Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Anaïs Nin: Die verborgenen Früchte

Anaïs Nin wurde 1903 in Neuilly bei Paris als Tochter des spanischen Musikers und Komponisten Joaquin Nin geboren. Später verließ der von ihr abgöttisch verehrte Vater die Familie, was sie nie ganz verwunden hat. Als Dreizehnjährige kam sie in die USA. Schon damals begann sie ein Tagebuch zu schreiben. Mit fünfzehn Jahren verließ sie die Schule und versuchte sich als Autodidakt in Bibliotheken weiterzubilden. In den zwanziger Jahren heiratete sie Hugh Guiler und ließ sich in Louveciennes bei Paris nieder. Seit 1931 war Anaïs Nin mit Henry Miller befreundet. Beide haben sich künstlerisch stark beeinflusst. Ihr ist es auch gelungen, einen Verleger für Miller Wendekreis des Krebses zu finden.

In ihrem Heim in Greenwich Village verkehrten bedeutende Künstler wie Dali, Max Ernst, Yves Tanguy, Tennessee Williams, William Sarovan und Miller. 1932 erschien D.H.Lawrence: An Unprofessional Study (dt. D. H. Lawrence – Lektüren der Leidenschaft. ( Die Frau in der Literatur), ihre erste größere Arbeit als Schriftstellerin. Im Frühjahr 1966 wurden die ersten Proben aus ihren Tagebüchern veröffentlicht, die aber schon lange vorher als die bedeutendste Confessio des Jahrhunderts galten. Inzwischen ist der größte Teil ihrer Tagebücher in deutscher Sprache erschienen. Anaïs Nin ist 1976 in Kalifornien gestorben.“ (aus dem Klappentext zum Buch).

Ebenfalls aus dem Klappentext zum Buch:

„Poetisch pornographisch“, nannte Henry Miller die erotischen Schriften von Anaïs Nin. Diese Schriftstellerin scheute sich nicht, wirklich alles, was es an Sinnlichkeit, Sexualität, Trieb und Liebe gibt, offen und unverstellt zu beschreiben. Doch bei aller Direktheit und Offenheit was es auch ihr Ziel, zu zeigen, daß Sex erst durch Gefühle zu wirklicher Erotik wird. „Über Sexualität und Sensualität zu schreiben“, so die Nin, „hat nichts mit Pornographie zu tun. Erotika schreiben ist für mich wilde Poesie.“

Das neue Erotikon Die verborgenen Früchte geht auf diesem Weg noch weiter: Die Sprache ist noch poetischer; was sie beschreibt, ist nicht weniger offen, doch noch sensibler und sensitiver. Ohne Frage hat hier Anaïs Nin die erotische Poesie in ihrer „wildesten“ und reinsten Form erreicht.

„Anaïs Nin löst das wahre Erlebnis geheimnisvoller Erotik aus … ihre Sprache ist noch delikater, noch geschmeidiger.“ New York Times

„Poetisch pornographisch“, nannte Henry Miller also die erotischen Schriften der Anaïs Nin. Sie selbst sprach von „Prostitution“. Aber lesen wir, was sie in dem Vorwort zu diesem kleinen Büchlein von etwas mehr als 120 Seiten zur ‚erotischen Literatur’ zu sagen hatte:

Es ist eine interessante Tatsache, daß nur sehr wenige Schriftsteller aus eigenem Antrieb erotische Erzählungen oder Bekenntnisse niedergeschrieben haben. Sogar in Frankreich, wo die Erotik angeblich eine so wichtige Rolle spielt, sahen sich die Autoren, die so etwas doch taten, lediglich von der Not dazu gezwungen – der Geldnot.

Die Erotik im Rahmen eines Romans oder einer Erzählung zu Wort kommen zu lassen, ist eines; sich ausschließlich mit ihr zu beschäftigen jedoch etwas ganz anderes. Ersteres ist wie das Leben selbst. Es ist, möchte ich sagen, etwas Natürliches, Aufrichtiges, wie in den sinnlichen Passagen bei Zola oder Lawrence. Sich aber ausschließlich auf die Sexualität zu konzentrieren, ist unnatürlich. Das gleicht dann etwa dem Leben einer Prostituierten, einer anormalen Betätigung also, aufgrund derer sich die Prostituierte schließlich von der Sexualität abkehrt. Vielleicht ist den Schriftstellern das bekannt. Und vielleicht haben sie deshalb, wie auch Mark Twain, nur gerade ein Bekenntnis, höchstens ein paar Erzählungen geschrieben, um auf diese Weise ihre Aufrichtigkeit den Dingen des Lebens gegenüber, unter Beweis zu stellen.

Doch was geschieht mit einer Gruppe von Schriftstellern, die so dringend Geld benötigen, daß sie sich ausschließlich der Erotik widmen? Wir wirkt sich diese Tatsache auf ihr Leben, auf ihre Einstellung der Welt gegenüber, auf ihre Arbeit aus? Wie wirkt es sich auf ihr Sexualleben aus?

Bevor ich meinen Beruf ergriff, galt ich als Dichterin, als eine unabhängige Frau, die nur zu ihrem Vergnügen schrieb. Es kamen viel junge Schriftsteller und Dichter zu mir. So unterschiedlich sie in ihrem Wesen, ihren Neigungen, Gewohnheiten und Lastern auch waren, eines hatten sie alle gemeinsam: Sie waren arm. Verzweifelt arm. Nicht selten verwandelten sie meine maison in ein Kaffeehaus, das sie hungrig, schweigend aufsuchten, und dann aßen wir Haferflocken, weil das am billigsten war und man behauptete, es mache stark.

Die meisten Erotika wurden mit leerem Magen geschrieben. Nun wird durch den Hunger in hohem Maße die Phantasie angeregt; … Je größer der Hunger, desto größer das Verlangen – wie bei Gefangenen, wild und quälend. Daher lebten wir in einer für das Gedeihen der Blume Erotik absolut perfekten Welt.

… ich hatte meine richtige schriftstellerische Arbeit aufgegeben, als ich mich auf die Suche nach der Erotik machte. Dies sind nun meine Abenteuer in jener Welt der „Prostitution“. Sie aus mir herauszuholen, war anfangs nicht leicht, Denn das Geschlechtsleben liegt bei uns allen – den Dichtern, Schriftstellern, Malern – unter vielen Schichten verborgen. Es gleicht einer verschleierten Frau: halb erträumt.
(aus dem Vorwort zum Buch)

Zeichnung von Gustav   K l i m t
Zeichnung von Gustav K l i m t

Je größer der Hunger, desto größer das Verlangen … Das klingt für mich nostalgisch. Wie aus einer anderen, früheren Welt. Und so ist es wohl auch. Es hat einen ‚romantischen’ Anklang und ist lange nicht so abgeschmackt, wie die Produkte, die uns heute die Pornografie liefert. Sicherlich geht es bei Anaïs Nin auch ‚zur Sache’, im Vordergrund steht die trieb- und körpergesteuerte Beziehung, also Sex, und weniger das Emotional-Seelische. Das mischt sich zu einem erotischen Cocktail, steht beim Schreiben solcher Erotika als Intention der Autorin der Aspekt einer psychologisch-geistige Anziehung der Personen beiseite.

Zwei sich ungekannte Schöne treffen sich nachts am Strand bei Mondlicht. Es kommt zu einem Techtelmechtel. Und schon liegen sie am Strand, beide Körper ineinander verwoben – wie das Tier mit den zwei Rücken (Rabelais bzw. Shakespeares „Beast with the two backs“):

Sie eilte dem Meer zu. Er folgte ihr. Lange wanderten sie durch die schneeweißen Dünen. Am Wasser warf sie die Kleider ab und stand nackt in der Sommernacht. Sie lief in die Brandung. Louis machte es ihr nach, zog sich ebenfalls aus und warf sich ins Wasser. Da erst entdeckte sie ihn. Zunächst verhielt sie sich still. Doch als sie im Mondlicht deutlich den jungen Körper, den schönen Kopf und sein Lächeln sah, schwand ihre Angst. Er schwamm auf die zu. Sie lächelten einander an. Sein Lächeln war sogar bei nacht blendend; genau wie das ihre. Sie konnten kaum etwas anderes als das Lächeln und die Umrisse des vollkommen gestalteten Körpers des anderen.

Er näherte sich ihr. Sie duldete es. Plötzlich schwamm er geschickt und graziös über sie hinweg, berührte kurz ihren Körper und war vorbei.

Sie schwamm weiter, und er wiederholte das Manöver. Dann richtete sie sich auf, er tauchte und schwamm zwischen ihren Beinen hindurch. Sie lachten. Beide bewegten sich leicht und sicher im Wasser.

Bis hierhin ist es Spielerei. Vorspiel. Erregendes Vorspiel, von dem beide, Frau wie Mann, sich hinreißen lassen. Und so verwandelt sich das Spiel schnell in ‚Handgreiflichkeiten’, erst noch sanft, dann drängender.

Er war zutiefst erregt und schwamm mit steifem Glied. Sie näherten sich einander, geduckt wie im Kampf. Er drängte sich an sie, und sie spürte seien straffen, gespannten Penis. Er schob ihn zwischen ihre Beine. Sie berührte ihn. Seine Hände suchten sie, liebkosten sie überall. Dann zog sie sich abermals zurück, und er mußte sie schwimmend fangen.

(and so on) …

aus: Anaïs Nin: Die verborgenen Früchte (mit 15 Zeichnungen von Gustav Klimt – Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. München – Knaur Bestseller 806)

Einar Kárason: Die Teufelsinsel

Mein ältester Sohn heißt mit zweitem Vornamen Einar (Vorname altisländischen Ursprungs Einarr zu altisländisch einn „ein; allein“ + altisländisch herr „Herr, Krieger, Menge, Volk“ -> etwa -> „der allein kämpft“). Aber das war wohl nur ein Grund, weshalb ich mir vor gut zehn Jahren den Roman „Die Teufelsinsel“ von Einar Kárason (spricht sich Äinar Kaurason) kaufte und dann auch innerhalb kürzester Zeit las. Einar Kárason ist ein isländischer Autor, der 1955 in Islands Hauptstadt Reykjavík geboren wurde.

Der Autor begann seine Schriftstellerkarriere damit, Gedichte in literarischen Zeitschriften zu veröffentlichen (1978-80). Später schrieb er auch Romane. Am bekanntesten wurde seine „Barackentrilogie“, die in proletarischem Milieu in Reykjavík spielt. Der erste Band „Die Teufelsinsel“ (Þar sem djöflaeyjan rís) (1983) war auch in Deutschland ein großer Erfolg. Der nächste Band „Die Goldinsel“ (Gulleyjan) erhielt 1986 den Literaturpreis der isländischen Zeitung DV und wurde im nächsten Jahr für den Literaturpreis des Nordischen Rates nominiert. Drei Jahre später stand der dritte Band der Trilogie „Das gelobte Land“ (Fyrirheitna landið) auf der Auswahlliste für den Isländischen Literaturpreis. Die Trilogie wurde auch auf die Bühne gebracht und der erste Band vom isländischen Regisseur Friðrik Þór Friðriksson als „Devil’s Island“ verfilmt. Einar Kárason verfasste das Drehbuch für die Verfilmung.

Baracken im Camp Thule

Der Roman spielt im Camp Thule, einer Barackensiedlung im Reykjavik der fünfziger Jahre. Im Zweiten Weltkrieg wurde dieses Camp für die amerikanischen Besatzungssoldaten errichtet, die dann in den 50-er Jahren das Feld für obdachlose Familien räumten. Hier überschlagen sich die Ereignisse schneller als anderswo. Die Männer und Frauen der Siedlung müssen hart arbeiten, um ihre unbändigen Großfamilien über die Runden zu bringen. Die Jugend träumt den Traum von Dollars, Rock’n Roll und schnellem Leben. Ausgelassenheit oder den Alltag vergessen: einen Grund zum Feiern gibt es immer. Wilde Säufer, verarmte Bauernsöhne, angejahrte Nutten bestimmen das Bild. Dicht unter dem Polarkreis treibt die Anarchie üppige Blüten. Statt Selbstmitleid und Resignation herrschen jedoch trotzige Ironie, brutale Lebensfreude und bedenkenslose Liebe. Statt der Edda glauben die Akteure lieber an Elvis Presley. Echte Helden sind diese Verlierer, und ihr Slum ist zugleich eine Goldgrube, in der eine seltsame Aufbruchsstimmung herrscht.

Lina und Tommi und Familie

Im Mittelpunkt stehen Lina, die Wahrsagerin und ihr Mann Tommi, der einen kleinen Lebensmittelladen in der Barackensiedlung führt und die Familie damit ernährt, die neben den beiden noch aus drei Kindern von Linas Tochter Gogo (verheiratet in den USA) und später den drei Kindern von Dolli, Gogos Tochter, besteht, die vielen anderen nicht mitgerechnet, die zwischendurch immer wieder Unterschlupf in dem „Alten Haus“ finden. In Rückblenden erfahren wir einiges auch aus ihrem früheren Leben.

Und es handelt von den Kindern und Jugendlichen, die durch ihre Streiche die Nachbarschaft unsicher machen, sodass Tommi auf die Idee kommt, einen Fußballverein zu gründen, um wenigstens die Jungs von der Straße zu bekommen.

Obwohl der Roman in den 50-er Jahren spielt, so finde ich ihn unerwartet zeitgemäß. Vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb die Barackentrilogie im Mai bzw. Juni neu aufgelegt werden soll: Literatur von Einar Kárason. Kárason bedient sich der Sprache dieser Menschen, schafft so ein authentisches Bild – und dank stimmiger Psychologie gelingt uns ein tiefer Blick in die verwundeten Seelen der großen und kleinen Helden. Manche Romanfigur wird der Leser dabei verabscheuen, denn deren Verhalten ist unerhört, unmenschlich brutal. Aber schon deckt der Autor deren Seele auf, um uns die Hintergründe für dieses Tun aufzuzeigen.

Nun dieser erste Teil „Die Teufelsinsel“ wurde 1996 verfilmt, ist aber zz. leider nicht erhältlich (ich habe lediglich eine isländische Fassung mit englischen Untertiteln gefunden). Immerhin gibt es bei Youtube den Trailer zum Film und auch einen weiteren kleineren Ausschnitt (alles allerdings auf Isländisch):


Djöflaeyjan – Trailer

Natürlich habe ich die zwei anderen Romane dieser Barackentrilogie damals vor über zehn Jahren auch gelesen (und bin jetzt beim erneuten Lesen mit dem Roman „Goldinsel“ beschäftigt).

Hier für den interessierten Leser einen kurzen Ausschnitt aus dem Roman ‚Teufelsinsel’ (Original: Þar sem djöflaeyjan rís, was wohl soviel heißt wie: ‚Da wo sich die Teufelsinsel erhebt’), zunächst auf Isländisch, dann auf Deutsch. Isländisch entstammt dem Altnordischen und hat sich in den letzten tausend Jahren im Bereich der Formenlehre (Morphologie) kaum verändert. Daher können Isländer von heute ohne größere Probleme die alten Sagas ihrer Vorfahren lesen. Bemerkenswert ist natürlich auch das isländische Alphabet, das z.B. die Buchstaben C und W nicht kennt, dafür aber Buchstaben enthält, die es in anderen Sprachen nicht gibt: Ð und Þ, Eth und Thorn genannt.

zunächst ein Ausschnitt aus dem Original:

Þar sem djöflaeyjan rís

Og Baddi: hann gaf öllu jarðnesku streði tilgang. Skýri og fallegi efnispilturinn, blessaður ættarsóminn, ömmudrengur ömmubænanna sem Drottning Gamla hússins raulaði upphátt við eldhúsvaskinn eða í hljóði meðan hún gruflaði yfir spilum og framtíð vandalausra. Drengurinn með augun skæru, brosið, hjálpsemina og gæðin við allt sem lífsanda dró.
 Nú var hann væntanlegur heim.
 Gæfumenn voru ameríkanar að hafa fengið að njóta nærveru hans þessi ár fannst Karolínu, þessari stálhörðu manneskju sem ekki hafði leyft sér tilfinningalega viðkvæmni í áratugi. Núorðið talaði hún af svo klökkvum söknuði um Badda sinn að jafnvel Tommi varð hrærður og fór að ímynda sér að allt yrði bjart og fagurt þegar engillinn kæmi heim. Samt hafði Tommi alltaf haft miklu meiri taugar til Danna; þeir áttu svo margt sameiginlegt hann og yngri bróðirinn sem lítið var saknað og vitjaði ekki minninganna í hugum heimilisfólksins nema einsog hrafn sem tyllir sér á bæjarburstina og krúnkar.
 Tommi sá það þegar hann hugsaði til baka að Baddi hafði svosem aldrei verið neinn óknyttastrákur. Það voru nú bara ýkjur og skilningsleysi gagnvart ungdómnum. Verða ekki strákar alltaf strákar? Undir það síðasta var hann reyndar orðinn Tomma töluverð byrði vegna sekta og skaðabóta fyrir allskyns smáspellvirki sem Baddi hafði forgöngu um, en svoleiðis eldist af piltum. Mestar áhyggjur hafði Tommi af unglingsstrákunum þegar þeir voru farnir að fikta við brennivín, stela flöskum og drekka sig fulla og fara inní skúra og kompur með stelpur sem æptu og veinuðu og komu svo æðandi út, allar úr skorðum gengnar, með eld og trylling í augum, en létu samt alltaf plata sig inní skúrinn aftur. En hvað var Tommi að hafa áhyggjur af þessu? Þetta er ungt og leikur sér, Tommi var kominn á þá skoðun að það væri bara af öfund sem fullorðna fólkið var alltaf að hneykslast á unglingunum sem gátu tekið lífinu létt. Tommi sjálfur, hann var alveg einsog Baddi hálfri öld áður, þannig hafði nú tíminn staðið í stað. Menn voru líka að segja að þeir væru nauðalíkir feðgarnir og þá varð Tommi hrærður en vandræðalegur og eyddi talinu. Þótt það væri óskiljanlegt þá vissi hann að þetta var ekki alveg útí bláinn, hann var oft að sjá sjálfan sig í Badda; báðir voru þeir til að mynda óttalega kulvísir og áður en Baddi fór út gekk hann jafnan í föðurlandsnærfötum innst og ullarhosum uppá miðja kálfa; fimmtán ára kvennagullið. Og ef hart var á tóbaksdalnum tóku guttarnir bara í nefið einsog heilbrigð íslensk æska.
 Svo gleymdi Tommi því ekki hvað drengurinn var nú laginn í fótbolta. Verst að hann skyldi hætta að æfa. Það var fljótlega eftir keppnisferðina til Færeyja og Noregs, þá hættu líka Grjóni og Lúddi og megnið af gamla harða kjarnanum og ný kynslóð tók við með Danna og þannig pottorma í fararbroddi. Það var minnisstætt þegar Baddi kom á síðustu æfinguna og sagðist ekki nenna lengur svona smábarnadellu. Tölti svo á brott í gúmmískónum, kveikti sér í sígarettustubb á göngunni með eldsnöggum handtökum, skaut eldspýtunni uppí loftið og tók hana á hælinn í fallinu.
 Þannig endaði sú fótboltaæfing. Baddi var kominn á sextánda árið þegar hann lagði af stað út í heiminn með stóru flugvélinni. Elsku drengurinn hennar ömmu, hún mundi það svo vel þegar hann kvaddi þau á flugvellinum, fámáll en æðrulaus.
 „Þó í lífsins straumi bjáti eitthvað á
 ákveðinn og sterkur sértu þá.“ (s. 146-147)

Dieses zu Deutsch:

„ Und Baddi: er gab allem irdischen Streben ein Ziel.
  Dieser vielversprechende, aufgeweckte und hübsche Junge, Stolz der Familie, der Herzensschatz in Großmutters Gebeten, die die Königin des Alten Hauses am Spülbecken laut vor sich hin sang oder schweigend, während sie über Karten und fremden Schicksalen grübelte. Der Junge mit seinem strahlenden Augen, dem Lächeln, der Hilfsbereitschaft und Güte allem gegenüber, was da lebte und atmete.
  Nun stand seine Heimkehr bevor.
  Glücklich die Amerikaner, daß sie seine Anwesenheit während der letzten Jahre genießen durften, fand Lina, dieses beinharte Wesen, das sich jahrzehntelang keine Sentimentalitäten geleistet hatte. Jetzt sprach sie mit so tränenerstickter Sehnsucht von ihrem Baddi, daß sogar Tommi gerührt war und sich einbildete, nun, da der Engel heimkäme, würde alles hell und schön. Trotzdem – Danni hatte Tommi immer nähergestanden; sie hatten so vieles gemeinsam, er und der jüngere der Brüder. Er, den man kaum vermißte und der selten in den Erinnerungen der Familie auftauchte, höchstens, wie wenn ein Rabe sich flüchtig auf dem Giebel niederläßt und krächzt.
  Wenn Tommi zurückdachte, sah er, daß Baddi nie wirklich ein unartiges Kind gewesen war. Alles Übertreibungen und mangelndes Verständnis gegenüber der Jugend. Sind und bleiben Jungs nicht immer Jungs? Zuletzt war er für Tommi eine …
aus: Einar Karason: Die Teufelsinsel
… zündete sich im Gehen mit blitzschnellen Handbewegungen einen Zigarettenstummel an, warf das Streichholz in die Luft und kickte es mit der Ferse weg.
  Damit endete jenes Fußballtraining.“

(S. 162-164 – 2. Auflage Taschenbuchausgabe Mai 1997 – btb Taschenbuch 72142)

Happy Birthday, Janosch!

Heute gestern wurde Janosch (eigentlich Horst Eckert) 80 Jahre alt. Er ist ein deutscher Illustrator, Kinderbuchautor und Schriftsteller. Besonders als Kinderbuchautor wurde er über die Grenzen Deutschlands bekannt.

Sein bekanntesten, aber wohl auch sein schönstes Kinderbuch ist: Oh, wie schön ist Panama. 1979 erhielt Janosch dafür den Deutschen Jugendbuchpreis. Eigentlich kauft man sich im zarten Alter von Mitte zwanzig Jahren keine Kinderbücher, es sei denn für die eigenen Kinder. Vor dreißig Jahren kam ich aber nicht umhin, das Buch MIR zu kaufen.


Janosch: Oh, wie schön ist P a n a m a

Zwar sind meine beiden Söhne inzwischen (fast) erwachsen. Groß geworden sind beide u.a. auch mit Janosch und seinen Büchern – und mit der TV-Produktion des Südfunk Stuttgart, in der die Geschichten liebevoll umgesetzt wurden: TV-Produktion Janoschs Traumstunde auf insgesamt 4 DVDs (Laufzeit: ca. 718 Min – zum Preis vom 35 €)

Wer kleine Kinder hat, ob als die eigenen oder im Familien- und Freundeskreis, dem kann ich nur wärmstens Janoschs Bücher empfehlen. Selbst für Erwachsene sind sie ein großer Spaß.

Happy Birthday, Janosch!

Siehe auch meine Beiträge: Oh, wie schön ist PanamaJanoschs Traumstunde: Schnuddelbuddel

und siehe auch zdf.de: Video Janosch wird 80

weser-kurier.de: Janosch feiert heute 80. Geburtstag. Testen Sie ihr Wissen in unserem Janosch-Quiz

Gabriel Laub: Spielen Sie Detektiv

Beim Kramen in meinen Bücherregalen fiel mir folgendes kleine Büchlein in die Hände:
Gabriel Laub: Spielen Sie Detektiv. Ein literarisches Quiz für schlaue Leser – 50 literarische Rätsel (Ungekürzte Ausgabe Dezember 1987 – Deutscher Taschenbuch Verlag, München)

„Bücherschreiben“, sagt Gabriel Laub, „ist das einzige Verbrechen, bei dem sich der Täter bemüht, Spuren zu hinterlassen.“ Diesen Spuren zu folgen, die Verbrecher zu stellen und ihre Taten ans Tageslicht zu bringen – dazu wird hier der Leser aufgefordert. Zu diesem Zweck hat der Autor fünfzig Helden und Heldinnen aus der Literatur aller Zeiten und Sprachen ausgewählt und neue Geschichten um sie gerankt. Die Protagonisten erhalten eine neue Existenz, werden in eine andere Zeit verpflanzt. Eine wichtige Eigenschaft jedoch bleibt ihnen erhalten: ihre Sprache. An ihr wird der Leser sie erkennen, sie ist das Indiz, das den Weg zum Täter weist. Um den Überblick zu erleichtern, sind sämtliche Originalzitate kursiv gesetzt. Sollten diese Anhaltspunkte trotzdem nicht auf die richtige Spur führen, so kann, wie bei Kriminalgeschichten üblich, zu den letzten Seiten Zuflucht genommen werden. Dort werden die gesuchten Helden und ihre Autoren dingfest gemacht. (aus dem Klappentext)

Gabriel Laub, 1928 geboren, studierte in Prag Journalismus, arbeitete als Reporter, Redakteur und Übersetzer und lebte seit 1968 in Hamburg, wo er 1998 starb.

Leider ist das Buch nur noch im Antiquariat erhältlich. Es bietet Gelegenheit, seinen eigenen ‚Sachstand’ in Fragen der Literatur zu überprüfen – und gleichzeitig Anregung, das eine oder andere Werk einmal wieder oder vielleicht auch zum ersten Mal in die Hand zu nehmen.

Sven Regener: Der kleine Bruder

Es lag schon längere Zeit auf meinem Nachtschrank, der noch fehlende dritte Teil von Sven Regener – Herr Lehmann Trilogie: Der kleine Bruder. Endlich habe ich es geschafft, den kleinen Roman zu lesen. Aber eines nach dem anderen.

Eigentlich war es Zufall, dass meine Frau vor einigen Jahren Sven Regeners Roman „Herr Lehmann“ kaufte. Wir mussten auf einen Anschlusszug warten und stöberten so in einem Zeitschriftenladen am Hamburger Hauptbahnhof nach Neuerscheinung auf dem Buchmarkt:

„Die Handlung des Romans ist in Berlin-Kreuzberg im Sommer und Herbst des Jahres 1989 angesiedelt. … Der 29-jährige Frank Lehmann, von seinen Freunden ihm zum Missfallen nur immer „Herr Lehmann“ genannt, lebt in Berlin-Kreuzberg und arbeitet dort in einer kleinen Kneipe, dem „Einfall“. Die Geschichte um Herrn Lehmann und seine Freunde thematisiert ein Lebensgefühl junger Erwachsener in West-Berlin kurz vor dem Fall der Berliner Mauer im Herbst 1989.“ (de.wikipedia.org)


Größere Kartenansicht
Wiener Straße / Ecke Ohlauer Straße – Berlin – Standort der Kneipe “Einfall”

Nach diesem Roman erschien ein zweiter Teil: Neue Vahr Süd, der ab 30. Juni 1980 bis Mitte November des gleichen Jahres spielt und „Herrn Lehmann“ u.a. bei der Bundeswehr zeigt.

Mit „Der kleine Bruder“ vervollständigte Sven Regener seine Herr Lehmann Trilogie. Dieser Roman ist das Mittelstück der Trilogie und setzt zeitlich dort fort, wo „Neue Vahr Süd“ endete. Wir erleben Frank Lehmann, der von der Bundeswehr vorzeitig entlassen wurde, auf der Fahrt nach Berlin, um dort seinen ‚großen Bruder’ zu besuchen. Allein die Hälfte des Romans von rund 280 Seiten macht diesen ersten Tag in Berlin aus. Insgesamt spielt der Roman vom 12. bis 14. November 1980. „Auf der Suche nach seinem Bruder, dem spannungsbildenden Element der Gesamthandlung, lernt der junge Frank Lehmann eine Nische des Berliner Underground Anfang der 1980er Jahre kennen und bewegt sich in dem nur wenige Straßenzüge umfassenden Mikrokosmos der Hausbesetzer, Punks und Künstler. Auf den nächtlichen Streifzügen durch die Szenelokale mit Karl, dem Mitbewohner von Freddie, mit dem Frank Lehmann sich anfreundet, begegnen ihm immer wieder dieselben Menschen und gegen Ende des Romans hat sich Frank von seinem großen Bruder bereits emanzipiert, einen Job in der Kneipe ‚Einfall’ und ein WG-Zimmer über dieser Kneipe.“ (de.wikipedia.org)

Wer ‚Herrn Lehmann’ bereits aus den ersten beiden Büchern kennt, hat es leichter, sich in die Gedanken des Helden hineinzuversetzen, denn Regener benutzt verstärkt die ‚Wiedergabe der Bewusstseinsinhalte’ seiner Figur Lehmann als stilistisches Mittel. Und es gibt lange Gesprächspassagen zwischen den Akteuren, die die „Kommunikationsstruktur andeuten sollen, wie sie u. a. in der damaligen Hausbesetzungs- und Wohngemeinschaftsszene üblich war.“

Obwohl der spezielle Lehmann-Humor auch hier wieder zum Tragen kommt (daher liebe ich ja ‚Lehmann’), so hat mich dieser Roman doch ziemlich enttäuscht. Dabei sollte es mir eigentlich geholfen haben, dass ich ähnlich wie zu ‚Neue Vahr-Süd’ die Ostertor/Steintorszene in Bremen, auch die Szene der 80er Jahre in Berlin-Kreuzberg ansatzweise kenne (ich erinnere mich an eine Kneipe namens „Ruine“, die nicht umsonst diesen Namen trug). Aber zum einen fehlt es mir an Handlung, zum anderen verirren sich Lehmanns Gedankengänge in Welten, die ich – vielleicht aus Langeweile – nicht mehr nachvollziehen kann/will. Auch das Romanende ist etwas ‚abstrus’ (um ein beliebtes Wort dieser Tage zu verwenden), als Frank Lehmann seinen Bruder Manfred endlich findet.

Allein der Szene-Sprache wegen ist das Buch lesenswert. Aber von den drei Teilen der Lehmann-Trilogie ist es für mich der schwächste („Neue Vahr Süd“ ist der beste). Und trotzdem bin ich gewissermaßen traurig, denn mit diesem Roman endet die Trilogie. Es bleibt zwar noch die Zeit Lehmanns Aufenthalt in Berlin zwischen Ende 1980 und Sommer 1989 ‚offen’. Aber thematisch hat sich ‚Lehmann’ erledigt. Allerdings heißt es (auch in diesem Roman): Dreimal ist Bremer Recht! Und manchmal antwortet man darauf: Viermal ist auch nicht schlecht!

Halldór Laxness: Islandglocke

Der Roman “Die Islandglocke”, bestehend aus drei Teilen, von Halldór Laxness (geboren als Halldór Guðjónsson; * 23. April 1902 in Reykjavík; † 8. Februar 1998 in Reykjalundur bei Mosfellsbær) spielt im unter dänischer Herrschaft stehenden Island des späten 17. und frühen 18. Jahrhundert. Halldór Laxness schrieb Die Islandglocke während des Zweiten Weltkrieges.

Im Mittelpunkt stehen der mit allen Wassern gewaschene Bauer Jón Hreggvidsson, die schöne, selbstbewusste und vornehme blonde Richterstocher Snæfriður Íslandssól (im Buch: Snaefridur Islandsonne, auch Snaefridur Björnsdóttir Eydalin) und der Gelehrte Arnas Arnaeus. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder.

Jón Hreggvidsson wird des Mordes an den königlichen Henker angeklagt, kann sich einer Hinrichtung gerade noch entziehen und irrt anschließend jahrelang durch Europa. Nach seiner Rückkehr nach Island wird der Prozess immer wieder aufgerollt. Snaefridur ist die Tochter des Richters, der den Bauern das erste Mal aufgrund vager Indizien verurteilt, das Mädchen selbst ermöglicht ihm aber die Flucht. Und so zieht sich ein Prozess fast 50 Jahre hin, nämlich von 1683 bis 1730 – und ist historisch verbürgt. Die Akten dazu befinden sich in der ‚Arnamagnä(an)ischen Sammlung’ der Universitätsbibliothek von Kopenhagen (Die Handschriftsammlung wird heute in Reykjavík beim Arnamagnäanischen Handschrifteninstitut Islands unterstützt durch die Institution Árnastofnun, die Stiftung Árni Magnússon, aufbewahrt), die mit die ältesten und wertvollsten nordischen Handschriften enthält. Der Stifter dieser Handschriftensammlung war der isländische Pfarrerssohn Arni Magnússon, latinisiert Arnas Magnaeus (1663 – 1730), der erste Isländer, der in Kopenhagen Universitätslehrer wurde. Tragischerweise wurde bei einem Großbrand in Kopenhagen im Jahre 1728 ein großer Teil der Handschriften, Abschriften und Aufzeichnungen Árnis vernichtet, die wichtigsten Handschriften jedoch glücklicherweise gerettet. Einen Teil der Schriften konnte er bis zu seinem Tod Anfang 1730 noch aus dem Gedächtnis erneut zu Papier bringen. Im Roman tritt er als Arnas Arnaeus auf.

Zwischen Snaefridur und dem Gelehrten Arnas Arnaeus entwickelt sich ein Liebesverhältnis, das aber nicht seine Erfüllung findet. So heiratet Snaefridur den Junker Magnús Sigurdsson von Braedratunga (eigentlich Bræðratunga), der sich als Quartalssäufer entpuppt und sogar so weit geht, seine Frau gegen Schnaps zu verkaufen. Und neben dem Bischof von Skálholt und seiner Frau Jórunn, der Schwester Snaefridurs spielt noch der so genannte Wartefreier und Domkirchenpastor Sigurdur Sveinsson eine gewichtige Rolle. Diesen von ihr zuvor immer wieder demütigend zurückgewiesenen „ewigen Freier“, den gelehrten, zeitweise fanatisch asketischen und dem Katholizismus zugeneigten Pastor heiratet sie zuletzt, als es sich zeigt, das ihre Beziehung zu Arnas Arnaeus für immer zerbrochen ist. Nach dem Tod des Bischofs von Skálholt und seiner Frau durch die Pest, wird dieser dessen Nachfolger.

Die Romantrilogie ist kein historischer Roman im eigentlichen Sinne, sondern eine freie Dichtung. Aber wir lernen ein Land am Anfang der Neuzeit kennen – vertreten durch die Protagonisten dieses Romans. Dabei spielt die soziale und politische Situation Islands in diesem Roman eine große Rolle; gezeigt werden die verelendeten Bauern, die stolze, aber gleichfalls recht einfach lebende Oberschicht und die reichen dänischen Profiteure, aber auch der Stolz auf das Land und seine alten Überlieferungen bei Isländern aller Schichten.

„Gelahrte Männer haben in ihren Büchern mancherlei über die vielen Vorboten aufgezeichnet, welche die Beulenpest auf Island ankündigten. Zunächst kann man Hungersnot und Mißernten nennen, die es in allen Teilen des Landes gab mit großer Sterblichkeit unter dem Volk, insonderheit bei den Armen. Großer Mangel an Angelschnüren. Dazu kam Raub und Diebstahl mehr denn gewöhnlich, so auch Blutschande, zudem Erdbeben im Südland. Dazu vielerlei seltsame Dinge. In Eyrarbakki ehelichte eine Frau von achtzig Jahren einen Mann von einiges über zwanzig im Herbst vor der Pest und wollte ihn im Frühjahr impotentiae causa wieder loswerden. Am siebzehnten Majus wurden sieben Sonnen gesehen. Im selbigen Frühjahr bekam ein Schaf in Bakkakot im Skorratal ein mißgestaltes Lamm mit Schweinskopf und Schweinsborsten; der Oberkiefer bis zu den Augenhöhlen fehlte, die Zunge hing lang hervor über dem Unterkiefer, der keinen Zusammenhang mit der Hirnschale, und man fand keine Spur von Augen; Ohren lang wie an einem Jagdhund; vom Schädel hing eine kleine Zitze mit einem Loch darin. Als das Lamm geboren ward, hörte man es deutlich sprechen, indem es diese Worte sagte: Mächtig ist der Teufel in Kindern des Irrglaubens. Vom Kirkjubaearkloster verbreitete sich im Winter vor der Pest die Kunde, daß der Pächter des Klosterhofs wie auch ein anderer Mann, als sie zusammen am Abend durch den Kirchhof gingen, unter ihren Füßen ein Jammern vernommen; im Kirchspiel von Kjalarnes in der Luft eine Schimpferei. Im Skagafjord ward ein Rochen aus dem Wasser gezogen, der, sowie man ihn ins Schiff gebracht, fürchterlich zu lärmen und kreischen anhub, und als man ihn auf dem Strande ausgenommen und gevielteilt, in jedem einzelnen Stück weiter lärmte und kreischte; und als man die einzelnen Stücke nach den verschiedenen Hütten der Fischer gebracht, da schrien sie alle und ein jegliches auf seine Weise immerfort, lärmend und kreischend, so daß man sie alle samt und sonders wieder ins Wasser geschmissen. Menschen in der Luft. Und schließlich bleibt zu vermelden, daß jenes Ei, welches ein Huhn auf Fjall zu Skeid legte, deutlich ein dunkles Zeichen eingepreßt wies, das in umgekehrter Weise das Zeichen Saturni war, bedeutend: Omnium rerum vicissitudo veniet [Der Wechsel aller Dinge komme!].“

Halldór Laxness: Islandglocke (suhrkamp taschenbuch 228 – 1. Auflage 1975 – Suhrkamp Taschenbuch Verlag – S. 368f.)

„Das ist ein Buch weit entfernt von aller kostümierten Geschichtsunterrichtung – es ist ein Nachklang aus dem alten herrlichen Island der Skalden, eine echte Saga, eine moderne Epiphanie jenes Volksgeistes, der einst die Geschichten vom Skalden Egil und dem geächteten Grettir gedichtet hat.“ (Hermann Hesse)

Gestohlene Namen

Ob nun Namen Schall und Rauch sind oder ‚Nomen est Omen’ gilt, ich habe mich dazu schon einmal geäußert. Ich lese zz. von Halldór Laxness Die Islandglocke, ein Roman, der Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhundert (nicht nur) in Island spielt (zu dem Roman später etwas mehr). Island stand unter dänische Oberhoheit, dänische Handelsmonopole blockierten über lange Zeit die Entwicklung Islands. Dadurch herrschte große Armut auf der Insel. Island stand Jahrhunderte lang unter dem Joch Dänemarks und um den Isländern auch noch den letzten Rest an kultureller Identität zu rauben, danifizierten die Dänen die isländischen Namen; so wurde z.B. aus Jón Jónsson ein dänischer Joen Joensen, aus Thórdur (Schreibweise im Buch) bzw. Þórđur (richtige isländische Schreibweise) Narfason wurde Ture Narvesen.

Aber die Dänen sind in der Geschichte nicht die einzigsten, die ein von Ihnen unterdrücktes Volk auf diese perfide Art jede kulturelle Eigenständigkeit absprechen wollten. Als im 18./19. Jahrhundert Polen von den Landkarten verschwand und zum großen Teil Russland einverleibt wurde, mussten viele Polen im Zuge einer Russifizierung ihre Familiennamen ändern (hier das Beispiel am Namen Koslowski).

Und auch die Schotten mussten hinnehmen, dass ihre Namen von den Engländern anglifiziert wurden. Zum einen mag es daran gelegen haben, dass die Engländer es nicht verstanden, die gälischen Namen richtig auszusprechen (wohl hatten sie dazu auch keine Lust, denn es wäre ja so etwas wie ein Entgegenkommen gegenüber der in Schottland gebräuchlichen gälischen Sprache gewesen), zum anderen wollte man den Schotten nicht nur die politische, sondern damit auch die kulturelle Eigenständigkeit nehmen; hier ein Beispiel anhand des Namen Anderson:

Anderson (gälisch: Mac Ghille Aindrais – ich denke auch McAndrew ist nicht falsch, obwohl im zweiten Teil auch schon wieder anglifiziert; Mc- oder Mac- steht für Sohn wie auf englisch auch -son, vergl. in den skandinavischen und friesischen Sprachen die Endung -son, -sen bzw. -sson, z.B. Hansen, Jonsson oder Johnson), was soviel wie Sohn von Andreas heißt.

Unter diesem Gesichtspunkt sind Namen dann doch etwas mehr als Schall und Rauch. Sie sind der Inbegriff von Personen, also von Menschen. Hinter jedem Namen verbirgt sich ein Leben. Namen stehen für die Authentizität und die Identität eines Menschen. Und es steckt hinter dem auch ein Sichgleichsetzen eines Menschen mit der Kultur, der Sprache usw. seines Landes.

Siehe auch meinen Beitrag: Müller-Meyer-Schulze

Witold Gombrowicz: Trans-Atlantik

Witold Marian Gombrowicz (* 4. August 1904 in Małoszyce, Polen; † 25. Juli 1969 in Vence, Frankreich) war einer der bedeutendsten polnischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Seit seinem 34. Lebensjahr lebte er im Exil.

Nach dem Mauerfall im November 1989 erlebte ich mit meiner heutigen Frau den Jahrzehntewechsel 1989/1990 in der damals eben noch real existierenden DDR, nämlich in Sachsen. Aufenthalte ‚im Osten’ habe ich immer genutzt, um mich mit Literatur, die wie Lebensmittel in der DDR subventioniert wurde, einzudecken. Vor nun über 21 Jahren kaufte ich mir so u.a. auch den kleinen Roman Trans-Atlantik von Witold Gombrowicz.

Als Satire, Kritik, Spaß und Spiel, Absurdität, doch nichts davon ganz und ausschließlich, hat Witold Gombrowicz „Trans-Atlantik“ bezeichnet, den er im argentinischen Exil schrieb und der nach seinem Erscheinen in Paris (1953) und Warschau (1957) wegen seines provokativen Charakters die widersprüchlichsten Reaktionen auslöste. Verschließt sich doch der schriftstellerische Held des Romans, der gerade mit einem luxuriösen Überseedampfer in Buenos Aires eingetroffen ist, seiner patriotischen Pflicht und verweigert die Rückkehr nach Europa, wo der zweite Weltkrieg ausgebrochen ist (der Roman spielt 1939). Bei seinen Versuchen, in Argentinien Fuß zu fassen, gerät er in die verrücktesten Situationen durch die Begegnung mit verknöcherten Diplomaten, mit ansässigen Unternehmern polnischer Herkunft, die ihre überholten Wertvorstellungen beibehalten haben und sich ununterbrochen befehden, mit einheimischen Großstadttypen, unter anderen einem homosexuellen Millionär, für den er den Sekundanten in einem lächerlichen Scheinduell spielt, denn er hält sich weder an den herkömmlichen Ehrenkodex noch an die verlogene bürgerliche Moral seiner Umwelt.

Sein Pamphlet gegen die erstarrten Traditionen untermauert der polnische Avantgardist Gombrowicz durch stilistische Brisanz. Seine Sprache ist „in Späße verwickelt, sklerotisch, barock, absurd, im Konversationsstil von vor einem Jahrhundert, aber vermischt mit anderen Wortarten, manchmal mit Worten, die ich mir ausgedacht habe.“ (Witold Gombrowicz)

Soviel aus dem Text auf dem Umschlag des Buchs.

„… denn ich strebe (wie immer) eine Verstärkung und Bereicherung des individuellen Lebens, eine Vermehrung seiner Widerstandsfähigkeit gegen das drückende Übergewicht der Masse an.“

S. 6f. aus dem Vorwort zur Warschauer Ausgabe (1957)
1. Auflage Lizenzausgabe des Verlages Volk und Welt, Berlin 1988 für die DDR
© 1987 Carl Hanser Verlag München Wien
Einbandentwurf: Volker Pfüller

Seinen Figuren, wie auch sich selbst, räumt Gombrowicz das Recht auf Individualität und geistige Freiheit ein, und zwar unabhängig von jeder Konvention. Jedes Individuum berechtigt er zur lebenslangen „Unreife“, die für ihn die Abwehr gegen die „reifen“ Formen des Lebens (herrschende Ideologien, Religionen, Nationalismen, gesellschaftliche Normen) und der Kunst (literarische und künstlerische Konventionen) symbolisiert.

Obwohl Gombrowicz von seiner Ausreise 1939 bis zu seinem Tod in der Emigration lebte, setzte er sich unermüdlich mit der Problematik seines Heimatlandes auseinander. Als Pole war er der Auffassung, dass ausgerechnet die polnische Tradition der geistigen Entwicklung seines Heimatlandes im Wege steht.

„Was für eine Kunst wollt ihr überhaupt? Eine, die euch immer nur dieselben Gemeinplätze vorbetet, oder lieber eine, die einen Schritt vorangeht? Wollt ihr, daß euch der Künstler Lesebuchgeschichten schreibt, oder wollt ihr lieber seinen Schmerz, sein Gelächter, seinen Spaß, seine Verzweiflung, seine Niederlage und Demütigung im wahrhaften Ringen mit dem jetzigen Leben mit ansehen?“ so fragt Witold Gombrowicz …

Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Buch, der u.a. auch die stilistischen Mittel aufzeigt, die Gombrowicz bei diesem inzwischen über 50 Jahre alten Roman benutzt:

Wenn in mörderischem kampfe Erde und Himmel von Feuersbrunst umfangen sich schnaubend auf die hinterbacken setzen, und Schreien, Brüllen, das ächzender Mütter und die Faust der Männer aufbricht und Ausbricht und unter getöse und klirren, im bersten von Särgen und Gräbern, in letzter empörung von welt und Natur Niederlage, Vernichtung, ach, das Ende naht, wenn Gericht gehalten wird über alles lebendige Sein, da stellt auch er, der alte, sich zum Kampfe! Mit dem feinde des Vaterlandes will er sich schlagen!

(S. 107f. der genannten Ausgabe)

Der Club der Weihnachtshasser

Zu Weihnachten 2009 bekam ich den Roman Der Club der Weihnachtshasser von Michael Curtin geschenkt. Augenzwinkernder Wink mit dem Zaunpfahl? Sicherlich, denn ich habe etwas gegen diesen kollektiven Wahnsinn zu Weihnachten (Kaufrausch, kooperative Besinnlichkeit), noch mehr zu Silvester mit den gemeinsamen Besäufnissen und der gemeinschaftlich begangenen Ruhestörung zur Schlafenszeit mit Böller und Silvesterraketen (siehe meinen Beitrag: Kollektiver Wahnsinn beendet). Trotzdem fühle ich mich nicht durch und durch als Weihnachtsverächter. Denn wenn man Frau und Kinder hat, dann kann die Weihnachtszeit eine sehr schöne Zeit sein.

Letzteres ist auch der Grund dafür, dass ich dieses Buch erst jetzt zur feiertagsfreien Zeit gelesen habe:

Die Achtziger Jahre waren ein trauriges Jahrzehnt – jedenfalls in England. Die eiserne Lady ließ nicht gerade Träume wahr werden, und so blieb vielen im Vereinigten Königreich nichts anderes übrig, als im Pub um die Ecke in die gutgemischten Karten zu schauen.

Auch die Solorunde trifft sich in jenen Jahren an jedem Mittwochabend im The King`s Arms im Londoner Stadtteil Sheperd`s Bush zum Kartenspiel (Solo ist ein Kartenspiel, das unserem Skat ähnelt; es wird im Buch ziemlich ausführlich erklärt): Percy Bateman, irischer Außenseiter und Herumtreiber, der in seiner Jugend ein spektakuläres Desaster auf dem Rugby-Feld zu verantworten hatte; Kenneth Foster, ein Buchhalter, der sich gern in Frauenkleider hüllt; Arthur Ellis, ehemals Londoner Gebietsleiter der NatWest Bank, der die Welt davon überzeugen will, sich Linoleumböden anzuschaffen und der zu diesem Zweck immer ein Stück dieses nicht gerade populären Materials mit sich herumträgt; Ernie Gosling, Hilfskellner im The King`s Arms, der nie so recht weiß, ob er eher für sich oder seine Frau den Totoschein ausfüllt; und Diana Hayhurst, die Schulterpolster tragende Herausgeberin von „Unipolitan“, der Zeitschrift für die moderne Frau.

Keiner von ihnen führt ein leichtes Leben, soviel ist klar, aber das schlimmste daran, so stellen sie eines Tages fest, ist in jedem Fall Weihnachten – die Besuche bei den Verwandten, die teuren Geschenke, die jeder erwartet, die schrecklichen Papierhüte, in denen man aussieht wie auf einem Kindergeburtstag, und überhaupt, für wen soll Weihnachten gut sein?

Und so macht sich der Club der Weihnachtshasser auf nach Irland, um mit den Ersparnissen ehrenwerter irischer Bürger ein Exempel gegen Weihnachten zu statuieren, wobei es zu folgenreichen Verwechslungen kommt.

Um es gleich zu sagen: „Der Club der Weihnachtshasser“ ist nur vordergründig ein Buch für all diejenigen, die sich mit dem Weihnachtsfest nicht anfreunden können und ebenfalls schwer genervt sind von Konsum und monatelangem Hype. Eigentlich geht es nicht wirklich um die Abneigung gegen das Fest und die Sabotage desselben, sondern durchgängig mehr um die Konstellation der fünf so unterschiedlichen Personen, die sich hier zusammenfinden, und deren Lebensgeschichten, die Autor Michael Curtin vor dem Leser ausbreitet. Im Mittelpunkt steht dabei Percy Bateman, der jahrelang unter seinem Vater litt. Der Diebstahl der Sparclub-Einnahmen soll in diesem Sinne nicht nur eine Weihnachtssabotage sein, sondern vielmehr die Rache am übermächtigen Vater.

Und es ist ein irisches Buch (nicht nur der Autor ist Ire), auch wenn das Ganze hauptsächlich im London der Ära Margaret Thatcher spielt. So kommt der Humor manchmal leise und verschroben, dann auch schon ziemlich derb und deftig daher – man muss schon ein Faible für irische Romane und den damit verbundenen Humor haben. Außerdem braucht es am Anfang einige Geduld beim Lesen, bis sich die Geschichten der Protagonisten ‚entwickelt’ haben. Einen Spannungsbogen sucht man vergeblich, obwohl sich zumindest gegen Ende die Ereignisse skurril und auch traurig zuspitzen. Der Schwerpunkt liegt beim „Club der Weihnachtshasser“ eben auf den skurrilen und durchaus sehr interessant entwickelten Lebensläufen der hier vorgestellten Personen.

Insgesamt ist es ein Buch, das nicht, wie der Titel auf den ersten Blick andeutet, eine böse, lustige Geschichte für Weihnachts-Verächter darstellt, sondern vielmehr eine durch und durch irische, bisweilen sehr skurrile Geschichte, deren Humor man entweder mag oder nicht. Ich fand den Roman auf jeden Fall ganz witzig.

Martin Walser: Das Einhorn

Mit dem Roman Das Einhorn – dem zweiten Teil der Trilogie Anselm Kristleins, die mit dem “Sturz” abgeschlossen wurde – hat Martin Walser einen Liebesroman und gleichzeitig dessen Entstehungsgeschichte geschrieben. Der Vertreter und Werbefachmann Anselm Kristlein aus der Halbzeit ist Schriftsteller geworden. Er erhält den Auftrag, ein Buch über die Liebe zu schreiben. Sich selbst macht er zum Helden des Romans. Die literarische Erinnerung wird ihm zur Reise in die Wirklichkeit: Tätigkeiten, Orte und Personen aus seiner Vergangenheit tauchen auf. Vor allem aber Frauen, die ihn von sich selbst ablenken, die seine Erwartung, das Einhorn, übermächtig werden lassen.

Manches Buch, hält man es erst einmal in Händen, lässt einen so schnell nicht wieder los. So ist es mir mit Walsers Einhorn geschehen, dessen ca. 380 Seiten ich in diesen Tagen zum bereits vierten Mal gelesen habe. Dabei ist es gar nicht so ‚leicht’ zu lesen – und dank vieler Randnotizen, die ich mir bereits beim ersten Lesen gemacht hatte, kommt man durch den bildungsbürgerlichen Wörterdschungel deutlich schneller voran (bei manchen Worterklärungen musste ich fast lachen, zeigen sie mir auf, wie sehr sich der eigene Wortschatz im Laufe der Jahre geweitet hat). Und & aber auch: Es ist eines der wichtigsten Bücher meines Lebens.

War es im ersten Teil, Halbzeit, noch die (göttliche) ‚Mieze’, die Anselm Kristlein oft am Gängelband hielt, so ist es jetzt das ‚Einhorn’, sind es die ‚Erwartungen’, die den Romanhelden in vielerlei erotisch-exotisch-sexuelle Abenteuer führen (Anselms Einhorn ist immerhin ‚alkohollöslich’). War ‚Halbzeit’ ein Roman aus der Zeit Ende der fünfziger Jahre, so stehen wir mit ‚Einhorn’ am Anfang der 60er. „’Das Einhorn’ erschien 1966 im Suhrkamp Verlag; mein Exemplar ist das Suhrkamp taschenbuch 684 – 1. Auflage 1981 (Die Anselm Kristlein Trilogie – zweiter Band: Das Einhorn).

Jetzt könnte man darangehen und schauen, was sich im Laufe der fast 50 Jahre im Bezug auf ‚Liebe’, Sexualität und Partnerschaft geändert hat. Das ist sicherlich viel. Aber – wenigstens aus meiner Sicht – bezogen auf diesen Roman: eigentlich nichts. Wenn auch keiner heute mehr so schreibt, wie Walser damals geschrieben hat, das Buch ist auch heute noch ‚modern’, also zeitgemäß … oder ich bin altmodisch (kann ja auch sein): Denn in vielem erkenne ich mich wieder, was Walser da schreibt. Das heißt nicht, dass ich, wie Anselm Kristlein es tut, meine Frau betrüge. Aber was dem guten Anselm so durch den Kopf geht, könnte gut auch durch meinen Kopf gehen. So sind wir Männer nun mal (Manchmal frage ich mich heute allerdings, ob ich so bin, wie ich bin, weil ich früh schon das Buch gelesen habe, oder ob ich so bin, weil ich auch ohne Buch so wäre … Avete capito?).

Nun aus Anselm Kristlein ist ein Schriftsteller geworden. Und da sein Roman (analog der Roman ‚Halbzeit’) mehr Wirklichkeit als Fiktion enthält, Anselm auch ungern reale Namen zu ändern gedachte, sahen sich er und seine Familie geradezu genötigt, einen Wohnungswechsel vorzunehmen. So sind die Kristleins von Stuttgart nach München in die Marsstraße gezogen.


München: Marsstraße – Größere Kartenansicht

Hier ernährt er seine Familie u.a. durch Vortragsreisen (Themen: 1. Familie, Jagdwild der Werbung. 2. Werbung: Information oder Psychagogik? 3. Verdirbt das Image die Politik? 4. braucht Gott public relations?) und Auftritten bei Podiumsdiskussionen (Unterschied zu heute: die Diskussionen finden im Fernsehen statt). Er wird so zum Fachmann für Schicksalsfragen. Bis er eines Tages den Auftrag erhält, ein Buch über die Liebe zu schreiben. Auftraggeberin: Melanie Sugg, Schweizerin, Herausgeberin erotischer Literatur, Propagandistin einer „Neuen Sittlichkeit“. Was soll das denn sein? Ein Sachroman. „Nichts Erdachtes, etwas Genaues (öppis Gnaus), nach dem Leben …“ (S. 75 meiner Ausgabe) … und Anselm Kristlein als Held!

Um ungestört an diesem Buch arbeiten zu können, vermittelt die Verlegerin Anselm Kristlein eine Unterkunft in einem Gästehaus am Bodensee, das zu einer Villa des Industriellen Blomich gehört. Aber zur Ruhe findet er hier natürlich nicht. Manches amouröse Abenteuer bahnt sich an. Bei einem Fest, zu dem neben Kristlein viele illustre Gäste geladen sind, will Blomich seine gerade einmal 23-jährige Freundin Rosa vorstellen, gewissermaßen ‚in die Gesellschaft’ einführen. Man kann sich denken, dass Kristleins Tour d’Amour bei dieser Rosa nicht endet.

Bemerkenswert sexistisch (oder nicht?) ist, wie Martin Walser manches dieser Abenteuer sprachlich verarbeitet und z.B. Anselm klassifizieren lässt: Da gibt es den „Typ Nummer Eins: Große Erstickerin. Die Frau, die gacksend in die Binsen geht. Drucksend die Augen verdreht. Stumm schreiend die Kiefer aufklappt. …“(S. 198). Oder: „Rosa, mit Deinen Schreilauten bleibst Du für immer die größte Vokalistin, begründest mir den Typ Zwei: die Schreierin.“ (S. 209) Wie das geht? Man lese es selbst …

Orli Laks aus dem Roman „Das Einhorn“, Anselm Kristleins große Liebe
aus: Martin Walser: Leben und Schreiben: Tagebücher 1963-1973
Orli Laks aus dem Roman „Das Einhorn“, Anselm Kristleins große Liebe

Durch einen Beinaheunfall beim Segeln auf dem Bodensee lernt Anselm Kristlein dann die junge Niederländerin Orli Laks lernen, die mit ihrem Freund Urlaub auf einem Zeltplatz am Bodensee macht. Ihr Auftritt ist für unseren ‚Held’ eine ‚Erscheinung’: „Dann muß ihn um 11 Uhr 59 das Bewußtsein verlassen haben. Es ist mir auch unbekannt, ob er seitdem das Bewußtsein wieder erlangte.“ – „… der Film ist stehen geblieben, … das Bild zittert und ruckt, der Ton ist verstorben …“ (S. 285).

Später nach Wochen des Zusammenseins mit ihr prüft Anselm seine Erinnerung, prüft, was von jener Orli noch übrigblieb. Das Schreiben bestätigt den Verlust, die verlorene Zeit bleibt verloren. Und die Suche nach „Wörtern für Liebe“ gerät zum Nachruf auf das Unwiederbringliche – einer natürlichen Form des Liebesromans.

Die Zeit mit Orli (ihr Freund ist sang- und klanglos abgereist) ist für Anselm eine Zeit der Anfechtungen, aber „ihm genügt es, mit Dir herumzulaufen. Am liebsten barfuß. Am liebsten durch Gras.“ (S. 325) Und doch genügt das nicht. Wer Anselm Kristlein aus ‚Halbzeit’ kennt, ahnt schnell, dass es mit Orli nicht gut gehen kann. Schon ist von Heirat die Rede (dabei ist Anselm ja verheiratet und hat fünf Kinder), bis … ja bis Orli wohl selbst erkennt, dass es so nicht weitergehen kann und Anselm über Nacht, während er schläft, verlässt.

Zurück bleibt ein geschlagener Held, ein Antiheld, der in die Arme seiner Familie heimkehrt. Und noch eins: „Nicht Erstickerin, nicht Schreierin, Orli ist Stöhnerin. Wehmutterhaft. Innig. Und klagend. Stöhnerin Orli …“ (S. 376). Und was wird aus Orli? Aus Orli Diana Laks wird am 3. Januar 1963 eine Mrs. Booty in Cambridge (Massachusetts).

Was für ein Buch – für damalige Zeiten (1966)! Ein Liebesroman? Vielleicht zu einem Teil, zum anderen schildert es die Wege und Irrwege auf der Suche nach Liebe in einer Gesellschaft, die vom Erfolgs- und Gewinnstreben geprägt ist und in der sich für die Liebe keine Sprache mehr finden lässt: Der Protagonist Anselm versucht vergeblich, ein Buch zu schreiben über eine Liebe, die dieses Gesellschaftssystem sprengt. Oder wie Urs Jenny auf der Rückseite des Bucheinbandes schreibt: „’Das Einhorn’ ist ein witzig ironisches und glaubhaft pathetisches Buch über die Liebe.“

Übrigens wurde der Roman 1978 durch den österreichische Regisseur Peter Patzak mit Peter Vogel und Gila von Weitershausen als Ehepaar Kristlein verfilmt (als DVD Das Einhorn erhältlich).


Miniausschnitt: Das Einhorn – Regie: Peter Patzak – mit Peter Vogel (Anselm) + Lucie Visser (Orli)

Ernst und/oder unterhaltend (Literatur)

Für den nächsten Flohmarkt hatte einer meiner Schwäger seine Bücherregale ausgemistet; u.a. war dabei ein Buch von David Payne: Bekenntnisse eines Taoisten an der Wall Street (Knaur – vollständige Taschenbuchausgabe 1988). Das Buch kannte ich vom Hörensagen, wusste auch von seiner „Zwiespältigkeit“ (um es einmal so auszudrücken) – und da ich es jetzt vorliegen hatte, mich u.a. auch für den Taoismus interessiere, machte ich mich daran, es zu lesen. Schaut man im Internet nach, dann sieht man, dass es bei uns nur noch in der Krabbelkiste bzw. im Antiquariat erhältlich ist. Nach gut 350 Seiten (von über 800 Seiten) habe ich es entnervt aufgegeben, das Buch weiterzulesen.

Sun I, Sohn eines amerikanischen Fliegers und einer Chinesin, wächst als Tao-Mönch in Szechuyn auf. Als sein Onkel ihm enthüllt, daß sein Vater ein berüchtigter Wall-Street-Hai ist, verläßt er die fernöstliche Welt des Klosters und geht nach New York.
Die Suche nach dem Vater bleibt erfolglos, doch dann öffnet sich auch Sun I eine steile Karriere im Börsengeschäft.

„Das 800-Seiten-Buch ist für die Dallas-Generation das, was für die Hippies Hermann Hesses ‚Siddharta’ war.“ Stern

In meinem Beitrag Ernst und/oder unterhaltend (Musik) hatte ich mich über den Unterschied zwischen anspruchsvoller und mehr oder weniger unterhaltender Musik geäußert, die vereinfachend in E- und U-Musik überschieden wird. Bei Literatur wird das Ganze wohl noch etwas komplizierter. Ich schrieb in dem genannten Beitrag:

Ja, mit den Schublädchen ist das schon so eine Sache. Wie gut, dass sich eben doch nicht alles so einfach einordnen und beschriften lässt. Gerade anspruchvolle Musik, ob als E- oder U-Musik etikettiert, – und natürlich auch Literatur – verdient kein starres Korsett, sondern braucht Raum und Zeit, um ‚atmen’ zu können und als ‚schön’ wahrgenommen zu werden (Wahrnehmung = Ästhetik).

Natürlich spielt auch bei der Bewertung von Literatur die Wahrnehmung eine wichtige Rolle. Schubläden gibt es auch hier genug. Analog der Musik würde ich (auch der Einfachheit halber) Literatur (Fach- und Sachliteratur vernachlässige ich hier) in Belletristik (der Begriff soll hier lediglich zur Abgrenzung dienen) und Unterhaltungsliteratur unterscheiden (Trivialliteratur wie Arzt- und Groschenromane usw. lasse ich ebenfalls unter dem Tisch fallen). Natürlich gibt es viele Gattungen (Epik wie Roman und Erzählung, Drama wie Komödie und Tragödie, Lyrik wie Ballade oder Lied) und Arten von Literatur (z.B. Weltliteratur, Nationalliteratur usw.), die je nachdem der ‚ernsten“ oder ‚unterhaltenden’ Literatur zuzuordnen sind.

Zurück zum Taoisten-Wall Street-Buch: Taoismus bzw. Daoismus ist eine alte chinesische Philosophie und Religion. Seine historisch gesicherten Ursprünge liegen im 4. Jahrhundert v. Chr., als das Daodejing (in älteren Umschriften: Tao te king, Tao te ching …) des Laozi (Laotse, Lao-tzu) entstand – siehe hier meinen kleinen Beitrag: Lao-tse: Tao-Tê-King.

Die Idee dieses Buchs ist nun, das klanglich ähnliche Dao dem Dow (Dow Jones Index) der New Yorker Wall Street gegenüberzustellen, was bereits im Buchtitel zum Ausdruck kommt. Was nach einer „originelle Mischung aus der chinesischen Weisheit des I Ging (Buch der Wandlungen) und seiner Konfrontation mit der westlichen Welt“ aussieht, entpuppt sich aber leider als hochtrabend angelegter Unterhaltungsroman – mehr nicht.

Sicherlich hat sich der Autor sehr ausführlich mit Daoismus, „Tao-te-King“ und „I Ging“ beschäftigt. Auch beweist er ein gewisses Gespür für die Lebensbedingungen des jungen Protagonisten des Buchs. Aber es ist kein Spiegelbild der Wirklichkeit entstanden, sondern eine dick aufgetragene Erzählung, dem kein Klischee zu gering ist, um es zu benutzen.

Eines dieser Klischees ist die Vorstellung, Asiaten würden sich ständig in gewunden-blumiger Sprache äußern. Es ist aber der Autor selbst, der ständig blumig daherschreibt, sodass es mir wirklich zu ‚bunt’ wurde, das weiterhin zu ertragen. Hier nur einige dieser sprachlichen Ergüsse, auch wenn sie aus dem Satzzusammenhang gerissen sind:

„… Prismen eines Kronleuchters ernährt wie einen Weihnachtstruthahn …“ – „Müde, verirrt, entmutigt, emotionell zutiefst versehrt – kurz gesagt: todunglücklich …“ – „Feenkelche der Engelsblümchen …“ – „das kristallklare Wispern fließenden Wassers …“ – „vibrierende Frische des Morgens …“ – „… exquisite Mysterium alkaloider Auflösung.“ – „Nur lag eine gewisse Schärfe in der Luft, eine Schärfe wie der Knall einer Peitsche.“ – „… der eine gebend, der andere nehmend im letzten Koitus des Krieges …“.

Schlimmer noch ist aber, das es an der Psychologie hapert. Auch hier bedient sich das Buch fast durchgängig menschlicher Klischees. Genug dieses Buchs.

Ich lese zz. Martin Walsers „Das Einhorn“ aus dem Jahre 1966 (später dazu mehr). Auch Walser bedient sich teilweise einer „blumigen“ Sprache. Auch hier dient die Sprache oft dem ‚Selbstzweck’. Und doch ist es etwas völlig Anderes.

Was macht also den Unterschied zwischen diesen beiden Polen literarischer Werke aus? Immer wieder werden wir von Bestsellern überschüttet, die von einem breiten Publikum gelesen werden. Ich denke da an „Harry Potter“, an die Werke eines Dan Brown oder eines Ken Follett. Werke dieser Art bevölkern die Büchercharts (z.B. Spiegel). Ab und wann findet sich aber auch ein Werk wie das des letztjährigen Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa hier. Selbst das erwähnte Buch von Martin Walser war seinerzeit in solchen Hitlisten zu finden. In soweit lässt sich kein Unterschied ausmachen. Oder doch? Die Frage ist, was wird gekauft – und was wird wirklich gelesen. Bei Walsers Buch könnte ich mir denken, dass viele Käufer über die ersten 50 Seiten kaum hinausgekommen sind. Zu schwierig, zu wenig ‚unterhaltend’.

Aber auch der ‚Schwierigkeitsgrad’ ist kein wirkliches Kriterium. Es gibt leicht zu lesende Literatur (ich denke da an Kafka), die aber inhaltlich ‚schwer’ zu verdauen ist. Oder wie steht es mit der Ausdruckskraft der Sprache? Auch Verfasser von Unterhaltungsliteratur können fesselnd und sprachlich gekonnt schreiben.

Ich denke, dass ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal im Sujet, im Stoff, dem Thema des literarischen Werks liegt. Verfasser von Unterhaltungsliteratur entführen uns oft in eine ‚andere’ Welt, während Schriftsteller von Belletristik (in meinem Sinne) sich mit der Welt, wie sie ist, begnügen. Unsere Welt bietet Stoff genug – im Guten wie im Schlechten, da muss man nicht erste einen Parallelkosmos erschaffen.

Und es ist der geistige Nährwert, der den Unterschied ausmacht. Unterhaltungsliteratur sorgt oft für Spannung, Nervenkitzel – wahre Belletristik ist auch spannend, aber sie bietet ‚geistige Nahrung’, die uns als Leser weiterbringt, uns zu neuen Erkenntnissen verhilft.

Nun jeder muss letztendlich selbst wissen, was er lesen möchte. Auch ich lese nicht nur Belletristik (Weltliteratur usw.), sondern lasse mich auch gern einmal in Phantasiewelten entführen. Auch ein guter Kriminalroman kann mich begeistern. Aber es geht eben doch nichts gegen ein ‚gutes Buch’, ein wirklich ‚gutes Buch’.

siehe auch meinen Beitrag. Rebecca Michéle: Der Schatz in den Highlands