alain Corbin: Pesthauch und Blütenduft – Eine Geschichte des Geruchs – Aus dem Französischen von Grete Osterwald – Verlag Klaus Wagenbach – Berlin – 9. – 12. Tausend Oktober 1984 (Original : Le Miasme et la Jonquille. L’odorat et l’imaginaire social XVIIIe – XIXe siècles – Paris 1982). Leider längst vergriffen, aber im Antiquariat bestimmt erhältlich.

Alain Corbin: Pesthauch und Blütenduft

Alain Corbin ist ein französischer Historiker und Hochschullehrer, der sich überwiegend mit der Geschichte Frankreichs im 19. und 20. Jahrhundert beschäftigt. Neben dieser Geschichte des Geruchs hat er auch Bücher zur Geschichte des Strandes und der Badekultur oder zur „sexuellen Gewalt in der Geschichte“ geschrieben, die sicherlich auch den interessierten Laien-Historiker lesenswert erscheinen dürfte. Mir liegt noch das Buch Die Sprache der Glocken. Ländliche Gefühlskultur und symbolische Ordnung in Frankreich des 19. Jahrhunderts vor.

Auch wenn weder ein Pesthauch noch ein Blütenduft von dem Buch ausgeht, so seien „zarte Personen“ gewarnt: Manche Beschreibung (siehe die Voranstellung) kann „schwach ums Herze“ machen.

Aber eines nach dem anderen: Wer sich in seiner ‚bürgerlichen’ Existenz verstehen will, sollte den Blick zurück in die Vergangenheit nicht scheuen. Die Geschichtsschreibung befasst sich gottlob nicht nur mit Ereignissen und Daten, die wir im Geschichtsunterricht vorgesetzt bekamen, sondern beschäftigt sich längst mit dem Alltag der Menschen in früheren Zeiten. Corbins Geschichte des Geruchs ist zwar im Wesentliche eine Geschichte, die im Frankreich des 19. Jahrhunderts spielt. Aber was die Franzosen da zu riechen bekamen, dürfte auch deutsche Nasen entsetzt oder entzückt haben, je nachdem. Es ist natürlich besonders auch eine Geschichte der Hygiene, dann was aus den Häusern oder Gullis der Straßen entströmte, hatte immer auch etwas mit (fehlender) Reinlichkeit zu tun.

„Die erste Kulturgeschichte der Hygiene und ihrer sozialen Folgen: von der frühen Bekämpfung ‚verdächtiger’ Gerüche im achtzehnten Jahrhundert, der Reinigung des ‚öffentlichen Raums’ und der Kanalisation bis zu den Feinheiten der Parfümerie und der Entwicklung neuer Sitten.“ (aus dem Klappentext)

„Die Vorgeschichte unserer Geruchsempfindlichkeit beginnt Ende des 18. Jahrhunderts, als ein heute unvorstellbarer Gestank den Alltag in Stadt und Land beherrschte. Von da an ging es aufwärts: Während Robespierre das Laster ausrotten will, wird in Paris der erste Lehrstuhl für Hygiene eingerichtet, und in der Folge verschwistert sich der Geruchssinn mit der Polizeiwissenschaft, er wird zum Desinfektionswahn.

Mit der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft wird aber auch immer deutlicher unterschieden zwischen Gestank und Wohlgeruch: der Pöbel stinkt, der Bourgeois parfümiert sich, und so entstehen immer wieder neue Vorstellungen von Eleganz und Individualität, bis heute.“ (Quelle: u.a. wagenbach.de)

Corbin schreibt anschaulich und zitiert viele Quellen, sodass ein überaus authentisches ‚Bild’, ja geradezu ein Geruch von Scheiße und Veilchenduft dem Leser vermittelt wird. Hier ein Beispiel für die Gerüche des Zerfalls:

Becher [Becher, Johann Joachim, u.a. Physica subterranea, Frankfurt am Main, 1669.] selbst hatte sich bemüht, die Gerüche in den einzelnen Stadien des Zerfalls zu beschreiben. 1760 legt Féou in Montpellier eine Doktorarbeit vor, in der er Bechers Analyse aufgreift und verfeinert. Unmittelbar nach dem Tode verströmt der Leichnam einen ‚süßlichen Geruch’, den manche für eine ‚Weingärung’ halten. Dann entwickelt sich ein stärkerer, beißender Geruch, der ‚recht oft an den Gestank von überreifem Käse erinnert’; Gardane bezeichnet ihn als ‚säuerlich’. ‚Schließlich tritt der Geruch der Fäulnis auf, der zunächst nur fade und nicht scharf ist, jedoch von einer Fadheit, die Übelkeit erregt (…); unmerklich wird er penetrant, ätzend und widerwärtig. Auf den faulen Geruch folgt ein krautartiger, und schließlich einer, der nach Ambra riecht …’ Der Autor schließt mit der Bemerkung: ‚Dies soll die Ärzte in die Lage versetzen, die bei Krankheiten entstehenden Gerüche genauer zu bestimmen.’ (S. 31)

Aber es geht auch um Wohlgerüche und ihre Wirkung:

‚Der Geruch’, so heißt es bei Saint-Lambert [Les saisons, zitiert von Robert Mauzi: L’idee du bonheur au XVIIIe siècle, Paris, 1960], ‚vermittelt uns ein innigeres Gefühl, einen unmittelbaren, vom Geist unabhängigeren Genuß als der Gesichtssinn. Schon beim ersten Eindruck ergötzen wir uns zutiefst an einem angenehmen Duft. Die Freuden des Sichtbaren dagegen sind stärker an Reflexionen gebunden, an das Verlangen nach sehenden Gegenständen und die Hoffnungen, die selbige erzeugen.’ (S: 115]

Übrigens diente Corbins „Pesthauch und Blütenduft“ Patrick Süskind als Recherchequelle für seinen Roman „Das Parfum“, denn es enthält auch eine lebendig erzählte Kulturgeschichte von den Anfängen der Körperpflege und öffentlichen Hygiene, der Parfümmanufakturen und der Ökologie im 19. Jahrhundert.

Hier noch einige weitere aufschlussreiche Zitate:

All die […] wissenschaftlichen Überzeugungen machen eine ausgeprägte Benutzung des Geruchssinns verdächtig. Das Schnüffeln und Beriechen ist ebenso verpönt wie die scharfe Geruchswahrnehmung oder eine Vorliebe für schwere tierische Riechstoffe; auch die Anerkennung der erotischen Rolle von Sexualgerüchen erregt Mißtrauen. Derartige Verhaltensweisen, die mit denen des Wilden verwandt sind, bezeugen eine Nähe zum Tier, einen Mangel an Raffinement, eine Unkenntnis der guten Sitten – kurz, sie beweisen das Scheitern jener Lernerfahrungen, die den gesellschaftlichen Stand definieren. Der Geruchssinn steht – gleich neben dem Tastsinn – ganz unten in der Hierarchie der Sinne. (S. 16)

Je mehr der Gestank der sich schindenden Bevölkerung hervorgehoben wird, je stärker man den Akzent auf die durch ihre bloße Anwesenheit gegebene Ansteckungsgefahr legt, um so leichter ist jener Rechtfertigungsterror aufrechtzuerhalten, in dem die Bourgeoisie sich wiegt, in dem sie den Ausdruck ihres schlechten Gewissens erstickt. (S. 191)

Immerhin wissen wir von der „… Gleichheit der Menschen im Vorgang der Darmentleerung.“ (S. 44), nur das ‚Örtchen’ unterscheidet sich noch manchmal stark: ‚Wir leben mitten in der Verseuchung, da wir einen stets unerträglichen Gestank im eigenen Leib beherbergen’, entsetzt sich Caraccioli [Louis-Antoine de C., Lüttich, 1759]. Nach und nach wird der Ort der Darmentleerung spezifischer, individueller. Im Zuge der Privatisierung des Unrats entwickelt er sich mehr und mehr zu einem Ort des inneren Monologs. Die einzigen englischen water closets, über die Versailles verfügt, sind dem König und Marie-Antoinette vorbehalten. In Frankreich gehören diese beiden Personen zu den ersten Individuen, die Erfahrungen mit einer neuen Art von Intimität machen. Diese Anekdote ist Bestandteil eines allgemeinen Individuierungsprozesses sozialer Praktiken, der dem Narzißmus in die Hände spielt. (S. 116)

Die menschlichen Exkremente, so sehr sie stinken mögen und so oft Wissenschaftler der früheren Zeit vor der Gesundheitsgefährdung der ‚Miasmen’ warnen, Scheiße ist als Dünger auch Geld – und es dauert dann nicht mehr lange, bis „die Psychoanalytiker [den Zusammenhang] zwischen Geld und Fäces herstellen.“ (S. 155)

“Corbins Kulturgeschichte ist ein von A bis Z ernsthaftes Buch. Aber da sich der anekdotische Ernst mit dem Thema ‚Gestank’ verbindet, liest es sich wie eine Satire. Auf diese Weise haben wir es mit einer Lektüre zu tun, die auf beinahe jeder Seite eine Neuigkeit – und allgemeine Heiterkeit zugleich verbreitet.“ (Harald Wieser in ‚Der Spiegel’)

In diesem Sinne lasse ich zuletzt Gustave Flaubert zu Worte kommen, der etwas ungehörig gegen die guten Manieren seiner Zeit herausfordernd an seinem Freund Ernest Chevalier am 15. März 1842 schrieb :

„Kack in die Stiefel, piß aus dem Fenster, schrei Scheiße, laß den Dünnpfiff wässrig sein und die Fürze eisern, rauche wie ein Schlot […] rülps den Leuten ins Gesicht“.
(Gustave Flaubert – Correspondance, Bd. I, S. 97)

Italo Calvino: Der Nichtleser

    „Ich? Ich lese keine Bücher!“ erklärt Irnerio bündig.

    „Und was liest du dann?“

    „Gar nichts. Ich habe mich so ans Nichtlesen gewöhnt, daß ich nicht mal lese, was mir zufällig unter die Augen kommt. Das ist nicht leicht: Im zarten Kindesalter bringen sie einem das Lesen bei, und dann bleibt man das ganze Leben lang Sklave all des geschriebenen Zeugs, das sie einem ständig vor die Augen buttern. Na ja, auch ich mußte mich in der ersten Zeit schon ein bißchen anstrengen, bis ich nichtlesen konnte, aber inzwischen geht’s ganz von allein. Das Geheimnis ist, daß du nicht weggucken darfst, im Gegenteil, du mußt hinsehen auf die geschriebenen Wörter, du mußt so lange und intensiv hinschauen, bis sie verschwinden.“
    (Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht, S. 59)

Es ist eine interessante Sache, die vom Nichtlesen, wie sie Italo Calvino in seinem Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht niedergeschrieben hat. Sind wir nicht Sklaven des Gelesenen? Können wir nicht auch ‚ohne’?

    Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht

Zunächst drängt sich mir der Vergleich mit dem Schwimmen auf, einmal gelernt, kann man es nicht mehr verlernen. Ähnlich sollte es sich mit dem Lesen verhalten. Gut, man kann aus der Übung kommen. Aber selbst wer jahrelang im Kerker ohne Lektüre verbringt, dürfte beim Freikommen noch Lesen können.

Dann interessiert mich schon, warum wir eigentlich lesen. Ohne Lesen läuft ziemlich wenig. Das dürften Analphabeten am besten wissen. Statt des Lesens haben sie sich aber bestimmt andere Hilfen geschaffen, die ihnen das Lesen ersetzen (notfalls fragen sie nach). Lesen und Schreiben gehört zum täglichen Leben. Ich kann zwar darauf verzichten, die Zeitung zu lesen usw., aber spätestens beim Einkaufen möchte ich doch wissen, was etwas kostet (so dicke habe ich es nicht). Oder ich brauche nur das Umfeld meines Schreibtisches zu betrachten: Buchrücken mit Schrift, Notizen, der Bildschirm selbst …

Beim im Roman nur kurz auftretenden Irnerio, der eigentlich lesen kann, ist das Nichtlesen zunächst ein ganz bewusster Akt. Lässt man in seiner Konzentration, nicht zu lesen, nach, wird man unwillkürlich ‚lesen’. Irnerio schaut also ganz genau hin auf die geschriebenen Worte – und das immer mit dem Bewusstsein, nicht zu lesen. Kann man das überhaupt? Zunächst dürfte es einem schwer fallen, das Gelesene gewissermaßen zu ignorieren. Ähnlich dürfte es beim Denken sein. Ego cogito, ergo sum, meinte schon René Descartes: „Ich denke, also bin ich.“ Immerhin schaffe ich es, eine Zeitlang, wenn auch nicht zu lang, meinen Kopf abzuschalten und nicht zu denken. Aber auf Geschriebenes zu blicken und nicht zu lesen – irgendwie schaffe ich das nicht. Vielleicht kann ich meinen Kopf soweit ausschalten, dass ich nicht den Sinn des Geschriebenen verstehen. Aber es sind immer wieder einzelne Wörter, die sich in mein Bewusstsein einbrennen: Ego lego, ergo sum – „Ich lese, also bin ich“, hätte der gute René sagen sollen.

Calvions Irnerio muss also ein langes ‚Training’ hinter sich gebracht haben, um sein Nichtlesen zu perfektionieren. Ich kann zwar weggucken. Aber das ist es ja angeblich nicht. Also hinsehen und nichtlesen …. Hinsehen und nichtlesen … (Ins Wasser springen und nicht schwimmen …). Wer lässt sich so etwas einfallen: Italo Calvino in seinem Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht.

Übrigens es gibt einen Twitter-Account: Nichtlesen

Das Wort nichtlesen taucht natürlich nicht im Duden auf. Es gibt nur nicht lesen. Aber nicht lesen ist etwas anderes als nichtlesen … nur so am Rande!

Breivik und Wagner

Am vergangenem Freitag, den 24. August 2012, wurde Anders Behring Breivik vom Osloer Amtsgericht entgegen dem Antrag der Staatsanwaltschaft für zurechnungsfähig erklärt und wegen Mordes an 77 Menschen zu 21 Jahren Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Es ist ein Urteil, das der Attentäter von Oslo und Utøya gewollt hat. Breivik nahm den Urteilsspruch im Gerichtssaal mit einem Lächeln auf. Der Angeklagte selbst hatte sich im Prozess vehement dagegen gewehrt, für unzurechnungsfähig erklärt zu werden. Mit diesem Urteil fand das Verfahren mehr als ein Jahr nach Breiviks Anschlägen ein Ende.

    Anders Behring Breivik

Zum Fall Breivik habe ich mich an anderer Stelle etwas ausführlicher geäußert (Zurück zur Normalität?), besonders zur Frage der Schuldfähigkeit. Unabhängig davon, ob Breivik jetzt ins Gefängnis muss oder bei zugestandener Unzurechnungsfähigkeit in die Psychiatrie gekommen wäre, er gilt für nicht heilbar und wird vermutlich nie wieder frei kommen. Das Ende der Sicherungsverwahrung ist zwar nicht festgelegt, wird aber in regelmäßigem Abstand überprüft werden. Das Gericht kann sie verlängern, „wenn die zeitlich begrenzte Strafe zum Schutz der Gesellschaft nicht ausreicht“.

Im genannten Beitrag schrieb ich u.a. auch: „Der forensische Psychiater Norbert Leygraf sieht Parallelen zum Fall Ernst August Wagner, der erste Fall in der württembergischen Rechtsgeschichte, bei dem ein Prozess wegen Unzurechnungsfähigkeit eingestellt wurde.“ Danach hält Leygraf den Attentäter Breivik also für unzurechnungsfähig.

Zum Fall Ernst August Wagner: Am Abend des 4. September 1913 tötete der Hauptlehrer Ernst August Wagner seine Frau und seine vier Kinder mit einem Knüppel. Später erschoss er dann zwölf (anderen Quellen nach: neun) weitere Menschen. Dieser Wagner spielt in der Erzählung Klein und Wagner von Hermann Hesse eine nicht unbedeutende Rolle.

    Ernst August Wagner, 1934

Noch einmal zum Tathergang: Am Abend des 4. September 1913 tötete der damals als Lehrer tätige Ernst August Wagner in Degerloch seine Frau und seine vier Kinder mit einem Knüppel. Er begründete die Morde damit, er wolle seiner Familie die Folgen seiner geplanten Tat und die folgenden Schrecken ersparen. Danach fuhr er mit dem Fahrrad nach Stuttgart und von dort mit der Bahn weiter nach Mühlhausen bei Vaihingen an der Enz. Auf dem Weg nach Mühlhausen gab Wagner noch mehrere Briefe auf. Nachts zündete er vier Häuser an verschiedenen Stellen an und wartete, bis die Menschen vor den Flammen flüchteten. Er erschoss dann wahllos zwölf Menschen, acht weitere wurden schwer verletzt. Wagner wurde schließlich überwältigt und in Heilbronn inhaftiert. Bei den folgenden Ermittlungen stellte sich heraus, dass Wagner noch plante, seine Schwester und deren Familie umzubringen und schließlich das Schloss in Ludwigsburg niederzubrennen und sich dabei im Bett der Herzogin selbst zu verbrennen. (Quelle: de.wikipedia.org)

Ähnlich wie Breivik hatte Wagner seine Taten lange vorbereitet. Und wie Breivik schrieb er ein seitenlanges Pamphlet, nämlich eine 300 Seiten lange Autobiographie. Wagner erklärte darin u.a.:

„Überall aber täte eine Sanierung der Menschheit not. […] Nach meinem Beobachten und Ermessen müsste ein starkes Drittel dran glauben, ja, ich meine, wir hätten dann erst das Gröbste weg. Wir schiffen zu sehr in übelriechenden Niederungen und müssen jetzt endlich den Ballast abwerfen, um in reiner, gesunder Region zu schweben. Ich habe ein scharfes Auge für alles Kranke und Schwache, bestellt mich zum Exekutor und kein Kommabazillus soll durchschlupfen. 25 Millionen Deutsche nehme ich auf mein Gewissen […].“

Im Prozess in Heilbronn stellten die Gutachter den Verfolgungswahn von Wagner fest. Man beschrieb Wagner als einen ernsten, gramgebeugten, aber höflichen und gebildeten Mann. Aus den jahrelangen Untersuchungen schloss man, „dass Wagners unterdrückte Homosexualität, die er gleich nach der Tat offenbarte, zu dessen pathologischen Ekel vor der Welt geführt habe. Statt zum Tode verurteilt zu werden, wurde Wagner am 4. Februar 1914 in die Heilanstalt Winnenthal bei Winnenden [sic!] eingewiesen. Erstmals in der württembergischen Rechtsgeschichte wurde damit ein Prozess wegen Unzurechnungsfähigkeit eingestellt.“

Während Breivik als Motiv für die Anschläge angab, Norwegen gegen den Islam und den „Kulturmarxismus“ verteidigen zu wollen, begründete Ernst August Wagner seine Taten mit der „geschlechtlichen Unnatur“, gegen die er ankämpfte. Er bezichtigte sich dabei der Sodomie, verweigerte aber jegliche Aussage zum Wie und mit Wem (Homosexuelle Praktiken, Unzucht mit Tieren oder doch nur Masturbation?). Die psychiatrischen Gutachten dürften aus heutiger Sicht umstritten sein und wirken „wie eine unfreiwillige Parodie auf gewisse Auswüchse der Psychoanalyse“ der damaligen Zeit.

In diesem Zusammenhang verweise ich auf einen sehr interessanten Artikel von Hans Schmid, der nicht frei ist von ironischen Untertönen: Schwaben-Amok, oder auch: Ich bin Sodomit. Und auch Mühlhausen, der Stadt des Wagner’schen Amoklaufs, gedenkt der ‚Mordbrennerei’ vom 4. September 1913 mit vielen Bildern (und weiterführenden Links).

Die Grenze zwischen Fanatismus und Wahn ist in Fällen wie denen des Ernst August Wagner und des Anders Behring Breivik kaum auszuloten. Eine gerichtliche Entscheidung ist also kaum eindeutig zu treffen, muss aber getroffen werden. Ein Urteil muss her. Im Fall Breivik spielen dann vielleicht auch ‚politische’ Überlegungen bei der Urteilsfindung eine Rolle. Nicht unbedeutend ist dabei, wie die Angehörigen von Breiviks Opfers den Richterspruch aufnehmen. Diese wirkten zwar nach Urteilsverkündung mitgenommen, aber zufrieden. „Dass Breivik für zurechnungsfähig erklärt wurde, ermöglicht den Familien, mit dem Geschehenen abzuschließen“, sagte Frode Elgesem, ein Anwalt der Hinterbliebenen.

TV-Team beim DRK-Suchdienst Standort München

„Seit 1945 forscht der DRK-Suchdienst nach verschollenen Menschen – zunächst natürlich vorwiegend nach solchen, die in den Wirren und Schrecken des Zweiten Weltkriegs verloren gingen. Auch heute noch wenden sich täglich bis zu 200 Hilfesuchende an das Deutsche Rote Kreuz, die Verwandte oder Bekannte suchen, die im Zweiten Weltkrieg und der aus ihm resultierenden Teilung Deutschlands verschollen sind. Und das sind immer noch rund 1,3 Millionen Menschen.“

„Aber das Betätigungsfeld des DRK-Suchdienstes hat sich erweitert: Neben der Suche und Zusammenführung von Familien im Rahmen von Spätaussiedlungen nach Deutschland betätigt sich der humanitäre Dienst zunehmend auch bei Katastrophen in der ganzen Welt – seien sie Naturkatastrophen oder kriegerische Auseinandersetzungen, wie in Afghanistan, einem der Schwerpunkte der derzeitigen Arbeit.“ (Quelle: Bayerischer Rundfunk)

DRK Suchdienst Standort Hamburg: Familienzusammenführung

Am Dienstag, den 24. Juli, sendete der Bayerische Rundfunk in seinem dritten Fernsehprogramm u.a. in der Abendschau ab 18 Uhr einen Beitrag über den DRK-Suchdienst in München.


TV-Team (Bayern 3) beim DRK-Suchdienst Standort München

Weitere Videos: Lifeteam aus München I DRK-SuchdienstLiveteam aus München II: Eine gute Bilanz

Neben den DRK-Suchdienst in München gibt es auch noch den Standort Hamburg, der seit mehr als 65 Jahren über Ländergrenzen hinweg Familien wieder zusammenbringt. Die Mitarbeiter dort beraten vor allem Spätaussiedler und deren Familienangehörige.

Warum schreibe ich das? Nun ich bin Mitarbeiter beim Standort Hamburg und dort als Datenbankadministrator tätig. Insgesamt bin ich jetzt schon seit über 20 Jahren beim DRK-Suchdienst beschäftigt.

Döör de Döör döör

He geiht döör de Döör döör … Er geht durch die Tür durch – nichts anderes bedeutet dieser Singsang auf Hochdeutsch. Natürlich ist es Niederdeutsch, also Plattdeutsch. Da das Plattdeutsche keinen Duden kennt, ist die Schreibweise nicht immer eindeutig (de Döör könnte sich also auch nur mit einem Ö schreiben oder mit ÖH, auf jeden Fall wird es wie ein langes Ö gesprochen), ganz abgesehen von den regionalen Unterschieden (da gibt es für ‚dör’ auch ‚dörch’).

    Plattdeutsch - Plattdüütsch

„Als »niederdeutsch« oder »plattdeutsch« bezeichnet man Mundarten nördlich der sog. »Benrather Linie«, einer Dialektgrenze, die bei Benrath in der Nähe von Düsseldorf den Rhein überquert und entlang des Mittelgebirgsaums bis Frankfurt/Oder verläuft. Alle Mundarten, die nördlich dieser Grenze gesprochen werden, sind von einer Neuerung im Bereich des Konsonantismus ausgenommen, die sich im 7./8. Jahrhundert durchzusetzen begann. Betroffen von dieser Neuerung (Fachterminus: 2. Lautverschiebung) sind vor allem die Verschlußlaute p, t, k. In den hochdeutschen Mundarten (und selbstverständlich auch in der hochdeutschen Standardsprache) wurden diese je nach Stellung im Wort zu den Reibelauten pf/f, ts/s, und ch »verschoben«, während sie in den niederdeutschen Mundarten erhalten blieben. So heißt es im Niederdeutschen planten, maken und Tung‘ gegenüber hochdeutschem pflanzen, machen und Zunge.“ (Quelle: uni-potsdam.de)

Das Plattdeutsch klingt daher um einiges weicher, was sich besonders bei Schimpfwörtern ‚positiv’ auswirkt. So ist z.B. ein Klugscheißer auf Plattdeutsch ein Klokschieter. Und das böse S…-Wort heißt eben Schiet – ähnlich dem englischen shit – nur mit langem I. Und einige Wörter sind einfach zu herrlich wie z.B. Fellversupen für das Trinken nach einem Begräbnis (das Fell versaufen) oder Schietinnebüx für Angsthase (Hosenscheißer).

Leider bin ich des Plattdeutschen nicht mächtig. Lesen kann ich es ganz gut. Beim Hören gibt es schon größere Aussetzer – und Sprechen geht fast gar nicht. Trotzdem liebe ich diese leider zunehmend bedrohte Sprache/Mundart, da immer weniger Menschen Plattdeutsch sprechen. Nichts gegen das Hochdeutsche. Aber Platt- oder Niederdeutsch hat so seinen ganz besonderen Charme. Und wenn es ausstirbt, verlieren wir etwas. Immerhin ‚überlebt’ das Plattdeutsche in Einzelbegriffen, in Wörtern wie klönen und schnacken für sprechen, sich unterhalten – oder speziell in Orts- und Straßennamen (Töster Markt für den Tostedter Flohmarkt).

Ja, ich komme hier immer wieder aufs Plattdeutsche zu sprechen und vergesse dabei auch andere bedrohte Mundarten und Sprachen nicht (Bedrohte Sprache: HalunderBedrohte Sprachen in DeutschlandHannes Wader: Plattdeutsche LiederKomm inne Puschen!Schottland 2005: Gälisch). Wer bisschen in der Weltgeschichte herumreist (und dazu genügt das Reisen in deutschen Landen) und neben dem Land auch mit den Menschen in Kontakt kommt, der stolpert geradezu über ‚Abweichungen’ der jeweiligen Hochsprache in Form von Dialekten. Schön, dass es sie gibt.

Nun, ich habe etwas im Netz geguckt, was es da so Feines zum Thema Plattdeutsch gibt und habe einige Links zusammengestellt. Wer Lust hat, kann hier wunderbar stöbern (stövern nennt man das wohl auf Plattdeutsch):

Komm inne Puschen!

„Abfahrt auf Gleis ölf!“. Als ich das hörte, dachte ich, oje, ölf wie zwölf, oder? Wo kommt der gute Zugbegleiter bloß her? Aber ganz klar: aus Bremen! Es war wohl noch in der Grundschule, als mich meine Lehrerin, die ansonsten eine ganz nette und liebe war, korrigierte, denn auch ich sagte damals ölf statt elf. Das hat sich bei mir gewissermaßen festgefressen, ab da hieß es bei mir nur noch ELF. Mit vier ein halb Jahren war ich mit meinen Eltern und Geschwistern aus Pforzheim nach Bremen gekommen und sprach einen schwäbischsüdfränkischen Dialekt, sodass mich keiner in hohen Norden richtig verstand. Diesen Dialekt legte ich schnell ab und nahm – völlig unbewusst – den Bremer Dialekt an … Es ist schon erstaunlich, wie schnell man als Kind eine solche Sprache annimmt.

Der Bremer Dialekt (bremisch: Bremer Schnack, auch: Bremer Snak) ist eine in Bremen verbreitete Umgangssprache, genauer: es ist Missingsch, eine Mischsprache aus Hoch- und Niederdeutsch und dadurch entstanden, dass „niederdeutsche Muttersprachler Standarddeutsch zu sprechen versuchten“. Oft wird der niederdeutsche Satzbau beibehalten und volkstümliche Lehnübersetzungen niederdeutscher Wendungen ins Standarddeutsche übertragen (z.B. Schnacken von snacken für sprechen, reden). In Hamburg gibt es ein ähnliches Messingsch (und Käpt’n Blaubär spricht es auch: Moin-Moin, Kinners!).

Was mich allerdings am meisten überrascht, ist die Feststellung, dass ich auch heute noch viele Begriffe des Bremer Schnack nicht nur verstehe, sondern tatsächlich spreche (zumindest im Wortschatz habe). Und ich habe lange Zeit ziemlich stark genuschelt und Buchstaben – besonders die letzte Silbe eines Wortes – ‚verschluckt’ (Brem’n statt Bremen) – beides sind Charakteristika des Bremer Dialektes. „Man sagt auch: ‚Der Bremer Dialekt kann mit wenig Kraftanstrengung gesprochen werden – man braucht die Zähne ja nicht auseinander zu machen.’ Die Intonation mehrsilbiger Wörter fällt oft nach der ersten Silbe ab.“ (Quelle: de.wikipedia.de). Ich musste mir angewöhnen, ‚die Zähne weiter auseinander zu bekommen’.

Natürlich s-tolpern Bremer auch gern über den s-pitzen S-tein (hängt mit dem Niederdeutschen, also Plattdeutschen zusammen). Allerdings gibt es eine wenig nachvollziehbare ‚umgekehrte Regel’, aufgrund der ST und SP in Fremd- und Lehnwörtern englischer oder vermeintlich englischer Herkunft wie SCHT bzw. SCHP ausgesprochen werden, z.B. Illuschtrierte oder Pischtole.

Während der schwäbisch-südfränkischen Dialekt, mit dem ich sprechen gelernt hatte, aus dem Oberdeutschen stammt, verwendet der Bremer Dialekt wie gesagt niederdeutsche Elemente.

Es gibt also Wörter und Sätze, die ich heute durchaus noch verwende: So heißt z.B. backen auch kleben (Der Zuckerguss backt wie Teufel), und verschüttet man ein Getränk, so plörrt man (zu dünn geratener Kaffee ist eine Plörre). Und wenn jemand nicht in Gang kommt, so fordert man ihn zur Eile auf: Hau ma’ ’n Schlach ran (Hau’ einmal einen Schlag ’ran) oder: Komm inne Puschen (Komm’ in die Puschen = Filz-Hausschuhe). Einen Putzlappen nenne ich so auch heute noch Feudel und aufwischen ist feudeln. Nur die Elf ist bei mir keine Ölf mehr oder die Birne keine Bürne bzw. die Kirsche keine Köhrsche mehr.

siehe auch: weser-kurier.de – Bremer Mundart gerät in Vergessenheit

Volker Ernsting: Bremer Freimarkt
Volker Ernsting: Bremer Freimarkt

Ischa Freimaak!
Bedrohte Sprache: Halunder
Bedrohte Sprachen in Deutschland

Zurück zur Normalität?

Das Interesse der Norweger an dem Prozess gegen den Attentäter Anders Behring Breivik, der im vergangenen Sommer 77 Menschen getötet hatte – 8 starben nach einer Bombenexplosion im Osloer Regierungsviertel, 69 weitere bei seinem Amoklauf auf der kleinen Insel Utøya.-, wird immer geringer. Breivik präsentiert sich armselig und von Selbstmitleid geplagt. Öfter schon wurde er von der Staatsanwaltschaft bloßgestellt und in seinen Allmachtsvorstellung lächerlich gemacht. Der selbst ernannte „Retter Norwegens“ demaskiert sich selbst und offenbart seinen offensichtlichen Kern, den eines „gesellschaftlichen Verlierers, der sich in eine rechtsextreme Wahnwelt versponnen hat und aus Mordlust und Kompensation für sein armseliges Leben Menschen tötete.“ (Quelle: welt.de).

Wer in Norwegen nicht direkt betroffen ist, wendet sich ab und hofft nur, dass dieser klägliche Versager für immer hinter verschlossenen Türen verriegelt bleibt. Man will Abstand gewinnen und zur Normalität zurückkehren.

Anders Behring Breivik

Auch Anders Behring Breivik ist um ‚Normalität’ bemüht. Für ihn gilt, als zurechnungsfähig zu gelten, denn er will auf keinen Fall in die Psychiatrie. So gibt er sich ruhig und bedacht. Seine zuvor gestellten, reichlich absurden Bedingungen, um Aussagen zu seinen Taten zu machen, z.B. die Auflösung des norwegischen Parlaments, zog er zurück. Dem Gericht liegen zwei widersprüchliche psychiatrische Gutachten über den Geisteszustand Breiviks vor. Im ersten wird er als paranoid-schizophren und damit schuldunfähig, im zweiten als voll zurechnungsfähig und nicht psychotisch bezeichnet. Breivik leide danach allerdings an einer narzisstischen und asozialen Persönlichkeitsstörung und habe ein falsches Selbstbildnis. Die Frage der Zurechnungsfähigkeit entscheidet darüber, ob der 33-Jährige für 21 Jahre ins Gefängnis oder in eine psychiatrische Anstalt kommt.

Der Fall Breivik ist ein besonderer Fall. Nach dem ersten Schein haben wir es hier zum einen mit einem politisch motivierten Attentäter zu tun, zum anderen mit einem Amokläufer, der auf der Insel Utøya alles niedergeschossen hat, was sich bewegte (siehe hierzu meine Beiträge Amok und Spurensuche). Ich schreibe ‚nach dem ersten Schein’, denn die politischen Motive kommen eher einem Wahn gleich und der ‚Amoklauf’ ist untypisch, auch wenn sich der Täter hier in eine Art Blutrausch gesteigert haben muss. Am Ende ließ sich Breivik widerstandslos verhaften.

Aus der Ferne ist Breivik natürlich nur ungenau zu beurteilen. Der Gerichtspsychiater Reinhard Haller siedelt den Fall an der Grenze zwischen Fanatismus und Wahn an. Für den Kriminalpsychologen Prof. Rudolf Egg hat Breivik „in jedem Fall eine Persönlichkeitsstörung“. Beide halten Breivik für nicht heilbar und plädieren für eine lebenslange Unterbringung, egal ob nun im Gefängnis oder in der psychiatrischen Anstalt. Der forensische Psychiater Norbert Leygraf sieht Parallelen zum Fall Ernst August Wagner, der erste Fall in der württembergischen Rechtsgeschichte, bei dem ein Prozess wegen Unzurechnungsfähigkeit eingestellt wurde. Leygraf unterstützt also eher das erste Gutachten.

Ob Breivik nun zurechnungsfähig ist oder nicht, soll nun der Prozess entscheiden, der auf zehn Wochen angelegt ist. Eines wird aber zunehmend deutlich: Vieles von dem, was Breivik erzählt, gibt es wohl nur in seinem Kopf. So beschwert es sich, die Anklägerin wolle ihn als geisteskrank darstellen. Die Fragen über seinen psychischen Zustand dienten nur dazu, ihn und seine extreme Ideologie zu diskreditieren.

Von Normalität wird man im Gerichtssaal in den nächsten Wochen kaum sprechen können …

siehe u.a. auch meine Beiträge:

Bestie Mensch
Schießwut und Waffenwahn
Die Spitze des Eisbergs
Rechtes Schattenland
Herr und Knecht

Letzte Worte

In dem Buch Das Leben, das mich stört von Rotraut Hackermüller, in dem wir von der Erkrankung und dem Sterben Franz Kafkas erfahren, von seinen letzten Lebensjahren, lesen wir auch von Kafkas letzten Worten, die von seinem Freund und Förderer Max Brod belegt wurden:

Am 3, Juni 1924 zur Mittagszeit starb Franz Kafka: Als sich Klopstock [ein Freund] vom Bett entfernt, um die Spritze zu reinigen, bittet er: „Gehen Sie nicht fort.“ Der Freund beruhigt ihn. „Ich gehe ja nicht fort.“ „Aber ich gehe fort“, erwidert Kafka und schließt die Augen.

Letzte Worte, wenn dem Sterbenden sein letztes Stündlein schläft, haben sicherlich nur einen bedingten Stellenwert in der Literatur. Ein letzter Satz wird selten die Quintessenz dessen sein, was das Lebenswerk eines Menschen ausmachte. Ein Lästerer wie Mark Twain kommt so zu folgendem Entschluss: „Ein Mann, der etwas auf sich hält, sollte seine letzten Worte beizeiten auf einen Zettel schreiben und dazu die Meinung seiner Freunde einholen. Er sollte sich damit keinesfalls erst in seiner letzten Stunde befassen und darauf vertrauen, dass eine geistvolle Eingebung ihn just dann in die Lage versetzt, etwas Brillantes von sich zu geben und mit Größe in die Ewigkeit einzugehen.“Mark Twain, The Last Words Of Great Men, in: The Curious Republic of Gondour and Other Whimsical Sketches, 1869

Mit Größe in die Ewigkeit eingehen, das bezieht sich natürlich nicht nur auf letzte Worte, sondern auf das ganze Verhalten im Sterbemoment. Aufrecht soll es sein (wenn vielleicht auch liegend), ohne Klagen und ebenso ohne Anklagen. Vielleicht wäre Schweigen das Beste.

Natürlich werden nicht alle letzten Worte festgehalten, manch eine(r) stirbt unverhofft. Manchmal liegen zwischen einem letzten Wort, das alles sein sollte, nur kein letztes Wort, und der Sterbesekunde Stunden. Und manches letzte Wort bleibt ungehört oder unverstanden.

    Jesu letzte Worte

von Babsi & Scholem Alejchem

Wenn es um letzte Worte geht, wird immer gern Johann Wolfgang von Goethe zitiert, der am 22. März 1832 starb: „Mehr Licht!“ soll er gesagt haben, was real, aber auch metaphorisch gedeutet werden kann. Gerade dieses „Mehr Licht!“ ist umstritten, denn Goethe stammte aus Frankfurt/Main, „war nämlich, wie er in ‚Dichtung und Wahrheit‘ schreibt, ‚in dem oberdeutschen Dialekt geboren und erzogen’, er sprach Frankfurterisch.“ (Quelle: noth.net) So erzählt man sich in seiner Heimatstadt Frankfurt, dass Goethe eigentlich „Mer lischt [hier so schlescht].“ sagen wollte, also auf Hochdeutsch: „Man liegt [hier so schlecht].“

Nun nicht nur große Frauen und große Männer äußern am Schluss letzte Worte. Jeder Mensch, der einmal gesprochen hat (oder geschrieben), wird ein letztes Gesprochenes (oder Geschriebenes) von sich gaben. Für manchen Hinterbliebenen werden sich diese letzte Worte sicherlich einbrennen. In den meisten Fällen wird man sie schnell vergessen, selbst wenn es sich nicht nur um Belanglosigkeiten (wie schlechtes Liegen) handeln sollte, da nicht nur den letzten Worten, sondern auch den Urhebern jegliche literarische Relevanz abzusprechen ist.

Ich will es nicht unbedingt Mark Twain gleichtun, um beizeiten meine letzten Worte zu bedenken. Aber es hätte schon etwas, sein ganzes Leben gewissermaßen auf den Punkt zu bringen. „Wie gut, es war nicht alles Kacke!“, klingt vielleicht unangemessen angesichts des Todes, aber sicherlich treffend (Vielleicht sollte ich mir das weltweite Copyright © an diesem Spruch sichern). Eine treffliche Auswahl letzter Worte finden wir bei de.wikiquote.org – siehe auch letzte-worte.de (für jeden ist bestimmt etwas dabei).

Heinrich von Kleist zum 200. Todestag: Michael Kohlhaas

Während unseres diesjährigen Urlaubs im Brandenburgischen machten wir auch einen Abstecher nach Frankfurt/Oder. Und es war nicht zu übersehen: 2011 ist Kleist-Jahr anlässlich seines 200. Todestages am 21. November. Kleist wurde 1777 in Frankfurt/Oder geboren.

Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist (* 18. Oktober, nach Kleists eigenen Angaben 10. Oktober 1777 in Frankfurt (Oder); † 21. November 1811 am Stolper Loch, heute Kleiner Wannsee (Berlin)) war ein deutscher Dramatiker, Erzähler, Lyriker und Publizist. Kleist stand als „Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit […] jenseits der etablierten Lager“ und der Literaturepochen der Weimarer Klassik und der Romantik. Bekannt ist er vor allem für das „historische Ritterschauspiel“ „Das Käthchen von Heilbronn“, seine Lustspiele „Der zerbrochne Krug“ und „Amphitryon“, das Trauerspiel „Penthesilea“ sowie für seine Novellen „Michael Kohlhaas“ und „Die Marquise von O…“

Heinrich von Kleist war ein leidenschaftlicher Dichter mit einem überschäumenden Temperament, ein Querdenker und Revolutionär mit einem „Hang“ zu sinnloser Gewalt – und ein Stotterer. Er war unstet, ruhelos, ohne festen Wohnsitz. Und er war angetan vom Gedanken der Freiheit. Am 21. November 1811 nahm er sich mit seiner Freundin Henriette Vogel das Leben, denn „die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war.“ So Kleist in seinem Abschiedsbrief.

Video auf zdf.de: Vor 200 Jahren erschoss sich Kleist

    Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel

Ich hatte das „Glück“, in der Schule von Kleist verschont geblieben zu sein. Gibt es etwas Schlimmeres als Kleists ‚Michael Kohlhaas’, diese Bandwurmsätze, bei denen man am Ende nicht mehr weiß, was man am Anfang gelesen hat? Eine Sprache, die antiquierter nicht sein kann?

Ich bin über die Lektüre von Franz Kafka zu Heinrich von Kleist gekommen. Kafka war ein großer Verehrer der Erzählungen von Kleist. Und so habe ich mich zum ersten Mal vor über 40 Jahren an den Michael Kohlhaas, die Marquise von O. und all die anderen Erzählungen gewagt. Nur drei Jahre später las ich dann den ‚Michael Kohlhaas’ erneut. Meine heutige Frau, die damals die Abendschule besuchte, musste eine Interpretation über diese Erzählung schreiben. Und dann auch noch einen dieser für Kleist typischen Schachtelsätze mit einer Länge von mehr als einer Seite grammatikalisch auseinanderpflücken. Dazu morgen etwas mehr. Hier zum Inhalt der Erzählung:

„Der im Brandenburgischen lebende, angesehene Rosshändler Michael Kohlhaas reitet mit einer Koppel Pferde nach Sachsen. Unterwegs wird er jedoch an der Burg des Junkers Wenzel von Tronka mit der willkürlichen Forderung nach einem Passierschein aufgehalten. Nachdem Kohlhaas in Dresden feststellt, dass es einen solchen Passierschein nicht gibt, erfährt er bei seiner Rückkehr, dass seine beiden als Pfand zurückgelassenen Pferde durch den Einsatz in harter Feldarbeit abgemagert und damit wertlos geworden sind.“ (Quelle: de.wikipedia.de)

Kohlhaas versucht zunächst sein Recht durch Klage zu erlangen. Doch dank der Vetternwirtschaft der Tronkas („Hinz und Kunz“) wird diese abgewiesen. Als auch noch seine Frau beim Versuch, ihrem Mann Gehör zu verschaffen, den Tod findet, greift Michael Kohlhaas zur Selbstjustiz und beginnt einen Rachefeldzug gegen den Junker. Dieser kann aber immer wieder entkommen. So legt Kohlhaas mit seinem wachsenden Heerhaufen Wittenberg in Schutt und Asche, weil die Stadt den Junker nicht ausliefern will.

Die verwickelte Geschichte endet damit, dass in einem erneuten Prozess der Junker von Tronka zwar auf Schadensersatz, Kohlhaas aber zugleich wegen Landfriedensbruch zum Tode verurteilt wird.

Wer war nun dieser Michael Kohlhaas, was stellt er dar? War er nur ein unverbesserlicher Querulant, der sogar über Leichen zu gehen bereit ist, um zu seinem Recht zu kommen? Ernst Bloch nennt ihn in seinem Aufsatz „Über den Begriff Weisheit“ (1953) den „Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität“. In ihm glühe „der Paragraph eines vorhandenen Gesetzes so, als wäre göttliches Recht darin“. Kohlhaas sei nur deshalb anderes als ein neurotischer Querulant, weil er „auf die Befolgung eines Paragraphen so rebellisch“ dränge, „als wäre hier Naturrecht, ja ein Glanzstück von Naturrecht“. So will der Pferdehändler sich für die erlittene Kränkung seines Rechts nicht Genugtuung um ihrer selbst willen verschaffen, sondern fühlt sich „der Welt in der Pflicht verfallen“, will „Sicherheit für zukünftige“ – vor zukünftigen Rechtsbeugungen – „seinen Mitbürgern verschaffen“. Noch im Zustand der „Verrückung“ ist es Kohlhaas um die „Errichtung einer besseren Ordnung der Dinge“ zu tun. Und am Ende geht seine Sehnsucht nach „anderen Menschen, als die er kannte.“ (aus dem Nachwort von Rolf Tiedemann: Ein Traum von Ordnung –
Ausgabe: Insel-Verlag Frankfurt am Main – insel taschenbuch 247 – 1. Auflage 1977)

Franz Kafka, Jurist im Brotberuf und als solcher in der „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen“ tätig, schrieb in einem seiner Briefe (wohl in „Briefe an Felice“):

„Gestern abend habe ich Dir nicht geschrieben, weil es über Michael Kohlhaas zu spät geworden ist, den ich in einem Zug gelesen habe. Wohl schon zum zehnten Male. Das ist eine Geschichte, die ich mit wirklicher Gottesfurcht lese, ein Staunen faßt mich über das andere, wäre nicht der schwächere Schluß, es wäre etwas Vollkommenes, jenes Vollkommene, von dem ich gern behaupte, daß es nicht existiert.“

Der schwächere Schluss wird sich wohl auf das Eingreifen der geheimnisvollen Zigeunerin, in der Kohlhass’ tote Frau wiederkehrt, beziehen. Diese sorgt auf geheimnisvolle Weise für die Wiederherstellung der Gerechtigkeit und für das Abgleiten der Erzählung ins Märchenhafte.

Sicherlich ist Selbstjustiz nie zeitgemäß gewesen. Kohlhaas schöpft bis zuletzt alle Möglichkeiten aus, um zu seinem Recht zu kommen. Erst als der Staat seiner Pflicht, Gerechtigkeit zu schaffen, nicht nachkommt, nimmt Kohlhaas selbst das Gesetz in die Hand. Da es dabei längst nicht mehr allein um Schadensersatz, sondern um Gerechtigkeit, ja um die „Errichtung einer besseren Ordnung der Dinge“ geht, ist das Tun Kohlhaas’ auch als revolutionärer Akt zu verstehen. Lässt sich Kohlhaas so vielleicht mit der RAF vergleichen?

Bühnenstücke, Erzählungen und weitere Werke im Projekt Gutenberg und als Bücher/Audio-CD Heinrich von Kleist