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Kafka 2024: Kafka in Riva am Gardasee (2) – Die Aeroplane in Brescia

aus Kafkas Werken: Die Aeroplane in Brescia – Erzählungen – Beschreibung eines Kampfes
aus Kafkas Werken: Die Aeroplane in Brescia – Erzählungen – Beschreibung eines Kampfes

Vom 5. – 13. September 1909 fand bei Brescia ein „Flugmeeting“ statt (das erste internationale in Italien), das Kafka und die beiden Brüder Brod von Riva aus besuchten. Kafkas Bericht „Die Aeroplane in Brescia“, der in der Prager Zeitung „Bohemia“ erschien, ist der erste über diese ‚Apparate‘ in der deutschen Literatur.

Im Oval: Louis Blériot ...
Im Oval: Louis Blériot, der kurz zuvor den Ärmelkanal überquert hatte, fliegt an den Tribünen vorbei. Im unteren Teil vorne rechts ein Curtiss-Flyer, mit dem Curtiss den ‚Großen Preis von Brescia‘ gewann: 50 Kilometer in 49 Minuten und 24 Sekunden.

Rougier bei seinem Höhenweltrekord: 198 m
Rougier bei seinem Höhenweltrekord: 198 m. Im Vordergrund der Signalmast und die Zielrichtertribüne

Rougier mit seinem Flugzeug
Rougier mit seinem Flugzeug

Situationsplan des Flugfeldes
Situationsplan des Flugfeldes

Die ersten Zeilen von Kafkas Artikel ‚Die Aeroplane in Brescia‘ in Prager Zeitung ‚Bohemia‘
Die ersten Zeilen von Kafkas Artikel ‚Die Aeroplane in Brescia‘ in Prager Zeitung ‚Bohemia‘

Quelle der Bilder: Klaus Wagenbach: Franz Kafka – Bilder aus seinem Leben – Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1983

Hier der Text des Artikels als PDF-Datei

Kafka 2024: Kafka in Riva am Gardasee (1) – 1909

Im Juli d.J. machte ein Sohn von mir mit seiner Freundin Urlaub in dem Örtchen Limone sul Garda am Gardasee (Lago di Garda) in Oberitalien Urlaub. Berühmt ist die Beschreibung der Zitronenhäuser von Limone durch J. Wolfgang Goethe in seiner „Italienischen Reise“ [Amazon], als er mit dem Schiff von Torbole nach Malcesine reiste; das Dorf, seine Gärten und Zitronen gingen plötzlich in die Weltliteratur ein. Natürlich fuhren die beiden auch nach Riva del Garda, das durch Franz Kafka in den Jahren 1909 und 1913 besucht wurde und somit auch ‚Geschichte‘ schrieb. So gibt es dort eine kleine Straße, die in die Nähe des Strandes gelegen ist mit dem Namen: Via Franz Kafka

Via Franz Kafka in der Nähe des Strandes von Riva del Garda (© Jan Albin)
Via Franz Kafka in der Nähe des Strandes von Riva del Garda (© Jan Albin)

Via Franz Kafka in der Nähe des Strandes von Riva del Garda (Quelle: Google Maps)
Via Franz Kafka in der Nähe des Strandes von Riva del Garda (Quelle: Google Maps)

Ich habe inzwischen nachgeforscht und in meinen Kafka-Büchern einiges an Material zu Kafkas zwei Urlaubsreisen nach Riva gefunden. Hier die Quellen:

Josef Čermák: Franz Kafka – Leben und Werk – Band: Dokumente – parthas berlin 2009

Klaus Wagenbach: Franz Kafka – Bilder aus seinem Leben – Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1983

Reiner Stach: Kafka von Tag zu Tag – Dokumentation aller Briefe, Tagebücher und Ereignisse – S. Fischer, Frankfurt am Main 2017

Zunächst einiges zur 1. Reise Kafkas 1909 mit den Brüdern Max und Otto Brod nach Riva (heute: Riva del Garda). Max Brod war der Freund, dem wir es zu verdanken haben, dass die Manuskripte Kafkas entgegen seinem Wunsch nicht verbrannt, sondern veröffentlicht wurden. Der heutige Artikel ist der Auftakt zu einer sechsteiligen Reihe – zum 100. Todestag von Franz Kafka in diesem Jahr.

aus Kafkas Werken: Die Aeroplane in Brescia – Erzählungen – Beschreibung eines Kampfes
aus Kafkas Werken: Die Aeroplane in Brescia – Erzählungen – Beschreibung eines Kampfes

Franz Kafka (Prag, 1883 – Kierling, 1924) liebte Riva auf den ersten Blick. Er war im September 1909 zum ersten Mal in Urlaub am Gardasee.

Den Urlaub, den der neue Arbeitgeber gewährte, verbrachte Kafka oft mit Freunden. Das erste Mal brach er im September 1909 mit den Brüdern Max und Otto Brod in den Süden auf, ins oberitalienische Riva am Gardasee. Sie verlebten an dessen Ufern und in der Umgebung sorglose Tage. Eine große Sensation war, besonders für Kafka, eine internationale Flugschau auf dem Flughafen Montechiari in der Nähe von Brescia. Erstmals im Leben sahen die Freunde dort vom Nahem die Vorbereitungen der Flieger in den Hangars und tatsächlich auch das Abheben der „Aeroplane“ und die Künste der Piloten in ihren fliegenden Wundermaschinen. Eine exklusive Gesellschaft, darunter der Opernkomponist Giacomo Puccini und der Flugfanatiker und Schriftsteller Gabrielle d’Annunzio, verliehen diesem großartigen Spektakel besonderen Glanz. Kafka schrieb unmittelbar danach unter dem Titel ‚Die Aeroplane in Brescia‘ eine der ersten Reportagen zu diesem Thema in Böhmen und veröffentlichte sie im Feuilleton der Prager ‚Bohemia‘, wo er bereits zuvor und auch später noch kleinere Beiträge publizierte.

aus Josef Čermák: Franz Kafka – Leben und Werk – Band: Dokumente – parthas berlin 2009

4. SEPTEMBER [1909]
-> RIVA
Gemeinsam mit Max Brod, Abfahrt 13 Uhr. Brod überreicht K. auf dem Bahnhof ein Notizbuch mit der Bemerkung: „wir werden parallele Reisetagebücher führen“. Otto Brod folgt mit einem späteren Zug.

Kafka (rechts) mit Otto Brod
Kafka (rechts) mit Otto Brod (nach einem von Max Brod in seiner Biografie veröffentlichten Foto)

5. SEPTEMBER
10 Uhr Ankunft in Riva.

Riva am Gardasee
Riva am Gardasee

Riva am Gardasee
Riva am Gardasee

6. – 9. SEPTEMBER
Vormittägliches Bad in den >Bagni alla Madonnina< unterhalb der Ponalestraße. Kleinere Ausflüge in die Umgebung, u.a. Arco und Torbole. 7. SEPTEMBER an Elli Kafka [Kafkas älteste von drei Schwestern]: (Ansichtskarte) an Ottla Kafka [Kafkas jüngste Schwester/seine Lieblingsschwester]: (Ansichtskarte) Sie arbeitet im elterlichen Geschäft. Ansichtskarte an Ottla von der Reise mit Max Brod aus Riva (07.09.1909) Lago di Garda – Riva vom Hotel Lido aus: Ansichtskarte an Ottla von der Reise mit Max Brod aus Riva (07.09.1909)

Ansichtskarte an Ottla aus Riva … (07.09.1909)

9. SEPTEMBER
Aus der Zeitung ‚La Sentinella Bresciana‘ erfahren die Freunde von dem Flugmeeting im nahe gelegenen Brescia. K. drängt darauf, hinzufahren.

10. SEPTEMBER
-> BRESCIA
Ankunft spätestens 15 Uhr. Fahrt zum Komiteepalast in der Via Umberto I. Sehr schmutziges Hotelzimmer. Am späten Abend Streit mit dem Kutscher.

Uhrturm in Brescia (Stereoskopische Aufnahme)
Uhrturm in Brescia (Stereoskopische Aufnahme)

11. SEPTEMBER
Fahrt zum Flugfeld von Montichiari. Die Freunde beobachten die Piloten, darunter Louis Blériot und Glenn Curtiss, vor ihren Hangars; außerdem prominente Besucher, darunter Gabrielle d’Annunzio. Mahlzeit in einem riesigen Restaurant. Am Nachmittag verfolgen sie, auf Stühlen stehend, einige Flüge. K. und Max Brod vereinbaren, unabhängig voneinander Reportagen über das Flugmeeting zu verfassen.

Fotografie von der Flugschau in Brescia
Fotografie von der Flugschau in Brescia

-> DESENZANO
Übernachtung in einer Herberge am Hafen. Wegen zahlloser Wanzen verbringen die Freunde einen Teil der Nacht auf Bänken am Ufer.
AUVA [Arbeiterunfallversicherungsanstalt] an K.: Mitteilung der Beförderung zum Praktikanten zum 1. Okt. Mit einem jährlichen Gehalt von 1430 K.

12. SEPTEMBER
-> RIVA
Abfahrt mit dem Dampfer um 6 Uhr, Ankunft 11. 25 Uhr.

Dampfer der Linie Desenzano - Riva
Dampfer der Linie Desenzano – Riva

14. SEPTEMBER
-> PRAG
Abfahrt 6.12 Uhr

15. SEPTEMBER
7 Uhr Ankunft in Prag

aus: Reiner Stach: Kafka von Tag zu Tag – Dokumentation aller Briefe, Tagebücher und Ereignisse – S. Fischer, Frankfurt am Main 2017

Abenteuer Ulysses von James Joyce (16): 14. Kapitel – Die Rinder des Sonnengottes Helios [Odyssee]

Das 14. Kapitel (von 18) des Ulysses von James Joyce hat es in sich. Es ist eine Zeitreise durch die Entwicklung der englischen Sprache – vom Altenglischen bis zum zeitgenössischen Dubliner Slang, in der deutschen Übersetzung vom Alt- oder eher Mittelhochdeutschen zum Berliner Dialekt. Hier wieder einige Informationen zur Handlung und zu den auftretenden Personen, vor allem aber mein Versuch, den alt- bzw. mittelhochdeutschen Text in eine für uns heute verständliche Sprache zu übertragen.

Inhalt des 14. Kapitels:

Szene Krankenhaus Entbindungsstation • Uhrzeit 22 Uhr

Leopold Bloom kommt an der Holles Street 29 vorbei, der Frauenklinik von Dr. Andrew J. Horne, wo seine Bekannte Mrs. Purefoy seit drei Tagen in den Wehen liegt und schließlich unter großen Schmerzen einen Sohn zur Welt bringt. Da es jedoch für einen Besuch zu spät ist, wird Bloom nicht zu ihr vorgelassen. So nimmt ihn der Assistenzarzt Dixon mit in den Aufenthaltsraum der Ärzte und trifft dort auf Stephen, der mit Buck Mulligan und anderen Medizinstudenten ein Saufgelage abhält.

National Maternity Hospital in Holles Street, Dublin
National Maternity Hospital in Holles Street, Dublin

Bloom trifft hier erstmalig direkt Stephen. Er verfolgt, seines früh verstorbenen Sohnes gedenkend, die lästerlichen und zotigen Gespräche über unfreiwillige Vaterschaft und Empfängnisverhütung, d.h. den Verstoß gegen das göttliche Gesetz, fruchtbar zu sein und sich zu mehren, und die katholische Doktrin, das Wohl des Kindes über das der Mutter zu stellen.

Wie die Gefährten des Odysseus sich an den Rindern des Sonnengottes Helios vergehen und sie schlachten, vergeht sich die Gruppe am Gebot der Fruchtbarkeit. Als ob Stephen seine Hybris bewusst wird und seine Gewissensbisse ertränken möchte, ruft er plötzlich nach einem Gewitterdonner dazu auf, das Gelage bei „Burke“ fortzusetzen. Dort fliegt die Gruppe zur Sperrstunde raus und will weiterziehen ins Hurenviertel Dublins zum Bordell der Bella Cohen. Bloom, in Sorge um Stephens Wohlergehen, folgt ihnen.

Dieses ist also das berühmte Kapitel, in dem die Entwicklung des Sprachstils und der Sprache selbst vom Altenglischen bis zum zeitgenössischen Dubliner Slang das Wachstum des Embryos im Mutterleib widerspiegelt. Dabei imitiert Joyce den Prosastil verschiedener Epochen und entwirft passende Szenarien. Die Helden unseres Romans agieren abschnittweise wie typische Figuren dieser Texte.

So macht beispielsweise unser Protagonist im Laufe des Kapitels folgende Metamorphose durch (in der Übersetzung von Hans Wollschläger – die ersten vier Textteile habe ich wiederum in heute verständliches Deutsch ‚übersetzt‘):

„Ein man aldo stant der ein farensman waz an des hvs tor da nacht nider nu kam. Von Jisraels volc dise man waz vn haert gewandelet vil vnde gefaren vf erden.“
[Ein Mann [Leopold Bloom], der unterwegs war, stand nachts an der Haustür. Vom Israels Volk war jener Mann, der auf Erden weit gewandert war. Reines Mitgefühl war es allein, das ihn gebracht in dieses Haus]

„Unde Childe Leopold offent sin helmevenster umb daz er ihm gevellic seie und tat er ein lützel zoc under ougen uz vriuntschaft danne er niemer sunsten nit tranc iender ein met“,
[Und Kind Leopold öffnete sein Vesier, auf dass es ihm gefällig sei und tat er einen kleinen Zug unten den Augen aus Freundschaft, denn er trank nie einen Met.]

„Aber Sir Leopold war arg duster nun […] vnd er gedaht an sein gut frauwe Marion die jm ein einzicht menlich kint geboren welchs war am seim eilfften lebens tag gestorben vnt kont nit gerett werden vonne keins menschenkunzt also dunkel ist das schicksal.“
[Aber Sir Leopold war arg duster (…) und er gedachte an seine gute Frau Marion, die ihm ein einziges männliches Kind geboren, welches war an seinem elften Lebenstag gestorben und konnte nicht gerettet werden von keiner Menschenkunst, all so dunkel ist das Schicksal.]

„Leop. Bloom dort wegens einem schwechzufall den er hett, fühlte sich jetzund aber beßer, nemblich hett ein wunderlich gesicht gehabt dießen abend von seiner dame Mrs. Moll mit rothen pantoffelen und türckischen kniehosen welches von kennern wird für ein zeichen deß wechsels gehalten.“
[Leop. Bloom dort wegen einem Schwächeanfall, den er hatte, fühlte sich jetzt aber besser, hatte nämlich ein wunderliches Gesicht [seltsame Fantasie] diesen Abend gehabt von seiner Dame Mrs. Moll mit roten Pantoffeln und türkischen Kniehosen, was von Kennern für ein Zeichen des Wechsels [der Abwechslung] gehalten wird]

„Um nun zu Mr. Bloom zurückzukehren, so hatte dieser gleich bei seinem Eintritt wol so mancherley schamloses Gespötte bemerkt, dasselbe jedoch als die Früchte jenes Alters ertragen, welches gemeinhin dafür gilt, daß es kein Mitleid kennet. Die jungen Spunte steckten, das ist wahr, so voller Streiche als wie große Kinder: die Worte ihrer lärmenden Debatten waren nur schwer zu verstehen und oftmalen nicht eben lieblich.“

„[So] brach bald ein lebhafter Zank der Zungen aus […] und im beiderseitigen Konsens wurde die schwierige Frage dem Herrn Inseratensammler Bloom mit dem Auftrage vorgelegt, sie alsbald dem Herrn Koadjutor Diakon Dedalus zu submittiren. Bisher schweigsam, ob aus dem Grunde, durch übernatürlichen Ernst nur um so besser jene wunderliche Würde des Gehabens zu entfalten, welche ihm eigen war, oder aus Gehorsam gegen eine innere Stimme, zitierte er kurz und, wie einige meinten, recht obenhin die geistliche Regel, welche dem Menschen zu scheiden verbietet, was Gott zusammengefügt.“

„Nicht länger mehr ist Leopold, wie er dort sitzt, sinnierend, das Futter der Erinnerung wiederkäuend, jener nüchterne Werbeagent und Inhaber eines bescheidenen Päckleins Obligationen. Er ist der junge Leopold, wie in retrospektivem Arrangement, ein Spiegel in einem Spiegel (he, presto!), er betrachtet sich selbst.“

„[J]ener wachsame Wanderer […], welch letzterer noch bedeckt war vom Reise- und Kampfesstaub und befleckt vom Kote einer untilgbaren Schändlichkeit, aus dessen standhaftem und beständigem Herzen jedoch nicht Lockung noch Gefahr noch Drohung noch Erniedrigung je konnte das Bild einer wollüstigen Lieblichkeit reißen, welches der begnadete Stift Lafayettes für alle künftigen Zeiten aufgezeichnet hat.“

„Hinaus stürzt unser Herr Stephen mit einem Schrei, und Krethi und Plethi hinter ihm her, der ganze Verein, Draufgänger, Maulaffen, Wettschwindler, Pillendoktor, Bloom der Pünktliche ihnen auf den Fersen, unter allgemeinem Gegrapsche nach Kopfbedeckung, Eschenstöcken, Degen, Panamahüten und Degenscheiden, Zermatt-Alpenstöcken und was nicht sonst noch allem.“

„Bravo, Isaacs, man immer wech mit ihnen aus dem Scheißrampenlicht. Komm’ Se mit, Verehrtester? Aber woher denn aufdringlich, im Leben nich. Bloom is sich serr gute Mann.“

„Wohnt nicht weit vom Mater. geht auch im süßen Joch der Ehe. Kennst seine Holde? Jau, klar doch, det tu ick. Janz flottet Pflänzken. Hab sie mal im Näcklischee jesehn. Also da kommt janz schön wat raus, wenn die Pelle runter jeht.“

„Von wem hast du den Tip gehabt eigentlich, für das Füllen? […] Von Meister Iste, ihrem vertrauten Manne. Kein Schmu, von dem ollen Leo. […] So ein Dreckskerl von einem scheinheiligen Lügner. […] Ja, also, sag ich, wenn das nich die typisch jiddsche mloche is, ja, dann will ich ne missemeschune haben. […] Was? Wein für den Schleimer Bloom. Was hör ich, was redst du da von Zwiebeln? Bloo? Schnorrt sich Anzeigen zusammen? Von der Photographin das Pappilein, schau mal einer an!“

(Quellen: swr.de/swr2/hoerspiel & de.wikipedia.org)

Personen des 14. Kapitels

Dr. Andrew J. Horne, der Leiter bzw. Oberarzt der Entbindungsklinik National Maternity Hospital Dublin, selbst tritt nicht auf. Er steht für den Sonnengott Helios, sein Name Horne („Horn“) ist ein Verweis auf den goldenen Ochsen bei Homer. Von der schwangeren Mina Purefoy, der der Besuch von Leopold Bloom gilt, erfahren wir nur, dass sie endlich einen Sohn gebiert, der Mortimer Edward getauft werden soll. Es ist schon ihr neuntes Kind (ein Sohn war gestorben).

Leopold Bloom ist als „moderner Held“ als Kontrast zu dem homerischen Helden Odysseus zu verstehen. Er hat die Rolle eines Außenseiters, die sich vor allem darin spiegelt, dass er als Jude im katholischen Dublin lebt und dort einem antisemitischen Klima ausgeliefert ist. In dem Roman, der am 16. Juni 1904 spielt, wird die Wanderung des Leopold Bloom durch Dublin geschildert. Er wird dem Leser als Annoncenakquisiteur präsentiert, dabei ist er jedoch wenig erfolgreich. Zudem ist ihm den ganzen Tag bewusst, dass seine Frau Molly eine Affäre mit dem attraktiven Blazes Boylan hat. Auch der Tod seines Sohns Rudy, der vor elf Jahren im Alter von einigen Tagen verstorben ist, bedrückt ihn. Im Laufe des Romans nimmt Bloom eine vaterähnliche Rolle für Stephen Dedalus, der zweiten Hauptperson des Romans, an. Wie erwähnt, begegnen sich beide hier zum ersten Mal.

Weitere Personen sind die Krankenschwester Callan und Dr. Dixon, junger Arzt in der Entbindungsanstalt und verantwortlich für Medizinstudenten. Außerdem begegnen wir Vincent Lynch, Medizinstudent und Freund von Stephen Dedalus – Dr. Madden, ein Arzt – Matt Lenehan, aufdringlicher Witzeklopfer – und Costello, ein weiterer Medizinstudent. Später kommen mit Stephen Dedalus Malachi ‚Buck‘ Mulligan, Medizinstudent und Mitbewohner sowie Antagonist von Stephen – und Alec Bannon, Freund von Mulligan, hinzu.

Anmerkungen zu diesem 14. Kapitel

Auch zu diesem Kapitel hier einige Anmerkungen und Erklärungen, die vielleicht helfen, mehr Verständnis für den Text zu erlangen. Natürlich bin ich mir nicht sicher, immer ‚das Richtige‘ gefunden zu haben. Für Korrekturen und weitere Anregungen bin ich dankbar:

Das 14. Kapitel hat es in sich. Eine Übersetzung ist fast nicht möglich, da das Original von James Joyce von Alliterationen und alten germanischen Wörtern (auch einer weitaus einfacheren Syntax) geprägt ist und in dem die Entwicklung des Sprachstils und der Sprache vom Altenglischen bis zum zeitgenössischen Dubliner Slang das Wachstum des Embryos im Mutterleib widerspiegelt. Der Übersetzer Hans Wollschläger hat es nach meiner Meinung etwas zu gut gemeint, wenn er dieses Kapitel in althochdeutscher Sprache beginnt – ich denke inzwischen, dass es eher noch die mittelhochdeutsche Sprache ist. Ich musste schon einige Phantasie entwickeln, um den ‚deutschen‘ Text halbwegs zu verstehen. Immer wieder griff ich auf das Original zurück und bediente mich des Google Translaters, bei einigen Wörtern half mir das Dictionary von Wiktionary, das auch altenglische Begriffe enthält. Ich habe nicht den ganzen Text ‚übersetzt‘ (nur die Seiten 539 bis 558), denn ab dort sollten es die meisten Leser selbst ‚verstehen‘. Ab dieser Seite 558 habe ich dann nur noch die Begriffe und Sentenzen ins Deutsche übertragen, wenn diese vielleicht nicht ohne weiteres verstanden werden können. Ich hoffe, dass mir die Übersetzung (also vom Alt- bzw. Mittelhochdeutschen in ein uns heute verständliches Hochdeutsch) wirklich bis ins Detail halbwegs geglückt ist. Dabei habe ich mich eines meist nahezu gleichen Duktus bedient. Für Korrekturen wäre ich sehr dankbar …

Hier zunächst die angesprochenen ersten rund 20 Seiten des Kapitels (S. 537 bzw. 539 bis 558 ausgehend von der Wollschläger-Übersetzung) mit dem 1. Originaltext aus der Webversion (mit diversen Links) – 2. Übersetzung von Hans Wollschläger – 3. meine ‚Übersetzung‘ des Wollschläger-Textes (mit diversen Links). Alles habe ich in einer PDF-Datei gespeichert (musste mich dabei des Formats DIN A 3 bedienen): Ulysses – 14. Kapitel S. 537 bzw. 539 bis 558

PDF-Datei Beginn des 14. Kapitels: Oxen oft he Sun (Die Rinder des Sonnengottes Helios)
PDF-Datei Beginn des 14. Kapitels: Oxen oft he Sun (Die Rinder des Sonnengottes Helios)

Hier nun die weiteren Erläuterungen (nach Seite 558) des 14. Kapitels:

S. 558: Secktmolken [im O. sackpossets = Sackmolke, hier wohl als Schimpfwort gemeint]
S. 559: Kerry-Kühe … Seuch [gemeint ist die Maul- und Klauenseuche]
Weckfleisch [eingemachtes Fleisch -> ‚einwecken‘]
Mort aux vaches [Tod den Kühen!]
S. 561: Remedium [Gegenmittel]
S. 564: inhibitorisch [hemmend]
prohibitorisch [verhindernd, vorbeugend]
aimable [liebenswert]
Roués [Wüstling]
caressiren [schmeicheln, liebkosen]
S. 565: Allodium [Art Lehnsgut, ‚Ganzbesitz‘]
Omphalos [‚Nabel, Mittelpunkt‘, Kultstein in Delphi]
S. 566: Talis ac tanta depravatio hujus seculi, O quirites, ut matresfamiliarum nostrae lascivas cujuslibet semiviri libici titillationes testibus ponderosis atque excelsis erectionibus centurionum Romanorum magnopere anteponunt, [So und so ist die Verderbtheit dieses Zeitalters, oh ihr Chiriten (Bürger des antiken Roms), dass die lasziven Kitzelungen jeder selbstsüchtigen Libidin (Wollüstige), der Mütter unserer Familien, den gewichtigen Zeugen und erhabenen Erektionen der römischen Zenturionen (Hundertschaftsführer, Offizier der römischen Legion) weit vorgezogen werden.]
Enkomien [‚festlicher Umzug‘, Lobgedicht auf die Tugenden einer Person]
S. 567: Ventripotenz [Dickbäuchigkeit, Gefräßigkeit]
ovoblastisch [ovo- = Eier- / Blasten = Vorläuferzellen der weißen Blutkörperchen, die normalerweise nur im Knochenmark zu finden sind]
Utrikel [‚Schlauch‘]
Antichambre [Vorzimmer]
Werg [niedere Faserqualität z.B. von Leinen oder Hanf, Faserabfall]
Mais bien sûr, … et mille compliments. [Aber natürlich … und tausend Komplimente]
S. 569: marchand de capotes [Kondomverkäufer]
livre [frz. Münze]
Fécondateur [Befruchter]
avec lui [mit ihm]
ventre biche [Rehbauch ?]
sans blague [im Ernst]
il y a deux choses [es gibt zwei Dinge]
S. 570: Tilbury [Kutsche]
S. 571: enceinte [schwanger]
Entreprise [Unternehmung]
S. 573: Antidotum [Gegengift]
Insolenz [Unverschämtheit]
Auspicien [Vorbedeutung, Aussichten, ‚Vogelschau‘]
zweite Matrone von Ephesus [bezieht sich wohl auf die Göttin Artemis, Tempel in E. in Kleinasien -> 7 Weltwunder]
S. 574: Metempsychose [Seelenwanderung]
Dormitorium [Schlafraum, eigentl. Im Kloster]
S. 575: Hagar [im Alten Testament die Magd von Sara, Nebenfrau von Abraham – Sohn Ismael -> Stammvater der Araber]
bukolisch [ländlich einfach, das Hirtenleben betreffend]
Gilead [biblisches Land]
S. 576: Adjunkt [Gehilfe]
Posthumität [‚nach dem (menschlichen) Leben‘, ‚die letzten der menschlichen Gattung‘]
S. 577: foetus in foetu [Phänomen, das bei einer von 500.000 Lebendgeburten vorkommt, wird im Körper eines Zwillings ein deformierter Fötus gefunden]
Aprosopie [Mißbildung, wobei das Gesicht fehlt]
Kongestion [lokaler Blutandrang bei Entzündungen]
Agnatie [angeborenes Fehlen des [Ober- oder] Unterkiefers]
Kinese [‚Bewegung‘]
Gravidität [Schwangerschaft]
Matrix [Gebärmutter]
Insemination [Samenübertragung]
Syringe [Spritze]
Multigeminalität [mehrfache Merkmalsgleichheit]
Katamenien [Menstruationsblut]
Gravita [Schwangere]
S. 578: primafacie [Beweis des ersten Anscheins]
plasmisch [im Zusammenhang mit Plasma – Materie mit hohem, instabilem Energieniveau]
Kohabitation [Geschlechtsverkehr]
Allocutio [Ansprache]
S. 579: ersische Sprache [schottisch-gälische Sprache]
Vendetta Mananaans [Blutrache M., Sagengestalt der keltischen Mythologie Irlands]
Lex talionis [Vergeltungsgesetzt -> ‚Auge um Auge …‘]
S. 581: fiat! [Lass es geschehen!]
S. 582: Upupa [Vogel Wiedehopf]
Netaim [biblischer Ort]
Parallax [scheinbare Änderung der Position eines Objektes, wenn der Beobachter seine eigene Position durch eigene Bewegungen verändert]
Lacus Mortis [Totes Meer]
Zodiakal [‚Tierkreis-‘]
S. 585: mesmerisiert [hypnotisiert, animalischer Magnetismus nach Franz Anton Mesmer, 1834-1815]
S. 586: Bass-Flaschen [englische Biermarke]
S. 588: Nemaspermen [Spermatozoon, bestehend aus Filament, aus langen Molekülketten bestehend]
nisus formativus [‚Bildungstrieb‘, die Vorgänge von „Generation, Nutrition und Reproduktion“ regelnde Lebenskraft]
succubitus felix [‚glücklicher‘, weiblicher, lüsternder Dämon – von succumbere ‚unten liegen‘]
Inquirent [Untersuchungsführer]
adenoidal [Vergrößerung der Rachenmandeln betreffend]
pulmonal [Erkrankung der Lungengefäße betreffend]
Duennas [ältere Frau, die als Gouvernante und Begleiterin für Mädchen fungiert, insbesondere in einer spanischen Familie; eine Begleitperson]
Kalipädie [Kallipädie – bezeichnet die besonders im 18. Jahrhundert populären Lehren von der Zeugung schöner Kinder durch bewussten Einsatz der Einbildungskraft]
S. 590: Kollation [Vergleich einer Abschrift mit der Urschrift zur Prüfung der Richtigkeit]
Staggering bob [‚umwerfender Bob‘ – Fleisch von einem jungen Kalb]
Minuzien [Kleinigkeiten]
S. 591: accouchement [Entbindung, Niederkunft]
S. 594: piazzetta [kleiner Marktplatz]
S 595: celest [himmlisch]
coelum [Himmel]
Progenitor [Vorfahr]
Malthusiast [Anhänger von Malthus, 1766-1834 – Theorie Bevölkerungswachstum und Nahrungsmittelangebot betreffend]
Vegetabilien [Produkte/Lebensmittel pflanzlicher Herkunft]
S. 596: Per deam Partulam et Pertundam nunc est bibendum! [Bei der Göttin Partula (eine der drei Parzen = Schicksalsgöttinnen in der römischen Mythologie, ursprünglich waren diese Geburts- und Geburtshilfegöttinnen) und Pertunda (römische Göttin der sexuellen Penetration) müssen wir jetzt trinken!]
Benedicat vos omnipotens Deus, Pater et Filius. [Allmächtiger Gott, Vater und Sohn, segne dich.]
S. 597: En avant, mes enfants! [Vorwärts, meine Kinder!]
Ma mère m’a mariée [Meine Mutter hat (mich) geheiratet]
Ratamplan Digidi Bum Bum [im O. Retamplan Digidi Boum Boum]
Bäderastie [im O. buggery = Sodomie, also Päderastie]
Pektoraltauma [pektoral – die Brust betreffend]
S. 598: Ardilaun [Lord Ardilaun, u.a. Teilhaber einer großen Brauerei in Dublin – hier wohl als Trinkspruch gemeint]
Hoi polloi [die Masse – Volk, Pöbel]
S. 599: Machree, macruiskeen [Gra machree ma cruiskeen, slainte geal mavourneen…. – irisches Trinklied = Oh! Die Liebe meines Herzens ist mein kleiner Krug, Strahlende Gesundheit für meinen Schatz)
Rows of cast [‚Besetzungsreihen‘]
S. 600: misse-me-schune [im O. misha mishinnah – ein böser, gewalttätiger Mensch, der weder auf den Tod noch auf das Ende vorbereitet ist]
Libation [[altrömische] Trankspende für die Götter und die Verstorbenen]
Nos omnes biberimus viridum toxicum diabolus capiat posterioria nostria. [Wir alle trinken das grüne Gift, der Teufel nimmt das Hinterste … ‚the devil take the hindmost‘: der Spruch beschreibt eine Situation, die missbilligt wird, weil Menschen nur das tun, was für sie selbst am besten ist, ohne an andere Menschen zu denken]
Bonsoir la compagnie. [Guten Abend, Gesellschaft]
S. 601: A la vôtre! [Prost!]
Geerdibung [Beerdigung – trunkend]
Tiens [halten]
S. 602: Laetabuntur in cubilibus suis. [Lasst sie auf ihren Betten laut singen]
Ut implerentur scripturae. [Damit die heiligen Schriften erfüllt würden.]

In deutscher Sprache gibt es zwei Übersetzungen, zunächst die vom Verfasser, also James Joyce, autorisierte Übersetzung von Georg Goyert (1927) – dann die 1975 erschienene Neuübersetzung von Hans Wollschläger, auf die ich mich hier beziehe (ich habe die einmalige Sonderausgabe aus dem Jahr 1979 – 1. Auflage – Suhrkamp Verlag)

siehe auch: Abenteuer Ulysses von James Joyce (01): Vorgeplänkel
Abenteuer Ulysses von James Joyce (02): 1. Kapitel – Telemachos [Telemachie]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (03): 2. Kapitel – Nestor [Telemachie]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (04): 3. Kapitel – Proteus [Telemachie]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (05): 4. Kapitel – Kalypso [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (06): 5. Kapitel – Lotophagen [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (07): 6. Kapitel – Hades [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (08): 7. Kapitel – Äolus [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (09): 8. Kapitel – Lästrygonen [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (10): 9. Kapitel – Scylla & Charybdis [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (11): 10. Kapitel – Symplegaden (Irrfelsen) [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (12): 11. Kapitel – Sirenen [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (13): 12. Kapitel – Der Zyklop [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (14): 13. Kapitel – Nausikaa [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (15): 120 Jahre Bloomsday

Abenteuer Ulysses von James Joyce (15): 120 Jahre Bloomsday

Heute vor nun 120 Jahren, am 16. Juni 1904, geschahen ‚Ereignisse‘ die in Dublin spielten und einen gewissen Leopold Bloom als Hauptakteur hatten. Die Geschehnisse waren natürlich fiktiv und finden sich in dem Roman Ulysses von James Joyce beschrieben. Und es spielte sich alles an einem Tag, eben jenem 16. Juni 1904, ab. Seit 1954 wird der 16. Juni als Bloomsday gefeiert und seitdem werden in Dublin jährlich Veranstaltungen zu Ehren von Joyce sowie seines Romans und dessen Figuren organisiert. Nicht selten arten diese in eine Sauftour aus

Bloomsday in Dublin – jeweils am 16. Juni
Bloomsday in Dublin – jeweils am 16. Juni

Wenngleich der Bloomsday kein gesetzlicher Feiertag in Irland ist, ist er doch in englischsprachigen Kalendern inzwischen gleichwertig neben dem Saint Patrick’s Day verzeichnet. Er ist weltweit der einzige Feiertag, der einem Roman gewidmet ist.

Der Bloomsday erhöht die Anziehungskraft der Stadt Dublin erheblich: Er gehört zu den größten Touristenattraktionen der Stadt. Im Jahr 2004 fanden in Dublin aus Anlass des hundertsten Jahrestages unter dem Motto „ReJoyce Dublin 2004“ vom 1. April bis 31. August fünf Monate währende Festlichkeiten statt.

Und eine gute Nachricht zu ‚meinem‘ Abenteuer Ulysses: Ich bin beim letzten Kapitel, dem 18. (Penelope), angelangt, habe mich sicherlich etwas zu ausführlich mit dem Roman beschäftigt (und am Ende dann doch eher nicht). Dank dem Internet habe ich jede Menge Material gesammelt, verarbeitet und dieses (bisher bis zum 13. Kapitel auch in diesem Blog nachlesbar) zu Papier gebracht (bzw. werde es noch zu Papier bringen).

… demnächst in diesem Theater
… demnächst in diesem Theater

In den nächsten Tagen (oder eher Wochen) werde ich auch den Rest des Romans hier mit einer Menge Bemerkungen vorstellen. Also Geduld, liebe Joyce-Freunde. Der Beitrag zum 14. Kapitel (Die Rinder des Sonnengottes – es spielt in einer Entbindungsanstalt) ist schon geschrieben, muss aber noch überarbeitet werden. Diese Kapitel ist eine Zeitreise durch die Entwicklung der englischen Sprache – vom Altenglischen bis zum zeitgenössischen Dubliner Slang, in der deutschen Übersetzung vom Althochdeutschen bzw. Mittelhochdeutschen zum Berliner Dialekt. Und da die meisten von uns des Alt- bzw. Mittelhochdeutschen nicht mächtig sind, so habe ich die anfänglichen Seiten 539 bis 558 des Kapitels in der Übersetzung von Hans Wollschläger [amazon] aus dem Jahr 1975 in eine heute verständliche Sprache übersetzt, mich dabei aber vom sprachlichen Duktus her an dem alt- resp. mittelhochdeutschen Text gehalten. Viel Arbeit für einen Laien in deutscher Philologie.

Alles bis bald (und Franz Kafkas 100. Todestag ist auch noch gebührend zu würdigen).

Kafka 2024: ‚Der Prozess‘ im Thalia-Theater, Hamburg – Verfilmung von Orson Welles 1962

Zum Geburtstag habe ich von meinen Söhnen ein Abo für das Thalia-Theater in Hamburg geschenkt bekommen, vielen Dank an meine Jungs. Und zum Kafka-Jahr 2024 (100. Todestag) gab und gibt es noch ein Stück von Kafka nach dessen Roman ‚Der Prozess‘:

Obwohl im Leben Josef K.s alles in einigermaßen geregelten Bahnen läuft, wird er an seinem 30. Geburtstag von einer mysteriösen Behörde verhaftet. Eine konkrete Anklage gibt es nie –nur die Konfrontation mit einem System, das K. nicht versteht: eine Albtraum-Logik, die sich seinen Erwartungen immer wieder entgegensetzt. Sein Alltag überreizt sich mit Gesetzesstrukturen. Verstörende Figuren reden auf ihn ein. Der Mensch K. wartet also auf einen Gerichtsprozess. Aber welchen Prozess durchläuft er wirklich? Macht sich K. – ganz naiv und nervös – schuldig, ohne es zu wissen?

Franz Kafka: Der Prozess (24.03.2024 – Thalia- Theater Großes Haus)
Franz Kafka: Der Prozess (24.03.2024 – Thalia- Theater Großes Haus)

Die Aufführung war typisches Regie-Theater, d.h. die Regie, die Art der Aufführung, ging deutlich vor dem Stück selbst. Nichts in meinem Sinne. Und Christa, die mit mir die Aufführung sah, erboste sich über einen nackten Josef K., der sicherlich unsere Nacktheit vor dem Gesetz symbolisierte, aber ganz dem eher prüden Autoren (Franz Kafka) widersprach.

Ganz anders die Verfilmung des Romans von Orson Welles aus dem Jahr aus dem Jahr 1962 mit Anthony Perkins (bekannt aus Hitchcocks ‚Psycho‘), Jeanne Moreau, Romy Schneider und natürlich Orson Welles selbst. In einer Kritik zum Film heißt es: Von Beginn an war klar, dass die Verfilmung von Kafkas Buch ein gewagtes, wenn nicht sogar unmögliches Unterfangen war. […] In der Zeitschrift cinema 63 stand: ‚Kafka hat durch diese Umwandlung nichts gewonnen, und seine Leser sind zu Recht enttäuscht. Das Kino ist jedoch um einen großen Film reicher geworden. Wer will sich also beklagen?‘

Kafka 2024: Denkmäler in Prag

Als ich 1982 mit einem Kumpel in der Zeit vor Ostern (und zu Zeiten des noch real existierenden Sozialismus) Prag besuchte, waren wir nicht nur des Bieres wegen dort, sondern auch um ein wenig auf Franz Kafkas Spuren zu wandeln. Viel gab es damals noch nicht von dem jüdischen Schriftsteller deutscher Sprache im Prag der k. u. k.-Monarchie Österreich-Ungarn, seiner Geburts- und fast lebenslanger Wohnstadt. Es gab lediglich eine Gedenktafel mit Kafkas Bildnis an seinem Geburtshaus (Námestí Franze Kafky, also Franz-Kafka-Platz). Immerhin. Heute scheint die tschechische Hauptstadt Prag geradezu durchtränkt von Kafka zu sein.

Kafkas Geburtshaus
Kafkas Geburtshaus

Hier einige weitere Beispiele, die mein Sohn samt Freunden bei einem Besuch in Prag im Dezember 2019 festgehalten hat.

Beispiel 1: Kafka-Denkmal (Kafka auf den Schultern seines körperlosen Vaters) in Prag
Beispiel 1: Kafka-Denkmal (Kafka auf den Schultern seines körperlosen Vaters) in Prag

Beispiel 2: Ein weiteres Kafka-Denkmal in Prag
Beispiel 2: Ein weiteres Kafka-Denkmal in Prag

Kafka 2024: 3. Juni 2024 – 100. Todestag

Neben Musik (und natürlich auch Film) ist es die Literatur, die mich ‚beschäftigt‘. Neben Hermann Hesse gibt es natürlich eine Menge anderer Autoren, die ich gelesen habe und die ich interessant, lesenswert finde. Nicht alles ist leichte Kost (seit geraumer Zeit schlage ich mich mit dem ‚Ulysses‘ von James Joyce herum – und ich will es in diesem Fall dann schon genauer wissen: habe auch das englische Original vorliegen, d.h. aus dem Internet gefischt), aber es gibt auch einen Autor wie Franz Kafka, der eigentlich einen für heutige Zeiten noch sehr modernen Stil geschrieben hat: leicht und locker – aber von Inhalt her alptraumhaft. Es wurde sogar ein Adjektiv erschaffen, das seinen ‚Stil‘ zu definieren versucht: kafkaesk (wie grotesk). Am 3. Juni 1924, also vor 100 Jahren, starb der Prager Schriftsteller Franz Kafka. Es ist also ein Kafka-Jahr. Und verwunderlich finde selbst ich es als Kafka-Fan, wie sehr sich die Welt mit diesem Schriftsteller beschäftigt – besonders das Ausland. Instagram, TikTok – kein soziales Medium, in dem Kafka nicht ‚Freunde‘, Followers usw. anzieht. Besonders junge Menschen sind von Kafka begeistert. Die wohl meistgelesene Erzählung ist ‚Die Verwandlung‘ [amazon.de], in der ein gewisser Gregor Samsa am Morgen erwacht und sieht, dass er sich in einen Käfer verwandelt hat. Alptraum pur!

Kafka verwandelt sich zu ‚Willi‘
Kafka verwandelt sich zu ‚Willi‘

Weitere Beiträge zu Franz Kafka in willizblog.de

Abenteuer Ulysses von James Joyce (14): 13. Kapitel – Nausikaa [Odyssee]

Mit dem 13. Kapitel des Ulysses von James Joyce (von 18) haben wir die Hälfte des Romans endlich ‚geschafft‘. Hier wieder einige Informationen zur Handlung und zu den auftretenden Personen, auch wieder einige erklärende Anmerkungen zum Text.

Gemäß der Odyssee von Homer bricht die junge und Göttinnen in der Schönheit ähnliche Nausikaa (Tochter des phaiakischen Königs Alkinoos), im Traum durch Athene dazu ermuntert, morgens mit ihren Dienerinnen zum Strand von Scheria auf und wäscht dort mit ihren Dienerinnen am Fluss in der Nähe des Strandes Wäsche. Nach dem Essen machen sie ein Ballspiel. Durch das Kreischen der Mädchen, als der Ball weit wegfliegt, wird ein Schiffbrüchiger geweckt, der in einem nahe gelegenen Gebüsch schlief. Die anderen Mädchen fürchten sich vor ihm, Nausikaa jedoch hat keine Angst. Sie gibt ihm zu essen und Kleidung. Mir hat diese Nausikaa schon in jungen Jahren sehr gefallen. Ihre Schönheit konnte ich nur erahnen. Besonders gefiel mir aber, wie sie dem Schiffbrüchigen Odysseus Asyl gewährte.

Inhalt des 13. Kapitels:

Szene Felsen am Strand von Sandymount • Uhrzeit 20.00 Uhr

Drei junge Mädchen gehen am Strand von Sandycove spazieren, wo sich auch Bloom aufhält. Die Mädchen necken sich gegenseitig und wollen gerade den Heimweg antreten, als ein Feuerwerk beginnt. Zwei von ihnen gehen ein Stück weiter, um eine bessere Sicht zu haben, die dritte, die – Nausikaa symbolisierende – gehbehinderte Gerty MacDowell, aus deren Perspektive die erste Hälfte des Kapitels erzählt wird, bleibt. Sie und ihre Welt werden sprachlich in der Form sentimentaler viktorianischer Trivialromane dargestellt: „Gerty MacDowell, die unweit von ihren Gespielinnen saß, in Gedanken verloren, den Blick in die weite Ferne gerichtet, war wirklich und wahrhaftig ein Muster liebreizender junger irischer Weiblichkeit […]. Die wächserne Blässe ihres Gesichts wirkte fast vergeistigt in ihrer elfenbeingleichen Reinheit, obschon ihr Rosenknospenmund ein echter Amorsbogen war, griechisch vollkommen.“

Sie setzt sich auf einen Stein, hebt ihre Röcke, um Bloom zu erregen. Dabei stilisiert sie diese Anmache zu einer romantisch-wilden großen Liebe: „Sie hätte gerne nach ihm, erstickend fast, hätte gern die schneeigen Arme ausgestreckt nach ihm, daß er käme, daß sie seine Lippen auf ihrer weißen Stirn fühlte, eines jungen Mädchens Liebesschrei.“

Bloom, aus dessen Sicht der zweite Teil des Kapitels geschildert ist, war an den Strand gekommen, um etwas Ruhe zu finden. Er geht auf die Anmache ein, wobei das junge Mädchen in seinen Gedanken – um sich aufzugeilen – zum „durchtriebenen Luder“ wird: „Teufelinnen sind sie, wenns über sie kommt. Dunkles teuflisches Aussehen.“ – Er masturbiert in der Hosentasche, wobei ihm – in welchem Grade bewusst, lässt sich wie so oft in diesem Roman auch hier schwerlich sagen – Assoziationen an Molly und ihren Liebhaber durch den Sinn gehen: „War das vielleicht grad der Moment, wo er, sie?/ Oh, er hats. In ihr. Sie hats. Geschafft/ Ah!/ Mr. Bloom zog sich mit sorgsamer Hand das nasse Hemd zurecht. Meingott, dieser kleine hinkende Teufel. Fühlt sich langsam doch kalt an und klamm. Die Nachwirkung nicht gerade angenehm. Trotzdem, irgendwie muß mans ja loswerden.“ Blooms Orgasmus wird durch die Beschreibung des gleichzeitig stattfindenden Feuerwerks geschildert.

Gegen Ende des Kapitels beschäftigt Bloom sich noch mit dem Brief von Martha, der somit – zusammen mit seinem voyeuristischen Erlebnis am Strand – den Status einer kleinen Rache an seiner ihn ständig betrügenden Frau erhält.

Odysseus und Nausikaa (Pieter Lastman, Odysseus und Nausikaa, Ölbildnis, 1619, Alte Pinakothek, München)
Odysseus und Nausikaa (Pieter Lastman, Odysseus und Nausikaa, Ölbildnis, 1619, Alte Pinakothek, München)

Im Nausikaa-Kapitel strandet Odysseus auf der Insel des Königs Alkinoos. Dessen Tochter Nausikaa vertreibt sich dort mit ihrem Gefolge beim Ballspiel die Zeit. Sie hat keine Angst vor dem plötzlich auftauchenden Fremden, der ihre Schönheit preist, und nimmt ihn mit in den Palast, wo er sich schließlich als lang vermissten Herrscher von Ithaka zu erkennen gibt. In der malerischen Abenddämmerung spaziert die schöne Gerty MacDowell, begleitet von den Freundinnen Edy Boardmann und Cissy Caffrey mit ihren jüngeren Geschwistern, am Strand von Sandymount.

Morgens machte hier Stephen seinen Spaziergang. Gerty, Tochter nicht eines Königs, sondern eines Trinkers, gibt sich ihren Träumen von der großen Liebe hin. Zur gleichen Zeit findet eine Messe in der nahegelegenen kleinen Kirche statt. Da bemerkt Gerty zwischen den Felsen einen Fremden. Bloom sucht dort Ruhe, nachdem er dem Bürgermob entkam. Gerty lässt ihre Freundinnen weitergehen und bleibt allein zurück unter den ihrer Schönheit bewundernden Blicken von Bloom. Es beginnt eine einvernehmliche Verführungsszene aus der Distanz.

Parallel zum Verlauf der Messe, die mit dem Beginn eines Feuerwerks endet, wird das Geschehen zuerst aus Gertys Perspektive im Stile viktorianischer Trivialromane ausgemalt. Danach wechselt die Erzählhaltung zum inneren Monolog Blooms mit sexuell expliziterer Sprache. Gerty weiß, dass Bloom sie beobachtet, von ihr sexuell erregt ist und onaniert. Sie entblößt mehr und mehr ihre Reize. Als sie Bloom schließlich ihren Schoß zeigt, überschneidet sich Blooms sexueller Höhepunkt mit dem Ende des Feuerwerks.

Das Spektakel ist vorbei. Gerty geht. Mitleidig bemerkt Bloom, dass sie hinkt. Er lässt das Geschehen des Tages nochmals an sich vorbeiziehen, der Ruf einer Kuckucksuhr zur vollen Stunde erinnert ihn erneut an Mollys vollzogenen Ehebruch. Schließlich schläft Bloom ein.
(Quellen: swr.de/swr2/hoerspiel & de.wikipedia.org)

Personen des 13. Kapitels

Die handelnden Personen sind bereits genannt. Zum einen die Hauptfigur des Romans, Leopold Bloom, zum anderen jene Gertrude ‚Gerty‘ MacDowell, die die erwähnte Nausikaa symbolisiert. Daneben sind es Gertys Freundinnen, Cissy Caffrey und Edy Boardman – „mit dem Baby im Kinderwagen und Tommy und Jacky Caffrey, zwei kleine krausköpfige Jungen, die Matrosenanzüge trugen […] kaum vier Jahre alt […]“. Beide Freundinnen sind eifersüchtig auf ihre Schönheit. Gerty lahmt auf einem Fuß; sie wurde kürzlich von Reggy Wylie verlassen. Der Name Gertrud ist eine Parallele zu der tragischen und untreuen Mutter von Hamlet.

Anmerkungen zu diesem 13. Kapitel

Auch zu diesem Kapitel hier einige Anmerkungen und Erklärungen, die vielleicht helfen, mehr Verständnis für den Text zu erlangen. Natürlich bin ich mir nicht sicher, immer ‚das Richtige‘ gefunden zu haben. Für Korrekturen und weitere Anregungen bin ich dankbar:

S. 484: mehr eine Giltrap als eine MacDowell war [Giltrap – Großvater mütterlicherseits, der Besitzer von Garryowen, Hund in Zyklopen]
hauteur [‚Höhe‘]
S. 487: Chenille [‚Raupe‘ – weicher Textilstoff]
petite [klein, zierlich]
(… rucke di guck, die rechte Braut sitzt noch daheim) [im O.: and never would ash, oak or elm = und niemals würde Esche, Eiche oder Ulme]
S. 489: T.C.D. [Trinity College Dublin]
Schaltjahr [1904]
S. 491 Senge [Prügel]
S. 493: Unsere Lieben Frauen von Loreto [italienische Gemeinde]
S. 494: Dessins [Zeichnungen]
S. 495: halkyonische Tage [griech.: 14 Tage um die Wintersonnenwende]
S. 498: Martin Harvey [engl. Bühnenschauspieler]
retroussée [gestülpt]
S. 499: Ora pro nobis [Bete für uns]
Sieben Schmerzen (Mariens) [1. Darstellung Jesu im Tempel mit Weissagung Simeons (Lk 2,34–35) – 2. Flucht nach Ägypten vor dem Kindermörder Herodes (Mt 2,13–15 ) – 3. Verlust des zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lk 2,43–45) – 4. Jesus begegnet seiner Mutter auf dem Kreuzweg (unbiblische Szene) – 5. Kreuzigung und Sterben Christi (Joh 19,17–39) – 6. Kreuzabnahme (vgl. Mt 27,57–59) und Übergabe des Leichnams an Maria (Beweinung Christi) – 7. Grablegung Christi (Joh 19,40–42)]
Novene [Gebete an neun aufeinander folgenden Tagen]
S. 501: Tableau! [Bild]
Tantum ergo [nach Thomas von Aquin: Kommt und lasst uns tief verehren ein so großes Sakrament]
Tantumer gosa cramen tum [eigentlich: tantum rosa sa cramentum = das Geheimnis der Rose]
S. 504: Panem de coelo praestitisti eis [Brot vom Himmel hast du ihnen gegeben]
S. 506: contretemps [Rückschlag]
Velum [‚Schleier‘]
S. 507: Miss Cummins [Mary Susanna C. – amerikanische Schriftstellerin – 1827-1866]
Bist real du, Ideal du? [im O. Art thou real, my ideal?]
S. 508: Gesellschaft mit großem Ge [im O. Society with a big ess]
S. 509: Laudate dominum omnes gentes [Preist den Herrn aller Völker]
holterdipolter [im O. helterskelter]
S. 511: Nainsook [weiche, leichte Form von Musselin]
Und dann sprang eine Rakete hoch … [Onan lässt grüßen!]
S. 513: … und sehr langsam, denn Gety MacDowell … Zu enge Schuh? Nein, sie hinkt! Ach! [Perspektivwechsel Gerty/Bloom]
Tranquilla-Kloster [italienisches Ruhekloster]
S. 514: Mutoskop [Guckkasten]
lingerie [Unterwäsche]
deshabillé [Morgenrock]
Also ich bin ganz sauber gekommen und hab mich vollgesaut [im O. I’m all clean come an dirty me]
S. 517: Nell Gwynn [engl. Schauspielerin, 17. Jh., Mätresse von Charles II]
Mrs. Bracegirdle [Anne B., 17./18. Jh., Schauspielerin]
Maud Branscombe [19. Jh., stand Modell für Fotos]
Lacaus esant taratara [phonetisch -> it.: La causa e santa = Die Sache ist heilig, Oper von Meyerbeer]
S. 518: Lord Mayor [Bürgermeister von Dublin]
Val Dillon. Apoplektiker. [neigt bzw. hatte Schlafanfälle]
S. 521: Dolphin’s Barn [1. Kuss mit Molly]
Irishtown [Vorort von Dublin]
Jedes Bällchen findet sein Ställchen. [im O. Every bullet has its billet]
S. 522: die Vorhaut … [demnach ist Bloom nicht beschnitten?!]
S. 524: Opoponax [Gummiharz – Myrrhe]
S. 525: der Lange John [J. Fanning, Subsheriff von Dublin]
Meagher [irischer Nationalist, 19. Jh.]
S. 526: Der Bailey-Leucht. [Leuchtturm – Halbinsel bei Dublin]
Grace Darling. [Tochter eines Leuchtturmwärters, berühmt durch Einsatz bei einem Schiffsunglück]
Roggbiv [i.O. Roygbiv – Abfolge der Farbtöne: rot, orange, gelb, grün usw.]
S. 527: Homerule-Sonne [Selbstregierung (Irlands)]
S. 528: Rip van Winkle – Sleepy Hollow [Erzählungen von Washington Irving – …schläfrige Schlucht … – kopfloser Reiter]
Metempsychose [Seelenwanderung]
S. 530: Faugh a ballagh [Schlachtruf: Mach den Weg frei!]
Skapulier [Überwurf/Schulterkleid]
Tephilim [Gebetsriemen]
S. 532: Kalomel [Mineral = Hornquecksilber]
Dick in Mode … [im O. fat]
El hombre ama la muchacha hermosa. [Der Mann liebt das schöne Mädchen]
Leah, die Lilie von Killarney [Melodram]
S. 533: Damen-Bloomer [Frauenoberhose]
S. 535: Kish [iranische Insel im Persischen Golf]
Agendath [Siedlung in Palästina]

In deutscher Sprache gibt es zwei Übersetzungen, zunächst die vom Verfasser, also James Joyce, autorisierte Übersetzung von Georg Goyert (1927) – dann die 1975 erschienene Neuübersetzung von Hans Wollschläger, auf die ich mich hier beziehe (ich habe die einmalige Sonderausgabe aus dem Jahr 1979 – 1. Auflage – Suhrkamp Verlag)

siehe auch: Abenteuer Ulysses von James Joyce (01): Vorgeplänkel
Abenteuer Ulysses von James Joyce (02): 1. Kapitel – Telemachos [Telemachie]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (03): 2. Kapitel – Nestor [Telemachie]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (04): 3. Kapitel – Proteus [Telemachie]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (05): 4. Kapitel – Kalypso [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (06): 5. Kapitel – Lotophagen [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (07): 6. Kapitel – Hades [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (08): 7. Kapitel – Äolus [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (09): 8. Kapitel – Lästrygonen [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (10): 9. Kapitel – Scylla & Charybdis [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (11): 10. Kapitel – Symplegaden (Irrfelsen) [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (12): 11. Kapitel – Sirenen [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (13): 12. Kapitel – Der Zyklop [Odyssee]

Abenteuer Ulysses von James Joyce (13): 12. Kapitel – Der Zyklop [Odyssee]

Schritt für Schritt komme ich voran mit dem Roman Ulysses von James Joyce. Heute nun einige Informationen zur Handlung und zu den auftretenden Personen des 12. Kapitels. Natürlich auch wieder einige erklärende Anmerkungen zum Text.

Inhalt des 12. Kapitels:

Szene Kneipe (Barney Kiernans Pub) • Uhrzeit 17.00 Uhr

Für dieses Kapitel namens „Der Zyklop“ wählte Joyce verschiedene Formen des Berichtes. So wird es zum einen aus der Perspektive eines namenlosen Mannes erzählt, der unterwegs Hynes trifft, mit ihm in den Pub geht und dort auf Alf Bergmann und den sogenannten „Bürger“ stößt. Später kommt Bloom hinzu, um auf Martin Cunningham zu warten. Für diese Textpassagen wird ein schnodderiger, den mündlichen Sprachduktus imitierender Slang verwendet: „Igittigitt! Und das nimmt und nimmt kein Ende, das Gefaxe mit dem Pfötchengeben und Alf versucht die ganze Zeit, dass er nicht von dem verdammten Barhocker runterrutscht und dem verdammten alten Hund obendrauf, und dabei redet er allen möglichen Stuss von wegen Erziehung durch Güte und reinrassiger Hund und intelligenter Hund: Die Krätze hätt man kriegen können.“

Diese Passagen werden zu anderen in Kontrast gesetzt, die sich eines sorgfältig ausgeführten Stiles bedienen, der die Schriftlichkeit gehobener Zeitungsberichte nachahmt und parodiert (eine literarische Technik, die Joyce selbst „Gigantismus“ nannte): „Das letzte Lebewohl war ungemein ergreifend. Von den Glockentürmen fern und nah läutete unablässig die Totenglocke, indessen um den finsteren Bezirk die unheilkündende Warnung von wohl hundert gedämpften Trommeln rollte, bekräftigt vom Dröhnen zahlreicher Artilleriegeschütze.“

Das Thema des Kapitels ist der Antisemitismus, dem Bloom ausgesetzt ist. Der Bürger stellt sich als engstirniger irischer Nationalist heraus und fängt an, Bloom zu belästigen. Schnell treten seine antisemitischen Ansichten hervor, und die Atmosphäre wird immer gespannter. Als Martin Cunningham schließlich eintrifft, nimmt er Bloom mit sich, da dieser gerade begonnen hat, sich verbal gegen die Attacken zu wehren. Der schreiende und tobende Bürger wirft eine Keksdose hinterher – wie Polyphem, der Odysseus einen Felsen nachschleudert.

Der gehobene Schreibstil mündet gegen Ende in eine Imitation des Verkündigungstones der Prophezeiungen des Alten Testamentes. „Und dann sehn wir bloß noch, wie die verdammte Kutsche um die Ecke saust und Old Schafsgesicht obendrauf am Fuchteln ist“ wird übersetzt in: „Und es kam eine Stimme vom Himmel und rief: ‚Elias! Elias!‘ Und er antwortete ihr mit einem mächtigen Schrei: ‚Abba! Adonai!‘ Und sie sahen Ihn, ja Ihn, Ben Bloom Elias, inmitten von Wolken von Engeln auffahren zur Herrlichkeit der Helle in einem Winkel von fünfundvierzig Grad über Donohoe in der Little Green Street“. Auch auf diese Weise wird das Judentum in diesem Kapitel thematisiert.

Barney Kiernans Pub, Dublin
Barney Kiernans Pub, Dublin

In angeberisch-grobschlächtiger Sprache berichtet ein namenloser Ich-Erzähler von seinem Treffen mit Joe Hynes in Barney Kiernans Pub. Sie reden über einen jüdischen Händler, dem ein Freund von ihnen die Rückzahlung seiner Schulden zu Recht verweigerte. Mit Gleichgesinnten vertrinken beide Joes Wettgewinn vom Pferderennen. Bloom wartet derweil draußen auf Martin Cunningham, um gemeinsam der Witwe Dignam zu helfen, die Lebensversicherung ihres Mannes einzuklagen. Als Bloom den Pub betritt, um ihn dort zu suchen, lässt er sich in das Kneipengespräch über Dignam und die Todesstrafe ziehen. Plötzlich macht das Gerücht die Runde, er habe viel Geld beim Rennen gewonnen. Von da an werden seine abwägenden und nüchternen Einwände von der schwadronierenden Runde misstrauisch beäugt. Als das Gespräch sich tagespolitischen Themen zuwendet, gerät Bloom ins Visier des „Bürgers“, eines für die irische Unabhängigkeit eintretenden Feniers, auf deren Ideologie das Kapitel sich symbolisch bezieht. Dessen Hund könne, so der „Bürger“, geizige Juden nicht riechen, als das Tier Bloom beschnüffelt. Bloom sieht sich gezwungen, sich als Ire zu erkennen zu geben, fügt aber heroisch hinzu: mosaischer Abstammung – und verlässt den Raum. Währenddessen trifft der nichts ahnende Cunningham ein und beantwortet Nachfragen zu Bloom. Die antisemitische Stimmung eskaliert durch den „Bürger“, als Bloom zurückkehrt. Cunningham und er können nur mit einer Kutsche dem aufgebrachten Mob entfliehen.

Bloom gerät hier wie Odysseus ins Land der „einäugigen“ unzivilisierten Riesen – der Kyklopen, mit dem „Bürger“ als Polyphem. Odysseus wie Bloom bringen sich selbst durch Nennung ihrer Herkunft in Gefahr.

Joyce bedient sich dabei der von ihm so benannten literarischen Technik des „Gigantismus“: Der Erzählfluss des prahlerischen Ich-Berichts wird immer wieder von Einschüben durchbrochen. Diese persiflieren Diskurse der Journaille über irische Sagen und Mythen, nationale Legendenbildung und literarische wie politische Diskurse.
(Quellen: swr.de/swr2/hoerspiel & de.wikipedia.org)

Personen des 12. Kapitels

Der namenlose Erzähler gilt als der Lästerer Thersites aus Homers Illias: niederträchtig, gemein, wertend, kleinkariert, sein Stil in der ersten Person ist engstirnig und übertrieben, kann sich nicht in andere einfühlen, hat Vorurteile, Antisemit, Opportunist.

Im Mittelpunkt dieses Kapitels steht die Auseinandersetzung der Hauptfigur, Leopold Bloom, mit dem ‚Bürger‘ um Blooms‚ mosaische Abstammung‘. Bloom ist der „moderner Held“ und als Kontrast zu dem homerischen Helden Odysseus zu verstehen. Er hat die Rolle eines Außenseiters, die sich vor allem darin spiegelt, dass er als Jude im katholischen Dublin lebt und dort einem antisemitischen Klima, hier verkörpert durch ‚den Bürger‘ als Polyphem, ausgeliefert ist.

Blooms Kontrahent ist der Bürger als Satire auf engstirnigen antisemitischen, irischen Patriotismus/Nationalismus: Dieser sitzt mit seinem (dichtenden) Hund Garryowen in Kiernans Pub. Durch Blooms Behauptung, Jesus war Jude, wird er wütend und wirft eine Dose auf ihn; Parallele zum einäugigen Zyklopen bei Homer ist er, sowohl intellektuell als auch körperlich, blind, geblendet von der Sonne und Blooms Zigarre (Odysseus’ Speer). Bloom betritt mit Joe Hynes den Pub. Dieser gibt gern einen aus. Er ist ebenfalls Antisemit.

Weitere Personen sind Alf Bergan, ein Spaßvogel, der wohl auch verantwortlich für den Postkarten-Streich mit Breen sein könnte. Bob Doran, Wirtshausbesitzer, Trinker, feiert sein Saufgelage in Kiernans Pub. Weiterhin der bereits erwähnte Denis Breen, Ehemann von Josie, gilt als nicht ganz bei Verstand.

J.J. Jack O’Molloy: junger Anwalt, dessen Praxis schlecht läuft: Beispiel für gescheitertes Dubliner Talent, verarmt. Bloom schätzt ihn aber. Ned Lambert: Saatguthändler, arbeitet im Getreidespeicher in Marys Abbey, trägt elegante Anzüge.

John Wyse Nolan: Dieser stimmt in Vielem mit dem ‚Bürger‘ überein, ist aber weniger extrem, verbreitet mit die Gerüchte über Bloom. Matt Lenehan kennen wir bereits als unsymphatischen Witzeklopper. Kellner in Barney Kiernans Pub ist Terence ‚Terry‘ O’Ryan.

Bloom trifft sich im Pub mit Martin Cunningham und begleitet diesen anschließend zu Digmans Witwe. Cunnigham ist einflussreich, intelligent, scharfsinnig und sehr gläubig. Er hat ein „Gesicht wie Shakespeare“. Seine Frau ist Trinkerin; sie versetzt jeden Samstag alle Hausmöbel an ein Leihhaus, jeden Montag richtet er das Haus neu ein: „Leben eines Verdammten“

Und da sind dann noch als Randfiguren Jack Power und Mr. Crofton im Pub anwesend.

Anmerkungen zu diesem 12. Kapitel

Auch zu diesem Kapitel hier einige Anmerkungen und Erklärungen, die vielleicht helfen, mehr Verständnis für den Text zu erlangen. Natürlich bin ich mir nicht sicher, immer ‚das Richtige‘ gefunden zu haben. Für Korrekturen und weitere Anregungen bin ich dankbar:

S. 404: D.M.P. [Dublin Metropolitan Police]
Gannef [jidd. Ganove]
S. 405: Ponem [jidd. Gesicht]
S. 406: Temperenzler [Abstinenzler-Bewegung]
S. 407: Sykomore [Maulbeerfeige]
O’Connell Fitzsimon [adlige Familie]
pomelliert [? Wohl bezogen auf Farbe und Muster]
S. 408: achatne [achat-farbend (Halbedelstein)]
S. 409: Rory of he Hill(s) [irisches Gedicht/Lied]
Ditto MacAnaspey [‚Sohn eines Bischofs‘ – i.S.v. ‚wieder dasselbe‘ – irischer Spruch]
a chara [lieber (Freund)]
S. 411: u.a. Arrah na Pogue [Buchtitel]
Balor mit dem Bösen Blick [einäugiger Riese – König]
S. 412: subsidienstark [Hilfe leistend]
S. 413: Martin Murphy [Geschäftsmann, ‚wichtiger‘ Kapitalist Irlands, Einfluss auf Presse – Mitglied des Unterhauses und der Bantry-Bande -> Abgeordnete aus Bantry Bay]
S. 414: Bi i dho husht [Irischismus: Sei still]
Bungiveagh und Bungardilaun [Bung -> Stöpsel im Bierfass / Lord Ardilaun und Bruder Iveagh -> Sir Guiness -> Mitglieder des brit. Unterhauses -> Guinness Brauerei]
S. 415: Teston [frz. Silbermünze]
S. 416: Jau [im O. Ay]
von den Socken … [im O. flabbergasted]
S. 517: jivische Strahlung [magnetische Aura – sanskrit: Jiva -> das individuelle Selbst/Seele]
prālāyā [sanskrit: Untergang, Zerstörung]
atmische Entwicklung [sanskrit: Atman -> Atem/Seele]
tālāfānā, ālāvātār, hātākāldā, wātāklāsāt [Wortspiel mit theosophischen Begriffen (sanskrt): Telefon – Aufzug (elevator) – heißer Kessel (hot kettle) – Wasserklosett]
Māyā [sanskrit: Zauberkraft/Schöpferkraft]
devanische Kreise [Devanadi -> Götterfluss]
S. 418: Banba [Königin der irischen Mythologie]
S. 419: Christ M’Keown [Jesus Christus]
S. 421: Erebos [griech. Gott der Finsternis -> Unterwelt]
S. 422: Professor Luitpold Blumenduft [wie im O.]
Ganglie [‚Überbein‘]
Corpora cavernosa [Schwellkörper]
in articulo mortis per diminutionem capitis [im Moment des Todes durch Verkleinerung des Kopfes]
Siebenundsechzig [irischer Aufstand von 1867]
Achtundneunzig [1798 irische Rebellion]
S. 423: Jacob’s-Büchse [Biskuit – gibt es heute noch]
Brüder Sheares [Henry und John Sh. U.a. 1798 Anführer der ‚United Irish Rebellion‘]
Tommy-Moore [Schriftsteller]
Sara Curran [große Liebe des R. Emmet, hingerichtet]
Bézigne [Kartenspiel]
Wampum [indianische Perlenkette]
S. 424: Sinn Fein … amhain! [Wir selbst allein!]
S. 425: Speranza [it. Hoffnung]
Freunde Grün-Erins [im O.: Friends of the Emerald Isle -> poetische Name für Irland, weiter als F.G.E.]
S. 426: Leopold Rudolph von Schwanzenbad-Hodenthaler usw. [wie im O.]
Siebzehnten des Monats [17.03. gilt als Todestag – St.-Patrick‘s-Day]
S. 427: Gladiolus Cruentus [blutrote Gladiole]
Rumbold [s.S. 420: Barbiermeister, Absender des dortigen Schreibens]
Eunuch Catalani [evtl. it. Komponist]
S. 429: nec … [noch]
Hurling-Spiel [Ballspiel mit Schlägern]
S. 430: fiancée [Verlobte]
Generalprofoß [für Strafverfolgung zuständiger Militärbeamter]
Sepoy [eingeborener Soldat des englischen Heeres in Indien]
Entourage [Gefolge]
S. 431: Ballyhooly [kleines Dorf in Cork]
S. 432: pro bono publico [für das öffentliche Wohl]
kynanthropisch [Hund-Mensch – Mensch, der denkt, ein Hund zu sein – Folklore: Wechsel zwischen Hund und Mensch]
sobriquet [Spitzname]
deluzidieren [‚ent-leuchten‘ – unverständlich machen]
ranns [irischer Vierzeiler]
Pseudonym Klein Süßzweig [Douglas Hyde, Gelehrter der irischen Sprache]
Raftery [Anthony R., blinder Dichter]
S. 433: isosyllabisch [gleich viele Silben besitzend]
englyn [englisch]
S. 434: Zession [Übertragung einer Forderung in das Vermögen anderer]
Hundsfotterei [im O. lottery robbery]
S. 436: Slan leat [wörtlich: ‚Sicher bei dir!‘ – irische Art von ‚Auf Wiedersehen!‘]
S. 437: Jopas [Barde am Hof von Dido (Königin von Karthago)]
Joe Cuffe [Cuffe = Manschette]
S. 438: Sluagh na h-Eireann [Schluck von Irland]
Mr. Cowe Conacre usw. [siehe: https://hansard.parliament.uk/]
S. 439: na bacleis [Kümmere dich nicht darum]
Auspizien [Vorbedeutung, Aussichten]
Sraid na Bretaine Bheag [‚Little Britain Street‘]
S. 441: … L.L.D. [evtl. Doctor of Law]
S. 442: Alf. Heenan- Sayers [WM-Kampf – 2 ½ Stunden über 42 Runden – April 1860]
Queensberry-Regeln [Basisregeln des Boxsports – 1. Boxhandschuhe – 2. Zählen bis 10 – 3. Runde a 3 Minuten]
S. 443: Eblaniten [Mineral?]
S. 444: Calpes felsiger Berg [Fels bei der span. Stadt Calp – steht f. den Felsen von Gibraltar]
S. 445: compos mentis [zurechnungsfähig]
S. 446: Schlappschwanz [im O. Pishoque – eigentl. Aberglaube und Hurerei]
Dolus [Arglist, böser Vorsatz]
S. 448: Sintemalen [weil, da]
ochsenäugige Göttin [Hera, Gattin und Schwester von Zeus]
Falconer [Falkner]
Recht … brehonischer Art [altirische Zivilrechtsprechung]
Synhedrium [‚hoher Rat‘ – griech. Ratsversammlung]
Stämme von Jar [altirisch]
S. 449: Fremdlinge [Engländer]
S. 450: … und ihr Buhle [König Heinrich II. im 12. Jh.]
Offizier Taylor [Polizeioffizier]
Bloomer [Frauenunterhose]
S. 451: Tholsel [traditioneller Name für Gemeindegebäude]
Gäl [im O. Gael – irischer Kelte]
Patois [Dialekt der frz. Sprache]
cabinet d’aisance [Toilette]
S. 452: Conspuez les Anglais! [Verschwöre die Engländer]
Medher [Trinkgefäß]
Lamh Dearg Abu [‚Rote Hand‘ Kommando – rote Hand im Wappen von Ulster – unionistische, paramilitärische Organisation]
Flugblatt [im O. Throwaway – Pferdename beim Pferderennen]
Mütterchen Bret geht zum Küchenbüfett [im O. Old Mother Hubbard went tot he cupboard]
S. 453: Juvenal [röm. Dichter, 1./2. Jh.]
Giraldus Cambrensis [Historiker aus Wales, 12./13. Jh.]
Barrow und Shannon [Flüsse]
S. 454: merzerisiert [reißfester gemacht]
S. 455: Toquen [Damenhut]
in Horto [im Garten]
drei Kronen … drei Söhne des Milesius [Kronen sind gelb – nach irischer Tradition waren die alten Könige von Irland nachkommen von König Milesius von Spanien]
S. 456: Shanagolden [kleines Dorf in Limerick]
Molly Maguires [geheimer, irischer Bergarbeiterbund]
exmittiert [zwangsgeräumt]
Deadwood Dicks [fiktive Figur aus Groschenroman]
S. 457: Peng uff die Latte [im O. A rump and dozen – Hinterteil und Dutzend]
Sir John Beresford [Admiral, 11. Jh.]
S. 458: im schwarzen Jahr 47 [Black 1847 – Hungersnot durch Missernte]
Granuaile [irische Piratin, 16. Jh.]
Kathleen ni Houlihan [mythische Symbolfigur u.a. Stück von W.B. Yeats]
Seit die arme Frau uns erzählte … [in den 1790er Jahren suchten die Iren bei ihrem Aufstand französische Unterstützung – hier: Zeile aus einem Lied]
Killala [irische Ortschaft]
Wir haben unser bestes Blut hergegeben für Frankreich und Spanien, die wilden Gänse [irisch-katholische Kämpfer, ausgebürgert und für Fr. und Sp. kämpfend – 17./18. Jh.]
S. 459: Entente cordiale [‘herzliches Einverständnis‘, Bündnis von 1904]
Conspuez les Français [vergl. S. 452 – Verschwöre d. Franzosen]
Die olle Vic [Königin Viktoria, gestorben 1901]
Edward den Friedensstifter [Edward VII., gestorben 1910]
Pox [Pocken]
S. 461: Manus Tomaltach og MacDonogh [Verfasser mittelirischer Texte, 14. Jh.]
Buch von Ballymore [Zusammenstellung alter Werke der Antike, u.a. Leben des heiligen Patrick]
emunktorisches Feld [Organ, das Abfallstoffe des Körpers entfernt/transportiert]
Sligo [irische Grafschaft]
Barmakiden [iranische Familie von Staatsfunktionären]
Herzog von Wellington [1769 in Dublin geboren]
S. 462: Inkrustierung [Verzierung, auch Krustenbildung]
gehöre ich auch noch einer Rasse an [Bloom ist Sohn ungarischer Juden]
neues Jerusalem [Zionismus]
.. ob Martin da ist [gemeint ist Cunningham]
S. 463: in braunen Macintosh [Regenmantel]
Prost Neujahr [im O. More power]
Cromwell [bezieht sich auf das blutige Massaker 1649]
S. 464: Alaki von Abeakuta [Alake = Oberhaupt – in Nigeria]
Usquebaugh [Whiskey – uisge -> Wasser – beatha -> Leben – also: Lebenswasser]
S. 465: Griffith [Arthur G., Sinn-Fein-Gründer]
Shanganagh [Burgruine bei Dublin]
Casement [Roger C., Diplomat -> Aufklärung der Gräueltaten im Kongo, später irischer Nationalist]
Kafir [jemand, der nicht dem islamischen Glauben angehört]
Wo geht’s hier eigentlich nach St. Privat? [im O. Show us the entrance out -> Toilette]
S. 467: wie Lanty MacHale seine Ziege [Redensart, auch mit dog = Hund]
S. 468: Allegationen [Verweis auf eine Schriftstelle]
S. 469: Junius [evtl. Pseudonym – Verfasser satirischer Texte]
Virag [ungarisch -> Bloom – englischsprachige Annäherung]
En ventre sa mère [im Bauch der Mutter]
S. 470: Ahasver [der ‚ewige Jude‘]
Ballykinlar [Ort im Norden Irlands]
Akoluth [Laie -> Verrichtung der Messe]
Benedikt von Spoleto [Einsiedler, 5./6. Jh.]
S. 471: … St. Laurence O’Toole [Erzbischof von Dublin, 12. Jh.]
S. 472: Nimben [Nimbus – Ruhmes-, Heiligenschein]
Introitus [Eingangsgesang im Wechselgesang]
Epiphania Domini [Erscheinung des Herrn]
Surge, illuminare [Erhebe dich, werde erleuchtet]
Omnes [… alle]
Saba venient [Sie werden aus Saba kommen]
S. 473: Adiutorium nostrum in nomine Domini.
— Qui fecit coelum et terram.
— Dominus vobiscum.
— Et cum spiritu tuo.

[Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn.
Wer hat Himmel und Erde gemacht
Der Herr sei mit dir.
– Und mit deinem Geist.]
Deus, cuius verbo sanctificantur omnia, benedictionem tuam effunde super creaturas istas: et praesta ut quisquis eis secundum legem et voluntatem Tuam cum gratiarum actione usus fuerit per invocationem sanctissimi nominis Tui corporis sanitatem et animae tutelam Te auctore percipiat per Christum Dominum nostrum [O Gott, durch dessen Wort alle Dinge geheiligt sind, gieße deinen Segen über diese Geschöpfe aus und gib, dass jeder, der sie nach deinem Gesetz und deinem Willen mit Danksagung gebrauchen wird, durch die Anrufung deines heiligsten Namens dich durch Christus empfange die Hilfe unseres Herrn für die Gesundheit und den Schutz Ihres Körpers und Ihrer Seele.]
John Jameson [irischer Whiskey]
S. 475: Ihr Stall ist offen [im O. Your fly ist open]
S. 476: Nagyaságos uram Lipóti Virag [ungarisch: Großer Herr L.V. (Leopold Bloom)]
Százharminczbrojúgulyas-Dugulas [Kalbsgulasch-Verstopfung]
agus [und]
mastodontisch [mammutartig]
S. 477: Ballast Office [Gebäude mit Reederei-Firmen]
Custom House [ursprüngliches Zollamt]
Visszontlátásra, kedvès baráton! [ungarisch: Auf Wiedersehen, lieber Freund]
Matthäi [24. Februar]
Erdbeben von 1534 [im Juli, Epizentrum in Nord-Wales]
S. 478: missa pro defunctis [Messe für die Toten]
débris [Trümmer]
S. 480: Abba! Adonai! [Vater, dir zur Ehre!]

In deutscher Sprache gibt es zwei Übersetzungen, zunächst die vom Verfasser, also James Joyce, autorisierte Übersetzung von Georg Goyert (1927) – dann die 1975 erschienene Neuübersetzung von Hans Wollschläger, auf die ich mich hier beziehe (ich habe die einmalige Sonderausgabe aus dem Jahr 1979 – 1. Auflage – Suhrkamp Verlag)

siehe auch: Abenteuer Ulysses von James Joyce (01): Vorgeplänkel
Abenteuer Ulysses von James Joyce (02): 1. Kapitel – Telemachos [Telemachie]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (03): 2. Kapitel – Nestor [Telemachie]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (04): 3. Kapitel – Proteus [Telemachie]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (05): 4. Kapitel – Kalypso [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (06): 5. Kapitel – Lotophagen [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (07): 6. Kapitel – Hades [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (08): 7. Kapitel – Äolus [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (09): 8. Kapitel – Lästrygonen [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (10): 9. Kapitel – Scylla & Charybdis [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (11): 10. Kapitel – Symplegaden (Irrfelsen) [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (12): 11. Kapitel – Sirenen [Odyssee]

Kafka 2024: Kafka – die Miniserie (ARD)

Am 3. Juni 1924, also vor 100 Jahren, starb der Prager Schriftsteller Franz Kafka. Er gilt als der bedeutendste Literat deutscher Sprache des 20. Jahrhunderts. Dabei war er im eigentlichen Sinne kein Schriftsteller. Zu Lebzeiten veröffentlichte er nur wenige Erzählungen, die gerade 350 Seiten ausmachen. Und sein Freund Max Brod sollte auf seinem Wunsch hin alles andere nach seinem viel zu frühen Tod vernichten. Was dieser aber nicht Tat, sondern für die Nachwelt rettete.

2024 wird also ein Kafka-Jahr. Und die ARD legt gleich die Latte sehr hoch, denn die in Österreich produzierte sechsteilige Miniserie: Kafka – Grundlage ist die über 2500 Seite starke Biografie von Reiner Stach (in vier dicken Bänden) [amazon] – ist eine „gelungene Symbiose aus Literatur und Fernsehen: Die Serie „Kafka“ (NDR, WDR, SWR, BR, MDR, RBB, HR, SR, RB, ORF / Superfilm) ist ein herausragendes Beispiel für biografisches Erzählen über eine historische Figur. Eine kenntnis- und lehrreiche, zugleich unterhaltsame und fantasievoll inszenierte Reise durch Leben und Literatur des deutsch-tschechischen Schriftstellers Franz Kafka, der am 3. Juni 1924 im Alter von 40 Jahren starb. Daniel Kehlmann (Drehbuch) und David Schalko (Regie) nähern sich seinem Charakter aus unterschiedlichen Perspektiven in sechs, jeweils unterschiedlich akzentuierten Episoden an. Wunderbar kauzig und verletzlich: Joel Basman in der Titelrolle. Kafkas Biografie und seine eigentümlichen Geschichten werden auch dank der eindrucksvollen Szenenbilder und der Bildgestaltung lebendig. „Kafka“ ist ein erstklassig besetztes (Kross, Ofczarek, Fries, Friedel – oder Altenberger, Eidinger, Hübner in Kleinstrollen), öffentlich-rechtliches Vorzeigeprojekt zur Zeitgeschichte – und weit mehr als ein Vergnügen nur für Literaturkenner.“ (Quelle: tittelbach.de)

Kafka verwandelt sich zu ‚Willi‘
Kafka verwandelt sich zu ‚Willi‘

Heute Abend gibt es die ersten drei Folgen ab 20 Uhr 15 in der ARD. Morgen folgen die drei weiteren Folgen. Natürlich ist die Serie auch in der ARD-Mediathek jeder Zeit aufrufbar (bis zum 20.03.2025 verfügbar).

„Kafka ist ein Kontinent, den man nie zu Ende kartographieren wird. Er schreibt nicht; er öffnet Türen in eine Welt, die uns ohne ihn verschlossen bleiben würden. Niemand hat eine so originäre Literatur geschaffen wie er. Es gibt nichts Vergleichbares davor. Nur die Echos danach.“ (David Schalko, Regisseur der Serie)

… eine Zeile gegen mich … wie man die Fernrohre … richtet!
… eine Zeile gegen mich … wie man die Fernrohre … richtet!

Weitere Beiträge zu Franz Kafka in willizblog.de

Abenteuer Ulysses von James Joyce (12): 11. Kapitel – Sirenen [Odyssee]

Heute nun das 11. Kapitel (von 18 – wobei ich gerade 40 % des gesamten Romans ‚geschafft‘ habe) des Ulysses von James Joyce.

Inhalt des 11. Kapitels:

Szene Konzerthalle des Hotels Ormond • Uhrzeit 16 Uhr

Wen der Gesang der Sirenen an ihre Gestade lockt, dessen Schiff zerschellt. Odysseus kann ihnen nur am Mast festgebunden widerstehen, während er seinen Gefährten die Ohren verstopft. Als Prolog montiert Joyce einen klangpoetisch verdichteten Text aus den Sätzen, Motiven und Geräuschwörtern des Kapitels. Die Sirenen selbst personifizieren die Bardamen Miss Kennedy und Miss Douce des Ormond Hotels. Bloom sieht zufälligerweise zum dritten Mal auf der Straße Boylan, dem er in die Hotelbar folgt. Boylan ist eigentlich auf 16 Uhr mit Molly verabredet. Er und Lenehan lassen sich aber auf einen Flirt mit den beiden Damen ein und können Miss Douce sogar überreden, ihr Strumpfband gegen die Schenkel klatschen zu lassen. Boylan hat es beim Blick auf die Uhr eilig und geht – zu Molly. Bloom weiß das, bleibt zurück, sitzt neben Richie Goulding, dem Onkel Stephens, und schreibt Martha Clifford einen Brief, bevor er die Bar verlässt. Musik ist die Kunst dieses Kapitels. Von und über Musik wird geredet und erzählt, aber hier spielt auch Pater Cowley Klavier, Simon Dedalus singt virtuos die Arie „M’appari“ aus Flotows „Martha“ und Ben Dollard den irische Traditional „The Croppy Boy“. Die Lieder handeln von unglücklicher Liebe und einem von den Briten erhängten Bauernjungen.

Bloom speist mit Stephens Onkel Richie Goulding im Ormond-Hotel, während Blazes Boylan, der gerade auf dem Weg zu Molly ist, vorbeigeht. Blooms Gedanken sind von seiner Eifersucht geprägt, weshalb er seine Umwelt und auch die Reize der Bardamen Miss Douce und Miss Kennedys nur bedingt wahrnimmt.

In diesem Kapitel steht die Musik im Vorder- und Hintergrund: In der Bar wird gesungen, die Herren verlangen von den Bardamen, sie mögen „sonner la cloche“ – „die Glocke ertönen lassen“ – eine der Damen tut ihnen den Gefallen und lässt ihren Strumpfhalter auf den Oberschenkel schnalzen. Die Figuren sprechen über musikalische Themen – der Tratsch über Molly bezieht sich hier vornehmlich auf ihre Tätigkeit als Sängerin –, Lied- und Melodiefetzen scheinen in ihrem Bewusstsein auf. Die Struktur des Kapitels ist musikalisch geformt: So kann man die ersten Seiten als Ouvertüre bezeichnen, denn hier werden eine Reihe von – dem Leser zunächst unverständlichen – Sätzen exponiert, die erst im weiteren Verlauf ausgeführt werden und somit ihren Sinn im Handlungsgefüge erhalten, dann wiederholt und variiert werden. Der erste „Satz“ lautet zum Beispiel „Bronze bei Gold hörte die Hufeisen, stahlklingend.“ Zwei Seiten später wird er sinnhaft erweitert: „Bronze bei Gold, Miss Douces Kopf neben Miss Kennedys Kopf über der Kreuzblende der Ormond-Bar, hörte die vizeköniglichen Hufe vorüberklappern, klingenden Stahl.“ – was gegen Ende bruchstückhaft wieder aufgegriffen wird: „Nah Bronze von nah, nah Gold von fern“.

Die Sprache selbst ist rhythmisch. Teilweise imitiert sie den Rhythmus bestimmter Lieder. Dies ist als weiterer Versuch Blooms, den Gedanken an Mollys Ehebruch durch Erinnern oder Summen bestimmter Melodien zu verdrängen, interpretierbar. Dabei verwendet Joyce nicht nur musikalische Fachbegriffe („Eine Duodene von Vögeltönen zwitscherte hell diskantene Antwort“), sondern setzt auch musikalische Zeichen ein, wie das Wiederholungszeichen „:“, das auf Blooms kreisende Gedanken hinweist. Verschiedene Geräusche werden lautmalerisch dargestellt („Tapp. Tapp. Ein Jüngling, blind, mit tappendem Stock, kam tapptapptappend an Dalys Fenster vorbei“).

Die Personen und ihr Handeln werden vom Erzähler mit Begriffen und zahlreichen Zitaten aus musikalischen Werken beschrieben, wobei das Spektrum (meist irische) Volkslieder bis große Bühnenwerke wie Mozarts Don Giovanni umfasst. Unter anderem werden Meyerbeer, Händel, Mozart, Verdi, Offenbach, Donizetti und Bellini zitiert. Insgesamt sind Anspielungen auf über 150 musikalische Werke entdeckt worden.

Die titelgebenden Sirenen werden durch die Bardamen (hinter einem „Thekenriff“) repräsentiert, deren Verführungskünsten Bloom wie seinerzeit Odysseus ohne Gefahr gegenübertreten kann.

Die Erzählstruktur des Textes nutzt musikalische Techniken wie Fuge und Kanon, mit denen Joyce Handlung und Figuren in Szene setzt.
(Quellen: swr.de/swr2/hoerspiel & de.wikipedia.org)

Oh, oh, die Jungs von Kilkenny ... (Kapitel 3 – S. 63)
Oh, oh, die Jungs von Kilkenny … (Kapitel 3 – S. 63)
James Joyce: Ulysses (in dt. Übersetzung von Hans Wollschläger) / Penelope (The Last Chapter of ) / Flasche Kilkenny – Irish Red Ale / Fritz Janschka: Ulysses-Alphabet mit signierter Originalgraphik: Harenbergs Joyce

Personen des 11. Kapitels

Leopold Bloom, die Hauptfigur dieses Romans, tritt also wieder auf. Bloom ist der „moderner Held“ und als Kontrast zu dem homerischen Helden Odysseus zu verstehen. Er hat die Rolle eines Außenseiters, die sich vor allem darin spiegelt, dass er als Jude im katholischen Dublin lebt und dort einem antisemitischen Klima ausgeliefert ist.

Da sind die beiden Damen: ‚Bronze‘ Lydia Douce. bronzehaarige Bardame im Ormond Hotel, auf Boylan scharf, schamlos: Parallele zur Sirene, die sich ins Meer warf, nachdem der Versuch scheiterte, Odysseus zu betören – und ‚Gold‘ Mina Kennedy, die Goldhaarige.

Boylan, Hugh „Blazes“ Boylan kennen wir bereits als Freier um Molly/Penelope und Antagonisten von Bloom/Ulysses. Er ist Tournee-Manager und Sänger, sexueller Eroberer, Molly stört seine gefühllose Brutalität.

Matt Lenehan: Witzeklopper, unsymphatisch, einfältig, nervig, aufdringlich, wird meist ignoriert

Bloom trifft sich mit Richie Goulding, Stephen Dedalus‘ Onkel, Bruder von Stephens Mutter Mary, Rechtsanwalt, klägliche Figur, will für Bloom ein Auge auf Boylan haben, täglich Pillen gegen Rückenschmerzen, infolge alkoholischer Exzesse in der Jugend.

Musikalisch begegnen wir klavierspielend Pater Bob Cowley, einem korrupter Priester – Simon Dedalus, dem Vater von Stephen, Dilly, Maggy und Boody; einst erfolgreich, dann abgestürzter
Alkoholiker, angesehener Lebemann, gesellig, in Selbstmitleid und Trauer um seine gestorbene Frau Mary, vertrinkt alles Geld und lässt seine Töchter hungern, schimpft über Stephens Lebensstil als Künstler – sowie Benjamin „Big Ben“ Dollard, Bass-Bariton, Molly glaubt, seine tolle Stimme verdanke er seiner Körpergröße.

Anmerkungen zu diesem 11. Kapitel

Auch zu diesem Kapitel hier einige Anmerkungen und Erklärungen, die vielleicht helfen, mehr Verständnis für den Text zu erlangen. Natürlich bin ich mir nicht sicher, immer ‚das Richtige‘ gefunden zu haben. Für Korrekturen und weitere Anregungen bin ich dankbar:

S. 355: Idolores [Kofferwort]
‚Die hellen Sterne blassen … Bricht der Morgen an.‘ [Liedertext von John L. Hatton]
Sonnez [läuten]
La Cloche! [die Glocken]
Bloo. [wie im Original]
S. 356: Kock [Paul de Kock, frz. Romanschriftsteller]
Naminedamine. Alles dahin. Alle gefallen. [Text aus ‚The Croppy Boy‘, einer melodramatischen Ballade aus den 1840er Jahren über den Aufstand von 1798]
Pwii! …wii. [im Original: Pwee … wee.]
Lid Ker Cow De und Doll [wie im Original … and …]
S. 357: eau de Nil [Wasser des Nils = blasses Grün]
Blooder [im O. Bloowho – zu Bloom]
S. 358: beau [Schönling]
S. 359: Borax [Mineral, borsaures Natron]
Valet [Tschüss]
S. 360: Bloodessen [im O. Bloowhose]
Aaron Figatner [wohl jüdischer Juwelier]
S. 362: Cantrell & Cochrane [Ginger Ale]
S. 363: Solmisationsfabel [Art Noten im Mittelalter]
S. 364: en ville [in der Stadt]
Sur mer [auf See]
S 365: Koinzidenz [Zusammenfallen zweier Ereignisse]
S. 365 f.: Bloo läch mach ra. Chmittag. [im O. Bloo smi qui go. Ternoon]
S. 366: Duodene [12-Töne-Gruppe]
S. 367: Streck [Dehnung]
S. 368: … Goulding, Collis, Ward … [Rechtsanwaltspraxis – ironische Auflistung]
S. 370: Hat man ‘n Ständer gekriegt oder was? [im O. Gott he horn or what!]
Hitzerefraktor [eigentlich: Fernglas]
S. 371: Collard-Flügel [eigentlich: ‚Collard & Collard‘ – zwei Brüder]
S. 373: Drumcondra [Stadtteil von Dublin]
S. 374: Trommelfell … Häutchen [im O. tympanum … membrane]
Amoroso ma non troppo [verliebt, aber nicht zu sehr – ]
S. 375: Ben Howth [Ben of h. – hügeliges Gebiet bei Dublin]
S. 376: M’appari tutt’amor: Il mio sguardo l’incontr… [Sie erschien mir, reinste Liebe, ich entdeckte mit meinen Augendiesen Anblick der Freude]
Sonnambula [Oper von Bellini: Die Nachtwanderin]
Joe Maas [engl. Tenor, verstorben 1886]
S. 377: M’Guckin [Barton M’G., irischer Tenor, verstorben 1913]
Vartry-Wasser [Wasserreservoir südl. von Dublin]
Banshee [‚Frau aus den Hügeln‘, irisch = weiblicher Geist aus der Anderswelt]
Eine Tross [im O. thrush, Soor = Hefepilz]
S. 379: Hackbrett [im O. dulcimer – Musikinstrument]
Schockweise [60 Stück]
Da kann einen glatt ja. [im O. My head it simply (whirls) – Mein Kopf dreht sich einfach]
Glatt ja der Schwündel. [im O. your head it simple swurls (statt: swirls)]
S. 380: Cachous [mildes Kräuterbonbon mit Lakritzstückchen]
Ausgeleiert [im O. wore out]
Jenny-Lind-Suppe [nach Sängerin benannt, nachfolgend die Zutaten]
Martha [Geleibte Blooms, s. S. 101]
Lionels Lied [‚The Troppy Boy‘, irische Ballade, s.o., Liebe zwischen Martha und Lionel]
Ga [im O. pres]
S. 381: Siedolores [im O. Shedolores – she im Gegensatz zu I (sie … ich)]
S. 382: Irradiation [optische Täuschung]
Siopold! (Kofferwort: Simon – Leopold]
Theobald Matthew [irischer kath. Geistlicher -> Alkoholabstinenz]
Ihr welligwalligwilligwelwelwellig Haar ent k: ‘mmt. [im O. Her wavyavyeavyheavyeavyevyevy hair un comb:’d.]
S. 386: Fawcett [u.U. brit. Forschungsreisender, verschollen]
Freeman-Stab [Tageszeitung Dublins – Taktstock = im O. baton] -> Blooms zusammengerollte Zeitung
E’s griechisch [Epsilon (Majuskel Ε, Minuskel ε oder ϵ)]
Bloo mur [wie im O.: zu murmur = murmelt]
S. 387: Agendath [zionistische Pflanzergesellschaft]
S. 388: Henry [gemeint ist Bloom, s.S. 101]
Titbit [brit. Wochenmagazin]
Matcham [Matchum’s masterstroke (Geniestreich) – preisgekrönter Artikel in ‚Titbit‘ von Philip Beaufoy]
U.p.: up. [Postkarte an Josie Breen: UP -> soll bedeuten: Ihr Mann Dennis ist am Ende (psychische Erkrankung)]
Gerards Rosengarten [Pub]
S. 389: Pat. [Name der Bedienung]
mitraisiert [engl. mitred = auf Gehrung (schräger Zuschnitt) geschnitten]
S. 390: Yaschmak [Schleier]
Diskant [u.a. rechte Hälfte der Klaviatur]
S. 391: in quis est homo [Wer ist der Mann/Mensch]
Mercadente [it. Komponist]
Qui sdegno [… non s’accende = etwa: Hier leuchtet Verachtung nicht auf – Gesangsstück]
The Croppy Boy [1840 – Ballade über die Rebellion von 1798 gegen England]
S. 392: Falliert [in Konkurs gehen]
Der Priester war daheim … [Text aus ‚The Croppy Boy‘]
S. 393: … Jüngling hatt‘ eine einsame Halle … [Text aus ‚The Croppy Boy‘]
Seine Sünden … [Text aus ‚The Croppy Boy‘]
S. 394: Spinoza [niederl. Philosoph -> Ethik]
Beim Sturm auf Ross … [Text aus ‚The Croppy Boy‘]
S. 395: Von Schnuckiputzis allerliebstem Katerchen [im O. From Chickabiddy’s own Mumpsypum]
S. 396: apoplektisch [zu Schlaganfall neigend]
Mit heiser roher Wut … [Text aus ‚The Croppy Boy‘]
An den glatten vorstehenden Bierzapfhahn … [hier wird’s pornografisch … 😊]
S. 398: Lablache [it. Opernsänger/Bass]
Cachuchate [zu span. Solotanz]
S. 399: Die letzte Sommerrose [trad. Irisches Lied]
Demisemitriller [halb-halb – (in der Nähe von …)]
S. 400: Die Herren Beutel und Schneider [im O. Messrs. Pick and Pocket]
S. 401: da capo [‚vom Beginn‘ – Wiederholung]
S. 402: Stista. Siesah. [im o: Heehaw. Shesaw.]
Unschlitt [Talg]

In deutscher Sprache gibt es zwei Übersetzungen, zunächst die vom Verfasser, also James Joyce, autorisierte Übersetzung von Georg Goyert (1927) – dann die 1975 erschienene Neuübersetzung von Hans Wollschläger, auf die ich mich hier beziehe (ich habe die einmalige Sonderausgabe aus dem Jahr 1979 – 1. Auflage – Suhrkamp Verlag)

siehe auch: Abenteuer Ulysses von James Joyce (01): Vorgeplänkel
Abenteuer Ulysses von James Joyce (02): 1. Kapitel – Telemachos [Telemachie]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (03): 2. Kapitel – Nestor [Telemachie]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (04): 3. Kapitel – Proteus [Telemachie]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (05): 4. Kapitel – Kalypso [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (06): 5. Kapitel – Lotophagen [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (07): 6. Kapitel – Hades [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (08): 7. Kapitel – Äolus [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (09): 8. Kapitel – Lästrygonen [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (10): 9. Kapitel – Scylla & Charybdis [Odyssee]
Abenteuer Ulysses von James Joyce (11): 10. Kapitel – Symplegaden (Irrfelsen) [Odyssee]