Heute gestern wurde Janosch (eigentlich Horst Eckert) 80 Jahre alt. Er ist ein deutscher Illustrator, Kinderbuchautor und Schriftsteller. Besonders als Kinderbuchautor wurde er über die Grenzen Deutschlands bekannt.
Sein bekanntesten, aber wohl auch sein schönstes Kinderbuch ist: Oh, wie schön ist Panama. 1979 erhielt Janosch dafür den Deutschen Jugendbuchpreis. Eigentlich kauft man sich im zarten Alter von Mitte zwanzig Jahren keine Kinderbücher, es sei denn für die eigenen Kinder. Vor dreißig Jahren kam ich aber nicht umhin, das Buch MIR zu kaufen.
Janosch: Oh, wie schön ist P a n a m a
Zwar sind meine beiden Söhne inzwischen (fast) erwachsen. Groß geworden sind beide u.a. auch mit Janosch und seinen Büchern – und mit der TV-Produktion des Südfunk Stuttgart, in der die Geschichten liebevoll umgesetzt wurden: TV-Produktion Janoschs Traumstunde auf insgesamt 4 DVDs (Laufzeit: ca. 718 Min – zum Preis vom 35 €)
Wer kleine Kinder hat, ob als die eigenen oder im Familien- und Freundeskreis, dem kann ich nur wärmstens Janoschs Bücher empfehlen. Selbst für Erwachsene sind sie ein großer Spaß.
„Bücherschreiben“, sagt Gabriel Laub, „ist das einzige Verbrechen, bei dem sich der Täter bemüht, Spuren zu hinterlassen.“ Diesen Spuren zu folgen, die Verbrecher zu stellen und ihre Taten ans Tageslicht zu bringen – dazu wird hier der Leser aufgefordert. Zu diesem Zweck hat der Autor fünfzig Helden und Heldinnen aus der Literatur aller Zeiten und Sprachen ausgewählt und neue Geschichten um sie gerankt. Die Protagonisten erhalten eine neue Existenz, werden in eine andere Zeit verpflanzt. Eine wichtige Eigenschaft jedoch bleibt ihnen erhalten: ihre Sprache. An ihr wird der Leser sie erkennen, sie ist das Indiz, das den Weg zum Täter weist. Um den Überblick zu erleichtern, sind sämtliche Originalzitate kursiv gesetzt. Sollten diese Anhaltspunkte trotzdem nicht auf die richtige Spur führen, so kann, wie bei Kriminalgeschichten üblich, zu den letzten Seiten Zuflucht genommen werden. Dort werden die gesuchten Helden und ihre Autoren dingfest gemacht. (aus dem Klappentext)
Gabriel Laub, 1928 geboren, studierte in Prag Journalismus, arbeitete als Reporter, Redakteur und Übersetzer und lebte seit 1968 in Hamburg, wo er 1998 starb.
Leider ist das Buch nur noch im Antiquariat erhältlich. Es bietet Gelegenheit, seinen eigenen ‚Sachstand’ in Fragen der Literatur zu überprüfen – und gleichzeitig Anregung, das eine oder andere Werk einmal wieder oder vielleicht auch zum ersten Mal in die Hand zu nehmen.
Es lag schon längere Zeit auf meinem Nachtschrank, der noch fehlende dritte Teil von Sven Regener – Herr Lehmann Trilogie: Der kleine Bruder. Endlich habe ich es geschafft, den kleinen Roman zu lesen. Aber eines nach dem anderen.
Eigentlich war es Zufall, dass meine Frau vor einigen Jahren Sven Regeners Roman „Herr Lehmann“ kaufte. Wir mussten auf einen Anschlusszug warten und stöberten so in einem Zeitschriftenladen am Hamburger Hauptbahnhof nach Neuerscheinung auf dem Buchmarkt:
„Die Handlung des Romans ist in Berlin-Kreuzberg im Sommer und Herbst des Jahres 1989 angesiedelt. … Der 29-jährige Frank Lehmann, von seinen Freunden ihm zum Missfallen nur immer „Herr Lehmann“ genannt, lebt in Berlin-Kreuzberg und arbeitet dort in einer kleinen Kneipe, dem „Einfall“. Die Geschichte um Herrn Lehmann und seine Freunde thematisiert ein Lebensgefühl junger Erwachsener in West-Berlin kurz vor dem Fall der Berliner Mauer im Herbst 1989.“ (de.wikipedia.org)
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Wiener Straße / Ecke Ohlauer Straße – Berlin – Standort der Kneipe “Einfall”
Nach diesem Roman erschien ein zweiter Teil: Neue Vahr Süd, der ab 30. Juni 1980 bis Mitte November des gleichen Jahres spielt und „Herrn Lehmann“ u.a. bei der Bundeswehr zeigt.
Mit „Der kleine Bruder“ vervollständigte Sven Regener seine Herr Lehmann Trilogie. Dieser Roman ist das Mittelstück der Trilogie und setzt zeitlich dort fort, wo „Neue Vahr Süd“ endete. Wir erleben Frank Lehmann, der von der Bundeswehr vorzeitig entlassen wurde, auf der Fahrt nach Berlin, um dort seinen ‚großen Bruder’ zu besuchen. Allein die Hälfte des Romans von rund 280 Seiten macht diesen ersten Tag in Berlin aus. Insgesamt spielt der Roman vom 12. bis 14. November 1980. „Auf der Suche nach seinem Bruder, dem spannungsbildenden Element der Gesamthandlung, lernt der junge Frank Lehmann eine Nische des Berliner Underground Anfang der 1980er Jahre kennen und bewegt sich in dem nur wenige Straßenzüge umfassenden Mikrokosmos der Hausbesetzer, Punks und Künstler. Auf den nächtlichen Streifzügen durch die Szenelokale mit Karl, dem Mitbewohner von Freddie, mit dem Frank Lehmann sich anfreundet, begegnen ihm immer wieder dieselben Menschen und gegen Ende des Romans hat sich Frank von seinem großen Bruder bereits emanzipiert, einen Job in der Kneipe ‚Einfall’ und ein WG-Zimmer über dieser Kneipe.“ (de.wikipedia.org)
Wer ‚Herrn Lehmann’ bereits aus den ersten beiden Büchern kennt, hat es leichter, sich in die Gedanken des Helden hineinzuversetzen, denn Regener benutzt verstärkt die ‚Wiedergabe der Bewusstseinsinhalte’ seiner Figur Lehmann als stilistisches Mittel. Und es gibt lange Gesprächspassagen zwischen den Akteuren, die die „Kommunikationsstruktur andeuten sollen, wie sie u. a. in der damaligen Hausbesetzungs- und Wohngemeinschaftsszene üblich war.“
Obwohl der spezielle Lehmann-Humor auch hier wieder zum Tragen kommt (daher liebe ich ja ‚Lehmann’), so hat mich dieser Roman doch ziemlich enttäuscht. Dabei sollte es mir eigentlich geholfen haben, dass ich ähnlich wie zu ‚Neue Vahr-Süd’ die Ostertor/Steintorszene in Bremen, auch die Szene der 80er Jahre in Berlin-Kreuzberg ansatzweise kenne (ich erinnere mich an eine Kneipe namens „Ruine“, die nicht umsonst diesen Namen trug). Aber zum einen fehlt es mir an Handlung, zum anderen verirren sich Lehmanns Gedankengänge in Welten, die ich – vielleicht aus Langeweile – nicht mehr nachvollziehen kann/will. Auch das Romanende ist etwas ‚abstrus’ (um ein beliebtes Wort dieser Tage zu verwenden), als Frank Lehmann seinen Bruder Manfred endlich findet.
Allein der Szene-Sprache wegen ist das Buch lesenswert. Aber von den drei Teilen der Lehmann-Trilogie ist es für mich der schwächste („Neue Vahr Süd“ ist der beste). Und trotzdem bin ich gewissermaßen traurig, denn mit diesem Roman endet die Trilogie. Es bleibt zwar noch die Zeit Lehmanns Aufenthalt in Berlin zwischen Ende 1980 und Sommer 1989 ‚offen’. Aber thematisch hat sich ‚Lehmann’ erledigt. Allerdings heißt es (auch in diesem Roman): Dreimal ist Bremer Recht! Und manchmal antwortet man darauf: Viermal ist auch nicht schlecht!
Der Roman “Die Islandglocke”, bestehend aus drei Teilen, von Halldór Laxness (geboren als Halldór Guðjónsson; * 23. April 1902 in Reykjavík; † 8. Februar 1998 in Reykjalundur bei Mosfellsbær) spielt im unter dänischer Herrschaft stehenden Island des späten 17. und frühen 18. Jahrhundert. Halldór Laxness schrieb Die Islandglocke während des Zweiten Weltkrieges.
Im Mittelpunkt stehen der mit allen Wassern gewaschene Bauer Jón Hreggvidsson, die schöne, selbstbewusste und vornehme blonde Richterstocher Snæfriður Íslandssól (im Buch: Snaefridur Islandsonne, auch Snaefridur Björnsdóttir Eydalin) und der Gelehrte Arnas Arnaeus. Ihre Wege kreuzen sich immer wieder.
Jón Hreggvidsson wird des Mordes an den königlichen Henker angeklagt, kann sich einer Hinrichtung gerade noch entziehen und irrt anschließend jahrelang durch Europa. Nach seiner Rückkehr nach Island wird der Prozess immer wieder aufgerollt. Snaefridur ist die Tochter des Richters, der den Bauern das erste Mal aufgrund vager Indizien verurteilt, das Mädchen selbst ermöglicht ihm aber die Flucht. Und so zieht sich ein Prozess fast 50 Jahre hin, nämlich von 1683 bis 1730 – und ist historisch verbürgt. Die Akten dazu befinden sich in der ‚Arnamagnä(an)ischen Sammlung’ der Universitätsbibliothek von Kopenhagen (Die Handschriftsammlung wird heute in Reykjavík beim Arnamagnäanischen Handschrifteninstitut Islands unterstützt durch die Institution Árnastofnun, die Stiftung Árni Magnússon, aufbewahrt), die mit die ältesten und wertvollsten nordischen Handschriften enthält. Der Stifter dieser Handschriftensammlung war der isländische Pfarrerssohn Arni Magnússon, latinisiert Arnas Magnaeus (1663 – 1730), der erste Isländer, der in Kopenhagen Universitätslehrer wurde. Tragischerweise wurde bei einem Großbrand in Kopenhagen im Jahre 1728 ein großer Teil der Handschriften, Abschriften und Aufzeichnungen Árnis vernichtet, die wichtigsten Handschriften jedoch glücklicherweise gerettet. Einen Teil der Schriften konnte er bis zu seinem Tod Anfang 1730 noch aus dem Gedächtnis erneut zu Papier bringen. Im Roman tritt er als Arnas Arnaeus auf.
Zwischen Snaefridur und dem Gelehrten Arnas Arnaeus entwickelt sich ein Liebesverhältnis, das aber nicht seine Erfüllung findet. So heiratet Snaefridur den Junker Magnús Sigurdsson von Braedratunga (eigentlich Bræðratunga), der sich als Quartalssäufer entpuppt und sogar so weit geht, seine Frau gegen Schnaps zu verkaufen. Und neben dem Bischof von Skálholt und seiner Frau Jórunn, der Schwester Snaefridurs spielt noch der so genannte Wartefreier und Domkirchenpastor Sigurdur Sveinsson eine gewichtige Rolle. Diesen von ihr zuvor immer wieder demütigend zurückgewiesenen „ewigen Freier“, den gelehrten, zeitweise fanatisch asketischen und dem Katholizismus zugeneigten Pastor heiratet sie zuletzt, als es sich zeigt, das ihre Beziehung zu Arnas Arnaeus für immer zerbrochen ist. Nach dem Tod des Bischofs von Skálholt und seiner Frau durch die Pest, wird dieser dessen Nachfolger.
Die Romantrilogie ist kein historischer Roman im eigentlichen Sinne, sondern eine freie Dichtung. Aber wir lernen ein Land am Anfang der Neuzeit kennen – vertreten durch die Protagonisten dieses Romans. Dabei spielt die soziale und politische Situation Islands in diesem Roman eine große Rolle; gezeigt werden die verelendeten Bauern, die stolze, aber gleichfalls recht einfach lebende Oberschicht und die reichen dänischen Profiteure, aber auch der Stolz auf das Land und seine alten Überlieferungen bei Isländern aller Schichten.
„Gelahrte Männer haben in ihren Büchern mancherlei über die vielen Vorboten aufgezeichnet, welche die Beulenpest auf Island ankündigten. Zunächst kann man Hungersnot und Mißernten nennen, die es in allen Teilen des Landes gab mit großer Sterblichkeit unter dem Volk, insonderheit bei den Armen. Großer Mangel an Angelschnüren. Dazu kam Raub und Diebstahl mehr denn gewöhnlich, so auch Blutschande, zudem Erdbeben im Südland. Dazu vielerlei seltsame Dinge. In Eyrarbakki ehelichte eine Frau von achtzig Jahren einen Mann von einiges über zwanzig im Herbst vor der Pest und wollte ihn im Frühjahr impotentiae causa wieder loswerden. Am siebzehnten Majus wurden sieben Sonnen gesehen. Im selbigen Frühjahr bekam ein Schaf in Bakkakot im Skorratal ein mißgestaltes Lamm mit Schweinskopf und Schweinsborsten; der Oberkiefer bis zu den Augenhöhlen fehlte, die Zunge hing lang hervor über dem Unterkiefer, der keinen Zusammenhang mit der Hirnschale, und man fand keine Spur von Augen; Ohren lang wie an einem Jagdhund; vom Schädel hing eine kleine Zitze mit einem Loch darin. Als das Lamm geboren ward, hörte man es deutlich sprechen, indem es diese Worte sagte: Mächtig ist der Teufel in Kindern des Irrglaubens. Vom Kirkjubaearkloster verbreitete sich im Winter vor der Pest die Kunde, daß der Pächter des Klosterhofs wie auch ein anderer Mann, als sie zusammen am Abend durch den Kirchhof gingen, unter ihren Füßen ein Jammern vernommen; im Kirchspiel von Kjalarnes in der Luft eine Schimpferei. Im Skagafjord ward ein Rochen aus dem Wasser gezogen, der, sowie man ihn ins Schiff gebracht, fürchterlich zu lärmen und kreischen anhub, und als man ihn auf dem Strande ausgenommen und gevielteilt, in jedem einzelnen Stück weiter lärmte und kreischte; und als man die einzelnen Stücke nach den verschiedenen Hütten der Fischer gebracht, da schrien sie alle und ein jegliches auf seine Weise immerfort, lärmend und kreischend, so daß man sie alle samt und sonders wieder ins Wasser geschmissen. Menschen in der Luft. Und schließlich bleibt zu vermelden, daß jenes Ei, welches ein Huhn auf Fjall zu Skeid legte, deutlich ein dunkles Zeichen eingepreßt wies, das in umgekehrter Weise das Zeichen Saturni war, bedeutend: Omnium rerum vicissitudo veniet [Der Wechsel aller Dinge komme!].“
„Das ist ein Buch weit entfernt von aller kostümierten Geschichtsunterrichtung – es ist ein Nachklang aus dem alten herrlichen Island der Skalden, eine echte Saga, eine moderne Epiphanie jenes Volksgeistes, der einst die Geschichten vom Skalden Egil und dem geächteten Grettir gedichtet hat.“(Hermann Hesse)
Ob nun Namen Schall und Rauch sind oder ‚Nomen est Omen’ gilt, ich habe mich dazu schon einmal geäußert. Ich lese zz. von Halldór LaxnessDie Islandglocke, ein Roman, der Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhundert (nicht nur) in Island spielt (zu dem Roman später etwas mehr). Island stand unter dänische Oberhoheit, dänische Handelsmonopole blockierten über lange Zeit die Entwicklung Islands. Dadurch herrschte große Armut auf der Insel. Island stand Jahrhunderte lang unter dem Joch Dänemarks und um den Isländern auch noch den letzten Rest an kultureller Identität zu rauben, danifizierten die Dänen die isländischen Namen; so wurde z.B. aus Jón Jónsson ein dänischer Joen Joensen, aus Thórdur (Schreibweise im Buch) bzw. Þórđur (richtige isländische Schreibweise) Narfason wurde Ture Narvesen.
Aber die Dänen sind in der Geschichte nicht die einzigsten, die ein von Ihnen unterdrücktes Volk auf diese perfide Art jede kulturelle Eigenständigkeit absprechen wollten. Als im 18./19. Jahrhundert Polen von den Landkarten verschwand und zum großen Teil Russland einverleibt wurde, mussten viele Polen im Zuge einer Russifizierung ihre Familiennamen ändern (hier das Beispiel am Namen Koslowski).
Und auch die Schotten mussten hinnehmen, dass ihre Namen von den Engländern anglifiziert wurden. Zum einen mag es daran gelegen haben, dass die Engländer es nicht verstanden, die gälischen Namen richtig auszusprechen (wohl hatten sie dazu auch keine Lust, denn es wäre ja so etwas wie ein Entgegenkommen gegenüber der in Schottland gebräuchlichen gälischen Sprache gewesen), zum anderen wollte man den Schotten nicht nur die politische, sondern damit auch die kulturelle Eigenständigkeit nehmen; hier ein Beispiel anhand des Namen Anderson:
Anderson (gälisch: Mac Ghille Aindrais – ich denke auch McAndrew ist nicht falsch, obwohl im zweiten Teil auch schon wieder anglifiziert; Mc- oder Mac- steht für Sohn wie auf englisch auch -son, vergl. in den skandinavischen und friesischen Sprachen die Endung -son, -sen bzw. -sson, z.B. Hansen, Jonsson oder Johnson), was soviel wie Sohn von Andreas heißt.
Unter diesem Gesichtspunkt sind Namen dann doch etwas mehr als Schall und Rauch. Sie sind der Inbegriff von Personen, also von Menschen. Hinter jedem Namen verbirgt sich ein Leben. Namen stehen für die Authentizität und die Identität eines Menschen. Und es steckt hinter dem auch ein Sichgleichsetzen eines Menschen mit der Kultur, der Sprache usw. seines Landes.
Witold Marian Gombrowicz (* 4. August 1904 in Małoszyce, Polen; † 25. Juli 1969 in Vence, Frankreich) war einer der bedeutendsten polnischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Seit seinem 34. Lebensjahr lebte er im Exil.
Nach dem Mauerfall im November 1989 erlebte ich mit meiner heutigen Frau den Jahrzehntewechsel 1989/1990 in der damals eben noch real existierenden DDR, nämlich in Sachsen. Aufenthalte ‚im Osten’ habe ich immer genutzt, um mich mit Literatur, die wie Lebensmittel in der DDR subventioniert wurde, einzudecken. Vor nun über 21 Jahren kaufte ich mir so u.a. auch den kleinen Roman Trans-Atlantik von Witold Gombrowicz.
Als Satire, Kritik, Spaß und Spiel, Absurdität, doch nichts davon ganz und ausschließlich, hat Witold Gombrowicz „Trans-Atlantik“ bezeichnet, den er im argentinischen Exil schrieb und der nach seinem Erscheinen in Paris (1953) und Warschau (1957) wegen seines provokativen Charakters die widersprüchlichsten Reaktionen auslöste. Verschließt sich doch der schriftstellerische Held des Romans, der gerade mit einem luxuriösen Überseedampfer in Buenos Aires eingetroffen ist, seiner patriotischen Pflicht und verweigert die Rückkehr nach Europa, wo der zweite Weltkrieg ausgebrochen ist (der Roman spielt 1939). Bei seinen Versuchen, in Argentinien Fuß zu fassen, gerät er in die verrücktesten Situationen durch die Begegnung mit verknöcherten Diplomaten, mit ansässigen Unternehmern polnischer Herkunft, die ihre überholten Wertvorstellungen beibehalten haben und sich ununterbrochen befehden, mit einheimischen Großstadttypen, unter anderen einem homosexuellen Millionär, für den er den Sekundanten in einem lächerlichen Scheinduell spielt, denn er hält sich weder an den herkömmlichen Ehrenkodex noch an die verlogene bürgerliche Moral seiner Umwelt.
Sein Pamphlet gegen die erstarrten Traditionen untermauert der polnische Avantgardist Gombrowicz durch stilistische Brisanz. Seine Sprache ist „in Späße verwickelt, sklerotisch, barock, absurd, im Konversationsstil von vor einem Jahrhundert, aber vermischt mit anderen Wortarten, manchmal mit Worten, die ich mir ausgedacht habe.“ (Witold Gombrowicz)
Soviel aus dem Text auf dem Umschlag des Buchs.
„… denn ich strebe (wie immer) eine Verstärkung und Bereicherung des individuellen Lebens, eine Vermehrung seiner Widerstandsfähigkeit gegen das drückende Übergewicht der Masse an.“
Seinen Figuren, wie auch sich selbst, räumt Gombrowicz das Recht auf Individualität und geistige Freiheit ein, und zwar unabhängig von jeder Konvention. Jedes Individuum berechtigt er zur lebenslangen „Unreife“, die für ihn die Abwehr gegen die „reifen“ Formen des Lebens (herrschende Ideologien, Religionen, Nationalismen, gesellschaftliche Normen) und der Kunst (literarische und künstlerische Konventionen) symbolisiert.
Obwohl Gombrowicz von seiner Ausreise 1939 bis zu seinem Tod in der Emigration lebte, setzte er sich unermüdlich mit der Problematik seines Heimatlandes auseinander. Als Pole war er der Auffassung, dass ausgerechnet die polnische Tradition der geistigen Entwicklung seines Heimatlandes im Wege steht.
„Was für eine Kunst wollt ihr überhaupt? Eine, die euch immer nur dieselben Gemeinplätze vorbetet, oder lieber eine, die einen Schritt vorangeht? Wollt ihr, daß euch der Künstler Lesebuchgeschichten schreibt, oder wollt ihr lieber seinen Schmerz, sein Gelächter, seinen Spaß, seine Verzweiflung, seine Niederlage und Demütigung im wahrhaften Ringen mit dem jetzigen Leben mit ansehen?“ so fragt Witold Gombrowicz …
Hier ein kleiner Ausschnitt aus dem Buch, der u.a. auch die stilistischen Mittel aufzeigt, die Gombrowicz bei diesem inzwischen über 50 Jahre alten Roman benutzt:
Wenn in mörderischem kampfe Erde und Himmel von Feuersbrunst umfangen sich schnaubend auf die hinterbacken setzen, und Schreien, Brüllen, das ächzender Mütter und die Faust der Männer aufbricht und Ausbricht und unter getöse und klirren, im bersten von Särgen und Gräbern, in letzter empörung von welt und Natur Niederlage, Vernichtung, ach, das Ende naht, wenn Gericht gehalten wird über alles lebendige Sein, da stellt auch er, der alte, sich zum Kampfe! Mit dem feinde des Vaterlandes will er sich schlagen!
Zu Weihnachten 2009 bekam ich den Roman Der Club der Weihnachtshasser von Michael Curtin geschenkt. Augenzwinkernder Wink mit dem Zaunpfahl? Sicherlich, denn ich habe etwas gegen diesen kollektiven Wahnsinn zu Weihnachten (Kaufrausch, kooperative Besinnlichkeit), noch mehr zu Silvester mit den gemeinsamen Besäufnissen und der gemeinschaftlich begangenen Ruhestörung zur Schlafenszeit mit Böller und Silvesterraketen (siehe meinen Beitrag: Kollektiver Wahnsinn beendet). Trotzdem fühle ich mich nicht durch und durch als Weihnachtsverächter. Denn wenn man Frau und Kinder hat, dann kann die Weihnachtszeit eine sehr schöne Zeit sein.
Letzteres ist auch der Grund dafür, dass ich dieses Buch erst jetzt zur feiertagsfreien Zeit gelesen habe:
Die Achtziger Jahre waren ein trauriges Jahrzehnt – jedenfalls in England. Die eiserne Lady ließ nicht gerade Träume wahr werden, und so blieb vielen im Vereinigten Königreich nichts anderes übrig, als im Pub um die Ecke in die gutgemischten Karten zu schauen.
Auch die Solorunde trifft sich in jenen Jahren an jedem Mittwochabend im The King`s Arms im Londoner Stadtteil Sheperd`s Bush zum Kartenspiel (Solo ist ein Kartenspiel, das unserem Skat ähnelt; es wird im Buch ziemlich ausführlich erklärt): Percy Bateman, irischer Außenseiter und Herumtreiber, der in seiner Jugend ein spektakuläres Desaster auf dem Rugby-Feld zu verantworten hatte; Kenneth Foster, ein Buchhalter, der sich gern in Frauenkleider hüllt; Arthur Ellis, ehemals Londoner Gebietsleiter der NatWest Bank, der die Welt davon überzeugen will, sich Linoleumböden anzuschaffen und der zu diesem Zweck immer ein Stück dieses nicht gerade populären Materials mit sich herumträgt; Ernie Gosling, Hilfskellner im The King`s Arms, der nie so recht weiß, ob er eher für sich oder seine Frau den Totoschein ausfüllt; und Diana Hayhurst, die Schulterpolster tragende Herausgeberin von „Unipolitan“, der Zeitschrift für die moderne Frau.
Keiner von ihnen führt ein leichtes Leben, soviel ist klar, aber das schlimmste daran, so stellen sie eines Tages fest, ist in jedem Fall Weihnachten – die Besuche bei den Verwandten, die teuren Geschenke, die jeder erwartet, die schrecklichen Papierhüte, in denen man aussieht wie auf einem Kindergeburtstag, und überhaupt, für wen soll Weihnachten gut sein?
Und so macht sich der Club der Weihnachtshasser auf nach Irland, um mit den Ersparnissen ehrenwerter irischer Bürger ein Exempel gegen Weihnachten zu statuieren, wobei es zu folgenreichen Verwechslungen kommt.
Um es gleich zu sagen: „Der Club der Weihnachtshasser“ ist nur vordergründig ein Buch für all diejenigen, die sich mit dem Weihnachtsfest nicht anfreunden können und ebenfalls schwer genervt sind von Konsum und monatelangem Hype. Eigentlich geht es nicht wirklich um die Abneigung gegen das Fest und die Sabotage desselben, sondern durchgängig mehr um die Konstellation der fünf so unterschiedlichen Personen, die sich hier zusammenfinden, und deren Lebensgeschichten, die Autor Michael Curtin vor dem Leser ausbreitet. Im Mittelpunkt steht dabei Percy Bateman, der jahrelang unter seinem Vater litt. Der Diebstahl der Sparclub-Einnahmen soll in diesem Sinne nicht nur eine Weihnachtssabotage sein, sondern vielmehr die Rache am übermächtigen Vater.
Und es ist ein irisches Buch (nicht nur der Autor ist Ire), auch wenn das Ganze hauptsächlich im London der Ära Margaret Thatcher spielt. So kommt der Humor manchmal leise und verschroben, dann auch schon ziemlich derb und deftig daher – man muss schon ein Faible für irische Romane und den damit verbundenen Humor haben. Außerdem braucht es am Anfang einige Geduld beim Lesen, bis sich die Geschichten der Protagonisten ‚entwickelt’ haben. Einen Spannungsbogen sucht man vergeblich, obwohl sich zumindest gegen Ende die Ereignisse skurril und auch traurig zuspitzen. Der Schwerpunkt liegt beim „Club der Weihnachtshasser“ eben auf den skurrilen und durchaus sehr interessant entwickelten Lebensläufen der hier vorgestellten Personen.
Insgesamt ist es ein Buch, das nicht, wie der Titel auf den ersten Blick andeutet, eine böse, lustige Geschichte für Weihnachts-Verächter darstellt, sondern vielmehr eine durch und durch irische, bisweilen sehr skurrile Geschichte, deren Humor man entweder mag oder nicht. Ich fand den Roman auf jeden Fall ganz witzig.
Mit dem Roman Das Einhorn – dem zweiten Teil der Trilogie Anselm Kristleins, die mit dem “Sturz” abgeschlossen wurde – hat Martin Walser einen Liebesroman und gleichzeitig dessen Entstehungsgeschichte geschrieben. Der Vertreter und Werbefachmann Anselm Kristlein aus der Halbzeit ist Schriftsteller geworden. Er erhält den Auftrag, ein Buch über die Liebe zu schreiben. Sich selbst macht er zum Helden des Romans. Die literarische Erinnerung wird ihm zur Reise in die Wirklichkeit: Tätigkeiten, Orte und Personen aus seiner Vergangenheit tauchen auf. Vor allem aber Frauen, die ihn von sich selbst ablenken, die seine Erwartung, das Einhorn, übermächtig werden lassen.
Manches Buch, hält man es erst einmal in Händen, lässt einen so schnell nicht wieder los. So ist es mir mit Walsers Einhorn geschehen, dessen ca. 380 Seiten ich in diesen Tagen zum bereits vierten Mal gelesen habe. Dabei ist es gar nicht so ‚leicht’ zu lesen – und dank vieler Randnotizen, die ich mir bereits beim ersten Lesen gemacht hatte, kommt man durch den bildungsbürgerlichen Wörterdschungel deutlich schneller voran (bei manchen Worterklärungen musste ich fast lachen, zeigen sie mir auf, wie sehr sich der eigene Wortschatz im Laufe der Jahre geweitet hat). Und & aber auch: Es ist eines der wichtigsten Bücher meines Lebens.
War es im ersten Teil, Halbzeit, noch die (göttliche) ‚Mieze’, die Anselm Kristlein oft am Gängelband hielt, so ist es jetzt das ‚Einhorn’, sind es die ‚Erwartungen’, die den Romanhelden in vielerlei erotisch-exotisch-sexuelle Abenteuer führen (Anselms Einhorn ist immerhin ‚alkohollöslich’). War ‚Halbzeit’ ein Roman aus der Zeit Ende der fünfziger Jahre, so stehen wir mit ‚Einhorn’ am Anfang der 60er. „’Das Einhorn’ erschien 1966 im Suhrkamp Verlag; mein Exemplar ist das Suhrkamp taschenbuch 684 – 1. Auflage 1981 (Die Anselm Kristlein Trilogie – zweiter Band: Das Einhorn).
Jetzt könnte man darangehen und schauen, was sich im Laufe der fast 50 Jahre im Bezug auf ‚Liebe’, Sexualität und Partnerschaft geändert hat. Das ist sicherlich viel. Aber – wenigstens aus meiner Sicht – bezogen auf diesen Roman: eigentlich nichts. Wenn auch keiner heute mehr so schreibt, wie Walser damals geschrieben hat, das Buch ist auch heute noch ‚modern’, also zeitgemäß … oder ich bin altmodisch (kann ja auch sein): Denn in vielem erkenne ich mich wieder, was Walser da schreibt. Das heißt nicht, dass ich, wie Anselm Kristlein es tut, meine Frau betrüge. Aber was dem guten Anselm so durch den Kopf geht, könnte gut auch durch meinen Kopf gehen. So sind wir Männer nun mal (Manchmal frage ich mich heute allerdings, ob ich so bin, wie ich bin, weil ich früh schon das Buch gelesen habe, oder ob ich so bin, weil ich auch ohne Buch so wäre … Avete capito?).
Nun aus Anselm Kristlein ist ein Schriftsteller geworden. Und da sein Roman (analog der Roman ‚Halbzeit’) mehr Wirklichkeit als Fiktion enthält, Anselm auch ungern reale Namen zu ändern gedachte, sahen sich er und seine Familie geradezu genötigt, einen Wohnungswechsel vorzunehmen. So sind die Kristleins von Stuttgart nach München in die Marsstraße gezogen.
Hier ernährt er seine Familie u.a. durch Vortragsreisen (Themen: 1. Familie, Jagdwild der Werbung. 2. Werbung: Information oder Psychagogik? 3. Verdirbt das Image die Politik? 4. braucht Gott public relations?) und Auftritten bei Podiumsdiskussionen (Unterschied zu heute: die Diskussionen finden im Fernsehen statt). Er wird so zum Fachmann für Schicksalsfragen. Bis er eines Tages den Auftrag erhält, ein Buch über die Liebe zu schreiben. Auftraggeberin: Melanie Sugg, Schweizerin, Herausgeberin erotischer Literatur, Propagandistin einer „Neuen Sittlichkeit“. Was soll das denn sein? Ein Sachroman. „Nichts Erdachtes, etwas Genaues (öppis Gnaus), nach dem Leben …“ (S. 75 meiner Ausgabe) … und Anselm Kristlein als Held!
Um ungestört an diesem Buch arbeiten zu können, vermittelt die Verlegerin Anselm Kristlein eine Unterkunft in einem Gästehaus am Bodensee, das zu einer Villa des Industriellen Blomich gehört. Aber zur Ruhe findet er hier natürlich nicht. Manches amouröse Abenteuer bahnt sich an. Bei einem Fest, zu dem neben Kristlein viele illustre Gäste geladen sind, will Blomich seine gerade einmal 23-jährige Freundin Rosa vorstellen, gewissermaßen ‚in die Gesellschaft’ einführen. Man kann sich denken, dass Kristleins Tour d’Amour bei dieser Rosa nicht endet.
Bemerkenswert sexistisch (oder nicht?) ist, wie Martin Walser manches dieser Abenteuer sprachlich verarbeitet und z.B. Anselm klassifizieren lässt: Da gibt es den „Typ Nummer Eins: Große Erstickerin. Die Frau, die gacksend in die Binsen geht. Drucksend die Augen verdreht. Stumm schreiend die Kiefer aufklappt. …“(S. 198). Oder: „Rosa, mit Deinen Schreilauten bleibst Du für immer die größte Vokalistin, begründest mir den Typ Zwei: die Schreierin.“ (S. 209) Wie das geht? Man lese es selbst …
Durch einen Beinaheunfall beim Segeln auf dem Bodensee lernt Anselm Kristlein dann die junge Niederländerin Orli Laks lernen, die mit ihrem Freund Urlaub auf einem Zeltplatz am Bodensee macht. Ihr Auftritt ist für unseren ‚Held’ eine ‚Erscheinung’: „Dann muß ihn um 11 Uhr 59 das Bewußtsein verlassen haben. Es ist mir auch unbekannt, ob er seitdem das Bewußtsein wieder erlangte.“ – „… der Film ist stehen geblieben, … das Bild zittert und ruckt, der Ton ist verstorben …“ (S. 285).
Später nach Wochen des Zusammenseins mit ihr prüft Anselm seine Erinnerung, prüft, was von jener Orli noch übrigblieb. Das Schreiben bestätigt den Verlust, die verlorene Zeit bleibt verloren. Und die Suche nach „Wörtern für Liebe“ gerät zum Nachruf auf das Unwiederbringliche – einer natürlichen Form des Liebesromans.
Die Zeit mit Orli (ihr Freund ist sang- und klanglos abgereist) ist für Anselm eine Zeit der Anfechtungen, aber „ihm genügt es, mit Dir herumzulaufen. Am liebsten barfuß. Am liebsten durch Gras.“ (S. 325) Und doch genügt das nicht. Wer Anselm Kristlein aus ‚Halbzeit’ kennt, ahnt schnell, dass es mit Orli nicht gut gehen kann. Schon ist von Heirat die Rede (dabei ist Anselm ja verheiratet und hat fünf Kinder), bis … ja bis Orli wohl selbst erkennt, dass es so nicht weitergehen kann und Anselm über Nacht, während er schläft, verlässt.
Zurück bleibt ein geschlagener Held, ein Antiheld, der in die Arme seiner Familie heimkehrt. Und noch eins: „Nicht Erstickerin, nicht Schreierin, Orli ist Stöhnerin. Wehmutterhaft. Innig. Und klagend. Stöhnerin Orli …“ (S. 376). Und was wird aus Orli? Aus Orli Diana Laks wird am 3. Januar 1963 eine Mrs. Booty in Cambridge (Massachusetts).
Was für ein Buch – für damalige Zeiten (1966)! Ein Liebesroman? Vielleicht zu einem Teil, zum anderen schildert es die Wege und Irrwege auf der Suche nach Liebe in einer Gesellschaft, die vom Erfolgs- und Gewinnstreben geprägt ist und in der sich für die Liebe keine Sprache mehr finden lässt: Der Protagonist Anselm versucht vergeblich, ein Buch zu schreiben über eine Liebe, die dieses Gesellschaftssystem sprengt. Oder wie Urs Jenny auf der Rückseite des Bucheinbandes schreibt: „’Das Einhorn’ ist ein witzig ironisches und glaubhaft pathetisches Buch über die Liebe.“
Übrigens wurde der Roman 1978 durch den österreichische Regisseur Peter Patzak mit Peter Vogel und Gila von Weitershausen als Ehepaar Kristlein verfilmt (als DVD Das Einhorn erhältlich).
Miniausschnitt: Das Einhorn – Regie: Peter Patzak – mit Peter Vogel (Anselm) + Lucie Visser (Orli)
Für den nächsten Flohmarkt hatte einer meiner Schwäger seine Bücherregale ausgemistet; u.a. war dabei ein Buch von David Payne: Bekenntnisse eines Taoisten an der Wall Street (Knaur – vollständige Taschenbuchausgabe 1988). Das Buch kannte ich vom Hörensagen, wusste auch von seiner „Zwiespältigkeit“ (um es einmal so auszudrücken) – und da ich es jetzt vorliegen hatte, mich u.a. auch für den Taoismus interessiere, machte ich mich daran, es zu lesen. Schaut man im Internet nach, dann sieht man, dass es bei uns nur noch in der Krabbelkiste bzw. im Antiquariat erhältlich ist. Nach gut 350 Seiten (von über 800 Seiten) habe ich es entnervt aufgegeben, das Buch weiterzulesen.
Sun I, Sohn eines amerikanischen Fliegers und einer Chinesin, wächst als Tao-Mönch in Szechuyn auf. Als sein Onkel ihm enthüllt, daß sein Vater ein berüchtigter Wall-Street-Hai ist, verläßt er die fernöstliche Welt des Klosters und geht nach New York.
Die Suche nach dem Vater bleibt erfolglos, doch dann öffnet sich auch Sun I eine steile Karriere im Börsengeschäft.
In meinem Beitrag Ernst und/oder unterhaltend (Musik) hatte ich mich über den Unterschied zwischen anspruchsvoller und mehr oder weniger unterhaltender Musik geäußert, die vereinfachend in E- und U-Musik überschieden wird. Bei Literatur wird das Ganze wohl noch etwas komplizierter. Ich schrieb in dem genannten Beitrag:
Ja, mit den Schublädchen ist das schon so eine Sache. Wie gut, dass sich eben doch nicht alles so einfach einordnen und beschriften lässt. Gerade anspruchvolle Musik, ob als E- oder U-Musik etikettiert, – und natürlich auch Literatur – verdient kein starres Korsett, sondern braucht Raum und Zeit, um ‚atmen’ zu können und als ‚schön’ wahrgenommen zu werden (Wahrnehmung = Ästhetik).
Natürlich spielt auch bei der Bewertung von Literatur die Wahrnehmung eine wichtige Rolle. Schubläden gibt es auch hier genug. Analog der Musik würde ich (auch der Einfachheit halber) Literatur (Fach- und Sachliteratur vernachlässige ich hier) in Belletristik (der Begriff soll hier lediglich zur Abgrenzung dienen) und Unterhaltungsliteratur unterscheiden (Trivialliteratur wie Arzt- und Groschenromane usw. lasse ich ebenfalls unter dem Tisch fallen). Natürlich gibt es viele Gattungen (Epik wie Roman und Erzählung, Drama wie Komödie und Tragödie, Lyrik wie Ballade oder Lied) und Arten von Literatur (z.B. Weltliteratur, Nationalliteratur usw.), die je nachdem der ‚ernsten“ oder ‚unterhaltenden’ Literatur zuzuordnen sind.
Zurück zum Taoisten-Wall Street-Buch: Taoismus bzw. Daoismus ist eine alte chinesische Philosophie und Religion. Seine historisch gesicherten Ursprünge liegen im 4. Jahrhundert v. Chr., als das Daodejing (in älteren Umschriften: Tao te king, Tao te ching …) des Laozi (Laotse, Lao-tzu) entstand – siehe hier meinen kleinen Beitrag: Lao-tse: Tao-Tê-King.
Die Idee dieses Buchs ist nun, das klanglich ähnliche Dao dem Dow (Dow Jones Index) der New Yorker Wall Street gegenüberzustellen, was bereits im Buchtitel zum Ausdruck kommt. Was nach einer „originelle Mischung aus der chinesischen Weisheit des I Ging (Buch der Wandlungen) und seiner Konfrontation mit der westlichen Welt“ aussieht, entpuppt sich aber leider als hochtrabend angelegter Unterhaltungsroman – mehr nicht.
Sicherlich hat sich der Autor sehr ausführlich mit Daoismus, „Tao-te-King“ und „I Ging“ beschäftigt. Auch beweist er ein gewisses Gespür für die Lebensbedingungen des jungen Protagonisten des Buchs. Aber es ist kein Spiegelbild der Wirklichkeit entstanden, sondern eine dick aufgetragene Erzählung, dem kein Klischee zu gering ist, um es zu benutzen.
Eines dieser Klischees ist die Vorstellung, Asiaten würden sich ständig in gewunden-blumiger Sprache äußern. Es ist aber der Autor selbst, der ständig blumig daherschreibt, sodass es mir wirklich zu ‚bunt’ wurde, das weiterhin zu ertragen. Hier nur einige dieser sprachlichen Ergüsse, auch wenn sie aus dem Satzzusammenhang gerissen sind:
„… Prismen eines Kronleuchters ernährt wie einen Weihnachtstruthahn …“ – „Müde, verirrt, entmutigt, emotionell zutiefst versehrt – kurz gesagt: todunglücklich …“ – „Feenkelche der Engelsblümchen …“ – „das kristallklare Wispern fließenden Wassers …“ – „vibrierende Frische des Morgens …“ – „… exquisite Mysterium alkaloider Auflösung.“ – „Nur lag eine gewisse Schärfe in der Luft, eine Schärfe wie der Knall einer Peitsche.“ – „… der eine gebend, der andere nehmend im letzten Koitus des Krieges …“.
Schlimmer noch ist aber, das es an der Psychologie hapert. Auch hier bedient sich das Buch fast durchgängig menschlicher Klischees. Genug dieses Buchs.
Ich lese zz. Martin Walsers „Das Einhorn“ aus dem Jahre 1966 (später dazu mehr). Auch Walser bedient sich teilweise einer „blumigen“ Sprache. Auch hier dient die Sprache oft dem ‚Selbstzweck’. Und doch ist es etwas völlig Anderes.
Was macht also den Unterschied zwischen diesen beiden Polen literarischer Werke aus? Immer wieder werden wir von Bestsellern überschüttet, die von einem breiten Publikum gelesen werden. Ich denke da an „Harry Potter“, an die Werke eines Dan Brown oder eines Ken Follett. Werke dieser Art bevölkern die Büchercharts (z.B. Spiegel). Ab und wann findet sich aber auch ein Werk wie das des letztjährigen Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa hier. Selbst das erwähnte Buch von Martin Walser war seinerzeit in solchen Hitlisten zu finden. In soweit lässt sich kein Unterschied ausmachen. Oder doch? Die Frage ist, was wird gekauft – und was wird wirklich gelesen. Bei Walsers Buch könnte ich mir denken, dass viele Käufer über die ersten 50 Seiten kaum hinausgekommen sind. Zu schwierig, zu wenig ‚unterhaltend’.
Aber auch der ‚Schwierigkeitsgrad’ ist kein wirkliches Kriterium. Es gibt leicht zu lesende Literatur (ich denke da an Kafka), die aber inhaltlich ‚schwer’ zu verdauen ist. Oder wie steht es mit der Ausdruckskraft der Sprache? Auch Verfasser von Unterhaltungsliteratur können fesselnd und sprachlich gekonnt schreiben.
Ich denke, dass ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal im Sujet, im Stoff, dem Thema des literarischen Werks liegt. Verfasser von Unterhaltungsliteratur entführen uns oft in eine ‚andere’ Welt, während Schriftsteller von Belletristik (in meinem Sinne) sich mit der Welt, wie sie ist, begnügen. Unsere Welt bietet Stoff genug – im Guten wie im Schlechten, da muss man nicht erste einen Parallelkosmos erschaffen.
Und es ist der geistige Nährwert, der den Unterschied ausmacht. Unterhaltungsliteratur sorgt oft für Spannung, Nervenkitzel – wahre Belletristik ist auch spannend, aber sie bietet ‚geistige Nahrung’, die uns als Leser weiterbringt, uns zu neuen Erkenntnissen verhilft.
Nun jeder muss letztendlich selbst wissen, was er lesen möchte. Auch ich lese nicht nur Belletristik (Weltliteratur usw.), sondern lasse mich auch gern einmal in Phantasiewelten entführen. Auch ein guter Kriminalroman kann mich begeistern. Aber es geht eben doch nichts gegen ein ‚gutes Buch’, ein wirklich ‚gutes Buch’.
Ein frohes neues Jahr! Herumgehen und gratulieren tu ich nie; und nur selten, ausnahmsweis, schreib ich einen Glückwunsch – aber Du gehörst ja auch zu den Ausnahmen. Ich habe in den verflossenen Jahren öfter an Dich gedacht, und gedenke es ebenso zu halten im gegenwärtigen: ich habe, was Dich angeht, u.a. öfter daran gedacht, oder bedacht (und gedenke es fernerhin ebenso zu halten): Daß Du, mit Deinem Lebensschicksal versöhnt, in Geduld und stiller Ergebung, eine ebensogroße Aufgabe lösest wie wir andern, die auf einer größeren oder kleineren Bühne mitspielen, große Geschäfte treiben, Häuser bauen, große Bücher schreiben und Gott weiß was sonst tun. Deine Bühne ist unleugbar die kleinste: die der Einsamkeit und Innerlichkeit – aber die „Hauptsumme“, wie es im Prediger heißt, ist: wenn alles gehört ist, so kommt es doch hauptsächlich auf die Innerlichkeit an – und wenn alles vergessen ist, so kommt es ebenfalls auf die Innerlichkeit an. –
Dies ist vor einigen Tagen geschrieben, ich wurde unterbrochen und konnte den Brief nicht beenden. Heute ist Dein Vater bei mir gewesen, und dieser Umstand brachte es mir wieder in Erinnerung, den angefangenen Brief zu vollenden oder doch wenigstens zu beenden. Da war nämlich noch etwas, was ich hinzufügen wollte. Sollte ich Dir einen Rat fürs Leben geben oder, Deine besondere Lage bedenkend, Dir eine Lebensregel empfehlen, so würde ich sagen: Vergiß vor allem nicht die Pflicht, Dich selbst zu lieben, laß Dir dadurch, daß Du gewissermaßen aus dem Leben herausgenommen bist, daran verhindert, tätig in es einzugreifen, laß Dir dadurch, daß Du in den törichten Augen einer geschäftigen Welt etwas Überflüssiges bist, laß Dir dadurch vor allem nicht die Selbstachtung rauben, als ob in den liebevollen Augen einer allweisen Vorsehung Dein Leben, wenn es in Innerlichkeit vollbracht wird, nicht die gleiche Bedeutung und Giltigkeit hätte wie jedes andern Menschen Leben, und erheblich größere als der Emsigkeit emsiges, emsigeres, alleremsigstes Hasten mit – der Vergeudung des Lebens und dem Verlust seiner selbst. –
So leb denn wohl im neuen Jahr; macht es Dir zwischendurch einmal Freude, mich zu besuchen, so komm Du nur, Du bist willkommen.
Brief an den lahmen Vetter Hans Peder Kierkegaard, Jahreswende 1848/49 (?) Diederichs 35, 196f. (S.K.) – hier: S. 63f. aus: Søren Kierkegaard – Auswahl aus dem Gesamtwerk – VMA-Verlag, Wiesbaden – Lizenzausgabe 1979
Vor drei Jahren gab es hier einen Beitrag u.a. mit dem Titel „Weihnachtliches mit Onkel Ian“, in dem Ian Anderson von der Gruppe „Jethro Tull“ etwas der jetzigen Weihnachtszeit Gemäßes vortrug. Hier noch einmal aus gegebenen Anlass und weil ich es natürlich schön finde:
Apropos Weihnachten! Da habe ich doch auch etwas Nettes und komme so auch wieder auf unser eigentliches Thema zurück: Vielleicht kennt Ihr es ja bereits. Der Herr Anderson, wenn seine Singstimme auch nicht mehr das Wahre ist …, wenn er spricht, so finde ich die Stimme noch voll in Ordnung (wenn sie hier auch etwas kratzig klingt):
Es handelt sich hierbei um einen Radio-Beitrag zu einer Sendung namens „A Toss the Feathers Christmas Special 2004“ und wurde eben vor sechs Jahren über den amerikanischen Sender Public Radio International ausgestrahlt. Neben „Another Christmas Song“ und „Ring Out Solstice Bells” (am Ende) liest Ian Anderson aus Sir Walter Scott’s „Marmion“– Dichtung in sechs Gesängen (A Tale of Flodden Field in six Cantos) etwas Weihnachtliches vor:
INTRODUCTION TO CANTO SIXTH
Heap on more wood!-the wind is chill;
But let it whistle as it will,
We’ll keep our Christmas merry still.
Each age has deem’d the new-born year
The fittest time for festal cheer: 5
Even, heathen yet, the savage Dane
At Iol more deep the mead did drain;
High on the beach his galleys drew,
And feasted all his pirate crew;
Then in his low and pine-built hall, 10
Where shields and axes deck’d the wall,
They gorged upon the half-dress’d steer;
Caroused in seas of sable beer;
While round, in brutal jest, were thrown
The half-gnaw’d rib, and marrow-bone, 15
Or listen’d all, in grim delight,
While scalds yell’d out the joys of fight.
Then forth, in frenzy, would they hie,
While wildly-loose their red locks fly,
And dancing round the blazing pile, 20
They make such barbarous mirth the while,
As best might to the mind recall
The boisterous joys of Odin’s hall.
And well our Christian sires of old
Loved when the year its course had roll’d, 25
And brought blithe Christmas back again,
With all his hospitable train.
Domestic and religious rite
Gave honour to the holy night;
On Christmas eve the bells were rung; 30
On Christmas eve the mass was sung:
That only night in all the year,
Saw the stoled priest the chalice rear.
The damsel donn’d her kirtle sheen;
The hall was dress’d with holly green; 35
Forth to the wood did merry-men go,
To gather in the mistletoe.
Then open’d wide the Baron’s hall
To vassal, tenant, serf, and all;
Power laid his rod of rule aside, 40
And Ceremony doff’d his pride.
The heir, with roses in his shoes,
That night might village partner choose;
The Lord, underogating, share
The vulgar game of ‘post and pair.’ 45
All hail’d, with uncontroll’d delight,
And general voice, the happy night,
That to the cottage, as the crown,
Brought tidings of salvation down.
The fire, with well-dried logs supplied, 50
Went roaring up the chimney wide:
The huge hall-table’s oaken face,
Scrubb’d till it shone, the day to grace,
Bore then upon its massive board
No mark to part the squire and lord. 55
Then was brought in the lusty brawn,
By old blue-coated serving-man;
Then the grim boar’s head frown’d on high,
Crested with bays and rosemary.
Well can the green-garb’d ranger tell, 60
How, when, and where, the monster fell;
What dogs before his death he tore,
And all the baiting of the boar.
The wassel round, in good brown bowls,
Garnish’d with ribbons, blithely trowls. 65
There the huge sirloin reek’d; hard by
Plum-porridge stood, and Christmas pie:
Nor fail’d old Scotland to produce,
At such high tide, her savoury goose.
Then came the merry maskers in, 70
And carols roar’d with blithesome din;
If unmelodious was the song,
It was a hearty note, and strong.
Who lists may in their mumming see
Traces of ancient mystery; 75
White shirts supplied the masquerade,
And smutted cheeks the visors made;
But, O! what maskers, richly dight,
Can boast of bosoms half so light!
England was merry England, when 80
Old Christmas brought his sports again.
‘Twas Christmas broach’d the mightiest ale;
‘Twas Christmas told the merriest tale;
A Christmas gambol oft could cheer
The poor man’s heart through half the year. 85
Eine deutsche Übersetzung habe ich leider bisher nicht gefunden (wahrscheinlich gibt es auch keine), so dürft Ihr Euch selbst mit dem Schottischen herumschlagen (leider spricht Ian Anderson alles mehr oder weniger englisch aus. Schade eigentlich … Oder er kann nicht richtig schottisch).