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Über WilliZ

Wurde geboren (in Berlin-Schöneberg), lebt (nach einem Abstecher nach Pforzheim, längere Zeit in Bremen und Hamburg) in dem Örtchen Tostedt am Rande der Lüneburger Heide - und interessiert sich für Literatur, Musik, Film und Fotografie (sowohl passiv wie aktiv) ... Ach, und gern verreise ich auch!

Kurz und spitz (08): Posaune zum letzten Gericht

    Robbie, weißt du, was wir tun, wenn die Posaune zum letzten Gericht erschallt? Dann tun wir so, als hätten wir nichts gehört.

    Oscar Wildes letzte Worte zu Robert Ross

Kurz und spitz: Posaune zum letzten Gericht
Kurz und spitz: Posaune zum letzten Gericht

Oscar Wildes letzte Worte beziehen sich auf die antike bzw. alttestamentliche endzeitliche Vorstellung von einem das Weltgeschehen abschließenden göttlichen Gericht. Engel blasen die Posaunen des Gerichtes, die die Toten aus den Gräbern rufen: „Er wird seine Engel unter lautem Posaunenschall aussenden und sie werden die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen …“ (Matthäus 24, 31)

Irgendwie musste ich dabei aber auch an Frank Zappas Werk The Grand Wazoo aus dem Jahr 1972 denken, das mit viel Blech- und auch Holzblasinstrumenten (also auch Posaunen) ausgestattet ist. Und auch die Internationale (“Auf zum letzten Gefecht!”) kommt mir da in den Sinn!

BELARUS – Willkür und Terror

Seit nun schon fast vier Monaten gehen die Bürger von Belarus auf die Straße, um gegen den Wahlbetrug bei der Präsidentschaftswahl zu protestieren. Man kann mit Sicherheit sagen, dass die Zahl der Demonstranten während der Wochen kaum abgenommen hat und auch gestern das schlechte Wetter kein Grund war, zu Hause zu bleiben.

Und Lukaschenko und seine Schergen reagieren darauf mit Willkür und Terror. Inzwischen gab bis zu 30.000 Verhaftungen. Die Inhaftierten wurden geschlagen und gedemütigt, viele schwer verletzt. Auch Vergewaltigungen soll es gegeben haben. In viele Wohnungen von ‚Verdächtigen‘ wurde eingebrochen und Gegenstände mutwillig beschädigt.

Und dann gab es den Mord an Roman Bondarenko, der zu Tode geprügelt wurde. Das Drama um Roman Bondarenko, das viele Menschen in Belarus bewegt, geschah in einem Innenhof, ganz in der Nähe seiner Wohnung in Minsk. Dieser Innenhof ist zu einem kleinen Ort des Widerstandes geworden: Menschen hängen dort weiß-rot-weiße Schleifen auf. Nachbarn nennen ihn „Platz des Wandels“. Nach Aussagen der Behörden soll es in diesem Innenhof einen Nachbarschaftsstreit gegeben haben, in den Bondarenko im alkoholisierten Zustand verwickelt gewesen sein soll. Augenzeugen berichten aber, dass der junge Mann dort von maskierten Männern in Zivil angegriffen und geschlagen wurde. Sie gehen davon aus, dass es Sicherheitskräfte waren. Bondarenko habe am Boden gelegen, zwei, drei Männer hätten ihn festgehalten, das zeigen auch Videoaufnahmen. Danach wurde der junge Mann offenbar zu einem Bus getragen und zur Polizeiwache gefahren. Gegen Mitternacht wurde Bondarenko schwer verletzt auf eine Intensivstation gebracht. Aus dem Arztbericht geht hervor, dass er massive Kopf- und Hirnverletzungen hatte. Außerdem Blutergüsse und Wunden im Gesicht und an den Beinen. In seinem Blut wurde allerdings kein Alkohol gefunden: Alkoholgehalt 0,2 ‰! Am nächsten Tag starb er. Inzwischen wurde gegen den Arzt Artsiom Sarokin und die Journalistin Katsyaryna Barysevich ein Strafverfahren wegen Offenlegung eines medizinischen Geheimnisses eingeleitet. Gegen die Täter wird nicht ermittelt!

“Наркаманы і прастытуткі!” – „Drogenabhängige und Prostituierte!“

Ein wesentlicher Teil die stattlichen Propaganda ist die Denunzierung der Protestierenden. Demnach überfielen die Demonstranten die Sicherheitskräfte, griffen diese mit „Molotow-Cocktails“ an, warfen Steine​aus den Fenstern auf sie und rammten die „Bereitschaftspolizei“ mit Autos. So beschreiben die Abteilungszeitung „Na Strazhe“ und die Zeitschrift „Spetsnaz“ die belarussischen Proteste für ihre Leser. Einer der regierungsnahen Telegrammkanäle beschloss, die Demonstranten des Satanismus zu beschuldigen. Er zog Parallelen zwischen dem Siegeszeichen, das zu einem der Symbole friedlicher Proteste in Belarus geworden ist, und dem Baphamet-Teufel-Zeichen.

Lukaschenko – der Teufel vom Dienst
Lukaschenko – der Teufel vom Dienst

Und der Willkür kein Ende: So werden Studenten exmatrikuliert und Uni-Dozenten, sogar Ärzte, entlassen, wenn sie sich nicht ausdrücklich zu Lukaschenko bekennen. Und dieser „habe die Regierung angewiesen, in Kürze konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die Auslandsabschlüsse (sprich Diplome) in Belarus nicht anzuerkennen“. Bisher bezieht sich das wohl nur auf Universitätsabschlüsse aus Polen und Litauen. Außerdem beschlagnahmt die Regierung von Belarus Geld, das auf die Bankkonten der Opfer von Hilfsorganisationen überwiesen wurde. Dies ist eine weitere Form von Menschenrechtsverletzungen, die die Zusammenarbeit des Bankensystems einschließt. Seit dem Abend des 15. November gab es im Protestviertel Novaya Borovaya in der Nähe von Minsk vier Tage lang kein Wasser. Auch die Heizungen wurden abgestellt. Gestern wurde nicht nur das mobile Funknetz heruntergefahren, sondern viele Haushalte hatten keinen Strom mehr, um auch das Internet per Kabel zu unterbinden.

Außerdem sind Änderung zum Gesetz über die Staatsbürgerschaft vorgesehen, die die Staatsbürgerschaft solcher Bürger entziehen soll, die „an terroristischen oder extremistischen Aktivitäten teilnehmen und den Interessen des Landes ernsthaften Schaden zufügen“. Davon sollen allerdings nur eingebürgerte Bürger betroffen sein.

Stalin + Hitler = Lukaschenko
Stalin + Hitler = Lukaschenko

Während eines Arbeitstreffens mit den Polizeichefs der Region Brest sagte der neue Innenminister Iwan Kubrakow, dass „die an den Protesten beteiligten Personen gezielte Präventionsarbeiten durchgeführt werden.“ Darunter verstehe er systematische Schläge, verbale und nonverbale Beleidigungen, Farbspuren, Eintauchen eines Kopfes in eine Toilettenschüssel und anderes.

Auch wenn es nicht zu einem Generalstreik in Belarus gekommen ist, so erfährt die Wirtschaft dort – verstärkt durch die Coronakrise – eine Talfahrt. So gab es bereits finanzielle Hilfen vom großen Bruder Russland. Wie es nun in Belarus weitergeht, ist nach meiner Meinung auch von den Russen, also von Putin, abhängig. Am 13. November gab die russische Seite mehrere Erklärungen ab, die auf eine gewisse Korrektur der russischen Position in Bezug auf die Ereignisse in Belarus hinweisen könnten. Das sagte der Kreml-Sprecher Dmitri Peskow: „Wir unterstützen Alexander Gregorjewitsch [Lukaschenko] nicht, wir unterstützen den legitimen Präsidenten unseres brüderlichen Landes. Und wir unterstützen die Rechtsstaatlichkeit in unserem brüderlichen Land.“ … Die Unzufriedenheit wurde sowohl mit dem Mangel an Verfassungsreformen als auch mit der Gewalt gegen Demonstranten zum Ausdruck gebracht.

„Unser Land hat sich definitiv zu einem Tatort entwickelt. Ich erkläre Alexander Lukaschenko und seine Komplizen zu einer terroristischen Organisation, die für ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden muss “, sagte Swetlana Tichanowskaja in einer Erklärung auf ihrem Telegrammkanal.

Die großen Protestmärsche finden nach wie vor an Sonntagen statt. Die Kundgebung am 22.11.2020 war aufgrund ihrer Dezentralisierung etwas Besonderes: Mehrere kleinere Gruppen versammelten sich in mehreren Teilen von Minsk und marschierten durch ihre Bezirke. Diese Taktik wurde gewählt, nachdem mehrere Wochen hintereinander Polizisten verhindert hatten, dass Menschen zusammenkamen und eine große Kolonne für den Marsch bildeten. Und gestern, am 29.11.2020, bedienten sich die Protestierenden sogar einer Verwirrtaktik: Aus einigen Distrikten von Minsk wurden im Internet zeitversetzte oder ‚gefälschte‘ Videos veröffentlicht, die die Polizei gewissermaßen auf eine falsche Fährte führen sollten. So saßen die Demonstranten bereits in ihren Wohnungen, tranken Tee und schauten aus dem Fenster auf die Sicherheitsbeamten, die kamen, um sie zu zerstreuen.

Quelle: u.a. die Telegram-Kanäle Free Belarus News (englisch) und Euroradio (belarusisch)

Übersetzung belarusischer Texte ins Deutsche
Übersetzung belarusischer Texte ins Deutsche

siehe hierzu auch auf arte.tv: Belarus: Tagebuch einer Revolution – Aktuelles aus Minsk

Kurz und spitz (07): Jogginghose

    Wer Jogginghosen trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.
    Karl Lagerfeld

Kurz und spitz: Jogginghose
Kurz und spitz: Jogginghose

Seit dem ersten Lockdown im Frühjahr wissen die meisten, was „waist-up dressing“ bedeutet. Also: Ab Taille aufwärts bitte ordentlich anziehen, die Bluse oder das Hemd gebügelt. Denn auch in der Videokonferenz ist Seriosität gefragt. Aber weil sich die Kamera nicht bücken kann, geht ab Taille abwärts ganz prima die Jogginghose. Auch ungebügelt. Das ist ziemlich praktisch, weil man in der Mittagspause einfach losjoggen kann, mal eben um den Block. Und es ist vor allem bequem.

Geschätzte 12 Stunden am Tag trage ich Jogginghosen. Natürlich halte ich mich während dieser Zeit im eigenem Haus, höchstens noch draußen im Garten (Laub haken, Müll hinausbringen, eine rauchen) auf. Was soll ich mich da in eine Hose zwängen, die sicherlich um einiges besser aussieht, aber nicht so bequem ist? – Ansonsten stimme ich Herrn Lagerfeld durchaus zu, wenn es darum geht, mit Jogginghose in aller Öffentlichkeit zu erscheinen. Sich so underdressed zu zeigen, zeugt von einer gewissen ‚Sorglosigkeit‘, die schnell als asoziales Verhalten zu deuten ist.

Kurz und spitz (06): THE SYSTEM IS GREAT!

    THE SYSTEM IS GREAT!
    So sagt eine Professorin der City University, eine Schwarze, die in Harlem geboren ist, aber sie hat es geschafft […] – meine Zwischenfrage, ob nicht das Verfahren der amerikanischen Präsidenten-Wahl, zur Zeit von Abraham Lincoln wohl richtig, im Lauf der Geschichte untauglich geworden ist, brauche ich gar nicht zu begründen; die Dame […] sehe ich nur noch von halb-unten, als ich ihre Antwort höre:
    THE SYSTEM IS GREAT.

Kurz und spitz:THE SYSTEM IS GREAT!
Kurz und spitz: THE SYSTEM IS GREAT!

In den Entwürfen zu einem dritten Tagebuch, die Max Frisch in den Jahren 1982/83 verfasste, eine Zeit, in der er öfter die USA besuchte, wo er eine Wohnung hatte, äußert es sich oft kritisch über die Vereinigten Staaten und ihre Menschen. Kein Wunder: Ronald Reagan regierte das Land. Diesem war es gelungen, eine Koalition aus Evangelikalen, Wirtschaftsliberalen (Neoliberalen) und wertkonservativen Wählern zu schmieden. – In diesen Tagen oft diskutiert: Gerade die diesjährige Wahl des US-Präsidenten hat aufgezeigt, wie überholt das Wahlsystem (Mehrheitswahl über Wahlleute) ist.

Max Frisch schreibt weiter:

Im Fernsehen sieht er von Vierteljahr zu Vierteljahr auch älter aus; nicht weiser, sondern stur und verschlissen. Trotz seines gefärbten und strammen Haares. Was hätte dieser so unerschrockene Mann uns zu sagen, wenn er nicht an der Macht wäre […] Ich kann ihn mir sehr nett vorstellen […], hemdsärmelig: A NICE GUY, primitiv, nicht vulgär, ein Mann mit Herz und voll fertiger Sprüche, die jede Dialektik ausschliessen.

Natürlich spricht Frisch von Ronald Reagan. Irgendwie könnte er auch Donald Trump gemeint haben, wenn dieser den meisten auch weniger ’nett‘ vorkommt und seine Sprache oft überaus vulgär ist.

Kurz und spitz (04): Dreck

Manche machen aus Dreck Geld. Okay, es heißt: Scheiße (aus Scheiße Geld)! Dann muss ‚das Material‘ wohl an der richtigen Stelle vorhanden sein. Aber ich will hier etwas anderes sagen: Ich möchte das Wörtchen Dreck einem anderen Wörtchen gegenüberstellen: z.B. Liebe!

Zunächst das: Liebe ist natürlich positiv besetzt. Dreck dagegen negativ. ‚Komischerweise‘ haben in der Bedeutung negativ belegte Wörter meist mehr gleich- bzw. ähnlich bedeutende Begriffe als positive. Mit der Liebe ist das so ein Ding: Eigentlich gibt es nur die Liebe und schon Zuneigung, Hingabe, besonderes Interesse kommen kaum an die Bedeutung des Wortes Liebe heran. Und Gefühl, Herzenswärme, Innigkeit oder Leidenschaft sind nur Interpretationen auf niedriger Stufe.

Kurz und spitz: Dreck
Kurz und spitz: Dreck

Für Dreck gibt es dagegen eine Fülle an Synonymen, vielleicht weil das Wort Dreck auch ziemlich allgemein genutzt wird. Da gibt es Schmutz, Unrat, Unflat, Gerümpel, Kram, Mist, Gelump, Schund, Bodensatz, Abfall, Müll, Fliegendreck, Schlamm, Matsch oder mundartlich Modder (norddeutsch) bzw. Glumpert bzw. Klumpatsch. Das ließe sich ohne Ende fortsetzen.

Vielleicht liegt es daran, dass die Liebe so einzigartig ist, der Dreck aber dafür allgegenwärtig.

November

Er ist zu kalt, er ist zu nass,
Und wird sekündlich nasser.
Die Liebe friert. Hoch lebt der Hass.
In Seelen steht das Wasser.

Der Morgen legt Ganztagesgrau
Auf Freude und Gelächter.
Am Abend sagt die Tagesschau:
„Das Wetter wird noch schlechter.“

Die Blicke leer, die Lage schlimm:
So höllisch ist November.
Jedoch wie himmlisch ist er im
Vergleich mit dem Dezember!

Thomas Gsella: November

Jans Kalenderblatt: November 2006
Jans Kalenderblatt: November 2006 © Jan E. Albin

Ja, der November. Dieser Monat ‚beglückt‘ uns meist mit regnerischem, nasskaltem Wetter, die Tage sind trostlos. Statt Sonne nur dicke Wolken, die kaum Licht durchlassen. Ich nenne dieses Wetter Totensonntagswetter (und am kommenden Sonntag ist ja dann auch soweit). Aber wir wollen nicht klagen: In diesem Jahr zeigt sich der November ab und wann auch von seiner etwas besseren Seite: Manche Tage waren nicht nur milde, sondern auch sonnig. Also eher ein Mischmaschwetter!

Der Mensch erscheint im Holozän – ein Visual Poem nach Max Frisch

Wie der Zufall es so will, sendet 3SAT im Rahmen des Berliner Theatertreffens 2020 das Visual Poem nach Max Frischs Erzählung Der Mensch erscheint im Holozän in einer Aufführung des Schauspielhauses Zürich. Zufall deshalb, weil ich mich in den letzten Tagen mit Theaterstücken von Max Frisch beschäftigt und in diesem Jahr auch weitere Werke von ihm (erneut) gelesen habe (dazu später mehr).

Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän - 1. Auflage
Max Frisch: Der Mensch erscheint im Holozän – 1. Auflage

Alexander Giesche legt mit „Der Mensch erscheint im Holozän“ (verfügbar auf 3SAT bis 12.03.2021) am Schauspielhaus Zürich die erste große Inszenierung zum Thema Klimawandel vor. Er erhielt dafür im Rahmen des Berliner Theatertreffens 2020 den 3sat-Preis.

Schauspielhaus Zürich 2020: Der Mensch erscheint im Holozän – nach Erzählung von Max Frisch
Schauspielhaus Zürich 2020: Der Mensch erscheint im Holozän – nach Erzählung von Max Frisch

„Der Mensch erscheint im Holozän“ von Max Frisch ist eine Erzählung über das Vergessen und Vergehen. Mit dem Verlust des Gedächtnisses verschwindet auch der Mensch, verliert sich und die Kontrolle über das eigene Leben.

Ein Gefühl der Heimat bleibt, die vertraute Umgebung, die Natur, die Berge, der Schnee, wie das Licht ins Tal fällt zu verschiedenen Jahreszeiten. In einem durch ein Unwetter von der Außenwelt abgeschlossenen Bergdorf kämpft Herr Geiser gegen den fortschreitenden Verlust seines Gedächtnisses. Mit Hilfe kleiner Zettel, die er in seinem Haus verteilt, baut er sich eine Wissensdatenbank auf. Die Isolation macht Herrn Geisers zurückgezogenes Leben noch einsamer. Hinzu kommt die Sorge, dass durch den andauernden Regen der ganze Berg ins Rutschen geraten könnte.
Die Erzählung des Schweizer Autors Max Frisch erscheint 1979. Ein lange verkanntes Spätwerk. Der Regisseur Alexander Giesche nimmt den Text als Ausgangspunkt für seine Inszenierung am Schauspielhaus Zürich, die ganz um die Trias Mensch, Natur, Technik kreist. Er folgt dabei nur lose der Erzählung, sie ist vielmehr Stichwortgeber für immer neue Bilder, die dem Verlust, dem Vergessen, dem Abschied eine Form geben.

Eine Schauspielerin und ein Schauspieler berichten fragmentarisch über Herrn Geisers Zustand und den des Tals, mal aus seiner Perspektive, mal als Beobachter. Alexander Giesche nennt seine Werke Visual Poems. Die Inszenierung besteht aus klar voneinander abgegrenzten Bildern. Er lässt Krankenhausbetten und elektrische Rollstühle tanzen, zaubert Hologramme auf die Bühne und lässt einen erstaunlich realistischen Dinosaurier auftreten. Die verschiedenen Elemente und theatralen Mittel stehen dabei gleichberechtigt nebeneinander, sind alle Teil seines Gedichts.

Ein Abend, der scheinbar die Schönheit des Untergangs besingt. Auch die Menschheit wird einmal Geschichte sein oder wie Max Frisch es formuliert hat, „Katastrophen kennt allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophen.“ Aber Alexander Giesche schafft es aus diesem Fatalismus einen Hoffnungsschimmer, ein Gefühl der Wärme herauszuschälen. Das Verhältnis Mensch – Natur bleibt ein angespanntes. Unser schädlicher Einfluss auf den Planeten zeigt sich jeden Tag deutlicher.

Im Anschluss an diese Inszenierung ist Max Frisch mit seiner Dankesrede Die Schweiz als Heimat zur Verleihung des Schillerpreises am 12.01.1974 zu sehen. Hier setzt sich Frisch ebenso eloquent wie kritisch mit der eigenen Herkunft auseinander. Die Rede ist heute so aktuell wie eh und je.

Willis Plaudereien (10): Der übliche Verrat der Hülle am Inhalt

    Seit ein paar Jahren, ungefähr seit Mitte vierzig, fiel mir das auf, na ja, der übliche Verrat der Hülle am Inhalt, graue Haare, Fett, das nicht mehr ablaufen kann, Ohrenhaare, die offenbar mit den Nasenhaaren zu korrespondieren beabsichtigen, aber die sind ja noch ganz lustig, trockene, schuppige Echsenhaut, dann gehen mir die Haupthaare aus, das heißt, ihre Produktionsstätten veröden, werden aufgegeben, jemand Zuständiger ist unentschuldigt weggegangen.

Willi mit Helm in grün (Edelsteinminen Idar-Oberstein Juli 2019)
Willi mit Helm in grün (Edelsteinminen Idar-Oberstein Juli 2019)

Bei Herrn Rubinowitz ist der Zeitpunkt die Mitte der vierziger Jahre, da er erkannt hat, dass es mit der Hülle nicht mehr ganz zum Besten bestellt ist. Ha, junger Mann, komm erst einmal in mein Alter, wenn die Zähne zu wackeln beginnen, die Knochen morsch werden oder die Augen stumpf. Das ist dann längst kein Verrat mehr, das ist Sabotage!

Mr. Trump, verpiss Dich!

Noch weigert sich Donald Trump, seine Niederlage bei der Präsidentschaftswahl anzuerkennen. Doch vor den Gerichten läuft es nicht gut für ihn, denn Beweise legten seine Anwälte für ihre Behauptungen und Vorwürfe der Wahlfälschung bislang nicht vor. Verlieren falle gerade ihm schwer, hat Donald Trump kürzlich eingeräumt. Kein Wunder, wenn er im Krieg gefallene US-Soldaten als ‚Loser‘ bezeichnet. Er selbst ist und war nie ein ‚Verlierer‘. Und wenn es geschäftlich nicht so lief, dann waren andere schuld daran.

Trump – allein im Regen
Trump – allein im Regen

Ein Witz? Trump hat seine Anhänger dazu aufgerufen, Geld zu spenden, damit er gegen den vermeintlichen Wahlbetrug gerichtlich vorgehen kann. Aber das ist KEIN Witz! Wie armselig muss der gute Mann sein.

Sicherlich ist der neue Präsident der USA, Joe Biden, nicht der, den seine Wähler wirklich haben wollten. Aber besser als Trump ist er allemal. Es wird dann aber Zeit, dass die Demokraten einen Kandidaten küren, der das Land endlich in das 21. Jahrhundert führen kann. Vier Jahre haben sie jetzt Zeit.

Vier Jahre hat uns Trump in Atem gehalten. Immerhin hat er keinen 3. Weltkrieg angezettelt – und es ist kaum zu glauben: Seit Eisenhower ist er sogar der erste Präsident, in dessen Amtszeit kein neuer Krieg ausgelöst wurde. Das ist weniger Trumps Verdienst, als vielmehr seinen Beratern und dem Militär zu verdanken, denn z.B. gegen Syrien wollte er Bomber einsetzen.

Trump will nach eigenen Worten bis vor das Oberste Gericht ziehen. Ob er dort Erfolg haben wird, ist trotz der dortigen Mehrheit konservativer Richter fraglich. Er wird das Weiße Haus räumen müssen. Wie das geschieht, wir dürfen gespannt sein.

Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, dass einer der oberen Republikaner Mr. Trump sagt, wie er noch halbwegs würdevoll aus seinem Amt ausscheiden kann. Dass es zum guten Ton dazu gehört, dem Gewinner zu gratulieren, wäre vielleicht ein solcher Ratschlag. Aber Trump ist nun einmal kein Verlierer und wird auf seine Würde scheißen. Da stehen den US-Amerikanern noch einige heiße Wochen bevor. Und neben dem Staatsanwalt, der Trumps diverse Vergehen (Sexueller Missbrauch, Betrug, Steuerhinterziehung) während seiner Amtszeit, in der er Immunität genoss, untersuchen wird, wartet vielleicht auch die Klapsmühle auf ihn.

Good bye, Emma Peel – Good bye, James Bond

Er galt als bester Bond aller Zeiten. Nun ist er letzte Woche – kurze Zeit nach seinem 90. Geburtstag – gestorben: Sean Connery. Erst vor kurzem habe ich einen älteren Film mit ihm (Ransom – die Uhr läuft ab aus 1974) gesehen. Und bereits am 10. September starb im Alter von 82 Jahren Diana Rigg, die ich natürlich aus der Serie der 1960-er Jahre: Mit Schirm, Charme und Melone kenne. Auch von ihr habe ich erst vor kurzer Zeit aus der Serie Doctor Who die Folge 11 der 7. Staffel: The Crimson Horror (Der feuerrote Schrecken) aus dem Jahr 2013 gesehen. Jüngeren Leuten ist Diana Rigg aus der Serie Game of Thrones von der dritten Staffel an als Lady Olenna Tyrell bekannt.

Diana Rigg als Emma Peel / Sean Connery als James Bond
Diana Rigg als Emma Peel / Sean Connery als James Bond

Beide, sowohl Diana Rigg als auch Sean Connery, sind bis zuletzt mit diesen Rollen, Emma Peel und James Bond, identifiziert worden. Aber sie waren natürlich mehr als die Verkörperung dieser Rollen. Diana Rigg war von 1959 bis 1964 Mitglied der Royal Shakespeare Company, seit 1967 arbeitete sie freiberuflich als assoziiertes Mitglied der Company. Von 1971 an war sie Mitglied des National Theatre of Great Britain. Und sie ist aus vielen Filmrollen bekannt. Für mich bleibt sie natürlich jene Emma Peel, die für ihre Zeit ungewöhnlich emanzipiert war. Ich habe mich in diesem Blog öfter schon dazu geäußert: Emma Peel!


Good bye, Emma Peel – Mit Schirm, Charme und Melone

Sean Connery ist durch die Rolle des James Bond weltgerühmt geworden. Aber er wollte mehr sein als jener Bond, James Bond. Und wir kennen ihn aus vielen anderen Rollen, in denen sich der als ärmlichen Verhältnissen stammene Connery zum schottischen Gentleman entwickelte. Schottland, sein Heimatland, war ihm, der wegen seines schottischen Akzents manche Schelte einstecken musste, Herzenssache.


Mein Name ist Connery, Sean Connery – Zum Tod einer Legende