Kategorie-Archiv: Literatur

WilliZ Welt der Literatur

Willi will i

Ich erinnere mich noch an die Bundestagswahl Ende 1972, als Willy Brandt in seinem Amt als Bundeskanzler bestätigt wurde und die SPD mit 45,8 % der abgegebenen Wählerstimmen erstmals stärkste Bundestagsfraktion. Ein Ergebnis, wovon Sigmar Gabriel und Co. heute nur träumen können. An der Wand eines Hauses in der Bremer Innenstadt hatte ein Unbekannter ein Graffito hinterlassen mit der Inschrift: Willy will i – auf Hochdeutsch: Ich will Willy! Und es waren eben nicht wenige, die Willy (Brandt) wollten.

Willi unterm Volk

Nein, ich will das gar nicht auf mich beziehen. Eher hätte die Überschrift „Willi ist wieder da“ lauten sollen, denn ich habe mich fast fünf Wochen rar gemacht. Nicht, dass es mir an Themen gefehlt hätte. Da war ja die Wahl in den USA – dessen Ergebnis nicht nur mich sprachlos gemacht hatte. Und als Fan des SV Werder Bremen gab es in diesen letzten Wochen auch nichts zu lachen. Aber nein, das war es nicht.

Eigentlich weiß ich gar nicht, warum ich so sprachlos diese fünf Wochen blieb. Es war eher Faulheit, ein Maß von Gleichgültigkeit. Noch eher waren es die Sachen, die auf dem Zettel standen und endlich erledigt werden mussten, sodass keine Zeit für weitere Späße blieb.

Jetzt also dieses Lebenszeichen, damit keiner denkt, der Willi liegt in den letzten Zügen, macht schlapp, will nichts mehr von mir und dir wissen.

Obwohl … ein Quäntchen Trägheit kann nie schaden. Und ich muss ja auch nicht gleich übertreiben: Also ich lebe noch … und wünsch‘ Euch ‘was!

Martin Walser: Ein sterbender Mann

    Den Wörtern kündige ich. Sie haben nicht geholfen.
    Martin Walser: Ein sterbender Mann (S. 278)
    oder doch
    Eine Mauer aus Wörtern gegen jede Art Wirklichkeit.
    Martin Walser: Ein sterbender Mann (S. 287)

Nachdem ich mittendrin beim Lesen von Martin Walsers neuen Roman Ein sterbender Mann (1. Auflage Januar 2016 – Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg) eine längere Pause gemacht hatte, hätte ich eigentlich wieder von vorn beginnen müssen. Denn der Roman wirkt reichlich unsortiert, in dem es durch- und nebeneinander geht. Es ist eine grob zusammengezimmerte Posse, kapriziös Walser’sches Ego-Theater, eine krachlederne Literaturbetriebskomödie, eine herrliche Persiflage der Gelassenheitsratgeber. Ich musste mich also wieder finden und habe den Roman dann auch so zu Ende gekriegt.

Vielleicht muss man ein bestimmtes Alter erreicht haben, so wie ich, noch keine 74 wie der Held des Romans, Theo Schadt, und erst recht noch keine 89 Jahre wie Walser, aber jenseits der sechzig, um dieses Buch entsprechend würdigen zu können. Ich mag Walser schon seit vielen Jahren. Vielleicht ist es in den letzten Jahren etwas viel geworden mit den alten Herren und ihrer Liebe zu bedeutend jüngeren Frauen. Aber hier gelingt Walser wieder einmal ein Werk, zu dem, so scheint’s, nur er im Stande ist.

    Martin Walser: Ein sterbender Mann (2016)

Theo Schadt, 72, Firmenchef und auch als „Nebenherschreiber“ erfolgreich, wird verraten. Verraten ausgerechnet von dem Menschen, der ihn nie hätte verraten dürfen: Carlos Kroll, seinem engsten und einzigen Freund seit neunzehn Jahren, einem Dichter. Beruflich ruiniert, sitzt Theo Schadt jetzt an der Kasse des Tangoladens seiner Ehefrau, in der Schellingstraße in München. Und weil er glaubt, er könne nicht mehr leben, wenn das, was ihm passiert ist, menschenunmöglich ist, hat er sich in einem Online-Suizidforum angemeldet. Da schreibt man hin, was einem geschehen ist, und kriegt von Menschen Antwort, die Ähnliches erfahren haben. Das gemeinsame Thema: der Wunsch, mit allem Schluss zu machen.

Eines Tages, er wieder an der Kasse, löst eine Kundin bei ihm eine Lichtexplosion aus. Seine Ehefrau glaubt, es sei ein Schlaganfall, aber es waren die Augen dieser Kundin, ihr Blick. Sobald er seine Augen schließt, starrt er in eine Lichtflut, darin sie. Ihre Adresse ist in der Kartei, also schreibt er ihr – jede E-Mail der Hauch einer Weiterlebensillusion -, und nach über dreißig Ehejahren zieht er zu Hause aus. Sitte, Anstand, Moral, das gilt ihm nun nichts mehr. Doch dann muss er erfahren, dass sie mit dem, der ihn verraten hat, in einer öffenen Beziehung lebt. Ist sein Leben eine verlorene, nicht zu gewinnende Partie?

Martin Walsers neuer Roman über das Altsein, die Liebe und den Verrat ist beeindruckend gegenwärtig, funkelnd von sprachlicher Schönheit und überwältigend durch seine beispiellose emotionale Kraft.

(aus dem Kladdentext)

„Walser lässt nichts aus. Er zelebriert krudeste Männerfantasien und spielt mit ihnen, er scheint überhaupt keine Scheu zu haben vor Kolportage, vor Klischees und der Nachmittag-Talkshows im Unterschichts-Fernsehen. Er mixt diese Bestandteile aber so unverfroren und zauberkunststückhaft und verbindet sie bruchlos mit letzten existenziellen Fragestellungen, dass man immer wieder frappiert ist.“ So steht’s in der Süddeutschen.

Obwohl es ein Roman ganz und gar Walser’scher Art ist, so wirkte die Sinologin Thekla Chabbi über einen schöpferischen Anteil hinaus mit. Sie selbst schätzt diesen Anteil einmal auf „knapp 30 Prozent“. Dem widerspricht Walser allerdings. Inzwischen wissen wir, dass die Briefe jener Aster, der Suizidalen aus dem Forum, und auch ein in Algerien spielendes Kapitel von Frau Chabbi stammen (Quelle u.a. welt.de). Sich auf diese Weise in das Werk von Martin Walser zu ’schleichen‘: Respekt!

Der Roman spielt etwa von Mitte (August) 2014 bis Februar 2015 in München. Die wichtigsten Personen:

Theo Schadt, 72 Jahre alt, der ‚Verschönerer‘
Iris, seine Ehefrau
Mafalda, seine Tochter
Axel, deren Ehemann

Carlos Kroll, rd. 52 Jahre alt
Dr. Anke Müller (11 Jahre älter), die ‚Mittelmeerische‘
Melanie Sugg, schweizer Verlegerin (‚Porno-Poesie‘)
Oliver Schumm, der Konkurrent

Sina Baldauf (Tangotänzerin)

Suizid-Forum:
Franz von M. (Nickname von Theo Schadt)
Aster -> ‚Rede auf die in der Gruft‘ [Nickname von Sina Baldauf]
Fliesenbourg, der Suizidheilige

„Herr Schriftsteller“, Theos Selbstgesprächskulisse

Wie ich schon sagte, es geht kunterbunt, kreuz und quer im Roman durcheinander. Iris Radisch fasst es in der Zeit noch einmal wie folgt zusammen:

Der Erzähler, Theo Schadt, ist zwar im Bestsellergeschäft äußerst erfolgreich (Auflagen von 800.000 Exemplaren sind für ihn eine Kleinigkeit), wird jedoch im Zweitberuf als Verkäufer medizinischer Patente von seinem Freund und Geschäftspartner, dem feinsinnigen Lyriker Carlos Kroll, hintergangen. Der Verrat des feinsinnigen Dichters, der – kleiner schlüsselromanhafter Hinweis für den Literaturbetrieb – mit einer Ärztin in einer Villa am Starnberger See logiert, macht aus dem Bestsellerautor einen Selbstmordkandidaten. Der Todeswunsch wird jedoch gemildert durch den anregenden E-Mail-Verkehr mit einer Leidensgenossin, die er in einem anonymen Suizidforum kennenlernt. Weitere Besserung seiner durch den feinsinnigen Dichter vom Starnberger See herbeigeführten Lage ergibt sich durch den coup de foudre, der dem Erniedrigten im Tangoladen seiner Gattin Iris widerfährt, als die schöne Sina Baldauf dort einkauft. Dann die hässliche Nachricht: Dickdarmkrebs, dem Erzähler bleibt nur noch eine kurze Lebensfrist. Dennoch ist Zeit für eine ausführliche Rückblende: Preisverleihung an den feinsinnigen Starnberger-See-Dichter im Münchner Lyrik-Kabinett, Auftritt der Lyrik-Kabinett-Chefin im Silberkleid, seitenlanges Zitieren der schlechten Gedichte des feinsinnigen Widersachers zum Beweis für dessen larmoyante Nichtswürdigkeit („Sprachgewänder weben / gegen die Kälte der Welt“ und so weiter).

Außerdem: Briefe des Erzählers an Sina Baldauf und umgekehrt, Briefe an die Gattin Iris, Botschaften an die Selbstmordfreundin vom Suizidforum und umgekehrt, Briefe des Erzählers an sich selbst. Dazwischen ein Traumtagebuch. Dazwischen eine Messmer-artige Sentenzensammlung zum Thema Altwerden und Sterbenmüssen.

Man kann nur jung sein oder alt. Er erinnert sich an das Mitleid, das er hatte mit jedem Alten. Jetzt weiß er: Es gibt kein Verständnis für einander. Der Alte versteht den Jungen ebenso wenig wie der ihn. Es gibt keine Stelle, wo Jungsein an Altsein rührt oder in Altsein übergeht. Es gibt nur den Sturz. (S. 190)

Plötzlich ein Anruf von Sina Baldauf, die – Überraschung – nebenbei auch mit dem feinsinnigen Widersacher Kroll liiert ist: Der Widersacher Kroll sei tot, vergiftet in ihrer Wohnung. Der Münchner Kriminalhauptkommissar Steinfeld verhaftet zunächst den Erzähler. Doch dann bekennt sich die Doktorin vom Starnberger See zur mörderischen Tat. Am Ende überschlagen sich die Todesfälle. Gattin Iris nimmt sich das Leben, gefolgt von der Suizidforumsfreundin, die – Überraschung – niemand anderes ist als die Briefgeliebte Sina Baldauf. […]

Am Ende ist der sterbende Mann umgeben von lauter toten Frauen. Aber was soll’s: Die Frauen haben ohnehin alle so geschrieben wie der maliziöse Theo Schadt, so stakkatohaft drängend, so kontrolliert unkontrolliert, so enthemmt pointensicher, so wunderbar walserhaft, dass an eine Eigenexistenz der Damen nicht ernsthaft zu denken war. Ihr Massensterben ist ein schöner Beweis für die These, dass der Weg, auf dem der männliche Romanheld vorankommt, mit weiblichen Leichen gepflastert sein sollte. Und siehe da: Der Tumor des Erzählers ist am Romanende tatsächlich zurückgegangen.

Ich habe in den letzten Wochen zwei Interviews mit Martin Walser gesehen. In dem einen, schon einige Jahre zurückliegend, wirkte er körperlich wie geistig frisch. In dem anderen, erst vor einige Monaten aufgezeichnet, hat er körperlich doch rapide nachgelassen. Das war wohl die Folge einer längeren Krankheit. Hoffen wir es, denn geistig zeigte er sich trotz seiner fast 90 Jahre von seiner besten Seite. Überhaupt: Auch wenn er bekanntlich nicht anders kann: lesen und schreiben – so überrascht uns Walser immer wieder noch und doch mit einem neuen Roman. Diese sind vielleicht nicht mehr so lang geraten, aber immer noch von Walsers Sprachgewalt beherrscht.

Martin Walser schreibt also immer noch. Er kann’s nicht lassen, obwohl er vor geraumer Zeit den Verlust seines Tagesbuchs mit Skizzen und Notizen zu beklagen hatte, dass sich wohl bis heute nicht angefunden hat. Trotz der verlorenen Aufzeichnungen hat er Material genug (und sicherlich längst ein neues Tagebuch), um sein Alterswerk fortzusetzen. Übrigens fragte der Spiegel damals, was er aus dem Verlust lerne. Walser antwortete: »Nur zweiter Klasse fahren! Die Fahrgäste sind anders als die in der ersten. Es gibt die natürliche Reaktion, das, was man gefunden hat, auch abzugeben. Bei denen, die erster Klasse fahren, gibt es eine andere psychische Disposition. Selbst wenn die Leute mit dem Gefundenen nichts anfangen können, behalten sie es.« Aber woher weiß Walser, daß der unehrliche Finder seines Tagebuchs nichts mit ihm anfangen kann? Spätestens in zehn Jahren könnte er es meistbietend versteigern lassen. Anonym selbstverständlich. Das bringt mehr als ein Finderlohn. Vier Jahre sind ja seitdem fast schon vergangen. (Quelle: ossietzky.net)

Gern rätseln Leser, wie viel Autor in den Protagonisten eines Romans stecken, hier also: wieviel Walser steckt in Theo Schadt. Da mag man spekulieren wie man will. Eines fand ich dann aber doch aufschlussreich. Im Roman heißt es auf S. 108 zu Theo Schadt: Er könnte immer erst wieder atmen, wenn er einen Satz fertig hätte. Hier ist zu Martin Walser (Ich bin nicht Walser) zu lesen gewesen:

„Walser hatte die Angewohnheit, beim Schreiben bis zum Ende eines Satzes den Atem anzuhalten.“ (Jörg Magenaus Martin Walser – Eine Biographie S. 227) Aus Angst, ihm könne die Luft ausgehen, bildete er kürzere Sätze.

Mag Walser die Luft nicht ausgehen. Und mag der Titel des Romans nicht so etwas wie Programm sein.

Der Roman eines Verrats – da will der, um den es geht, micht mehr leben. Er ist dem Tod so nah wie noch nie. Dann passiert etwas, jetzt will er leben wie noch nie. Diese Erfahrung: Je näher du dem Tod bist, desto schöner ist es zu leben. Oder genauer gesagt: desto schöner wäre es zu leben.

Ein Roman der hellsten Dissonanz.

„In der schönsten und klarsten Sprache, die in Deutschland zurzeit geschrieben wird, verdichtet Marin Walser Erfahrung und Empfindung.“ Denis Scheck

Worte zum Wochenende (20. KW 2016)

Eigentlich habe ich keine Lust mehr. Nein, dieses dumme Geseire dieser allzu besorgten Bürger, das täglich im Netz abgeladen wird, berührt mich nicht. Es ärgert mich nicht. Stammtischgeschwafel gab es immer schon und wird es weiterhin geben. Die ‚sozialen Netze‘ bieten leider auch solchen Hohlköpfen die Plattform, um über die Grenzen des Stammtischs und ihrer geistigen Horizonte hinaus ihren Dreck in die Welt zu tragen. Ich habe keine Lust mehr, mich auf so viel Dummheit einzulassen. Gut zu wissen, dass manche Hassrede nicht ohne Konsequenz bliebt. Am ehesten schmerzt es eben, wenn es das Portemonnaie trifft.

Worte zum Wochenende (20. KW 2016 – WilliZBlog)

Aber auch sonst bin ich ziemlich lustlos und froh, dass es endlich wieder Wochenende wird. Ist es das Wetter, ist es ein Rest von Frühjahrsmüdigkeit? Oder ist es die Arbeit, die mich schlaucht? Vielleicht habe ich zu viel um die Ohren und finde nicht den Absprung ins süße Nichtstun. Und jünger werde ich natürlich auch nicht (wer schon)!

Manchmal muss man sich geradezu zwingen, um einmal für längere Zeit alles liegen und den lieben Gott einen guten Mann sein zu lassen. Zwinge ich mich … 😉

Guten Morgen

    Morgenstund‘ hat Blei im Hintern.
    Erkenntnis eines Arbeitnehmers

Montag ist schon grausam. Der Morgen sowieso. Ein Montagmorgen ist die Krönung der Grausamkeit. Selbst ein Mittwochmorgen hat noch viel von diesem Gruseln, das sich frühestens nach der ersten Tasse Kaffee (was ist mit Tee?!) legt, eigentlich aber erst nach Feierabend (wenn ich’s recht bedenke). Der heutige Morgen hat den Vorteil, obwohl er ein Mittwochmorgen ist, schon wie ein Freitagmorgen zu sein – dank Feier- und Brückentag. Immerhin! (Fast ein guter Morgen)!

So ein Morgen ist doch gut
wenn es ein guter ist.
Die Nacht war ruhig und gleichmäßig
durchblutet
die Beine gehorchen bei einem
kleinen Trab durch die Wohnung.
Wer bei offenem Fenster gurgelt
der macht auch ein paar Kniebeugen
und bewegt sich gleichgültig
in einem Hauch von Chlorophyll und Minze
fühlt lange noch das Wasser
eiskalt im Nacken abfrottiert
trägt frische Wäsche und ist ganz
gelöst von Schmutz und Schuppen.

Moin, die Damen und Herren! Hoffe, gut geruht zu haben!

Milch steht vor der Tür es ist
nicht Sonntag keiner redet
kein Persilkritiker vermiest
das Weiß des Tischtuchs
der Kaffee dampft die rote
Marmelade ist so rot
keiner hält Anspielungen
für angebracht.
Er ist allein aber er könnte
rufen und wäre es nicht mehr.
Nichts kann ihn hindern nach der ersten
Zigarette alles prima zu finden.
Mach dir nichts vor du bist in Ordnung
dieser Morgen war lange verdient.
Wenn du erst deinen Kopf durch die Straßen trägst
sieht alles
wieder anders aus
nach Morgenzeitung
Mittelwelle und wenn du
dem ersten Arschloch von nebenan
begegnet bist: Guten Morgen!

Von Nicolas Born. Gezogen aus Die feiernden Deutschen: 789 brauchbare Gedichte – durch den Tag, durch das Jahr und durch das Leben von Gerd Haffmans (Hrsg.)

400. Todestag von William Shakespeare

    The rest is silence.
    Der Rest ist Schweigen.

    William Shakespeare – Hamlet

Am 23. April jährte sich William Shakespeares Todestag zum 400. Mal. Shakespeare ist ein literarisches Phänomen. Seine Komödien und Tragödien gehören zu den bedeutendsten und am meisten aufgeführten und verfilmten Bühnenstücken der Weltliteratur. Mit 2 Milliarden bis 4 Milliarden verkauften Buch-Exemplaren seiner Werke ist er der meistverkaufte Autor aller Zeiten.

Ich habe ein erstes Shakespeare-Drama in jungen Jahren im Fernsehen gesehen: König Richard III., in der Titelrolle Wolfgang Kieling (TV-Produktion in S/W 1964), der mich mit seinen Spiel sehr beeindruckte. Er stellte Richard, der von Natur aus hässlich und missgebildet war, als Spastiker dar.

    Diana Rigg 1968 als Helena

Als Fan der englischen TV-Serie ‚Mit Schirm, Charme und Melone‘ und besonders angetan von Diana Rigg als Emma Peel wusste ich natürlich, dass diese Schauspielerin später Mitglied der Royal Shakespeare Company wurde. So spielte sie in einer TV-Inszenierung Helena in der Komödie Ein Sommernachtstraum.

    Ein Sommernachtstraum – Oberon und Titania

Ein Sommernachtstraum habe ich mit meiner heutigen Frau vor vielen Jahren im Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg gesehen. Mitbegründer und bis zu seinem Tod 1995 Intendant dieses Theaters war Friedrich Schütter. Er inszenierte das Stück und spielte selbst mit. Schütter ist auch in vielen Fernsehrollen (z.B. in mehreren Tatorten) zu sehen gewesen. Das ist lange her (Ende der 1980-er Jahre), aber ich erinnere mich noch heute an einen wunderbaren Theaterabend.

Siehe auch:
Sonette auf william-shakespeare.de
Shakespeare auf arte.tv
Was ist bloß mit Ian los? Teil 43: Mondlandung mit Shakespeare
Heute Ruhetag (14): William Shakespeare: Cymbeline

Franz Kafka: Briefe an Milena

    Briefe schreiben heißt sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken.
    Franz Kafka an Milena Jesenská (S. 199)

Zu Beginn des Jahres 1920 [Ende 1919] hatte Franz Kafka Milena kennengelernt. Zwischen ihr und Kafka entstand eine innige Freundschaft. Schon Kafkas Tagebücher haben uns die wirkliche Tiefe dieser Freundschaft gezeigt. Doch ahnen wir dort nur, was sich hier in diesen zum ersten Mal im Taschenbuch veröffentlichten Briefen offenbart: ein Liebesroman, eine Orgie an Verzweiflung, Seligkeit, Selbstzerfleischung und Selbsterniedrigung. (Willy Haas im Kladdentext)

„In der rücksichtslosen Enthüllung menschlicher Größe und Schwachheit, Leidenschaft und Feigheit, kann dieser Band als Lebensdokument nur etwa mit Rousseaus ‚Bekenntnissen‘ verglichen werden.“ (Die Welt)

Kafkas Briefe an Milena Jesenská sind das persönlichste, ja das leidenschaftlichste Dokument, das wir von ihm haben. (Umschlagtext)

Kafkas Briefe an Milena habe ich als Band 756 aus dem Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main – 84. – 88. Tausend: April 1976 – vorliegen. © 1952 Schocken Books Inc., New York City, USA

Schon vor einiger Zeit schrieb ich: „Eigentlich bin ich kein Voyeur, der sich in das Privatleben eines Schriftstellers zu schleichen wünscht.“ Bei einem wie Kafka, der oft ausführlich Tagebuch und intensiv und über eine lange Zeit seines Lebens sehr persönliche Briefe schrieb, hat man schnell erkannt, dass z.B. seine Briefe seine hohe Sensibilität belegen und seine Sicht der bedrohlichen Aspekte seiner Innenwelt und seine Ängste angesichts der Außenwelt vermitteln. Manche Autoren halten daher Kafkas Briefe nicht nur für eine Ergänzung seines literarischen Werks, sondern sehen sie als Teil davon. Besonders seine […] Briefe an Milena gehören zu den großen Briefdokumenten des 20. Jahrhunderts.

Franz Kafka & Milena Jesenská

Milena Jesenska arbeitete als Journalistin in Wien und übersetzte Texte vom Deutschen ins Tschechische. Franz Kafka hatte sie wohl Ende 1919 bei einem Besuch des Café Arco in der Prager Altstadt (Ecke Plaster-/Hybernergasse) mit ihrem Mann Ernst Pollak flüchtig kennengelernt. Bald darauf bat sie Kafka, einige seiner Texte ins Tschechische übersetzen zu dürfen. So übersetzte sie 1919 mit Kafkas Erlaubnis seine Erzählung „Der Heizer“, die im April 1920 erschien, sowie weitere seiner Prosatexte vom Deutschen ins Tschechische, worauf sich ihre Beziehung zum Schriftsteller vertiefte. Aus dieser hauptsächlich aus brieflichen Kontakten und wenigen Begegnungen bestehenden Beziehung resultiert ein umfangreicher Briefwechsel, von dem allerdings nur noch Kafkas Briefe erhalten sind. Den ersten Brief schrieb Kafka im April 1920 aus Meran-Untermais an Milena. Die ersten Brief sind datiert. Spätere Briefe enthalten meist nur noch den Wochentag (teilweise auch nummeriert) und ließen sich zunächst nur schwer der Reihenfolge nach sortieren (siehe Briefe an Milena als PDF mit Datierung).

    Wurde mir der Liebespfeil in die Schläfen geschossen, statt ins Herz?
    Franz Kafka an Milena Jesenská (S. 163)

Die aus Prag stammende Journalistin war eine lebhafte, selbstbewusste, moderne, emanzipierte Frau von 24 Jahren. Sie lebte in Wien und befand sich in einer auseinandergehenden Ehe mit dem Prager Schriftsteller Ernst Pollak. Nach ersten Briefkontakten kam es zu einem Besuch Kafkas Ende Juni/Anfang Juli 1920 in Wien. Voller Begeisterung berichtete der Zurückgekehrte seinem Freund Max Brod von der viertägigen Begegnung. Im August 1920 trafen sich beide dann mindestens noch einmal in Gmünd an der tschechisch-österreichischen Grenze. Doch wie schon bei Felice Bauer, mit der Kafka zweimal verlobt war, wiederholte sich auch bei Milena das alte Muster: auf Annäherung und eingebildete Zusammengehörigkeit folgten Zweifel und Rückzug (siehe u.a.: Kafkas Beziehungen zu Frauen). Kafka beendete nach der Verschlimmerung seiner Krankheit (Lungentuberkulose) schließlich die Beziehung im November 1920, woraufhin auch der Briefwechsel abrupt abbrach. Der freundschaftliche Kontakt zwischen beiden riss allerdings bis zu Kafkas Tod nicht ab. Zwei Jahre später wurden wiederum einige vereinzelte Briefe gewechselt, und am Ende seines Lebens übergab ihr Kafka einige seiner Tagebücher.

Man erahnt es aus den Briefen Kafkas, welch starke Persönlichkeit Milena Jesenská gewesen sein musste. Er war begeistert von ihr. Aber die Beziehung scheiterte an der Angst Kafkas vor der sinnlichen und tatkräftigen Milena, auch an der Angst vor der Konkurrenz mit dem übermächtig scheinenden Pollak. Er traute sich nicht zu, die energische, selbständige Frau ganz für sich zu gewinnen. Was er an ihr liebte, wurde ihm zur Bedrohung und zum Verhängnis.

siehe auch: Milena war ein lebendiges Feuer (zeitzug.com)
und Wer war Milena? (zeit.de)

Nachtrag: Zufällig wurden vierzehn Briefe entdeckt, die Milena Jesenská, Journalistin, Übersetzerin, Widerstandskämpferin und einstige Freundin Franz Kafkas, in der Gefangenschaft geschrieben hat. Nach ihrer Festnahme durch die Gestapo im November 1939 waren das Gefängnis in Dresden und das berüchtigten Pankrác–Gefängnis in Prag, schließlich das Konzentrationslager Ravensbrück ihre Leidensstationen.

Neue Rundschau 2015/2: Briefe von Milena Jesenská aus dem Gefängnis – Hg. Hans Jürgen Balmes, Jörg Bong, Alexander Roesler, Oliver Vogel – 288 S., Hardcover, Fischer Verlag, 2015

Die bewegenden Briefe an ihren Vater und ihre Tochter Honza sind erschütternde Zeugnisse, in denen Milena Jesenská über sich und ihre Familie schreibt, über Hoffnungen und Hoffnungslosigkeit. Sie will Mut machen, trotzalledem. Zwischen den Zeilen liest man aber auch ihre Verzweiflung, ausgelöst vor allem durch ihre nicht oder nur notdürftig behandelten Krankheiten. Das sind überraschende Töne nur für die, die sie noch immer nur im Kafka-Kontext wahrnehmen. Bekannt wurde sie durch die erstmals 1949 veröffentlichten Erinnerungen von Margarete Buber-Neumann ‚Gefangene bei Stalin und Hitler‘ und ‚Kafkas Briefe an Milena‘. Die Briefe werden hier von Alena Wagnerová (s. hier auch: Alena Wagnerova; Kafkas Nichte – Prag) zum ersten Mal ediert und erläutert. 2014 wurden die Briefe, zusammen mit anderen Schriften, Büchern und Fotos von Milena Jesenská und ihren Weggefährten im tschechischen Kulturministerium in Prag gezeigt.

Quelle: Letnapark –Prager kleine Seiten

Kafkas Der Bau – der Film

    „Es muß ja kein eigentlicher Feind sein, dem ich die Lust errege, mir zu folgen, es kann recht gut irgendeine beliebige kleine Unschuld, irgendein widerliches kleines Wesen sein, welches aus Neugier mir nachgeht und damit, ohne es zu wissen, zur Führerin der Welt gegen mich wird, es muß auch das nicht sein, vielleicht ist es – und das ist nicht weniger schlimm als das andere, in mancher Hinsicht ist es das schlimmste – vielleicht ist es jemand von meiner Art, ein Kenner und Schätzer von Bauten …“
    Franz Kafka: Der Bau

Es gibt mehrere ‚Tier‘-Geschichten, die Franz Kafka verfasst hat. Die wohl bekannteste Erzählung ist Die Verwandlung, in der ein gewisser „Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ In Ein Bericht für eine Akademie legt der ehemalige Affe namens Rotpeter einer Akademie einen Bericht über seine Menschwerdung vor. In den 1980-er Jahren habe ich diese Erzählung als Ein-Personen-Theaterstück in Bremen gesehen, wozu es sich bestens eignet.

Weitere Tiergeschichten von Kafka sind u.a. Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse, Forschungen eines Hundes und Der Bau. Der Bau „schildert den vergeblichen Kampf eines Tieres um die Perfektionierung seines riesigen Erdbaues zum Schutz vor Feinden. Die Erzählung handelt von der Verstrickung in die zwanghafte Beobachtung einer selbstgeschaffenen labyrinthartigen Anlage, die zunehmende Paranoia erzeugt.“

Die Erzählung muss als unvollendet gelten, denn „der letzte Satz, mit dem die Erzählung abbricht, lautet: ‚Aber alles blieb unverändert, das –‘. Dieser Satz steht am Schluss einer Seite, was vermuten lässt, dass Kafka noch mehr geschrieben und einen Schluss verfasst hat. Um die Erzählung damals jedoch als abgeschlossen veröffentlichen zu können, änderte Max Brod [Freund und später Herausgeber der Werke Kafkas] den vermeintlich letzten Satz um in: ‚Aber alles blieb unverändert.‘“ – Kafka hat sich „bei seinen Tiergeschichten, insbesondere in der vorliegenden, stark an den Schilderungen aus Brehms Tierleben orientiert, hier diente als Vorlage der Dachs.“

Wie so oft bei Kafka, so lässt sich auch diese Erzählung nicht eindeutig interpretieren. „Kafka hat 1915 unter dem Kriegseindruck einen für Publikum gestellten Schützengraben mit seiner klaustrophobischen Enge besichtigt und eine Vorstellung vom Grabenkrieg erhalten. Denkbar ist, dass er diese Eindrücke noch acht Jahre später in der Schilderung des beklemmenden unterirdischen Labyrinths verarbeitet hat.“ Möglich wäre es aber auch, dass Kafka den Bau auf seine damaligen Lebens- und Wohnverhältnisse bezogen hat. Es gibt zudem die Deutung, dass das Geräusch gar nicht von außen, sondern aus dem Protagonisten selbst kommt und so ein Hinweis auf Kafkas fortschreitende Lungentuberkulose sein könnte.

Axel Prahl als Franz in ‚Kafkas Der Bau‘ (2014)

Eine etwas andere Interpretation bietet der Kinofilm Kafkas Der Bau von Jochen Alexander Freydank (2009 Oscar in der Kategorie Bester Kurzfilm für Spielzeugland), der auch das Drehbuch schrieb. Der Film erschien 2014 und zeigt Axel Prahl in der Hauptrolle des Franz.

Der Film „erzählt die Geschichte der ‚Verwandlung‘ eines Menschen. Franz lebt in einem festungsartigen Wohnkomplex. Er glaubt, es geschafft zu haben. Aber immer mehr Zweifel kommen auf. Ist er wirklich so autark, wie er hofft? Die Welt um ihn herum verändert sich. Er selbst verändert sich. Der Film endet in einer bildgewaltigen postapokalyptischen Welt, in der Franz zwar alles verloren hat, aber auch befreit ist von seinen Ängsten.“


Kafkas Der Bau (2014)

Der Kafka’sche Bau wird hier in dem großen Wohngebäude abgebildet und steht für die Einsamkeit und Verlorenheit des modernen Menschen, die Freydank in kühlen, klaustrophobischen Bildern darstellt. Der Film bewegt sich dabei zwischen psychologischem Drama und Science-Fiction-Film. Wie in Gedanken rezitiert Franz (Axel Prahl) längere Auszüge aus der Original-Erzählung, was das Befremdliche noch um einiges steigert. Geradezu beängstigend wirkt der schnelle Verfall des Gebäudes – und parallel dazu der ganzen Umwelt samt dem Niedergang der Menschen. Vielleicht kann man den ‚Bau‘ als wankende Festung Europas interpretieren oder auch als Abbild der scheiternden (Selbst-)Überwachung. Kafka is watching us?! – Ähnlich paranoide Zustände wie beim Protagonisten Franz lassen sich sicherlich auch in einem Teil unserer Bevölkerung erkennen, die sich um Volk und Land zu sorgen scheinen.

Ian Anderson liest aus Sir Walter Scott: Marmion

Vor acht Jahren gab es hier einen Beitrag u.a. mit dem Titel „Weihnachtliches mit Onkel Ian“, in dem Ian Anderson von der Gruppe „Jethro Tull“ etwas der jetzigen Weihnachtszeit Gemäßes vortrug. Hier noch einmal aus gegebenen Anlass und weil ich es natürlich schön finde:

Apropos Weihnachten! Da habe ich doch auch etwas Nettes und komme so auch wieder auf unser eigentliches Thema zurück: Vielleicht kennt Ihr es ja bereits. Der Herr Anderson, wenn seine Singstimme auch nicht mehr das Wahre ist …, wenn er spricht, so finde ich die Stimme noch voll in Ordnung (wenn sie hier auch etwas kratzig klingt):

Es handelt sich hierbei um einen Radio-Beitrag zu einer Sendung namens „A Toss the Feathers Christmas Special 2004“ und wurde eben vor sechs Jahren über den amerikanischen Sender Public Radio International ausgestrahlt. Neben „Another Christmas Song“ und „Ring Out Solstice Bells” (am Ende) liest Ian Anderson aus Sir Walter Scott’s „Marmion“– Dichtung in sechs Gesängen (A Tale of Flodden Field in six Cantos) etwas Weihnachtliches vor:

INTRODUCTION TO CANTO SIXTH

Heap on more wood!-the wind is chill;
But let it whistle as it will,
We’ll keep our Christmas merry still.
Each age has deem’d the new-born year
The fittest time for festal cheer: 5
Even, heathen yet, the savage Dane
At Iol more deep the mead did drain;
High on the beach his galleys drew,
And feasted all his pirate crew;
Then in his low and pine-built hall, 10
Where shields and axes deck’d the wall,
They gorged upon the half-dress’d steer;
Caroused in seas of sable beer;
While round, in brutal jest, were thrown
The half-gnaw’d rib, and marrow-bone, 15
Or listen’d all, in grim delight,
While scalds yell’d out the joys of fight.
Then forth, in frenzy, would they hie,
While wildly-loose their red locks fly,
And dancing round the blazing pile, 20
They make such barbarous mirth the while,
As best might to the mind recall
The boisterous joys of Odin’s hall.

And well our Christian sires of old
Loved when the year its course had roll’d, 25
And brought blithe Christmas back again,
With all his hospitable train.
Domestic and religious rite
Gave honour to the holy night;
On Christmas eve the bells were rung; 30
On Christmas eve the mass was sung:
That only night in all the year,
Saw the stoled priest the chalice rear.
The damsel donn’d her kirtle sheen;
The hall was dress’d with holly green; 35
Forth to the wood did merry-men go,
To gather in the mistletoe.
Then open’d wide the Baron’s hall
To vassal, tenant, serf, and all;
Power laid his rod of rule aside, 40
And Ceremony doff’d his pride.
The heir, with roses in his shoes,
That night might village partner choose;
The Lord, underogating, share
The vulgar game of ‘post and pair.’ 45
All hail’d, with uncontroll’d delight,
And general voice, the happy night,
That to the cottage, as the crown,
Brought tidings of salvation down.

The fire, with well-dried logs supplied, 50
Went roaring up the chimney wide:
The huge hall-table’s oaken face,
Scrubb’d till it shone, the day to grace,
Bore then upon its massive board
No mark to part the squire and lord. 55
Then was brought in the lusty brawn,
By old blue-coated serving-man;
Then the grim boar’s head frown’d on high,
Crested with bays and rosemary.
Well can the green-garb’d ranger tell, 60
How, when, and where, the monster fell;
What dogs before his death he tore,
And all the baiting of the boar.
The wassel round, in good brown bowls,
Garnish’d with ribbons, blithely trowls. 65
There the huge sirloin reek’d; hard by
Plum-porridge stood, and Christmas pie:
Nor fail’d old Scotland to produce,
At such high tide, her savoury goose.
Then came the merry maskers in, 70
And carols roar’d with blithesome din;
If unmelodious was the song,
It was a hearty note, and strong.
Who lists may in their mumming see
Traces of ancient mystery; 75
White shirts supplied the masquerade,
And smutted cheeks the visors made;
But, O! what maskers, richly dight,
Can boast of bosoms half so light!
England was merry England, when 80
Old Christmas brought his sports again.
‘Twas Christmas broach’d the mightiest ale;
‘Twas Christmas told the merriest tale;
A Christmas gambol oft could cheer
The poor man’s heart through half the year. 85

Eine deutsche Übersetzung habe ich leider bisher nicht gefunden (wahrscheinlich gibt es auch keine), so dürft Ihr Euch selbst mit dem Schottischen herumschlagen (leider spricht Ian Anderson alles mehr oder weniger englisch aus. Schade eigentlich … Oder er kann nicht richtig schottisch).

Weihnachten 1932 in Wasserburg/Bodensee

Die Bescherung fand, weil auf das Klavier nicht verzichtet werden konnte, im Nebenzimmer statt. Das heißt, Josef und Johann hatten erst Zutritt, als der Vater am Klavier Stille Nacht, heilige Nacht spielte. Der Einzug ins Nebenzimmer geschah durch zwei Türen: von der Wirtschaft her zogen, ihre Gläser in der Hand, die vier letzten Gäste hinter Elsa herein. Hanse Luis, der Schulze Max, Dulle und Herr Seehahn. Durch die Tür vom Hausgang her zogen Josef, Johann, Niklaus und der Großvater ein. Zuletzt Mina, die Prinzessin und die Mutter, sie kamen aus der Küche.

Immer an Weihnachten trug Herr Seehahn am grünen Revers seiner gelblichen Trachtenjacke den Päpstlichen Hausorden, den er bekommen hatte, weil er als Marinerevolutionär in München zum päpstlichen Nuntius, den er hätte gefangen nehmen sollen, gesagt hatte: Eminenz, wenn Sie mit mir kommen, sind Sie verhaftet, wenn Sie die Hintertür nehmen, sind Sie mir entkommen.

Wasserburg/Bodensee

Dulle war wohl von allen am weitesten von seiner Heimat entfernt. Dulle war aus einem Ort, dessen Name in Johanns Ohren immer klang, als wolle man sich über Dulle lustig machen. Niemals hätte Johann in Dulles Gegenwart diesen Namen auszusprechen gewagt. Buxtehude. Dulle sprach anders als jeder andere im Dorf. Er hauste in einem Verschlag bei Frau Siegel, droben in Hochsträß, direkt an der frisch geteerten Landstraße. Dulle war Tag und Nacht unterwegs. Als Fischerknecht und als Durstiger. Oder hinter Fräulein Agnes’ Katzen her. Adolf behauptete, Dulles Verschlag, Wände und Decke, sei tapeziert mit Geldscheinen aus der Inflation. Hunderttausenderscheine, Scheine für Millionen, Milliarden, Billionen. Eine Zeitung habe, sagte Adolf, 1923 sechzehn Milliarden Mark gekostet. Immer wenn Johann von dieser Inflation etwas hörte, dachte er, das Land hat Fieber gehabt damals, 41 oder 42 Grad Fieber müssen das gewesen sein.

Der Schulte Max war nirgendwo her beziehungsweise überall her, eben vom Zirkus. Er nächtigte im Dachboden des von zugezogenen Fischerfamilien bewohnten Gemeindehauses, und zwar auf einem Lager aus alten Netzen.

Verglichen mit den Schlafstätten von Dulle und Schulze Max, war das, was Niklaus droben im Dachboden als Schlafstatt hatte, eine tolle Bleibe. Niklaus hatte ein richtiges Bett so mit alten Schränken umstellt, daß eine Art Zimmer entstand. Niklaus war für Johann interessant geworden, als Johann ihm einmal zugeschaut hatte, wie er seine Fußlappen über und um seine Füße schlug und dann in seine Schnürstiefel schlüpfte. Die Socken, die Mina ein Jahr zuvor für Niklaus gestrickt und unter den Tannenbaum gelegt hatte, hatte er einfach liegen lassen. Als Mina sie ihm in die Hand drückten wollte, hatte er den Kopf geschüttelt. Niklaus sprach selten. Mit Nicken, Kopfschütteln und Handbewegungen konnte er, was er sagen wollte, sagen. Wenn er meldete, daß Freifrau Ereolina von Molkenbuer drei Zentner Schwelkoks und Fräulein Hoppe-Seyler zwei Zentner Anthrazit bestellt hatten, merkte man, daß er keinerlei Sprachfehler hatte. Er sprach nicht gern. Sprechen war nicht seine Sache.

Unterm Christbaum lagen für Josef und Johann hellgraue Norwegerpullover, fast weiß und doch nicht weiß, silbergrau eigentlich. Mit graublauen, ein bißchen erhabenen Streifen. Aber auf der Brust zwei sehr verschiedene Muster, eine Verwechslung war zum Glück ausgeschlossen. Josef zog seinen sofort an. Johann hätte seinen lieber unterm Christbaum gesehen, aber weil alle sagten, er solle seinen doch auch probieren, zog er ihn an. Johann mußte, als er spürte, wie ihn dieser Pullover faßte, schnell hinaus, so tun, als müsse er auf den Abort, aber er mußte vor den Spiegel der Garderobe im Hausgang, er mußte sich sehen. Und er sah sich, silbergrau, fast bläulich erhabene Streifen, auf der Brust in einem Kreis ein Wappen. Königssohn, dachte er. Als er wieder hineinging, konnte er nicht ganz verbergen, wie er sich fühlte. Mina merkte es. Der steht dir aber, sagte sie.

Dieser Pullover waren aus dem Allgäu gekommen, von Anselm, dem Vetter genannten Großonkel.

Zu jedem Geschenk gehörte ein Suppenteller voller Plätzchen, Butter-S, Elisen, Lebkuchen, Springerle, Zimtsterne, Spitzbuben, Makronen.

Die Mutter sagte zu Mina hin und meinte die Plätzchen: Ich könnt ’s nicht. Johann nickte heftig, bis Mina bemerkte, daß er heftig nickte. Er hatte letztes Jahr von Adolfs Plätzchenteller probieren dürfen. Bruggers Plätzchen schmeckten alle gleich, von Minas Plätzchen hatte jede Sorte einen ganz eigenen Geschmack, und doch schmeckten alle zusammen so, wie nur Minas Plätzchen schmecken konnten. In diesem Jahr lag neben Johanns und Josefs Teller etwas in Silberpapier eingewickeltes Längliches, und aus dem Silberpapier ragte ein Fähnchen, darauf war ein rotes Herz gemalt und hinter dem Herz stand –lich. Über dem Herz stand: Die Prinzessin grüßt. Josef probierte schon, als Johann noch am Auspacken war. Nougat, sagte er. Richtig, sagte die Prinzessin. Toll, sagte Josef. Johann wickelte seine Nougatstange unangebissen wieder ein.

Für Mina und Elsa gab es Seidenstrümpfe. Beide sagten, daß das doch nicht nötig gewesen wäre. Für Mina lag noch ein Sparbuch dabei. Mit einem kleinen Samen, sagte die Mutter. Bei der Bezirkssparkasse. Die gehe nicht kaputt. Mina sagte kopfschüttelnd: O Frau, vergelt ’s Gott! Für die Prinzessin lagen mehrere Wollstränge in Blau unter dem Baum. Sie nahm sie an sich, salutierte wie ein nachlässiger Soldat mit dem Zeigefinger von der Schläfe weg und sagte: Richtig. Und zu Johann hin: Du weißt, was dir bevorsteht. Johann sagte auch: Richtig! Und grüßte zurück, wie sie gegrüßt hatte. Er mußte immer abends die Hände in die Wollstränge stecken, die die Prinzessin dann, damit sie nachher stricken konnte, zum Knäuel aufwickelte. In jeder feien Minute strickte sie für ihren Moritz, den sie einmal im Monat in Ravensburg besuchen durfte; aber allein sein durfte sie nicht mit dem Einjährigen. Die Mutter des Siebzehnjährigen, der der Kindsvater war, saß dabei, solange die Prinzessin da war. Nach jedem Besuch erzählte die Prinzessin, wie die Mutter des Kindsvaters, die selber noch keine vierzig sei, sie keine Sekunde aus den Augen lasse, wenn sie ihren kleinen Moritz an sich drückte. Die Prinzessin, hieß es, sei einunddreißig. Sie hatte jedem etwas neben den Teller gelegt, und jedesmal hatte sie ihr Herz-Fähnchen dazugesteckt. Für Elsa eine weiße Leinenserviette, in die die Prinzessin mit rotem Garn ein sich aufbäumendes Pferd gestickt hatte. Für Mina zwei Topflappen, in einem ein großes rotes A, im anderen ein ebenso großes M. Für Niklaus hatte sie an zwei Fußlappen schöne Ränder gehäkelt. Für Herrn Seehahn gab es ein winziges Fläschchen Eierlikör. Für die Mutter einen Steckkamm. Für den Vater ein Säckchen mit Lavendelblüten. Für den Großvater ein elfenbeinernes Schnupftabakdöschen. Johann, sagte sie, geh, bring ’s dem Großvater und sag ihm, Ludwig der Zweite, habe es dem Urgroßvater der Prinzessin geschenkt, weil der den König, als er sich bei der Jagd in den Kerschenbaumschen Wäldern den Fuß verstaucht hatte, selber auf dem Rücken bis ins Schloß getragen hat. Alle klatschten, die Prinzessin, die heute einen wild geschminkten Mund hatte, verneigte sich nach allen Seiten. Johann hätte am liebsten nur noch die Prinzessin angeschaut. Dieser riesige Mund paßte so gut unter das verrutschte Glasauge. Für Niklaus lagen wieder ein Paar Socken und ein Päckchen Stumpen unterm Baum. Die Socken, es waren die vom vorigen Jahr, ließ er auch diesmal liegen. Die Stumpen, den Teller voller Plätzchen und die umhäkelten Fußlappen trug er zu seinem Platz. Im Vorbeigehen sagte er zur Prinzessin hin: Du bist so eine. Sie salutierte und sagte: Richtig. Dann ging er noch einmal zurück, zum Vater hin, zur Mutter hin und bedankte sich mit einem Händedruck. Aber er schaute beim Händedruck weder den Vater noch die Mutter an. Schon als er seine Rechte, der der Daumen fehlte, hinreichte, sah er weg. Ja, er drehte sich fast weg, reichte die Hand zur Seite hin, fast schon nach hinten. Und das nicht aus Nachlässigkeit, das sah man. Er wollte denen, die ihn beschenkt hatten, nicht in die Augen sehen müssen. Niklaus setzte sich wieder zu seinem Glas Bier. Nur an Weihnachten, an Ostern und am Nikolaustag trank er das Bier aus dem Glas, sonst aus der Flasche. Johann sah und hörte gern zu, wenn Niklaus die Flasche steil auf der Unterlippe ansetzte und mit einem seufzenden Geräusch leertrank. Wie uninteressant war dagegen das Trinken aus dem Glas. Niklaus setzte auch jede Flasche, die angeblich leer aus dem Lokal zurückkam und hinter dem Haus im Bierständer auf das Brauereiauto wartete, noch einmal auf seinen Mund; er wollte nichts verkommen lassen.

Der Vater ging zum Tannenbaum und holte ein blaues Päckchen, golden verschnürt, gab es der Mutter. Sie schüttelte den Kopf, er sagte: Jetzt mach ’s doch zuerst einmal auf. Eine indische Seife kam heraus. Und Ohrringe, große, schwarz glänzende Tropfen. Sie schüttelte wieder den Kopf, wenn auch langsamer als vorher. Für den Großvater lag ein Nachthemd unter dem Baum. Er sagte zu Johann, der es ihm bringen wollte: Laß es nur liegen. Als letzter packte der Vater sein Geschenk aus. Lederne Fingerhandschuhe, Glacéhandschuhe, sagte der Vater. Damit könnte man fast Klavier spielen, sagte er zu Josef. Und zog sie an und ging ans Klavier und ließ schnell eine Musikmischung aus Weihnachtsliedern aufrauschen. Hanse Luis klatschte Beifall mit gebogenen Händen; das war, weil er seine verkrümmten Handflächen nicht gegen einander schlagen konnte, ein lautloser Beifall. Er sagte: Was ischt da dagege dia Musi vu wittr her. Er konnte sich darauf verlassen, daß jeder im Nebenzimmer wußte, Radio hieß bei Hanse Luis Musik von weiter her. Dann stand er auf und sagte, bevor er hier auch noch in eine Bescherung verwickelt werde, gehe er lieber. Es schneie immer noch, er solle bloß Obacht geben, daß er nicht noch falle, sagte die Mutter. Kui Sorg, Augusta, sagte er, an guate Stolperer fallt it glei. Er legte einen gebogenen Zeigefinger an sein grünes, randloses, nach oben eng zulaufendes Jägerhütchen, das er nie und nirgends abnahm, knickte sogar ein bißchen tänzerisch ein und ging. Unter der Tür drehte er sich noch einmal um, hob die Hand und sagte, er habe bloß Angst, er sei, wenn es jetzt Mode werde, statt Grüßgott zu sagen, die Hand hinauszustrecken, dumm dran, weil er so krumme Pratzen habe, daß es aussehe wie die Faust von denen, die Heil Moskau schrieen. Und dann in seiner Art Hochdeutsch: Ich sehe Kalamitäten voraus, Volksgenossen. Und wieder in seiner Sprache: Der sell hot g’seet: No it hudla, wenn ’s a ’s Sterbe goht. Und mit Gutnacht miteinand war er draußen, bevor ihm die Prinzessin, was er gesagt hatte, in Hochdeutsch zurückgeben konnte. Elsa rannte ihm nach, um ihm die Haustür aufzuschließen. Dann hörte man sie schrill schreien: Nicht, Luis … jetzt komm, Luis, laß doch, Luiiiis! Als sie zurückkam, lachte sie. Der hat sie einreiben wollen. Johann staunte. Daß Adolf, Paul, Ludwig, Guido, der eine Helmut und der andere und er selber die Mädchen mit Schnee einrieben, sobald Schnee gefallen war, war klar; nichts schöner, als Irmgard, Trudl oder Gretel in den Schnee zu legen und ihnen eine Hand voll Schnee im Gesicht zu zerreiben. Die Mädchen gaben dann Töne von sich wie sonst nie. Aber daß man so eine Riesige wie Elsa auch einreiben konnte! Hanse Luis war einen Kopf kleiner als Elsa. Kaum war Elsa da, erschien Hanse Luis noch einmal in der Tür und sagte: Dr sell hot g’sell, a Wieb schla, isch kui Kunscht, abe a Wieb it schla, desch a Kunscht. Und tänzelte auf seine Art und war fort. Die Prinzessin schrie ihm schrill, wie gequält nach: Ein Weib schlagen, ist keine Kunst, aber ein Weib nicht schlagen, das ist eine Kunst. Der Dulle hob sein Glas und sagte, Ohne dir, Prinzessin, tät ich mir hier im Ausland fühlen.

Die Bescherung war vorbei, jetzt also die Lieder. Schon nach dem ersten Lied, Oh du fröhliche, oh du selige, sagte der Schulze Max zur Mutter, die beiden Buben könnten auftreten. Der Vater hatte die Glacéhandschuhe wieder ausgezogen und spielte immer aufwendigere Begleitungen. Nach Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frau’n sagte der Schulte Max zu Dulle: Auf diese Musikanten trinken wir noch ein Glas. Wenn du einverstanden bist. Dulle nickte heftig. Dann gehen wir aber, sagte der Schulze Max. Dulle nickte wieder. Wieder heftig. Der Schulze Max: Wir wollen überhaupt nicht anwachsen hier. Dulle schüttelte den Kopf ganz heftig. Der Schulze Max: Heute schon gar nicht, stimmt ’s? Dulle nickte so heftig, daß er danach seine Brille wieder an ihren Platz hinaufschieben mußte. Der Schulze Max: Auch eine Wirtsfamilie will einmal unter sich sein, stimmt ’s? Dulle nickte wieder, hielt aber, damit er heftig genug nicken konnte, schon während des Nickens die Brille fest. Der Schulze Max: Und wann möchte, ja, wann muß eine Familie ganz unter sich sein, wenn nicht am Heiligen Abend, stimmt ’s? Dulle nahm, daß er noch heftiger als zuvor nicken konnte, seine Brille ab. Der Schulze Max: Und was haben wir heute? Dulle, mit einer unglaublich zarten, fast nur noch hauchenden Stimme: Heilichabend. Der Schulze Max, sehr ernst: Daraus ergibt sich, sehr, sehr verehrte Frau Wirtin, daß das nächste Glas wirklich das letzte ist, das letzte sein muß.

aus: Martin Walser: Ein springender Brunnen (suhrkamp taschenbuch 3100 – 1. Auflage 2000 – S. 92- 96, S. 98-101)

Barbara Robinson: Hilfe, die Herdmanns kommen

Ende Oktober spazierte ich mit meiner Frau durch das Büsenbachtal bei uns in der Nähe in der Lüneburger Heide. Zur Stärkung kehrten wir im Cafe im Schafstall zu Kaffee und Kuchen ein. Dort hing ein Aushang mit der Ankündigung einer bald stattfindenden Lesung eines Kinderbuchs: Hilfe, die Herdmanns kommen – von Barbara Robinson.

    Barbara Robinson: Hilfe, die Herdmanns kommen – Zeichnung von Wilhelm Schlote

Wenn man Kinder hat, so erwächst neben der eigenen Hausbibliothek sehr schnell auch eine hauseigene Kinder- und Jugendbücherei. Und natürlich findet such dieses Buch darunter: Hilfe, die Herdmanns kommen – Deutsch von Nele und Paul Maar – Zeichnungen von Wilhelm Schlote – Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg 1974 – amerikanische Originalausgabe unter dem Titel ‚The Best Christmas Pageant Ever‘

Der ganze Stadtteil ist sich einig: Die Herdmann-Kinder sind die schlimmsten Kinder aller Zeiten. Sie lügen, klauen, rauchen Zigarren (auch die Mädchen), bringen die Nachbarn zur Verzweiflung und können ein Klassenzimmer mit Hilfe ihrer halb wilden Katze in der Rekordzeit von drei Minuten völlig leer fegen. Jetzt haben sie es sogar geschafft, sämtliche Hauptrollen in dem Krippenspiel zu bekommen, das zu Weihnachten aufgeführt werden soll. Natürlich erwartet jeder das schlimmste Krippenspiel aller Zeiten …
(aus dem Umschlagtext)

„Aber es kommt anders! Spritzig und stellenweise umwerfend komisch wird erzählt, wie die Herdmanns die Weihnachtsgeschichte völlig unvoreingenommen mit den Augen der sich durchs Leben boxenden Kinder sehen, ganz realistisch in ihr eigenes Leben übertragen und mit ihrem Spiel bei den überraschten Zuschauern ein ganz neues Verständnis für die Weihnachtsbotschaft wecken. Eine erfrischend unsentimentale, zugleich aber auch nachdenklich stimmende Geschichte – nicht nur für die Weihnachtszeit.“ (Radio Bremen)

… und auch nicht nur für Kinder. Paul Maar, den Übersetzer, kennen wir aus den Geschichten, die vom Sams, einem hintergründig-frechen Fabelwesen, handeln und die mit ChrsTine Urspruch als Sams wunderschön verfilmt wurden. Außerdem ist Maar auch für viele Klassiker der Augsburger Puppenkiste verantwortlich.

Sie waren wirklich so rundherum schrecklich, dass man kaum glauben konnte, dass es sie wirklich gab: Ralf, Eugenia, Leopold, Klaus, Olli und Hedwig – sechs magere, dünnhaarige Kinder, die sich nur dadurch voneinander unterschieden, dass sie verschieden groß waren und an verschiedenen Stellen blaue Flecken aufwiesen, die sie sich gegenseitig beigebracht hatten. (S. 8)

Oder wie es im Original heißt: They were just so all-round awful you could hardly believe they were real: Ralph, Imogene, Leroy, Claude, Ollie, and Gladys – six skinny, stringy-haired kids all alike excerpt for being different sizes and having different black-and-blue places where they had clonked each other.

Es gibt besonders in der Kinder- und Jugendliteratur Bücher, die mir zeitlos erschienen und die man auch als Erwachsener gern noch einmal liest. Hierzu dürften dann auch die Herdmann-Bücher gehören. Und passend zur Weihnachtszeit sicherlich genau diese Erzählung von den Herdmanns und dem Krippenspiel.

Hein Sager sagt (4): Der Luxusdampfer

Stellen wir uns einmal vor, wir haben eine Reise auf einen Kreuzfahrtschiff, einem Luxusdampfer, gebucht. Natürlich will man sich auf so einem Fahrzeug, das die Weltmeere befährt, entspannen, das gute Essen und die erlesenen Getränke genießen. Stellen wir uns weiter vor: Da schwimmen viele Schiffbrüchige in ihrer Not auf uns zu. Was werden wir tun?

    Hein Sager sagt …

Die einen werden sagen, nein, die wollen wir nicht an Bord. Die werden uns all die guten Sachen aufessen und die edlen Weine wegtrinken. Überlasst sie ihrem Schicksal, das sich nicht mit dem unseren verknüpfen soll.

Nun der Kapitän, der sich an internationale Rechtsnormen halten muss, lässt Rettungsboote herab, um die ersten Schiffbrüchigen zu retten. Nach und nach kommen immer mehr Menschen an Bord. Da kommt eine zweite Gruppe Reisender, die ebenfalls nicht auf ein ausgiebiges Frühstücksbuffet und das Fünf-Gänge-Menu zu Mittag und am Abend verzichten möchte, aber durchaus ein Einsehen mit den in Seenot Geratenen hat. Sie meint, man solle nur so viele an Bord nehmen, wie ‚Platz‘ für diese vorhanden ist. Und überhaupt: Irgendwann wäre das Schiff voll …

Ist ein Boot überfüllt, dann droht es zu sinken. Das weiß jedes Kind. Wann aber ist ein Boot, ein Schiff so sehr besetzt, dass diese Gefahr droht? Wer entscheidet den Zeitpunkt, wann ein Boot voll ist? Der Kapitän? Irgendeiner der Schiffsoffiziere? Der Reisende, der am lautesten brüllt?