Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

E. L. Doctorow: Ragtime

Heute feiert der US-amerikanischer Schriftsteller und Publizist Edgar Lawrence Doctorow (* 6. Januar 1931 in New York City), der zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren der USA zählt, seinen 81. Geburtstag. In Deutschland wurde Doctorow bisher vor allem durch seine Romane Ragtime und „Billy Bathgate“ bekannt. Beide Romane wurden auch verfilmt, Ragtime 1981 von Miloš Forman (u.a. mit James Cagney in seiner letzten Rolle), zwischen der Formans Musicalverfilmung Hair (1979) und der Mozart-Biografie Amadeus (1984).

Leider ist der Film zz. nicht (oder überteuert) in deutscher Sprache erhältlich, hier ein kurzer Trailer bzw. weitere Ausschnitte:


Ragtime – Trailer

Auf den Roman Ragtime bin ich durch meine Recherche zu der Erzählung Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist gestoßen. Von der Verfilmung hatte ich zwar gehört, dachte aber wohl, es sei ein Musik- bzw. Musikerfilm.

Ragtime ist ein historischer Roman, der fiktive Charaktere mit historischen Persönlichkeiten verbindet, und 1975 veröffentlicht wurde. Er spielt im New York des anbrechenden 20. Jahrhunderts und verwebt drei Handlungsebenen. Der erste Erzählstrang konzentriert sich auf Figuren wie „Mutter“, „Vater“ oder „Mutters jüngerer Bruder“, die eine wohlhabende US-amerikanische Familie der damaligen Zeit darstellen sollen. Der Roman wird (wenigstens teilweise) aus der Sicht „des kleinen Jungen“ dieser „Familie“ geschrieben, allerdings in 3. Person Einzahl. Der zweite Erzählstrang handelt von jüdischen Einwanderern „Tate“ (Tateh) und Mamme (Mameh) in der Lower East Side. Im Mittelpunkt des dritten Erzählstrangs steht das Leben des Afro-Amerikaners Coalhouse Walker Jr., der ähnlich wie in der Erzählung Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist im Streben um soziale Gerechtigkeit scheitert: Als sein Auto, das legendäre Ford-Modell T, von weißen Rassisten demoliert wird, versucht er auf juristischem Weg Schadenersatz zu erlangen. Doch die Gesellschaft verweigert ihm seine verfassungsmäßigen Rechte. Seine Verlobte, die beim Vizepräsidenten der USA um Hilfe bittet, wird von Leibwächtern schwer verletzt und stirbt. Walker sammelt eine Gruppe desillusionierter schwarzer Jugendlicher um sich und startet als bewaffneter Revolutionär einen Rachefeldzug. Er gipfelt in der Besetzung der mit Kunstschätzen angefüllten Bibliothek des Großbankiers John P. Morgan. Der Vorname Coulhouse ist als literarische Referenz an die Erzählung von Kleist zu sehen. Doctorow hält sich in vielen Handlungsmomenten sehr dicht an der Vorlage, sodass sogar von einem Plagiat die Rede war. Nur das Ende von Coalhouse Walker ist anders. Die Polizei macht kurzen Prozess mit ihm, wie es die Amerikaner meist mit vermeidlichen Terroristen zu machen belieben.


New Rochelle/NY, Broadview Avenue – Wohnort der ‘Familie’

Im ganzen Buch treten historische Persönlichkeiten auf, unter anderem der Financier John Pierpont Morgan, der Automobilhersteller Henry Ford, die Schauspielerin Evelyn Nesbit, die Anarchistin Emma Goldman oder der Entfesselungskünstler Harry Houdini. Die Psychoanalytiker Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und Sándor Ferenczi befinden sich 1909 auf einer Dienstreise in die Vereinigten Staaten.

Die Handlungsstränge sind immer wieder miteinander verwoben. Im Mittelpunkt steht dabei die Familie (mit Vater, Mutter und Mutters jüngerem Bruder), deren Wege sich sowohl mit Coalhouse Walker, am Ende auch mit dem jüdischen Einwanderer Tate kreuzen (nach dem Tod von Vater heiratet Mutter sogar Tate).

Nicht umsonst zählt das Time Magazine „Ragtime“ zu den 100 besten englischsprachigen Romanen des 20. Jahrhunderts. Das in sich komplexe Werk führt uns in das Amerika der Zeit vor dem ersten Weltkrieg und lässt dabei reale wie erfundene Episoden gekonnt miteinander verschmelzen. Doctorow schreibt mit viel Witz und Ironie und bedient sich geschickt verschiedener Metaphern. Der Roman ist eine gelungenen Mischung aus Nostalgie, Unterhaltung und Sozialkritik: Einfach lesenswert und daher wärmstens zu empfehlen.

„Warum kommen einem Doctorows Bilder wahrer vor als die Wirklichkeit? Weil sich alles in ihnen widerspiegelt, was sich in den rund hundert letzten Jahren an wahrhaft Bedeutendem und Dramatischem in Amerika abgespielt hat. Diese Bilder sind herrlich in ihrer konkreten, unmittelbaren Art.“
The New York Times Book Review

Vorweihnachtszeit (10): Weihnachten 1932 in Wasserburg/Bodensee

Die Bescherung fand, weil auf das Klavier nicht verzichtet werden konnte, im Nebenzimmer statt. Das heißt, Josef und Johann hatten erst Zutritt, als der Vater am Klavier Stille Nacht, heilige Nacht spielte. Der Einzug ins Nebenzimmer geschah durch zwei Türen: von der Wirtschaft her zogen, ihre Gläser in der Hand, die vier letzten Gäste hinter Elsa herein. Hanse Luis, der Schulze Max, Dulle und Herr Seehahn. Durch die Tür vom Hausgang her zogen Josef, Johann, Niklaus und der Großvater ein. Zuletzt Mina, die Prinzessin und die Mutter, sie kamen aus der Küche.

Immer an Weihnachten trug Herr Seehahn am grünen Revers seiner gelblichen Trachtenjacke den Päpstlichen Hausorden, den er bekommen hatte, weil er als Marinerevolutionär in München zum päpstlichen Nuntius, den er hätte gefangen nehmen sollen, gesagt hatte: Eminenz, wenn Sie mit mir kommen, sind Sie verhaftet, wenn Sie die Hintertür nehmen, sind Sie mir entkommen.

Dulle war wohl von allen am weitesten von seiner Heimat entfernt. Dulle war aus einem Ort, dessen Name in Johanns Ohren immer klang, als wolle man sich über Dulle lustig machen. Niemals hätte Johann in Dulles Gegenwart diesen Namen auszusprechen gewagt. Buxtehude. Dulle sprach anders als jeder andere im Dorf. Er hauste in einem Verschlag bei Frau Siegel, droben in Hochsträß, direkt an der frisch geteerten Landstraße. Dulle war Tag und Nacht unterwegs. Als Fischerknecht und als Durstiger. Oder hinter Fräulein Agnes’ Katzen her. Adolf behauptete, Dulles Verschlag, Wände und Decke, sei tapeziert mit Geldscheinen aus der Inflation. Hunderttausenderscheine, Scheine für Millionen, Milliarden, Billionen. Eine Zeitung habe, sagte Adolf, 1923 sechzehn Milliarden Mark gekostet. Immer wenn Johann von dieser Inflation etwas hörte, dachte er, das Land hat Fieber gehabt damals, 41 oder 42 Grad Fieber müssen das gewesen sein.

Der Schulte Max war nirgendwo her beziehungsweise überall her, eben vom Zirkus. Er nächtigte im Dachboden des von zugezogenen Fischerfamilien bewohnten Gemeindehauses, und zwar auf einem Lager aus alten Netzen.

Verglichen mit den Schlafstätten von Dulle und Schulze Max, war das, was Niklaus droben im Dachboden als Schlafstatt hatte, eine tolle Bleibe. Niklaus hatte ein richtiges Bett so mit alten Schränken umstellt, daß eine Art Zimmer entstand. Niklaus war für Johann interessant geworden, als Johann ihm einmal zugeschaut hatte, wie er seine Fußlappen über und um seine Füße schlug und dann in seine Schnürstiefel schlüpfte. Die Socken, die Mina ein Jahr zuvor für Niklaus gestrickt und unter den Tannenbaum gelegt hatte, hatte er einfach liegen lassen. Als Mina sie ihm in die Hand drückten wollte, hatte er den Kopf geschüttelt. Niklaus sprach selten. Mit Nicken, Kopfschütteln und Handbewegungen konnte er, was er sagen wollte, sagen. Wenn er meldete, daß Freifrau Ereolina von Molkenbuer drei Zentner Schwelkoks und Fräulein Hoppe-Seyler zwei Zentner Anthrazit bestellt hatten, merkte man, daß er keinerlei Sprachfehler hatte. Er sprach nicht gern. Sprechen war nicht seine Sache.

Unterm Christbaum lagen für Josef und Johann hellgraue Norwegerpullover, fast weiß und doch nicht weiß, silbergrau eigentlich. Mit graublauen, ein bißchen erhabenen Streifen. Aber auf der Brust zwei sehr verschiedene Muster, eine Verwechslung war zum Glück ausgeschlossen. Josef zog seinen sofort an. Johann hätte seinen lieber unterm Christbaum gesehen, aber weil alle sagten, er solle seinen doch auch probieren, zog er ihn an. Johann mußte, als er spürte, wie ihn dieser Pullover faßte, schnell hinaus, so tun, als müsse er auf den Abort, aber er mußte vor den Spiegel der Garderobe im Hausgang, er mußte sich sehen. Und er sah sich, silbergrau, fast bläulich erhabene Streifen, auf der Brust in einem Kreis ein Wappen. Königssohn, dachte er. Als er wieder hineinging, konnte er nicht ganz verbergen, wie er sich fühlte. Mina merkte es. Der steht dir aber, sagte sie.

Dieser Pullover waren aus dem Allgäu gekommen, von Anselm, dem Vetter genannten Großonkel.

Zu jedem Geschenk gehörte ein Suppenteller voller Plätzchen, Butter-S, Elisen, Lebkuchen, Springerle, Zimtsterne, Spitzbuben, Makronen.

Die Mutter sagte zu Mina hin und meinte die Plätzchen: Ich könnt ’s nicht. Johann nickte heftig, bis Mina bemerkte, daß er heftig nickte. Er hatte letztes Jahr von Adolfs Plätzchenteller probieren dürfen. Bruggers Plätzchen schmeckten alle gleich, von Minas Plätzchen hatte jede Sorte einen ganz eigenen Geschmack, und doch schmeckten alle zusammen so, wie nur Minas Plätzchen schmecken konnten. In diesem Jahr lag neben Johanns und Josefs Teller etwas in Silberpapier eingewickeltes Längliches, und aus dem Silberpapier ragte ein Fähnchen, darauf war ein rotes Herz gemalt und hinter dem Herz stand –lich. Über dem Herz stand: Die Prinzessin grüßt. Josef probierte schon, als Johann noch am Auspacken war. Nougat, sagte er. Richtig, sagte die Prinzessin. Toll, sagte Josef. Johann wickelte seine Nougatstange unangebissen wieder ein.

Für Mina und Elsa gab es Seidenstrümpfe. Beide sagten, daß das doch nicht nötig gewesen wäre. Für Mina lag noch ein Sparbuch dabei. Mit einem kleinen Samen, sagte die Mutter. Bei der Bezirkssparkasse. Die gehe nicht kaputt. Mina sagte kopfschüttelnd: O Frau, vergelt ’s Gott! Für die Prinzessin lagen mehrere Wollstränge in Blau unter dem Baum. Sie nahm sie an sich, salutierte wie ein nachlässiger Soldat mit dem Zeigefinger von der Schläfe weg und sagte: Richtig. Und zu Johann hin: Du weißt, was dir bevorsteht. Johann sagte auch: Richtig! Und grüßte zurück, wie sie gegrüßt hatte. Er mußte immer abends die Hände in die Wollstränge stecken, die die Prinzessin dann, damit sie nachher stricken konnte, zum Knäuel aufwickelte. In jeder feien Minute strickte sie für ihren Moritz, den sie einmal im Monat in Ravensburg besuchen durfte; aber allein sein durfte sie nicht mit dem Einjährigen. Die Mutter des Siebzehnjährigen, der der Kindsvater war, saß dabei, solange die Prinzessin da war. Nach jedem Besuch erzählte die Prinzessin, wie die Mutter des Kindsvaters, die selber noch keine vierzig sei, sie keine Sekunde aus den Augen lasse, wenn sie ihren kleinen Moritz an sich drückte. Die Prinzessin, hieß es, sei einunddreißig. Sie hatte jedem etwas neben den Teller gelegt, und jedesmal hatte sie ihr Herz-Fähnchen dazugesteckt. Für Elsa eine weiße Leinenserviette, in die die Prinzessin mit rotem Garn ein sich aufbäumendes Pferd gestickt hatte. Für Mina zwei Topflappen, in einem ein großes rotes A, im anderen ein ebenso großes M. Für Niklaus hatte sie an zwei Fußlappen schöne Ränder gehäkelt. Für Herrn Seehahn gab es ein winziges Fläschchen Eierlikör. Für die Mutter einen Steckkamm. Für den Vater ein Säckchen mit Lavendelblüten. Für den Großvater ein elfenbeinernes Schnupftabakdöschen. Johann, sagte sie, geh, bring ’s dem Großvater und sag ihm, Ludwig der Zweite, habe es dem Urgroßvater der Prinzessin geschenkt, weil der den König, als er sich bei der Jagd in den Kerschenbaumschen Wäldern den Fuß verstaucht hatte, selber auf dem Rücken bis ins Schloß getragen hat. Alle klatschten, die Prinzessin, die heute einen wild geschminkten Mund hatte, verneigte sich nach allen Seiten. Johann hätte am liebsten nur noch die Prinzessin angeschaut. Dieser riesige Mund paßte so gut unter das verrutschte Glasauge. Für Niklaus lagen wieder ein Paar Socken und ein Päckchen Stumpen unterm Baum. Die Socken, es waren die vom vorigen Jahr, ließ er auch diesmal liegen. Die Stumpen, den Teller voller Plätzchen und die umhäkelten Fußlappen trug er zu seinem Platz. Im Vorbeigehen sagte er zur Prinzessin hin: Du bist so eine. Sie salutierte und sagte: Richtig. Dann ging er noch einmal zurück, zum Vater hin, zur Mutter hin und bedankte sich mit einem Händedruck. Aber er schaute beim Händedruck weder den Vater noch die Mutter an. Schon als er seine Rechte, der der Daumen fehlte, hinreichte, sah er weg. Ja, er drehte sich fast weg, reichte die Hand zur Seite hin, fast schon nach hinten. Und das nicht aus Nachlässigkeit, das sah man. Er wollte denen, die ihn beschenkt hatten, nicht in die Augen sehen müssen. Niklaus setzte sich wieder zu seinem Glas Bier. Nur an Weihnachten, an Ostern und am Nikolaustag trank er das Bier aus dem Glas, sonst aus der Flasche. Johann sah und hörte gern zu, wenn Niklaus die Flasche steil auf der Unterlippe ansetzte und mit einem seufzenden Geräusch leertrank. Wie uninteressant war dagegen das Trinken aus dem Glas. Niklaus setzte auch jede Flasche, die angeblich leer aus dem Lokal zurückkam und hinter dem Haus im Bierständer auf das Brauereiauto wartete, noch einmal auf seinen Mund; er wollte nichts verkommen lassen.

Der Vater ging zum Tannenbaum und holte ein blaues Päckchen, golden verschnürt, gab es der Mutter. Sie schüttelte den Kopf, er sagte: Jetzt mach ’s doch zuerst einmal auf. Eine indische Seife kam heraus. Und Ohrringe, große, schwarz glänzende Tropfen. Sie schüttelte wieder den Kopf, wenn auch langsamer als vorher. Für den Großvater lag ein Nachthemd unter dem Baum. Er sagte zu Johann, der es ihm bringen wollte: Laß es nur liegen. Als letzter packte der Vater sein Geschenk aus. Lederne Fingerhandschuhe, Glacéhandschuhe, sagte der Vater. Damit könnte man fast Klavier spielen, sagte er zu Josef. Und zog sie an und ging ans Klavier und ließ schnell eine Musikmischung aus Weihnachtsliedern aufrauschen. Hanse Luis klatschte Beifall mit gebogenen Händen; das war, weil er seine verkrümmten Handflächen nicht gegen einander schlagen konnte, ein lautloser Beifall. Er sagte: Was ischt da dagege dia Musi vu wittr her. Er konnte sich darauf verlassen, daß jeder im Nebenzimmer wußte, Radio hieß bei Hanse Luis Musik von weiter her. Dann stand er auf und sagte, bevor er hier auch noch in eine Bescherung verwickelt werde, gehe er lieber. Es schneie immer noch, er solle bloß Obacht geben, daß er nicht noch falle, sagte die Mutter. Kui Sorg, Augusta, sagte er, an guate Stolperer fallt it glei. Er legte einen gebogenen Zeigefinger an sein grünes, randloses, nach oben eng zulaufendes Jägerhütchen, das er nie und nirgends abnahm, knickte sogar ein bißchen tänzerisch ein und ging. Unter der Tür drehte er sich noch einmal um, hob die Hand und sagte, er habe bloß Angst, er sei, wenn es jetzt Mode werde, statt Grüßgott zu sagen, die Hand hinauszustrecken, dumm dran, weil er so krumme Pratzen habe, daß es aussehe wie die Faust von denen, die Heil Moskau schrieen. Und dann in seiner Art Hochdeutsch: Ich sehe Kalamitäten voraus, Volksgenossen. Und wieder in seiner Sprache: Der sell hot g’seet: No it hudla, wenn ’s a ’s Sterbe goht. Und mit Gutnacht miteinand war er draußen, bevor ihm die Prinzessin, was er gesagt hatte, in Hochdeutsch zurückgeben konnte. Elsa rannte ihm nach, um ihm die Haustür aufzuschließen. Dann hörte man sie schrill schreien: Nicht, Luis … jetzt komm, Luis, laß doch, Luiiiis! Als sie zurückkam, lachte sie. Der hat sie einreiben wollen. Johann staunte. Daß Adolf, Paul, Ludwig, Guido, der eine Helmut und der andere und er selber die Mädchen mit Schnee einrieben, sobald Schnee gefallen war, war klar; nichts schöner, als Irmgard, Trudl oder Gretel in den Schnee zu legen und ihnen eine Hand voll Schnee im Gesicht zu zerreiben. Die Mädchen gaben dann Töne von sich wie sonst nie. Aber daß man so eine Riesige wie Elsa auch einreiben konnte! Hanse Luis war einen Kopf kleiner als Elsa. Kaum war Elsa da, erschien Hanse Luis noch einmal in der Tür und sagte: Dr sell hot g’sell, a Wieb schla, isch kui Kunscht, abe a Wieb it schla, desch a Kunscht. Und tänzelte auf seine Art und war fort. Die Prinzessin schrie ihm schrill, wie gequält nach: Ein Weib schlagen, ist keine Kunst, aber ein Weib nicht schlagen, das ist eine Kunst. Der Dulle hob sein Glas und sagte, Ohne dir, Prinzessin, tät ich mir hier im Ausland fühlen.

Die Bescherung war vorbei, jetzt also die Lieder. Schon nach dem ersten Lied, Oh du fröhliche, oh du selige, sagte der Schulze Max zur Mutter, die beiden Buben könnten auftreten. Der Vater hatte die Glacéhandschuhe wieder ausgezogen und spielte immer aufwendigere Begleitungen. Nach Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frau’n sagte der Schulte Max zu Dulle: Auf diese Musikanten trinken wir noch ein Glas. Wenn du einverstanden bist. Dulle nickte heftig. Dann gehen wir aber, sagte der Schulze Max. Dulle nickte wieder. Wieder heftig. Der Schulze Max: Wir wollen überhaupt nicht anwachsen hier. Dulle schüttelte den Kopf ganz heftig. Der Schulze Max: Heute schon gar nicht, stimmt ’s? Dulle nickte so heftig, daß er danach seine Brille wieder an ihren Platz hinaufschieben mußte. Der Schulze Max: Auch eine Wirtsfamilie will einmal unter sich sein, stimmt ’s? Dulle nickte wieder, hielt aber, damit er heftig genug nicken konnte, schon während des Nickens die Brille fest. Der Schulze Max: Und wann möchte, ja, wann muß eine Familie ganz unter sich sein, wenn nicht am Heiligen Abend, stimmt ’s? Dulle nahm, daß er noch heftiger als zuvor nicken konnte, seine Brille ab. Der Schulze Max: Und was haben wir heute? Dulle, mit einer unglaublich zarten, fast nur noch hauchenden Stimme: Heilichabend. Der Schulze Max, sehr ernst: Daraus ergibt sich, sehr, sehr verehrte Frau Wirtin, daß das nächste Glas wirklich das letzte ist, das letzte sein muß.

aus: Martin Walser: Ein springender Brunnen (suhrkamp taschenbuch 3100 – 1. Auflage 2000 – S. 92- 96, S. 98-101)

Kleist (nicht) für die Schule

Wie ich bereits berichtete, hatte ich das „Glück“, in der Schule von Heinrich von Kleist, dessen 200. Todestag wir in diesem Jahr feiern, verschont geblieben zu sein. Gibt es etwas Schlimmeres als Kleists ‚Michael Kohlhaas’, diese Bandwurmsätze, bei denen man am Ende nicht mehr weiß, was man am Anfang gelesen hat? Eine Sprache, die antiquierter nicht sein kann?

Meine heutige Frau, die 1983 die Abendschule besuchte, hatte da weniger ‚Glück’ und
musste eine Interpretation über diese Erzählung schreiben. Und dann auch noch einen dieser für Kleist typischen, scheinbar nie enden wollenden Schachtelsätze grammatikalisch auseinanderpflücken sollte.

    Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel

Ich habe mich freiwillig mit Kleist beschäftigt. Sicherlich ist Freiwilligkeit ein besserer Ansatz. Vor allem, wenn man sich nicht um grammatikalische Fragen zu sorgen hat. Was schwer wiegt, ist „die quasi-juristische Umständlichkeit der Sätze, deren eigentliches Wunder darin liegt, dass sie dennoch so kraftvoll, federnd und lesbar sind: jeder einzelne eine Illustration des Widerstreits von Gesetz und Freiheit.“ (nachzulesen in: Grammatik und Freiheit von Daniel Kehlmann).

Und es ist der Plot selbst, der den Leser in Spannung hält. Da mag manches altmodisch klingen oder vom Satzaufbau zu lang geraten sein. Beginnen wir mit der Zeichensetzung:

Kleist setzt oft Kommata dort, wo sie nach der Grammatik entbehrlich zu sein scheinen; umgekehrt fehlen sie nicht selten, wo man sie erwartet. Man spricht hier gern von einer akustischen bzw. Vortragsinterpunktion. Und liest man z.B. den Kohlhaas einmal laut vor, so versteht man plötzlich, warum dort ein Komma steht und an anderer Stelle vielleicht nicht. Kleist soll musikalisch gewesen sein. Und Lyriker war er sowieso, da geht’s nicht ohne Sprachrhythmus.

Kleist ist (fast) ohnegleichen. So auch seine Schachtelsätze, also Haupt- mit Nebensätze, die weitere Nebensätze enthalten können. Hier einmal ein Beispiel (und auch schon gleich mit einer ‚Lesehilfe’ versehen):

Kohlhaas, der inzwischen, wie schon gesagt, in Berlin angekommen, und, auf einen Spezialbefehl des Kurfürsten, in ein ritterliches Gefängnis gebracht worden war, das ihn mit seinen fünf Kindern, so bequem als es sich tun ließ, empfing, war gleich nach Erscheinung des kaiserlichen Anwalts aus Wien, auf den Grund wegen Verletzung des öffentlichen, kaiserlichen Landfriedens, vor den Schranken des Kammergerichts zur Rechenschaft gezogen worden; und ob er schon in seiner Verantwortung einwandte, daß er wegen seines bewaffneten Einfalls in Sachsen, und der dabei verübten Gewalttätigkeiten, kraft des mit dem Kurfürsten von Sachsen zu Lützen abgeschlossenen Vergleichs, nicht belangt werden könne: so erfuhr er doch, zu seiner Belehrung, daß des Kaisers Majestät, deren Anwalt hier die Beschwerde führte, darauf keine Rücksicht nehmen könne: ließ sich auch sehr bald, da man ihm die Sache auseinandersetzte und erklärte, wie ihm dagegen von Dresden her, in seiner Sache gegen den Junker Wenzel von Tronka, völlige Genugtuung widerfahren werden, die Sache gefallen.“

Nun macht Euch daran, und zerpflückt diesen einen Satz in Haupt- und Nebensätze?! Nein, bitte nicht! Wenn ich am Deutsch-Unterricht etwas gehasst habe, dann dieses theoretische Herumgewürge an solchen Sätzen. Man würgt solange, bis der Satz dem Schüler unter der Hand gestorben ist. Sicherlich sollte man schon wissen, was Attribut- und was Adverbialsätze sind und verkürzte Nebensätze wie Infinitiv- und Partizipialsätze (hier eine Webseite, die die Nebensatztypen anschaulich erklärt). Und wenn man die auch noch halbwegs voneinander unterscheiden kann, um so besser. Aber Kleist sollte dafür nicht herhalten müssen (das ist nur etwas für Grammatikfreaks bzw. –fetischisten).

Kleists Sprache ist sicherlich nicht mehr zeitgemäß. Aber seine Gedanken sind es auch 200 Jahre nach seinem Tode noch. Und irgendwie ist es ein doppeltes Abenteuer, sich auf Kleist einzulassen: Einmal der Gedanken wegen – und dann durchaus auch wegen dieser Sprache. Franz Kafka, ein Meister der klaren Prosa, hat Kleist für beides geliebt. Sie waren Blutsverwandte im Geiste.

Bühnenstücke, Erzählungen und weitere Werke im Projekt Gutenberg und als Bücher/Audio-CD Heinrich von Kleist

Heinrich von Kleist zum 200. Todestag: Michael Kohlhaas

Während unseres diesjährigen Urlaubs im Brandenburgischen machten wir auch einen Abstecher nach Frankfurt/Oder. Und es war nicht zu übersehen: 2011 ist Kleist-Jahr anlässlich seines 200. Todestages am 21. November. Kleist wurde 1777 in Frankfurt/Oder geboren.

Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist (* 18. Oktober, nach Kleists eigenen Angaben 10. Oktober 1777 in Frankfurt (Oder); † 21. November 1811 am Stolper Loch, heute Kleiner Wannsee (Berlin)) war ein deutscher Dramatiker, Erzähler, Lyriker und Publizist. Kleist stand als „Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit […] jenseits der etablierten Lager“ und der Literaturepochen der Weimarer Klassik und der Romantik. Bekannt ist er vor allem für das „historische Ritterschauspiel“ „Das Käthchen von Heilbronn“, seine Lustspiele „Der zerbrochne Krug“ und „Amphitryon“, das Trauerspiel „Penthesilea“ sowie für seine Novellen „Michael Kohlhaas“ und „Die Marquise von O…“

Heinrich von Kleist war ein leidenschaftlicher Dichter mit einem überschäumenden Temperament, ein Querdenker und Revolutionär mit einem „Hang“ zu sinnloser Gewalt – und ein Stotterer. Er war unstet, ruhelos, ohne festen Wohnsitz. Und er war angetan vom Gedanken der Freiheit. Am 21. November 1811 nahm er sich mit seiner Freundin Henriette Vogel das Leben, denn „die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war.“ So Kleist in seinem Abschiedsbrief.

Video auf zdf.de: Vor 200 Jahren erschoss sich Kleist

    Heinrich von Kleist, Reproduktion einer Illustration von Peter Friedel

Ich hatte das „Glück“, in der Schule von Kleist verschont geblieben zu sein. Gibt es etwas Schlimmeres als Kleists ‚Michael Kohlhaas’, diese Bandwurmsätze, bei denen man am Ende nicht mehr weiß, was man am Anfang gelesen hat? Eine Sprache, die antiquierter nicht sein kann?

Ich bin über die Lektüre von Franz Kafka zu Heinrich von Kleist gekommen. Kafka war ein großer Verehrer der Erzählungen von Kleist. Und so habe ich mich zum ersten Mal vor über 40 Jahren an den Michael Kohlhaas, die Marquise von O. und all die anderen Erzählungen gewagt. Nur drei Jahre später las ich dann den ‚Michael Kohlhaas’ erneut. Meine heutige Frau, die damals die Abendschule besuchte, musste eine Interpretation über diese Erzählung schreiben. Und dann auch noch einen dieser für Kleist typischen Schachtelsätze mit einer Länge von mehr als einer Seite grammatikalisch auseinanderpflücken. Dazu morgen etwas mehr. Hier zum Inhalt der Erzählung:

„Der im Brandenburgischen lebende, angesehene Rosshändler Michael Kohlhaas reitet mit einer Koppel Pferde nach Sachsen. Unterwegs wird er jedoch an der Burg des Junkers Wenzel von Tronka mit der willkürlichen Forderung nach einem Passierschein aufgehalten. Nachdem Kohlhaas in Dresden feststellt, dass es einen solchen Passierschein nicht gibt, erfährt er bei seiner Rückkehr, dass seine beiden als Pfand zurückgelassenen Pferde durch den Einsatz in harter Feldarbeit abgemagert und damit wertlos geworden sind.“ (Quelle: de.wikipedia.de)

Kohlhaas versucht zunächst sein Recht durch Klage zu erlangen. Doch dank der Vetternwirtschaft der Tronkas („Hinz und Kunz“) wird diese abgewiesen. Als auch noch seine Frau beim Versuch, ihrem Mann Gehör zu verschaffen, den Tod findet, greift Michael Kohlhaas zur Selbstjustiz und beginnt einen Rachefeldzug gegen den Junker. Dieser kann aber immer wieder entkommen. So legt Kohlhaas mit seinem wachsenden Heerhaufen Wittenberg in Schutt und Asche, weil die Stadt den Junker nicht ausliefern will.

Die verwickelte Geschichte endet damit, dass in einem erneuten Prozess der Junker von Tronka zwar auf Schadensersatz, Kohlhaas aber zugleich wegen Landfriedensbruch zum Tode verurteilt wird.

Wer war nun dieser Michael Kohlhaas, was stellt er dar? War er nur ein unverbesserlicher Querulant, der sogar über Leichen zu gehen bereit ist, um zu seinem Recht zu kommen? Ernst Bloch nennt ihn in seinem Aufsatz „Über den Begriff Weisheit“ (1953) den „Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität“. In ihm glühe „der Paragraph eines vorhandenen Gesetzes so, als wäre göttliches Recht darin“. Kohlhaas sei nur deshalb anderes als ein neurotischer Querulant, weil er „auf die Befolgung eines Paragraphen so rebellisch“ dränge, „als wäre hier Naturrecht, ja ein Glanzstück von Naturrecht“. So will der Pferdehändler sich für die erlittene Kränkung seines Rechts nicht Genugtuung um ihrer selbst willen verschaffen, sondern fühlt sich „der Welt in der Pflicht verfallen“, will „Sicherheit für zukünftige“ – vor zukünftigen Rechtsbeugungen – „seinen Mitbürgern verschaffen“. Noch im Zustand der „Verrückung“ ist es Kohlhaas um die „Errichtung einer besseren Ordnung der Dinge“ zu tun. Und am Ende geht seine Sehnsucht nach „anderen Menschen, als die er kannte.“ (aus dem Nachwort von Rolf Tiedemann: Ein Traum von Ordnung –
Ausgabe: Insel-Verlag Frankfurt am Main – insel taschenbuch 247 – 1. Auflage 1977)

Franz Kafka, Jurist im Brotberuf und als solcher in der „Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen“ tätig, schrieb in einem seiner Briefe (wohl in „Briefe an Felice“):

„Gestern abend habe ich Dir nicht geschrieben, weil es über Michael Kohlhaas zu spät geworden ist, den ich in einem Zug gelesen habe. Wohl schon zum zehnten Male. Das ist eine Geschichte, die ich mit wirklicher Gottesfurcht lese, ein Staunen faßt mich über das andere, wäre nicht der schwächere Schluß, es wäre etwas Vollkommenes, jenes Vollkommene, von dem ich gern behaupte, daß es nicht existiert.“

Der schwächere Schluss wird sich wohl auf das Eingreifen der geheimnisvollen Zigeunerin, in der Kohlhass’ tote Frau wiederkehrt, beziehen. Diese sorgt auf geheimnisvolle Weise für die Wiederherstellung der Gerechtigkeit und für das Abgleiten der Erzählung ins Märchenhafte.

Sicherlich ist Selbstjustiz nie zeitgemäß gewesen. Kohlhaas schöpft bis zuletzt alle Möglichkeiten aus, um zu seinem Recht zu kommen. Erst als der Staat seiner Pflicht, Gerechtigkeit zu schaffen, nicht nachkommt, nimmt Kohlhaas selbst das Gesetz in die Hand. Da es dabei längst nicht mehr allein um Schadensersatz, sondern um Gerechtigkeit, ja um die „Errichtung einer besseren Ordnung der Dinge“ geht, ist das Tun Kohlhaas’ auch als revolutionärer Akt zu verstehen. Lässt sich Kohlhaas so vielleicht mit der RAF vergleichen?

Bühnenstücke, Erzählungen und weitere Werke im Projekt Gutenberg und als Bücher/Audio-CD Heinrich von Kleist

Anthony Burgess: A Clockwork Orange

Nachdem ich endlich zuerst die Verfilmung von Stanley Kubrick aus dem Jahre 1971 und dann das Theaterstück am Altonaer Theater in Hamburg gesehen habe, bin ich endlich auch dazu gekommen, die Vorlage von Anthony Burgess in einer Neuübersetzung zu lesen: A Clockwork Orange

„Alex DeLarge und seine Gang, die Droogs, sind jung, charismatisch, brutal und gewissenlos. Sie treffen sich in einer Milchbar, trinken ‚Moloko’ – Milch mit Drogen – und ziehen los, um wahllos Menschen zu überfallen, zu berauben, zu quälen, zu vergewaltigen. Sie zelebrieren ihre abendlichen Gewaltstreifzüge aus purer Freude an der Gewalt. Der Bewährungshelfer ist machtlos, Alex gelingt es jedes Mal sich die Hände reinzuwaschen. Doch bei einem Einbruch wird Alex von einem seiner Droogs außer Gefecht gesetzt und von der Polizei verhaftet. Er fühlt sich verraten und selbst als Opfer.

Im Gefängnis wird er einer neuartigen Therapie unterzogen und fortan wird ihm beim geringsten Gedanken an Sex und Gewalt übel. Zu eigenen gewalttätigen Handlungen ist er nicht mehr fähig.“ (Quelle: altonaer-theater.de)

„Das war’s. Da hatte ich mir was eingebrockt! Und ich war noch keine sechzehn …“
Alex und seine drei Freunde haben einen netten Abend: Sie trinken eine Milch mit Schuß in einer Milchbar, suchen sich dann einen alten Mann, schlagen ihn zusammen und nehmen ihm sein Geld ab … oder, um es mit Alex’ Worten zu Sagen: Er trifft sich mit seinen Droogs auf einer Molocke im Milchplus-Mesto, tollschockt einen starrigen Fecken und klaut ihm seinen letzten Deng.
(aus dem Klappentext – Wilhelm Heyne Verlag, München – 13. Auflage 2011)

Der Roman Clockwork Orange von Anthony Burgess beschäftigt sich gleich mit mehreren Themen, die auch heute nach fast 50 Jahren äußerst aktuell sind. Zum einen geht es um Jugendgewalt, um Jugendkriminalität, wie sie alltäglich geschieht. Passanten auf der Straße werden von Jugendlichen niedergemacht, einfach so ohne triftigen Grund, vielleicht nur, weil ein falsches Wort gefallen ist. Oder schauen wir zurück nach England in den Sommer dieses Jahres: Wie aus dem Nichts entstehen Jugendkrawalle, ganze Häuserzellen brennen. Burgess gibt uns dafür keine Antwort, lässt aber seinen Protagonisten erzählen, Alex, der noch keine 16 Jahre alt ist. Können wir uns in ihn hineinversetzen? Empathie, das menschliche Mitgefühl, so las ich, „man lernt es oder man lernt es nicht.“ Alex hat es nicht gelernt.

Ein anderes Thema ist die Frage, ob es schlechter ist, den Menschen zum Gutsein zu konditionieren oder ihm die Freiheit zu lassen, böse zu sein. Burgess steht auf der Seite der Freiheit: „Wenn ein Mensch nicht wählen kann, hört er auf, Mensch zu sein“, lässt er den Gefängnispfarrer sagen. Wer darf sich das Recht herausnehmen, einen Verbrecher wie Alex als Versuchsobjekt der Wissenschaft zu missbrauchen? Bei der fiktiven Ludovico-Technik, einer Aversionstherapie, muss sich Alex „Gewalt- und Sexvideos ansehen, gleichzeitig bekommt er ein Mittel verabreicht, das Übelkeit verursacht. Die Prozedur wird so lange wiederholt, bis ihm beim alleinigen Anblick von Gewalt – auch ohne Medikament – schlecht wird.“ Der Pawlowsche Hund in Menschengestalt.

„Anthony Burgess ist es mit diesem Buch gelungen, einen neuen Weg radikaler Offenheit zu bestreiten.“ Frankfurter Allgemeine Zeitung

„Witzig und unterhaltsam ist der Roman trotz aller Brutalität vor allem durch die Sprache und die Art, wie der Held aus der Ich-Perspektive dargestellt wird. Alex hat überhaupt keine innere moralische Instanz und ist unfähig zur Empathie. Er ist intelligent und liebt Musik, vor allem Ludwig van Beethoven. In einem Zeitungsartikel liest Alex, dass ein Theoretiker meint, man könne die heutige Jugend besser in den Griff bekommen, wenn man sie für Künste interessiere. Alex kann darüber nur lachen, denn Musik (und gerade in seinem Fall die als kultivierter als die Rock-Musik eingestufte klassische Musik) erweckt in ihm umso mehr bestialische Gelüste (vgl. Kapitel I, 4).“

Und noch ein Thema des Romans: Alex benutzt einen Jargon, eine Szene- oder Jugendsprache, die er selbst Nadsat nennt. „Nadsat ist in Burgess’ Original eine verballhornende Mischung von russischen Vokabeln mit dem Londoner Cockney Rhyming Slang. Dazu kommen Begriffe aus der englischen Zigeunersprache (Gypsy Slang) sowie Elemente der Kindersprache. Ins Deutsche wurde Nadsat zuerst von Walter Brumm übertragen und dem Original durch Verwendung deutscher Wörter nachgebildet.“

Jede Generation hat in ihrer Jugend ihren ganz eigenen Jargon. Dazu gibt es im Internet ein Wörterbuch der Szenesprache. Und selbst der Duden hat sich aufgemacht, um die Begriffe der heutigen Jugendsprache zu sammeln, ein Szenesprachenwiki; mehr siehe auch bei Google. Und neben dem Wort des Jahres, dem Unwort des Jahres und dem Satz des Jahres gibt es seit 2008 nun auch das Jugendwort des Jahres.

Zwischen Wahnsinn und Genie: Klaus Kinski

Gestern vor 20 Jahren starb Klaus Kinski im Alter von 65 Jahren in Kalifornien. Er war ein international bekannter Schauspieler und besonders auf die Darstellung psychopathischer und getriebener Charaktere spezialisiert. Als künstlerisch herausragend gilt seine jahrelange Zusammenarbeit mit dem deutschen Regisseur Werner Herzog, der ihn in seinen Filmen Aguirre, der Zorn Gottes (1972), Nosferatu – Phantom der Nacht (1978), Woyzeck (1978), Fitzcarraldo (1981) und Cobra Verde (1987) besetzte.

Zum ersten Mal gesehen habe ich Klaus Kinski in den Filmen der Edgar Wallace-Reihe aus den 60er Jahren, in der er 16 Mal als zwielichtige Gestalt aufgetreten ist. Immer wieder wurde er als potentieller Täter dargestellt, um meist selbst als Opfer zu enden.

Bekannt wurde Kinski durch seine Verbalattacken, mit denen er die Aufmerksamkeit auf sich richten wollte. Oft verkörperte Kinski Schurken und Psychopathen und bestätigte dieses Image durch sein exzentrisches, aggressives Auftreten in der Öffentlichkeit. Legendär war die Berliner Vorstellung seiner polarisierenden „Jesus Christus Erlöser“-Bühneninszenierung, in der er Zwischenrufer aus dem Publikum wütend mit „Du dumme Sau“ und „Scheiß-Gesindel“ beschimpfte.

„Wie war ich?“ – Bildergalerie auf ard.de

In dem Dokumentarfilm Mein liebster Feind schildert der Regisseur Werner Herzog das Verhältnis zwischen sich und Kinski, mit dem er in seiner Jugend kurze Zeit in derselben Pension gelebt hatte. Herzog berichtet, dass er einerseits von Kinski verachtet und bei Dreharbeiten oft gedemütigt und wüst beschimpft wurde. Andererseits habe sich in ihrem Verhältnis eine kreative und künstlerische Kraft entwickelt, die sich auf ihre gemeinsamen Filme übertrug:


Werner Herzog: Mein liebster Feind (Deutschland, 1999, 95mn)

Wer war also dieser Klaus Kinski? Ohne Zweifel war er ein genialer Schauspieler, der sich in seine Rollen in ca. 170 Filmen voll und ganz hineinsteigerte (Kinski: „Ich spiele nicht. Ich bin es!“). Und er inszenierte mit Sicherheit auch sein Leben in der Öffentlichkeit als Rolle: Eitel, größenwahnsinnig und verletzlich. Er galt als rücksichtsloser Egomane und stellte sich selbst gern als Erotomanen dar (was er sicherlich auch war) – ziemlich durchgeknallt und dem Wahnsinn nahe. Wohl kein bekannter Schauspieler hat wie es verstanden, sich selbst so in Szene zu setzen – und zu vermarkten – wie Klaus Kinski. Privat, so sein Sohn Nikolai Kinski, sei er dagegen nie aggressiv oder ausfallend geworden: „Mein Vater war privat der sanfteste Mensch, den man sich vorstellen konnte“:

siehe ard.de: Klaus Kinski – Pionier der Selbstvermarktung

Zwanzig Jahre nach seinem Tod veröffentlicht Nachlassverwalter Peter Geyer einen opulenten Band mit bisher unveröffentlichten Erzählungen und Fotos aus dem Nachlass von Klaus Kinski.

In seinem Gedicht „Abschied“ schrieb Klaus Kinski: „Ich richte mich auf – ganz steil – wie es Bäume tun, wenn sie wissen, dass es Zeit zum Sterben ist – ich muss weg von hier!!“ Kinski starb vor 20 Jahren.

Filme, Bücher, Rezitationen und mehr von und über Klaus Kinski

Meine Zeit, meine Vergeudung …

Oft mokiere ich mich über die Verspätungen im Zugverkehr, von denen ich betroffen bin. Und manches Meeting, manche Gesprächsrunde (von mir als Laberrunde betitelt) ist für die Katz. Das Leben ist kurz genug, um es sich vergeuden zu lassen.

Ja, ich komme noch einmal auf Wole Soyinka zurück und auf einen Absatz aus seinem Roman „Die Ausleger“. Die Person, die hier spricht, ist nur eine Nebenfigur des Romans. Trotzdem finde ich interessant, was er hier über seine Zeit und die Vergeudung dieser zu sagen hat. In gewisser Hinsicht kann ich mich dem durchaus anschließen:

„ […] Manche nennen es meine Allüren.“
„Und das macht dir nicht aus?“
„Ich kümmre mich nicht um Idioten, warum sollte ich auch? Ich bin kein geselliger Mensch. Ich gehe nicht auf ihre Partys, und ich nehme nicht an ihren Versammlungen teil. Ich schätze den Wert meiner eigenen Zeit hoch ein, und ich verüble es einem Mann fast bis zum Punkt fanatischer Rache, wenn ich ihm auch nur eine Sekunde meiner Zeit opfern muß. Wenn ich einen ganzen Tag verschwende und nur in meiner Bude hocke und nichts tue, dann ist das meine Sache, aber ich möchte meine eigene Zeit selbst verschwenden.“

aus: Wole Soyinka: Die Ausleger (S. 271 – Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1983 – Dialog Afrika – Übersetzung von Inge Uffelmann – Original: The interpreters, 1965)

Wole Soyinka: Die Ausleger

„Fünf Freunde, alle etwas Mitte Dreißig, haben nach dem Studium in einem Beruf Fuß gefaßt und versuchen nun, in ihrer jeweiligen Profession voranzukommen und zugleich ihren Platz in der Gesellschaft zu festigen: Sagoe ist Journalist, Bandele Universitätslehrer, Egbo Angestellter im Auswärtigen Amt, Kola Maler und Dozent und Sekoni Ingenieur und Bildhauer aus Liebhaberei. In einem Land wie Nigeria aber, das, gerade in die nationale Unabhängigkeit entlassen, allerorten Kriecher und Streber hervorbringt und wo überall die Korruption blüht, gleicht das einem Abenteuer, zumal diese fünf Freunde selber alles andere als Heilige sind; auch sie unterliegen der korrupten Gesellschaft.
Je näher Soyinka seine ‚Helden’ mit den Vertretern der fragwürdigen neuen nigerianischen Führungsschicht in Berührung kommen läßt, um so entlarvender treten die Reaktionen auf Phänomene wie Rassismus, Generationskonflikt, religiöse Intoleranz, Homosexualität oder Polygamie zutage. Der Kampf des einzelnen gegen einen übermächtigen Staatsmechanismus scheint aussichtslos; der Roman endet pessimistisch und desillusionierend: Der Biafra-Krieg wirft seine Schatten voraus.“
aus dem Klappentext zu: Wole Soyinka: Die Ausleger (Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1983 – Dialog Afrika – Übersetzung von Inge Uffelmann – Original: The interpreters, 1965)

Wole Soyinka: Die Ausleger

„Ich muß zugeben, mir gefällt die Idee mit den Eseln“, sagte Kola. „Aber es könnte sein, daß sie gegen den Geruch allergisch sind.“
„Gasmasken. Die Polizei kann sicher genügend zur Verfügung stellen.“
„Gasmasken an Esel auszugeben, könnte aber ein erhebliches Sicherheitsrisiko bedeuten. Stellt euch mal vor, die veranstalten eine Demonstration, dann wäre der Einsatz von Tränengas ja völlig nutzlos.“
Umschlaggestaltung Hermann Schelbert

Einen der Helden aus dem Roman von Wole Soyinka, Träger des Nobelpreises für Literatur 1986, haben wir bereits indirekt kennengelernt: Sagoe, der Journalist philosophiert über den Leerizismus [Teil 1] [Teil 2] [Teil 3], eine Wortschöpfung von Soyinka (im Original: voidancy zu voidance = Entleerung). Es ist eine persönliche Philosophie, mit der er die gängigen -ismen für sich verneint; er muss als der am meisten „verwestlichte“ in diesem Kreis gelten. Kalo arbeitet an einem großen Gemälde, in dem er alle seine Freunde und Bekannten als Yoruba-Gottheiten porträtiert. Sekoni ist nach einem abgelehnten Kraftwerksprojekt zum Bildhauer mutiert. Bandele ist vielleicht am wenigsten greifbar geblieben, er hat kein konkretes „Projekt“, mit dem er sich identifiziert. Egbo steht vor allem zwischen zwei Frauen, verkörpert aber das Gegenstück zu Sagoe, nämlich den „Traditionalisten“.

Soyinka macht es besonders den europäischen Leser nicht leicht. Er experimentiert und lässt so „provokant klassisch-westliche Formelemente auf die traditionellen Formprinzipien des Yoruba-Dramas stoßen. […] Wer sich an Soyinkas Buch mit festgefügten Vorstellungen zur Romanstruktur macht, wer feste, an europäischen Konventionen und Traditionen epischen Erzählens gebildete Erwartungen an die literarische Form Roman heranträgt, wird von Soyinka schon auf den ersten Seiten […] enttäuscht und verwirrt.“ (aus dem Nachwort von Eckhard Breitinger). Aber genau das macht den Reiz dieses Roman aus. Er entführt uns in eine andere (auch sprachliche) Welt, in der weniger der Einzelne im Mittelpunkt steht als die Gemeinschaft. Sicherlich erfordert dieser Roman einige Aufmerksamkeit, um den Überblick über die gerade geltende Zeit, die gerade aktiven Personen (Zuordnung der Personen) und die inneren Bezüge zu behalten. Aber als Leser gewöhnt man sich schnell an dieses ‚Fließen’ der Handlung.

Eng im nigerianischen Kontext bleibt Soyinkas erster Roman aus dem Jahr 1965, „The Interpreters“ – Die Ausleger“. Der Titel bezieht sich auf fünf Akademiker verschiedener Fachrichtungen, die das Leben im gerade unabhängig gewordenen Nigeria interpretieren, jeder auf seine Art, alle aber in dem sehr afrikanischen Bewußtsein, Teil des Ganzen und verantwortlich für die Gemeinschaft zu sein. Die verschiedenen Interpretationsansätze, die Soyinka mit Humor, Ironie, auch Sarkasmus auf seine fünf Hauptpersonen verteilt, gelten so auch für das Nigeria der achtziger Jahre und manchen anderen Staat der „Dritten Welt.“
Almut Seiler-Dietrich – Die Zeit Nr. 24 vom 05.06.1987 – S. 55

siehe auch Zeit online Literatur: Schwarzer Orpheus, springender Tiger

Stücke, Romane und Gedichte von Wole Soyinka

Leerizismus (3): Göttliche Abbilder

Im ersten Teil ließ Wole Soyinka, Träger des Nobelpreises für Literatur 1986, seinen Romanhelden Sagoe „allen anderen –ismen, vom homöopathischen Marxismus bis zum Existentialismus“ grabsingen und pries den Leerizismus, einem von Soyinka kreierten, ins Deutsche übersetzten Neologismus (voidancy zu voidance = Entleerung). Und im zweiten Teil pries Sagoe das Schweigen dabei. Zuletzt will dieser Sagoe getröstet sein und lässt sich von seiner Freundin aus seinem Pamphlet zitieren: dem Buch der Erleuchtung, über die Philosophie des Leerizismus:

Leerizismus – leere Hände

Und er war erst zu beruhigen, als sie sich bereit erklärte, sein Buch der Erleuchtung auszugraben und ihm von einer beliebigen Seite vorzulesen.

„… Aus dieser Periode meiner Kindheit, und die Tür zu unserer riesig ausgedehnten Wohnanlage gewährte immer Unterschlupf, entsinne ich mich der Farbporträts zweier übermenschlicher Wesen, ätherisch, unweltlich, mit Kronen und Juwelen, breiten Pelzkragen, Gold, Samt und Hermelin, mit Reichsäpfeln und Zeptern und hinter ihnen goldene Throne. In meinen Kinderaugen waren diese Abbilder – und damit der Plazierung dieser Porträts keine besondere ideologische Bedeutung zugemessen werden konnte, hingen die Porträts auch im Wohnzimmer und in den Schlafzimmern, denn meine Leute waren überzeugte, treue Royalisten -, in meinen Kinderaugen waren diese Figuren nichts geringeres als Engel oder Gott und seine Frau. Es war eine kritische Phase meiner Introspektionsentwicklung, und hätte ich in diesem Lande hier gelebt, in dem alle Möglichkeiten offen stehen, ich hätte zweifellos die Laufbahn eines hauptberuflichen Schizophrenen eingeschlagen. Die Beschränkungen dieses grazilen, unwirklichen Paares wurden zur Zwangsvorstellung. Machten sie, oder machten sie nicht? Wie in einer Séance offenbarte sich die Lösung mit blendender Klarheit. Während einer Sitzung rein leerizierender Natur, erkannte ich die Verhaltensgrenze innerhalb dieser menschlichen Verrichtung. Sie waren Leeriker; doch Jesuschristus, niemals das andere! Scheißen ist menschlich; sich entleeren göttlich.
Dies war die Geburtsstunde der konkreten Formulierung des Leerizismus …“
(Seite 227 f.)

Der Leerizismus begegnet den Lesern noch einige Male – als Andeutung. Zuletzt, in einem Gespräch mit seinen Freunden, Kola, den Maler, und Egbo, den Angestellten des Auswärtigen Amtes, beteuert er: „ […] eines trunkenen Tages habe ich diesem Weib da blödsinnigerweise versprochen, daß ich mein Buch der Erleuchtung verbrenne, wenn wir heiraten.“ (S. 351) Dieses Weib ist Dehinwa, mit der Sagoe schon lange zusammenlebt. Und wenn wir auch nur Ausschnitte aus dem Buch der Erleuchtung erfahren, so sollte das genügen, um den Leeriszismus zu verinnerlichen, ähem, eher im Gegenteil, DAS zu veräußerlichen, oder?!

aus: Wole Soyinka: Die Ausleger (Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1983 – Dialog Afrika – Übersetzung von Inge Uffelmann – Original: The interpreters, 1965)

Das letzte Blatt am Baum

Ein stürmischer Tag genügte, um fast alle Blätter vom Kirschbaum zu fegen. Jetzt Mitte November der erste längere Frost: Wenigstens scheint die Sonne am Tag, und lässt die sonst so traurigen Novembertage trotz der ersten Kälte angenehm erscheinen.

    Das letzte Blatt am Baum

Ich bin kein Dichter. Prosa liegt mir mehr als Lyrik. Und doch habe ich mich vor vielen Jahren einmal an ein Herbstgedicht gewagt: Das letzte Blatt am Baum … Obwohl ich meinen ganzen Papierkram auch früherer Jahre durchsucht habe, das Gedicht bleibt verschollen. Es war von einer herbstlichen Stimmung geprägt, die eher depressiv als ermutigend zu nennen ist. Das letzte Blatt als Sinnbild für Einsamkeit.

Nun, fast alle Blätter sind vom Kirschbaum gefegt. Und doch sind es mehr Blätter noch als nur eines. Und die Sonne bescheint diese letzten Blätter: Es ist ein Bild dafür, eigentlich nie allein zu stehen, selbst in scheinbar trüben Tagen. Und ein bisschen Sonne erhellt selbst die einsamsten Seelen …

Leerizismus (2): Stichwort Schweigen

Im ersten Teil ließ Wole Soyinka, Träger des Nobelpreises für Literatur 1986, seinen Romanhelden Sagoe „allen anderen –ismen, vom homöopathischen Marxismus bis zum Existentialismus“ grabsingen und pries den Leerizismus, einem von Soyinka kreierten, ins Deutsche übersetzten Neologismus (voidancy zu voidance = Entleerung). Wie schön, dass Soyinka seinen Helden weiterhin leerifiziert philosophieren respektive aus seinem Manuskript zitieren lässt. Köstlich, einfach köstlich – wie ich finde (zum eigentlichen Roman später etwas mehr):

Leerizismus – leere Hände

„Schlag es auf – irgendwo, wo’s dir gefällt.“

Eilfertig, wie jemand, der sich letztlich an eine aufgezwungene Vergnügung gewöhnt hat, gehorchte Mathias.

„Mhm, gut. Jetzt trink, und dann können wir anfangen …
… Und das Schweigen ist für den Leeriker wie der Opiumrausch für den Mystiker des Orients. Die Ruhe in der Toilette eines englischen Vorstadthaushalts, wenn der Gastgeber und die Nachbarn zur täglichen Arbeit gefahren sind, und der Gast alleine leerifizieren kann, dies ist ein Schweigen zum Anfassen. In Frankreich verflacht dieser Mythos der geistigen Vertiefung natürlich zu einer seichten und unangenehmen Pose – wie laichende Kröten. Dort suchte ich den Opiumrausch des Schweigens vergeblich, bis ich mich schließlich, um dem seelenentwürdigenden Zustand der Studentenheimtoilette zu entfliehen, mit Buch und Schaufel in die nahen Wälder zurückzog, wo ich wenigstens diese eine Erfüllung fand, denn die Wälder dehnten sich kilometerweit. Hier errichtete ich mir eine kleine Laube, in der ich regelmäßig meditierte, las oder einfach dem Gezwitscher gallischer Vögel lauschte. Ich gestehe, es war ein verkrampfter Leerizismus, er ließ die tiefe Befriedigung vermissen, die völlige Muskelentspannung. Schlimmer noch: streifte mich plötzlich inmitten meiner Andacht ein nasser Grashalm, so sprang ich in Panik auf, fürchtete ich doch, eine Schlange züngle mir um die Eier. Doch das feuchte, schwere, vogelgezwitscherdurchsetzte Schweigen stellte eine mystische Erfahrung dar, der gegenüber sich das Risiko der Entmannung als unbedeutende Farce ausnahm. Nun freilich, meine Freunde, muß ich von einer schmachvollen Episode berichten. Zwei Wanderstudenten folgten mit eines Tages, neugierig herauszufinden, wohin die tägliche Kombination von Buch und Schaufel führe. Noch immer empört mich alles in mir bei dem Gedanken, daß ich wahrhaftig bei dieser allerintimsten der menschlichen Verrichtungen beobachtet wurde. Doch sie erwiesen sich als interessierte Schüler. Sie reinigten sich von dem Tabubruch, indem sie die Geldration von drei Tagen an einem einzigen Nachmittag im Bistro ausgaben. Ich erteilte ihnen die Absolution, und da der Wein mich großzügig machte, initiierte ich sie in die Mysterien des Leeriszismus. Doch gelang es ihnen, in die Tiefen der Lehre vorzudringen? frage ich mich heute. Sie waren, soweit ich mich erinnere, zu etwas konvertiert, das mir als bloße Entspannungsfähigkeit erschien. In feuchter Erde und in nassem Unterholz, so behaupteten sie, in klammheimlicher Handhabung von Rankengewächs und niederem Buschwerk läge die wahre Leerifizierung. Das ist , schrie ich, die wahre Leerifizierung bedarf der Kunst und Wissenschaft. Indirektes Licht muß gedämpft dem Auge schmeicheln; für den Luftreiniger – denn das ist der Weihrauch – muß mit Hingabe die richtige Duftnote gewählt werden, es bedarf der rechten Bücher und Gemälde, so daß der Wunsch, die Gedanken schweifen zu lassen, nicht in Frustration endet. Lautsprecheranlagen für eine sorgfältig ausgesuchte musikalische Untermalung – nicht die Launen der natürlichen Jahreszeit. Drei Tage lang schwelgten wir in der Dialektik des Leeriszismus. Du bist ein Bourgeoisleeriker, kreischten sie – Sie wissen, wie sehr die Franzosen die Polemik lieben -, und ich antwortete, ihr seid leerifizierte Pseudonegritudinisten! Ihr abtrünnigen Schwachköpfe, begreift ihr denn nicht, daß eine Kirchenatmosphäre geschaffen werden muß! Meine Buch-und-Schaufel-Unternehmung war doch lediglich eine zweckdienliche Notlösung. Aber sie schleuderten mir Andrew Marvell entgegen, bombardierten mich mit green thoughts to [in] a green shade! Gegenüber ihrer Vision von der jungfräulichen Natur und der Laubenleerifizierung erwiesen sich meine Warnungen vor der Schlangenbedrohung als ineffektiv. Es war ein befriedigendes Gefühl, den Samen des Leerizismus auf dem Kontinent gesät zu haben, doch zugleich war es auch eine kleine Niederlage, denn ich war machtlos gegenüber dieser verdammten Regression …“

Feierlich schloß Sagoe das Buch, und beide verharrten in nachdenklichem Schweigen.

„Ich wußte es, Mathias, du bist ein Naturtalent. Du bist sogar so was wie ein Hellseher. Nicht viele Menschen haben ein Fingerspitzengefühl, das genau auf ihre Psyche abgestimmt ist.“

„Wenn Sie sagen, Oga …“

„Ich weiß es, Mathias. Schweigen, das war es. Schweigen. Du hast das Manuskript beim Stichwort Schweigen aufgeschlagen. Ein genialer Akt. […]“

aus: Wole Soyinka: Die Ausleger (S. 139 ff. – Walter-Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau, 1983 – Dialog Afrika – Übersetzung von Inge Uffelmann – Original: The interpreters, 1965)